Mittwoch, 28. November 2018

Ein ganzes Leben unter mehreren bunten Buchdeckeln - Warum auch Blanko-Notizbücher eine Kraftquelle sein können - Meine zweiten November-Fotos für die Mitmachaktion des Bundesverbands Trauerbegleitung (plus: Tiipps für "Erfolgstraining" und "Superbuch")


Blanko-Notizbücher - ohne die geht es nicht.... (Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Osnabrück - Für meine Lebensgestaltung sind sie essentiell - und auch sonst habe ich eine Schwäche für sie: Ohne Notizbücher könnte ich nicht leben. Sie sind ein ausgelagertes Gedächtnis, ein Ankerpunkt in der Erinnerung daran, was die Tage wertvoll gemacht hat und ein Sammelpunkt für alles, an das ich denken muss. Und weil ich gerade versuche, irgendwie drei bis vier Leben in eines zu packen - Familie, Hauptberuf, Trauerbegleitung, dazu noch das Schreiben, Bloggen, die Fotografie und noch das eine oder andere -, ist es besonders sinnvoll, alles, was gerade flüchtig im Gedächtnis herumspukt und das vielleicht erinnert werden sollte, rasch aufzuschreiben. In diesen verschiedenen Prozessen begleiten mich meine verschiedenen Notizbüchern, in denen sich mein ganzes Leben findet. Also sind sie eben auch: Kraftquellen. Außerdem: "Hoffnungsvoll und Seelenschwer". Und damit sind sie als Thema prädestiniert für meine inoffizielle Teilnahme an dieser offiziellen Aktion... als zweiter Beitrag im November, weil ich im Oktober keine Zeit dafür hatte.

Ich will ganz ehrlich sein: Am Anfang kam ich mir reichlich bescheuert vor, als ich damit begann, ein „Glückstagebuch“ oder „Erfolgstagebuch” anzulegen. Tagebuch zu führen, das hatte ich durchaus schon mal ausprobiert, aber es hatte mich doch immer irgendwie befremdet oder mir sehr wenig gebracht. Und dann als Über-30-Jähriger mit einer ganz besonderen Sorte Tagebuch anzufangen... – ganz schön Eso, irgendwie. Andererseits hatte ich auch noch die deutlichen Worte der Persönlichkeitstrainerin und Managementberaterin im Kopf, mit der ich damals einen Vortrag organisiert hatte: Man solle sich am Ende eines jeden Tages wenigstens drei Dinge notieren, die positiv gewesen sind. Um den Fokus auf das Gute im Leben zu richten. Denn: „Beachtung bringt Verstärkung.“ 



Ein simpler psychologischer Trick, der zu deutlich mehr Zufriedenheit im Leben führen soll. Und mehr Zufriedenheit hatte ich zu jenem Zeitpunkt in meinem Leben bitter nötig. Das war vor mehr als zwölf Jahren. Seither bin ich ein überzeugter Fan und Befürworter dieser Technik. Und habe keine Angst davor, es zugegeben. Manager nutzen diese Methode. Geschäftsführer nutzen sie. Erfolgreiche Menschen nutzen sie. Auch wenn es im ersten Moment etwas esoterisch anmuten mag: Es funktioniert. Ich persönlich nenne die Methode gerne „Positiv-Training“. Das klingt pragmatischer. „Glückstagebuch”, wie es viele bevorzugen, das schmeckt für mich dann doch zu sehr nach Teenagerträumen und Seifenoper. Aber „Training“ – das klingt hübsch aktiv und sportlich. Und so geht es: Man besorgt sich ein Buch mit leeren Seiten und einen Stift. Am Abend lässt man, vielleicht vor dem Schlafengehen, den Tag in Gedanken noch einmal Revue passieren und notiert sich einfach alles, was gut gewesen ist. Aber eben nur das. Das Schlechte bleibt einfach weg.




Das Ganze ist also weniger ein Tagebuch als vielmehr eine Art Wahrnehmungsschule. Für den Anfang reicht es, sich jeden Tag drei Dinge zu notieren. Schon nach wenigen Wochen werden es meiner Erfahrung zufolge automatisch mehr. Warum das Training so gut funktioniert, ist schnell gesagt: Weil man als Mensch zum Perspektivwechesl gezwungen ist. Denn von Natur aus ist der Mensch eben so gestrickt, dass er immer zuerst auf die negativen Seiten des Lebens sieht. Hand aufs Herz: Wenn Sie abends bei Familie oder Freunden erzählen, wie Ihr Tag gewesen ist – wie oft erzählen Sie etwas Gutes? Und wie oft etwas Negatives? Eher Letzteres, oder? Wie kommt das? Ganz einfach: es sind vor allem die kleinen positiven Ereignisse, die viel schneller in Vergessenheit geraten als alles, über das man sich aufregt. Wobei, eines muss klar gesagt sein: In einer Trauer- und Verlustkrise ist diese Technik erstmal zu ambitioniert. Aber es gibt eine ganz pragmatische und niederschwellige Methode, die sich dann anwenden lässt und die ich hier in diesem Blog bereits an anderer Stelle einmal beschrieben habe ("Sammeln Sie Ihre Immerhins..."). Aber dieses tägliche Training ist nur eines der Bücher, die ich in täglicher Benutzung habe.



