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Montag, 12. Juni 2023

Eine großartige Idee, unbedingt zum Nachahmen geeignet: Ein "Trauerautomat" auf einem Friedhof, der mit vielen liebevollen Kleinigkeiten Menschen in ihren seelischen Prozessen unterstützt - in Zürich inzwischen abgebaut, nachahmenswert auch hier (mein Trauer-Fundstück im Sommer 2023)

(Alle Fotos: Züricher Hochschule der Künste, ZHdK, mit freundlicher Genehmigung)

Zürich - Auf dem größten Stadtfriedhof in Zürich hat es mehrere Jahre einen Trauerautomat gegeben – gefüllt war er mit Produkten, die Trost spenden und zum Nachdenken anregen sollten. Über den Automaten hatte der Südkurier aus Konstanz berichtet, hat diesen Bericht aber inzwischen wieder von der Website genommen. Dennoch ist mir der Automat eine Erwähnung auf meinem Blog wert - als nachahmenswerte Anregung für Friedhöfe allerorten. Zu sehen ist der unter anderem auf einer Website der Züricher Hochschule der Künste (ZHdk), und zwar unter diesem Link. 

Was war alles drin im Trauerautomaten? Unter anderem Grabkerzen, Taschentücher, schwarze Trauerschleifen zum „Trauer tragen", Teebeutel oder Rosenkränze, aber auch Seifenblasen oder ein faltbares Papierschiff, das dazu einlädt, die Trauer treiben zu lassen. „Jedes Produkt hat seinen Zweck“, so hatte es die Studentin Lea Hofer, Absolventin der Fachrichtung "Style and Design" - also Produktdesignerin -, dem Südkurier im Interview gesagt. Sie hatte den Trauerautomaten entworfen. Es sei darum gegangen, Trauer zuzulassen, Trauer zu zeigen oder sich Zeit für seine eigene Trauer zu nehmen.


  

Ich finde die Idee großartig: Kleine Rituale zum Mitnehmen, die Tiefe der Trauer kombiniert mit einer spielerischen Note, kleine Mitbringsel, die bei der Bewusstwerdung helfen können. Seifenblasen, zum Beispiel, wunderbar schillernd, gleichsam so kurzlebig, zerplatzen so schnell, das macht einem vieles klar. Trauerschleifen zum Tragen lassen die Gefühle nach außen sichtbar werden. Solcherlei Produkte sind sinnvoll für den Trauerproess - so etwas hätten sich gewiss manche der Menschen gewünscht, die ich habe begleiten dürfen.

Ein Unikat - und eine Besonderheit

Der Automat war übrigens das Ergebnis einer Bachelorarbeit - und es gab tatsächlich nur diesen einen (auch wenn ich persönlich davon überzeugt bin, dass ein solches Konzept in Serie gehe sollte, alleine schon, weil es so wohltuend ist). Zum Start hatte der Automat den Berichten zufolge nur im Gebäude der Hochschule gestanden, bevor er auf den Stadtfriedhof Sihlfeld - Zürichs größten Friedhof - umzog. Das war im Jahre 2018. Einziges Problem: Der Automat hat wirklich viel Arbeit gemacht.



Denn wie auf dem Portal der Hochschule zu lesen ist, hatte die Studentin und Betreiberin Lea Hofer alle Produkte selbst gefaltet, hergestellt und den Automaten regelmäßig damit bestückt. Das hatte sogar das weltweite Internetportal "Atlas Obscura" zum Anlass genommen, über den Automaten zu berichten und ihn lobend zu erwähnen. 



Doch wie in einem im Internet auffindbaren Reisebericht aus dem Jahr 2023 zu lesen ist, steht das Gerät leider nicht mehr auf dem Friedhof. Das ist angesichts der Arbeit, die es gemacht hat, verständlich - und dennoch schade.

Ein weiteres Trauerfundstück: Find ich gut, wenn sogar Top-Liga-Sportvereine sich auf ihrer Website dem Thema Trauer zuwenden - lobenswertes Beispiel von der SG Flensburg-Handewitt (bitte hier klicken, um zum Beitrag zu kommen).

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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> NEU: "Das ABC der Trauer" (Patmos-Verlag, Herbst 2023)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag).
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de. 

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Ein neuer Raum und neue Möglichkeiten - wo ich in Osnabrück jetzt Trauerbegleitung anbieten darf (weiterhin auch als Spaziergang)  

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

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Montag, 27. März 2023

Ein neuer Raum und neue Gesprächsmöglichkeiten: Warum ich meine Trauerbegleitung in Osnabrück jetzt auch im so genannten Leisen Speicher anbieten darf - und gleichzeitig weiterhin meine Angebote für gemeinsame Trauerspaziergänge aufrechterhalte


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)


Osnabrück - Seit geraumer Zeit darf ich meine Einzelbegleitungen in einem neuen Raum in Osnabrück anbieten - einen Raum, der sich bereits verändert hat, aber immer noch eine wundervolle Atmosphäre bietet: Gelegen im so genannten Leisen Speicher, einem Gebäude, in dem sich allerlei Kreative, Grafikerinnen, Coaches und andere Selbstständige versammelt haben, ist es ein Ort, der perfekt geeignet ist für Begleitungen. Wir sind unter uns, umgeben von Backstein und Beton, in einer postindustriellen, inspirierenden Atmosphäre. Und schön eingerichtet ist er auch, das liegt aber nicht an mir....



Denn ich darf den Luxus genießen, als Untermieter einen Raum mitnutzen zu können, der bereits eingerichtet ist. Aktuell von Dagmar Paschen, die dort Coachings und Yoga anbietet. Behaglich und anregend, angenehm und schlicht, kommt diese Einrichtung unser beider Angebote zunutze. Damit ist es mir möglich, meine Einzelbegleitungen von dem zuvor genutzten Raum in unserem Haus in eine neue Umgebung zu verlagern, was aus verschiedenen Gründen dringend nötig war.



