Mittwoch, 24. April 2019

Wie es gelingen kann, gut und gestärkt durch die Trauer zu gehen - Interview mit dem Buchautoren Pierre Stutz über das Schwere im Leben und darüber, wie sich Krisen durchleben lassen

Angeregtes Gespräch im Kinofoyer: Pierre Stutz (rechts) beim Podcast-Interview mit Thomas Achenbach. (Foto: Stefanie Hiekmann)

Osnabrück - Die Ermutigung, dass wir am Schweren durchaus auch wachsen und reifen können, ist ein wichtiges Thema in den Büchern des Autoren Pierre Stutz. Und es ist zugleich eine Erfahrung, die der Autor selbst erleben durfte. Heute speisen sich seine schöpferischen Quellen zu einem großen Teil aus dieser Gewissheit, dass wir Menschen uns aus unseren Opferrollen selbst befreien können - aber mittendrin in der Krise selbst hatte sich das noch ganz anders angefühlt. Da war nicht viel mehr als nur Verzweiflung, Stillstand und ein Nichtwissen, wie es weitergehen soll - so schildert es der bekannte Autor mehrerer Lebensratgeber jetzt in einem Gespräch, das ich mit Pierre Stutz für meinen Podcast aufnehmen durfte. Der erste Teil dieses Interviews steht jetzt zum Anhören zur Verfügung (hier geht's direkt zur Podcastfolge), der zweite folgt in Kürze.  

Seine Themen hatten mich schon lange angesprochen. Seine Bücher ebenfalls - wie zum Beispiel der jetzt neu veröffentlichte Band "Geborgen und frei, Mystik als Lebensstil". Zu seinen Vorträgen in Osnabrück hatte ich es nicht geschafft. Und dann führte irgendwie eines zum anderen. Unserem Interview war ein sehr angenehmes persönliches Kennenlernen vorausgegangen, aber mehr dazu in der Podcastepisode. Mich hat das vor allem insofern gefreut, als dass sich eine Nähe und Schnittmenge zwischen unseren Themen ergibt, die ich für meinen Podcast gerne einmal ausloten wollte. 


Klare Sache: "Am Schweren kann man zerbrechen"


Denn es ist oft schon Thema auf diesem Blog gewesen: Dass sich die Trauer um einen gestorbenen Menschen umso besser, um das alte und eigentlich ungeliebte Wort einmal zu benutzen, "verarbeiten" lässt, wenn sie ausgelebt werden kann - mit allen Facetten, die Trauer so mit sich bringt (dass sich Trauer eigentlich gar nicht "verarbeiten" lässt, weil das viel zu sehr nach "abarbeiten" klingt, nach "wegschaffen können", war hier ebenfalls bereits Thema, aber das nur am Rande). Dass durch die Trauer neue Kräfte geweckt werden können, wenn wir uns trauen, unsere Gefühle zuzulassen und sie zu durchleben, glaubt auch Pierre Stutz. 


"Das Leben ist so wunderbar, aber auch so leicht zerbrechlich" - das kennt Pierre Stutz aus eigener Erfahrung nur zu gut. Und auch, wenn es ihm selbst gut gelungen ist, sich aus den Krisen zu befreien, gelingt das ganz sicher nicht jedem: "Am Schweren kann man zerbrechen", räumt Pierre Stutz ein: "Ich kenne leider zu viele Menschen, die durch einen Suizid gestorben sind". Selbstabwertung, Angst, Trauer, Hass, wenn diese Gefühle sein dürfen, wenn sie Raum haben dürfen, wenn wir in den Kontakt mit ihnen kommen können, lässt sich eine Krise vielleicht besser durchleben. Weil wir eine Chance haben zu erfahren: "Ich bin immer mehr als das, was ich jetzt in diesem Moment wahrnehme", wie es Pierre im Gespräch schildert. Nur einer von mehreren Sätzen, die unser kleines Interview auch für zu einer Bereicherung gemacht haben - und warum ich mich nun darüber freue, es der Öffentlichkeit zum Anhören zur Verfügung zu stellen. Hier geht es zum ersten Teil unseres Gesprächs.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor des Buches "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag, 17 Euro, erschienen im März 2019. Mehr Infos gibt es hier.

