Mittwoch, 27. Dezember 2017

Kaum Verbesserungen für die Mütter von Sternenkindern - wo das neue Mutterschutzgesetz (seit dem 1. 1. 2018 gültig) noch Lücken aufweist - Anerkennung für die Trauer und Hilfe für Mütter in einer schwierigen Situation

Osnabrück - Am 1. 1. 2018 ist ein neues Mutterschutzgesetz in Kraft getreten. Und obwohl es in dieser neuen Fassung - die in Teilen bereits im Mai 2017 gültig geworden ist - durchaus Verbesserungen für den Kündigungsschutz gibt, haben die Mütter von Sternenkinder noch immer nicht das bekommen, was sie sich erhofft haben: Wer ein totes Kind auf die Welt bringen muss, hat nach wie vor keinen Anspruch auf Mutterschutz. Darin sehen viele Aktive wie z. B. die "Initiative Regenbogen" eine Ungerechtigkeit.

"Vollkommen unverständlich" - "Man kann doch nicht so tun, als wenn nichts passiert wäre" - So lauteten Kommentare, die Facebook-Nutzerinnen unter einen entsprechenden Artikel der Neuen OZ stellte (Siehe hier: "Kein Mutterschutz bei Sternenkindern"). Denn bereits im Dezember hatte ich dort einen Artikel über dieses Thema veröffentlicht - passend zum dann stattfindenden "World Wide Candlelighting", dem Gedenktag für gestorbene Kinder. Der Text hatte vielerlei Reaktionen hervorgerufen. "Gleich wieder arbeiten müssen, das ist wirklich hart", schrieb beispielsweise ein Twitter-User als Kommentar. Er war nicht der Einzige.



Wer sein Kind verloren hat, möchte gerne angemessen trauern dürfen.    (Pixabay.de-Symbolfoto/CC-0-Lizenz)

Denn auch viele andere, vor allem die sich als Mütter von Sternenkinder zeigenden Kommentiererinnen, waren der Meinung, dass das Gesetz an dieser Stelle eine eklatante Schwachstelle aufweist. Denn wer sich statt des Mutterschutzes - und psychologisch gesehen sicher vollkommen berechtigt - krankschreiben lässt, der läuft Gefahr, bei seinem Arbeitgeber und auch sonst merkwürdig angesehen zu werden. Sich krankschreiben lassen ob einer seelischen Verletzung - und nichts anderes ist ein solcher harter Einschnitt des Lebens -, das hat in Deutschland 2018 immer noch ein "Geschmäckle". Ein weiterer Aspekt, der mich in meiner Recherche zu dem Thema beschäftigt hat, war die Frage nach der Nachsorge der Mütter. 


Rückbildungskurse & Spezial-Hebammen für Sternenkindmamas?


Thema Rückbildungskurse - gibt es welche, die speziell für Sternenkindmütter funktionieren? Müsste es doch eigentlich geben, oder? Denn wer ein Kind zur Welt gebracht hat, egal, ob lebend oder leider gestorben, der sollte natürlich die üblichen Maßnahmen ergreifen können, um seinen Körper wieder in einen guten Zustand bringen zu können. Allerdings dürfte ein normaler Rückbildungskurs voller frischer Mamis mit lebenden Kindern daheim und all den Themen, die dann eine Rolle spielen, für Sternenkind-Mamas eine zusätzliche - seelische - Qual darstellen. Wie Melanie Trimborn von der Initiative Regenbogen mir sagte, gibt es zwar entsprechende Kurse, aber "leider nur sehr vereinzelt". Und sie bekräftigte meine Vermutung: "In der Phase der tiefen Trauer um das eigene Baby ist es allerdings so, dass viele Frauen sich gar nicht vorstellen können, in einen Rückbildungskurs mit lauter glücklichen Müttern oder gar mit Müttern mit Babys zu gehen."



