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Dienstag, 16. November 2021

Mein dritter Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, falls Du Dich manchmal fragst, ob Du eigentlich verrückt geworden bist in Deiner Trauer - und ob Du noch richtig bei Verstand bist, weil Du komische Dinge tust...

Lieber mir unbekannter Mensch,

(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist ja umso besser...): Hast Du Dich in jüngster Zeit immer mal wieder gefragt, ob Du noch richtig bei Verstand bist, weil Du in Deiner Trauer auf einmal Dinge tust, die Dir vorher mehr als merkwürdig vorgekommen wären? Also zum Beispiel sowas wie: Mit den Toten zu sprechen. Sich vorwiegend dort aufzuhalten, wo der gestorbene Mensch sich gerne aufgehalten hat. Die Nähe zu dem gestorbenen Menschen zu suchen, zum Beispiel am Grab oder an einem anderen markanten Ort. Die Gegenstände zu befühlen, die von dem gestorbenen Menschen geblieben sind. Sich von diesen Gegenständen, oder auch von der Kleidung des gestorbenen Menschen, einfach nicht trennen zu können. Sich zum Schlafen in das Bett des gestorbenen Menschen zu legen. Die Präsenz eines gestorbenen Menschen zu spüren, auch wenn Du vorher niemals an sowas geglaubt hättest. Manchmal das Gefühl zu haben, dass die Toten Dir irgendwie auf Deine Fragen antworten. Und, und, und... Ich könnte hier noch eine ganze Reihe von Beispielen auflisten, von denen mir Menschen während einer Trauerbegleitung erzählt haben. Aber darum geht es nicht. Der Punkt ist der: 

Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation tun so etwas, tun ganz vieles, was sie sich niemals hätten vorstellen können. Und trotzdem tut es ihnen gut. Dir vielleicht auch? Klar, Du kommst Dir vielleicht komisch dabei vor, jedenfalls ein Teil von Dir, während ein anderer Teil von Dir sich wirklich gut dabei fühlt. Da entsteht vielleicht so eine Art Bruch in Dir drin? Naja, da siehst Du mal wieder, aus wievielen verschiedenen Facetten unser Innenleben zusammengesetzt sein kann. Durchaus auch aus Facetten, die so gar nicht zusammenzupassen scheinen. Das ist wie bei einem Puzzle mit ganz vielen Teilen: Das eine Teilchen ist ganz weit links oben, das andere ist ganz unten rechts, betrachtest Du die Teile einzeln, bleiben sie unverständlich, aber erst im Gesamtbild macht es Sinn, dass es beide Teile gibt. 

Ist Dir schon einmal aufgefallen, was die Menschen einen fragen, wenn man Dinge tut, die sie nicht verstehen? Sie fragen: Bist Du noch ganz bei Trost? Siehst Du, darauf gibt es eine ganz klare Antwort: Nein, Du bist nicht bei Trost. Du hast einen Menschen verloren und bist in Trauer - und wer in Trauer ist, der bleibt meistens ungetröstet. Oft und viel und ganz lange, immer ungetröstet. Daran lässt sich leider nichts ändern, das gehört dazu. Also bist Du nicht bei Trost und kannst es gar nicht sein. Also darfst Du auch Dinge tun, die scheinbar, aber auch wirklich nur scheinbar, merkwürdig sind. 

In meinen Vorträgen benutze ich gerne die Formulierung: Menschen in einer Verlustkrise sind innenraumgreifend von ihrer Trauer ausgefüllt. Ihre Trauer ist für sie das alles beherrschende Thema, da ist oft kein Raum mehr für irgendwas anderes. Das kann andere Menschen schnell mal nerven, aber es ist nun einmal so, auch daran lässt sich nichts ändern. Vielleicht hast Du selbst oft das Gefühl, auf der Stelle zu treten, das Gefühl, dass sich nichts tut, dass es scheinbar gar nicht weitergeht. Ich kann Dich nur dazu ermutigen, dass Du mit Dir selbst am geduldigsten sein darfst. Es ist Deine Krise! Nimm Dir die Zeit, die sie von Dir verlangt. Vielleicht wird Dir manchmal einfach alles zuviel. Selbst Kleinigkeiten können Dich dann kolossal überfordern. Die Spülmaschine müsste vielleicht mal ausgeräumt werden - darf einem für sowas die Kraft fehlen? Ist das noch normal?

Ja, ich glaube, das ist es, jedenfalls zu Beginn. Und immer mal wieder zwischendurch auch. Und vielleicht hast Du dann rasch ein schlechtes Gewissen, weil Du nicht so richtig "funktionierst". Weil es Dir vielleicht auch schwer fällt, Deine Arbeit zu tun. Ich möchte Dich gerne ermutigen: Du darfst jetzt wirklich egoistisch sein. Du darfst nur auf Dich selbst hören und auf Dich selbst aufpassen. Du darfst sehr feinfühlig auf Dein Innenleben achten. Ganz viele Menschen, die in einer seelischen Krise feststecken, können in ihrem Inneren durchaus erspüren, was ihnen jetzt gut täte und was nicht - sie trauen sich bloß nicht immer, das dann auch in die Tat umzusetzen. Aber nochmal: Das alles, was sich da jetzt gerade in Deinem Inneren tut, gehört zu Dir. Es sind Facetten Deines Lebens, Facetten Deiner Krise. Facetten Deines Seins. Es sind Puzzlestücke, die zum Gesamtbild dazugehören. Das ganze Bild zu sehen, fällt uns Menschen immer schwer, unser ganzes Leben lang  - aber es fällt uns umso schwerer, je tiefer wir gerade in einer Krise stecken. Da hocken wir mit einzelnen Puzzleteilen, auf die wir ständig starren müssen, weil sie so wichtig geworden sind, und haben gar keinen Blick mehr für die anderen Teile. Selbst wenn sie noch da sind. 