Alle aktuellen Termine, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare etc. mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

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Donnerstag, 18. April 2019

Warum ein "Mein Beileid" eine gute und angemessene Reaktion ist, wenn wir von einem Todesfall erfahren - und was in diesem kleinen Wörtchen alles drinstecken kann, wenn es ernst gemeint ist - Tipps zum Umgang mit Trauernden

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Osnabrück - Jemand ist gestorben. Wir treffen den Angehörigen. Und, was sagen wir jetzt? Ich muss hier noch einmal eine Lanze brechen für die Formulierung "Mein Beileid"... Bereits vor einigen Jahren habe ich einen Artikel darüber veröffentlicht, warum ich das "Mein Beileid" immer noch für eine gute und angemessene Reaktion halte, sobald man von einem Todes- und Trauerfall erfährt. Auch, wenn es bei vielen Menschen inzwischen irgendwie verpönt zu sein scheint und inzwischen irgendwie ungern benutzt wird. Umso erfreuter war ich nun, als es bei einer in Witten stattfindenden Tagung zum Thema Trauer im Berufsleben, bei der ich als Zuhörer dabei sein durfte, in der Diskussion auch um die Formulierung "Mein Beileid" ging - und als ich in meinen Ideen dazu bekräftigt wurde. Was ich gerne zum Anlass nehmen möchte, darauf näher einzugehen.

Die Unsicherheiten lassen sich im Internet finden. "Einfach nur ,Mein Beileid' - das kommt mir so unpersönlich vor..." - so schrieb es ein Nutzer im Portal "Gutefrage.net." Ob es nicht bessere Sätze gäbe, lautet seine Frage. Doch wie so oft im Leben sind es die kleinen Worte, in denen die größte Bedeutung mitschwingen kann. Mein Beileid, zerpflücken wir dieses kleine Wörtchen doch einmal in seine einzelnen Bestandteile, so wie es auch die sich aus dem Publikum meldenden Diskussionsteilnehmer bei der Tagung in Witten getan haben: Es geht um das Bei- und das Leid. Gemeint ist mit diesem Wort also: In kann jetzt bei Dir sein in Deinem Leid. Du wirst von mir Zuspruch, Unterstützung und vor allem ein offenes Ohr bekommen. Aber, und das ist das Wichtige daran: Ich kann und werde Dir zuhören, werde Dich ernstnehmen, aber ich kann nicht mit Dir mitleiden. Viel besser sogar: Ich kann Dich in Deinem eigenen Leid wahrnehmen und Dich dort lassen, so dass Du Deine eigenen Wege damit und darin finden kannst. Denn darum geht es in der Trauer: Seine eigenen Wege zu finden. Das unterscheidet dieses Beileid also vom Mitleid - und das mag spitzfindig klingen, ist aber eine sehr wichtige Differenzierung. Denn letztlich steckt alleine schon in dieser sprachlichen und vermeintlichten Wortklauberei das ganze Konzept bzw. die komplette Haltung von professionellen Trauerbegleitern drin. Warum das so ist?



Weil es bei der Begleitung von Trauernden immer darum geht, ihr Leiden, ihre Klagen, ihr Schicksal mit ihnen gemeinsam aushalten zu können. Es aber nicht kleinreden zu wollen oder abmildern zu wollen. Das macht jedoch erforderlich, dass der jeweilige Begleiter selbst standhaft bleiben kann, nicht selbst ins Wanken gerät. Dass er empathisch zuhören und die Stimmungen wahrnehmen kann. Oder, um in den oben schon erwähnten Begriffen zu bleiben: Dass er bei-leiden kann, ohne in eigenes mit-Leiden zu verfallen. Ein Patentrezept, wie sich Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise gut begegnen lässt, gibt es nicht, denn jeder Mensch reagiert anders. Aber dieses eine ist immer wichtig, ganz egal, wie der Fall jeweils auch aussieht: Dass das Zuhörenkönnen hilfreicher ist als das Selberreden. 



Es war die aus München stammende Coachin und Trauerbegleiterin Franziska Offermann, die in ihrem Vortrag zum Thema Trauer im Arbeitsleben auch die Frage nach der Formulierung "Mein Beileid" behandelte. Und sie machte dem Plenum eindrucksvoll vor, dass es wie bei allem im Leben auf die Details ankommt. Wer nur ein lapidares und ganz offensichtlich rein als Floskel benutztes "Mein Beileid" bemüht, verbunden vielleicht mit einer irgendwie lustlos ausgestreckten Hand, der wird natürlich nicht als ernsthaft interessiert oder ernsthaft bemüht wahrgenommen. Es ist also wenigstens genauso wichtig, dieses Beileid mit einer inneren Haltung der Zuwendung und des ernsthaften Interesses zu verbinden - wie bei so vielem, was wir sagen und tun, kommt es viel mehr auf die Haltung an als auf die Inhalte. Das erleben wir oft auch an anderen Stellen.


Was sollen wir sagen? Oder vielleicht: Fragen?


