Dienstag, 27. Februar 2018

Vergleiche in der Trauer sind verletzend, aber kommen allzu oft vor - was zu Trauernden alles gesagt wird, ist oft wenig hilfreich, eher im Gegenteil - Aber was sagen, was hilft - was nicht? - Tipps zum Umgang mit Trauernden


Osnabrück - Über diesen oben abgebildeten Dialog bin ich vor kurzem im Netzwerk Twitter gestolpert. Und er hat nochmal einige Erfahrungen bestätigt, die ich selbst oft gemacht habe bzw. von denen ich mir habe berichten lassen. Was Menschen zu anderen Menschen sagen, wenn diese in einer Trauer- und Verlustkrise stecken, ist oft schwer zu ertragen. Da wird - sicher unbewusst - verglichen, runtergemacht, die Schwere der Trauer zu relativieren versucht. Aber vor allem wird, meistens immer, all den Menschen, die andere verloren haben, ihre Berechtigung zu trauern abgesprochen. Das geschieht mehr oder minder subtil, gerät aber kränkend. Auch wenn die Sprecher das weder beabsichtigen, noch es merken. Zugegeben, so ging es mir sicher auch schon einmal, vor meiner Ausbildung zum Trauerbegleiter. 

Denn, zugegeben, bevor ich mich selbst so intensiv mit diesen Themen beschäftigt habe, wusste ich natürlich auch nicht immer, was ich idealerweise sagen sollte, wenn mir jemand vom Tod eines ihm oder ihr nahen Menschen erzählte (und heute zu behaupten, ich hätte jetzt die Weisheit mit Löffeln gefressen, wäre gleichermaßen übertrieben, auch, wenn das hier gelegentlich so rüberkommen mag). Was willst du auch sagen, wenn es im Grunde nichts zu sagen gibt - keinen Trost jedenfalls geben kann. Und wenn Du Dich konfrontiert siehst mit dieser Wand aus Ratlosigkeit und Hilfslosigkeit. Sich hilflos fühlen, das ist es vermutlich, was die meisten Menschen unbewusst zu diesem psychologischen Trick greifen lässt - die Trauer der anderen lieber kleinzureden, um sie selbst besser ertragen zu können. Also sagt man sowas wie: "Ihr habt ja eine so schöne Zeit miteinander gehabt, das darfst du nicht vergessen". Was aber für die Trauernden nicht anders klingt als: "Schau doch mal auf das Positive und wühl Dich doch nicht immer so rein in Deinen Trauerschlamm." Und so geht es weiter.


Nicht alles, was die anderen zu einem sagen, ist hilfreich, manchmal würde man es gar nicht gerne hören, auch wenn es eigentlich so gemeint ist.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Das war eine der Aufgaben, die wir in einer kleineren Lerngruppe während unserer Ausbildung zum Trauerbegleiter zu erledigen hatten: Sätze zu sammeln, die zwar gut gemeint sein mögen, aber doch eher verletzen und die insgeheim die Trauer abzuschwächen versuchen. Was dabei zusammengekommen ist - auch dank engagierter Kolleginnen -, kann sich sehen lassen. "Die Zeit heilt alle Wunden", zum Beispiel - Nein, das wollen Trauernde gar nicht gern hören. Denn der Schmerz des Verlusts ist ja oft das vermeintlich Einzige an großer Energie, das geblieben ist von dem verlorenen Menschen, so wird es oft erlebt. Und davon geheilt werden, gar befreit, das hieße doch auch, den Menschen noch weiter zu verlieren, oder? Oder: "Da mussten andere auch schon durch" - Mag ja sein, aber jeder Mensch hat das Recht auf seinen eigenen Schmerz und seine eigene Intensität und sein eigenes Leiden, außerdem will ein Leid auch erstmal durchlebt werden, was nützen da die anderen? Ach, und es gibt noch so viel mehr.


"Das hätte man doch bestimmt verhindern können" - Ja?


