Posts mit dem Label Sterben. Palliativmedizin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sterben. Palliativmedizin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 23. Januar 2020

Warum das Sterben bzw. der Tod in Deutschland seit Januar 2020 deutlich teurer geworden ist - und warum auf alle Erben und Angehörigen höhere Kosten zukommen - Was Ärzte seit Januar 2020 für die "Leichenschau" berechnen dürfen und warum es darum Streit gibt

Osnabrück/Königswinter - Das Sterben ist in Deutschland im Jahre 2020 teurer geworden. Hintergrund sind gestiegene Preise für eine ganz wichtige Leistung, ohne die in Deutschland kein Mensch beerdigt werden kann: Das Ausstellen eines Totenscheins. Oder genauer gesagt: Die diesem Akt vorausgehende so genannte "Leichenschau", also das Feststellen des Todes. Dies muss durch einen Arzt geschehen, oft ja durch den Hausarzt. Was aber kaum jemand weiß: Diese Leistung bezahlen immer die Erben, also die Angehörigen. Nicht etwa die Krankenkassen. Genau daran entzündet sich jetzt erneute Kritik, seit die Preise für die Leichenschau im Januar 2020 nochmal deutlich gestiegen sind - was die Ärzte wiederum überaus begrüßenswert finden...

Manchmal sind es nur einzelne Begriffe, die allerlei falsche Assoziationen wecken. Du hörst ein Wort und hast sofort bestimmte Bilder im Kopf. So geht es mir jedenfalls beim Begriff der "Leichenschau". Für mich klingt das nach Krimi, Polizei, Fernsehkommissaren, Tatort, Rechtsmedizin, CSI und so weiter. Doch die nackte Tatsache ist: Jeder Mensch, wirklich jeder, wird zumindest einmal in seinem Leben mit einer Leichenschau zu tun haben. Spätestens dann, wenn er gestorben ist. Denn sobald ein Arzt ausrückt, um den Tod festzustellen und den Totenschein auszustellen - ohne den in Deutschland gar nichts geht -, wird diese ärzliche Untersuchung eben als "Leichenschau" bezeichnet (mal am Rande erwähnt: eine Obduktion gehört zu dem, was in Deutschland als "innere Leichenschau" bezeichnet wird - und bevor ein Mensch kremiert, also verbrannt, wird, ist immer auch eine zweite Leichenschau nötig).


Ist da noch Wärme oder ein Pulsschlag? (Fotos: Thomas Achenbach)


Nun ist die Leichenschau also teurer geworden. Dazu ist Folgendes wichtig zu wissen: Obwohl es jeweils ein Arzt ist, oft ja der Hausarzt, der diese Leistung erbringt, wird diese ärztliche Leistung eben nicht von den Krankenkassen bezahlt. Mit der Argumentation: Wer tot ist, der ist eben nicht mehr krank, da sind wir als Krankenkasse nicht mehr zuständig. Wer bezahlt es also? Die Angehörigen selbst, denen der Arzt dafür eine Rechnung ausstellt, die sie zu bezahlen haben. Das war vielen Ärzten lange ein Dorn im Auge, weil die Gebührenordnung für Ärzte schon lange nicht mehr aktualisiert worden ist und weil so eine Leichenschau für Ärzte sowohl zeitlich als auch vom Aufwand her als recht intensiv gilt. Die bisherigen Preise hätten die tatsächlichen Leistungen nicht finanzieren können, lautete eine lange Kritik der Ärzte. Deswegen hat das Bundesgesundheitsministerium in Sachen Leichenschau eine Aktualisierung angestoßen - seit Januar 2020 gelten dafür neue Tarife. Und die Verbraucherschutzinitiative Aeternitas, die sich um viele Bestattungsfragen kümmert und die in Fach- und in Journalistenkreisen ein hohes Ansehen genießt, nimmt das zum Anlass für zweierlei Kritik.


Es gibt Kritik an der Neuregelung 


Der größte Kritikpunkt von Aeternitas ist, dass die Rechnungen der Ärzte auch weiterhin unübersichtlich bleiben und sich aus vielen verschiedenen Ziffern, Paragraphen und Zuschlägen zusammensetzten. Schon 2017 hatte Aeternitas im Gespräch mit der "Stiftung Warentest" beklagt, dass der Initiative mehrere Beschwerden über zu hohe oder unklare Rechnungen vorlägen und dass die Rechnungen allgemein unübersichtlich wären. Dies habe sich auch jetzt durch die Reform der Gebührenordnung nicht verbessert, beklagt Aeternitas jetzt erneut in einer aktuellen Pressemitteilung. Außerdem schlägt die Verbraucherinitative vor, dass die Krankenkassen diese Leistungen übernehmen sollten. "Zum einen wären die Angehörigen von diesen Kosten entlastet, zum anderen erscheint es angemessen, dass hier ein letztes Mal die Solidargemeinschaft der Versicherten für den Einzelnen aufkäme", heißt es in einer Mitteilung der Initiative. Aber wieviel kostet es denn nun, für seine gestorbenen Angehörigen einen Totenschein ausstellen zu lassen? 