Als ich neulich dem Radiosender SWR 3 ein kleines Interview zum Thema Trauer geben durfte, das dann Bestandteil einer Ausgabe der montäglich laufenden Beziehungsshow wurde (hier gibt es mehr Infos zu dieser Sendung), lautete eine der Fragen: Was können wir den Menschen Hilfreiches sagen, die gerade jemanden verloren haben? Eine oft und gern gestellte Frage, auf die ich gerne antworte: Es kommt weniger auf zu sagende Sätze an als vielmehr darauf, ob wir bereit sind den Menschen wirklich zuzuhören. Und wenn wir das sind, ist die naheliegendste aller Fragen gleich die beste aller Fragen - solange sie ernst gemeint ist und mit echtem Interesse verbunden ist. Nämlich: Wie geht es dir? Aber, gemeint als: Wie geht es Dir jetzt wirklich? Ich würde das gerne wissen - weil ich dann bei Dir sein kann in Deinem Leiden. Denn das ist: Mein Beileid.

Übrigens: Lust drauf, diesen Blog auch als Podcast zu hören? Dann bitte hier klicken für die Übersicht über alle bisher veröffentlichten Episoden, darunter meine Interviews mit dem Buchautoren Pierre Stutz, dem "Letzte Lieder"-Macher Stefan Weiller und dem Trauer-Chat-Moderator und Ex-Spielsüchtigen Kai Sender....

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum das Sterben in Deutschland seit Januar 2020 nochmal deutlich teurer geworden ist - Die so genannte Leichenschau steht in der Kritik

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Sonntag, 7. April 2019

Libido, Bauchtanz, Amélie, Rockband, Projektchor und die ganzen Facetten des Lebens, und das alles in der Kirche - ein Abend voller Überraschungen, ebenso irritierend wie ungewöhnlich wie unterhaltsam: So war das Konzert "Letzte Lieder" vom Künstler und Journalisten Stefan Weiller in der Heilig-Kreuz-Kirche in Osnabrück am 7. 4. 2019 (Sonntag)

Osnabrück - Nix da, weihevoll; nix da, geheimnisvoll; nix da, mystisch oder besinnlich: Was da in der Heilig-Kreuz-Kirche am Sonntagabend des 7. 4. 2019 geboten wurde, hatte mit einem klassischen Kirchenkonzert sehr wenig zu tun. Tatsächlich war es nichts anderes als ein riesiges, fettes, buntes Sterbe-Musical voller Überraschungen. Unbeschreiblich rasant und unterhaltsam, überraschend rockig und laut, überraschend multimedial und hochprofessionell, überraschend anders als gedacht, selbst für diejenigen, die ungefähr wussten, was sie da erwartete. Hatte der Projektinitiator und Künstler Stefan Weiller in seiner Anmoderation vor Beginn des Konzerts "Letzte Lieder" noch angekündigt, es würde insgesamt 23 Musikbeiträge und Texte - ohne Pause - geben, was bei dem einen oder anderen Gast einen verstohlenen Blick auf die Armbanduhr zur Folge hatte, nach dem Motto "Ach herrje, so lange geht das?", waren am Ende die meisten überrascht, wie rasch der Abend zu Ende ging. Ein paar der Gäste verließen zwar im Laufe der Veranstaltung die Kirche - doch der Eindruck, dass es viele Gäste gewesen sein könnten, wie es andere Besucher schilderten, scheint auf eine dramaturgisch notwendige und missverstandene Aktivität des Chores zurückzugehen.

Stefan Weiller geht in die Hospize unseres Landes und lässt sich dort Lebensgeschichten erzählen. Und immer geht es dabei auch um die Musik eines Lebens - also: seinen Soundtrack. Auch aus dem Osnabrücker Hospiz sind diesmal vier Geschichten dabei. Daraus baut Weiller Konzerte zusammen, die in kein bekanntes Raster passen. Wie in Osnabrück deutlich zu erleben war: Eine leichtbekleidete Bauchtänzerin in der Kirche, die zu türkisch behauchtem Europop ihre Hüften kreisen lässt. Eine Rockband, die im "Smells Like Teen Spirit"-Coversong ihre Libido besingt bzw. die im Text erwähnte Libido des Kurt Cobain (passenderweise genau zwei Tage nach seinem 25. Todestag). Wie großartig, dass sich sogar eine katholische Kirche als Veranstaltungsort für all solche Auftritte so mutig und so weltenzugewandt und so unverstaubt zeigen darf - durchaus nicht selbstverständlich und nicht Jedermanns Geschmack. Beim Auftritt der Bauchtänzerin verlässt das neben mir sitzende Ehepaar jedenfalls entrüstet seine Sitze.