Es war das Beste für sie/für ihn. Irgendwann müssen wir doch alle sterben. Man weiß nicht, was ihr/ihm alles erspart geblieben ist. Das Leben geht weiter. Ich weiß genau, wie es Ihnen geht. Gott hat es so gewollt, er hat sie/ihn zu sich gerufen. Sie werden darüber hinwegkommen. Sie haben doch noch ihre Kinder. Sie müssen sich der Sache jetzt stellen. Sie müssen jetzt loslassen. Sie müssen auch irgendwann wieder nach vorne schauen. Wenn der Arzt das nur eher festgestellt hätte, wer weiß, ob sie oder er dann nicht noch leben würde. Sie müssen jetzt ganz tapfer sein. Ich weiß noch genau, wie das bei mir damals war, davon erzähle ich jetzt erstmal. Oder bei einem Unfall: Er oder sie ist ja auch immer ziemlich rasant gefahren. Oder bei Lungenkrebs: Er oder sie hat ja auch immer soviel geraucht. Oder bei Suizid: Das hätte man doch bestimmt irgendwie merken können und verhindern können. Und, und, und. Jeder Satz ist, im Grunde genommen, ein Schlag in die Magengrube, wenn man mal drüber nachdenkt. Oder auch der hier:


Wer zerrissen ist, darf sich auch seine Bruchstücke ansehen


"Jetzt reiß dich mal zusammen". Sowas bekommen Menschen in einer Verlustkrise tatsächlich zu hören. Wie aber soll das gehen, wenn man innerlich ganz in Einzelteile zerrissen ist? Wäre es da nicht viel besser, sich die einzelnen Teile anzugucken, Stück für Stück, und mal zu gucken, ob sich nicht auch mit einem zerrissenen Innern erstmal weiteratmen lässt. Vielleicht gar weiterleben, wenn auch ganz anders als vorher. Wobei man über diese oben genannten Sätze auch eines sagen muss:

Manchmal darf man sich auch einfach die Bruchstücke seines Lebens ansehen - denn wo etwas zerrissen ist, gibt es kein "sich zuammenreißen können" mehr.  (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Man kann den Menschen, die solcherlei Dinge sagen, nicht immer einen Vorwurf machen. Zwar erfüllt jeder einzelne dort oben aufgeführte Satz nur die eine Funktion - die Trauer zu entkräften, die Schmerzen abzumildern, das Erlebte von seiner Funktionalität als Einzelschicksal zu befreien -, aber das geschieht nicht bewusst, nicht so manipulativ, wie es hier vielleicht den Anschein mag. Denn auch das Umfeld von Trauernden fühlt sich ja überfahren von der Situation, überfordert, letztlich hilflos. Und wer in den oben genannten Sätze eben diese Botschaft herauszulesen versteht - ich fühle mich genauso hilflos wie Du und ich weiß deswegen gar nicht, was ich sagen soll -, der kann vielleicht verstehen, warum diese Aussagen so gesprochen werden. Hat sie vielleicht sogar selbst einmal so gesprochen. Damals, irgendwann, in einem anderen Leben, vor diesem neuen Leben - dem Leben nach dem Tod. Also dem der anderen. Bleibt natürlich die Frage: was hilft denn nun eigentlich wirklich? Nun, damit habe ich mich bereits an anderer Stelle beschäftigt - siehe hier

Mit einem dicken Danke für die tolle Zusammenarbeit und für die gute Zeit an Petra Temmen, Birgit Lemper, Luise Rüter und Irina Porzler


"Ihr hattet doch eine so gute Zeit" - "Du musst jetzt nach vorne schauen" - "Da muss jeder mal durch" - "Das Leben ist nun einmal endlich" - Undsoweiterundsoweiter.... 

