Sonntag, 18. Dezember 2022

Weihnachtssongs für Trauernde gibt es fast gar keine, eine rühmliche Ausnahme möchte ich heute vorstellen - Wenn sich Sehnsucht und Bitterkeit zum Fest die Hände reichen - Weihnachten in Trauer verbringen

Weihnachtslieder gibt es viele. Die meisten wollen ihren Zuhörern ein seliges Wohlfühlgefühl vermitteln. Dass zu Weihnachten aber auch schmerzliche Sehnsucht gehören kann - nach Gestorbenen, zum Beispiel - wird dabei gerne ausgeblendet. Nur eine wohltuende Ausnahme kenne ich: Der Sänger der Indieband Keane, Tom Chaplin, hat für sein fabulöses Weihnachtsalbum aus dem Jahr 2017 ein Lied geschrieben, das bei aller schwebenden Glockennähe von Wehmut umfangen bleibt.

Chaplin richtet sich in seinem Lied an all jene, die wir verloren haben, er spricht sie sogar direkt an und versichert ihnen: Wir werden uns an Euch erinnern, an den Feiertagen, unterm Weihnachtsbaum. Auch in allen anderen Textpassagen schwingt, genauso wie in der gleichsam melancholischen wie leichtfüßigen Musik, immer eine Idee von Abschied mit. "Die Geschichte von Dir und mir / ist ein Kreis, der ungeschlossen bleibt / wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehen werden?". Es ist sicher nicht falsch zu sagen: Dieses Lied ist ein vertonter Sehnsuchts- und Abschiedsschmerz, der schon ohne den Text deutlich spürbar wird. 

 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Geschrieben und aufgenommen in einer Zeit persönlicher Krisen - die Band hatte sich gerade getrennt, nach einer Phase kreativen Dahinsiechens, Tom Chaplin hatte sich seiner Drogensucht gestellt, sein Hund war gestorben -, hält dieses Weihnachtsalbum von Tom Chaplin gekonnt die Balance zwischen Melancholie und Hoffnung, Traurigkeit und Lichterfunkeln. Mit leichter Schlagseite Richtung Traurigkeit. Das macht den Unterschied. 

Zwölf Geschichten von Weihnachten, "Twelve Tales Of Christmas", sind es, und sie spiegeln die Bandbreite des Lebens. Hier wird kein Heile-Welt-Weihnachten heraufbeschworen, hier geht es um Brüche und Sehnsüchte, um Risse und Gebrechlichkeit, hier geht es darum, beide Elemente miteinander zu vereinen: Den Lichterglanz dieser Zeit mit all seiner Schönheit - und die dunkelblaue Seelentiefe der Schwermut, die das Leben ebenfalls mich sich bringen kann. Und damit wird dieses ganz besondere Album zu einer Kostbarkeit, ganz ohne Kitsch. Meistens. In Anmut und Schönheit eingepackt. Immer. Dafür sorgt alleine schon der großartige Popschmelz in Chaplins Stimme.  

Die Lichter in unserem Inneren 

Gleichzeitig zündet Tom Chaplin auch Hoffnungsfunken, textlich wie musikalisch, und umtanzt immer wieder die weihnachtliche Besinnlichkeits-Grundidee: Ja, die Welt scheint verloren, wenn man sich die Nachrichten ansieht, aber es sind immer noch wir Menschen selbst, die unsere eigenen inneren Lichter anzünden und weitertragen können, aller Schwere zum Trotz, singt er sinngemäß in "Turn Your Light On". 

Vier Coverversionen von sorgfältig ausgewählten Songs enthält das Album neben den acht neu geschriebenen Liedern. Joni Mitchells "The River" ist eine der melancholischsten Balladen dieses Weihnachtszyklus - da wünscht sich jemand, er könnte auf einem zugefrorenen Fluss von allem davonskaten, fliehen vor der Traurigkeit, die Trennungen mit sich bringen.  




Allen Menschen, die die Adventszeit auch mit einem schwerer werdenden Herzen verbinden, seien der Song "We'll Remember You This Christmas" und das dazugehörige Album "Twelve Tales Of Christmas" ausdrücklich empfohlen. Ein gutes Weihnachtsalbum für Trauernde. Eines, bei dem man sich verstanden fühlen kann.

Und damit allen Lesern ein gutes Weihnachtsfest, so gut es eben geht, und einen guten Rutsch ins neue Jahr. 

To those we lost along the way
To those we loved, I want to say
From those of us still here today
We remember you this Christmas.

Das Album: Tom Chaplin, "Twelve Tales Of Christmas", Universal


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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Sonntag, 20. November 2022

Das Meiste, was Menschen zu Trauernden sagen ist nicht wirklich hilfreich - aber "dagegen hilft nur Aufklärung", findet eine engagierte Trauerbegleiterkollegin - ihre Postkarten für Trauernde geben wertvolle Impulse

Auch zu ihrem Buch "Wie aus Trauer Liebe und Dankbarkeit wird" gibt es Postkarten, die der Humboldt-Verlag für Iris Willecke gestaltet hat (Foto: Thomas Achenbach)

Das Trauer-Bullshit-Bingo. Die Hitparade der schlimmsten Trauerfloskeln. Die Ratschläge, die Trauernde erhalten und die sich meistens als Tiefschläge direkt in den Bauch entpuppen, auch wenn sie nicht so gemeint sind. All das, zusammengefasst auf Postkarten, diese Idee finde ich ziemlich großartig. Geschaffen hat sie meine Trauerbegleiterkollegin Iris Willecke aus dem Sauerland. Aber wozu und warum? Lassen wir sie dazu am besten selbst zu Wort kommen. 