Die Eltern hatten es gefordert, der Bundestag hatte abgelehnt


Tatsächlich hatte es übrigens bereits 2014 einen Versuch zu geben, durch eine Online-Petition den Mutterschutz auch für Sternenkindmamas durchzusetzen. Diese Petition war dann immerhin auch im Petitionsausschuss des deutschen Bundestags beraten worden. "Leider war die Petition nicht erfolgreich", sagt dazu Anika Müller von der Initiative Regenbogen, "interessant ist aber trotzdem der Beschluss des Petitionsausschusses dazu, der einige wichtige Aspekte beleuchtet, z. B. die Voraussetzung für die Mutterschutzfristen; in dem Zusammenhang hat der Begriff ,Entbindung' eine zentrale Bedeutung." Ob es ggf. noch einmal zu einer weiteren Petition kommen wird, schließt Anika Müller aber nicht aus: "Die Initaitive Regenbogen sammelt Berichte zum Thema Mutterschutz, um die Ungerechtigkeiten aufzeigen zu können", sagt sie. "Ob wir daraus eine Petition machen, wissen wir noch nicht. Die juristische Fragestellung ist nach meiner Meinung nicht so einfach zu beantworten, man müsste sich dafür nochmal genau die Hintergründe des Mutterschutzgesetzes ansehen."

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Dienstag, 5. Dezember 2017

Komm, wir podcasten und reden einfach über den Tod - so funktioniert das neue Podcast-Projekt "Endlich" - und wer dahintersteckt und warum eigentlich

Berlin/Osnabrück - Trauer wird jetzt auch hörbar. Das Trauerradio ist bereits gestartet, dazu bald mehr hier. Und den "Endlich"-Podcast gibt es jetzt monatlich - dahinter stecken Susann Brückner und Caroline Kraft, die ab jetzt immer monatlich eine Sendung online stellen. Darin geht es immer eine knappe Stunde über den Tod und alles ihm Verwandte, Trauer, Sterben, you name it. In der zweiten Hälfte der Sendung immer mit einem Gast. Ihr Credo: Es hilft viel über das Thema zu sprechen und das muss mehr getan werden, auch in der Öffentlichkeit. Aber wie funktioniert das Ganze? Und wie wird es weitergehen, was ist alles noch geplant? Wo gibt es den Podcast? Und wer sind die Macherinnen eigentlich? Fragen über Fragen... 

Am besten stellen wir sie einem Menschen, der sie am besten beantworten können: Carolin von Endlich. In einem E-Mail-Interview habe ich all die Fragen loswerden können, die mich beschäftigt haben. Und ich habe viele spannende Antworten und wertvolle Zeilen von ihr zurückerhalten, die ich sehr gerne hier teilen möchte. 


Was noch vor wenigen Jahren nur per Cassette möglich war, ist heute durch Internet und I-Pods zum einfach verfügbaren Medium geworden: Eigene Sendungen verbreiten. So wie es "die Endlichs" tun...  (Thomas-Achenbach-Foto)

Caro, Ihr sagt, dass ebenfalls die ermutigende Erfahrung gemacht habt, dass das Reden über Trauer und Tod und Sterben etwas durchaus Gutes sein kann - wobei auch Euer Weg mit Schicksalsschlägen begonnen hat. Mögt Ihr ein wenig darüber erzählen? 

Caroline: Wir haben beide Menschen durch Suizid verloren. Susann hat diese Erfahrung gleich zweimal gemacht, und zwar im Abstand von fast 20 Jahren, einmal mit 19 und dann nochmal vor anderthalb Jahren. Bei mir ist es knapp drei Jahre her - wir arbeiteten zu der Zeit in derselben Firma und Susann war eine der ersten Personen, die sich bei mir meldeten. Ich weiß noch genau, was in der Email stand: „Ich habe ähnliche Erfahrungen mit dem Thema gemacht wie Du. Wenn Du mit jemandem darüber reden möchtest, die dich nicht betroffen anschaut, sag mir Bescheid.“ Ich fand das so toll: offen und mutig und ganz anders als bei vielen Leuten, die einfach total überfordert waren von der Situation. Wir haben dann angefangen, genau das zu tun: uns abends zum Bier zu treffen und über unsere Erfahrungen zu sprechen. Für mich war das wahnsinnig wichtig. Und wir haben gemerkt, dass das Thema Tod und Trauer fast unerschöpflich ist - und spannend, nicht nur auf einer persönlichen Ebene. Wir glauben, dass es einen anderen gesellschaftlichen Umgang damit braucht und würden uns mehr Unerschrockenheit und mehr Neugier wünschen. Aber das ist eben nur möglich, wenn man sich selbst schon mal mit dem Thema beschäftigt hat.

