Donnerstag, 24. Juni 2021

Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen gerne selbst für schuldig erklären - "Hätte ich doch...." - Trauer und Schuld und warum es so wichtig ist, diese Gedanken nicht einfach vom Tisch zu wischen

Osnabrück - "Ich bin schuld am Tod des geliebten Menschen. Es ist meine Schuld. Hätte ich mich anders verhalten, wäre das alles nicht passiert..." Wer den Tod eines anderen Menschen erleben musste, der fühlt sich oft - irgendwie - selbst verantwortlich dafür. Oder er sucht nach Umständen oder andere Menschen, die daran schuld sein können, Ärzte, zum Beispiel. Ganz egal, wie realistisch oder unrealistisch diese Annahme ist: Schuldgefühle (oder Schuldzuweisungen) können in einem Trauerprozess enorm quälend werden - und sie können eine solche Übermacht bekommen, dass sie alles andere überlagern. Manchmal nur phasenweise, manchmal scheinbar dauerhaft, als Gedankenschleifen, die nicht stoppen wollen. Aber warum ist das so? Welche psychologischen Prozesse wirken da an uns Menschen? Und warum ist es alles andere als hilfreich, wenn die Mitmenschen einem Trauernden dann sagen: Natürlich bist Du nicht schuld? Du kannst ja gar nicht schuld sein... 

"Hätte ich doch..." Das ist zuweilen einer der am meisten gesagten Sätze in einer Trauergruppe oder bei einer Einzelbegleitung. Zum Beispiel, wenn sich jemand das Leben genommen hat: Hätte ich doch gemerkt, wie traurig dieser Mensch gewesen ist. Oder wenn ein Mensch an Krebs gestorben ist: Hätte ich ihn oder sie doch eher dazu überredet, zum Arzt zu gehen. Oder wenn ein Baby im Mutterleib gestorben ist: Hätte ich mich doch gesünder verhalten. Und, und, und... Es spielt keine Rolle, wie die Todesumstände genau waren und ob die Trauernden wirklich hätten Einfluss darauf nehmen können. Trauer kann sich in ganz vielen Facetten zeigen. Schuld ist eine davon. Schuld gehört dazu. Schuld erfüllt eine Funktion. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie (nicht Logopädie), hat gesagt: "Wenn wir einem Menschen seine Schuld nehmen, dann nehmen wir ihm auch seine Würde."


(Foto: Thomas Achenbach)


Wie groß das Thema Schuld in einem Trauerprozess werden kann, zeigt sich alleine daran, dass die Trauerbegleiterin Chris Paul ein ganzes dickes Buch alleine nur darüber geschrieben hat: "Schuld Macht Sinn", ist der mehrdeutige Titel dieses Werkes, das inzwischen - berechtigterweise - zum elementaren Bestandteil einer Qualifizierung zum Trauerbegleiter gehört. Der Titel lässt sich zum einen lesen als eine Aneinanderreihung von drei wuchtigen Hauptwörtern. Er lässt sich aber auch lesen wie ein zusammenhängender Satz: Schuld macht Sinn. Dabei handelt es sich zwar um einen dieser modernen Amerikanismen, die sich trotz grammatikalischer Unkorrektheit ins Deutsche geschmuggelt haben ("It makes sense" im Amerikanischen, im Deutschen ginge streng genommen nur: Es hat Sinn oder es ist sinnvoll), trifft aber genau ins Schwarze.

Schuld erfüllt eine wichtige Funktion

Es folgt oft einer tiefsitzenden, inneren Logik, wenn Menschen in einem Trauerprozess Schuldgefühle entwickeln. Und deswegen ist es so enorm wichtig, dass wir den Menschen ihre Schuldgefühle nicht einfach wegreden, diese Aussagen nicht einfach vom Tisch wischen und sagen: Kann ja gar nicht sein. Denn tatsächlich gibt es einen tieferen psychologischen Sinn dafür, dass Menschen sich in einem Trauerprozess mit Schuldfragen herumquälen. Bloß welchen? 

Hier sind sieben Antworten auf diese Frage:


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)


1.) Schuld schenkt Erleichterung. Klingt erstmal bizarr, ist aber so. Weil die Schuldfragen von der Ohnmacht ablenken, die eine Trauersituation fast immer mit sich bringt. Schuld gibt uns das Gefühl, dass die Situation vielleicht doch kontrollierbar gewesen wäre. Über Schuld können wir uns selbst ein Gefühl von Macht und Kompetenz zurückholen, wo es sonst nichts anders gibt als Hilflosigkeit. Und Hilflosigkeit oder Ohnmacht sind die am allerschwersten zu ertragenden Zustände, derer sich ein Mensch ausgesetzt sehen kann. Sie sind eigentlich unaushaltbar. Um sie aushalten zu können, braucht es Techniken, Methoden, Tricks - und da bietet sich die Schuldfrage schnell an.   