Das ist okay so, das darf so sein. Nach vielen Gesprächen, die ich mit Menschen in diesen Situationen geführt habe, glaube ich eines sagen zu dürfen: Je mehr wir uns trauen, unsere Krisengefühle wirklich ausleben zu können, desto besser es ist oft für uns. Also sprich mit Deinen Toten, wenn Dir danach ist. Viele Trauernde sprechen mit ihren Toten. Oder nutze die Gegenstände, die noch dageblieben sind, wenn Du das Gefühl hast, dass es Dir gut tut. Versuch einfach das zu machen, was Dir gut tut. 

Herzliche Grüße, Thomas.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - was wir von einer britischen Rechtsprechung lernen können 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde alles so vermeintlich "Merkwürdiges" tun und warum das nicht peinlich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Professionelle Gesprächsführung mit Menschen in einer Krise - was wir von der Spiegeltechnik fürs Leben lernen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauerbegleiter sollten stabil sein und sich mit ihren eigenen Schicksalsschlägen beschäftigt haben - warum Haltung so wichtig ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wir sind auf dem Weg in eine Sterbegesellschaft - Zahlen, Fakten und Daten darüber, wir eine gute Trauerkultur brauchen werden  

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Montag, 6. September 2021

Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn" im Radio? Warum hört man das so oft im Verkehrsfunk? Ich habe eine ganz persönliche These zu dieser Frage - und sie hat mit den Themen Trauer und Unfalltod zu tun...

Osnabrück - Im Verkehrsfunk ist diese Warnung oft zu hören: "Fahren Sie bitte vorsichtig, es sind Personen auf der Fahrbahn..." Aber warum eigentlich? Was machen diese Personen denn da? Wer einigermaßen bei Verstand ist, der würde doch nicht zu Fuß auf eine Autobahn gehen, oder? Oder auf eine Landstraße ohne Seitenstreifen? Mich hat das schon immer stutzig gemacht - und inzwischen habe ich eine ganz persönliche These entwickelt, was da los sein könnte. Eine These, für die ich bislang keine offizielle Bestätigung bekommen konnte (trotz einiger Rechercheanfragen) und die deswegen meine ganz persönliche These bleiben wird. Und sie hat, wen würde es wundern, mit Trauer zu tun. Und mit Unfalltoten.

Ich habe Polizisten befragt. Rettungskräfte. Und Notfallseelsorger. Aber keiner konnte mir eine wirklich schlüssige Antwort auf die Frage geben, warum so oft Personen auf einer Fahrbahn anzutreffen sein sollten. Denn wer in gewisser Regelmäßigkeit den Verkehrsfunk hört, dem wird auffallen, dass diese Meldung nicht unbedingt Seltenheitswert besitzt. Zu den Vermutungen, die die Sicherheitskräfte äußern, gehören diese: Es könnten Unfallfahrer sein, deren Fahrzeuge liegengeblieben sind. Es könnten stark alkoholisierte Menschen sein, die sich verirrt haben. Manches Mal sollen sich auch Radfahrer auf die Autobahnen begeben, weil sie sich in den Auffahrten vertan haben - oder weil sie leichtsinnigerweise ihren Übermut ausleben müssen. Aber keiner der von mir befragten hat jene Vermutung geäußert, die ich persönlich für die schlüssigste halte: Es könnten Angehörige sein, die einen Unfallort aufsuchen wollen. Weil sie in diesem Unfall einen Menschen verloren haben und diesem nun nahe sein wollen. Dass dieses Bedürfnis innerhalb eines Trauerprozesses enorm groß werden kann, dafür gibt es zahlreiche Belege. 


(Foto: Pixabay.de, User: Monsterkoi, Pixabay-Lizenz)

Diese zeigen sich in Form der zahlreichen am Straßenrand stehenden Trauerstätten - kleine Kreuze, kleine Gedenkorte, privat eingerichtet, meistens von den Behörden geduldet, an den Rändern von Landstraßen oder auch in Innenstädten, zeugen seit einigen Jahren von der besonderen Wirkmacht, die der Ort eines Todes auf Menschen haben kann. Dorthin zu gehen, wo es geschah, an diesen Ort eines Übergangs, kann für die Angehörigen ein wichtiges und wohltuendes Ritual darstellen. Eines, das viele Bedürfnisse erfüllt, die sich innnerhalb eines Trauerprozesses einstellen können - auch wenn das besonders schwer vorstellbar ist für alle anderen Menschen, die einen solchen Prozess noch nicht erleben mussten. Und gerade bei einem gewaltsamen Tod, der mit einer unvorhersehbaren Plötzlichkeit ein Leben beendet hat, stehen die Hinterbliebenen vor einer besonders schwierigen Aufgabe: Dem Begreifen dessen, was da geschehen ist.