Das andere ist mein "Superbuch". Ja, zugegeben, das klingt auch erstmal bizarr und esoterisch. Ist aber ganz einfach: Viele Jahre lang habe ich alles das, was mir gerade irgendwie im Kopf herumgespukt ist, auf den nächstverfügbaren Notizzettel oder auf einen gelben Post It geschrieben. Dazu kamen noch allerlei To-Do-Listen und Schmierzettel. Mit dem Resultat, dass ich irgendwann eine wilde und bei jedem Lüften durch die Gegend flatternde Sammlung an Minizetteln und Klebezetteln irgendwo herumliegen hatte, was erstens ziemlich schrecklich aussah und zweitens auch nicht unbedingt das gewünschte Ergebnis gebracht hatte (also: sich tatsächlich an etwas zu erinnern). Und je komplexer mein Leben so wurde, desto ausufernder wurde auch dieser Zettelberg. Ich bin tatsächlich erst sehr spät in meinem Leben und durch einen Blogbeitrag in "Frau Momos Minimalismus" auf die Methode mit dem Superbuch gestoßen. Die Idee ist eigentlich total simpel: Da kommt einfach alles rein. Alles. All die Zettelcheninhalte, Gedanken, Notizen, To Dos, Einkaufslisten, alles. Und wie Frau Momo so schön schreibt: Alles ganz unabhängig von geladenen Akkus. So begleiten mich zwei Notizbücher durch meinen Alltag: Mein Trainingsbuch und mein Superbuch. Und es kommen noch mehr dazu.


Denn es gibt noch Notizbücher mit zielgerichteten Notizen, also projektbezogene Bücher, wo ich alles, was das Projekt braucht, versammelt finde. Also: Jede Menge Leben und jede Menge Pläne und jede Menge Gutes ist da versammelt zwischen diesen Buchdeckeln. Und dennoch ist es immer wieder ein schönes Gefühl, ein neues, leeres Notizbuch in den Händen zu halten, aufzuschlagen und mit den ersten Zeilen zu beginnen. Das hat so etwas von: Das Leben geht weiter, ein neues Kapitel fängt an... Jedes Mal ein kleines Ritual der Erneuerung, der Fortsetzung und der weiteren Bereicherung (dafür, dass ich -Ung-Wörter eigentlich nicht ausstehen kann, waren das jetzt eine ganze Menge davon). Und damit ist ist auch das irgendwie "auch Hoffnungsvoll und Seelenschwer". So wie diese Aktion hier.




Denn der Bundesverband Trauerbegleitung (BVT) - in dem ich ebenfalls Mitglied bin - feiert seinen zehnten Geburtstag in Form einer kreativen Mitmachaktion, zu der noch bis zum Ende des Jahres alle, die Lust haben, zur Teilnahme aufgerufen sind. Auch ohne jeden Bezug zum Thema. Wobei es interessant sein kann, sich den BVT einmal näher anzugucken. Gegründet mit dem Ziel, der Ausbildung zum Trauerbegleiter in Deutschland einen einheitlichen Lehrplan und ein einheitliches Zertifikat verschaffen zu können, versteht sich der Verband inzwischen als Sprachrohr und Interessenvertretung für alle Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise. Sie sind es auch, die sich zur Teilnahme an der Aktion eingeladen fühlen sollen (alle Infos gibt es unter diesem Link). Immer unter der Fragestellung: Was sind Kraftquellen, Stolpersteine, was trägt mich in meiner Achtsamkeit, was ist hilfreich für meine Selbstfürsorge? Was bringt Wut in den Bauch, was streichelt meine Seele? 

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Alle Infos zur Aktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" gibt es auf der BVT-Website....

Erster Beitrag zur Fotoaktion (Januar): Warum auch meine alten ausgelatschten Chucks eine Kraftquelle für mich sind

Zweiter Beitrag zur Fotoaktion (Februar): Kraftquelle Waldeswillen - wie sich ein alter und gestürzter Baum einfach nicht unterkriegen lässt und warum das so gut tut

Dritter Beitrag zur Fotoaktion (März): Kraftquelle Kulturerlebnisse - wie sich mein Leben mit allen Tiefern und Höhen auch in Eintrittskarten abbilden lässt

Vierter Beitrag zur Fotoaktion (April): Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

Fünfter Beitrag zur Fotoaktion (Mai): Warum blühende Kastanien für mich zu einem Symbol dafür geworden sind, dass sich Krisen auch überstehen lassen

Sechster Beitrag zur Fotoaktion (Juni): Die alte Teekanne meiner Oma als ein Symbol für die Beständigkeit von Geteiltem im Leben - und für erlebtes Leiden

Siebter Beitrag zur Fotoaktion (Juli): Kindheit, die erste Heimat auf dieser Welt - so voller Mysterien und doch so zerbrechlich - von der Wirkmacht der ersten Jahre

Achter Beitrag zur Fotoaktion (August): Eintauchen in andere Welten durch Rock-LPs und ihre Plattencover - wie mir die Vermischung zweier Künste durch die Zeit half

Neunter Beitrag zur Fotoaktion (September): Standfest, sicher und ausgesetzt - warum die Bäume auf einem Osnabrücker Berg einen so hohen Symbolwert haben 

Zehnter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die erste): Warum eine fundierte Ausbildung für einen Trauerbegleiter so wichtig ist und warum in meiner Schlümpfe eine Rolle spielen

Elfter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die zweite): Ein ganzes Leben unter bunten Buchdeckeln - Warum Blanko-Notizbücher eine Kraftquelle sein können

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen


Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 


Donnerstag, 22. November 2018

Eine Ermutigung für Trauernde, bevor wir in die Adventszeit und Weihnachtszeit starten.... Tipps für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise im Advent - wenn Weihnachten besonders weh tut

Osnabrück - Für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise ist die Weihnachtszeit oft besonders hart. Vor allem, wenn der Verlust noch recht frisch ist und es sich bei diesem Weihnachtsfest um eines dieser "ersten Male" handeln sollte, von denen das erste Jahr nach dem Trauerfall ja so voll ist. Manchmal steht die Frage im Raum: Wie sollen wir das bloß aushalten und überstehen? Im Laufe der Jahre habe ich hier auf diesem Blog bereits verschiedene Beiträge zu diesem Thema veröffentlicht - und weil es nun wieder so weit ist und die Adventszeit wieder vor der Tür steht, möchte ich diese hier gerne noch einmal zusammenfassen und erneut darauf aufmerksam machen - für neue Leser oder zum Nochmal-lesen oder einfach so:

1.) Eine Ermutigung: Unter dem Motto "Fünf kleine Tipps für Trauernde" habe ich ein paar Anregungen und Ideen gesammelt, wie sich die Symbole und Rituale der Weihnachtszeit auch umdeuten und anders bewerten lassen...