Denn die Coronapandemie hatte zuvor die Verhältnisse bei uns langfristig auf den Kopf gestellt und das Durchführen von Begleitungen an alter Stelle unmöglich gemacht. Das war während der Pandemie nicht weiter tragisch, weil ich meine Begleitungen einfach in Form von Spaziergängen nach draußen verlagert hatte (ein Setting, das ich nach wie vor nutze und das auch nach wie vor gerne angenommen wird), aber nicht für alle Klienten waren Spaziergänge gut geeignet, wie sich im vergangenen Jahr gezeigt hat.   



Und als der noch recht warme November 2022 zu Ende ging und ein Winter mit einigen bitterkalten Tagen einzog, wurde die Frage nach einer neuen Behausung für meine Trauerbegleitungen umso dringlicher. Mit dem neuen Raum gibt es nun wieder die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, wenn es draußen arg ungemütlich ist oder wenn einem Gast mehr danach ist, in einem Raum zu sein statt sich draußen in gemeinsamer Bewegung zu unterhalten. Was übrigens gar nicht immer der Fall ist, denn viele schätzen das gemeinsame Unterwegssein.    



So oder so: Ob gehend oder sitzend, ob im Leisen Speicher oder im Freien, kann ich nun Trauerbegleitung in Osnabrück dort anbieten, wo es für alle gut passt. Darüber freue ich mich sehr. Zumal der neue Raum einen weiteren unschlagbaren Vorteil mit sich bringt, den ich vorher noch nicht hatte: Dass mein Telefon nicht dort steht und ein Anruf mitten in eine Begleitung hineinplatzen kann. 



Und auch sonst ist der Leise Speicher übrigens ein faszinierender Ort: Gebaut im Jahre 1938 als eine Lagerstätte für die "Heeresverpflegung", ist der Bau einer von noch zwei großen Speichergebäuden, von denen es ursprünglich einmal fünf gegeben hat. Hier wurde während des Krieges Getreide gespeichert, aus dem Brot für die Soldaten gebacken werden konnte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Gebäude durch die britische Armee genutzt, jedoch wurden mehrere der Speicher abgerissen. Die noch verbleibenden zwei werden seit wenigen Jahren kreativ genutzt: Einmal als Leiser Speicher für alle, die in Ruhe arbeiten oder beraten wollen, und als Lauter Speicher im Gebäude daneben, in dem Bands und Musiker ihre Proberäume finden oder ausgebildet werden. Sportangebote unter dem Dach gibt es auch, zudem ein Café. Sehenswert zudem der nahe Hafen und die frisch aufgebaute Containerstation mit zwei Kränen, die so auch im Hamburger Hafen zu finden sein könnten



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Donnerstag, 6. Mai 2021

Sieben Gründe, warum ich Trauerbegleitungen gerne in Form eines Spaziergangs anbiete - warum ein Spaziergang zu zweit nicht nur in Corona-Zeiten eine gut geeignete Methode für eine Einzelbegleitung von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise ist

Osnabrück - Warum fragen wir einen Menschen eigentlich: "Wie geht es Dir?" - Klare Sache: Weil sich darin das Wort "gehen" versteckt. Denn die Frage danach, wie es uns geht, stammt vom Wort "ergehen", aus dem dann wiederum das "Wohlergehen" entwachsen ist. Deswegen lautet die Vergangenheitsform dieser Frage auch: Wie ist es Dir ergangen? In der Trauerbegleitung können wir uns die Idee vom Gehen als Ausdruck der eigenen Befindlichkeit zunutze machen - indem wir tatsächlich gemeinsam gehen. Dabei lässt sich so manches erleben, was in den gemeinsame Prozess eingebunden werden kann.  

Ein Tag im Februar. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Ein umgestürzter Baum liegt quer über dem Waldweg und hindert uns am Weiterkommen. Sich an der Krone des gestürzten Baumes entlangzutasten, ist zwar möglich, aber der Boden an dieser Stelle ist vom Schnee der vergangenen Tage morastig geworden. Wir versuchen es dennoch. Es schmatzt und sumpft, während wir uns mit vorsichtigen Schritten vorantasten. Mit Matschspritzern auf der Hose und verdreckten Schuhen setzen wir den Weg fort - und haben auch gleich ein gutes Stichwort für die Fortsetzung unseres Gesprächs gefunden. Was es wohl alles noch zu überwinden gilt im Prozess des Trauerns, ist das Thema, das den Rest dieser Einzelbegleitung prägt. Einer Einzelbegleitung, die als Spaziergang im Wald stattfindet. Einerseits, weil die Coronapandemie ein Sitzen im Innern nicht möglich macht. Andererseits, weil ein Spaziergang sowieso ein optimales Setting für eine Trauerbegleitung darstellt. Warum das so ist?

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Zum Beispiel, weil nicht ich es war, der bei oben geschilderter Begleitung das Thema des weiteren Gesprächs prägte. Es war die Klientin, mit der ich unterwegs war. Und das Überwinden des Hindernisses war es gewesen, was den Impuls dafür gesetzt hatte. Das ist einer der Vorteile vom Draußensein während einer Trauerbegleitung (und vom gemeinsamen Gehen): Es ist viel zu sehen, zu erleben und zu bewältigen, was sich als Stichwortgeber für so ein Gespräch gut nutzen lässt. Ich hatte immer schon meine Einzelbegleitungen als Spaziergänge anbieten wollen und mich in Vorträgen für diese Form von Trauerbegleitung ausgesprochen, aber es war zugegebenermaßen erst die Coronapandemie, die mich dann wirklich dazu gebracht hat, das auch in die Tat umzusetzen. Mit ermutigenden Erfahrungen. Hier sind sieben Gründe, warum ein Spaziergang eine optimale Form für eine Trauerbegleitung sein kann: 

1.) Draußen sind wir dem Wetter und den Verhältnissen ausgesetzt. Ob es nun regnet oder stürmt, ob eine viel zu heiße Sommersonne auf uns niederknallt oder sich das Wetter von seiner unentschiedenen Seite zeigt: Wir müssen es aushalten, wie es ist. Genauso ist es in der Lebenssituation, in der sich die Menschen nach einem Verlust gerade befinden. Bei der oben geschilderten Spaziergangsbegleitung hat es zwischendurch geregnet und es war durchaus ungemütlich. Also optimale Bedingungen für eine Einzelbegleitung im Freien.