Ich hatte Iris ein paar Fragen gestellt und sie hat sie freundlicherweise beantwortet.

Liebe Iris, sag mal, wo lassen sich die Postkarten beziehen - und wie läuft das?

Die Bilddateien stehen kostenlos auf meiner Webseite iris-willecke.de zur Verfügung. Wer lieber fertige Postkarten haben möchte, kann sich diese bei danacards.de bestellen und damit gleichzeitig Gutes tun, denn die gesamten Erlöse fließen in soziale Projekte.

Wie bist Du auf die Idee mit den Postkarten gekommen?

Durch die Arbeit mit Trauernden. Mich macht es immer wieder betroffen, wenn mir Trauernde von Verletzungen durch ihr soziales Umfeld berichten. Und ich kenne wirklich kaum jemanden, der solche Dinge nicht erlebt hat. Die Postkarten sollen einen Beitrag dazu leisten, mehr Trauerwissen zu vermitteln, denn vieles passiert nur aus reinem Unwissen. Wer Trauer nach einem schweren Verlust noch nie selbst erleben musste, der kann sich in der Regle nicht in Trauernde hineinversetzen. Er sagt dann z.B. Dinge, die eigentlich gut gemeint sind und trösten sollen, die den Trauernden dann aber doch nur verletzen. Dagegen hilft nur Aufklärung.



Meine erste Postkarte war allerdings das Trauer Bullshit Bingo und diese Karte hat noch einen etwas anderen Hintergrund. Ich habe mal an einer Fortbildung mit Sabine Dinkel teilgenommen und sie hatte geniale Werbekarten für ihr Buch mit einem Krebs Bullshit Bingo dabei. Ich fand die Idee grandios und hatte sofort im Kopf, dass es so etwas unbedingt auch für die ganzen Floskeln geben muss, mit denen Trauernde konfrontiert werden. Ich konnte dann in Abstimmung mit meinen Facebookfollowern relativ schnell die gängigsten 25 Aussagen ermittelt, die auf die Karte mit drauf sollten und meine Lieblingsgrafikdesignern Tine Schenk hat für die prima Umsetzung des Layouts gesorgt. Die Karte war ursprünglich hauptsächlich für Trauernde gedacht. Sie soll ihnen einen etwas leichteren Umgang mit den Floskeln ermöglichen. Sie ist aber auch super als Gesprächsöffner geeignet und wird von einigen KollegInnen mittlerweile auch für Fortbildungsangebote genutzt.

Du bezeichnest Dich selbst als Traueraktivistin, das macht mich neugierig, wie würdest Du das definieren, was das ist?



Den Begriff habe ich mal bei meiner Kollegin Alexandra Kossowski aus Berlin gelesen. Ich habe kurz darüber nachgedacht und dann befunden, dass er auch auf mich passt, denn ich versuche z.B. seit vielen Jahren auf unterschiedlichsten Wegen mehr Wissen über Trauer und ein größeres Verständnis für die Bedürfnisse von Trauernden zu vermitteln und  verschiedenste Angebote ins Leben zu rufen. Trauernde haben es in unserer Gesellschaft nicht leicht. Sie brauchen Fürsprecher und Unterstützer. Ich bin jemand, der viele Ideen hat und der Dinge lieber anpackt, statt sie totzureden....

...so sagt es Iris Willecke, ihre Postkarten finden sich auf Ihrer Webseite unter dem Link "Downloads". Danke, Iris, für das Antworten auf meine Fragen


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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Montag, 24. Oktober 2022

Eine kleine Osnabrücker Messe rund um die Themen Trauer, Tod und Sterben, ein neuer Ehrenamtskurs in der Region Osnabrück und eine Vortragslesung in Greven - drei Tipps für November mit lokaler Nähe zu Osnabrück (und ein Radiotipp: Hospizverein zum Anhören)

Osnabrück - Lust darauf, sich einmal intensiver mit den Themen Tod, Trauer und Sterben auseinanderzusetzen? Und mit der Sterbe- oder Trauerbegleitung? Und mit dem Thema Männer und Trauer? Der November 2022 bietet zumindest den Menschen in der Region Münster/Osnabrück vielfältige Möglichkeiten. Hier sind drei aktuelle Tipps:

1.) Messe „Lebensfroh und todesmutig…wir reden über den Tod, um fürs Leben zu lernen“ (kostenlos). Am Sonntag, 6. November 2022, findet in der Zeit von 13.30 bis 18 Uhr ein Aktions- und Begegnungstag zum Thema „Tod und Trauer“ in der Katholischen Familienbildungsstätte (Fabi) Osnabrück, Große Rosenstraße 18, statt. Der Eintritt ist dann frei. Ursprünglich war geplant, dass ich ebenfalls dabei sein würde, zumindest hatte mich die Organisatorin Stefanie Kreye dafür angefragt. Aber ich habe an diesem Tag bereits etwas anderes vor. Was ich dann verpassen werde, und was Ihr nicht verpassen solltet, ist:




Die Möglichkeit, sich den Themen, Sterben, Tod und Trauern auf unterschiedliche Weise zu nähern - in einem vielfältigen Angebot aus Lesungen, Informationen und Aktionen, wie die Veranstalterin Stefanie Kreye in einer Pressemitteilung schreibt. Johanna Klug, eine etwas andere Hospizbegleiterin, liest aus ihrem Buch „Mehr vom Leben“ und berichtet von ihren Erfahrungen in der Sterbebegleitung und wie diese ihr Leben prägen und verändern. Einen Eindruck davon, wie unsere Haut auch eine Gefühlslandschaft sein kann, möchte das Osnabrücker Hospiz vermitteln. Ehrenamtliche aus verschiedenen Hospizdiensten informieren zudem über ihre Unterstützungsangebote für Sterbende und Trauernde.