Nun also ein Podcast über Tod, Trauer und Sterben. Und immer mit Gästen. Wieso habt Ihr Euch für das Format Podcast entschieden? Kommt Ihr aus der Radiobranche?

Caroline: Nein, aber wir kommen aus der Kultur- und Medienbranche. Wir haben uns in einem Verlag kennengelernt. Susann arbeitet dort immer noch, ich habe mich mittlerweile selbständig gemacht. Susann ist ein riesiger Podcast-Fan und wollte das gerne immer mal selbst ausprobieren. Ich komme eher aus der schreibenden Richtung. Der Gedanke war aber naheliegend, irgendwann dachten wir abends beim Bier: Eigentlich müsste man nur ein Mikro neben uns aufstellen, dann hätten wir fast schon einen Podcast. Wir wollen aber vor allem auch mit anderen darüber sprechen, und finden es wahnsinnig spannend, Gäste einzuladen und ihre Meinung zu dem Thema zu hören.

Wie kommt Ihr denn an Eure Gäste ran? Und habt Ihr keine Angst, dass Euch nach zwei Jahren Gäste und Ideen ausgehen könnten?

Caroline: Im Moment vor allem durch ein großes Netzwerk aus Freunden, Kollegen und Menschen, mit denen wir auf die ein oder andere Art mal zusammengearbeitet haben. Da hilft uns unser Job natürlich auch. Außerdem mache ich gerade eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin, wo mir viele interessante Menschen aus dem Umfeld der Hospizbewegung begegnen. Seit wir von dem Podcast erzählen, melden sich auch viele Leute bei uns. Da kommt so eine tolle Bandbreite zustande: Menschen, die selbst mit dem Thema konfrontiert waren, wie z.B. die Autorin und Radiomoderatorin Lea Streisand, die wir als ersten Gast eingeladen haben. Lea ist mit 30 an Krebs erkrankt und dem Tod sehr nahe gekommen. Oder Gäste, die irgendwie professionell mit dem Tod arbeiten - von der Bestatterin bis zum Ethnologen, der über den Umgang mit dem Tod in anderen Kulturen forscht. Kurz gesagt: Nein, wir haben im Gegenteil das Gefühl, wir könnten jede Woche eine Sendung machen, ohne dass es langweilig würde. 

Was wäre Eure Wunschvorstellung, was Euren Podcast angeht?

Caroline: Wir würden uns wünschen, dass wir einigen Leuten einen Anstoß geben, mal über den Tod nachzudenken. Wir haben ja gerade unsere erste Sendung veröffentlicht, und wir kriegen viele Rückmeldungen von Hörern, die sagen, dass das, worüber wir sprechen, sie berührt und zum Nachdenken anregt. Das ist genau das, was wir mit dem Podcast erreichen wollen: Wir wollen zeigen, dass die Beschäftigung mit dem Tod gut und spannend sein kann und nicht zwangsläufig schwer oder traurig sein muss. Außerdem geht es uns in erster Linie nicht darum, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Wir verstehen unseren Podcast als eine Art Spurensuche zu einem Thema, zu dem jeder seine eigenen Antworten finden muss.

Wieso eigentlich endlich.cc ? Wie kommt es zu diesem cc - und wie macht man das, sich so eine Internetadresse anlegen zu können? Ich hatte ja beinahe erst vermutet, ihr würdet in Tschechien leben... Aber ihr lebt in Berlin, oder?


"Endlich" ist endlich online: Susann Brückner (links) und Caroline Kraft freuen sich über ihr Podcastprojekt.   (John-Facenfield-Foto, mit freundlicher Genehmigung)

Caroline: Unser Name - endlich - ist eigentlich ein Wortspiel. Endlich: Wie das Leben. Endlich. Aber auch: Wir sollten endlich mehr über den Tod reden. Und natürlich auch: Endlich gibt es unseren Podcast! :-) Unsere Domain-Endung .cc ist aus relativ praktischen Überlegungen entstanden - wir wollten eine kurze Adresse mit unserem Haupttitel, und endlich.de oder endlich.com waren bereits vergeben. Es gibt mittlerweile sehr viele unterschiedliche Endungen, die man ganz normal bei den üblichen Anbietern von Domains kaufen kann - .cc ist uns schon häufiger begegnet, weil es mittlerweile einige Startups gibt, die Ihre Website so enden lassen. Und es gefällt uns gut, weil es so schlicht und knackig ist. Und, ja, wir leben in Berlin. 