 

2.) Das Schweigen ist nicht so bedrückend wie im Inneren eines Raumes. Während einer Einzelbegleitung kann es immer mal wieder zu Momenten des Schweigens kommen. Eine der Aufgaben eines Trauerbegleiters (und natürlich auch einer Trauerbegleiterin) ist es, hinzuspüren, wann das Schweigen angebracht sein kann. Meistens sind das die Momente, in denen sich im Inneren des zu begleitenden Menschen gerade etwas tut, das jetzt seinen Raum braucht. Ein solches Schweigen erfüllt einen Zweck und kann eine sinnvolle Sache sein, aber natürlich ist es auch - auch für die Klienten - etwas Ungelerntes und Ungewohntes. Und manchen ist es ein wenig peinlich. Vor allem Männern. Hier hilft das Draußensein ungemein: Es gibt Geräusche, Vogelgezwitscher, das Rauschen von Bäumen, es gibt etwas zu sehen, vielleicht kommen einem sowieso gerade andere Spaziergänger entgegen... Also kann sich das Schweigen wirkungsvoll entfalten, ohne dass es als so unangenehm erlebt wird wie im Innern eines Raumes, in dem eine solche Stille auch mal als dröhnend erlebt wird.  

3.) Alles, was es zu sehen gibt, liefert Impulse und Stichworte für den gemeinsamen Prozess. Vor allem in einem Wald ist das oft zu sehen: Wie sich aus den Stümpfen von umgestürzten und abgesägten Bäumen neue Zweige - oder sogar ganz neue Stämme - nach oben recken. Wie sich Bodendecker überall ausbreiten, weil die Natur, anders als der Gartenfachbau und die Landwirte, keine unbedeckten Böden kennt. Wie jede freie Fläche, auf der Wachstum möglich ist, mit der Möglichkeit von Wachstum ausgekleidet wird. Und wie das Verwesen, also sozusagen der Tod, ist immer die elementare Grundlage von allem ist, auf dem das Neue entsteht. Ohne abgefallene Blätter kann kein neuer Boden entstehen, ohne sich aneinander kaputtreibende Steine gäbe es keinen Sand. Gleichermaßen erleben wir in der Natur auch die Ohnmacht, die Zerstörung, die von außen übergestülpte Brutalität: Von Borkenkäfern und Hitzewellen dahingeraffte Kiefern und Fichten, ausgetrocknete Bäche, die früher immer Wasser getragen haben. Das sind kraftvolle Bilder von Wirkungsmechanismen, die sich auf unser Leben übertragen lassen. Sich das bewusst zu machen und es auf sich wirken zu lassen, kann für zusätzliche Impulse sorgen, vielleicht sogar den Raum eröffnen für einen Hauch von Spiritualität, je nachdem, wie der zu begleitende Mensch gestrickt ist. Das ist natürlich das Wichtige daran: Es kann alles ins Wort gebracht werden, was sich anbietet, aber nur, wenn es zu diesem Menschen wirklich zu passen scheint - und zur aktuellen Situation. Ansonsten ist es einfach nur da, um einen herum, und wird vielleicht auf anderen Ebenen wahrgenommen - und wenn nicht, dann ist das auch gut so, wie es ist.


4.) Man muss sich nicht ständig in die Augen sehen. Aus Gruppentreffen kennen wir das: Jemand erzählt der Gruppe etwas, vielleicht etwas Intimes, und der Blick des Sprechers verhaftet sich an irgendeinem Punkt irgendwo, der ihm Halt gibt. Vielleicht eine Kerze, die in der Mitte des Raumes steht. Vielleicht ein Bild an der Wand. Je stärker ihr Inneres zum Ausdruck kommt, desto schwieriger wird es für Menschen oft mit dem Augenkontakt zu anderen Menschen. Das gilt insbesondere für eine Trauerbegleitung - und insbesondere für Männer, mit denen ich ja meist mehr zu tun habe als mit Frauen. Da ist das gemeinsame Gehen genau die richtige Lösung, denn alleine durch das Nebeneinander ist das Sich-in-die-Augen-sehen-müssen meist gar nicht möglich. Auch das wird dann nicht als so unangenehm erlebt. 

 5.) Durch sich ergebende kleine Kunstpausen können sich die Klienten besser nochmal innerlich sammeln und es ergibt sich mehr Abwechslung. Es muss gar nicht der oben erwähnte Moment des längeren Schweigens, weil In-sich-Gehens, sein: Während eines Spaziergangs ergeben sich auch sonst viele kleine Kunstpausen. Sei es, weil gerade ein Hund samt Frauchen oder Herrchen überholt, sei es, weil Jogger, Radfahrer oder andere Spaziergänger entgegenkommen, immer mal wieder ist eine kleine Pause im Gespräch nötig. Dadurch ist eine Begleitung im Freien grundsätzlich immer etwas abgehackter und zerstückelter als ein Gespräch im Inneren - aber das muss nichts Schlechtes sein, im Gegenteil, es hat seine ganz eigenen Qualitäten. Die kleinen Kunstpausen machen es möglich, seinen Gedanken mehr nachzuhängen als in einem Gespräch. Und sie sorgen zudem für eine gewisse Abwechslung. Auch das ist ganz hilfreich für so einen Prozess, bei dem wir immer mal wieder auch in seelischen Notlagen verharren. 

6.) Der zu begleitende Mensch kann seine Lieblingsstrecke wählen, diese kann z. B. auch über einen Friedhof führen - vielleicht sogar den Friedhof, auf dem der gestorbene Mensch liegt, um den es geht. Diese Möglichkeit des Mit-Entscheiden-könnens kann etwas sehr Entlastendes haben: Da muss ich als Klient nicht in irgendein Büro fahren, das ich nicht kenne, oder in einen Gruppenraum, den ich nicht kenne, was ja beides auch wiederum als etwas Unangenehmes erlebt werden kann. Stattdessen kann ich mich, wenn ich möchte, auf ein mir vertrautes Terrain begeben für diesen mir vielleicht sehr unvertrauten Prozess. Das kann zusätzliche Sicherheiten geben. Dieses Terrain ist aber wiederum nicht mein eigentliches Zuhause, was auch wichtig ist - wenn ich es vermeiden kann, eine Trauerbegleitung bei jemandem daheim stattfinden zu lassen, halte ich das immer für die bessere Wahl. Denn dass sich jemand aufmachen muss für diesen Prozess, gehört mit dazu. Das ist sozusagen der erste wichtige Schritt, der für den Prozess an sich von einer gewissen Bedeutung ist. 