Hier geht es zu diesem Text:  "Versuch einer Ermutigung in der Adventszeit, fünf kleine Tipps für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise".


Hilfe, muss das sein? Für Trauernde ist die Vorweihnachtszeit oft keine besonders schöne Zeit. All das Leuchten und freudige Erwarten um einen herum kann etwas Überforderndes haben.   (Thomas-Achenbach-Foto)

2.) Für frisch verwaiste Eltern: Eine inzwischen immer bekannter werdende Aktion und eine wertvolle neue Tradition ist das "World Wide Candlelighting", bei dem auf der ganzen Welt quasi zeitgleich Kerzen für die gestorbenen Kinder - nicht alleine nur Sternenkinder - entzündet werden. In 2020 wird dies wie immer am zweiten Sonntag im Dezember sein. Alle weiteren Infos dazu und wie es zu dieser Tradition kommt, beschreibt mein Artikel.

Hier geht es zu diesem Text:   "Ein Licht für alle, die viel zu früh von dieser Welt gehen mussten - das World Wide Candle Lighting". 


Kerzen anzünden als bewusste Geste des Erinnerns und Gedenkens - so lässt sich das Leuchten in der Weihnachtszeit auch für Trauernde (um-) interpretieren.   (Thomas-Achenbach-Foto)

3.) Zur alten Frage: Warum wird die Weihnachtsdekoration besser erst nach dem Totensonntag aufgehängt?  -  Auch wenn diese Tradition ursprünglich christliche Wurzeln hat, wenn auch nicht unbedingt katholische, gibt es auch einige weltliche Gründe dafür, warum es sinnvoll sein kann, so einen Gedenktag zu begehen und sich erst danach dem Lichterzauber hinzugeben.

Hier geht es zu diesem Text:   "Warum es richtig ist, den Weihnachtssschmuck erst nach dem Totensonntag anzubringen (und warum das weniger mit Religion zu tun hat)"

Empfinden nicht nur Gläubige als unpassend: Leuchtender Adventsschmuck noch vor dem Totensonntag. Die Tradition hat sich jedoch mittlerweile von ihren kirchlichen Ursprüngen her verselbstständigt.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor des Buches "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag, 17 Euro, erschienen im März 2019. Mehr Infos gibt es hier.

Alle aktuellen Termine, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare etc. mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Mutter von Rolf Zuckowski auf dem Sterbebett einen Song ihres Sohnes zitierte - der Kindermusiker über seine Trauererfahrungen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen - was alles möglich sein kann, wenn Menschen in einer Verlustsituation das wollen

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Dienstag, 20. November 2018

Warum es so wichtig ist, sich als Trauerbegleiter auf eine umfassende Grundausbildung verlassen zu können und warum für mich ein Koffer und die Schlümpfe als Symbole dafür stehen - Meine ersten November-Fotos für die Mitmachaktion des Bundesverbands Trauerbegleitung

Koffer. Schlümpfe. Trauer. Kann alles zusammengehören... (Alle Fotos: Thomas Achenbach).


Osnabrück - Eine solide Qualifizierung zu haben, das ist ein wertvolles Fundament, auf das sich bauen lässt. Ich merke das immer wieder, wenn ich mich auf eine Begleitung von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise vorbereite oder wenn ich während des Gesprächs an einen Punkt gerate, in dem ich spüre, ah ja, sieh mal, hier hättest Du noch vor wenigen Jahren vermutlich ganz anders reagiert. Ich habe meine Ausbildung zum Trauerbegleiter abgeschlossen mit der "Großen Basisqualifikation" - und dieser ganze Kurs, der sich über ein ganzes Jahr erstreckte, mit all seinen Teilnehmern und Dozenten und Inhalten war ein wertvoller Baustein meines Lebens. Zu den ganz wichtigen Bestandteilen dieser Ausbildung gehörten zwei Elemente: Koffer und Schlümpfe. Man könnte auch sagen: Tiefe und Leichtigkeit. Somit ist auch dieses Thema eben
 "Hoffnungsvoll und Seelenschwer". Und damit ist es ebenfalls gut geeignet für meine inoffizielle Teilnahme an dieser offiziellen Aktion... (und weil ich im Oktober vor lauter Stress keine Fotos habe machen können, gibt es im November nun zwei Beiträge)...

Wie das Leben oft so spielt... - kann das noch ein Zufall sein? Kaum waren die Schlümpfe mir in meiner Trauerbegleiterausbildung wiederbegegnet, also die kleinen Plastikfiguren, wie wir sie als Kinder in den 80ern geliebt haben, da stieß ich in meinem Elternhaus auf meine dort noch vorhandene ganz eigene Sammlung alter Schlumpffiguren. Von der ich gar nicht mehr wusste, dass sie dort noch auf mich wartete. Seither finden sich diese Schlümpfe in vielen Variationen immer wieder auch als Fotomotiv und als Symbolfiguren auf diesem Blog und auf meinem Kulturblog. Denn mit diesen kleinen Figürchen lässt sich wesentlich mehr machen als nur spielen oder seine Sammelleidenschaft bedienen. Das war eine der wichtigen Botschaften, die wir aus unserer Trauerbegleiterausbildung mitgenommen haben.