Kreativ zum Ausdruck gebracht werden kann die Trauer beim Tanzen, Malen und beim Gestalten von Erinnerungsstücken. Ein Sternenkindfotograf wird seine Arbeit vorstellen und auch Themen, wie Kinder und Jugendliche trauern oder wie man die Resilienz in der Trauer stärken kann, werden in den Blick genommen. Gesprächsangebote zum Thema „Schöne Aussichten – Was kommt nach dem Tod“ und das Spielangebot „Spiel mit dem Tod“ gehören laut der Mitteilung zum Programm.

Der Tag wird abgerundet durch das Theaterstück mit Regina Neumann „Oskar und die Dame in Rosa“ ab 19 Uhr im Saal der Fabi. Der Eintritt für die Theatervorstellung am Abend beträgt 18 Euro, der Eintritt zur Messe selbst ist kostenlos, so heißt es in dem Pressetext abschließend. 

Weitere Infos zu "Lebensfroh und todesmutig" auf der Website der Fabi, Anmeldungen über info@kath-fabi-os.de oder telefonisch unter 0541 /358680.


2.) Neuer Grundkurs in Sterbe- und Trauerbegleitung in Hagen a. T. W.: 

Der Hospizverein Hagen a.T.W. - in dem ich ebenfalls Mitglied sein darf - wird im Frühjahr 2023 seinen dritten Grundkurs in Sterbe- und Trauerbegleitung anbieten. Dieser Grundkurs soll Frauen und Männern jeden Alters einen Zugang zu den Themen Sterben und Trauer ermöglich und außerdem dazu anregen, sich mit der eigenen Endlichkeit und der eigenen Zerbrechlichkeit auseinanderzusetzen. Beides kann für die eigene Lebensgestaltung enorm hilfreich sein, soviel darf ich versichern. Der Kurs soll die Teilnehmer schließlich dazu befähigen, im Rahmen einer ehrenamtlichen Tätigkeit im Hospizverein Sterbende und Trauernde sowie deren Angehörige zu begleiten.

Unverbindlich reinschnuppern in dieses Angebot lässt sich bei einem der folgenden Informationsabende:

Immer aktiv: Der Hospizverein Hagen veranstaltet auch berührende Konzerte, so wie hier in der Ehemaligen Kirche im März 2022 (Foto: Thomas Achenbach).

- Am Montag, 7. 11. 2022 um 20 Uhr im Gemeindehaus der Ev.-luth. Melanchthon Gemeinde, Schumacherstraße 26, 49170 Hagen a.T.W.

- Am Mittwoch, 9. 11. 2022 um 19.30 Uhr im Pfarrheim St Antonius, Am Boberg 10, 49124 Holzhausen-Ohrbeck

- Am Montag, 14. 11. 2022 um 20 Uhr im St. Martinus Jugendheim, Martinistraße 11, 49170 Hagen a.T.W

Die Inhalte der drei Abende sind gleich. Alles Weitere über die geplanten Kurse, die Inhalte, die Teilnahmevoraussetzungen und die Möglichkeiten zur Mitarbeit gibt es dann bei einem der Abende zu hören. Und weil ich den Verein in einer Doppelfunktion als Mitglied, aber auch als Dozent begleiten darf, gibt es später vielleicht auch mal einen gemeinsamen Kurs, wenn auch nicht als Bestandteil des Grundkurses.

Hospizverein im Radio - nette Menschen im Gespräch

Und wer sich schon einmal reinhören und die Vorsitzenden des Vereins schon mal kennenlernen möchte, kann sich online noch immer die Sondersendung anhören, die das lokale OS-Radio mit Beate Haunhorst und Hilde Butz vom Hospizverein Hagen aufgenommen hat. Sie erzählen darin unter anderem, wie es zur Vereinsgründung kam und welche Ziele sie verfolgen, hier lässt sich die Sendung mit Moderatorin Verena Morris weiterhin finden.


3.) Männer und Trauer und das Spannungsfeld der Moderne (das immer größer wird): Das sind die Themen bei meiner nächsten Vortragslesung in Greven im Münsterland. Findet statt am am Montag, 7. 11. 2022, um 17 Uhr beim Malteser-Hilfsdienst, Kardinal-von-Galen-Straße 18., 48268. Veranstaltet vom ambulanten Hospizdienst der Malteser Greven. Was ich dann alles mit dabei haben werde: 



Zum einen mein Buch "Männer trauern anders", aber auch einen ganz neu geschriebenen Text, außerdem erzähle ich ein bisschen was über meine Arbeit und darüber, wo ich die Unterschiede bei den Geschlechtern auszumachen glaube (und was sie geprägt haben könnte). Infos unter Telefon 02571 / 97101 oder per E-Mail an hospiz.greven@malteser.org.