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier


Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer schiebt einen nicht durch irgendwelche Phasen hindurch - Trauer stellt einen vor ganz konkrete Aufgaben, sagt ein Trauerforscher

Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen


Ebenfalls im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)

Mittwoch, 21. Februar 2018

Kraftquelle Waldeswillen - Mein Februar-Foto für die Mitmachaktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer..." - - - Als verlängerte Fotoaktion auf diesem Blog: Kraftquellen, Stolpersteine, Achtsamkeit und Selbstfürsorge - Kreative Aktion des Bundesverbands Trauerbegleitung zum zehnjährigen Geburtstag

Wann auch immer dieser Baumstumpf umgekippt und beschnitten worden ist, aus seinen Überresten ragen schon neue Stämme empor....   (Thomas-Achenbach-Foto)

Osnabrück/Bonn - Der Sturm hat sie umgerissen und entwurzelt. Die Menschen haben sie zerschnitten. Sie haben am Boden gelegen, abgeschnitten von allem Lebendigen. Und doch haben sie irgendwann neue Triebe aus ihren rumpfigen Stümpfen heraustreiben lassen. Nun ragen sie aus den zerschrundenen Baumresten schnurgerade nach oben und haben eine ahnsehnliche Dicke erreicht. Diese eindrucksvollen Baumstümpfe, die sich nicht unterkriegen lassen wollen, befinden sich nicht weit von unserem Haus entfernt. Und sind damit prädestiniert für meine inoffizielle Teilnahme an dieser offiziellen Fotoaktion.

Die Natur in ihrer unbeugsamen Gestaltungskraft lässt auch dort noch etwas wachsen, wo man es nicht mehr vermutet hat. Es ist der Psychologe und Psychotherapeut Carl Rogers, der dieses Muster auch auf den Menschen übertragen hat. Er hat dafür den wunderbaren Begriff des "Werdewillens" benutzt. Rogers geht davon aus, dass jeder Mensch wieder "heile" werden will und dass er das aus eigener Kraft schaffen kann - so wie ein Kind, das nach der Geburt ganz von sich aus und ohne Anstoß von außen all das  erreichen möchte, was die Welt ihm an Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten anbietet. So wie es die Natur eben als Mechanismus in allem eingepflanzt hat, auch in uns Menschen. Deswegen hatte Rogers die die "klientenzentrierte Gesprächstherapie" entwickelt, deren Grundbestandteile aus Empathie, Wertschätzung und der Authentizität des Zuhörenden bestehen und die auch Bestandteil der Ausbildung zum Trauerbegleiter geworden ist. Womit dieses Fotomotiv gleich doppelt gut zum heutigen Anlass passt... 


Der Sturm hatte diesen Baum einmal umgeworfen, teils entwurzelt, aber der Überlebens- und Werdewillen darin ist unbeirrbar - auch wenn es sehr viele Jahre dauert (Thomas-Achenbach-Foto).

Denn der Bundesverband Trauerbegleitung (BVT) - in dem ich ebenfalls Mitglied bin - feiert seinen zehnten Geburtstag in Form einer kreativen Mitmachaktion. Gegründet mit dem Ziel, der Ausbildung zum Trauerbegleiter in Deutschland einen einheitlichen Lehrplan und ein einheitliches Zertifikat verschaffen zu können, versteht sich der Verband inzwischen als Sprachrohr und Interessenvertretung für alle Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise. Sie sind es auch, die sich zur Teilnahme an der Aktion eingeladen fühlen sollen (alle Infos gibt es unter diesem Link). Wer sich ganz kreativ beteiligen möchte, kann sogar versuchen, ganze 365 Beiträge beizusteuern. Also für jeden Tag eines Kalenderjahres einen. Der Kreativität und der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, allein das Oberthema der Aktion gilt es zu beachten:


Menschen wie der Buchautor Peter Wohlleben sehen in solchen Schnitten auch sowas wie Wunden - und vermuten, dass den Wurzeln der Bäume eine immens wichtige Bedeutung zukommt (Thomas-Achenbach-Foto).