2.) Schuldgefühle geben Schutz. Wenn der Schmerz noch viel zu groß ist, um sich dort hindurchzufühlen, ist die Suche nach der Schuld ein hilfreicher Prozess, weil ich mich damit ablenken kann. Die Suche nach der Schuld hat eine Richtung, eine Dynamik, und diese Richtung führt hinaus aus meinem Körper und aus meiner zerschundenen Seele, zurück in die Welt. Und wer sich wieder in der Welt bewegen kann, der muss sich nicht länger mit den Scherben im Inneren auseinandersetzen. Deswegen können Schuldgefühle eine Art von Selbstschutz sein, wenn Menschen sehr gut erspüren, dass sie den inneren Schmerzen (noch) nicht gewachsen sind.

3.) Schuldfragen geben uns Halt. Schuldgefühle liefern eine Erklärung, wo es sonst keine geben kann. Da ist ein Mensch gestorben, ist einfach nicht mehr da - das ist eine Situation der größtmöglichen Überforderung. Für die meisten Menschen ist die Konfrontation mit dem Tod etwas Ungelerntes, Ungewohntes und ebenso Ungeheuerliches. Außerdem ist der Tod etwas ungemein Komplexes. Also suchen wir bewusst oder unbewusst nach Mustern, nach Einfachheit, nach Verstehbarkeit. Vielleicht sogar nach einem Sinn hinter all diesem Geschehen. Es greift letztlich derselbe Wirkmechanismus wie bei Verschwörungstheorien. Komplexeste Sachverhalte runterbrechen auf eine simple Geschichte und jemandem die Schuld dafür geben, das fühlt sich eben einfach besser an als: Die Situation ist nicht auszuhalten, so wie sie ist. Wir wünschen uns etwas, woran wir uns wieder festhalten können. Anstatt weiter ins Bodenlose zu taumeln. 



4.) Schuld hält die Verbindung aufrecht. Zu den größten Ängsten von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise gehört die Sorge, die Erinnerungen an den gestorbenen Menschen zu verlieren, die Verbindung zu dem Menschen zu verlieren. Dahinter steckt die Angst, die Gefühle zu diesem Menschen - also meistens, aber durchaus nicht immer: die Liebe - könnten sich verändern (was sie übrigens auch tun, wenn auch, bei gesunden Trauerprozessen, im Positiven). Wir haben dem Menschen, der gestorben ist, im Leben stets etwas Gutes tun wollen, nun ist der Mensch fort und wir können dies nicht mehr. Vielleicht bleiben jetzt Dinge ungesagt, die noch hätten gesagt werden sollen, vielleicht bleibt etwas Unerledigtes zwischen diesen beiden Menschen, das nicht mehr erledigt werden kann. Wir wünschen uns aber weiterhin ein festes Band, das uns an diesen Menschen festbindet. Also klammern wir uns in unserer Verzweiflung an alles, was in irgendeiner Weise diese Verbindung fixieren kann - und wenn dies eben die Schuldfragen sind, weil sie sich gerade anbieten, dann ist das eben so. 

5.) Schuld kommt direkt aus der Kindheit. "Da bist du selbst schuld dran, siehst Du, das kommt davon". Ein Erziehungssatz direkt aus der Hölle der schwarzen Pädagogik. Wie oft ich mir vorgenommen habe, diesen Satz gegenüber meiner Tochter niemals zu verwenden. Und wie oft das nicht funktioniert hat, weil der eigene Frust, die eigene Wut viel zu groß gewesen sind. Aber auch umgekehrt funktioniert dieser Mechanismus: Sensible Kinder achten schnell auf die Gefühle von Mama und Papa - und vor allem, wenn sie diese Gefühle nicht richtig einschätzen können, glauben sie rasch: Ich bin schuld. So pflanzen wir unseren Kindern bewusst oder unbewusst von Beginn an ein: Jemand oder etwas ist schuld. Das gehört zum Leben so dazu. Und je mehr wir aufwachsen, desto stärker verfestigt sich diese Überzeugung. Etwas ist schiefgegangen - also tritt jemand zurück und übernimmt die Verantwortung. Ein Unfall ist geschehen und die Frage steht im Raum: Wer ist denn schuld? Es muss auf dieser Welt einfach jemanden oder etwas geben, dass schuld ist. Diese Grundüberzeugung ist von Anfang an etwas Urmenschliches. Dann tritt der Tod in unser Leben. Und wir erleben unsere Situation als ungerecht, wir empfinden eine Art von Empörung darüber, dass wir so leiden müssen. Also sind wir auf der Suche nach unserem Recht, um wieder Recht sprechen oder eine neue Balance herstellen zu können. Es muss doch jemand schuld sein. Oder etwas. Muss doch einfach. Oder?