Zu allen drei Veranstaltungen - herzliche Einladung!


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: "Er hätte so gerne noch gelebt"... - und was hat er vom Leben gehabt? So erkennst Du, ob Du auf einem guten Lebens-Weg bist 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauernde als Vorbilder: Wie eine Familie den Geburtstag der gestorbenen Tochter als Lebens- und Abschiedsfest gestaltet

Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer auf seinen Trauerfall ansprechen - oder mache ich damit nicht alles noch schlimmer?

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

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Mittwoch, 21. September 2022

Jetzt mal brutal ehrlich: Ein Kind zu bekommen oder in eine Trauer- und Verlustkrise zu geraten, das hat beides erstaunliche Parallelen... – fünf Gründe für eine steile These - was wir aus der Trauer- und Lebensbegleitung für diese Aufgabe lernen können...

Osnabrück - Einer dieser Sätze, mit denen ich neulich abends beim Bier für etwas Verwunderung gesorgt hatte: Ein Kind zu bekommen oder einen Menschen zu verlieren, das ist beides total gut miteinander vergleichbar. Wie bitte? Was anfangs für Kopfschütteln sorgte und von mir selbst auch eher augenzwinkernd gedacht war, entwickelte sich nach einer vertiefenden Diskussion dann doch zu einer allseits anerkannten These. 

Bevor ich fünf Gründe für diese, zugegebenermaßen, steile Behauptung nenne, möchte ich noch eine wichtige Vorbemerkung loswerden: Ich bin jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, seit bereits acht Jahren der Vater einer Tochter und finde das ziemlich großartig. Trotz- und Autonomiephase waren hart, das mit Schlafen, nun ja, ist auch so eine Sache, Home Schooling brauche ich nie wieder in meinem Leben, aber wir haben eine überwiegend großartige Zeit, ich möchte das nicht missen.

Fakt ist aber auch - und da nähern wir uns wieder unserem Thema: Kinder reißen Dich aus Deinem eigenen Zentrum, ob Du willst oder nicht. Kann gut tun. Muss man haben können. Trauer tut das übrigens auch - Dich aus Deinem bisherigen Zentrum reißen. Womit wir wieder beim Thema wären.

Warum es so gut vergleichbar ist, einen Menschen zu verlieren oder einen zu bekommen - fünf Gründe:


(Foto: Hermann Traub/Pixabay.de)

1.) Dein Leben ist grundlegend anders, von einem Tag auf den anderen - nichts ist mehr so, wie es vorher einmal war. Ein Mensch, der vorher da war, verschwindet plötzlich - und mit ihm alles, was an gewohnten Routinen und Ritualen den Alltag geprägt hat. Alles muss sich neu finden - und was die Tage ab jetzt prägt, ist diese große Leere. Oder: Ein Menschlein, das seinen ganz eigenen Rhythmus erst noch finden muss und ein enormes Potenzial an Aufmerksamkeit benötigt, ist von einem Tag auf den anderen plötzlich da. Brüllt die Nächte durch und schläft am Tag, aber gewiss nicht dann, wenn Du eigentlich Deine wenigen Kraftreserven dafür nutzen wolltest, ein paar anstehende Erledigungen zu machen. In beiden Fällen wird Dein Leben binnen weniger Stunden komplett auf den Kopf gestellt. Tod oder Geburt, beide Ereignisse gehören zum Prägendsten, was das Leben mit sich bringen kann, und beiden Ereignissen ist eines gleich: Der Wandel ist radikal, weltenverändernd - und langfristig! Nichts ist mehr wie es einmal war. Und es wird auch nie wieder so sein. Im Guten wie im Schlechten. Von einem Tag auf den anderen mitten hinein in den Ausnahmezustand - den Du zu Deinem neuen Alltag machen musst. 

2.) Du findest Dich in einem totalen Gefühlsstrudel wieder, den Du so noch nie erlebt hast. Grund: Hormone. Sowohl der Verlust eines Menschen als auch die Geburt eines Kindes haben wesentlichen Einfluss auf Deinen Hormonspiegel und auf alle körperlichen Prozesse, die im Inneren ablaufen. Auch auf der chemischen Ebene ist alles aus den Fugen, in beiden Fällen. Und das betrifft beide Eltern, beide Geschlechter, nicht alleine die Mutter. Sondern auch die Väter. Der Schlüssel ist jeweils das Oxytocin, das allgemein als "Kuschelhormon" bezeichnet wird, wobei diese Definition ein bisschen zu sehr nach Wohlfühlfaktor klingt. Die Lust auf Sex geht runter, der Wunsch nach Nähe steigt auf ein Übermaß. Die Natur zwingt die Väter mit diesem Überschuss an Bindungshormon dazu, bei der Familie zu bleiben. Diese Überproduktion von innerer Chemie bringt aber auch etwas Rauschhaftes, Unwirkliches, Seltsames mit sich. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in den ersten Monaten nach der Geburt meiner Tochter zu einem mehrtägigen Workshop fahren sollte, was eine erste längere Trennung bedeutete, und wie ich auf dem Weg zum Auto Zeuge davon wurde, wie ein Eichhörnchen überfahren wurde. Ein harmloses, wehrloses Wesen (= wie das Baby), das von einem Autoreifen zu Fleischbrei zermantscht wurde. Beides zusammen, wenige Monate nach der Geburt meines Kindes, hat mich völlig fertiggemacht - und ich hab mich gefragt, was zur Hölle mit mir bitte los ist? Bei Trauer wiederum passiert das Gegenteil, wie Forscher 2015 nachgewiesen haben: Anstatt Oxytocin auszuschütten, das immerhin zu einer gewissen Empathie- und Selbstliebefähigkeit führen könnte, verfällt der Körper auch chemisch gesehen in einen Stresszustand. Trauer setzt eine Menge an CRF frei, das als Stresshormon gilt ("Corticotropin-Releasing-Factor") und das die Ausschüttung von positiven Hormonen verhindert. Wiederum ist es das Oxytocin, das den Schlüssel darstellt. Diesmal, weil es Mangelware geworden ist. Seelische Überforderung und ein Körper voller Stresshormone - innerer Ausnahmezustand von der anderen Seite.