7.) Das Gehen macht mehr mit einem, als man im ersten Augenblick so denkt: Das Gleichgewicht von Körper und Seele ist stabiler beim Gehen als beim Sitzen. Was sich innerlich unbeweglich anfühlt, kann durch das Gehen zusätzlich in Bewegung gebracht werden. Ganz abgesehen davon dringt selbst durch düster Regenwolken noch soviel UV-Licht, dass ein Spaziergang im Freien immer aufhellender für die verdüsterte Seele ist als ein Aufenthalt im Inneren. Und die Symbolik des Gehens vermittelt uns das Gefühl, selbst auf einem Weg zu sein, was ja auch der tatsächlichen Lebenssituation entspricht, in der sich die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise befinden. 

Und, ganz abgesehen von allem oben Genannten: Ich gehe einfach saugerne spazieren. Es tut einem immer gut. Lust drauf, einmal mitzukommen? 



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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

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Sonntag, 5. März 2017

Über das Tabuthema Suizid: In einer Radiosendung kommen "Angehörige um Suizid" aus der Region Osnabrück zu Wort - wird über das Thema in unserer Gesellschaft zu wenig gesprochen?

Osnabrück (eb) - "So wenig einen 'Mord' begeht, wer sich umbringt, so wenig 'frei' ist, wer in den Freitod geht", schrieb einmal Roger Willemsen. Auch in der Radiosendung "Tabuthema Suizid" des Deutschlandradios Kultur werden diese klugen Zeilen zitiert - und nicht nur das. Zu Wort kommen auch die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe aus dem Raum Osnabrück: Nämlich die "Angehörigen um Suizid" (Agus). Zudem birgt die Sendung durchaus Diskussionspotenzial: Es wird in unserer Gesellschaft nicht offen genug über Suizid gesprochen, lautet eine der Thesen.

Die Sendung ist bereits vor einigen Jahren ausgestrahlt worden und kann immer noch auf der Internetseite des Deutschlandradios als Manuskript nachgelesen werden oder kann ebendort per Mausklick auf Button "Beitrag hören" auch angehört werden. In dem Beitrag werden auch alle (falschen) Vorurteile und Mutmaßungen angesprochen, denen sich die Angehörigen eines Suizidanten oft ausgesetzt sehen und die sehr schmerzhaft sein können. Beispielsweise der Satz: "In der Familie muss doch etwas schief gelaufen sein..."


Wenn die Verzweiflung groß ist und sich das Gedankenkarussell um den eigenen Tod dreht, gibt es kostenlose und anonyme Hilfe beispielsweise bei der Telefonseelsorge, die auch E-Mail-Beratung anbietet.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-0-Lizenz)

Als Journalist und Redakteur habe ich verinnerlicht: Mediale Zurückhaltung beim Thema Suizid ist immer geboten, weil man davon ausgehen kann, dass es den 1974 erstmals so klassifizierten "Werther-Effekt" gibt. Soll heißen: So wie sich seinerzeit nach Erscheinen des Briefromans "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe die (zumeist männlichen) Leser in den Suizid stürzten - wie es die Romanfigur am Ende tut -, so ist davon auszugehen, ist sogar nachgewiesen, dass nach Medienberichten über einen Suizid selbiges geschieht. Konkret...: 


Fehlt es an einem "aufklärerischen Kurs"?


Je mehr darüber berichtet wird, umso mehr Nachahmer gibt es. So weit, so bekannt. Dass aber diese Zurückhaltung eine vielleicht nötige Debatte über das Thema erschwert, ist ein neuer Aspekt, der bedacht werden sollte. Die Empfehlung eines in der Sendung zu Wort kommenden Experten ist ein "analytisch aufklärerischen Kurs – nur so kann es einen angemessenen Umgang geben". Ganz unaufgeregt an das Thema heranzugehen, empfehlen in der Sendung auch betroffene Angehörige. Gerade sie wissen natürlich am besten: Wo soviele Emotionen im Raum sind, ist unaufgeregt nicht immer einfach.


Noch Jahre danach die Hoffnung: Ist nicht alles nur ein Irrtum?


Wie schmal dieser Grat indes ist, zeigte bereits 1981 die im ZDF gezeigte erwähnte fiktive Sendung "Tod eines Schülers" – der Anstieg an Selbsttötungen stieg nach Ausstrahlung messbar an. Der Radiobeitrag geht auch hierauf ein, ebenso wie auf die Gefühle der Hinterbliebenen, die oft noch Jahre nach dem Ereignis die Hoffnung in sich tragen, es könnte vielleicht doch ein Irrtum gewesen sein.


Suizidgedanken? Anonyme Hilfe gibt es auch per E-Mail


Wichtig: Wer tatsächlich an einen Suizid denkt und diese Gedanken nicht loswird, findet kostenlose und anonyme Hilfe z.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder als E-Mail-Beratung über die Internetseite www.telefonseelsorge.de.


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Sonntag, 27. November 2016

Da ist sie wieder, diese grässliche Zeit..... - Trauer in der Adventszeit und Weihnachtszeit, wie sich diese Zeit überstehen lässt - Versuch einer Ermutigung in der Adventszeit (fünf kleine Tipps für Trauernde)

Osnabrück - Vom Licht, das in die Welt hineinleuchtet, ist in der Adventszeit oft die Rede. Nicht allein in der Kirche. Und tatsächlich leuchtet es ja allerorten. Wer einen Verlust erlitten hat und in Trauer ist, für den ist diese Zeit indes besonders schwer zu ertragen - auch noch Jahre nach dem Ereignis. Da leuchtet nichts, da wird es schwarz im Herz. Hier ist der Versuch einer Ermutigung für Menschen in Trauer inklusive einiger kleiner Gedankenanregungen, wie Betroffene eventuell besser durch die Weihnachtszeit kommen könnten.

