Mittwoch, 27. Januar 2021

Warum der Gruselroman "Friedhof der Kuscheltiere" von Stephen King eine präzise Beschreibung darüber liefert, wie sich Trauer anfühlen kann - verstehen, was Trauernde fühlen und was sie beschäftigt - der wahre Horror ist immer ein menschlicher

Osnabrück - In meiner Jugend gab es eine Phase, in der ich die Romane von Stephen King förmlich verschlungen habe. Ganz so viele wie heute gab es damals noch nicht, aber auch nicht gerade wenige. Und zu meinen absoluten Lieblingsbüchern hat - neben dem grandiosen "The Shining" - immer der "Friedhof der Kuscheltiere" gehört. Wegen seiner besonderen Bedrängnis, der dichtgewebten Atmosphäre und wegen seiner menschlichen Tragik. Heute, nachdem ich nun schon einige Jahre als Trauerbegleiter unterwegs bin, hat der Roman für mich nochmal an Tiefenschärfe gewonnen: Was Stephen King in dieser Gruselgeschichte beschreibt, ist eine sehr exakte Beobachtung davon, wie sich Trauer anfühlen kann - und sie funktioniert nur im Buch, nicht aber im Film, denn das Buch lässt uns den Protagonisten so schmerzlich nahe sein in ihren Gefühlswelten.

Den gestorbenen Menschen wenigstens einmal wiedersehen können. Oder ihn wieder ins Leben zurückholen zu können - diese tiefsitzende Sehnsucht gehört oft zu einem Trauerprozess dazu. Manchmal wird sie zu einem alles überstrahlenden Verlangen, das die Trauernden als besonders schmerzhaft erleben, weil ja klar ist, dass es nicht realistisch ist. Eltern, die ein Kind verloren haben, geht es oft so. Das ist ebenso menschlich wie nachvollziehbar. Mit dem "Friedhof der Kuscheltiere" sticht Stephen King genau in diese Wunde - er lässt die Hauptfigur, den Arzt Louis Creed, verschiedene Verluste erleben, die ihn am Ende etwas Schockierendes tun lassen. 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Eine Tat, die so gigantisch ist wie es die Sehnsucht nach den Gestorbenen eben verlangt - und damit umso nachvollziehbarer in ihrer Tragik. Soweit, so klassisch der Gruselplot. Und doch besticht der Roman durch seine Feinfühligkeit. Im "Friedhof der Kuscheltiere" geht Stephen King noch subtiler vor als in anderen seiner Werke, überzeugt mehr durch ein sorgfältig aufgebautes atmosphärisches Grundrauschen als durch plakative Schockeffekte. Das macht diese Geschichte zu einer Studie über Trauer und über die Unfähigkeit von uns Menschen, den Tod akzeptieren zu können - was schon sehr früh im Buch beginnt. Aber bevor wir einen Blick auf die Handlung werfen, ist es wichtig, um die Entstehungsgeschichte dieses Buches zu wissen. 

An der Todesstraße - King verarbeitet eigene Erfahrungen

Stephen King berichtet davon in einem Vorwort, das sich in den neueren Ausgaben des Romans finden lässt (es gibt eine 2011 veröffentlichte Neuübersetzung des Romans): So war der Autor gegen Ende der 70er Jahre als Dozent an der Universität von Maine angestellt. Er hatte für sich und seine Familie ein Haus gemietet, das nicht allzu weit von seiner Arbeitsstätte entfernt lag - und es stand an einer stark befahrenen Straße, auf der viele Lastwagen unterwegs waren. So kam, was kommen musste: Eines Tages wurde der Kater der Familie von einem Lastwagen überrollt. Beinahe auch sein Sohn. Und Stephen King fragte sich, wie es ihm wohl gehen würde, wenn tatsächlich einmal eines seiner Kinder unter den Lastwagen geraten sollte. Das war der Auslöser. Auf dieser Prämisse beruht der "Friedhof der Kuscheltiere". Alles, was es jetzt noch brauchte für eine gute Gruselgeschichte, war nur ein kleiner Schuss lovecraftscher Zauberdüsternis. 