(Foto: Animaparsa/Pixabay.de)

3.) Urlaub ist nicht mehr erholsam - sondern eine Verlagerung Deiner allgemeinen Situation an einen anderen Ort. Wer mit jüngeren Kindern in die Ferien fährt, verlagert seine Ausnahmesituation von daheim an den Urlaubsort. Schlimmer noch: Man nimmt das, was zuhause eher anstrengend sein kann, nicht einfach nur mit, sondern verstärkt es auch noch. Unter anderem, weil die gewohnte Infrastruktur fehlt (Spielzeug, Betreuung, Technik, Freunde, etc.). Aber auch, weil das, was Erwachsene erholsam finden, für Kinder entweder ziemlichen Stress bedeuten kann (ein anderer Ort, ein anderes Bett, lange Autofahrten) oder schlicht ultralangweilig ist (Essen im Restaurant, Ruhe, Schlaf, Bücher lesen, "Nichtstun"). Wer wiederum nach dem Verlust eines Menschen in den Urlaub fährt, der nimmt seinen Kummer und seine Trauer mit an den Ferienort. All das ist mit dem generellen Konzept von Urlaub nicht gut vereinbar, sollten doch Ferienfahrten eigentlich der Regeneration und der Erholung dienen. Erholung durch Abstand, nun ja, das gilt in beiden Fällen vielleicht noch räumlich. Erholung durch Ruhezeiten, nun ja, dafür ist der Seelenaufruhr oft zu groß bzw. das Kind fordert ständig irgendeine Aufmerksamkeit oder einen Programmpunkt. Erholung durch Buchlektüre, nun ja, dafür fehlt es an Konzentrationsfähigkeit, in beiden Fällen. Und jedes "Nichtstun" verliert seine Schönheit, wenn einem dadurch entweder die Einsamkeit wieder schmerzvoll bewusst wird (= Trauer) oder wenn Dich Dein Kind gefühlt alle 45 Sekunden nach irgendetwas fragt (Essen, Aufmerksamkeit, Vorlesen, Erlebnisse, etc.) oder an Dir zieht und zerrt oder auf Dir rumturnt vor lauter Langeweile. In beiden Fällen gilt übrigens: Nach ein paar Jahren kann es besser werden, jedenfalls in kleinen Segmenten und immer schön Stück für Stück. Manches bleibt allerdings. 

4.) Du kannst nicht mehr schlafen. Wer einen Menschen verloren hat, leidet oft an Schlafproblemen. Die Nächte können von inneren Unruhen geprägt sein, die Dich nicht schlafen lassen - oder der Schlaf ist von wirren Träumen durchzogen, die Dich hochschrecken lassen. Es können neue Ängste auftauchen, die sich vor allem nachts bemerkbar machen. Oder die Nacht wirkt wie ein zusätzlicher Verstärker für all die Gefühle, die tagsüber schon so mächtig sind. Und wer ein Kind hat, muss nach dem Trubel der Babyjahre - mit sehr wenig Schlaf darin - damit leben, dass dieses Wesen mit seinem ganz eigenen Biorhythmus ausgestattet ist und diesen per Geburt einfach mitbringt. Oder anders gesagt: Dein Kind hat eine einprogrammierte Wachzeit, die sich irgendwann nach dem Babyalter herausschält und auf die Du keinen Einfluss nehmen kannst, so sehr Du es auch versuchst. Wenn Du Glück hast, ist es eine spätere Aufwachzeit (wobei sich das mit dem "Glück gehabt" ab der Einschulung Deines Kindes wieder relativiert). Wenn Du Pech hast, bekommst Du so eine echte Lerche. Es soll Kinder geben, die sind jede Nacht um drei oder vier Uhr wach. Jede. Über Jahre. Und Du: Bist machtlos. Auch wenn Dir zigtausend Erziehungsratgeber, Schlafratgeber und zahlreiche andere Eltern oder Großeltern etwas anderes einzureden versuchen: Gegen die Aufwachzeit Deines Kindes kommst Du nicht an. Du kannst höchstens versuchen, erzieherisch ein wenig gegenzusteuern ("Eltern niemals vor 7 Uhr wecken"), was eine gewisse Kraftanstrengung bedeutet und nicht immer funktioniert, aber generell möglich ist. Kurzum: Wer einen Menschen verliert oder einen Menschen bekommt, schläft schlecht oder zumindest schlechter bis gar nicht mehr. Das kann Monate andauern oder auch einige Jahre.