1.) Das Licht uminterpretieren: So wie die Aktion des "World Wide Candle Lighting" - einer Traueraktion für verwaiste Eltern, die sehr bewusst mitten in der Adventszeit stattfindet - einen Leuchtpunkt zum Gedenken an verstorbene Kinder setzt, lässt sich auch das jetzt überall strahlende Licht neu interpretieren, nämlich als das Licht des oder der Verstorbenen, das immer noch leuchtet, also im Inneren, in uns selbst. Wer sich daheim eine Kerze anzündet, mag darin ein Symbol für dieses Leuchten sehen können - und weniger eine stimmungsvolle oder festliche Dekoration zur adventlichen Besinnung.


Hilfe, muss das sein? Für Trauernde ist die Vorweihnachtszeit oft keine besonders schöne Zeit. All das Leuchten und freudige Erwarten um einen herum kann etwas Überforderndes haben.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

2.) Versuchen, da durchzugehen und es auszuhalten: Manchmal muss das einfach reichen. Jeden durchlebten Tag als einen Erfolg betrachten, auch, wenn es sicher nicht einfach ist. Klingt schwach, ist aber viel wert. Denn das berichten Trauernde oftmals in dieser Zeit: Dass es manchmal schwer genug fällt, jeden einzigen Tag auszuhalten. Hier kann ein kleines Erfolgstagebuch weiterhelfen. Sätze wie "Wieder einen Tag ausgehalten" oder vielleicht "War heute gar nicht so schlimm wie gestern" oder "...wie zuerst erwartet" zu notieren, kann einem dabei helfen, sich bewusst zu machen, dass manches besser läuft als man es vielleicht denkt. Das setzt einen kleinen Ankerpunkt. Vielleicht gibt es ja sogar hier und da ein paar weitere Erlebnisse, die in den Bereich des Schönen und Aufschreibenswerten fallen. Gesammelt in einem kleinen Erfolgstagebuch kann schnell eine wertvolle Schatzsammlung guter Lebensaugenblicke daraus werden. Kann gut tun.

3.) Die Adventsdekoration auf die Trauerstelle ausweiten: Einen Tannenzweig vom Adventskranz oder vom Weihnachtsbaum abschneiden und ihn an die Trauerstätte legen - auf das Grab, falls vorhanden. Die Verstorbenen und die Trauer also in dieser Form in die Feierlichkeiten zu integrieren. Das kann ein kleines, aber wirkungsvolles Symbol sein.

4.) Ganz bewusst die Trauerstätten aufsuchen: Nun soll die Advents- und Weihnachtszeit ja eigentlich eine Zeit der Familie sein, des Zusammenseins, des Miteinanders. Es ist gerade diese übermäßige Aufladung mit Harmonie und Bedürftigkeit, die diese Tage so schwer macht. Aber auch das lässt sich uminterpretieren: Wenn also die Adventszeit eine Zeit der Familie ist, dann darf sie auch eine Zeit sein, die oft am Grab oder an der Trauerstätte verbracht werden darf. Denn dorthin zu gehen, erleben viele als eine Art "Kontakt halten können", dort haben sie das Gefühl, den Verstorbenen nahe zu sein. Und darum geht es ja in der Weihnachtszeit. Das "nahe sein". Und um Transzendenz. Na also.


Kerzen anzünden als bewusste Geste des Erinnerns und Gedenkens - so lässt sich das Leuchten in der Weihnachtszeit auch für Trauernde (um-) interpretieren.   (Thomas-Achenbach-Foto)

5.) Anderen trotz allem ein frohes Fest wünschen: Vor allem in der Weihnachtszeit wächst bei allen anderen, die nicht in Trauer sind, die Unsicherheit, wie sie mit Menschen umgehen sollen, die einen Verlust zu beklagen haben. Da kann es sein - wenn es schlecht läuft -, dass sogar die Weihnachtskarten ausbleiben, weil es sich für die Absender nicht passend anfühlt, ein "frohes Fest" zu wünschen. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass gerade in dieser Zeit, die so mit Nähe und Verbundenheit gefüllt sein soll, das Thema Trauer nicht willkommen zu sein scheint. Und dennoch gilt: Anderen etwas Gutes zu tun, fühlt sich selbst gut an. Wem es gelingt, auch in einer emotionalen Krisensituation - also in Trauer - all seinen Freunden, Nachbarn, Verwandten und Bekannten mit Milde und guten Wünschen zu begegnen, aktiv auf sie zuzugehen und ihnen ein frohes Fest zu wünschen, trägt ebenfalls ein Stückchen Weihnachten in die Welt hinein. Einen Versuch wäre es wert. 


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Samstag, 12. November 2016

Warum Weihnachtsschmuck nicht vor dem Totensonntag anbringen (und warum das weniger mit Religion zu tun hat als man so denkt)? Warum Advents- und Weihnachtslichter generell erst nach dem Totensonntag eingeschaltet werden sollten...

Osnabrück - Wer einen Verlust zu beklagen hat, wer gerade in Trauer ist, der ist sehr empfänglich für allerlei Signale. Viel empfänglicher als andere. Für Sehnsüchte. Und vor allem: für Wehmut. So ist vor allem die Advents- und die Weihnachtszeit für Trauernde eine Phase, die viele von ihnen als besonders schmerzvoll erleben. Weil sie so geprägt war von dem Zusammensein mit anderen Menschen, weil selten im Jahr ein Verlust so präsent wird. Da ist es hilfreich, wenn ihnen das Gefühl vermittelt werden kann, dass die Trauer einfach sein darf, dass sie wahrgenommen wird. Warum nicht durch einen gemeinsamen Gedenktag? Genau deswegen - aus Respekt vor diesen Gefühlen - ist es wichtig und richtig, mit der allzu leuchtenden und offensiven Weihnachtsdekoration bis nach dem Totensonntag zu warten. Wobei der Totensonntag selbst umstrittener ist als manche vielleicht denken... 