Ein Ort des Übergangs und der Transzendenz

Auch für diesen Prozess kann es enorm hilfreich sein, sich an den Ort zu begeben, an dem es geschehen ist und ebendort zu versuchen, einer Form von Verständnis für das an sich ganz Unbegreifliche näherzukommen. Außerdem ist es ein Ort, an dem der innere Schmerz den Raum bekommen kann, den er im normalen Alltag nicht immer bekommt. So kommen dem Ort des Todes gleich mehrere Funktionen zu, die innerhalb eines Trauerprozesses von Bedeutung sein können: Dort hinzugehen, um sich durch seine Trauer durchzufühlen; oder um sich den Gestorbenen nahezufühlen, andererseits; oder dort hinzugehen, um sich im Begreifen dessen zu versuchen, was dort geschehen sein könnte. Und schließlich atemt der Ort des Todes für manche Menschen auch eine Form von Transzendenz. Als sei etwas fühlbares Seelisches des gestorbenen Menschen für immer dort verhaftet geblieben, so kommt es manchen vor. Leider gibt es zu diesem Thema keinerlei aussagekräftige Forschung - wohl aber zum Thema der wilden Trauerstätten an den Straßenrändern. 


(Foto: Pixabay.de, User: Free-Photos, Pixabay-Lizenz)

Damit hat sich nämlich die Soziologin Christine Aka intensiv beschäftigt. Die inzwischen in Münster lehrende Volkskundlerin hat zwischen 2000 und 2003 zum Thema Unfallkreuze geforscht und eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Buch zum Thema veröffentlicht („Unfallkreuze – Trauerorte am Straßenrand“ erschien im Waxmann-Verlag), außerdem hat sie im Jahre 2010 einen bemerkenswerten und sehr klugen Zeitschriftenbeitrag über das Thema für die Zeitschrift: „Alltag im Rheinland“ geschrieben, die vom Landschaftsverband Rheinland herausgegeben wird. Und auch sie geht in ihren Texten auf den Ort des Todes mit seinen mythischen Funktionen ein: „Gerade der gewaltsame Tod führt zu dramatischen Anforderungen an die Psyche des einzelnen Trauernden. Individuelle Psychologie, also Gefühle, und gesamtkulturell interpretierbare Phänomene gehen in der Trauer eine komplexe Verbindung ein,“ schreibt Aka in diesem Text. Daher würden diese wilden Trauerstätten zu einem „Hinweis auf Schmerzzonen, für die kaum eine andere Ausdrucksformen zur Verfügung stehen. Diese klugen Beobachtungen machen verstehbar, warum Trauernde gerne an diese Orte zurückkehren, an denen, salopp gesagt, „es geschehen ist.“ 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer, wie lange dauert das eigentlich - und wann ist es endlich mal vorbei? Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann
  
Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Montag, 26. Juli 2021

So facettenreich kann Trauer sein: Eine Liste von Themen zur weiteren Beschäftigung mit den Themen Trauer, Tod und Sterben (aber auch für angehende Trauerbegleiter oder an einer Qualifizierung Interessierte)

Osnabrück - Das Thema Trauer in all seinen Facetten abzubilden, ist vermutlich unmöglich. Denn Trauer ist immer ein hochindividueller Prozess und bei jedem Menschen immer anders. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten, spannende Forschungsergebnisse und mehr. In den vergangenen Jahren habe ich hier auf diesem Blog schon vieles geschrieben. So vieles, dass ich das Gefühl habe, schon recht viele Facetten zum Thema Trauer beleuchtet zu haben. Hier sind ein paar Lesetipps aus diesem Blog, für alle, die sich näher mit dem Thema Trauer auseinandersetzen wollen. Übrigens auch für alle, die sich mit der Idee beschäftigen, selbst einmal Trauerbegleiter zu werden - mir ist aufgefallen, dass ich über die Jahre einiges an Tipps und Impulsen zu den Themen Professionelle Gesprächsführung, professionelle Haltung und anderen angesammelt haben.




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Von der Trauerbegleitung bzw. der Hospizbewegung für das Leben lernen - Tipps, Tricks und Strategien zum Überstehen von Krisen und anderes:


- Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - was uns in seelischen Krisen helfen kann, wie wir mit nur kleinen Schritten für gute Prozesse in einer Krise sorgen können

- Angehörige beim Sterben begleiten, worauf es dabei ankommt - und warum uns ein rasselndes Atmen nicht so arg beunruhigen muss - ein bisschen "Letzte Hilfe"

- Meine Lieblingszitate rund um Trauer, Tod und Sterben aus diesem Blog - hilfreiche Sätze von Interviewpartnern, Gesprächspartnern und von anderen

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Artikel über das Erleben von Trauer, Schuldfragen, das "Bearbeiten" von Trauer:


- Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

- Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - wie wir von einer neuen britischen Rechtsprechung viel Gutes lernen und abgucken können 

-  Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so vermeintlich "Merkwürdiges" tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

- Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

- Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

- Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines nahestehenden Menschen - was mache ich mit all diesen Sachen und warum ist das so hart?