(Foto: Gerd Altmann/Pixabay.de)
 

5.) Und schließlich: Viele andere, meist Unbeteiligte, geben Dir ganz viele Ratschläge und glauben vieles besser zu wissen. "Das Leben geht weiter", "Du musst jetzt loslassen", "Gönn Dir doch mal wieder was Schönes" und so weiter. Wer tatsächlich schon einmal in einer Trauersituation gesteckt hat, der wird erlebt haben, dass solche Ratschläge nicht wirklich hilfreich sind - wie eigentlich alle Ratschläge. Nicht umsonst gibt es im Kontext von Therapie und Beratung den gut gepflegten Spruch "Ratschläge sind Schläge". Das gilt genauso für Eltern und Kinder. Weil kein Mensch das tatsächliche Binnenverhältnis einschätzen kann bzw. die dynamischen Prozesse, die zwischen Eltern und Kindern jeweils individuelle Stärken erreichen (und die können sehr dynamisch sein), sind auch hierbei die meisten gut gemeinten Ratschläge schlicht nur eins: Sie sind übergriffig. Weil in Unkenntnis der tatsächlichen Situationen und der jeweiligen Spezifikationen ausgesprochen. Und dennoch fühlen sich ganz viele Menschen berufen, kluge Ratschläge zu geben - und wer kann sich davon schon komplett frei sprechen (also, ich auch nicht immer, zugegeben, obwohl ich schon viel, viel, wirklich viel besser geworden bin!)?

Und, nochmal, weil mir das so wichtig: Kinder zu haben, das ist einerseits etwas sehr Erfüllendes und sehr Bereicherndes - und es kann sehr zu Deiner persönlichen Weiterentwicklung beitragen -, aber das hat wie alles im Leben eben seinen Preis. Und der kann sich zeigen als ein lange andauernder und meistens verkannter Ausnahmezustand, eine nervliche Belastungsprobe, die den gesamten Menschen fordert. So wie Trauer. Ich könnte noch viel mehr dazu schreiben. Aber: Ich muss jetzt ins Bett. Ich bin ganz schön müde...


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de


Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Montag, 15. August 2022

Ein ehrlicher Bericht über die Trauer nach einem Suizid: "In meinem Mann muss es unvorstellbar dunkel gewesen sein" - Svenja Gropper über die Jahre nach dem Tod ihres Mannes und ihren Weg zur Trauerbegleiterin

Osnabrück - Wie war das noch, am ersten Todestag? Von mir gefragt, was sie an diesem Tag gemacht hat, kann sich Svenja Gropper gar nicht mehr so genau erinnern. Ist das schlimm? Nein. Denn dass diese Gedächtnislücken zu ihrem Trauerprozess dazugehören - wie bei anderen auch -, zeigt sich im weiteren Verlauf unseres Gesprächs. Eines Gesprächs über die Trauer nach einem Suizid, das es jetzt in meinem Podcast als neue Episode zu hören gibt (hier geht es direkt zu der Podcastfolge).

Svenja Gropper ist heute als Trauerbegleiterin nicht nur im Allgäu aktiv sowie als Bloggerin und als Host eines eigenen Podcasts, sondern auch über die digitalen Medien verfügbar. Als sich vor einigen Jahren ihr Mann das Leben nahm, war das Thema Trauer für sie noch vergleichsweise weit entfernt. Zwar wusste sie, dass ihr Mann eine Krankheit hatte - die Svenja Gropper gerne als "Seelenkrebs" bezeichnet -, aber natürlich war da die Hoffnung, dass es eine Besserung geben könnte. "Es muss unvorstellbar dunkel gewesen sein in meinem Mann", diesen prägenden Satz sagt sie unter anderem in unserem Gespräch über den Suizid ihres Mannes. Was dieses Gespräch für mich so besonders gemacht hat, waren die zwei Ebenen, auf denen es stattfindet.

Warum es besser "Schuldgedanken" heißen sollte

So bleiben wir überwiegend bei Svenjas persönlichem Erleben, bei ihrer eigenen Trauer nach dem Suizid ihres Mannes und bei der Frage, wie sich diese über die Jahre gewandelt hat. Und andererseits heben wir das Gespräch immer mal wieder auch auf die kollegiale Metaebene, indem wir die Trauer nach einem Suizid als Phänomen besprechen und alles, was dazugehören kann. Warum Schuldgefühle so wichtig sein können, um in Verbindung zu bleiben mit dem gestorbenen Menschen, beispielswiese. Warum es sinnvoller sein kann, dem Vorschlag der Trauerbegleiterin Chris Paul zu folgen und von "Schulgedanken" statt von "Schuldgefühlen zu sprechen". Und warum das zweite Trauerjahr fast noch härter war als das erste.


Svenja Gropper ist als Trauerbegleiterin aktiv und bietet ebenfalls einen eigenen Podcast mit vielen spannenden Themen an (Foto: Gropper).


"Ich würde gar nicht sagen dass es im zweiten Jahr so viel einfacher und besser war", sagt Svenja in unserem Gespräch. Stattdessen ist es "auf eine andere Art schwieriger". Außerdem berichtet Svenja darüber, warum sie ohne genaue Kenntnis der Umstände trotzdem ganz genau hat erspüren können, wie ihr Mann sich das Leben genommen hat, wie sich anfühlt, wenn der Leichnam erstmal beschlagnahmt werden muss, warum diejenigen, die wirklich von dieser Welt gehen wollen, sich vermutlich gar nicht aufhalten lassen und warum sie noch die Reise nach Island gemacht hat, von der ihr Mann oft gesprochen hatte. Unser Gespräch über Svenjas Trauer und die Trauer nach einem Suizid allgemein füllt die zehnte Episode meines Podcasts "Trauergeschichten - Menschgeschichten" und ist unter diesem Link direkt erreichbar über die Plattform podcast.de (auch über Spotify erreichbar, einfach unter Podcasts nach den Trauergeschichten - Menschgeschichten suchen). 