(Anmerkung und Korrektur: In einer vorherigen Version des Artikels hat es geheißen, es hätten eine Reihe von Gästen die Kirche verlassen, so hatten es mir auch weiter hinten sitzende Besucher im Gespräch geschildert - doch was hier als Türenaktivität wahrgenommen wurde, könnte ggf. auf dramaturgisch nötige räumliche Wechsel des Chores zurückzuführen sein, wie mir jetzt Stefan Weiller in einer E-Mail schilderte - denn der Chor hatte mehrmals die Empore verlassen und sich an andere Orte begeben müssen, teils auch außen um die Kirche herum, und dann wieder zurück, was nicht immer "ohne Tumult" vonstatten ging, wie es Weiller mir jetzt schilderte - ich habe diesen Text also an allen Stellen entsprechend angepasst und korrigiert).

Wäre sie nicht so passend und zutreffend, müsste man diese im Kontext der Letzten Lieder vermutlich überstrapazierte Formulierung inzwischen einmotten: So bunt wie das Leben, so individuell wie jeder Einzelne, dokumentieren auch diese Bestandteile des Abends eindrucksvoll, dass das Sterben eben so vielfältig ist wie es die Menschen sind. Manchmal traurig. Manchmal auch lustig. Und auch das wird spürbar: Wer sich mit dem Tod beschäftigt, den führt dieser Weg immer mitten hinein - ins Leben (wie sehr Trauer und Musik miteinander verzahnt sind, ist immer wieder auch Thema in meinem Trauerblog).


Grandios, was das Hospiz Osnabrück und die Gemeinde Heilig Kreuz mit ihren zahlreichen Projektpartnern und einigen Großspendern hier auf die Beine gestellt haben. Dass das Projekt "Letzte Lieder" ungewöhnlich werden würde, zeigte sich schon beim Betreten der Kirche, in der schon eine halbe Stunde vor Beginn kaum noch Plätze frei sind. Da sieht man auf einmal den in Osnabrück recht bekannten und als Kirchensänger immer mal wieder auftretenden Tenor Max Ciolek - aber mit einem Microportmikrofon am Mund. Und rechts und links vom Altarraum stehen dicke Lautsprecherboxen. Mitten in der Kirche zeigt ein hübsch bunt blinkendes Mischpult an, dass hier eine Menge Technik verbaut worden sein muss. Elektronisch verstärkte Sänger, ein Schlagzeug im Hintergrund, Videoprojektionen an der Wand, in sanften Farben angestrahlte Kirchenwände... Da kommt was auf einen zu, das ist klar. Und was ist das?


Flickenteppich aus Sterbeschicksalen


23 Menschenleben, 23 Geschichten, 23 Räume - also: Hospizräume - gilt es zu durchschreiten und mitzuerleben. Um das zu gewährleisten, wird hier eine ordentliche Menge an Personal aufgefahren - teils mitgebracht, teils aus dem Osnabrücker Raum rekrutiert. Ein eigens für das Projekt gegründeter Chor, eine Rockband, viele Solisten (neben Max Ciolek aus Osnabrück sind dies die externen Gäste Mareike Bender und Christina Schmid als Sängerinnen und der musikalische Leiter des Ganzen, Ralf Sach), Geiger, Pianisten, eine Harfinistin, you name it. Und los geht es, mitten hinein in die Musik eines jeweiligen Lebens. Oder besser: Die letzte Musik dieses jeweiligen Lebens. Weiller fügt in seinen Konzertabenden von Profischauspielern vorgelesene Texte und Musik zu einem Flickenteppich zusammen, der diese Geschichten und Lieder als musikalische Vermächtnisse versammelt, ein facettenreiches Kaleidoskop der Menschlichkeit. Klingt erstmal irgendwie nicht fassbar - oder nach einem sehr getragenen Abend. Doch das Gegenteil ist der Fall. 


Der größte Clou an dieser, es lässt sich nicht anders bezeichnen, Show ist ihr enormes Tempo. Hier ist ständig etwas in Bewegung, ständig etwas im Fluss. Kaum ist der letzte Ton eines Liedes verklungen, da greift auch schon das nächste Instrument seine Hintergrundtätigkeiten auf, ohne dass Raum für Applaus oder fürs Luftholen bliebe - denn während die Schauspieler die Texte vorlesen, werden sie quasi filmmusikalisch von einem live gespielten Musikbett begleitet. Fast schimmert da so etwas wie das von mir sehr geschätzte Rilkeprojekt als ein vermutetes Vorbild hindurch. Doch schon nimmt der nächste Sänger seinen Platz ein und das nächste Lied geht los. Wobei die musikalische Reise viele weite Bögen und Epochen überspannt - von Barock bis zur Dancing Queen (wunderhübsch eingeleitet durch ein auf der Harfe gezupftes Intro), von Monteverdi bis zu Cindy & Bert, von der "Geilen Zeit" bis zu Whitney Houston, vom russischen Volkslied bis zu Westlife. Operetten sind auch mit dabei: Der Vogelhändler etwa und, natürlich, die Lustige Witwe und ihre geflüsterten Geigen. Alles dabei und noch mehr. Grandios arrangiert und aufgeführt - mit zahlreichen Gänsehauteffekten, für die alleine schon der Kirchenraum sorgt, der hier sehr bewusst als zusätzliches Instrument und als komplett zu benutzender Aufführungsort eingesetzt wird. Wenn dann ein unsichtbar platzierter Chor von ganz hinten oder ganz vorne ein atmosphärisches Summen beisteuert oder der Akkordeonspieler mit dem Amelié-Thema aus dem Filmsoundtrack einmal den ganzen Raum durchschreitet, sorgen alleine schon solche vermeintlich simplen Gimmicks für einen ganz großen Effekt. 