- Was soll nach dem Tod eines Menschen gefeiert werden? Nur der Todestag, auch der Geburtstag? Und wie geht das am besten?


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Artikel für alle, die sich für eine Qualifizierung zum Trauerbegleiter bzw. innerhalb der Hospiz- und Palliativszene interessieren:


- Professionelle Gesprächsführung mit Menschen in einer Krisensituation - was wir vom Modell der Spiegeltechnik für die Trauerbegleitung lernen können

- Eine Frage der Haltung: Trauerbegleiter sollten stabil sein und sich mit ihren eigenen Schicksalsschlägen beschäftigt haben - warum Haltung so wichtig ist

- Sieben Gründe, warum ich Trauerbegleitung gerne in Form eines Spaziergangs anbiete und warum das ein optimales Setting für eine gute Begleitung sein kann

- Wir sind auf dem Weg in eine Sterbegesellschaft - Zahlen, Fakten und Daten darüber, warum Hospiz- und Trauerkultur mittelfristig immer wichtiger werden 

- Warum die "Aberkannte Trauer" bzw. die "Sozial nicht anerkannte Trauer" immer wieder vorkommt und warum das für die Betroffenen so hart sein kann


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Die ersten fünf Folgen aus der Artikelserie "Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben":


- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine sehr exakte Studie über das ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das mit Oscars ausgezeichnete US-Drama "Manchester By The Sea" über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählt - zur Folge 3 der Serie

- Wie der Tod zweier Söhne ein Familiensystem ins Wanken bringt und warum "The Door In The Floor" nach John Irving ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama bringt das System einer Familie ins Wanken, eindrucksvoll und doch zurückhaltend genug gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken).

Alle aktuellen Termine, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare etc. mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Mutter von Rolf Zuckowski auf dem Sterbebett einen Song ihres Sohnes zitierte - der Kindermusiker über seine Trauererfahrungen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

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Donnerstag, 17. Juni 2021

Mein zweiter Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, über die manchmal merkwürdigen, manchmal schlimmen Gedanken, die Du vielleicht hast - wenn Du vor Dir selbst erschrickst


Lieber mir unbekannter Mensch, 


(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist ja umso besser...): Vielleicht kennst Du das auch? Du hast einen Menschen verloren, der Dir wichtig war, und hast jetzt manchmal ganz merkwürdige Gedanken, vor denen Du selbst richtig erschrickst? Oder die Dich zumindest zum Staunen bringen, weil Du nie gedacht hast, dass Du solche Gedanken haben kannst? Zum Beispiel wenn Dir jemand erzählt, dass ein anderer Mensch, den Du vielleicht entfernt kennst, an Krebs erkrankt ist - und Du fragst Dich dann: Hätte dieser Erkrankte nicht sterben können? Und nicht der Mensch, den ich verloren habe? 


Vielleicht gehst Du manchmal irgendwohin, wo andere Menschen sind, in einen Park, in ein Café, irgendwas, und würdest am liebsten all die anderen Menschen verfluchen, die Du dort siehst? Weil sie so fröhlich lachen, weil sie so unbeschwert rüberkommen, weil ihre Leben so unversehrt zu sein scheinen, während Dein Leben mit dieser neuen Tragik vollgesogen ist, die Du so gerne loswerden möchtest? Kennst Du das auch? Und falls ja, hast Du Dich jemals getraut, diese Gedanken jemanden anderem mitzuteilen? 

Wenn es nicht Menschen gäbe, die mir davon berichtet hätten, dass es ihnen so gegangen ist, dann könnte ich nicht ruhigen Gewissens schreiben, dass solche Prozesse etwas ganz Normales sind. Also: Normal im Kontext eines Trauerprozesses. Denn das ist eben manchmal eine kolossale Ausnahmesituation. Bei manchen Menschen war es ganz oft so. Bei anderen nur manchmal. Wieder bei anderen hat es sich abgewechselt: Mal waren sie sehr intensiv mit solchen Gedanken konfrontiert, mal weniger. Und auch das ist alles: Ganz normal. Ehrlich. Es geht ja in Wahrheit gar nicht darum, dass Du anderen Menschen etwas wirklich Schlechtes wünschen würdest, oder? Es geht doch vor allem darum, dass Du nicht mehr so krass leiden möchtest. Und dass es Dich genauso wütend wie traurig macht, wenn Du das Gefühl haben musst, dass nur Du so leiden musst und alle anderen eben nicht. Da kann einem schon mal die Hutschnur platzen. 

 
Dir ist etwas widerfahren, dass Dir sehr, sehr wehgetan hat, dass Dich einmal komplett durchgeschüttelt hat, von oben bis unten, bis auf den Grund Deiner Seele, und dass Dich jetzt in eine Gefühlssituation gebracht hast, die Du vielleicht als sehr belastend erlebst. Oder als irgendwie unnormal. Aber warum solltest Du jetzt auch normale Gefühle haben, wenn Dir der Tod eines anderen Menschen gerade so sehr zu schaffen macht? Ist nicht der Tod eines anderen Menschen eine so unnormale Situation - jedenfalls für Dich! -, dass es völlig okay ist, wenn man dadurch auch in unnormale Prozesse hineingerät? Der Psychiater Viktor Frankl hat das sinngemäß in einem Satz zusammengefasst, in dem er sagt (ich zitiere aus dem Gedächtnis): In einer unnormalen Situation ist jede unnormale Reaktion etwas ganz Normales.