Übrigens bietet auch Svenja selbst einen Podcast an, in dem ich dann im Gegenzug zum Thema Männer und Trauer zu Gast sein durfte, worüber ich mich sehr gefreut habe. Dieses Gespräch soll ebenfalls in Kürze veröffentlich werden (Link folgt)


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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Das Trauer-Zitat des Monats - jeden Monat neue berührende Sätze aus Zeitungen, Zeitschriften oder der Literatur 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Sonntag, 7. August 2022

"Er hätte so gerne noch gelebt..." - und was hat er vom Leben gehabt? Wie Du erkennen kannst, ob Dein Leben gerade auf den richtigen Bahnen läuft - Impulse und Gedankenanstöße zum "Memento Mori"-Tag (jeweils am 8. August) - Lebenstipps aus der Trauerbegleitung

Osnabrück - Es sind zwei große Todesanzeigen und sie stehen direkt untereinander. Die untere, geschaltet von der Firma, rühmt die Loyalität und Verbindlichkeit des gestorbenen 63-Jährigen, seine stete Treue zum Unternehmen, seine unermüdliche Einsatzbereitschaft. Der oberen der beiden, geschaltet von der Familie, reichen zwei Sätze, um die ganze Tiefe der Bestürzung hineinzulegen: "Er hätte so gerne noch gelebt - wir hätten so gerne noch Zeit mit ihm gehabt". Das Spannungsfeld, dass zwischen diesen beiden Anzeigen liegt, ist gewaltig – und so facettenreich wie das Leben. Und heute, während ich diese Zeilen schreibe, ist der perfekte Tag um sich das bewusst zu machen. Und um sich alle Fragen einmal selbst zu stellen, die damit einhergehen. Angenommen, in wenigen Tagen wäre es Deine eigene Todesanzeige, die in der Zeitung stehen müsste: Ist Dein Leben gerade auf dem richtigen Kurs? Hast Du die richtigen Akzente gesetzt? Könntest Du "gut gehen", auch von heute auf morgen? 

Schreib Dir einen Zettel und lege ihn neben Dein Bett. Und wenn Du morgen früh aufwachst, wenn Du Dich streckst und räkelst, vielleicht noch mit dieser wohligen Mischung aus Geborgenheit und Restmüdigkeit in Dir, wirf einen Blick auf diesen Zettel. Was auf ihm draufstehen sollte? Vier Wörter: "Es ist nicht selbstverständlich." Denn das ist es nicht. Dass Du wachgeworden bist, wieder; dass Du atmest, weiter; dass Du weiterhin weißt, wer Du bist; dass Dein Herz schlägt, weiterhin. Nichts davon ist selbstverständlich. Das ist ebenso eine Binsenweisheit wie die tiefste und wichtigste Wahrheit, die wir verinnerlichen können (und sollten). Vielleicht die einzige Wahrheit, die es braucht: 

Nichts im Leben ist  selbstverständlich. Gar nichts.


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)
 

Ich habe so oft in meiner Tätigkeit als Trauerbegleiter (und ganz generell in meinem Leben als Mensch auf dieser Welt) mit Fällen zu tun gehabt, die das Gegenteil gezeigt haben. Das 10-jährige Mädchen, gestern kerngesund, das morgens tot im Bett lag, keiner weiß warum (bis heute nicht). Der 35-Jährige, der an Heiligabend nachmittags plötzlich einen Herzschlag erlitt, während der Rest der Familie in der Kirche war - auf der Stelle tot. Die Mittzwanzigerin, die plötzlich keinen Handy- oder Mailkontakt mehr zu ihrer Schwester bekam, weil diese - von ihrem eifersüchtigen Freund erdrosselt - tot in einem Fluss lag. Der mittelständische Geschäftsführer, vermutlich Anfang 60, wenn überhaupt, bei dem eine OP schieflief, die als "Routine" bezeichnet worden war. Die Kinder, die im Mutterleib gestorben waren, all die stillen Geburten, bei denen kein Schrei am Ende eine Erlösung bringt. All die vielen, vielen, vielen SuizideUnd, und, und.... 

Oder noch vor kurzem, dieser Fall, von dem ich oben erzähle, der mit den beiden Todesanzeigen. Auch einer, den ich kannte.

Du auch. Erst irgendwann? Morgen früh? In zwei Tagen? Noch nie darüber nachgedacht? Vielleicht wäre es mal an der Zeit. Und zwar: Genau heute, genau jetzt. "Gedanken an den Tod und das Sterben werden in unserer Gesellschaft oft verdrängt. Wir reden zu wenig über unsere Wünsche, Ängste und Sorgen in Hinblick auf das Lebensende", so schreibt es die Initiative "Memento-Tag" in einer Mitteilung. Und deswegen soll jeweils am 8. August eines Jahres allen Menschen ihre Endlichkeit ins Bewusstsein gerufen werden. Oder wie es die Initiatorin Iris Willecke aus dem Sauerland formuliert: "Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, Themen wie Endlichkeit, Tod, Sterben und Trauer wieder etwas mehr ins gesellschaftliche Bewusstein zu holen". Also, nochmal, liebe Leserin, lieber Leser: Auch Du wirst sterben. Jedes Ausamten - nach dem Einatmen - bringt Dich wieder ein klitzekleines Stückchen näher heran an Deinen eigenen Tod. Bist Du auf einem guten Weg? 