Nun ja - von... bis. Wie Aeternitas weiter schreibt, ergibt sich seit Jahresbeginn 2020 aus den Neuordnungen für die Gebührenordnung für Ärzte, abgekürzt GOÄ, ein neuer Kostenrahmen zwischen 103 Euro und 265 Euro – abhängig ist das jeweils von Dauer und Umfang der Leistung, von den Todesumständen, von Uhrzeit und Wochentag sowie von der Entfernung der Arztpraxis (alternativ des Wohnorts des Arztes) zum Ort der Leichenschau. Bisher durfte die Leichenschau maximal (und das nur für besondere Fälle) bis zu 76,56 Euro kosten, korrekt abgerechnet hätten sich meist Beträge zwischen 20 und 60 Euro ergeben, heißt es in dem Schreiben weiter.


Viele Angehörigen zahlen, ohne die Rechnung zu verstehen


Die Reform der GOÄ habe die Bundesregierung damit begründet, dass die bislang vorgesehenen Beträge für den notwendigen zeitlichen Aufwand einer hochqualifizierten Berufsgruppe nicht mehr angemessen waren, sagt Aeternitas. In der Praxis führe dies in zahllosen Fällen dazu, dass Ärzte falsch abrechneten und überhöhte Rechnungen für Leichenschauen schrieben. Die meisten Angehörigen zahlten aufgrund fehlender Informationen anstandslos und stellten die Rechnungen nur infrage, wenn Sie ihnen außerordentlich hoch erschienen.


Zwar begrüße Aeternitas grundsätzlich eine Reform der GOÄ. Tatsächlich erschienen die bisherigen Gebührensätze nicht mehr angemessen. Doch hatte Aeternitas gehofft, dass die Rechnungen jetzt übersichtlicher werden könnten - und zeigt sich davon enttäuscht, dass das nicht der Fall ist. „Die Angehörigen werden wie bislang kaum in der Lage sein, die Korrektheit einer Rechnung einschätzen zu können“, wird der Aeternitas-Rechtsreferent, Rechtsanwalt Torsten Schmitt, in der Mitteilung weiter zitiert. Er gehe davon aus, dass auch in Zukunft viele Abrechnungen nicht korrekt, sondern zu hoch sein werden: „Die Chance für eine transparente Regelung der Leichenschaugebühren wurde leider vertan“. 


Neu dazugekommen ist die "vorläufige Leichenschau"


Nicht im Sinne der Verbraucher ist Aeternitas zufolge ebenso, dass anders als bisher auch eine vorläufige Leichenschau (zum Beispiel durch den Rettungsdienst) abgerechnet werden kann. Da die eingehende Leichenschau anschließend dennoch verpflichtend ist, kommen für die Angehörigen unter Umständen Beträge von mehr als 400 Euro zusammen. Wenn die Krankenkassen die Leichenschaugebühren übernähmen, würden Einzelne nicht mehr mit besonders hohen Zahlungen aufgrund von nicht zu beeinflussenden Zufälligkeiten, wie Sterbeort- und -zeit, Auffindesituation oder Anfahrtsweg des Arztes, belastet. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil wäre, dass bei den zuständigen Krankenkassen genug Fachwissen vorhanden wäre, um falsche oder überzogene Rechnungen schneller zu erkennen, heißt es in der Mitteilung weiter.


-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

-------------------------------------------------------------------------------------------

Freitag, 17. Mai 2019

Warum die Mutter von Rolf Zuckowski auf dem Sterbebett eines der Lieder ihres Sohnes zitierte und was das mit dem Musiker gemacht hat - Eindrücke vom Auftritt des Kindermusikers auf der Bremer Messe "Leben und Tod": Angekommen im Leben jenseits der Weihnachtsbäckerei

"Wir sind gemeinsam unterwegs..." - mit diesem Lied eröffnete der Musiker Rolf Zuckowski (72) seinen Auftritt auf der "Leben und Tod" in Bremen im Mai 2019  (alle Fotos: Thomas Achenbach).