Das finde ich so treffend, dass ich diesen Satz oft und gerne zitierte (und wer mich kennt, der hat ihn sicher schon einmal von mir gehört) - weil er auch auf den Trauerprozess so exakt zutrifft. 

Es gibt ein Davor und ein Danach, das ist ein Satz, der im Zusammenhang mit Trauer oft zu hören ist. Die meisten Menschen, die einen solchen Trauerfall erlebt haben, von dem sie so richtig durchgeschüttelt worden sind, erleben ihr Leben als in diese zwei Teile aufgeteilt: Das Davor. Und das Danach. Das irgendwie anders ist. Überfordernd und herausfordernd und gemein und durchzogen von Gefühlen, die Du nicht mehr haben möchtest. Das kann ich gut verstehen. 


Ich habe vorhin einmal die Formulierung benutzt, dass Dein Leben jetzt vielleicht mit Tragik "vollgesogen" ist. Darin steckt das Bild eines Schwammes, der schon soviel Wasser aufgenommen hat, dass er ganz schwer und schlapp geworden ist. Nur ein ganz kleiner Stuppser reicht jetzt aus und aus dem Schwamm schwappt eine kleine Fontäne raus. So ist das vielleicht auch in Deinem Leben: Du bist bis oben vollgesogen mit Trauer, bis zum Rand gefüllt damit - und wenn dann einer kommt und Dir etwas erzählt von "den anderen", dann schwappt so eine Fontäne aus Dir raus. Und je nachdem, wie es Dir gerade allgemein so geht, ist diese Fontäne auch mal ein gemeiner Gedanke. Aber immerhin ist er rausgeschossen. Also bist Du dieses kleine bisschen an Zuviel schon mal losgeworden. Ist doch auch was. Auch wenn da noch ganz schön viel an Zuviel in Dir drinsteckt. 

Oft ist die Rede davon, dass wir Menschen versuchen sollten, eine tiefe Freundschaft mit uns selbst zu schließen. Eine Freundschaft, die von soviel Aktzeptanz und Geduld und Hinwendung geprägt ist wie die allerbeste Freundschaft, die man sich vorstellen kann. Das ist eine kolossal schwierige Aufgabe - mir selbst ist es nach über 45 Jahren Lebenserfahrung noch nicht wirklich gelungen, so tief und intensiv mit mir selbst befreundet zu sein (dafür habe ich noch immer viel zu viele Macken, die immer wieder ausbrechen), aber darum soll es hier jetzt nicht gehen. Nur darum: Eben weil Du jetzt in einer Ausnahmesituation steckst und weil diese Situation noch eine ganze Weile so bleiben kann, kann ich Dich nur ermuntern, dass Du Dir selbst vieles durchgehen lässt, was Du Dir sonst vielleicht untersagt hättest. Das ist okay, gräm Dich nicht deswegen. Dafür bist Du einfach zu vollgesogen. 

Feuchte Schwämme saugen übrigens viel besser als ganz trockene. Und vielleicht bist Du auch schon mal ganz überrascht gewesen, wieviel mehr an Wasser so ein Schwamm so aufnehmen kann als zuvor gedacht. Du vielleicht auch?

Herzliche Grüße, Thomas.


Donnerstag, 3. Juni 2021

Jetzt auch als Youtube-Video verfügbar und ansehbar: Mein Vortrag zum Thema "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg vom 1. Juni 2021 - der erste Vortrag vor echtem Publikum nach vielen Corona-Monaten und der erste Vortrag mit neuen Elementen darin

Osnabrück/Oldenburg - Es war der erste Vortrag zum Thema Männertrauer, den ich seit langer, langer Zeit endlich wieder in einem echten Saal und vor echtem Publikum halten durfte und der nicht ins Onlineformat verschoben werden musste, weil die Corona-Pandemie nichts anderes möglich machte - das war für mich Anlass genug, alle Powerpointfolien einfach wegzulassen, den ganzen Vortrag einmal komplett zu überarbeiten und nach neuen Erkenntnissen zu suchen. Und, siehe da, sogar im Bereich der modernen Männerforschung hat die Coronakrise einiges an Neuigkeiten gebracht. Was genau - und wie passt das zum Thema Trauer? Seht selbst: Bei Youtube lässt sich der gesamte Vortrag nach wie vor ansehen. 

Am 1. Juni 2021 war in ganz Oldenburg in Niedersachsen ein spürbares Aufatmen zu vernehmen. Das lag natürlich nicht daran, dass ich dort an diesem Tag für einen Vortrag zum Thema Männertrauer zu Gast war, sondern daran, dass alle Geschäfte, alle Restaurants, kurz: die gesamte Innenstadt nach vielen Monaten coronabedingter Schließung wieder geöffnet hatte und das bombige Sommerwetter die Menschen zum Bummeln, Flanieren und Genießen anlockte. Und diese neue Lebenslust und Leichtigkeit war überall deutlich zu spüren. Als wäre niemals etwas gewesen. Als ob der Spuk vorbei wäre. Auf dem Weg zum Forum St. Peter durch die belebte Innenstadt zu schlendern (ohne Maske!), war schon Vergnügen genug, aber dort dann einen Vortrag halten zu dürfen (in dem das Thema Maske und Männlichkeit übrigens ebenso eine Rolle spielt), habe ich ebenfalls als Geschenk erlebt - denn noch wenige Wochen zuvor war ich felsenfest davon ausgegangen, dass auch dieser Vortrag nicht würde stattfinden können.