Nämlich die Fragestellung: Was sind Kraftquellen, Stolpersteine, was trägt mich in meiner Achtsamkeit, was ist hilfreich für meine Selbstfürsorge? Was bringt Wut in den Bauch, was streichelt meine Seele? Was lässt mich stolpern und wobei schöpfe ich Kraft? Es geht darum, Gefühle und Ressourcen sichtbar zu machen. In Wort, Bild oder anderen kreativen Ausdrucksformen. Die Idee ist es, aus allen Einsendungen eine bundesweite Wanderausstellung zu schaffen. Gleichermaßen soll die Aktion dazu dienen, wieder fokussierter und konzentrierter durchs Leben gehen zu können. Denn dass sich auf den Smartphones die schnell gemachten Fotos häufen, diese aber kaum mehr wahrgenommen werden, ist ein Phänomen unserer Zeit.

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Alle Infos zur Aktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" gibt es auf der BVT-Website....

Erster Beitrag zur Fotoaktion (Januar): Warum auch meine alten ausgelatschten Chucks eine Kraftquelle für mich sind

Zweiter Beitrag zur Fotoaktion (Februar): Kraftquelle Waldeswillen - wie sich ein alter und gestürzter Baum einfach nicht unterkriegen lässt und warum das so gut tut

Dritter Beitrag zur Fotoaktion (März): Kraftquelle Kulturerlebnisse - wie sich mein Leben mit allen Tiefern und Höhen auch in Eintrittskarten abbilden lässt

Vierter Beitrag zur Fotoaktion (April): Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

Fünfter Beitrag zur Fotoaktion (Mai): Warum blühende Kastanien für mich zu einem Symbol dafür geworden sind, dass sich Krisen auch überstehen lassen

Sechster Beitrag zur Fotoaktion (Juni): Die alte Teekanne meiner Oma als ein Symbol für die Beständigkeit von Geteiltem im Leben - und für erlebtes Leiden

Siebter Beitrag zur Fotoaktion (Juli): Kindheit, die erste Heimat auf dieser Welt - so voller Mysterien und doch so zerbrechlich - von der Wirkmacht der ersten Jahre

Achter Beitrag zur Fotoaktion (August): Eintauchen in andere Welten durch Rock-LPs und ihre Plattencover - wie mir die Vermischung zweier Künste durch die Zeit half

Neunter Beitrag zur Fotoaktion (September): Standfest, sicher und ausgesetzt - warum die Bäume auf einem Osnabrücker Berg einen so hohen Symbolwert haben 

Zehnter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die erste): Warum eine fundierte Ausbildung für einen Trauerbegleiter so wichtig ist und warum in meiner Schlümpfe eine Rolle spielen

Elfter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die zweite): Ein ganzes Leben unter bunten Buchdeckeln - Warum Blanko-Notizbücher eine Kraftquelle sein können

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen


Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 

Und im Kultur-Blog des Autors: Was "Babylon Berlin" wirklich zu einer ganz besonderen Serie macht - und das ist nicht alleine Bryan Ferry von Roxy Music

Dienstag, 13. Februar 2018

Das Trauer-Radio ist online: Was gibt es dort alles zu hören, wie funktioniert das Projekt, wie kann man selbst daran teilnehmen - und warum braucht es überhaupt ein Trauer-Radio? Interview mit Initiatorin Eva Terhorst

Osnabrück/Berlin - Einmal im Jahr, immer am 13. Februar, ist der Welttag des Radios. Der perfekte Tag also für diesen Blogartikel. Denn alles, was es über Trauer, Tod und Sterben so zu wissen und zu berichten gibt, kann man jetzt auch im Radio hören. Oder genauer: in dem von der Trauerbegleiterin und Buchautorin Eva Terhorst neu geschaffenen Trauerradio, das sich über die Internetseite Laut.fm ansurfen lässt. Einige Aktive aus der Trauerbegleiterszene hat Eva bereits zum Mitmachen bewegen können, weitere - wie beispielsweise die Autorin Barbara Pachl-Eberhardt - sollen noch folgen...