Wobei es natürlich nur eine von vielen Botschaften und Inhalten war, die diese insgesamt sehr reiche und sehr vielfältige Ausbildung uns vermittelt hat. Absolviert im Haus Ohrbeck in der Nähe von Osnabrück, startete diese sich über ein Jahr erstreckende Fortbildung im Februar und endete im März des darauffolgenden Jahres. In der Zeit dazwischen gab es Einheiten, die rund eine Woche lang gingen und Einheiten, die nur ein Wochenende beanspruchten. Unser Kurs, der sich alsbald hervorragend verstand, wuchs eng zusammen und wurde eine verschworene Einheit. Wenn wir zusammen waren, entstand Energie, da gab es ein gegenseitiges Getragensein und eine tiefe Vertrautheit. Was natürlich auch damit zu tun hat, dasss die Ausbildung zum Trauerbegleiter - sinnvollerweise - mit dem Erkunden der eigenen Biographien und der eigenen Trauerwege beginnt. Und da geht es dann gleich zu Beginn richtig ans Eingemachte. Das schweißt zusammen. Dazu kamen zahlreiche Sachinformationen – was ist Trauer, wie äußert sie sich, welche Prozesse gibt es –, psychologische und kreative Einheiten, Exkurse in Sachen Notfallseelsorge und Traumdeutung und einen Ausflug in ein Bestattungshaus. Aber das Allerwichtigste: Jeder von uns hat gelernt, eine Haltung zu entwickeln, aus der heraus er begleiten möchte. Das ist enorm wichtig und sehr hilfreich, es hilft mir bis heute. Und zu alledem gesellten sich dann noch die Schlümpfe.



Denn diese etwa daumengroßen Plastikschlümpfe lassen sich auch anders betrachten und einsetzen: Lässt man einmal ihre Comic-Herkunft beiseite und schaut sich die Figuren mal aus einem anderen Blickwinkel an, wird einem der Reichtum an Motiven und Symbolen bewusst, der sich hier entfaltet. Es gibt zum Beispiel einen Schlumpf mit einer Lupe, also einen Suchenden. Es gibt einen Schlumpf, der schwer zu tragen hat und ins Schwitzen gerät. Es gibt einen Papa-Schlumpf, der als Dirigent im Frack gerade den Taktstock schwingt. Überhaupt, die Figur des Papa Schlumpfs so als der Weise, Erfahrene, Väterliche. Und, und, und... Ein perfekt geeignetes Sammelsurium an Symbolismen und Bildern also, mit denen sich beispielsweise in einem Seminar oder einer Trauerbegleitung oder in einem Coaching sehr gut arbeiten lässt...



Anstelle der oftmals eingesetzten Bildkarten (meistens kombiniert mit einer Aufgabe wie: Suchen Sie sich eine aus, die zu ihrer aktuellen Situation passt und erklären Sie uns, warum Sie gerade diese Karte gewählt haben...) lassen sich nämlich Spielfiguren nehmen. Auch und gerade im Trauerkontext, denn gerade hierbei darf es auch mal spielerisch zugehen. Und eben weil diese Schlümpfe bei uns in der Ausbildung immer mal wieder eine Rolle spielten und wir das insgesamt ebenso witzig wie anregend fanden, hatten wir auch bald einen Spitznamen für unseren Jahrgang und die dazugehörige Whats-App-Gruppe: Die Trauerschlümpfe. Womit wir zum nächsten für mich wichtigem Symbol kommen: Meinem Koffer.



Denn auch der ist natürlich eher symbolistisch zu verstehen als gegenständlich. Rund ein Jahr nach dem Ende unserer Trauerbegleiterausbildung konnte es mir alles nicht schnell genug gehen. Mit frischem Hintergrundwissen ausgestattet, war ich sehr daran interessiert, mich und meine Dienste nun auch anzubieten - für konkrete Begleitungen, für Trauerseminare und Vorträge und für alles, was sich sonst noch anbot. Schnell war klar: Weil die Hospizgruppen und Hospize, denen ich mich als Trauerbegleiter angeboten hatte, jeweils auf einer zusätzlichen und oft wieder über ein Jahr dauernden eigenen Ausbildung bestanden (worin ich noch einen Kritikpunkt in Sachen Ausbildungswesen sehe, aber das nur am Rande bemerkt), würde ich also als Einzelanbieter unterwegs sein. Gerade zu diesem Zeitpunkt traf sich unser Ausbildungsjahrgang zum ersten Treffen rund ein Jahr danach zu einer weiteren Fortbildung bzw. Supervision. Und in dieser kam dann der Koffer mit ins Spiel...