Angriffpunkte für Kritik gäbe es reichlich


Für den sorgen aber auch die Texte, die Stefan Weiller sehr geschickt zusammengewebt hat. Denn hatte man sich am Anfang noch gefragt, ob bei all der Thematik - 23 Mal Trauer, Tod und Sterben massiv komprimiert in zweieinhalb Stunden - auch die Seele immer hinterherkommen könnte, kann auch hier alsbald Entwarnung gegeben werden. Wie bei einem gut geschriebenen Theaterstück ergänzt sich Heiteres mit Bizarrem, Tragisches mit Tieftraurigem und brüllend Komisches mit tief Anrührendem zu einem perfekt durchkomponierten Emotionsmix. Große Show, gutes Musical, halt, auch hier, es lässt sich kaum anders zusammenfassen. Das kann einen schon ganz gut irritieren. Denn bei alledem schwingt natürlich auch immer die Frage mit: Darf das so sein? Darf das alles so leicht und locker sein? So unterhaltsam? So vermeintlich simpel? Darf man im ICE-Tempo durch 23 Leben hindurchgleiten? Und, ja, wer denn wollte, könnte sicher vielerlei Angriffpunkte für Kritik finden. Zu verdichtet, zu arg auf Effekt gedrechselt, zu glatt, zu durchgestylt, zu sehr in Richtung Showbühne schielend. Alles "too much" oder geht grad noch so? Darüber ließe sich debattieren. Und manch einer tat das am Ende dann auch, wie beim Rausgehen zu erleben war. Nur damit wir uns hier richtig verstehen: 


Warum das zum Nachdenken anregt


Ich fand den Abend schlicht großartig. Ich merke jedoch, wie sehr ich als der Sohn eines auch heute noch gelegentlich Orgel spielenden nebenberuflichen Hobby-Kirchenmusikers so sozialisiert bin, eine Kirche als einen Ort der Weihe und der Würde anzusehen. Dementsprechend irritiert es mich schon sehr, dort eine das Publikum offensiv zum Mitklatschen auffordernde Sängerin mit Microport zu erleben (auch wenn mir selbst die Getragenheit und die starren festen Riten von "Kirche" eher fremd sind, zugegeben). Gekoppelt an den insgesamt hohen Unterhaltungswert der Aufführung hat mich das jedoch zu einem wohltuenden weiteren Nachdenken angeregt. Als leidenschaftlicher Theatergänger bin ich überzeugt davon, dass eine Aufführung das Publikum auch irritieren darf. VIelleicht - sollte? 


Wie wollen wir damit umgehen?


Und wenn der hohe Unterhaltungsfaktor und das rasche Tempo der Letzten Lieder hier eine Irritation schafft, dann ist dies eine sinnvolle und wertvolle Irritation. Regt sie doch uns als Publikum dazu an, ins Nachdenken zu kommen darüber, wie wir eigentlich mit dem Leben eines Menschen nach seinem Ende umgehen sollten und müssten. Muss es in der Nachbetrachtung menschlichen Lebens tatsächlich immer so weihevoll und in Stille getaucht sein oder darf es auch rasant und bunt und facettenreich zugehen? Und wenn ja, in welchem Maße muss wieviel davon Anteil haben? Zu diesen Fragen hat mich der Abend ebenfalls angeregt - und ganz abgesehen davon, dass ich mich prächtig unterhalten gefühlt habe und mich königlich amüsiert habe, merke ich bei längerem Nachdenken, wie sehr sich hier Spannungsfelder auftun. Wie lange das nachwirkt.


Ein bisschen "Stromberg" bleibt immer?