Doch dann gab es wieder neue Regeln und schon war wieder möglich, was so lange verboten gewesen war. Tatsächlich blieben die Hürden für die Zuhörer hoch: Ohne negatives Testergebnis oder eine vollständige Impfung war eine Teilnahme nicht möglich. Das unfassbar schöne Sommerwetter tat sein Übriges dazu. Immerhin 16 Menschen nahmen es trotzdem auf sich und machten sich auf den Weg. Für meinen Vortrag hatte ich diesmal keine Powerpoint-Präsentation mitgebracht und keine digitale Technik, weil es davon genug gegeben hatte in den vergangenen acht Monaten. Dafür hatte ich die analoge Version meines Vortrags einmal grundlegend überarbeitet - und schon beim Betreten des Saals im Forum St. Peter merkte ich, dass ich mich dort in der genau passenden Umgebung befinden würde.



Meinen Vortrag vom 1. Juni kann sich jeder, der möchte, als Aufzeichnung aus dem Forum St. Peter auf Youtube ansehen - übrigens hat es sich um eine Hybridveranstaltung gehandelt, die parallel als Livestream gelaufen ist. Hier ist der direkte Link zum Youtube-Video.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

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Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, unter diesem Link

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Freitag, 12. März 2021

Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, über Deinen Schmerz und die Frage, wie lange er noch so unaushaltbar bleiben wird - und ob das wirklich sein muss, dass der Tod so weh tut - ehrlich: alles normal! (Trauer - wann wird es besser?)


Lieber mir unbekannter Mensch,


(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist es ja umso besser...): Du hast also einen Dir lieben Menschen verloren und bist vielleicht überwältigt davon, wie weh das tun kann - und dass es Dich so nachhaltig beschäftigt. Und so lange! Viel, viel länger als Du jemals gedacht hättest? Wie lange erlebst Du es schon so, dass Du Deinen Schmerz manchmal ganz unaushaltbar findest? Ein paar Wochen? Ein paar Monate? Oder sind es schon ein paar Jahre? Bei vielen Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren es tatsächlich Jahre. Aber das muss nicht heißen, dass das so sein muss. Für Trauer gilt immer: Es gibt nur Deinen eigenen Weg. Kein anderer kann Deinen Trauerweg gehen und Du musst ihn ganz selbst finden. Das Dumme ist halt, dass es keine Straßenschilder gibt. 

Du fragst Dich vielleicht manchmal, ob dieser Schmerz in Dir drin jemals aufhören wird. Manchmal, in Deinen dunkelsten Augenblicken, fragst Du Dich vielleicht sogar, ob Du Dir etwas Extremes antun musst, um den Schmerz in Dir irgendwie zu besänftigen (meine Idee dazu wäre übrigens, dass Du das nicht tun musst). Auch das haben mir Menschen schon so geschildert. 

Ich kann Dir aus meiner Erfahrung mit Menschen in Trauer- und Verlustsituationen nur eines dazu sagen: Keine Sorge, das ist alles ganz normal. Du bist ganz normal. Was Du erlebst, ist eine total normale Reaktion auf eine Situation, die für Dich eben nicht normal ist. Wer hat schon wirklich Erfahrung mit dem Tod - und mit Trauer? Sogar ich, der ich mich fast jeden Tag mit diesem Thema beschäftige, bin immer mal wieder ratlos angesichts der Macht, die der Tod über uns hat. Ganz egal, wie der Tod in Dein Leben hineingegrätscht ist: Er ist immer brutal und gemein. Das macht uns wütend und zornig und aggressiv. Weil wir dem Tod gegenüber immer ohnmächtig sind. Gegen diese Kraft haben wir nichts entgegensetzen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir zu schwach sind. Das hat damit zu tun, dass wir eben Menschen sind.   

Nach allem, was mir die Menschen von ihren eigenen Trauersituationen erzählt haben, kann ich Dir eine gute und eine schlechte Nachricht anbieten. 


Die schlechte Nachricht ist: Der Schmerz wird vielleicht niemals ganz weggehen (aber vielleicht möchtest Du das auch gar nicht - hast Du Dich das schon mal gefragt?). Die gute Nachricht ist: Es kann durchaus sein, dass er sich mit den Jahren verwandeln wird und dass er nicht mehr ganz so quälend sein wird. Das jedenfalls ist es, was mir die Menschen oft berichtet haben. Übrigens waren das vor allem Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Die haben mir alle fast übereinstimmend gesagt: Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke. Aber die Wunde blutet auch nicht mehr so stark wie schon mal. Manchmal ist die Wunde vernarbt. Manchmal bricht die Narbe auch wieder auf. Aber insgesamt tut es nicht mehr so weh wie am Anfang, auch wenn es (viele) Jahre gedauert hat, bis es soweit gekommen ist. 