Seinen eigenen noch ganz leeren und noch ganz blanken Koffer zu gestalten, diese Tätigkeit auch als eine Art Gedankenreise und Zwischenbilanz zu verstehen, nach dem Motto "Was ist alles schon drin, was müsste noch mit hinein?", das war eine für mich sehr wertvolle Reflektionseinheit. Denn auf einmal konnte ich, anders als vorher, all das sehen, was es in der Zwischenzeit gegeben hatte: Mehrere Vorträge, ein bald stattfindendes Trauerseminar unter meiner Leitung, eine sich gerade gründende Trauergruppe. Es war viel mehr los als ich so dachte. Und auch das Bemalen dieses Pappkoffers war eine erfrischend gute Tätigkeit: Zwar hatte ich das Malen in der Schule stets als etwas Schreckliches erlebt - es war jedes Mal eine mehr unbeholfene und dahingepfuschte Versuchsansordnung mit dem ohnehin verhassten Wasserfarbkasten -, aber sich mit Acrylfarben ganz frei und unbefangen und ohne gegenständliche Mal-eine-Rose-Vorgaben kreativ austoben zu können, hatte eine ganz eigene Qualität. Somit war auch ein alter Schulfluch gebrochen dank dieser Aufgabe. Inzwischen ist bei mir übrigens wirklich vieles ins Rollen gekommen in Sachen Trauerbegleitung - und wenn mir auch anfangs alles nicht schnell genug gehen konnte, so staune ich heute manches Mal darüber, was sich inzwischen alles ergeben hat und wie schnell das gegangen ist. Und damit ist ist auch das irgendwie "auch Hoffnungsvoll und Seelenschwer". So wie diese Aktion hier.



Denn der Bundesverband Trauerbegleitung (BVT) - in dem ich ebenfalls Mitglied bin - feiert seinen zehnten Geburtstag in Form einer kreativen Mitmachaktion, zu der noch bis zum Ende des Jahres alle, die Lust haben, zur Teilnahme aufgerufen sind. Auch ohne jeden Bezug zum Thema. Wobei es interessant sein kann, sich den BVT einmal näher anzugucken. Gegründet mit dem Ziel, der Ausbildung zum Trauerbegleiter in Deutschland einen einheitlichen Lehrplan und ein einheitliches Zertifikat verschaffen zu können, versteht sich der Verband inzwischen als Sprachrohr und Interessenvertretung für alle Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise. Sie sind es auch, die sich zur Teilnahme an der Aktion eingeladen fühlen sollen (alle Infos gibt es unter diesem Link). Immer unter der Fragestellung: Was sind Kraftquellen, Stolpersteine, was trägt mich in meiner Achtsamkeit, was ist hilfreich für meine Selbstfürsorge? Was bringt Wut in den Bauch, was streichelt meine Seele? 

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Alle Infos zur Aktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" gibt es auf der BVT-Website....

Erster Beitrag zur Fotoaktion (Januar): Warum auch meine alten ausgelatschten Chucks eine Kraftquelle für mich sind

Zweiter Beitrag zur Fotoaktion (Februar): Kraftquelle Waldeswillen - wie sich ein alter und gestürzter Baum einfach nicht unterkriegen lässt und warum das so gut tut

Dritter Beitrag zur Fotoaktion (März): Kraftquelle Kulturerlebnisse - wie sich mein Leben mit allen Tiefern und Höhen auch in Eintrittskarten abbilden lässt

Vierter Beitrag zur Fotoaktion (April): Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

Fünfter Beitrag zur Fotoaktion (Mai): Warum blühende Kastanien für mich zu einem Symbol dafür geworden sind, dass sich Krisen auch überstehen lassen

Sechster Beitrag zur Fotoaktion (Juni): Die alte Teekanne meiner Oma als ein Symbol für die Beständigkeit von Geteiltem im Leben - und für erlebtes Leiden

Siebter Beitrag zur Fotoaktion (Juli): Kindheit, die erste Heimat auf dieser Welt - so voller Mysterien und doch so zerbrechlich - von der Wirkmacht der ersten Jahre

Achter Beitrag zur Fotoaktion (August): Eintauchen in andere Welten durch Rock-LPs und ihre Plattencover - wie mir die Vermischung zweier Künste durch die Zeit half

Neunter Beitrag zur Fotoaktion (September): Standfest, sicher und ausgesetzt - warum die Bäume auf einem Osnabrücker Berg einen so hohen Symbolwert haben 

Zehnter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die erste): Warum eine fundierte Ausbildung für einen Trauerbegleiter so wichtig ist und warum in meiner Schlümpfe eine Rolle spielen

Elfter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die zweite): Ein ganzes Leben unter bunten Buchdeckeln - Warum Blanko-Notizbücher eine Kraftquelle sein können

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 


Dienstag, 13. November 2018

Männer trauern anders - wie Männer ihre Trauer ausleben und erleben, an dieses Thema durfte ich mich im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung und auf einem Vortrag vorsichtig annähern - hier sind die Ergebnisse

Osnabrück - Von jemandem anderen interviewt zu werden, ist für mich zwar keine komplett neue Erfahrung - es gab zum Beispiel schon mal zwei Jungs von einer Schülerzeitung, die etwas von mir wissen wollten -, aber es ist schon noch sehr ungewohnt und nun weiß Gott nicht alltäglich. Vor kurzem hat der Redakteur Volker Poerschke mit mir ein Interview für die Neue Osnabrücker Zeitung durchgeführt und dort auch veröffentlicht. Dieses Interview ist bei der Neuen OZ auf den so genannten und jeweils an eine bestimmte Region angepassten sublokalen Seiten erschienen und deswegen nie dort im Online-Auftritt veröffentlicht worden. Daher erlaube ich mir nun, den Rohtext des Interviews einige Wochen nach seinem Erscheinen auch hier auf meinem Blog zu veröffentlichen.

Das ist mir vor allem deswegen ein Anliegen, weil ich es wirklich bemerkenswert fand, was Volker Poerschke da gelungen ist: In wenigen alles verdichtenden Sätzen hat er unser Gespräch sehr genau getroffen und wiedergegeben. Darüber hatte ich mich gefreut. Inzwischen hat übrigens der in dem Interview am Ende erwähnte Vortrag bereits stattgefunden (ein Bericht darüber findet sich hier). Aber es wird weitere Vorträge geben. Wann und wo, findet sich immer im Bereich "Aktuelle Termine, Trauergruppen, Vorträge etc." hier auf diesem Blog (Startseite, dann auf der rechten Seite). Aber jetzt erstmal Bühne frei für Volker Poerschke...