Bremen - "Mit jedem Abschied wird man irgendwie neu geboren" - so sagte es der beliebte Kinderliedermacher Rolf Zuckowski im Mai 2019 auf der Messe "Leben und Tod" in Bremen bei einer Podiumsdiskussion, und fügte hinzu: "Das habe ich gelernt". So wie er auch dieses inzwischen gelernt hat: "Es gibt ein Leben jenseits der Weihnachtsbäckerei". Und in diesem Leben musste sich der bekannte Musiker auch mit dem Tod auseinandersetzen, sogar mehrfach und schon recht früh. Auf der Bühne in Bremen berichtete der 72-Jährige gleichsam intensiv wie sensibel von seinen eigenen Trauerprozessen. Die mit dem Suizid des Vaters begannen.

Sein Vater hatte es immer recht schwer, wenn er zuhause war, erinnert sich der Kindermusiker - oder besser gesagt: Wenn er an Land war. Denn der gestandene Seemann fühlte sich auf Schiffen und auf dem Meer zuhause, aber mit festem Boden unter den Füßen wollte ihm das Leben nicht so recht gelingen. Viel Alkohol, viel Flucht, und irgendwann wollte er einfach nicht mehr - seinen Suizid verkündete er mit einer entsprechenden Aussage. "Er hat sich 1981 von uns verabschiedet", erzählte der Musiker. Für den etwa 30 Jahre alten Rolf Zuckowski, der da gerade als Musiker in Hamburg durchstartete, war das der Anlass, sich an Kinderliedern zu versuchen - er wollte den Kindern Mut machen. "Das hat auch damit zu tun, dass es meinem Vater anders ging", sagte er auf der Messe.



Als dann 2004 seine Mutter bereits im nahenden Sterben lag, sagte sie: "Ich möchte ja doch zu ihm rüber", berichtete der Sänger bei der Podiumsdiskussion. Und später zitierte die Mutter auf dem Sterbebett eines der Kinderlieder ihres Sohnes - in Anlehnung an seinen Song "Kinder werden groß, man hat sie lieb und lässt sie los" sagte sie zu ihm: "Weißt Du, Rolf, auch Eltern werden groß - man hat sie lieb und lässt sie los", erinnert sich der Sänger. "Trauer...", sagte er dann: "Da ist immer wieder das Gefühl, da bleibt etwas". 



Zuckowski erinnert sich noch daran, wie er auf dem Balkon des Altenheims stand, gleich an dem Vormittag, nachdem seine Mutter in der Nacht gestorben war - und wie er von dort vom Hamburger Flughafen die erste Morgenmaschine starten sah. "Ich habe gedacht: Ja, so isses", erzählt der 72-Jährige. Nun seien beide Eltern drüben und er noch hier. Als Folge dieses Erlebnisses entstand das Lied "Drüben", das sich ebenfalls auf seinem 2016 veröffentlichten Trost- und Traueralbum "Deine Sonne bleibt" finden lässt und das der Musiker in Bremen spielte ("Drüben ist Ruhe, drüben ist Frieden, drüben sind alle gleich / Drüben ist jeder irgendwann, drüben kommt jeder sicher an").


Medienrummel auf der Messe - Rolf Zuckowski ist da


"Nun werde ich auch für Dich hier leben", habe er dort auf dem Balkon noch gedacht, erinnert sich Rolf Zuckowski. Der Auftritt des Musikers sorgte übrigens für einen gewissen Medienrummel, der diesmal selbst für "Leben und Tod"-Verhältnisse ungewöhnlich hoch war: Fernsehteams von Sat.1, RTL und dem NDR, mehrere Zeitungsreporter und Fotografen wuselten durch das Forum, also den öffentlich zugänglichen Vortragsbereich in der Messehalle 6. Wobei es gar nicht so unpassend ist, wie man meinen könnte, einen Rolf Zuckowski als Podiumsgast auf einer Trauermesse anzutreffen - doch dass der Musiker hat eine CD mit eigenen Trost- bzw. Trauersongs veröffentlicht hat, ist nur den Wenigsten bekannt. Dieses Album - "Deine Sonne bleibt" - entstand auch in einer neuerlichen Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Mutter bzw. seiner Eltern. Der wahre Grund für die Anwesenheit des 72-Jährigen auf der Messe war jedoch ein anderer.



So ist Rolf Zuckowski einer der Beteiligten bei einer neuen Ausstellung mit Bildern und Musikbeiträgen zum Thema Trauer, die jetzt allen Einrichtungen, die sie gerne ausleihen möchten, zur Verfügung steht. Sie heißt wie ein bekanntes Lied von Rolf Zuckowski, das dieser auch gleich zu Beginn seines Auftritts spielte: "Gemeinsam unterwegs". Wobei die Ausstellung noch mit dem Untertitel versehen ist: "Eine Ausstellung über Leben und Endlichkeit". 