Aber wie kann es einem gelingen, den Schmerz zu besänftigen? Geht das überhaupt? Vielleicht haben die Menschen um Dich herum Dir vieles gesagt, was Dich aufmuntern sollte, was Dir aber nicht weitergeholfen hat. So etwas wie: Die Zeit heilt alle Wunden. Oder: Kopf hoch, das wird schon wieder. Oder: Du musst auf die positiven Seiten des Lebens blicken. Oder: Lies doch mal ein gutes Buch, das bringt Dich wieder auf andere Gedanken. Und dann hast Du vielleicht festgestellt, dass Dir zum Lesen immer wieder die Konzentration fehlt, dass schon viel Zeit verstrichen ist und es nicht viel besser geworden ist oder dass der Blick auf die positiven Seiten des Lebens Dich irgendwie noch trauriger gemacht hat. Du möchtest nicht undankbar sein, aber all diese guten Tipps haben Dir nicht wirklich geholfen. Aber was dann, fragst Du Dich vielleicht? Was hilft?


Aus meiner Erfahrung mit Trauergruppen und mit vielen Einzelgesprächen kann ich Dir nur eines sagen: Viele Menschen finden es hilfreich, wenn sie ihre Trauer einfach mitteilen können. Und wenn dies in einem Umfeld geschehen kann, wo diese Gefühle nicht kommentiert oder bewertet werden. Das kann zum Beispiel in einer Trauerbegleitung geschehen, in einer Trauergruppe, bei richtig guten Freunden, die so etwas können, oder auch in kreativer Form. Manche Trauernde haben einen eigenen Blog gestartet, um ihre Gefühle zu äußern - und das hat ihnen manchmal erstaunliche Wege in ein anderes Leben geöffnet.

Aber die vielleicht wichtigste Botschaft die ich Dir noch mitgeben möchte, lieber mir unbekannter Mensch (oder vielleicht kennen wir uns auch schon und Du liest diese Zeilen dennoch, das ist mir genauso lieb): Es darf sich für Dich jetzt so anfühlen, wie es sich anfühlt. Auch wenn Du dieses ganze Chaos manchmal am liebsten auf der Stelle loswerden möchtest. Ich kann Dich nur ermutigen, zu versuchen, es auszuhalten und es vielleicht sogar auszuleben. Genau deswegen habe ich meinen Blog "Trauer ist Leben" genannt: Weil Trauer ausgelebt werden möchte - und weil manche Menschen eine gelebte Trauer als hilfreich erlebt haben.

Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Weg findest. Alles Gute dafür. 

Herzliche Grüße, Thomas


Mittwoch, 3. Februar 2021

Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellen kann und welche Aufgaben das sind - ein Trauermodell, das mal etwas anderes funktioniert als andere - Eine Mini-Einführung in das Modell der Traueraufgaben nach William Worden

Osnabrück - Ein Trauermodell, das ich gerne benutze bei Gruppentreffen und in meinen Büchern, kommt aus Amerika und geht von einem ganz anderen Ansatz aus als andere Modelle. Nachdem ich vor einigen Monaten auf diesem Blog bereits das "Duale Prozessmodell der Trauer" vorgestellt hatte, was auf sehr viel Interesse gestoßen war (der Link findet sich am Ende des Artikels), möchte ich heute das Augenmerkt auf dieses andere Trauermodell legen, das mir sehr am Herzen liegt. Es geht davon aus, dass die Trauer uns Menschen vor Aufgaben stellt. Et voilá: So funktioniert das Modell der Traueraufgaben nach William Worden.

Wer in Trauer ist, der erlebt oft ein großes Durcheinander verschiedenster Prozesse. Manchmal sogar innerhalb eines Tages. Wut und Aggression tauchen ebenso in Schüben auf wie Phasen großer Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das alles verläuft mehr in parallelen Wellenbewegungen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Verlaufsmodellen und Phasenmodellen, die den Verlauf eines Trauerwegs in verschiedene Stadien einzuordnen versuchen. 
Eines der mich am meisten Überzeugendsten ist dabei das des Trauerforschers Dr. William J. Worden, der sein Modell als "Die Aufgaben der Trauer" (The Tasks Of Mourning) beschreibt. Es ist ein Modell, das meiner Meinung nach die tatsächlichen Gefühlsspiralen und das Hin und Her im Inneren von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise perfekt abzubilden versteht. Und so funktioniert es.


(Foto: Pixabay.com/Tumisu, Cc-0-Lizenz)

Was mir an diesem Modell so gut gefällt, ist alleine schon die Umkehrung der Verhältnisse: Wenn uns die Trauer vor Aufgaben stellt, dann ist es nicht nur ein passives Ereignis, das sich an uns abarbeitet. Sondern wir haben etwas zu tun: Wir müssen Aufgaben lösen. Das finde ich überzeugend. Die "Aufgaben der Trauer" sind eben nicht ein zu erduldendes Durchleben von sich irgendwie einstellenden Verläufen, sondern ein aktives Gestalten und (Mit-) Steuern eines Entwicklungsprozesses. William J Worden ist übrigens eigentlich ein Psychologe, der sich im Laufe seiner Karriere dem Verlauf der Trauer gewidmet hat. Sein Buch "Beratung und Therapie in Trauerfällen" (englisch: Grief counseling and grief therapy) erschien erstmals 1982 und ist für mehrere Neuauflagen von Worden selbst stets aktualisiert und überarbeitet worden. 