"Von wegen kalter Klumpen"


Frauen trauern, Männer auch - aber anders - Interview mit Thomas Achenbach


Von Volker Poerschke, Neue Osnabrücker Zeitung


„Es gibt in unserer Gesellschaft keine Lobby für Trauernde“, sagt Thomas Achenbach. Er ist ausgebildeter Trauerbegleiter und spricht im Interview über Gefühle, die allzu oft totgeschwiegen werden, Fragen, auf die es keine fertigen Antworten gibt, und sein Selbstverständnis als Begleiter insbesondere trauernder Männer.

Neue OZ: Herr Achenbach, was ist ein Trauerbegleiter, und wie wird man das?

Trauerbegleiter tun genau, was das Wort sagt: Sie begleiten einen Menschen in seiner Trauer. Nicht über die Trauer hinweggehen, nicht darüber hinweghelfen, sondern gemeinsam hindurchgehen. Die Idee, Trauernden einen solchen persönlichen Ansprechpartner zur Seite zu stellen, hat ihren Ursprung in der Hospizarbeit. Die Ausbildung nach bundesweiten Standards gibt es etwa seit zehn Jahren. Ich habe meine Ausbildung in Haus Ohrbeck in Holzhausen gemacht.

Neue OZ: Warum wollten Sie Trauerbegleiter werden?

Das hat nicht nur, aber auch, biografische Hintergründe. Als meine Mutter 2004 an Krebs starb, habe ich gemerkt, wie groß die gesellschaftliche Verunsicherung ist beim Thema Tod und Sterben. Mir ist zwar damals erspart geblieben, wovon mir heute viele Trauernde berichten – dass Bekannte, Nachbarn, selbst gute Freunde auf einmal die Straßenseite wechseln und den Kontakt vermeiden, um sich bloß nicht mit dem Thema beschäftigen zu müssen. Aber an vielen Stellen –auch im familiären Kontext – habe ich nichts anderes wahrgenommen als Verunsicherung. Das hat mich immer beschäftigt. Ich glaube, dass das Thema mehr in die Gesellschaft getragen werden muss, dass wir eine neue Souveränität im Umgang mit dem Tod finden können.

Neue OZ: Das sagt sich so leicht. Aber wie kann man Trauernden begegnen?

Man sollte nicht einfach über die Trauer hinweggehen. Nach einem halben Jahr heißt es oft „Jetzt muss aber auch mal gut sein.“ Ist es aber nicht. Trauer hat kein Verfallsdatum oder verschwindet einfach irgendwann. Trauer ist erlebbar, aber nicht machbar. Das kann man nicht einfach so abhaken. Man kann höchstens lernen, mit der Trauer zu leben. Aber dazu muss Trauer zunächst einmal einen Raum bekommen. Ich erlebe, dass Trauernde wollen, dass ihre Gefühle Raum haben, ohne dass gleich so eine Betroffenheit da ist. Dass einfach jemand da ist, der ihnen zuhört.

Neue OZ:  Das wird vermutlich viele schlicht überfordern . . .

Ja, ganz klar. Bei Trauer ist man wirklich am Bodensatz, an den Grundfesten des Menschen dran. Man muss auch aushalten können, wenn jemand einfach eine Stunde lang weint.

Neue OZ: Und das haben Sie in Ihrer Ausbildung gelernt?

So sah das Original-Interview aus - jedoch in anderen Lokalausgaben der Neuen OZ jeweils mit anderen Bildern bestückt.

Neben der Sachausbildung – was ist Trauer, wie äußert sie sich –, den medizinischen und psychologischen Aspekten, hatten wir auch einen Exkurs Notfallseelsorge. Aber im Wesentlichen lernt man, eine Haltung zum Thema zu entwickeln. Trauer ist etwas ganz Normales und ganz individuell. Das Thema berührt so viele andere Fragen – da gibt es keine allgemeingültigen Antworten.

Neue OZ:  Welche Fragen sind das zum Beispiel?

Viele quälen sich mit der Frage nach dem Warum: Warum musste ausgerechnet mein Partner Krebs bekommen? Warum musste dieser Unfall passieren, der mir meine Frau geraubt hat? Warum musste mein Kind so jung sterben? Die Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann nur dabei helfen, auch diesen Prozess als wichtigen Bestandteil des Trauerwegs zu erleben. Rilke verpackt das so treffend in seiner Formulierung, dass wir oft „die Fragen leben“ müssen.

Neue OZ: Was ist das Schlimmste, womit Sie konfrontiert sind?

Es gibt keine Hitparade der Trauer. Der Verlust eines geliebten Menschen ist immer schmerzhaft. Verliert man ein Kind, ist das aber sicherlich besonders hart.

Neue OZ:  Sie sind selbst junger Familienvater – bringt Sie das nicht an Ihre eigenen Grenzen?

Ich muss zugeben, dass ich da eigentlich nie ranwollte. Jetzt habe ich eine Trauergruppe für verwaiste Väter. Sollte ich da an meine Grenzen kommen, kann ich jederzeit selbst Begleitung, Supervision in Anspruch nehmen. Bislang bin ich allerdings – auch dank meiner Ausbildung – noch nicht an diesen Punkt gekommen. Für mich sind diese Erfahrungen und Begegnungen eine Bereicherung für mein Leben.

Neue OZ:  Welche Angebote machen Sie?