Aber wie genau funktioniert das Projekt, wo lässt es sich finden, was gibt es dort alles zu hören und wann? Es stellen sich noch viele Fragen zum Thema Trauerradio. Nun, fragen wir doch am besten die Frau, die sich damit optimal auskennt - Eva Terhorst selbst, mit der ich auf diesem Blog schon desöfteren zusammengearbeitet habe. Hier ist also mein Interview mit Eva zum Thema Trauerradio:


Radio hören mit einem Extra-Programm dafür, wenn es einem nicht gut geht, das geht jetzt beim neuen Trauerradio.  (Thomas-Achenbach-Symbolfoto).

Eva, wenn ich bei laut.fm das Stichwort Trauerradio eingebe, lande ich bei einem anderen Sender, der nur Musik spielt, aber sonst keine Beiträge sendet (gilt auch für die Google-Recherche). Das ist nicht Dein Sender. Wie umgehe ich das am geschicktesten? 

Eva Terhorst: Ja, das ist leider etwas verwirrend, denn ich hatte mir den Namen Trauer-Radio schon ausgesucht, bevor ich mich bei laut.fm angesiedelt habe. Daher findet man nun das Trauer-Radio unter laut.fm/trauer-radio1. Oder man geht über diesen Umweg: https://trauer-radio.de/livestream/. Toll finde ich aber, dass man den Sender auch tatsächlich über sämtliche Smartphones oder über Amazon Echo (Alexa) sowie über Bluetooth im Auto und über jede andere Anlage, die über Bluetooth verfügt, hören kann. 

Wieviele exklusive Sendungen hast Du denn schon online? 

Eva Terhorst:  Es gibt mittlerweile fünf ModeratorInnen mit eigenen Formaten: 
  • Barbara Biegel ist zertifizierte Trauerbegleiterin, Künstlerin, Autorin, Kulturpädagogin und Qigong-Kursleiterin. Sie stellt hier im Trauerradio Gedanken zum Umgang mit Trauer und vier kreative Impulse vor. Ihre Sendung heißt: „Die Wundertüte“Sie möchte unsere Aufmerksamkeit auf diese kleinen kreativen Momente lenken. Wir haben es selbst in der Hand, im Alltag mit der Trauer auf kreative Art und Weise umzugehen und sie zu verwandeln.“
  • David Roth, Bestatter und Trauerbegleiter, Jahrgang 1978,  ging im Bergischen Land zur Schule. Ein duales Studium schloss er mit dem Abschluss Dipl. Betriebswirt an der Wirtschaftsakademie Kiel ab. Es folgte die Ausbildung zum Trauerbegleiter bei Jorgos Canacakis. David Roth ist Geschäftsführer des Bestattungshauses Pütz-Roth. Er hält Vorträge zu den Themen Sterben, Tod und Trauer und ist ein gefragter Teilnehmer an Podiumsdiskussionen und Konferenzen. Gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin hat er vier kleine Kinder. In seiner Sendung „Talk about Tod“ beantwortet er Fragen zum Thema Tod.
  • Elke Galic ist Inhaberin von Klang-Art, dem Kompetenzzentrum für Trost durch Musik und Produzentin der Trost-Box „Mein Begleiter“. Als Musikerin und Therapeutin hat sie oft erfahren, welch große Kraft die richtige Musik hat und dass Musik ganz tief berühren und dadurch sehr heilsam sein kann. In ihrer Sendung „Musik tröstet – Musik versteht“ gibt es jede Woche vielfach bewährte Musiktipps und Informationen rund im das Thema Musiktherapie. Schon Victor Hugo hat einmal gesagt: „Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann – und worüber zu schweigen unmöglich ist“. Mehr über Elke Galic gibt es hier.
  • Michaela Mielke ist Künstlerin der Tafelmalerei und hat ein besonderes Interesse an der Erforschung von Symbolen, und deren Betrachtung im Zusammenhang mit den grundlegenden Sinnfragen des Menschen. Warum berühren uns Sinnbilder, Legenden und Mythen? Michaela Mielke geht auf eine Entdeckungsreise, warum sie für uns auch etwas Tröstliches haben, und uns Mut, Hoffnung und Zuversicht geben. In ihrer Sendung „Von Sinnbildern & Sinngeschichten“ taucht sie jeden Monat ein in sinnstiftende Themenwelten. Sie betrachtet deren Sinngehalt in den verschiedenen Kulturen der Welt und was sie für unsere Erfahrungen, Erlebnisse und für unsere Lebensthemen bedeuten. Mehr über Michaela Mielke gibt es hier.
  • Und ich selbst, also Eva Terhorst - ich bin Trauerbegleiterin und Buchautorin in Berlin, wie auch Initiatorin vom Trauer-Radio. In meiner monatlichen Sendung „Sag doch mal – was hilft, wenn es weh tut“ stelle ich Menschen, Bücher, Projekte, Techniken, Methoden und vieles mehr vor, die helfen können, Krisen- und Trauersituationen besser zu durchleben und um bestenfalls gestärkt daraus hervor zu gehen. Mit meiner  Sendung: „Traumreisen“ sind Begegnungen und Entspannung möglich. Die verschiedensten Traumreisen sind zudem in jedem meiner Bücher zu finden.