Hauptbestandteil dieser Schau sind jedoch die Bilder des Malers Anselm Prester - besser bekannt als "der Inselmaler Anselm", der auf der Nordseeinsel Langeoog ein Atelier unterhält und dort schon zahlreichen Kindern und Erwachsenen in Kursen das Malen nähergebracht hat. So auch der in Hanau arbeitenden Diakonin Kerstin Slowik, die dort einen Ambulanten Hospizdienst leitet - und die die Idee hatte, diese beiden für sie in ihrer eigenen Kindheit so prägenden Elemente für eine Wanderausstellung zu kombinieren: Die Musik von Rolf Zuckowski und die Bilder des Inselmalers Anselm. Der erzählte auf dem Podium dann auch von seinen Bestrebungen, die Senioren der Insel Langeoog auch zum Sterben dort lassen zu können - und sie nicht in die ungewohnte Ferne des Festlands entsenden zu müssen. Wo es Insulaner nicht immer so schön finden, wie Anselm Prester auf der Messe erzählte: "Beim Aussteigen habe ich noch so gedacht, Mensch, was habt Ihr Bremer hier eigentlich für eine Luft...!" - sagte er. 



Dem Sterben - das in seinen Bildern immer wieder auch ein Thema ist - kann der Inselmaler übrigens viele Aspekte abgewinnen, wie er berichtete: "Ich habe durchaus auch humorvolle Sterbeszenen erlebt", erinnerte er sich. 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

-------------------------------------------------------------------------------------------

Dienstag, 22. August 2017

Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was bei modernen Trauerfeiern alles möglich ist, möglich sein sollte und wie gut es Trauernden tun kann - Impulse für ein lebendiges Gedenken in der modernen Welt

Osnabrück - Darf man auf einer Trauerfeier auch tanzen? Ist es möglich, die Trauerrede auch als Audiodatei zugeschickt bekommen zu können? Auf der Messe "Leben und Tod 2017", die bereits im Mai in Bremen stattfand, gab es viele Impulse für eine moderne Trauerfeier, die dem zu bestattenden Menschen auch gerecht wird. Und auch hier zeigte sich, dass heutzutage viel mehr möglich ist als man so denkt....

Schon vor kurzem habe ich über die Vorträge der beiden modernen Bestatter Barabara Rolf aus Stuttgart oder David Roth aus Bergisch-Gladbach berichtet, die auf der Messe Leben und Tod 2017 ein glühendes Plädoyer für eine moderne und individuelle Bestattungs- und Trauerkultur gehalten haben über reichhaltige Erfahrungen verfügen. Am Schönsten waren diese beiden Vorträge immer dann, wenn beide Bestatter eine selbst erlebte Geschichte erzählten. Zum Beispiel diese hier:


Ein melancholischer Tango auf einer Trauerfeier - das wäre doch der perfekte Tanz mit all seiner Lebensnähe und gleichzeitigen Düsternis...  (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

In der Einladung zur Trauerfeier für seine verstorbene Frau hatte der Witwer geschrieben: "Es ist mir nicht wichtig, was ihr anhabt, aber wenn ihr einen Tipp wollt: Sie liebte Gelb." Also trugen nahezu alle Gäste, selbst die am schwärzesten angezogenen, irgendwo etwas Gelbes, ein Bändchen, eine Brosche, eine Mütze, irgendwas. Sichtbar und schön bunt und überhaupt nicht getragen. Denn geht es nicht bei der Trauerfeier genau darum - einen Übergang vom bunten Leben zu schaffen in etwas Unbekanntes, von dem wir gar nicht genau wissen, ob es nicht auch bunt sein könnte?


Bestatter müssen offen sein - und technisch versiert


Wie sehr die moderne Technik Einzug hält, wurde mir bei einem Gespräch mit der Theologin und Trauerrednerin Birgit Janetzky aus Heuweiler bei Freiburg klar (ebenfalls Expertin für digitalen Nachlass), mit der ich mich auf der Messe zum Kennenlernen verabredet hatte. Sie berichtete, dass es durchaus Anfragen gäbe, eine gehaltene Trauerrede aufzuzeichnen und als Audiodatei an die Angehörigen zu verschicken. Aber auch Janetzky räumte ein, was andere Zuhörer der Vorträge sagten: Dass es auf die Offenheit und Ausstattung der Bestatter ankommt und dass diese Branche derzeit noch eher konservativ unterwegs ist. Barbara Rolfs Credo dazu: "Die Kunden müssen die Bestattungsbranche ändern" - aber dazu müssten sie umfassend über ihre Rechte aufgeklärt sein (mehr dazu in meinen Blogbeitrag).


