Mittwoch, 24. August 2016

Tipps für den Umgang mit Trauernden und für Trauernde selbst - von einer Sternenkind-Mutter, die selbst in Trauer war und ist... Was hilft, was kann getan werden? Anregungen von Karin Grabenhorst, Autorin des Buchs "Siris Reise"


Osnabrück - Was hilft Trauernden wirklich? Was können Freunde, Verwandte und Angehörige tun, was können sie erwarten? 


Es ist inzwischen ein paar Monate her, dass ich hier auf diesem Blog ein Interview mit Karin Grabenhorst, Vorstandsmitglied im Verein der verwaisten Eltern und Geschwister (VEID), veröffentlicht habe - parallel dazu hatte mir Karin Grabenhorst noch wertvolle Hinweise zum Umgang mit Trauernden mitgeschickt, die ich mir für eine spätere und separate Veröffentlichung aufbewahrt hatte, weil sie so gut sind und ein eigenständiges Thema bilden. Hier sind ihre Anregungen: 

Karin Grabenhorst war im Sommer 2015 eine der Mit-Organisatorinnen der Tagung "Mourning In Motion" in Frankfurt, zu der ein "Walk To Remember" gehört.      (Björn-Buder-Foto mit freundlicher Genehmigung)

"Jede Trauernde/jeder Trauernder hat Erfahrungen, was ihr oder ihm in der Trauer gut getan hat oder eben nicht. Grundsätzlich würde ich das, was mir selbst nicht gut getan hat, auch nicht weitergeben - vorausgesetzt natürlich, ich habe es reflektiert... Ich empfinde es so, dass in der Kommunikation mit Trauernden eine große Unsicherheit besteht - und insbesondere nach dem Tod eines Kindes. Während der Tod eines Vaters oder z.B. eines Arbeitskollegen irgendwie nachvollziehbar ist (und für viele trotzdem schwer zu kommunizieren), ist bei einem Kind die biologische Reihenfolge ausgehebelt, das macht viele einfach sprachlos. Bevor ich mich aber in irgendwelchen Floskeln verliere, den den Eltern eher schaden (da gibt es für mich echte No Gos, die Original-Aussagen zitiere ich weiter unten), lieber zur Sprachlosigkeit stehen ( "Es macht mich so betroffen, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll"), wenn einem eine trauernde Mutter, mit der "eigentlich" befreundet bin, auf der Straße entgegenkommt, anstatt die Straßenseite zu wechseln - das kommt leider immer wieder vor. "


Hilfreich für Trauernde: Hilfsangebote im Alltag, Einkäufe, etc.


Aber was hilft Trauernden? Was kann man für sie tun? Dazu schreibt Grabenhorst: "Eine Möglichkeit ist auch, zu handeln: Ich weiß, dass sich Trauernde über kleine Aufmerksamkeiten freuen können: ein Teller mit Obst, mit einem Gruß vor die Tür stellen - oder noch besser, abgeben. Das Angebot, Besorgungen zu machen - einfach kleine Unterstützungen, die im Alltag helfen, auch mit dem Wissen, dass es auch abgewiesen werden kann, was natürlich nicht persönlich gemeint ist, vielleicht passte es gerade nicht."


Nicht abtauchen und nicht erwarten, dass es "wieder wird"


Und es gibt noch mehr, was Freunde, Angehörige und Bekannte tun können - Grabenhorst schreibt weiter: "Grundsätzlich gilt: Nicht abtauchen, sondern sich immer mal wieder anbieten - auch dann, wenn das Ereignis schon einige Zeit her ist. Nicht erwarten, dass die Trauernden wieder so werden wie früher ("Ist doch schon vier Wochen her - nun ist auch mal gut gewesen!") Es hängt gerade beim Tod eines Kindes von vielen Bedingungen ab. Und bitte niemals den Satz "Du bist ja noch jung - du kannst doch noch Kinder kriegen" auch nur denken! Kein Kind kann ersetzt werden, auch nicht, wenn es vor der Geburt gestorben ist, denn jede Trauer ist individuell und verdient ihren eigenen Raum." Übrigens gibt es auch für die Trauernden selbst etwas, was vielleicht hilfreich sein kann - und Karin Grabenhorst hat es vorgemacht: 



