Sonntag, 22. Januar 2023

"Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen?" - warum diese Frage immer wieder ein wichtiges Thema im Alltag ist und wieviel Verständnis auch die Nicht-Betroffenen in ihrer Unsicherheit brauchen - Tagebuchnotizen aus meinem Trauerbegleiterleben, Januar 2023

Ein guter Freund berichtet beim gemeinsamen Abendessen von einer jungen Familie, die er gut kennt und deren Kind kurz nach der Geburt gestorben ist. Und von seiner eigenen Hilflosigkeit angesichts dieses Prozesses. Und wie so oft steht die Frage im Raum: Sollten wir den Verlust denn überhaupt ansprechen, macht das die Betroffenen nicht noch trauriger als sie ohnehin schon sind? Das ist eine wichtige Frage, die mit gutem Recht immer wieder aufs Neue besprochen sein will. Für mich ist es außerdem ein neuerliches Anzeichen dafür, wie wichtig es sein kann, dass es "Traueraktivisten" gibt (das Wort prägte eine gute Kollegin), die diese Themen immer wieder in die Gesellschaft tragen und für ein gegenseitiges Verständnis werben. 

Denn das ist so wichtig, finde ich: Verständnis für beide Seiten aufzubringen, eben auch für diejenigen, die nicht akut von dem Trauerfall betroffen sind. Denn wer kann sich schon komplett freisprechen von diesen Unsicherheiten? - Also, ich gewiss nicht. Nicht im Privaten, jedenfalls, so ganz ohne professionelles Setting, trotz all meiner tagtäglichen Beschäftigung mit diesen Themen.

Darin spiegelt sich die Unsicherheit unserer Gesellschaft wieder, wie sich mit allen Themen rund um Tod, Trauer und Sterben souverän umgehen lässt. Einer Gesellschaft, die Tag für Tag zigtausend Fernsehkrimi-Unterhaltungstode aushält, aber bei einem echten Kontakt mit dem Tod immer wieder ganz ratlos davorsteht, weil ihr alle Konventionen abhanden gekommen sind. Und mir wird durch die Frage immer wieder bewusst, wie wichtig doch zwei wesentliche Botschaften und ihr stetiges Wiederholen sind - nämlich diese beiden



1.) Nein, es macht die Menschen nicht trauriger, ganz im Gegenteil. Menschen, die einen solchen Verlust erleiden mussten, sind innenraumgreifend ausgefüllt von diesem Kummer. Und das über einen sehr langen Zeitraum, dazu weiter unten gleich mehr. Den Verlust ins Wort zu bringen, ist das, was hilfreich sein kann: Jede Anerkennung dieses Verlusts und dieses Schmerzes kann eine wichtige Unterstützung für die Betroffenen in ihrem Prozess sein. Es anzusprechen, erstmal ganz sanft und vorsichtig, ist nie verkehrt. Es totzuschweigen schon eher, auch wenn ich gut verstehen kann, wie groß die Unsicherheit bei allen Nicht-Betroffenen ist. Deswegen als Ermutigung: Das Wichtigste (und das Einfachste), was du tun kannst, ist, den Menschen mit ihrem Verlust einfach zuzuhören. Nur zuhören, auch wenn sie sich vielleicht oft wiederholen. Und, nein, du brauchst selbst nichts dazu sagen. Gar nichts, wirklich. Stell Fragen. Das reicht. Ehrlich. Du machst ihnen ein großes Geschenk (und sehr viel mehr machen wir in der Trauerbegleitung auch nicht, ehrlicherweise, nur halt aus einer verinnerlichten Haltung heraus).  

2.) Die Betroffenen haben mit ihrem Trauerfall lebenslänglich. Ein solcher Schmerz bleibt nicht nur über Wochen oder Monate, auch seine Intensität nimmt nicht allzu bald ab. Ein solcher Schmerz bleibt über Jahre, mehrere, viele, von denen die ersten zwei oder drei oft besonders hart sein können. Ich denke da an verwaiste Eltern - Mütter wie Väter -, die mir so etwas gesagt haben wie: "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke" - auch noch Jahrzehnte nach dem Ereignis. Die Wunde mag irgendwann vernarben, aber die Narbe bleibt dick und fett in der Seele kleben und reißt immer mal wieder auf. In all diesen Jahren brauchen die Hinterbliebenen Freunde, die treu sein können, auch wenn das für die Freunde selbst hart werden kann. Aber das ist es, worum es geht: Es geht ums Aushalten. Das ist so wichtig.