Jeder bringt ein Licht mit - für das riesige Bodenherz


Weitere Impulse aus den Vorträgen: Tanzen auf der Trauerfeier ist möglich (das hat mich übrigens als leidenschaftlicher Standard- und Lateintänzer besonders gefreut  - und auch wenn ich den argentinischen Tango trotz mehrfacher Versuche nach wie vor besonders schwierig finde, wäre das doch mit all seiner melancholischen Eleganz und gleichzeitigen Lebensnähe ein total passender Tanz für eine stilvolle Trauerfeier.... - Einschub Ende.) Oder das: Ein riesiges Lichterherz, auf dem Boden, und jeder Gast konnte, wenn er wollte, eine Kerze in einem Glas anzünden und dort mit hineinstellen. Was ein sehr schönes Bild gewesen sein muss, denn das Herz soll wirklich riesig gewesen sein, wie Barbara Rolf berichtete. Und noch in einem weiteren Vortrag auf der Messe habe ich ein zu alledem hervorragendes Zitat aufgeschnappt.

Möglichst bunt und lebensnah - so darf auch der Tod sein. Es muss nicht immer getragen und majestätisch zugehen.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-0-Lizenz) 

So sagte die Familienbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper: "Zu schreiben, bitte weint doch nicht an meinem Grab ist genauso schwachsinnig wie in einer Geburtstanzeige zu schreiben: Bitte freut Euch nicht, das kann halt mal passieren..." Kurzum: Auch auf einer guten Trauerfeier ist alles gestattet, was Leben ist. Bunte Farben, Tänze und Musik, Tränen und Gefühle, Abschied und Freude, Technik und Symbolik. Sogar Tango. Und warum auch nicht?


-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

-------------------------------------------------------------------------------------------

Dienstag, 15. August 2017

"Sterben" von Corey Taylor - ein Buchtipp für alle Menschen, nicht alleine für die tatsächlich Sterbenden (eine Besprechung und eine Auseinandersetzung)

Osnabrück - Darf einen ein Buch über etwas so Existenzielles wie das Sterben beglücken? Darf es entzücken? Wenn es so feingeschliffene Gedanken, so wertvolle Formulierungen und so scheinbar banale, aber wesentliche Erkenntnisse enthält wie dieses, darf es das. Jedoch ist "Sterben" von der australischen Autorin Corey Taylor im Wesentlichen eine Familiengeschichte - keine Reise durch Sterbeprozesse. Das muss wissen, wer sich drauf einlassen will. Lernen lässt sich aber dennoch eine Menge.

In nur wenigen Wochen verfasste die australische Schriftstellerin Cory Taylor 2015 dieses Buch, das - wie glücklich für sie - noch kurz vor ihrem Tod erschien. Ihr Krankheitsprozess ist beim Schreiben schon weit fortgeschritten, ihre Lebenswelt ist auf zwei Zimmer zusammengeschrumpft: Das Schlafzimmer mit dem Bett darin und das Wohnzimmer mit ihrem Computer. Mehr Wege schafft sie nicht. Dort sitzt sie und schreibt - erzählt aus ihrem Leben, verbindet kurze Anekdoten und Zusammenhänge. Aber immer wieder, meistens dann, wenn der Leser es gar nicht erwartet, begibt sie sich in kurzen Glücksmomenten auf eine philosophische Metaebene, reflektiert über den Prozess des Sterbens an sich und darüber, wie alles zusammenhängt. Dies geschieht in nur wenigen Zeilen mit wenigen Worten. Aber die haben es in sich. Und auch das Durchlesen der Familiengeschichten ist unbedingt lohnend - weil sich das bemerkenswerte Ende des Buches sonst nicht vollends verstehen lässt. Corey Taylor hat indes eine Form gefunden, ihr eigenes Ende zu beschreiben, die den Leser gerade wegen ihrer artifiziellen Distanzierung berührt und bewegt. 

Lesenswert - oder hörenswert: "Sterben" von Corey Taylor ist ein bemerkenswertes Buch bzw. Hörbuch.   (Thomas-Achenbach-Foto)

»Wenn wir selbst an unser Ende gelangen, können wir auf einen solch lebhaften Rückblick und eine solch klare Vorausschau nur hoffen.« Das sagte der britische Autor Julian Barnes über dieses Buch. Barnes, der selbst seine Frau verloren und der seinem eigenen Leidensprozess in dem auf diesem Blog bereits vorgestellten Werk "Lebensstufen" eine lesenswerte Dokumentation gewidmet hat. Corey Taylor ist weder gläubig noch christlich. Auch ihr Sterbeprozess hat daran nichts geändert, obwohl sie Fragen dieser Art durchaus innerlich diskutiert. Was ihre Gedanken so lesenswert macht, ist die unbedingt dankbare und anerkennende Art und Weise, wie sie ihr Leben reflektiert - und auch solche Fragen wie "Hätte ich ein anderes Leben führen können/sollen/müssen" dabei nicht außer Acht lässt. Aus dieser Art und Weise, sein Leben zu reflektieren, lässt sich viel lernen.


Auch das ist Sterben: Stöbern in der eigenen Biograhpie


Denn das Durchstöbern der eigenen Biographie am Ende des Lebens, das Suchen nach Spuren und Wegen, vor allem aber die Suche nach der eigenen Identität ist etwas, das uns Halt geben kann. Den Stift (oder den Laptop) nehmen und losschreiben, sich fragen, wo man eigentlich herkommt und was einen eigentlich ausmacht - das ist die Reise, auf die sich Corey Tayler begeben hat. Um am Ende zu erstaunlichen Erkenntnissen zu gelangen: "All unsere Erfahrungen existieren gleichzeitig, sind uns ins Fleisch eingebrannt", schreibt sie. So ist sie immer beides: Das kleine Mädchen und die sterbende Frau. Und daran ist nichts Neues, denn: "Wir sterben schon von dem Augenblick an, in dem wir geboren werden, soviel weiß ich jetzt". Immer mal wieder taucht Corey Taylor mit ihren Lesern in diese überraschende Tiefe ein, aber nur als kurze Stippvisite. Denn im Grunde ist "Sterben" ein Buch über eine nicht besonders heile und nicht besonders stabile Familie. Oder anders gesagt:


Schon beim Hören von "Sterben" von Corey Tayler habe ich gemerkt, dass ich ein paar der geäußerten Gedanken unterstreichen möchte. Weil mich das Hörbuch so fesselte, habe ich das gedruckte Buch noch dazugekauft.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Eine Geschichte über eine Herkunft. Gleichzeitig ist es der Versuch, der Ohnmacht ein kleines Schnippchen zu schlagen, wenigstens einen kleinen Teil an Kontrolle auch nach dem Sterben zu behalten: "Erzähle Deine Geschichte selbst, oder jemand anderes wird das tun". Das ist das Motto. Nun, es ist ihr gelungen. Übrigens gibt es "Sterben" auch als von der Schauspielerin Marlen Diekhoff eindrucksvoll gelesenes Hörbuch, das ich sehr empfehlen kann und das mir manche Autofahrt zur Arbeit und zurück zu einem Weg in etwas Tieferes hat werden lassen (weil mich das Hörbuch so fesselte, habe ich mir das gedruckte Buch ebenfalls noch nachgekauft). Denn die zum Zeitpunkt der Aufnahme immerhin auch schon 78 Jahre alte Marlen Diekhoff ist mit ihrer reifen und irgendwie nach Altersweisheit klingenden Stimme die perfekte Besetzung für diese Textzeilen. Noch eine Randbemerkung: Sich in seinem eigenen Sterbeprozess schreibend mit seinem eigenen Leben auseinanderzusetzen, kann etwas sehr Hilfreiches sein. Nicht umsonst gibt es derzeit mehrere Menschen, die dabei ihre Hilfe anbieten. Auch insofern setzt "Sterben" einen wertvollen Impuls.


-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

-------------------------------------------------------------------------------------------

Sonntag, 5. März 2017

Über das Tabuthema Suizid: In einer Radiosendung kommen "Angehörige um Suizid" aus der Region Osnabrück zu Wort - wird über das Thema in unserer Gesellschaft zu wenig gesprochen?

Osnabrück (eb) - "So wenig einen 'Mord' begeht, wer sich umbringt, so wenig 'frei' ist, wer in den Freitod geht", schrieb einmal Roger Willemsen. Auch in der Radiosendung "Tabuthema Suizid" des Deutschlandradios Kultur werden diese klugen Zeilen zitiert - und nicht nur das. Zu Wort kommen auch die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe aus dem Raum Osnabrück: Nämlich die "Angehörigen um Suizid" (Agus). Zudem birgt die Sendung durchaus Diskussionspotenzial: Es wird in unserer Gesellschaft nicht offen genug über Suizid gesprochen, lautet eine der Thesen.

Die Sendung ist bereits vor einigen Jahren ausgestrahlt worden und kann immer noch auf der Internetseite des Deutschlandradios als Manuskript nachgelesen werden oder kann ebendort per Mausklick auf Button "Beitrag hören" auch angehört werden. In dem Beitrag werden auch alle (falschen) Vorurteile und Mutmaßungen angesprochen, denen sich die Angehörigen eines Suizidanten oft ausgesetzt sehen und die sehr schmerzhaft sein können. Beispielsweise der Satz: "In der Familie muss doch etwas schief gelaufen sein..."


Wenn die Verzweiflung groß ist und sich das Gedankenkarussell um den eigenen Tod dreht, gibt es kostenlose und anonyme Hilfe beispielsweise bei der Telefonseelsorge, die auch E-Mail-Beratung anbietet.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-0-Lizenz)

Als Journalist und Redakteur habe ich verinnerlicht: Mediale Zurückhaltung beim Thema Suizid ist immer geboten, weil man davon ausgehen kann, dass es den 1974 erstmals so klassifizierten "Werther-Effekt" gibt. Soll heißen: So wie sich seinerzeit nach Erscheinen des Briefromans "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe die (zumeist männlichen) Leser in den Suizid stürzten - wie es die Romanfigur am Ende tut -, so ist davon auszugehen, ist sogar nachgewiesen, dass nach Medienberichten über einen Suizid selbiges geschieht. Konkret...: 


Fehlt es an einem "aufklärerischen Kurs"?


Je mehr darüber berichtet wird, umso mehr Nachahmer gibt es. So weit, so bekannt. Dass aber diese Zurückhaltung eine vielleicht nötige Debatte über das Thema erschwert, ist ein neuer Aspekt, der bedacht werden sollte. Die Empfehlung eines in der Sendung zu Wort kommenden Experten ist ein "analytisch aufklärerischen Kurs – nur so kann es einen angemessenen Umgang geben". Ganz unaufgeregt an das Thema heranzugehen, empfehlen in der Sendung auch betroffene Angehörige. Gerade sie wissen natürlich am besten: Wo soviele Emotionen im Raum sind, ist unaufgeregt nicht immer einfach.


Noch Jahre danach die Hoffnung: Ist nicht alles nur ein Irrtum?


Wie schmal dieser Grat indes ist, zeigte bereits 1981 die im ZDF gezeigte erwähnte fiktive Sendung "Tod eines Schülers" – der Anstieg an Selbsttötungen stieg nach Ausstrahlung messbar an. Der Radiobeitrag geht auch hierauf ein, ebenso wie auf die Gefühle der Hinterbliebenen, die oft noch Jahre nach dem Ereignis die Hoffnung in sich tragen, es könnte vielleicht doch ein Irrtum gewesen sein.


Suizidgedanken? Anonyme Hilfe gibt es auch per E-Mail


Wichtig: Wer tatsächlich an einen Suizid denkt und diese Gedanken nicht loswird, findet kostenlose und anonyme Hilfe z.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder als E-Mail-Beratung über die Internetseite www.telefonseelsorge.de.


-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

-------------------------------------------------------------------------------------------

Mittwoch, 7. September 2016

Denn Trauer will eben mitgeteilt werden (über wilde Trauerstätten, erster Teil) - warum sich an einem Geschäft in der Osnabrücker Altstadt die Trauerbekundungen sammeln

Osnabrück - An dem Feinkostgeschäft "Schinken Gerdes" in der Osnabrücker hingen Briefe, die dort normalerweise nicht hängen. Eine Kerze in einem Glasgefäß stand vor der Tür, die dort früher noch nicht war. Die Tür war geschlossen und ein improvisiertes Schild "Vorübergehend geschlossen" hing in den Fenstern. Manchmal lagen Blumen auf der Türschwelle, manchmal auch nicht. Beim Lesen der dort hängenden Briefe (und beim Betrachten der Fotos) wurde dem Vorübergehenden klar: Hier ist offensichtlich der Besitzer gestorben. Und die Menschen, die ihn mochten oder hier einfach nur gerne einkaufen gingen, machen ihm eine letzte Aufwartung. 