Statt der angekündigten Eva Mattes war am Sonntag übrigens die Sprecherin Birgitta Assheuer mit auf dem zur Bühne umfunktionierten Altarraum dabei - auch ihre Stimme bekannt durch Hörbücher, auch sie eine hochprofessionelle Sprecherin, die geschickt den Charakter der Texte herausschälen kann. So wie Christoph Maria Herbst, der mir in den von vielen so gefeierten "Stromberg"-Staffeln immer ein bisschen zu überzogen vorgekommen ist, was aber auch dem Charakter der Serie an sich geschuldet sein mag (ich erinnere mich an meinen grässlich hohen Stromberg-Fremdschämfaktor bei einem Rudelgucken in der Kneipe, bei dem ich als Mitgeschleppter überhaupt erstmals auf die Serie aufmerksam gemacht wurde) und der mich hier als Sprecher wirklich überrascht hat. Klar, sein angestammtes Metier bleibt die Komödie, seine größten Stärken kann er bei den komischen Texten ausspielen, aber auch an den tragischen Stellen schafft er es, mit seiner Gestaltung die Hörer zu berühren. Das ist wie alles an diesem Abend manchmal auch an der Grenze zum Zuviel, aber trotzdem nie pietätlos. Das ist die wahre große Kunst dieses Abends. Dass er sich immer irgendwie wieder fängt. 



Und immer wenn Du dachtest, jetzt kann es eigentlich keine weiteren Überraschungen mehr geben, kommt von hinten aus dem Kirchenschiff beispielsweise  ein Akkordeonspieler gelaufen, hat sich der Chor schon wieder woanders aufgestellt oder es kommt ein bislang noch nicht aufgetauchtes Musikinstrument zum Einsatz - eine Ukulele, beispielsweise, die die Fröhlichkeit und einem hier bewusst werdende Schlüpfrigkeit von "Guten Morgen, Sonnenschein" konsequent überbetont. Und auch die Hospizbewohnerin, die sich eine explizit nur 2:30 Minuten dauernde und die Facetten ihres Lebens spiegelnde Schlagzeugimprovisation wünschte, bekommt sie hier. Apropos Schlagzeug - was einen niemals zu unterschätzenden Anteil zum Gelingen dieses Abends beiträgt, ist die Tontechnik, die all diese Elemente in einem hochprofessionellen Klangbild zusammenzuführen versteht, bis auf ein zu spät hochgefahrenes Mikro ohne jeden erkennbaren Aussetzer - und was es hier alles einzufangen gilt, ist eine Menge, klassischer Gesang und poppige Beltstimme, Schlagzeug und Geigen, Harmonium und Harfe, Chor und Gitarren, Hintergrundmusik und Sprecher... 


Bleibt am Ende nur noch ein Problem... 


Und das in einem Kirchenraum, der aufgrund seiner besonders kargen Wände und Höhe von einer ganz besonderen Echoherausforderung geprägt sein dürfte - das ist schon großes Handwerk. Da könnten sich selbst die Profis von "Toto" eine Scheibe von abschneiden, die selbst in einer ganz klassischen Veranstaltungshalle nichts als Klangbrei ablieferten. Bleibt am Ende nur ein Problem, mit dem die Heilig-Kreuz-Kirche im Osnabrücker Stadtteil Schinkel wohl selten konfrontiert wird: Wenn alle zur Verfügung stehenden 816 Sitzplätze besetzt waren - dann geht es auf den recht engen und zugeparkten Straßen hier zu wie nach einem Rockkonzert oder einem Fußballspiel im unweit der Kirche liegenden Stadion. Eng und voll - und trotz der innerlich bewegten Autofahrer bewegt sich hier dann eher wenig. Sei's drum: bleibt mehr Zeit zum Nachspüren und Nacherleben, auch gut.

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Was bewegte Stefan Weiller zu seinem Projekt Letzte Lieder -  und wieviele Geschichten hat inzwischen gesammelt? Das und mehr erzählte er mir in einem Exklusivinterview, das sich hier finden lässt. 

Als Shortlink: https://bit.ly/2C7rHAZ

Als kompletter Link:

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Donnerstag, 4. April 2019

Das hat es auf der Messe "Leben und Tod" so auch noch nicht gegeben - Öffentliche Trauergruppen, abendlicher "Death-Slam" am Freitag, neue Öffnungszeiten und große Trauerbegleiter-Bilderausstellung zum zehnten Geburtstag der Messe in Bremen (am 10./11. Mai 2019, Freitag/Samstag, in der Bremer Messehalle 6)

So kennt man sie: Mechthild Schroeter-Rupieper, engagiert und überzeugend in Vorträgen wie hier im Jahr 2017 auf der Messe "Leben und Tod" in Bremen. (Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Bremen - Trauergruppen mit Jugendlichen, die sich bei ihren Gruppentreffen über die Schulter schauen lassen, weil diese mitten im Messegeschehen, neben einem Messestand, stattfinden werden. Das hat es auf der Messe "Leben und Tod" so auch noch nicht gegeben. Und der Clou daran: Wer möchte, kann selbst auch teilnehmen (nach vorheriger Anmeldung). Das plant jedenfalls die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper als besondere Aktion für die kommende Fachmesse rund um Trauer, Sterben und die Begleitung von Menschen in Krisen, die in diesem Jahr am 10./11. Mai (Freitag/Samstag) in der Bremer Messehalle 6 stattfindet. So jedenfalls schilderte es Mechthild Schroeter-Rupieper mir jetzt am Rande einer Fachtagung rund um das Thema Trauer im Arbeitsleben, die Ende März auf Initiative der "Trauerarbeit Hattingen" (Traurig. Mutig. Stark.) in Witten im Ruhrgebiet stattfand. Die öffentlichen Trauergruppen sind aber nicht die einzige Besonderheit, die die "Leben und Tod" - die übrigens ihren zehnten Geburtstag feiert - diesmal anbietet. Da ist noch ein bisschen mehr....

Aber zuerst einmal zu Mechthild Schroeter-Rupieper. Die Gelsenkirchenerin ist auf der Messe wieder mit ihrem Institut "Lavia" vertreten. Am Samstag, dem 11. Mai, sollen ihren Worten zufolge neben ihrem Messestand über den Tag verteilt vier Trauergruppen von je 45 Minuten stattfinden. Teilnehmen an den Trauergruppen werden Jugendliche, die mit Mechthild Schroeter-Rupieper zusammen anreisen, Jugendliche aus Bremen - und Messebesucher, die sich vorher anmelden können. Die Gruppen werden zu den folgenden Themen angeboten: 


1.) „Wenn das Herz bricht und wie es wieder heilen kann“ - (um 9:30 Uhr). Den Satz: „Du bist aber tapfer, du bist ja schon groß!“ hören Jungen und Mädchen von klein an und sind auch mal stolz, wenn sie es schaffen, ihre kleinen Alltagstraurigkeiten zu unterdrücken. Was aber, wenn einen die Trauer mal so richtig erwischt? Weil sich zum Beispiel die Eltern scheiden lassen, weil man großen Liebeskummer hat oder weil ein Mensch verstirbt? Was, wenn das Unterdrücken nicht mehr gelingen will? Woher weiß ich, ob ich „normal“ bin oder nicht? Wie gehen andere mit Verlusten um? Mit wem rede ich über die Sehnsucht und wird es eines Tages besser werden? Hierzu ist ein Austausch geplant mit anderen Jugendlichen, die den Tod von Eltern oder Geschwistern erlebt haben.



2.)  Aus dem Nähkästchen plaudern“; eine Jugend-Trauergruppe mit Erinnerungsgegenständen - um ‪12.30 Uhr. „Jetzt erzähl nicht schon wieder davon. Du nervst!...“ So etwas und Ähnliches hören Jugendliche, wenn sie gerne zum 10. oder auch 15. Mal von ihrem Liebeskummer oder der Trauer um einen verstorbenen Menschen erzählen wollen. „Ich weiß nicht mehr, wie seine Stimme klang, ich vergesse immer mehr“, denkt sich ein anderer Jugendlicher, bei dem ein lieber Mensch verstarb. Gegenstände und Symbole sind eine gute Möglichkeit, sich an Menschen und Dinge zu erinnern, die man vermisst. Davon anderen zu erzählen, macht oft bei aller Sehnsucht auch noch Spaß. Und es hält gute Erinnerungen wach. Darum geht es bei dieser Gruppe.



3.) Wenn sich Gefühle wie Aprilwetter anfühlen“; eine Jugend-Trauergruppe mit stürmischen Fragekarten - um 13.45 UhrHeute so, morgen so. Manchmal fühlt sich die eigene Stimmung so launisch wie ein Wetterwechsel im April an. Im Austausch mit Jugendlichen, bei denen ein nahestehender Mensch gestorben ist, die aber auch Liebeskummer, Schulversagen, Scheidung der Eltern oder andere Krisen kennen, kommen die Teilnehmer dieser Gruppe miteinander ins Gespräch, indem sie dafür Wettersymbole und Fragekarten benutzen. Mit anderen Jungen und Mädchen im Austausch zu sein, hilft oft, die eigenen Gefühle zu sortieren, weil man ehrlich sein kann und nicht einfach nur „einen auf gutes Wetter macht“.