Übrigens, was "Traueraktivisten" angeht, eine Notiz noch dazu:

 



Das Wort gefällt mir immer besser. Geprägt hat es meine Kollegin Iris Willecke. Ich finde es super. Klar, eine gewisse Nähe zu den Themen Klima und Klebstoff ist nicht von der Hand zu weisen. Ebenso wie der Vorwurf, auf eine terroristische Art und Weise etwas brutal in die Gesellschaft zu tragen, das vielen missfällt. Trauerterrorist, das passt genausogut. Trauer ist oft auch Terror. Für die Hinterbliebenen vor allem


----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Okay, na gut, "Männer trauern anders", aber warum denn eigentlich - wie kommt das und was müssen wir berücksichtigen?

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

------------------------------------------------------------------------------------------


Montag, 16. Januar 2023

Trauer-Fundstücke: "Männer sind oft unsicher und hilfsbedürftiger bei emotionalen Themen", sagt einer, der sich um trauernde Männer kümmert - es gibt immer mehr Angebote für trauernde Männer, darüber freue ich mich - Wandergruppen und Kochgruppe weiter sehr gefragt

Immer mehr Angebote gibt es jetzt in Deutschland, die trauernde Männer in den Blick nehmen und ihnen entgegenkommen. Darüber freue ich mich ganz besonders. Aktuell neu dazugekommen sind Gießen und Bonn. 

So berichtete die Gießener Zeitung in ihrem Lokalteil am 28. 12. 2022 über den Trauerbegleiter Helmut Stanzel. Der 67-Jährige, der 2015 selbst seine Frau verloren hatte, sei eine Besonderheit, weil Männer in der Trauerarbeit generell eine Seltenheit seien. Helmut Stanzel selbst wird mit dem Satz zitiert: "Männer sind oft unsicher und hilfsbedürftiger bei emotionalen Themen". Deswegen bietet der Trauerbegleiter Einzelgespräche speziell für Männer an (Weitere Infos über info@hospiz-verein-giessen.de, hier geht es zur Onlinefassung des Artikels). Es gibt noch ein zweites neues Angebot.



Keine Einzelgespräche, aber eine Wandergruppe für trauernde Männer, darum geht es in einem Artikel aus dem Bonner Generalanzeiger, der mir als Ausschnitt vorliegt. Der Text stammt aus Januar 2023 und berichtet über die Hospizinitiative "unter dem Kreuzberg" bei Bonn. Zitiert wird der Initiator Gerhard Kleefuß mit den Worten: "Männer tun sich oftmals schwer damit, Gefühle zu zeigen, und öffnen sich nur selten anderen gegenüber". Deswegen startet die Initiative am Samstag, 14. Januar 2023, mit einer neuen Wandergruppe (keine Onlinefassung des Artikels auffindbar, Infos über info@hospizinitiative-kreuzberg-bonn.de).  

Sogar das Fernsehen berichtet über Männertrauer

Noch vor einer Woche hatte ich hier bereits auf einen Fernsehbeitrag hingewiesen, der über die vielfältigen Männerangebote des ambulanten Hospizdienstes am Alfried-Krupp-Krankenhaus in Essen im Ruhrgebiet berichtet und ebenfalls zeigt, wie gut diese angenommen sind. Auch hier wird gemeinsam gekocht, gewandert (per Fahrrad) und viel mehr - der Beitrag findet sich noch in der RTL-Mediathek.  


(Foto: Thomas Achenbach)


Es bestätigt sich immer wieder und allerorten: Wandergruppen und Kochgruppen, das sind nach wie vor die Klassiker, die richtig gut angenommen werden, wenn es um Angebote für trauernde Männer geht. All diese Angebote sowie die oben angeführten Zitate sind mir eine wohltuende Bestätigung darin, dass es eben weiterhin eine Generation von Männern gibt, die jenem Bild entsprechen, wie ich es beim Schreiben meines Buches "Männer trauern anders" im Kopf hatte. Auch wenn sich derzeit ganz viel tut in unserer Gesellschaft, auch wenn die jungen Generationen ganz anders ticken, ist es weiterhin wichtig, diese "klassischen Männer der Marke Kriegskinder und Kriegsenkel" nicht aus dem Blick zu verlieren. 