"Siris Reise" beschreibt den Weg einer Kinderseele in die Ewigkeit - unterwegs trifft sie mythische Tiere, den Wind und andere Gefährten. Die Autorin Karin Grabenhorst hat ihrer Trauer in diesem Buch eine Form gegeben.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Nämlich kreativ tätig werden. Der Trauer eine Gestalt oder Form geben, ihr Worte, Farben, Leben geben und sie sich aus der Seele malen, schreiben oder gestalten. Karin Grabenhorst hat ihre persönlichen Gedanken und Erfahrungen im Zusammenhang mit ihrer Sternenkind-Geburt in eine von ihr geschriebene Geschichte verpacken können, die sie - mit selbstgemalten Bildern als Illustrationen versehen - als Buch herausgegeben hat (aus dem später sogar ein Theaterstück wurde): "Siris Reise" heißt es und es beschreibt die Stationen einer Kinderseele auf ihrem Weg in die Ewigkeit - und wie schön der Wind ihr dabei helfen kann. Es sind Bilder wie diese, aus denen heraus der innere Trost spürbar wird, den Grabenhorst beim Schreiben empfunden haben könnte. Das macht dieses Buch zu etwas tatsächlich Besonderem. 

Vielen Dank an Karin Grabenhorst für die wertvollen Hinweise und Gedanken! Mehr über die Autorin, Künstlerin und Trauerbegleiterin unter www.karingrabenhorst.de.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Donnerstag, 11. August 2016

Warum es manchmal so weh tut, sich Fotos anzusehen - und warum Trauernde für einen dankbaren Rückblick auf Erlebtes selten in der Lage sind

Osnabrück (eb) - Sich alte Fotos anzusehen, auf denen auch die Verstorbenen zu sehen sind, ist ein zweischneidiges Schwert. Vielen Trauernden fällt das besonders schwer. Eine so radikale, weil unmittelbare Auseinandersetzung mit dem, was einstmals so schön gewesen ist, fährt dann oftmals wie ein Messerstich in die Seele. Der Boden tut sich auf, der erlittene Verlust wird überdeutlich. Und das ist verständlich so: Denn jedes Mal, wenn wir etwas fotografieren, ist der Verlust des Erlebten ja bereits in dem entstehenden Bild angelegt. Weil sich ja gar nicht alles festhalten lässt, was einen Augenblick des Lebens so ausmacht. Daraus lässt sich viel lernen - über das Leben und über das Trauern...

Der Fotograf Clark Little – bekannt für seine Fotos sich brechender Meereswellen – hat einmal gesagt: "Ich gehe dorthin, wo es wunderschön ist – und wehtut" („I’m going where it’s beautiful – and hurts“). In diesem kleinen Satz steckt mehr Weisheit drin als es zunächst den Anschein macht. Denn die Formulierung lässt bewusst offen, ob der Fotograf hier zwei unterschiedliche Orte beschreibt, zu denen er geht – oder ob es sich um ein- und denselben Ort handelt. Kann Schönheit weh tun? Kann das Foto eines großartigen Lebensaugenblicks auch Schmerz vermitteln? Vermutlich kann es das. Man muss nicht einmal in einer Trauerphase sein, um das zu ahnen. 

Tut weh: Alte Fotos angucken.   (Thomas-Achenbach-Foto)

"Jedes Foto enthält den kommenden Schmerz des Verlusts - schon in seinem Entstehen": So oder so ähnlich lautet ein Satz, den ich jüngstens im Internet entdeckt hatte. Und den aufzuschreiben ich leider, leider versäumt habe (und das, obwohl ich dauerhaft ein "Supernotizbuch" für alle Angelegenheit bei mir herumtrage, sehr ärgerlich), weswegen ich leider nicht mehr sagen kann, von wem die Worte stammen. Aber die dahinter liegende Philosophie spricht mich an. Denn was ist ein Foto? Es ist das Abbild eines als wertvoll erlebten Augenblicks, einer Glückssekunde. Und wie nicht nur Trauernde erleben: Jeder Augenblick kann ebenso schnell vorbei sein wie er gekommen ist - und Deine ganze Welt kann sich von einem Moment auf den anderen genauso radikal verändern.