Wer sucht die Musik aus und wie funktioniert das? 

Eva Terhorst: Ich brauche für die jeweiligen Sendungen immer eine volle Stunde. Die Interviews, etc. sind aber meist zwischen 15 und 20 Minuten. Der Rest wird mit Musik aufgefüllt, die der Moderator der jeweiligen Sendung selbst möglichst passend zum Thema seiner Sendung heraus sucht. Es gibt auch für die Zeiten zwischen den Sendungen einen Musikloop, bei dem ich die Musik ausgesucht habe, aber da das Programm immer voller wird, brauche ich den immer weniger.

Gibt es irgendwo ein einsehbares Programmschema, so dass ich nachgucken kann, ahja, heute um 14 Uhr läuft Pachl-Eberhard oder so? 


Immer am 13. Februar eines jeden Jahres ist der Welttag des Radios, dann wird gefeiert, dass es diese Einrichtung überhaupt gibt.  (Thomas-Achenbach-Foto).

Eva Terhorst: Ja, das gibt es. Das aktuelle Programm kann man immer hier einsehen: http://laut.fm/trauer-radio1 oder hier: https://trauer-radio.de/programm/. Das ist der Link zum Blog: www.trauer-radio. de. Dort können die Hörer alles Wichtige über den Sender, die Moderatoren und das Programm nachlesen. Die aktuellen Sendungen kann man dort auch direkt hören. So muss man nicht warten, bis es im Programm läuft. Unter diesem Link, ganz unten auf der Seite findet man auch Anregungen, wie man selbst eine eigene Radio-Sendung machen kann: http://www.trauerbegleiter.org/inhalt/newsletter. Und.....: Wie sieht es eigentlich mitdeinen Plänen für eine eigene Sendung beim Trauer-Radio aus, lieber Thomas? Ach ja, und weil du weiter oben Barbara Pachl-Eberhard erwähnst, so ist auch eine eigene Sendung von ihr fürs Trauer-Radio in Planung.

Ah ja, das hatte ich gehört, deswegen hatte ich sie erwähnt. Etwas vorschnell, also. Und was meine eigenen Radiopläne angeht... Lass Dich überraschen, wir sind dran. Aber das braucht noch etwas Zeit. Meine Mitstreiterinnen waren jetzt immerhin schon mal testweise am Mikro. Aber zurück zu Dir und dem Radioprojekt. Wie zufrieden bist Du denn selbst? 