So zu leben, dass man jederzeit gut sterben könnte, das ist vermutlich ein Ding der Unmöglichkeit. Der Mann, der oben beschrieben wird, hat sein Leben ganz klaren Prioritäten unterworfen: Das Unternehmen kam zuerst. Aber weil jede Entscheidung für etwas immer eine Entscheidung gegen etwas anderes ist - ganz zwangsläufig -, stecken so viele verschiedene unterschiedliche Wertekonzepte und Lebensentwürfe in dem Spannungsfeld zwischen diesen beiden Todesanzeigen. Und wer kann das schon, in unserem modernen Leben alle seine Prioritäten stets perfekt ausbalanciert zu halten, so dass nichts verloren geht? Wer kann schon allen und allem gerecht werden im Leben? Selbst, wenn wir unser Bestes tun, irgendwas bleibt immer auf der Strecke. Einfach nur, weil wir eben Menschen sind - und keine Übermenschen sein können. 

Und doch bleibt manches Mal, wenn wir von einem Todesfall hören, einem solchen wie oben, so eine leise Irritation zurück - nach dem Schock und dem Entsetzen. So eine leise Unruhe, ein ungutes Gefühl. Die Frage: Ist mein Leben auf dem richtigen Kurs? Aber wie lässt sich das erkennen?

 


Vielleicht am besten durch eine recht radikale Übung, die aus der Persönlichkeitsentwicklung stammt und in Coachings gerne empfohlen wird: Stell Dir vor, Du wärest jetzt gestorben und hättest die Chance, irgendwie bei Deiner eigenen Trauerfeier zugegen sein zu können. Stell Dir vor, es würden ein enger Freund, ein Kollege von der Arbeit und ein entfernter Bekannter etwas über Dich sagen. Was würde wohl in diesen Trauerreden alles über Dich gesagt werden? Und was nicht? Wären es jeweils freundliche Trauerreden? Oder welche, die sich um Lücken und Leerstellen herumwinden müssen? Oder in denen zarte Andeutungen auf etwas verweisen, das gerade schwierig ist? Setz Dich hin und schreib die von anderen gehaltenen Trauerreden auf Dein jetziges Ich. Durch diesen Perspektivwechsel - sich selbst mit anderen Augen sehen in der Radikalität eines Abschieds -, hast Du eine Chance, Dich kritisch zu durchleuchten. Deinen Werten auf die Spur zu kommen.  

Was willst Du einmal hinterlassen? Ist Dein Leben schon geprägt davon? Was ist der rote Faden Deines Lebens? Was ist für Dich wesentlich? Es lohnt sich, gelegentlich darüber nachzudenken.

Jeder Tag ist ein guter Tag dafür. Ein Tag im Jahr ist ein beonders guter Tag dafür: Der 8. 8. - am "Memento-Tag". Dieser soll, der Philosophie des "Memento Mori" folgend (Bedenke, dass Du sterblich bist), die Menschen an ihre eigene Vergänglichkeit erinnern. Also: An ihren eigenen Tod, der ja unweigerlich einmal folgen wird. Vorbild dafür ist der australische "Dying To Know Day", der bereits seit 2013 einmal im Jahr begangen wird. Wobei die Zahl Acht hier als aufrecht stehendes Symbol der Unendlichkeit zu verstehen ist und der Tag nicht nur als Impulsgeber dienen soll für ein Nachdenken über das eigene Leben, sondern auch für allerlei Aktionen in ganz Deutschland (und für diesen Blogbeitrag). 




Im Zenbuddhismus gibt es eine Weisheit, die - sinngemäß - besagt: Wir atmen das Leben ein - und den Tod aus. 

Hast Du bis zum Ende dieses Textes durchgehalten? Wie oft, was glaubst Du, hast Du ein- und ausgeatmet, während Du ihn gelesen hast? Die Medizin geht davon aus, dass ein erwachsener Mensch pro Minute im Durchschnitt 16 Atemzüge nimmt. Sagen wir, Du hast fünf Minuten lang gelesen, macht das 80 Atemzüge. Atmen, das ist vielleicht das Einzige, das wir wirklich jemals besitzen können im Leben. Auch das ist, wie alles, nicht selbstverständlich. Und jeder Atemzug, den wir tun, bringt uns wieder ein Stück näher heran an unseren eigenen Tod. 80 mal näher bist Du jetzt herangerobbt an diesen Augenblick.  

Wir atmen das Leben ein - und den Tod aus. An dieser Stelle brauchen wir noch eine Tonspur zum Text: Den Klang eines Herzfrequenzmessers. Du kennst den, aus Fernsehserien. Er malt Kurven und macht "Piep - piep - piep". Wenn es gut läuft. 

Ein. "Piep... -  piep...  - piep.. ". Und aus.

Ein. "Piep... -  piep...  - piep.. ". 

Aus

Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee.........
.
So gerne noch gelebt? 

Zu spät

.... 

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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale

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