Wird das Angebot kostenlos sein oder wollt ihr es irgendwann, wie man heute im Wirtschaftsdeutsch so hübsch sagt, "monetarisieren"?

Caroline: Das Angebot ist kostenlos und das ist uns wichtig. Wir wollen die Schwelle zur Beschäftigung mit unserem Thema ja so klein wie möglich halten und auch denjenigen die Möglichkeit geben, die einfach nur mal neugierig sind und nicht so richtig wissen, ob der Tod das richtige Gesprächsthema für sie ist. Wir haben außerdem beide „richtige“ Jobs und machen "Endlich" als Hobby. Das ist toll, weil es uns eine riesige Freiheit gibt - diese Freiheit wollen wir auch unbedingt beibehalten.

Ja, das kann ich nachvollziehen... So geht es mir auf diesem Blog hier auch. Okay, nochmal eine technische Anleitung für Dummies: Wie kann ich einen Podcast anhören, selbst wenn ich heute zum ersten Mal davon lese, dass es sowas gibt?

Caroline: Du gehst auf unsere Seite, www.endlich.cc. Dort kannst Du den Podcast online anhören oder für später runterladen. Außerdem ist er bei iTunes und den gängigen Podcast-Plattformen verfügbar - dort kann man endlich. auch abonnieren. Dann werden Dir automatisch neue Folgen angezeigt und Du kannst sie jederzeit hören - online oder offline... 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Und NEU auf diesem Blog: Mehr als Spendenübergaben - Praxis.Tipps für eine gelingende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen

Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)

Was kann ich Eltern sagen, die ein Sternenkind zur Welt bringen mussten? - Tipps zum Umgang mit Eltern nach der Geburt eines toten Kindes ("stille Geburt") - Und: Warum trauernde Eltern sich oft nicht zu trauern trauern

Osnabrück - Es ist eine sehr berührende Aktion, aber sie macht auch eindrucksvoll deutlich, was Menschen in Trauerkrisen so durchmachen müssen: Mitten im Dezember leuchtet ein Licht für all die Kinder, die zu früh von dieser Welt gehen mussten bzw. als totes Baby, also als Sternenkind, auf die Welt kamen. Für alle Eltern, die ein Kind auf diese Weise verlieren mussten, gibt es immer am 2. Sonntag im Dezember das "World Wide Candle Lighting". Leider ist der Verlust eines Babys vor oder während der Geburt immer noch eine der größten Formen von nicht anerkannter Trauer - "Du kannst ja noch so viele Kinder haben", bekommen die Eltern oft zu hören. Das ist ein Schlag in die Magengrube. Dass die eigene Trauer nicht gesehen oder nicht wahrgenommen wird, tut besonders weh. Aber was ist hilfreich? Was kann man Eltern sagen, die ein Sternenkind auf die Welt bringen mussten?

Wie die dpa (Deutsche Presse-Agentur) im Februar 2016 schrieb, gibt es Schätzungen zufolge bundesweit jährlich zwischen 100 000 und 200 000 Fehlgeburten. Aber noch viel wichtiger „Anders als bei Totgeburten – das sind Föten über 500 Gramm – besteht keine Meldepflicht. Die Anzahl der Kinder, die mit weniger als 500 Gramm lebend zur Welt kommen und dann sterben, ist nicht bekannt“, so schrieb es die dpa weiter. Tatsächlich gibt es eine große Dunkelziffer, weil sich Eltern von Sternenkindern auch selten in die Öffentlichkeit trauen. Was schade ist, denn ihr Leid ist oft groß. Was also kann helfen im Umgang mit Eltern, die ein Kind noch im Mutterbauch verlieren müssen? Oder während der Geburt - oder kurz danach? Denn all diese Dinge kommen vor... 