Denn der titelgebende Friedhof ist nicht nur einer, auf dem gestorbene Haustiere beerdigt werden - sie kommen auch von dort zurück. Eine uralte Indianermagie macht es möglich. Das erfährt die Familie Creed aber erst im Laufe der Geschichte. Denn diese Familie - die sich aus der klassisch-romantischen Kernfamilie zusammensetzt: Mutter, Vater, Kind und, natürlich, Katze - zieht ebenfalls in ein Haus an einer vielbefahrenen Landstraße. Direkt hinter dem Haus beginnt ein Wald und der kleine Trampelpfad darin führt zu einem verwunschenen Ort - dem titelgebenden Friedhof. Würden nicht immer wieder die schweren LKW vor der Tür herdonnern, wäre es beinahe eine Idylle.

Eine Aura der Bedrohung als Grundton

Wie Stephen King es versteht, alleine nur dieser Straße von Anfang an einen Grundton des Bedrohlichen beizumischen, der sich zur Aura verdichtet, ist ebenso meisterlich, wie er es versteht, das Thema Tod immer mal wieder in die Geschichten und Vorgeschichten der Protagonisten hineinzuweben: und zwar, wie im echten Leben, durch eine gemachte Erfahrung hier und eine gemachte Erfahrung dort. Erfahrungen, die zwar immer mal wieder eine Rolle spielen und "aufpoppen" können, sich aber nicht in den Vordergrund drängen. Bis eines Tages die Katze der Familie überfahren wird - und das Drama seinen Lauf nimmt, dessen tragischer Kulminationspunkt schon bald erahnbar wird.

Manches klingt in dem Buch an, wovon mir Menschen aus ihren eigenen Trauergeschichten berichtet haben: Die Angst vor dem Tod, die so groß ist, dass darüber nicht gesprochen werden darf - und wie sehr sich dieses Nicht-Hingucken vorab rächen kann, wenn der Tod dann doch ins Leben tritt. Die gewaltige Sehnsucht nach den gestorbenen Menschen, die einen verzehren kann. Eine Sehnsucht, die bis ins Reich der Toten hineinwirken kann - eine Trauer, die als grenzenlos erlebt wird und die einen komplett in den Bann schlägt. Innenraumgreifend. Wozu wären wir also bereit, wie weit würden wir gehen, wenn wir uns plötzlich mit Möglichkeiten konfrontiert sähen, die über das Bekannte hinausgehen? Stephen King ist klug genug, seinen Stoff nicht in die gewohnten Zombieklischees abdriften zu lassen. Zwar werden im Verlauf der Geschichte auch Menschen von den Toten zurückkehren - man ahnt es bald -, aber sie werden wirken wie die Menschen, die sie waren. Anfangs jedenfalls, denn natürlich gibt es eine bösartige Veränderung. Und obwohl die Hauptfigur Louis Creed genau weiß, wie schief es gehen kann, wagt er am Ende trotzdem die Verzweiflungstat - und redet es sich schön, sagt sich, dass es diesmal auf jeden Fall funktionieren wird. Das ist ein kluger Schachzug. 

Der wahre Schrecken ist menschlich: Trauer ist Horror

Der wahre Horror dieses Buches sind eben nicht die wiederauferstandenen Toten oder ihre Schreckenstaten. Der wahre Horror dieses Buches ist die Unerbittlichkeit, mit der unser Verlangen nach den Gestorbenen uns um den Verstand bringen kann. Der wahre Horror dieses Buches ist genau das, was für viele echten Menschen in der echten Welt ihre seelische Alltagsqual geworden ist. Der Roman ist ein Meisterwerk. Und trotz gegenteiliger Versuche unverfilmbar. 