Das muss trainiert werden: Das Gute im Leben wahrzunehmen


Insofern kann die Fotografie eben auch eines sein: Eine Wahrnehumgsschulung. Meinend: Eine Schulung darin, den soeben erlebten Augenblick (oder, um den Bogen in zen-philosophischer Hinsicht noch weiter zu spannen: Atemzug) bewusst wahrzunehmen und zu würdigen. Das ist übrigens eine Fähigkeit, die richtig trainiert werden muss und die nicht automatisch kommt - meiner Meinung nach muss sie ständig trainiert werden. Denn wir Menschen sind schon rein evolutionstechnisch darauf gepolt, vor allem auf das Negative zu achten (Achtung, Gefahr, jetzt das Überleben sichern). Idealerweise beginnt ein solches Training in einer Nicht-Trauerphase, es ist aber auch während des Trauerns - in begrenztem Umfang - möglich (dazu später mehr auf diesem Blog). 


Nicht hilfreich: "Ihr hattet doch eine so schöne Zeit..."


Was Trauernden besonders weh tut, ist ein unbedachter Satz wie "Ihr hattet doch eine schöne gemeinsame Zeit, dafür kann man ja dankbar sein". Es gibt einen Verlustschmerz, der das Gefühl von Dankbarkeit für eine Weile aus dem Leben ausschließt. Trauernde sind für einen dankbaren Rückblick auf Erlebtes dann kaum in der Lage, weil alles andere noch zu groß ist. Vielleicht kommt es irgendwann zurück, wenn die Wellen des Schmerzes nicht mehr alles mit sich fortspülen - aber das braucht eine - unter Umständen lange - Zeit. In der Zwischenzeit ist es verständlich, wenn die Bilder erstmal liegenbleiben. Unangesehen. Und letztlich gilt auch für Fotos doch auch das, was für alle Dinge gilt: Das wirklich Wichtige hat man im Herzen. Oder?


Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert eigentlich Trauerbegleitung? Was bringt sie? Und wird das Ganze von den Krankenkassen bezahlt - hier klicken...

Ebenfalls auf diesem Blog: Menschen können wieder lernen, Trauernden unbefangen zu begegnen - neues Buch macht sich für eine neue Trauer- und Bestattungskultur stark

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)

Und außerdem im Kultur-Blog des Autors: Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt, was die Branche noch Spannendes plant und warum sie medial gesehen zwischen allen Stühlen sitzt - ein Interview rund um Rock'n'Roll & Oper im Kino

Mittwoch, 3. August 2016

Tipps für den Umgang mit Trauernden: Was sage ich in einem Trauerfall? - Was kann ich zu Trauernden sagen? Warum das "Mein Beileid" immer noch eine gute Reaktion ist

Osnabrück - Menschen in einer Verlustkrise erleben so etwas gelegentlich: Wenn sie nach einem Todesfall mit den offiziellen Behörden, aber auch mit Nachbarn oder Bekannten zu tun haben, wird ihnen gegenüber oft kein Beileid (mehr) ausgedrückt. Was früher gang und gäbe war und zum guten Ton gehörte, scheint inzwischen verlernt zu sein. Nun ist sicher nicht alles, was "früher einmal so gewesen ist", immer gut und auch gesellschaftliche Normen dürfen, sollen, ja, müssen sich entwickeln. Im Falle des "Mein Beileids" allerdings beschleicht einen ein anderes Gefühl.