Eva Terhorst: Zufrieden bin ich auf jeden Fall, denn ich habe mit meiner Idee tolle Wegbegleiter gefunden, die sich gleich zu Anfang getraut haben, mit mir gemeinsam etwas Neues zu wagen. So richtig happy bin ich natürlich dann, wenn der Sender noch vielfältiger wird, weil noch mehr Leute mit ihren eigenen Sendungen dazu beitragen. Denn so verschieden wir alle sind so unterschiedlich sind die Krisen, die uns ereilen und so individuell ist auch die Umgangsweise eines Jeden damit. Mein Grundgedanke war damals, dass oft Berichte in den Medien von Redakteuren geprägt sind, die sich dem Thema Krisen und Trauer versuchen anzunähern, obwohl die meisten nicht wirklich bisher davon in einem größeren Ausmaß betroffen waren. Das merkt man den Sendungen an und so ist die Idee, dass wir es selbst in die Hand nehmen, was über Trauer, den Umgang damit und über unsere Arbeit berichtet wird. 

Was planst Du noch so? 


Musik, Traumreisen, hilfreiche Gespräche und spannende Radiomacher wie den Bestatter David Roth, das bietet Evas neuer Trauersender. Demnächst auch mit einem Beitrag dieses Bloggers.... (Thomas-Achenbach-Foto).

Eva Terhorst: Ich plane das Programm immer dann zu erweitern, wenn sich wieder jemand Neues mit seiner eigenen Sendung anschließt und bin schon sehr gespannt darauf, wie sich alles entwickeln und was noch daraus entstehen wird. Letztendlich versuche ich die Plattform dafür zu bieten, dass wir, die sich um andere Menschen in ihren schlimmsten Lebenssituationen kümmern, sozusagen 24 Stunden am Tag ermöglichen, dass sie eine Art von Hilfe und Orientierung in dem Moment erhalten können, wenn sie es gerade brauchen, bzw. sich nach der einen oder anderen Radio-Sendung auf den Weg machen, um sich Hilfe zu holen. 

Wie ist die Resonanz bislang? 

Eva Terhorst: Dass es jetzt das Trauer-Radio gibt, spricht sich herum. Es hat ja erst vor ziemlich genau zwei Monaten begonnen. Da mich immer mal wieder fremden Personen zu dieser Idee beglückwünschen und auch Anfragen nach eigenen Formaten kommen, denke ich, dass wir vielleicht in einem Jahr nochmal darüber sprechen werden, wie sich das alles so entwickelt hat. 

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen

Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)




Dienstag, 6. Februar 2018

Die merkwürdige Beständigkeit der Gegenstände - wie kann es bloß sein, dass Dinge die Menschen überleben?



Der alte Henkelmann meines Urgroßvaters Adolf Achenbach, mit dem er jeden Tag in Dortmund-Hörde auf Schicht gegangen war - manche Gegenstände werden von Generation zu Generation weitergereicht. Auch wenn das kurz nach dem Tod nicht so klar ist.    (Thomas-Achenbach-Foto)

Osnabrück - Ich weiß noch genau, was ich nach dem Tod meiner Mutter am merkwürdigsten fand... Fast bizarr: Dass all diese Gegenstände noch da waren, so wie immer, aber ihre Benutzerin nicht mehr. Zwar war ich schon längst zuhause ausgezogen und, wenn ich mal in meinem Elternhaus war, dann dort eben als Gast zu Besuch. Aber die Dinge, die es dort gab, waren mir natürlich seit Kindertagen wohlvertraut. Jedes Mal, wenn ich dort so einen Gegenstand gesehen habe wie beispielsweise die Nähmaschine, eine alte Haarbürste oder diese flachen Plastikbehälter mit den Nadeln oder Reißzwecken darin, stellte sich ein ganz komisches Gefühl ein. Dass die Gegenstände so eine Beständigkeit haben weit über den Tod hinaus, ist einerseits logisch, es sind eben Dinge - andererseits aber, auf der Gefühlsebene nämlich, ist es absolut nicht zu verstehen. Und aus vielen Gesprächen mit Trauerndenweiß ich inzwischen: So geht es vielen Menschen in einer Verlustkrise.