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Mittwoch, 20. Januar 2021

Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns in seelischen Krisen gut selbst helfen können, was uns bei inneren Krisen helfen kann - Tipps und Impulse aus der Trauerbegleitung

Osnabrück - Irgendwann in der Coronazeit, irgendwann im zweiten oder dritten Lockdown, hatte ich einen Durchhänger. Zuerst war da nur eine unbändige Wut, ein paar Tage lang, doch dann gesellte sich die Melancholie dazu und überlagerte alles. Immer lähmender das Gefühl der Ohnmacht wegen des Eingesperrtseins im Dauer-"Home"-Zustand, ohne Aussicht auf Veränderungen, das kratzte an meiner Motivation und an der Lebensfreude. Die Akkus waren leer, die inneren Ressourcen aufgebraucht. Der Blues klopfte an die Tür - und mit ihm die Frage, ob in all dieser lähmenden Müdigkeit nicht auch mal der Lebens-Wert verloren geht. Dann habe ich etwas getan, was ich lange nicht mehr gemacht hatte: Ich habe fotografiert - und geschrieben. Nicht etwa, weil mir das Ergebnis wichtig war. Sondern das Tun. Ich hatte mich an das erinnert, was ich in Vorträgen und Trauerbegleitungen gerne anderen Menschen erzähle. Die Sache mit der Selbstwirksamkeit.

Wenn ich über Trauer und Hilflosigkeit spreche, erzähle ich gerne eine Geschichte, die sich auch in meinem Buch "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" finden lässt. Es ist die Geschichte des Witwers, der kurz nach dem Tod seiner Frau damit anfängt, Buddelschiffe zu basteln. Was seine Freunde und Verwandte sehr befremdet. Wieso ein Mann, der eigentlich in Trauer sein sollte, nun plötzlich ein so merkwürdiges Hobby wie das Basteln von Buddelschiffen pflegt, noch dazu mit großem Enthusiasmus und dem Hingegebensein an das Tun, können sie nicht wirklich verstehen. Kopfschüttelnd erklären sie den Mann für vorübergehend nicht ganz bei Verstand. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Denn der psychologische Mechanismus, der sich hier zeigt, ist im Grunde sehr einfach zu entschlüsseln: 

Drinnensein. Rausgucken. Krise. (Alle Fotos: Thomas Achenbach). 

Um dem unerträglichen Gefühl der Ohnmacht entgegenzuwirken, suchen wir uns eine Tätigkeit, in der wir uns als wirksam erleben können. Da reicht schon eine ganz kleine Tätigkeit - es geht nicht darum, ein Haus zu bauen. Vielmehr geht es darum, einen ganz kleinen Bereich seines eigenen Lebens wieder als kontrollierbar erleben zu können. Es geht darum, all der Ohnmacht, der wir uns ausgeliefert sehen, etwas entgegenzustellen. Es geht darum, dass wir uns selbst wieder als ein klitzekleines bisschen wirkmächtig erleben können, auch nur im Kleinen - es geht genau um diese Selbst-Wirksam-Keit. Es kann hilfreich sein, dieses Wort in all diese einzelnen Bestandteile zu zerteilen. Wir selbst schaffen es, dass wir uns als wirksam erleben. Man könnte auch sagen: Wir ziehen uns mit den Haaren ein kleines Stück hinaus aus dem Sumpf. Also dem emotionalen Gefühlssumpf, in dem wir gerade feststecken. Jedenfalls für einen kurzen, wohltuenden Augenblick.

Sogar Staubsaugen hilft gegen die Düsternis


Notfallseelsorger arbeiten nach genau diesem Prinzip: Beim Überbringen einer Todesnachricht achten sie mit sehr feinen Antennen auf alles, was der Empfänger dieser Botschaft so tut. Was sie dabei alles Bizarres erleben, war schon öfter Gegenstand von Vorträgen auf der Messe "Leben und Tod". So kann es zum Beispiel geschehen, dass eine Frau, die vor einigen Minuten vom Tod ihres Sohnes erfahren hat, plötzlich mit dem Staubsaugen beginnt. Eine Reaktion, die für Außenstehende zunächst einmal genauso befremdlich wirkt wie das Basteln von Buddelschiffen nach dem Tod der Ehefrau - doch zeigt sich hier wieder das psychologische Wirkprinzip der Selbstwirksamkeit. Wer staubsaugt, der reinigt seine Wohnung. Wer staubsaugt, der kann etwas tun. Etwas, das einen erkennbaren Nutzen bringt. Wer etwas tun kann, was auch immer, der muss nicht gelähmt von der Ohnmacht auf dem Boden liegenbleiben, wenigstens einen wertvollen Moment lang. Geschieht also so etwas nach dem Überbringen einer Todesnachricht, weiß der Seelsorger, dass seine Aufgabe nun erledigt ist. Die Menschen wieder ein kleines Stück aus dem Schattenreich des Überfahrenseins hinauszuführen, die der erste Schock oft bedeutet, ist eine der wesentlichen Aufgaben in der Notfallseelsorge. Und jeder, der sich gerade jetzt in einer - wie auch immer gearteten - seelischen Notlage befindet, kann es selbst ausprobieren.


Also: Er (also der Mensch) kann etwas tun, das etwas bewirkt. Etwas ganz Kleines. Irgendwas. Staubsaugen. Die Wohnung putzen. Ein Bild malen. Etwas basteln. Etwas schreiben. Lego bauen. Ein Puzzle legen. Was auch immer. Hauptsache, es tut einem gut im Moment des Tuns, weil es als aktiv erlebt wird. Das ist gerade in der aktuellen Coronakrise besonders wichtig. Denn vermutlich haben viele Menschen, so wie ich, gerade die Nase voll vom ewigen Home-Alles: Home-Office. Home-Schooling. Home-Cooking. Home-Sleeping. Home-Cocooning. Home-Reading. Home-Drinking. Home-Netflixing. Home-Hocking. Home, Home, Home, so schön es dort auch ist, auf Dauer ist es einfach zuviel des Guten. Darf einem das so sehr auf die Nerven gehen? Streng genommen: Nein. Schon gar nicht, wenn man den unverschämten Luxus erleben darf, ein ganzes Haus in exponierter Lage bewohnen zu dürfen. So wie wir.

Kollektive Ohnmacht, und alle werkeln daheim


Aber selbst in einem komfortablen Einfamilienhaus wie unserem kann es ein zu enges Miteinandersein geben, dessen Reibungen nichts darüber aussagen, ob man sich in Wahrheit gern hat oder nicht. Selbst Menschen, die sich ungemein liebhaben, brauchen ihr Eigenes und ihre Einsamkeiten, um ihre Beziehungen zueinander frisch zu halten. Schwierig, wenn alle so eng beieinander hocken. Wohltuend, wenn jeder zumindest seinen eigenen Hobbies nachgehen kann, soweit das im Inneren eines Hauses möglich ist. Wohltuend, wenn jeder bemüht ist, ganz für sich sein eigenes Tätigkeitsfeld für seine Selbstwirksamkeit zu finden. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht - es ist wichtig zu betonen, dass dies kein Allheilmittel ist! 


Und doch darf die Wirksamkeit dieses Tuns nicht unterschätzt werden. Das zeigen alleine schon die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown im März 2020. Schon damals haben wir erleben können, wie eine ganze Gesellschaft vom Drang nach Selbstwirksamkeit erfasst worden ist - das erste Mal überhaupt für längere Zeit an ihr Zuhause gebunden, fingen die Menschen an, wie besessen etwas zu reparieren und auszumisten, den Garten oder den Balkon zu pflegen, ihr Daheim zu gestalten. Ein ganzes Land stemmte sich gegen diese neue Ohnmacht, die das Coronavirus mitgebracht hatte. Und ich habe wieder erfahren dürfen, dass es das Fotografieren ist, das mir am meisten hilft. Und das Schreiben. Und so ist also an den Tagen meiner persönlichen größten Trübnis dieser kleine Beitrag entstanden, der meiner Melancholie Raum geben und mich durch dieses Tun wieder aus dieser Stimmung herausheben sollte. Hat geklappt. 

Letztlich ein Mechanismus, der auch in einer Trauerbegleitung als Wirkprinzip sichtbar werden kann

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Der Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, unter diesem Link

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Donnerstag, 14. Januar 2021

Professioneller, vielfältiger und mit toller Unterstützung: Mein komplett neuer Podcast "Trauergeschichten - Menschgeschichten" geht online - warum ich mit meinem alten Podcast nie so richtig zufrieden war und was jetzt alles besser ist - Gespräche über Leben, Tod und Sterben (und über die spirituelle Patientenverfügung)

Osnabrück - Rein ins kalte Wasser und erstmal machen. Auch mal Fehler machen. Dabei lernt man am meisten. So habe ich das mein ganzes Leben lang gehandhabt, bei allem was ich getan habe. Auch bei meinem Start als Podcaster vor rund zwei Jahren war das so, wobei ich mit meinem ersten Podcast nie so richtig zufrieden gewesen bin. Irgendwie war mir das noch zu amateurhaft und mehr so dahingewurschtelt. Und so gehörte zu den besten Investitionen, die ich mir im vergangenen Jahr gegönnt habe, ein intensives Podcast-Coaching mit einer fundierten Manöverkritik (von der Stimmtrainerin Jutta Talley). Am Ende war mir klar: Ich möchte alles anders machen. 

So kam es dann auch. Und es geht auch gleich mit einem starken Thema los - den Bedürfnissen von Sterbenden, die oft unerfüllt bleiben: "Die Menschen haben ja soviele hochindividuelle Wünsche und Bedürfnisse, die wir dann ihnen einfach absprechen, nur weil aus diesen Menschen Patienten werden..." - die Dame, die das sagt, weiß wovon sie spricht. Dorothea Mihm hat lange als Krankenschwester gearbeitet und dabei allerlei Erfahrungen gesammelt, die sie sehr beschäftigt haben. Da war zum Beispiel der Mann, der so sehr darunter gelitten hat, wie ein Baby in eine Plastikwindel eingepackt zu sein. 

Sterben heißt, nie gekannte Hilflosigkeit zu erleben

Oder die Art und Weise, wie die Menschen hergerichtet wurden, einfach, weil es praktisch war: "Wenn wir Frauen da hatten, haben wir halt deren Haare gekämmt und haben denen immer so einen dämlichen Zopf geflochten und den Menschen so hergerichtet, wie es ihm als Mensch überhaupt nicht entsprochen hat." Und das ausgerechnet in einer Situation, die geprägt ist von einer so tiefen Verletzlichkeit und einer so tiefen Hilflosigkeit, wie sie selten im Leben erlebt wird. Was herbei helfen kann? Eine so genannte spirituelle Patientenverfügung.

(Foto: Thomas Achenbach)

Mit diesem Thema geht mein neuer Podcast an den Start. "Trauergeschichten - Menschgeschichten", heißt er. Und es gibt ein paar wesentliche Unterschiede zu meinem vorherigen Podcast. Straffer, knackiger und kompakter im Einstieg, mit einem neuen Jingle am Anfang, der dank der wertvollen Unterstützung guter Freunde und Mitstreiter besonders gelungen ist, und mit einem neuen Konzept: Gespräche über Leben, Tod und Sterben, mit Menschen, die etwas Spannendes zu erzählen haben. So wie die Buchautorin und Therapeutin Dorothea Mihm mit ihrem Herzensthema, der spirituellen Patientenverfügung (die Episode lässt sich unter diesem Link finden). Ich freue mich, wenn Euch das Thema interessiert und Ihr Gefallen an meinem Podcastupdate findet. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