Das Schlimmste, was werdenden Eltern geschehen kann.... (Thomas-Achenbach-Foto)

Wichtig ist vor allem, sich zu verinnerlichen: Jedes gestorbene Kind, egal in welcher Phase, ist eine emotionale Katastrophe für die Eltern. Es ist dabei ganz egal, ob das Kind erst ein Embryo von acht Wochen war oder ein drei Jahre altes Kindergartenkind. Das Kind hatte einen Namen, soviel ist sicher. Es hatte ein Kinderzimmer, in dem es wohnen sollte (oder, später, gewohnt hat). Und so ist das Wichtigste im Umgang mit Eltern, die ein Kind verlieren mussten, ihnen das zu spiegeln: Dass es sich dabei immer um den Verlust von etwas Unersetzlichem handelt. Dass ihr Schmerz so tief sein darf, wie er sich anfühlt. Dass das dazugehört. Dass sie sich aber völlig zu Recht als Eltern fühlen dürfen, als Eltern eines Kindes, auch, wenn dieses leider nicht lange leben durfte. Was ebenfalls gut tun könnte: 


Jedes Kind hat einen Namen - also nennen wir ihn


Das Kind, wenn bekannt, bei seinem Namen nennen. Es ist eben nicht einfach nur "das Baby", sondern es war ein kleiner Mensch mit einem eigenen Namen. Bestimmt auch schon mit einem Zimmer, in dem er hätte wohnen sollen. Wem es gelingt, das Kind beim Namen zu nennen, der tut den Eltern von Sternenkinder vermutlich einen großen Gefallen. Denn darin schwingt die Anerkennung mit, dass eben ein "vollwertiger Mensch" leider viel zu früh wieder gehen musste. Und ansonsten gilt im Umgang mit trauernden Eltern genau das, was allgemein im Umgang mit Menschen in Trauer gilt... Nämlich: 


Wiederholungen aushalten - und die Stille auch


Keine Angst vor der Stille haben. Auch gemeinsames Schweigen kann hilfreich sein. Es ist wichtiger, bei den Trauernden zu sein, als vor der Stille zu flüchten oder sie mit allzu vielen Worten auszukleiden zu versuchen. Wenn etwas gesagt wird, kann es durchaus sein, dass es sich dabei oft um das Gleiche handelt. Vielleicht sogar wieder und wieder und wieder. Das ist normal und gehört dazu. Wiederholungen auszuhalten ist wichtig im Umgang mit Menschen in einer Verlustkrise. Denn das ist kein Zeichen von Stillstand, sondern im Gegenteil ein wichtiger Bestandteil des Prozesses. Denn es hilft den Menschen dabei, sich einem Begreifen anzunähern - einem Begreifen von etwas eigentlich ganz Unbegreifbarem. Und ein ganz wichtiger Tipp: 


So wird es am Sonntag. 8. 12. 2019, wieder in meinem Bürofenster aussehen: Eine Kerze leuchtet als Bestandteil des weltweiten Lichtbands am "World Wide Candle Lighting" - aus Solidarität mit allen, die betroffen sind.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Es ist hilfreich Trauernden möglichst nicht die eigenen Erfahrungen mit Tod und Trauer mitteilen zu wollen oder gut gemeinte Tipps geben zu wollen, mag die Versuchung auch sehr, sehr groß sein (das ist sie durchaus, selbst mir geht das manchmal noch so, das ist ja nur menschlich!). Vorsicht gilt vor allem vor allen Killerphrasen: Die Zeit heilt alle Wunden. Oder: Da wirst Du schon noch drüber wegkommen. So gut gemeint all das auch ist, es hat doch den gegenteiligen Effekt: Es versucht die Gefühle abzuschwächen, die Trauer milder zu machen als sie ist. Aber Trauer darf wild sein und einen durchschütteln, sie darf einen zu Boden drücken und einen so wütend machen wie kaum etwas anderes. Das gehört alles dazu. Das ist okay so. Wenn Sie gar nichts zu sagen wissen, sprechen Sie das einfach an - "mich macht das so sprachlos" ist allemal besser als "Du kannst ja noch andere Kinder haben". Und als kleines Zeichen: Zünden Sie am Tag des "World Wide Candlelightings" eine Kerze an für die verstorbenen Kinder, stellen Sie sie in ihr Fenster (und schicken vielleicht den Eltern davon ein Handyfoto). Als kleines Zeichen des Mit-Gedenkens und Mit-Trauerns und des Mit-Gehens auf einem der schwierigsten Wege, die das Leben bieten kann


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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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