Wer das Internet durchforstet, der findet diese Frage oft auf den Ratgeberforen: Warum muss ich bis Totensonntag warten mit meinem Weihnachtsschmuck? Manchmal, wenn auch nicht immer, geht die Frage mit einem Unterton nahe der Empörung einher, so nach dem Motto: Worauf muss ich denn noch alles Rücksicht nehmen? Und, zugegeben, auch mir hat es spätestens mit der Zeitumstellung und der langen, langen Dunkelheit am Abend in den Fingern gejuckt, die ersten Lichterketten aufzuhängen, denn wenn es so nasskalt, fies und düster ist, braucht es so sanftes Licht. Es kann einem so gemütlich die Seele ausleuchten, kann eine neuen Form innerer Wärme mit sich bringen. Aber eben nur: Solange es einem gut geht, solange das Leben gerade ohne Tiefschläge verläuft, solange es sich in einer relativ stabilen Phase befindet. Das wissend, habe ich es also gelassen. Aus Respekt - wie oben erwähnt. Weniger aus religiösen Gründen, vielmehr aus allgemein seelischen. 


Wenn schon ein Lichterleuchten vor der Adventszeit, dann vielleicht besser als Grableuchten?   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Dem Gedenken an die Toten einen festen Rahmen zu geben, kann für jeden Trauernden eine hilfreiche Sache sein - wie auch immer dieser Rahmen aussehen mag, wann auch immer er und wie auch immer er organisiert sein mag. Aber einen Tag im Jahr fest installiert zu wissen, an dem ein Trauernder wissen und spüren kann, dass er nicht alleine ist, weil es zumindest diesen einen Tag im Jahr gibt, an dem auch alle anderen ihrer Toten gedenken - diese Idee hat etwas zutiefst Tröstendes und Heilsames. Und so ist allen religiösen und weltlichen Diskussionen zum Trotz ein Totensonntag eine wertvolle Sache. 

Ein preußischer König, der Verluste zu beklagen hatte


Was heute kaum noch einer weiß: der Totensonntag als Institution ist erst von den Preußen eingeführt worden. Friedrich Wilhelm der Dritte war es, der mit der Einführung dieses - kirchlich gesehen: rein evangelischen - Gedenktages tief in die Gestaltung des Kirchenjahres eingriff. Dies vermutlich weniger aus religiösen Gründen als vielmehr aus ganz pragmatischen. Im Kriegsjahr 1813 hatte es auch auf preußischer Seite viele Verluste gegeben in jenen Schlachten, die heute als "Befreiungskriege" (gegen Napoleon) in die Geschichte eingegangen sind. Drei Jahre später ordnete der König das Totengedenken neu. Es muss ihm wohl ein Bedürfnis gewesen sein. Bei den Katholiken ist das traditionell alles etwas anders.

Empfinden nicht nur Gläubige als unpassend: Leuchtender Adventsschmuck noch vor dem Totensonntag.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Mit dem Volkstrauertag in die "traurigen Tage"


Für sie beginnt das traditionellen Totengedenken alljährlich mit Allerseelen (immer am 2. November), dem Tag nach Allerheiligen. Doch viele Katholiken feiern auch am evangelischen Totensonntag - der in ihrem eigenen Kirchenjahr "Christkönigstag" heißt -  das Totengedenken mit. Zumal dieser Totensonntag alljährlich perfekt eingebettet ist in ebenjene weltliche Woche, die mit dem 1925 erstmals und 1952 erneut eingeführten Volkstrauertag beginnt, der dem Gedenken der in den Weltkriegen gestorbenen Menschen gewidmet ist. So ergibt sich also eine "traurige Woche" (oder auch die "traurigen Tage"), in der ausgiebig getrauert werden darf. Und auch das erleben viele Trauernde als hilfreich: Dass sie eben auch mal trauern dürfen. Bekommen sie doch oft das Gefühl vermittelt, sie dürften es nicht (mehr). 

Und dann: Lichter - das hat auch was Tröstendes


Und wenn dann, am Ende einer Woche voller trauriger Tage, überall die Lichter angehen, dann kann doch auch das eine fast spirituelle, heilsame, vielleicht tröstende Wirkung haben. Wenn auch nicht immer auf Trauernde. Und deswegen: Warten bis nach dem Totensonntag. Aus Respekt. Vor dem Leben...


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Mittwoch, 22. Juni 2016

Wo ist der Unterschied zwischen Trauer und Trauma? Warum tut sich unsere Gesellschaft mit beidem so schwer? Ein Vortrag des Psychologen Thomas Weber brachte hilfreiche Erkenntnisse


Osnabrück/Bremen - „Trauma“. Das mag ein großes Wort sein. Eines, das Angst macht. Doch auf der Messe „Leben und Tod 2016“ in Bremen war es der Diplom-Psychologe Thomas Weber vom Zentrum für Trauma-und Konfliktmanagement aus Köln (ZTK), der den Zuhörern zu mehr Gelassenheit bei diesem Thema riet: „Jeder Mensch wird bis zum Ende seines Lebens traumatisiert werden“, sagte er. Denn das gehöre einfach dazu. Schon die Geburt sei ein als traumatisch erlebtes Ereginis. Aber anders als es oft geschildert werde: „Ein Trauma ist eine Verletzung, keine Erkrankung.“ Etwas also, das von außen herbeigeführt wird.

„Trauer und Trauma, das wird auch heute noch stark vermischt“. Doch das sei falsch, betonte Thomas Weber. Denn das bei Trauer vorherrschende Gefühl ist die Traurigkeit. Während sich ein Trauma durch ein ganz anderes Gefühl bemerkbar macht: Nämlich durch Angst. Menschen in Trauer haben eine Sehnsucht und ein Verlangen nach den vermissten Personen – Menschen mit einem Trauma würden am liebsten vor allem davonlaufen. Aber Weber sieht in alledem auch ein Problem der Medien...