4.) „Und wer ist dein Vorbild in der Trauer?“; eine Jugend-Trauergruppe mit einem „Frage-Fußball“ - um 15 Uhr. „Wer ist dein Vorbild in Trauerzeiten?“, ist eine Frage, die die Lavia-Gruppenleitern ihren Jugendlichen oft stellen. Die Jugendtrauergruppen von Lavia kooperieren hierfür beispielsweise mit Schalke 04, indem Fußballspieler, die aktuell in der Bundesliga spielen, die Gruppen besuchen. Dort lassen sie sich auf Gespräche mit den Jugendlichen über ihren persönlichen Umgang mit Krisen, z.B. aufgrund von Verletzungen, verlorenen Spielen oder den Umgang mit persönlichen Trauersituationen ein. In der Mitmach-Trauergruppe auf der Messe sollen Jugendliche über Fußbälle und Autogramme miteinander in sportliche  Gespräche kommen können - ob hierbei auch noch ein Fußballer zugegen sein wird, ist derzeit noch nicht geklärt. Anmeldungen zu den Workshops sind möglich über die Internetseite der Messe unter diesem LinkÜbrigens: Auch sonst bietet das Programm der diesjährigen "Leben und Tod" eine Neuerung. 


Denn erstmals gibt es am Freitag (10.5.) eine Verlängerung in den Abend hinein. So wird ab 19.30 Uhr der erste so genannte Death Slam auf dem Messegelände stattfinden, eine an den Tod angepasste Variation des Poetry-Slam-Formats. Die hier vorgetragenen Texte sollen laut eines Pressetextes der Messe "das Ende berühren, das wir eigentlich nicht sehen wollen". Das Format selbst ist übrigens nicht neu, tatsächlich findet dieser Death Slam sogar bereits zum fünften Mal stat (organisiert von der ebenfalls gelegentlich auf der Messe vertretenen Funus-Stiftung) - aber in Bremen hat die Veranstaltung noch nie gastiert. Hintergrund ist ein runder Geburtstag.  


Denn die "Leben und Tod" findet in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal statt. Und bietet auch sonst ein gut bestücktes Programm, das sich wie sonst auch aus zahlreichen Vorträgen - entweder öffentlich im Forum für alle Besucher oder in den Extra-Sälen für die Fach-Besucher -, aus Extra-Workshops (mit Anmedung) und aus einer klassischen Messe mit Infoständen zusammensetzt. Zu den bekannten Namen, die hier vertreten sein werden, gehört zum Beispiel auch die Buchautorin und Trauerbegleiterin Chris Paul. Ein weiterer Bestandteil der Messe ist eine Ausstellung des Bundesverbands Trauerbegleitung zum Thema "Hoffnungsvoll und seelenschwer", auf die ich mich ebenfalls besonders freue, weil ich selbst ein bisschen was dazu beitragen durfte und ganz gespannt bin, wie es geworden ist... Eine leichte Anpassung an die Gegebenheiten gibt es, was die Öffnungszeiten der Messe angeht - nachdem in den vergangenen Jahren öfter zu erleben war, wie die Standbeschicker am Samstag gegen 16.30 Uhr bei einer sich immer mehr leerenden Messehalle bereits in emsiges Abbauen und Aufräumen verfielen, hat die Messe nun die Samstags-Öffnungszeit nach hinten raus gekappt - um 16.30 Uhr ist offiziell Schluss. Und was die öffentlichen Vorlesungen auf der Messe angeht, sind übrigens zwei Bücher mit dabei, die ich Anfang des Jahres bereits hier auf diesem Blog vorstellen durfte.


So wird beispielsweise die Journalistin und Autorin Heike Fink im Forum auftreten, deren Buch "Mein Jahr mit dem Tod" ich hier schon vorgestellt habe, außerdem ist die Kinder-und-Jugendbuch-Autorin und auf Jugendliche spezialisierte Trauerbegleiterin Ayse Bosse mit dabei, um ihr neues Mitmach-Buch "Einfach so weg" auf der Messe vorzustellen. Und, zuguterletzt (also jedenfalls heute und hier in diesem Blogbeitrag), auch der Berliner Revoluzzer-Bestatter und Ex-Musikmanager Eric Wrede wird aus dem hier ebenfalls bereits vorgestellten Buch "The End" vorlesen. Gibt also viel zu hören und zu erleben. Und, klar, ich wusel da auch wieder irgendwo rum, mal hier, mal dort, meistens mit Kamera und Block, so als bloggender Berichterstatter. Mein Buch signier ich dann auch gern. Sehen wir uns also in Bremen, ja? ;-)

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Außerdem bietet Achenbach Vorträge und Seminare zum Thema Trauer oder zum Umgang mit Trauernden an. Mehr Infos gibt es hier.

Alle aktuellen Termine, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare etc. mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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