Der Prozess entwickelt sich so schleichend, dass wir es gar nicht aktiv mitbekommen: Da haben wir über viele Jahre erlebt, wie ein Mensch einen Gegenstand benutzt hat - und haben dabei kaum bemerkt, wie sehr beides für uns zu einer Einheit verschmolzen ist, die so etwas wie eine Unauflöslichkeit darstellt. Gegenstand und Mensch sind irgendwie eines, sind zusammengehörig. Entfernt man nun einen wesentlichen Teil dieser Symbiose, wirkt das Ganze irgendwie unfertig, fast ungehörig. Denn plötzlich soll das alles irgendwie weiter existieren, ohne seinen zweiten Teil, ohne das Gegenstück? Nur weil dieses Gegenstück sich als tausendfach empfindlicher, weil menschlicher, als eben ein Gegenstand erwiesen hat? Wie soll man DAS denn bitte in den Kopf kriegen? Denn als Barriere davor steht immer noch: Diese Unauflöslichkeit, die nicht zu kappende Verbindung des Dings mit dem Menschen, der es benutzte. 


Nur noch ein altes Paar Schuhe..... sind sie ohne Träger noch etwas wert? Für Menschen in einer Verlustkrise durchaus. Wegwerfen geht da nicht so einfach. Und das ist völlig okay so.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Wie sehr müssen Eltern wohl leiden, die ein Kind verloren haben und die dann vor all diesen Dingen stehen. Spielzeug. Malstifte. Alles, was mal eine Einheit gebildet hatte mit seinem Benutzer. Das zu sehen ist brutal für eine menschliche Seele, na klar, das kann einen innerlich zerreißen. Die Gegenstände wecken zwiespältige Gefühle. Manches Mal erzeugen Sie einen beißenden Schmerz - weil sie plötzlich alljene Bilder in unserem inneren Kopfkino antriggern, die den verlorenen Menschen beim Benutzen der Gegenstände zeigen. Dann wieder nerven sie uns einfach nur. Denn anstatt irgendeine Form von neuem Eigenleben zu entwickeln - wie auch? - tun sie das, was Dinge eben tun: Sie erzeugen durch ihr stumpfsinniges Einfachvorhandensein eine Form von Kümmerungsbedürfnis. Denn das ist ja das allergrößte Problem von Gegenständen - nicht nur in einem Trauerfall, auch sonst: Sie stellen Forderungen. Sie wollen benutzt werden oder wenigstens gut aufgeräumt. Doch gerade das geht oft nicht, wenn eine Trauerkrise über uns hereingebrochen ist. 


Das Umfeld drängt zum Wegschmiss - aber das wäre zu früh


So werden die Gegenstände oft zum Streitpunkt unter Angehörigen. Da liegen auf einmal Dinge in den Schränken, die keine Funktion mehr erfüllen. Wochen, Monate, oft auch Jahre liegen diese Dinge da und nehmen ihren Platz ein. Klar, dass allzu schnell die Forderung laut wird "Das könnt ihr jetzt aber mal wegschmeißen oder weitergeben, oder?" Aber das ist nicht so leicht - Menschen in einer Verlustkrise kommt es oft genauso vor, als würden sie dann den geliebten, gestorbenen Menschen erneut wegschmeißen. Und wer kann das schon? Was es stattdessen braucht: Eine neue Bindung an den gestorbenen Menschen zu finden. Eine, die nicht (mehr) über Gegenstände funktioniert. Aber das geht alles - nicht so leicht. Nicht so schnell. Und solange es sie nicht gibt, wird sie eben bleiben: Die Beständigkeit der Gegenstände. Auch das - gehört dazu.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Ebenfalls auf diesem Blog: So funktioniert der Trauer-Chat im Internet; ein Modell, das immer erfolgreicher wird - Interview mit dem Macher & Moderatoren

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Und im Kultur-Blog des Autors: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag