Sonntag, 16. August 2020

Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - in England gilt seit April 2020 ein neues Gesetz, das verwaisten Eltern bezahlte Auszeiten ermöglicht - eine bahnbrechende Initiative, weltweit einmalig und in der Corona-Krise zu Unrecht kompett untergegangen (Serie "Trauer im Arbeitsleben", Folge 2)

Osnabrück/London - Corona hin oder her: Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - das ist auch international zu einem ganz aktuellen und ganz wichtigen Thema geworden. In England dürfen berufstätige Eltern, die ein Kind verloren haben, seit April 2020 zwei Wochen lang einen bezahlten Sonderurlaub nehmen - einen Trauerurlaub. Das dürfte weltweit bislang einmalig sein, hat dazu die Regierung Großbritanniens in einem offiziellen Statement gesagt. Und weil diese Nachricht im Trubel der ersten Lockdowns im April 2020 überall in Europa ziemlich untergegangen ist, muss an dieser Stelle noch einmal erläutert werden, wie die Regelungen genau funktionieren. Denn sie sind tatsächlich bahnbrechend und könnten vielen anderen Ländern (und in anderen Trauerfällen) zum Vorbild werden. 

Die Einführung dieses neuen Gestzes ist eine von mehreren Entwicklungen, die sich parallel zum Erscheinen meines Buches "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" ergeben haben und die in einer eventuellen Neuauflage dieses Buches - irgendwann! - ebenfalls Erwähnung finden müssen. Die neuen Regeln in England werden für berufstätige Eltern gelten, die um ein Kind trauern (und auch in England gilt: Ab 18 Jahren ist ein Mensch erwachsen, also dann offiziell kein "Kind" mehr, sprich das Gesetz gilt für Eltern von Unter-18-Jährigen). Dabei ist unerheblich, ob es sich um ein leibliches Kind handelt oder um ein Pflege- oder Adoptivkind. Und im Falle einer Sternenkind- bzw. einer stille Geburt gilt: ab der 24. Schwangerschaftswoche haben die Eltern Anspruch auf diese Regeln. 


(Foto: Pixabay.de, Creative-Common-0-Lizenz)

In mehreren Artikeln über dieses Thema, unter anderem von der Wochenzeitung "Die Zeit", lässt sich das folgende Zitat der britischen Wirtschaftsministerin Andrea Leadsom dazu finden: "Es kann kaum schlimmere Erfahrungen im Leben geben als den Verlust eines Kindes, und ich bin stolz darauf, dass diese Regierung das Jack's Law verabschiedet". Das ist übrigens noch eine Sache, die dieses Gesetz zu etwas ganz Besonderem machen: Es trägt - ihm und seinen Eltern zu Ehren - den Namen eines gestorbenen Kindes. 


Jack ertrank im Teich - Papa musste zur Arbeit


Der kleine Jack war 23 Monate alt, als er durch ein tragisches Unglück im Garten seiner Eltern in einen Teich gefallen und durch Ertrinken gestorben war. Dies geschah bereits im Jahr 2010. Was Jacks Mutter - Lucy Herd - damals besonders aufgeregt: Dass ihr Mann, also Jacks Papa, nach der Tragödie nur drei arbeitsfreie Tage zustanden. Das muss sich ändern, schwor sich die frisch verwaiste Mama - und machte sich an die Arbeit. Jetzt, zehn Jahre später, wird diese von einem großen Erfolg gekrönt: Vom Jack's Law.

Tiefe Schnitte in Herz und Seele - Verlust eines Kindes (Symbolfoto: Thomas Achenbach)

Eltern dürfen den neuen Regeln zufolge selbst entscheiden, ob sie die zwei Wochen im Block nehmen wollen oder sie sie in zwei Einzelwochen aufteilen wollen, die sie je nach Bedarf verteilen können. Außerdem ist es unerheblich, wie lange die Eltern bei ihrem Arbeitgeber tätig sind - ob erst wenige Tage oder schon mehrere Jahre, wie die britische Regierung auf ihrer eigenen Website schreibt (gov.uk). Eine sehr wegweisende Entwicklung. Nun müsste es verstärkt darum gehen, dass dem Tabuthema "Tod eines Kindes" das Stigma genommen werden muss, so wird Clea Harmer, die Geschäftsführerin eines Wohltätigkeitsvereins für Eltern totgeborener Kinder, in einem Beitrag der BBC zitiert (den es jedoch nur auf Englisch gibt, ich habe mir die Freiheit genommen, die Passage selbst zu übersetzen). Denn auch in England gehört dieses Thema zu einem der am liebsten ignorierten oder, man verzeihe mir den in diesem Kontext makabren Begriff: totgeschwiegenen. Dabei gibt es den Angaben der britischen Regierung zufolge um die 7500 gestorbenen Kinder, darunter 3000 Stillgeborene, pro Jahr innerhalb der UK. 


Es tut sich viel in Sachen Trauer am Arbeitsplatz - weltweit


Weitere Praxisbeispiele, wie das Thema Trauer im Arbeitsleben derzeit in Deutschland und der ganzen Welt von Unternehmen und Institutionen gepflegt und bearbeitet wird, finden sich übrigens in meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise". Das Buch versteht sich als Leitfaden für Führungskräfte, Personalverantwortliche und für Betriebsräte. Die darin versammelten Beispiele zeigen, was sich in Deutschland in Sachen Trauer am Arbeitsplatz bzw. Unterstützung von pflegenden Mitarbeitern getan hat, beispielsweise aus Hamburg, dem Ruhrgebiet, Nordhorn, aber auch aus Süddeutschland. 


(Foto: Pixabay.de, Creative-Common-0-Lizenz)

Und doch hat sich, was diese Themen angeht, inzwischen schon wieder viel getan. Manche der aktuellen Entwicklungen habe ich in mein Buch gar nicht mehr mit aufnehmen können, ganz einfach aus dem Grund, weil sie noch nicht offiziell waren, als das Buch in Druck gegangen ist. In den zurückliegenden Wochen habe diese Entwicklungen in Form einer Mini-Serie einzeln vorgestellt - sowohl hier in diesem Blog als auch auf meinem Podcast, wo sich zum Beispiel ein aktuelles Interview über die erste deutsche Betriebsvereinbarung zum Thema Trauer und Verlust am Arbeitsplatz finden lässt (bei Interesse bitte hier klicken).

Die hier zitierten Artikel zum neuen Gesetz in den UK finden sich unter den folgenden Links:

- Beitrag aus "Zeit Online" vom 23. Januar 2020 - bitte hier klicken
- Beitrag der BBC News vom 23. Januar 2020 - bitte hier klicken
- Beitrag der britischen Regierung vom 23. Januar 2020 - bitte hier klicken 

Alle Folgen der Artikelserie zum Thema "Trauer am Arbeitsplatz":


Folge 1: In fünf bis zehn Jahren braucht jedes Unternehmen ein tragfähiges Konzept
Folge 2: England macht es vor: Das Jack's Law hilft Eltern beim Verlust eines Kindes
Folge 3: Damit ganz Europa sprachfähig wird in Sachen Trauer - eine neue Initiative
Folge 4: Warum "Trauer am Arbeitsplatz" jetzt Thema im Schulunterricht wird
Folge 5: Die deutschlandweit erste Trauer-Betriebsvereinbarung - so funktioniert sie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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