Dazu gehören vor allem Einzelbegleitungen, da laufen derzeit ein paar. Aber es gibt auch die Gruppen. Ich hatte mir anfangs Gruppenarbeit nicht so gut für mich vorstellen können. Ich habe allerdings gemerkt, dass es in der Region Osnabrück kaum Angebote nur für Männer gab. Als dann die Pastoralreferentin Regina Holzinger-Püschel aus Wallenhorst mit der Idee auf mich zukam, gemeinsam eine Trauergruppe für Männer anzubieten, war ich da gerne dabei. Da kamen dann anfangs sowohl verwitwete Männer wie verwaiste Väter. Aber Witwer haben ganz andere Themen, die sie bearbeiten möchten. Da geht es manchmal auch um ganz Alltägliches, zum Beispiel „Wie bügel ich ein Hemd?“ oder „Wie viel Salz muss eigentlich an die Kartoffeln?“ – also ganz praktische Lebenshilfe. Deshalb bieten wir jetzt speziell eine offene Trauergruppe für verwaiste Väter an. Darüber hinaus biete ich auch Vorträge zum Thema an, den nächsten im November in Hagen.

Neue OZ:  Der trägt den Titel „Von wegen kalter Klumpen“ – was steckt dahinter?

Männer werden oft dafür kritisiert, dass sie ihre Gefühle nicht zeigen oder gar leben können. Das ist aber nach meinen Erfahrungen eine Klischeefalle. Männer brauchen einen besonderen Schutzraum, wenn es um Emotionen geht.

Neue OZ: Aber woher kommt das Klischee?


Der Neue-OZ-Fotograf Jörn Martens hat dieses Portrait von mir in meinem Büro in Osnabrück aufgenommen.  (Jörn-Martens-/NOZ-Foto, mit freundlicher Genehmigung).

Männer haben den Umgang mit Gefühlen nicht immer gelernt. Das hängt auch mit dem gesellschaftlichen Männerbild zusammen. In der Antike gab es beides, den Koloss, den Titan in seiner ganzen muskelbepackten Männlichkeit, aber auch den zarten Narziss. Hermann Hesse oder Rainer Maria Rilke kannten durchaus auch sehr emotional empfindsame männliche Charaktere. Aber ich glaube – ohne das wissenschaftlich belegen zu können –, dass der Bruch und diese Verengung auf das Bild des starken Mannes mit den beiden Weltkriegen kam. Männer mussten hart wie Kruppstahl sein, ein Indianer kennt keinen Schmerz, und große Jungs weinen doch nicht. Männer verdrängen mehr. Das muss ja auch gar nicht immer schlecht sein. Mann reagiert vielleicht weniger emotional, fühlt sich erst einmal nicht so überfahren. Aber bei Trauer funktioniert das irgendwann nicht mehr.

Neue OZ: Und warum braucht es eigene Trauergruppen für Männer?

Frauen können ihre Gefühle klarer benennen, ihre Trauer in Worte fassen. Männer müssen erst genauer hinschauen – was ist das denn jetzt? Da geht es zunächst und zuallererst um das Begreifen und Analysieren von dem, was da drinnen so vor sich geht. Und das geht besser in einer reinen Männergruppe. Oft fällt es den Teilnehmern in so einer Gruppe leichter, sich zu öffnen.

Neue OZ: Und dann irgendwann loszulassen?

Das mit dem Loslassen ist – mit Verlaub gesagt – Quatsch. Wie wollen Sie etwas loslassen, das ein Teil von Ihnen ist? Ich kann nur Stück für Stück lernen, diese Gefühle anzunehmen und mit ihnen umzugehen, und das dauert manchmal auch länger.

Mehr zum Thema: Von wegen kalter Klumpen - so war der Vortrag über Männertrauer


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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 

Was einem helfen kann - Fotoaktion: Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

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Mittwoch, 7. November 2018

Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Trauer und Musik gehören zusammen - Hier geht es um die hilfreichsten und wirkmächtigsten Songs und Alben über Trauer, Tod und Sterben....zum Beispiele diese hier

Musik kann einen beflügeln, einen tragen, kann die inneren Prozesse ins Schwingen bringen. All das kann auch in einem Trauerprozess hilfreich sein... (Thomas-Achenbach-Fotos)

Osnabrück (eb) - "Nachdem mein Vater gestorben war, habe ich dieses Lied rauf und runter gehört, es hat mir jedes Mal Trost gespendet und mich jedes Mal zum Weinen gebracht..." - so ähnlich steht es, von mir frei aus dem Englischen übersetzt, als Kommentar unter einem Youtubevideo der Folkband "Mumford & Sons". Der Song, um den es hier geht, heißt "Ghosts That We Know". Und wie jedes wirklich gute Lied verfügt auch dieser Song über einen Text, der eindeutig genug ist, ein bestimmtes Themengebiet zu umreißen - es geht um das Sterben, die Angst vor dem Tod und um Verluste -, aber doch offen genug, um allerlei vielfältige Interpretationen zuzulassen. Musik hat Kraft und Wirkmacht, wenn es um Trauer geht. Sie kann helfen, aber auch herunterreißen. Und es gibt superviel zu entdecken, wenn wir die Themen Trauer und Musik einmal vermischen. Grund genug, daraus eine neue Serie zu stricken. 