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Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Donnerstag, 7. Januar 2021

Viel mehr als nur Kaffeetrinken nach einer Beerdigung: Warum der Leichenschmaus als Kulturgut unentbehrlich ist - und was ohne ihn alles wegbricht in diesen Coronazeiten, in denen wir auf so viel verzichten müssen

Osnabrück - Mit dem Ausbrechen der Pandemie hat sich heimlich, still und leise, jener allgemein übliche Dreiklang aus der Gesellschaft verabschiedet, den eine Beerdigung in unserem Kulturkreis üblicherweise darstellte: Trauerfeier, Bestattung und Leichenschmaus. Es ist vor allem der Leichenschmaus, dessen gesellschaftliche Wirkung nicht unterschätzt werden darf. Was mit ihm alles wegfällt, ist mehr als nur Kaffeetrinken. Für das Feuilleton der "Neuen Osnabrücker Zeitung" durfte ich jüngstens einen Beitrag zur Printserie "Orte der Sehnsucht" beisteuern, in dem es um dieses Thema ging. Hier ist eine leicht geänderte Fassung dieses Textes.

"Hoffentlich sehen wir uns auch mal außerhalb von Beerdigungen...“. Es hat eine Zeit gegeben, in der gehörte dieser Satz zum am meisten Gesagten und Gehörten bei einer Trauerfeier im Familien- oder Freundeskreis – und diese Zeit ist noch gar nicht so lange her. Mit dem Ausbrechen der Pandemie hat sich inzwischen, ganz heimlich, still und leise, jener allgemein übliche Dreiklang aus der Gesellschaft verabschiedet, den eine Beerdigung in unserem Kulturkreis üblicherweise darstellte: Trauerfeier, Bestattung und Leichenschmaus waren seine Kernkomponenten – wobei die Bestattung entweder als gemeinsamer Gang zum Grab direkt im Mittelteil absolviert wurde oder, bei der häufiger gewählten Urnenvariante, später nachgeholt wurde. 

Leichenschmaus als symbolischer Übergang

Mag uns der Friedhof als Kulturort auch in Zeiten der Coronakrise erhalten bleiben und mit seinem wenig überfüllten Außendasein als Ort des Nicht-Masken-Tragen-müssens eine gut besuchbare Alternative zum pandemischen Alltag darstellen: Es ist der Leichenschmaus, dessen Fehlen die größte kulturelle Lücke reißt. Denn dieses gemeinsame Mahl ist so viel mehr als eine nur gesellschaftliche Verpflichtung: Es ist ein symbolischer Übergang – und ein mehrfacher dazu. Aus der Zone des Schreckens und der Ohnmacht führt er zurück in den Trost der sozialen Gemeinschaft, nach der Zeit der Organisationspflichten und To-Do-Listen öffnet er die Türen für die Zeit der tatsächlichen Trauer, aus der Zone des Todes und des Sterbens führt er zurück in alles, was das Leben ausmacht, Essen, Trinken, Beisammensein, ja, nicht selten auch Fröhlichkeit und Sinnenfreude.

(Foto: Thomas Achenbach)

So gesehen ist der hierzulande gern genutzte Begriff des Leichenschmauses mit all seiner sprachlichen Härte viel passender als das andernorts gewählte „Trösterkaffee“: Erst die Leiche, dann der Schmaus; erst der Tod, dann das Leben; diesen Kontrast gilt es auszuhalten. Wie so vieles mehr. Es ist oftmals das letzte Wiedersehen eines Kreises, der so nie wieder zusammenkommen wird. In alten Zeiten war es die letzte erlaubte Feier vor dem Trauerjahr, das gleich am Anschluss begann. Viele Trauernde haben gerade diesen Trauerkaffee als besonders tröstend erlebt.  