William J. Worden sagt, es gibt vier wichtige Aufgaben innerhalb eines Trauerprozesses, denen er jeweils einen bestimmten Namen gegeben hat bzw. eine bestimmte Funktion zugeordnet hat. 

Aufgabe Nr. 1 in der Trauer - nach William Worden: 
Das Begreifen. Das ist leichter gesagt als getan. Grob gesagt geht es darum, die Tragweite des Verlusts zu akzeptieren, diesen als neue Realität anerkennen zu lernen. Der oder die Gestorbene ist tot, wird nicht wiederkehren, das muss erstmal verinnerlicht werden. Oft geht das nur in ganz kleinen Stücken oder ganz kleinen Schritten, oft berichten Trauernde, dass der Verstand dort weiter ist als das Herz es jemals sein könnte. 

(Pixabay.com/Congerdesign, Deutschland, Cc-0-Lizenz)

Aufgabe Nr. 2 in der Trauer - nach William Worden: Die Gefühle und die Schmerzen zu durchleben. Es geht darum, alle Schmerzen und die Verzweiflung zulassen, sie auszuleben, wahrzunehmen, nicht wegzudrücken. Das ist oft besonders schwer, weil dieser Prozess erstens sehr viel länger dauern kann als gedacht und weil zweitens das Umfeld von Trauernden oft ungeduldig wird. Meistens steht dem eine Erwartungshaltung entgegen, die besagt: Komm, sei doch mal wieder normal. Aber normal ist nun einmal gar nichts in einem Trauerprozess, also in einem Prozess, der ja nun gerade das Unnormale aufzuarbeiten wünscht. Laut Worden ist es in Ordnung, all das zuzulassen, was da ist, ja, es sozusagen zu durchschreiten: Ein Gelähmtsein oder eine um sich schlagende Verzweiflung. Eine Niedergeschlagenheit oder eine wachsende Aggression. Die Sehnsucht und das Den-Tod-beklagen. Gehört alles dazu. 

Aufgabe Nr. 3 in der Trauer - nach William Worden: Neuorientierung und das Suchen nach neuer Stabilität. Trauer ist wie ein Mobile aus dem ein Teil herausgeschnitten worden ist. Das ganze System ist in Unordnung geraten, alles, was vorher im Gleichgewicht gewesen ist, gerät in ganz unerwartete Bewegungen. Das System selbst muss sich erst wieder neu orientieren, muss sich neue Stabilitäten suchen, fast alle Komponenten dieses Systems müssen sich neu zusammenfinden. Das braucht Zeit und Geduld - und es ist eine der Aufgaben, vor denen Menschen in einer Verlustkrise oft stehen. Hobbies, die man gepflegt hat, machen keine Freude mehr. Dafür tut es einem plötzlich gut, stundenlange Spaziergänge zu machen oder mit seinen Toten am Grab oder sonstwo einen Dialog zu führen. Menschen, die einem früher gut getan haben, wenden sich plötzlich von einem ab, andere tauchen auf, die hilfreich sein. Das ganze Leben muss sich neu ordnen - und der in einer Verlustkrise steckende Mensch sieht sich vor der Aufgabe, diese Sortierungen vorzunehmen bzw. sorgsam drauf zu achten, was gerade mit ihm geschieht. Darum geht es. 

(Pixabay.com/Tomasz Mikolajcyk, Polen, Cc-0-Lizenz

Aufgabe Nr. 4 in der Trauer - nach William Worden: Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen. Es geht in einem Trauerprozess eben nicht, wie es Außenstehende einem oft empfehlen, um ein "Loslassen", aber eben auch nicht um ein krampfhaftes "Festhalten". Stattdessen ist es hilfreich, dem Verstorbenen einen gefühlsmäßigen (oder auch tatsächlichen) Platz zu geben, einen Ort, wo man weiß, dass man ihn oder sie finden kann. Dass so etwas funktionieren kann, spiegeln mir die Menschen, die ihre eigenen Verlusterfahrungen schonn vor vielen Jahren gemacht haben, so hart sie auch gewesen sein mögen (verlorene Kinder, beispielsweise): Dass die Trauer niemals so ganz aufhört, dass aber der Schmerz in Intensität verliert, dass das Leben wieder einen neuen Mittelpunkt und eine neue Balance finden kann, auch wenn es keinen Tag gibt, an dem man nicht an den oder die Verstorbenen gedacht hat. Weil die Toten auch im Leben der Hinterbliebenen ihren neuen Platz gefunden haben. Was das bedeuten kann, macht der britische Autor Julian Barnes in einem Satz deutlich: "Das können diejenigen, die den Wendekreis des Leids noch nicht überschritten, oft nicht verstehen - wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt." Und darum geht es bei dieser Aufgabe.  

Ein weiteres Trauermodell, das sich anzuschauen lohnt: So funktioniert das 
"Duale Prozessmodell der Trauer" (bitte hier klicken)

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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Einmal angenommen, deine Trauer bleibt viele Jahre lang so groß wie sie jetzt ist - und dir gelingt es, drumherum zu wachsen - Wie?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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