Musik ist meine größte Leidenschaft, das lässt sich in meinem zweiten als Hobby betriebenen Blog oft nachlesen. Die Trauerbegleitung ist eine meiner Professionen und eine meiner Tätigkeiten. Beide Themen zu vermischen, das habe ich schon lange vorgehabt. Jetzt ist eine gute Zeit dafür. Denn in den vergangenen Jahren habe ich emsig gesammelt: Ganz viel Musik über Trauer und Schmerz. Songs, Alben, Orchesterwerke; dazu ganz viele Geschichten, die sich in diesen Tönen und Texten verstecken. Seine eigene Trauer über Musik kreativ auszudrücken, das hat für Komponisten Tradition - überwiegend für männliche Komponisten, übrigens, aber dazu ein andermal mehr. Manchmal führt ein einziger Tod sogar zu mehreren Songs darüber. 



So war das beispielsweise beim Sohn von Eric Clapton: Weil der Hausmeister die Fenster des New Yorker Appartements offenstehen gelassen hatte, fiel der gerade erst Vierjährige beim Versteckenspielen aus dem 49. Stock. Was die Tragik noch ein wenig vertieft: Papa Clapton hatte gerade erst in einer Therapie seine ihn sonst umklammerndern Süchte zu beherrschen gelernt (Alkohol/Drogen) - und zwar für seinen Sohn, wie Clapton es in seiner Biographie erzählt. Zu dem Jungen hatte er deswegen erst kurz zuvor eine Beziehung aufgebaut, nachdem er sich anfangs komplett aus der Kindererziehung zurückgezogen hatte. Der aus dem tragischen Vorfall resultierende Song heißt "Tears In Heaven" und ist inzwischen ein Klassiker auch auf Beerdigungen und bei Trauerfeiern. Weniger bekannt indes ist, dass auch die Rockband Genesis diesem tragischen Ereignis einen Song gewidmet hatte. 


Gute Texte lassen viele Interpretationen zu


Denn die war zum Unlückszeitpunkt gerade im Studio, um ihr wohl bekanntestes Album - We Can't Dance - aufzunehmen. Und als Phil Collins die tragische Geschichte über den Verlust des mit ihm befreundeten Eric Clapton hörte, wuchs auch in ihm der Wunsch, seine Gefühle mit einem Song zu verarbeiten, wie es Phil Collins dereinst in der TV-Sendung "VH 1 Storytellers" erzählte (lässt sich in Ausschnitten bei Youtube finden). Das Ergebnis war "Since I Lost You". Und auch dieser Song arbeitet mit einem Text, der sich in vielerlei Richtungen interpretieren lässt - beispielsweise als Ende einer Paarbeziehung oder einer Ehe. Aber hervorgegangen ist der Song tatsächlich aus der Ahnung eines elterlichen Verlustschmerzs angesichts einer tragischen Todeserfahrung. Und damit noch einmal zurück zu "Mumford & Sons"...



Denn deren Liedtext über die "Geister der Vergangenheit" ist durchaus vielschichtiger gestaltet, ist aber um ein markantes und immer wiederkehrendes Kernelement herum aufgebaut, das sich in freier Übersetzung so lesen müsste: "Bitte gib mir die Hoffnung, dass ich das Licht sehen werde in der Dunkelheit, denn die macht mir so dermaßen Angst - und trotzdem werde ich es aushalten, so lange wie Du willst, versprich mir bitte nur, dass wir in Ordnung sein werden..... (im Original: So give me hope in the darkness that I will see the light; 'Cause oh that gave me such a fright; But I will hold as long as you like; just promise me we'll be alright)". Ohne dass es explizit darin erwähnt wird, dürfte klar sein: Hier geht es um die Angst vor dem Sterben, die Angst vor dem Danach. Aber diese Zeilen sind auch gekoppelt an andere Aussagen, zum Beispiel diese hier: "Denn die Geister, die wir kannten, haben uns düster gemacht oder traurig, aber wir werden ein langes Leben leben; Und die Geister, die wir kannten, werden aus unserer Sicht verschwinden, und wir werden ein langes Leben leben..."- der Song weist also über die eigentliche Sterbeerfahrung hinaus. Aber auf was? Ein anderes Leben an einem anderen Ort? Oder auf das irgendwann wieder unverwundete Weiterleben der Hinterbliebenen? Es lässt sich beides denken und beides interpretieren. Das macht diesen Song so gut. Und so traurig. Und so gut geeignet als Trost- und Trauersong. 

Die besten Songs & Alben über Trauer und Tod - die ganze Serie:


  1. Folge 1 - Auftakt mit Mumford & Sons, Genesis, Eric Clapton - hier klicken
  2. Folge 2 - Auf dem Rücksitz, mitten in der Trauer, Arcade Fire - hier klicken 
  3. Folge 3 - Ein alter Mann, der in einem Raben die gestorbene Schwester entdeckt

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Über diese Serie: Musik ist meine größte Leidenschaft. Die Trauerbegleitung ist eine meiner Professionen und eine meiner Tätigkeiten. Beide Themen zu vermischen, das habe ich schon lange vorgehabt. Jetzt ist eine gute Zeit dafür. Denn in den vergangenen Jahren habe ich emsig gesammelt: Ganz viel Musik über Trauer und Schmerz. Songs, Alben, Orchesterwerke; dazu ganz viele Geschichten, die sich in diesen Tönen und Texten verstecken. Seine eigene Trauer über Musik kreativ auszudrücken, das hat für Komponisten Tradition - überwiegend für männliche Komponisten, übrigens, aber dazu ein andermal mehr. Manchmal führt ein einziger Tod sogar zu mehreren Songs darüber. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor des Buches "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag, 17 Euro, erschienen im März 2019. Mehr Infos gibt es hier.

Alle aktuellen Termine, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare etc. mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Den Blog zum Anhören als Podcast - bitte hier klicken für die aktuelle Episode aus dem Trauer-ist-Leben-Podcast...

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Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link

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