Dem Tod das pralle Leben entgegenstellen

Noch bevor der Kaffee durch ist, wird bei einem Leichenschmaus oft schon der Zapfhahn aufgedreht. Dass am Ende eines Leichenschmauses oft eine überraschend hohe Menge an Alkohol geflossen ist und sich die Teilnehmer verbrüdernd in den Armen liegen – sogar das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ soll unpassenderweise schon einmal angestimmt worden sein, berichten professionelle Teilnehmer –, ist da gar kein Widerspruch, nein, vielmehr macht es eindrucksvoll deutlich, welchen gesellschaftskulturellen Auftrag so ein Leichenschmaus erfüllt: Einerseits geht es darum, einfach da zu sein und den Trauernden Respekt und Zugehörigkeit zu vermitteln. Aber auf einer anderen Ebene geht es darum, den Tod wieder in seine Bannzone des Schreckens zu verdrängen, indem man ihm gemeinsam das pralle Leben entgegenstellt. Ihm eine lange Nase zu drehen und in einer Art mythologischer Ächtung mutig entgegenzutreten: Den da in der Erde hast Du jetzt. Aber uns kriegst Du nicht. 

(Foto: Pixabay.com/Svetlanabar, Sweden, Cc-0-Lizenz)

Noch nicht.

Wenn dieser Übergang nun wegfällt, ja, in Viruszeiten berechtigterweise wegfallen muss (und das unbedingt „alternativlos“ – siehe oben unter „überraschend viel Alkohol“ etc.), dann fehlt ein wichtiger Mechanismus, der uns wieder in der Kraft des Lebens verankern kann, der unsere eigene Angst ein Stück lindern kann. Und so schleichen sich heutzutage am Ende einer Trauerfeier die wenigen zugelassenen Teilnehmer nach einigen sehr peinlichen Ellbogenverrenkungen dort, wo vielmehr Umarmungen angebracht wären, hinfort zu ihren Autos und verschwinden isoliert in eine ungewisse Zukunft. Ohne Bannstrahl, ohne Lebensvergewisserung – ohne Trost. 

Peinliches Ellbogenverrenken, ab ins isolierte Auto

Selbst wenn manche der Menschen, die in der jüngsten Vergangenheit ihre Trauerfeiern ausrichten mussten, ein Nachholen des Leichenschmauses versprochen haben, sobald möglich, ist es doch nicht dasselbe – denn ihre wohltuende Kraft bezieht diese Veranstaltung alleine aus dem unmittelbaren Anschluss an einen Abschied. Je weiter der zeitliche Abstand, desto verbannter scheint der Tod ja bereits wieder zu sein. Dieser seelische Schutzmechanismus ist für uns Menschen von existenzieller Bedeutung: Alleine mit der Vergewisserung, dass der Tod uns selbst nichts anhaben wird, uns nicht, sobald nicht, allen anderen vielleicht schon, lässt sich die Hilflosigkeit ertragen, die unser Erdendasein oft mit sich bringt. Dass die Coronakrise unseren  menschlichen Gestaltungsspielraum massiv einschränkt und uns unsere existenzielle Ohnmacht ahnen lässt, ist eine ihrer Wahrheiten. Das auszuhalten ist Aufgabe genug.

(Foto: Thomas Achenbach) 

„Hoffentlich sehen wir uns auch mal außerhalb von Beerdigungen...“. Wie oft haben wir diesen Satz gehört. Vielleicht auch selbst gesagt. Und dann traf man sich eben doch das nächste Mal erst… - auf einer Trauerfeier. Zumindest darauf konnte man sich verlassen. Heute ist selbst diese Verlässlichkeit brüchig geworden. In Zeiten der Krise muss es eher heißen: „Hoffentlich sehen wir uns überhaupt nochmal"...

(Dieser Artikel erschien in seiner ursprünglichen Fassung am 2. 12. 2020 in der Printausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung sowie aller Ihrer Kopfausgaben im Ressort Feuilleton).

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

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