Es ist das ungute Gefühl, dass es sich hierbei vor allem um Unsicherheiten, ein Nichtwissen oder sogar ein Nicht-umgehen-können handelt, die dieser höflichen Versicherung im Wege stehen. Es ist also an der Zeit für eine Ermutigung an alle Unsicheren: Sagen Sie ruhig "Mein Beileid", wenn Sie vom Tod eines Menschen hören (oder sprechen Sie ihre eigene Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit im Umgang mit dem Tod ganz offen an). Okay, klar: Die Fragen, die sich viele stellen, sind natürlich berechtigt.

Oh, da kommt ja einer, der einen Menschen verloren hat.... Und was sagen wir jetzt? Die Unsicherheiten sind oft groß, das Thema macht den Menschen Angst.    (Thomas-Achenbach-Foto)

"Einfach nur ,Mein Beileid' - das kommt mir so unpersönlich vor..." - schreibt jemand im Portal "Gutefrage.net." Ob es nicht bessere Sätze gäbe, lautet seine Frage. Ein anderer fragt sich, ob er beim Sagen von "Mein Beileid" die Hand geben sollte oder nicht. Und wiederum ein anderer beklagt, dass er das mit dem "Beileid" doch nicht sagen könne, wenn es nicht aus tiefstem Herzen mitempfunden sei. Das ist wohl tatsächlich eine Hürde, die viele Menschen davon abhält, diese Formulierung zu benutzen. Lieber suchen sie nach etwas Persönlicherem oder nach etwas wirklich Gefühltem. Das sind allerdings sehr hohe Ansprüche, die da aufgebaut werden - und sie können zur Folge haben, dass vor lauter Unsicherheit lieber nichts gesagt wird. Aber: Alles ist besser als ein bedrücktes Schweigen. Denn Trauernde stecken in einer hochsensiblen Phase ihres Lebens und nehmen auch kleinste Gesten dankbar an. Und sei es auch nur eine Floskel, die nun einmal dazugehört. 


Ist es eine Frage des "guten Tons"?


Denn zumindest, was offizielle Stellen angeht, sollte das "Mein Beileid" einfach zum guten Umgangston dazugehören. So wie das "Guten Tag" beim Begrüßen, das "Mit freundlichen Grüßen" auf dem Brief oder die schriftliche Anrede "Sehr geehrte Damen und Herren" bei Menschen, die man nicht besser kennt. Es ist eine Frage der allgemeinen Höflichkeit und eine kleine Geste zusätzlicher Aufmerksamkeit - die Frage, ob Sie beim Aufsagen dieser Floskel wirklich ein zutiefst empfundenes Beileid mit den Trauernden teilen können oder nicht, stellt sich letztlich nicht, denn realistisch betrachtet erwartet das auch keiner (selbst den im Allertiefsten Trauernden ist irgendwie klar, dass der Finanzbeamte beim Ausfüllen der entsprechenden Steuerbescheinigungen keine Abschiedstränen verdrücken wird - und ähnlich).

Je enger der Kontakt, desto vielgestaltiger die Möglichkeiten


Irgendeine Geste allerdings wird durchaus erwartet - das ist auch richtig so. Die entscheidende Frage ist natürlich, wie in allem, was mit Trauer zu tun hat: Wie eng sind sich der Mensch, der einen Verlust zu beklagen hat, und derjenige, der ihm einen guten Wunsch mitgeben möchte? Je näher und enger der Kontakt, desto persönlicher kann eine Beileidsbekundung ausfüllen - manchmal reicht dann auch einfach eine Umarmung, ein zusätzliches Sich-die-Hände-drücken. Auch im Schweigen. Ist der Kontakt gut und eng, muss dazu nicht unbedingt etwas gesagt werden. Aber wem es nun einmal schwerfällt, etwas Persönliches zu übermitteln oder auszudrücken, der kann es auch bei einem simplen Beileid belassen. Das ist schon in Ordnung. Aus dem allgemeinen Umgangston verschwinden sollte es jedenfalls nicht...

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Nur Mut, keine Scheu: "Mein Beileid" sagen ist besser als gar nichts sagen.   (Thomas-Achenbach-Foto)