Wo ist der Unterschied zwischen Trauer und Trauma? Ein Psychologe sagt: Trauma ist eine Verletzung mit schweren Folgen, Trauer ist etwas anderes...  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

„Trauma ist schlecht vermittelt“, sagte Weber. „Mich als Psychologen ärgert das“. Der Prozess indes ist nach Webers Worten recht einfach zu beschreiben. Extreme Belastungen überfordern das Bewältigungssystem. Die Bereiche im Gehirn, in denen üblicherweise die Verarbeitung stattfindet, werden lahmgelegt. „Unser modernes Gehirn ist ausgeschaltet, weil der Körper ihm nicht mehr traut“, schilderte Weber. „Trauma findet nur hinten im Gehirn statt.“


"Vermeidung ist die erste Strategie, die der Körper hat"


Um es mit einem Vergleich aus der Computersprache zu sagen: Die Erfahrungen bleiben im Arbeitsspeicher stecken, können aber nicht sauber auf der Festplatte abgelegt werden, während das Betriebssystem permanent auf sie zugreifen möchte. Was dann geschieht, ist ein ängstliches Zurückschrecken. „Vermeidung ist die erste Strategie, die der Körper hat“, schilderte der Psychologe.


Den hilflosen Jungen durchschütteln bringt gar nix


Genau hier beginnen die Missverständnisse. Was Thomas Weber an einem eindrucksvollen Beispiel deutlich machte. Man stelle sich vor, wie ein 12-jähriger Junge bei der Beerdigung am Grab seines frisch gestorbenen Vaters einen ganz unbeteiligten Eindruck macht, so sehr, dass die anderen Angehörigen ihn schütteln und ihn anbrüllen: „Verstehst Du nicht? Dein Vater ist gestorben!“. Doch dem Jungen nützt das gar nichts. Er hat keine Vorerfahrungen mit solchen Themen, sein Bewältigungssystem sieht keine Möglichkeit, damit umzugehen. Es setzt einfach aus. Und da beginnt - ein Trauma.


Erlebnis plus Lebensgeschichte = Spannungsfeld


Wobei für die Psychologen Webers Worten zufolge noch zwei Unterscheidungen wichtig sind: Einerseits gibt es die „traumatische Reaktion“, andererseits den „traumatischen Prozess“. Beides kann lange dauern, von 6 Monaten bis hin zu einem Jahr. Und: „Das Trauma trifft immer auf eine Lebensgeschichte“, sagte Weber.


"Unsere Gesellschaft kann mit Trauma nicht umgehen"


Warum die Menschen bei diesem Thema allgemein so empfindlich sind, liegt für Thomas 
Weber ganz klar auf der Hand: „Es erinnert uns an unsere Verletzbarkeit“: Die Folge: „Unsere Gesellschaft kann mit Trauma nicht umgehen.“ Sofort bricht eine Urangst aus: "Wir halten das nicht aus". Schon bei größeren Unfällen, erst recht bei Katastrophen gebe es heutzutage keinen Beitrag in den Medien mehr, der nicht mit den Worten endete: „Die Opfer werden psychologisch betreut.“ Für wie falsch Weber das hält, machte er in einem recht eindeutigen Satz deutlich, den er einmal von einem Feuerwehrmann gehört hatte: „Früher durften sich die Leute auch scheiße fühlen, wenn ihnen Scheiße passiert ist.“

Typische Reaktionen bei einem Trauma sind laut Thomas Webers Vortrag diese:


Bei einem Trauma gibt es kein Entkommen aus der erlebten Situation: Sie wird wieder und wieder durchlebt, als fände sie jedes Mal aufs Neue statt.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

- Dissoziatives Erleben. Das Geschehen wird wie in einem Film nacherlebt. Der Betroffene scheint nicht Teil dessen zu sein.

- Verschobene Zeitwahrnehmungen, kein Gefühl für die Zeit. 

- „Out Of Body Experience“, der Eindruck, als ob man seinen Körper von außen wahrnehme.

- Lückenhafte Erinnerungen an das Geschehen. Details werden als groß und wichtig wahrgenommen, der Zusammenhang fehlt. (Unterschied zur Trauer: Hier ist ein sehr bewusstes Erinnern jederzeit möglich).

- Übererregbarkeit und eingeschränktes Sicherheitsgefühl.

- Die Situation geht nie vorbei: Bei der Erinnerung an das Geschehen ist auch nach vielen Jahren oder Jahrzehten noch alles genauso da, wie es die Situation gebracht hat, auch das innere Gefühl (das weiß man von Zweiten-Weltkrieg-Zeitzeugen). 

- Anspannung des gesamten Körpersystem – als ob der Mensch permanent zu einem 100-Meter-Lauf starten wollte, so angespannt sind alle Muskeln. Ohne Entspannungsphasen. (Weber: „Die schlimmste Intervention jetzt ist: Mensch, entspann Dich doch mal!“).


Helfer müssen gut aufpassen:  Trauma ist echt ansteckend


Das Fatale daran: „Bei Trauma besteht die Gefahr der Ansteckung.“ Weber erinnerte sich an die Turnhalle in Winnenden, in die während des Amoklaufs alle aus der Schule geflohenen Menschen zusammengekommen waren. „Das klang wie auf einem Jahrmarkt, es war total laut“, sagte Weber. „Und das ist das, was sich auch auf die Helfer überträgt.“ Hier besteht die große Gefahr eines sogenannten Sekundärtraumas. Dann würden selbst professionelle Helfer zu einer Methode greifen, von der sie theoretisch eigentlich wissen, wie wenig zielführend sie ist: Der Opferbeschuldigung.


Wenn das Umfeld nicht verstehen will: "Du Trauerterrorist" 


„Die Betroffenen haben mit dem Ereignis lebenslänglich“, sagte Thomas Weber. Deswegen sei es für sie so schädlich und verletzend, wenn sie solche Sätze zu hören bekämen wie „Jetzt muss es aber auch mal wieder gut sein“ oder „Stell Dich nicht so an“. Einer der Väter, die in Winnenden ein Kind verloren hatten, wurde bereits als „Trauerterrorist“ beschimpft, schilderte Weber. Sein wichtigster Tipp für alle Begleiter, Helfer und Seelsorger: 



Wichtigster Tipp für alle Helfer: Auf die eigene Betroffenheit achten. Die Grenze dazu ist schnell überschritten.  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

„Achten Sie immer auf ihre eigene Betroffenheit. Die Anspannung gehört einfach dazu, ignorieren Sie das nicht!“. Mögen die Themen Trauer und Trauma auch negativ besetzt sein, ist bei alledem eines nicht aus den Augen zu verlieren, wie Thomas Weber am Ende seines Vortrags sagte. Nämlich was für eine Triebfeder für kreative Prozesse sie sein können: „Die meisten kulturellen Leistungen sind als Folge von Trauma oder Trauer entstanden“. 