6.) Für Schuld kann es Erlösung geben (oder Strafe). Wenn die Christen das Vaterunser beten, heißt es darin: "Vergib uns unsere Schuld..." - Vergebung für die Schuld, dieser kirchengeprägte Wirkungsprozess ist immer auch gekoppelt an die Idee von Erlösung. Oder wenigstens Erleichterung. Und auch, wenn die Kirchen und ihre Riten in unserer modernen Welt immer mehr an Einfluss verlieren, haben sich viele religiöse Überzeugungen als Tradition so stark festgesetzt, dass sie unsere inneren Wertekanon noch sehr stark prägen. Wer sich also zu seiner Schuld bekennen kann, der hat eine Chance, dass er dafür (von einer höheren Macht) die Vergebung erlangen kann, das scheint ein Wirkprinzip zu sein, das offenbar noch immer funktioniert. Und wer in einem starken Leidensprozess gefangen ist, mitten in einem menschlichen Krisengeschehen wie es die Trauer ist, der klammert sich gerne an jeden Strohhalm, den er kriegen kann. Also: Erlösung vom Leiden möglich machen, indem man sich als Schuldigen bekennt. Warum nicht? Das hat schon 2000 Jahre lang gut funktioniert. Andersherum tut es Menschen, die sich zu ihrer Schuld bekennen, oft gut, wenn sie eine Strafe erhalten. Dann wird das Leiden durch den Tod zur "gerechten" Strafe für die "eigene Schuld" interpretiert.  

7.) Schuldfragen folgen alten Muster. Wenn wir uns selbst für (vermeintliche) Fehler verantwortlich machen, kann das ein schon lange vorher erlerntes Muster sein, das uns bereits unser ganzes Leben lang begleitet hat. Wer als Mensch dazu neigt, auch außerhalb des Kontextes von Trauer oft Fehler bei sich zu suchen (und erfolgreich zu finden), hat einen enormn hohen und letztlich unerfüllbaren Anspruch an sich selbst und an die Welt, in der er lebt. Wer zum Perfektionismus neigt, lebt näher an Schuldfragen als andere. Wer sich selbst viele Regeln auferlegt hat, bewusst oder unbewusst, und wer besonders folgsam leben will, der wird sich zwangsläufig, gefühlt, "schuldiger" machen müssen als Menschen, die hier innerlich flexibler bleiben können. So sind manche Schuldgefühle Ausdruck von überzogenen Erwartungen, die ich an mich selbst habe. 

Was lässt sich auf einer gefühlte Schuld antworten?

Bleibt bloß noch die Frage: Was können wir einem Menschen sagen, wenn dieser sich schuldig fühlt - oder wenn er anderen die Schuld gibt? Wie kann man Menschen erreichen, die sich so scheinbar unlogische und für Außenstehende oft nur schwer nachvollziehbare Gedanken machen? Es kann hilfreich sein, den Menschen zu spiegeln: Wenn es für Dich und Deinen eigenen Prozess jetzt gerade wichtig ist, diese Schuldgefühle zu haben, dann kann ich mir gut vorstellen, dass diese Gefühle gerade eine Funktion erfüllen können. Andererseits, so ließe sich ergänzen, frage ich mich manchmal, was Schuld überhaupt ist?



Denn Schuldgefühle sind ja alleine per Definition keine tatsächliche Schuld. Und eine juristische Schuld, die vor Gericht festgestellt wird, ist wiederum eine andere Form von Schuld als eine selbstgefühlte. Es stellt sich also die Frage, ob es so etwas wie Schuld überhaupt gibt, objektiv gesehen - und vor allem: Wer darüber zu entscheiden hat. Wenn sich Dein Gesprächspartner auf eine solche Diskussion über Schuld einlassen kann, könnt Ihr ein anderes Level erreichen, auf dem ein anderes Nachdenken über diese Prozesse möglich sein kann.  

So unsinnig es klingen mag: Es kann für den eigenen Weg sinnvoll sein, Schuldgefühle zu haben, ohne eine Schuld zu haben, jedenfalls für einen gewissen Zeitraum. Es kann andererseits auch sein, dass diese Schuldgefühle eine krankhafte Übersteigerung erfahren und gar nicht mehr weichen wollen. Wenn sich dieser Zustand dauerhaft verfestigt, könnte das der Ausdruck einer verkomplizierten Trauer sein, über die derzeit viel diskutiert wird. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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