Jemand hat einen Brief geschrieben und ihn aufgehängt - einen öffentlich zu lesenden Abschiedsbrief, der ans Herz geht. Mitten in der Altstadt von Osnabrück findet sich im Sommer 2016 eine "Wilde Trauerstätte". Nicht weit entfernt von dem Stromverteilkasten, an dem bereits ein weiterer Trauerort geschaffen worden war.  (T.-Achenbach-Foto)

Das Phänomen solcher "Wilder Trauerstätten" beschäftigt mich schon eine lange Zeit, schon lange, bevor ich mich entschlossen hatte, eine Ausbildung zum Trauerbegleiter zu absolvieren. Von den Behörden irgendwie geduldet (vermutlich durch gekonntes Augen-Zu-Drücken im Vorbeigehen - und solange keine Gefährdung hiervon ausgeht), sind im Alltag in den Innenstädten oder an den Straßenrändern immer mal wieder solche liebevollen Solidaritätsbekundungen mit Gestorbenen zu entdecken. Mit Blumen, Kerzen, ewigen Lichtern, Briefen, Steinchen oder Symbolen geschmückt, erinnern sie an Menschen, die anderen etwas bedeutet haben, vielleicht sogar, ohne es zu ahnen. Eine berührende Geste, so simpel und so gut. 


Beim Vorbeigehen stets vor Augen: Das Gesicht des Gestorbenen


Ich erinnere mich beispielsweise an einen sehr sympathischen älteren Verkäufer der Straßenzeitung "Abseits", der seine festen Plätze auf dem Wochenmarkt an der St.-Joseph-Kirche und gegenüber des Osnabrücker Doms hatte. Als eines Tages dort Rosen lagen und kleine rote Kerzchen brannten, war sofort klar: Dieser Mann, der stets durch eine stille Freundlichkeit und gelassene Sanftheit aufgefallen war, musste gestorben sein. Und jeder, der wollte, konnte für einen Augenblick stehenbleiben und seinen persönlichen Umgang damit versuchen. Mich hat das berührt, weil ich von dem Tod des Mannes nicht gewusst hatte, seine Abwesenheit wegen einer Abwesenheit meinerseits noch nicht mitbekommen hatte - und nun doch eine Chance hatte, mich dankbar an ihn zu erinnern. Und noch heute sehe ich, wenn ich an eben jenem Stromverteilkasten vorbeigehe, an dem der Mann immer gelehnt hatte, sein Gesicht vor mir. Ohne den Mann je besser gekannt zu haben als es halt nach so einem Mini-Klönschnack beim Kauf der Zeitung so der Fall ist. Oder im Wald des Schölerbergs in Osnabrück.


Wurde hier sogar eine improvisierte Trauerfeier abgehalten?


Auch dort haben Menschen für einen Gestorbenen eine Trauerstätte geschaffen, die beinahe schon Friedhofscharakter hat. Die einfach rund um einen Baum gelegten Symbole und Fotos (in Schutzfolie) lassen den Schluss zu, dass hier regelrecht ein gemeinsames Ritual zelebriert worden ist, vielleicht eine kleine improvisierte gemeinsame Trauerfeier, ein gemeinsames Niederlegen. Für mich sind diese Orte nicht nur Stätten eines wertvollen Erinnerns, sondern auch eine innerliche Beruhigung.


Im Schölerbeg in Osnabrück haben Unbekannte einen Trauerort geschaffen, der fast schon Friedhofscharakter hat - inklusive kleiner Steine und selbst beschrifteter Schilder (fotografiert im September 2015).   (Achenbach-Fotos)


Denn mir zeigen diese wilden Trauerstätten auf eine eindrucksvolle Art und Weise, wie sehr sich viele Menschen in einem Trauerprozess auf ihren Instinkt verlassen und etwas tun können, das ihnen selbst wiederum gut tut. Trauer will eben gezeigt, geteilt, gelebt und sichtbar gemacht werden - und verstanden werden. Das geschieht hier ganz unvermittelt und durch wenig Aufwand. Viele Menschen haben also einen ganz natürlichen Zugang zu alledem, das ist gut so (auch wenn sie dann vermutlich keine Trauerbegleitung brauchen, aber sei's drum, umso besser). 

Die folgenden Tipps, was Trauernden gut tun könnte, lassen sich aus so einem improvisierten Trauerort auch für alle anderen ableiten:

- einen Brief an den Verstorbenen schreiben (und diesen auch abschicken, an Verwandte/Freunde beispielsweise, oder irgendwo hinhängen) 

- eine Kerze anzünden und ihr Licht leuchten lassen als Symbol dafür, dass etwas weiterleuchtet

- sich einen ganz eigenen und selbst gestalteten Trauerort einrichten, der nicht an das Friedhofsgrab geknüpft sein muss.


--------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert eigentlich Trauerbegleitung? Was bringt sie? Und wird das Ganze von den Krankenkassen bezahlt - hier klicken...

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen


Und im Kultur-Blog des Autors: Was "Babylon Berlin" wirklich zu einer ganz besonderen Serie macht - und das ist nicht alleine Bryan Ferry von Roxy Music