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Dienstag, 24. Mai 2016

Wenn Trauer sichtbar auf der Haut getragen wird - Berührende Ausstellung widmet sich dem Phänomen der "Trauertattoos" - In Osnabrück war die Ausstellung "Trauertattoo – unsere Haut als Gefühlslandschaft" in 2022 zu sehen, weitere Ausstellungsorte gesucht



Die Fotos zeigen die Tattoos der Menschen, kurze Texte erklären den Hintergrund - in der Ausstellung "Trauertattoo - unsere Haut als Gefühlslandschaft".    (Thomas-Achenbach-Foto)

Osnabrück/Bremen – Was diese Menschen durchmachen, geht unter die Haut. Das sieht man. Und sie sind damit in guter Gesellschaft: Dem Phänomen der „Trauer-Tattoos“ widmet sich jetzt eine neue Ausstellung, die die in Halle lebende Künstlerin Stefanie Oeft-Geffarth zusammen mit der TV-Journalistin Katrin Hartig geschaffen hat und die jetzt durch das Land ziehen soll (weitere Ausstellungsorte werden noch gesucht, dazu später mehr). Die beiden waren einem gesellschaftlichen Trend auf der Spur – und wurden fündig. Auf der Messe „Leben und Tod“ stellten die beiden bereits vor ein paar Jahren ihr Projekt der Öffentlichkeit vor und sprachen auch mit dem Autoren dieses Blogs darüber. Was in dieser Ausstellung alles zu sehen ist, geht tatsächlich - unter die Haut. 

Auf Anregung der TV-Journalistin und Trauerbegleiterin Katrin Hartig hatte Oeft-Geffahrt Menschen fotografiert, die ihre Trauer auf der Haut tragen – in Form eines Tattoos. Hartig war aufgefallen, dass es sich dabei um ein erstaunlich weit verbreitetes Phänomen handelt, das sogar von Menschen zelebriert wird, die mit Tattoos sonst nichts am Hut haben. Gemeinsam machten sich die beiden deutschlandweit auf die Suche nach Trauer-Tätowierten zum Interviewen und Fotografieren – dabei halfen ihnen die sozialen Netzwerke. Zwei Jahre dauerte die Arbeit, die sie in Form einer Recherche-Reise durch ganz Deutschland führte. Sie führte zu zwei Ergebnissen.


Die Macherinnen des Projektes: Die Künstlerin und Fotografin Stefanie Oeft-Geffarth (links) und die TV-Journalistin Katrin Hartig, zugleich Mitglied im deutschen Bundesverband verwaister Eltern.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Eines davon sind 22 große Displays, auf denen in großformatigen Bildern die Menschen und ihre Tattoos gezeigt sowie ihre Geschichten erzählt werden. Das zweite Ergebnis ist ein die Ausstellung begleitendes Buch, das über den Online-Shop der Künstlerin erhältlich ist. Das Projekt wirkt auch ohne Tattoo-Affinität: Die Geschichten, die hier zu sehen und zu lesen sind, berühren den Betrachter. 


Handabdruck des gestorbenen 3-Jährigen als Tattoo


Da ist beispielsweise die Frau, die sich ein Bildnis des gestorbenen Kindes auf den Oberarm hat stechen lassen. Oder der Mann, der sich eine bis zur Zahl 13 zurücklaufende Sanduhr als Motiv ausgesucht hat, weil seine Tochter in diesem Alter gestorben ist. Oder die trauernde Mutter Kerstin Hau, die eine Kinderzeichnung und einen Handabrucks ihres im Alter von 3 Jahren gestorbenen Sohnes Charlie auf der Haut trägt. Aber auch in anderer Hinsicht macht ein Tattoo als Ausdruck der Trauer erstaunlich viel Sinn: "Ich kann mit der Hand über die Stelle streichen und fühle mich dann mit dem Gestorbenen oder dem Gefühl verbunden", sagte die TV-Journalistin Katrin Hartig im persönlichen Gespräch mit dem Blog-Autoren auf der Messe "Leben und Tod". Und Stefanie Oeft-Geffarth ergänzte: "Das Stechen des Tattoos ist ja auch ein Schmerz, aber eben einer, der mit dem Trauerschmerz selbst nicht vergleichbar ist - das ist nicht adäquat."


Eine "Trauernadel" als Schmuckstück - dezent, aber sichtbar


Die Künstlerin hatte zuvor mit ihrer „Trauernadel“ für Interesse gesorgt. Das kleine Schmuckstück, das an Blazer oder Sakko oder der Bluse getragen werden kann, soll eine moderne Interpretation dessen sein, was als „Trauerflor“ bis in die 70er Jahre hinein gang und gäbe war: Wer in Trauer war, der zeigte das auch. Entweder durch das Tragen von schwarzer Kleidung oder durch das Anbringen einer kleinen schwarzen Binde, des so genannten Trauerflors. Heutzutage ist das beinahe undenkbar, doch das Bedürfnis danach ist ungebrochen, hat Stefanie Oeft-Geffarth beobachtet. Während die Trauernadel weiterhin in verschiedenen Varianten erhältlich ist, soll die Ausstellung der Tattoos ihre Reise durch die Republik fortsetzen, wünschen sich die Verantwortlichen. Wo es weiter noch hingeht, kann mitgestaltet werden...


Die "Trauernadel" kann als dezenter Schmuck getragen werden und ist eine moderne Interpretation des früher traditionell getragenen Trauerflors.  (Thomas-Achenbach-Foto)


Ausstellungsorte gesucht: Kirchen, Rathäuser, Hospize etc.


In Osnabrück war diese Ausstellung im Herbst 2022 im Forum am Dom zu sehen. Weiterhin werden für die Ausstellung „Trauertattoo – unsere Haut als Gefühlslandschaft“ indes noch mögliche Ausstellungsorte wie z. B. Kirchen, Rathäuser, Bibliotheken, Hospize etc. gesucht. Infos und Kontakt sind über die E-Mail-Adresse kontakt@convela.eu möglich. 


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