Ein herzliches Danke meinerseits an all die ehrenamtlichen Initiatoren und Helfer


----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

------------------------------------------------------------------------------------------


Samstag, 7. Januar 2023

Jetzt berichtet sogar RTL über die gemeinsam kochende Männer-Trauergruppe in Essen, bei der ich als eine Art Impulsgeber und Geburtshelfer fungieren durfte... Wie ein erfolgreiches Angebot für Männer in Trauer funktioniert und warum es so gut angenommen wird

Im September 2021 durfte ich als eine Art Geburtshelfer fungieren - ich war nach Essen ins Ruhrgebiet gefahren, um mit einem Vortrag in einer Auftaktveranstaltung ein neues Angebot aus der Taufe zu heben: Eine Trauergruppe nur für Männer. Eine Gruppe, die seither ganz viel gemeinsam unternommen hat und weiterhin unternimmt. Jetzt hat sogar der Fernsehsender RTL über die Trauergruppe und ihre Aktivitäten berichtet.

In dem sehenswerten Beitrag kommt ein um seine Frau trauernder Mann ebenso zu Wort wie der Initiator des Angebots, Harald Genge, der die Männergruppe gemeinsam mit dem Ambulanten Hospizdienst des Alfried-Krupp-Krankenhauses ins Leben gerufen hatte - und mich freundlicherweise zum Auftakt eingeladen hatte. Außerdem ist als Schirmherr und als Leiter der Kochgruppe der Fernsehkoch Patrick Jabs zu sehen - der RTL-Beitrag ist unter diesem Link zu finden. Übrigens trägt die Männergruppe einen Namen, der mir sehr gut gefällt.



Denn es ist gleichzeitig der Titel meines Buches: "Männer trauern anders". Zu den Aktivitäten gehören unter anderem gemeinsame Fahrradfahrten, Anti-Aggressions-Trainings, Fitnessangebote oder Weintastings. Und mehr. Alle Informationen zu Männer trauern anders in Essen gibt es in einem Flyer des Ambulanten Hospizdienstes, der unter diesem Link zu finden ist.

Ein wertvolles Angebot, das gut angenommen ist und das erneut zeigt, wie wichtig es ist, dass Männer in Trauer - zumindest einer bestimmten Generation - anders angesprochen werden als Frauen. Es gibt noch weitere tolle Angebote, dazu in Kürze mehr auf diesem Blog.

Hier der Direktlink zum RTL-Beitrag: Bitte hier klicken.

Und der Direktlink zum Flyer "Männer trauern anders": Bitte hier klicken.


----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Neue Serie - Das Trauer-Zitat des Monats - Auftakt und Folge 1 aus dem Januar 2023

Ebenfalls auf diesem Blog: "Er hätte so gerne noch gelebt"... - und was hat er vom Leben gehabt? So erkennst Du, ob Du auf einem guten Lebens-Weg bist 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn", warum hört man das so oft - eine ganz persönliche These dazu, was dahintersteckt

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie der Suizid der Mama das System einer Familie ins Wanken bringt, eindrucksvoll erzählt in einem sensiblen sehenswerten Film

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

------------------------------------------------------------------------------------------

Sonntag, 1. Januar 2023

Das Trauer-Zitat des Monats - #Januar 2023 - bemerkenswerte Sätze über Trauer, Tod und Sterben aus Literatur, Interviews und Zeitschriften, Teil 1

 


"Menschen, die vor kurzem jemanden verloren haben, zeigen einen bestimmen Ausdruck, wahrscheinlich nur für diejenigen wahrnehmbar, die diesen Ausdruck schon auf ihren eigenen Gesichtern gesehen haben. (...) Es ist ein Ausdruck extremer Verletzlichkeit, Nacktheit, alles ist sichtbar."

Joan Didion, Das Jahr magischen Denkens

(List-Verlag, Berlin, 2008/2017, Seite 84)


-------------------------------------------------------------------------------------------