Montag, 27. November 2023

Okay, Männer trauern anders, aber warum denn eigentlich - wie kommt es dazu? Fünf wichtige Faktoren, die wir berücksichtigen müssen, wenn wir mit Männern in Trauer bzw. Männern in Krisen zu tun haben - eine Ergänzung zu meinem Buch "Männern trauern anders"

Osnabrück - Ich nenne es gerne das "systemische Fünfer-Feld für die Betrachtung von Männern in Krisen" - etwas hochgestochen, zugegeben, aber irgendeinen Namen braucht dieses Schaubild halt. In meinen Vorträgen oder in Workshops über Männer und Trauer male ich es gern auf ein Flipchart. Es vereint fünf Aspekte, die wir im Hinterkopf haben müssen, wenn wir mit Männern in Krisensituationen zu tun haben - oder wenn Männer sich selbst hinterfragen wollen, warum sie so ticken, wie sie nun einmal ticken. Es sind fünf Aspekte, die in Wechselwirkungen zueinander stehen und die sich alle gegenseitig beeinflussen. Fünf Aspekte, die ein differenzierteres Bild ermöglichen - differenzierterer als "Männer sind eben so". Übrigens ein Satz, den ich strikt zu vermeiden versuche. Einerseits... Und andererseits? 

Wenn es um die Frage geht: Wie tickt eigentlich der moderne Mann und was bedeutet das für unsere Angebote in Trauerbegleitung, Seelsorge, etc., dann möchte ich erstmals nach über sieben Jahren intensiver Beschäftigung mit diesem Thema bei einem Menschen ins Innenleben hineinblicken, der noch nicht dran war. Einer, den ich mich in keinem Buch zu zitieren getraut habe, einer, den ich niemals für qualifiziert genug gehalten hätte, um ihn einen "Experten" zu nennen, obwohl er das in mancherlei Hinsicht ist. Nämlich bei mir selbst. Ich bin ja auch einer. Ein Mann. 

Dazu noch einer mit der vollen Dröhnung 80er-Jahre-Männer-Sozialisation. Wie die ausgesehen hat? Dazu bietet sich ein interessantes Experiment an. 

   

(Alle Fotos/Zeichnungen: Thomas Achenbach)


Man versuche einmal, in einem Streamingdienst wie Spotify oder auf dem freien CD-Markt die ersten 99 Folgen der Hörspielserie "TKKG" irgendwo aufzufinden, also einer der beliebtesten Kinder-Detektiv-Serien aus Deutschland, erschienen zwischen 1981 und 1996. Wer diese Episoden schließlich findet - über einen Umweg ist das inzwischen wieder möglich, nachdem sie ab 2009 komplett vom Markt genommen waren -, der stößt auf einen neu hinzugefügten Warnhinweis vor jeder einzelnen Episode. Motto: "Vieles von dem, was hier dargestellt wird, ist heute nicht mehr zeitgemäß". Und es stimmt. Zum Beispiel die probate "Ermittlungsmethode" des jugendlichen Helden Tim bzw. Tarzan: Erst draufhauen. Dann reden. Falls überhaupt. Weil Tarzan nämlich Karate kann. 

So war Männlichkeit in den 80ern - wo du auch hingesehen hast: Unironisch. Zynisch. Knallhart. Guck sie Dir an, all die Helden aus jener Zeit: Schimanski. Rambo. John McLane (aus "Stirb langsam"). He-Man. Conan. Und, und, und.... Heute würde man sagen: Toxisch. Damals hat man gesagt: Männlich.

Draufhauen und ganz der Harte sein, das war nie so wirklich was für mich - aber Muckis aufbauen, das hat mich doch irgendwie gereizt. Muckis fand ich, nun ja, männlich. Soviel Einfluss hatte es auch auf mich - das Männerbild dieser Zeit.

Und damit sind wir wieder beim Thema angekommen: Die Sozialisation. Ein ganz zentraler Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt. Warum das so wichtig ist, gerade im Kontext von Trauerbegleitung? Nun ja, zum Beispiel, weil schon ein ganz simpler Stuhlkreis bei einem 80er-Jahre-Kind wie mir ganz andere innere Schwingungen auslöst als vielleicht bei Menschen einer anderen Generation. Und das ist auch nicht aus mir rauszukriegen. Auch nach all den Jahren noch, auch nach hunderten selbst aufgebauter Stuhlkreise, auch nach mehreren mitgeleiteten Trauergruppen - meine erste Assoziation, wenn ich einen Stuhlkreis sehe, bleibt dennoch stets die gleiche: Auweia - Eso-Alarm! 

Oder, überspitzt formuliert: Stuhlkreise sind für ein 80er-Kind wie mich unmännlich. Immer noch. Ist so einprogrammiert. Sozialisation.

Wobei sich das Thema Sozialisation in verschiedene Unteraspekte aufgliedern lässt, die sich wiederum in meinem systemischen Fünfer-Feld finden lassen. Dieses Feld besteht aus diesen fünf Facetten, zu denen ich im Folgenden jeweils noch etwas ergänzen werde:  

Kriegsnähe
- Herkunft
- Vorbilder
- Männlichkeitsbild
- Alter/Geburtsjahr

Aber was bedeutet das, jeweils - und wie können wir diese Faktoren in unseren Gespräche mit trauernden Männern mit einbauen, was bedeutet das für uns als Begleiter, Freunde oder Verwandte? Okay, der Reihe nach - betrachten wir die einzelnen Faktoren einmal etwas näher.

Autor dieses Beitrags: Thomas Achenbach (Foto: Ulrike Lehnisch/Luxteufelswild)


1.) Kriegsnähe: Alle Männer, die in meine Begleitungen kommen, sind noch vom Zweiten Weltkrieg geprägt, ob ihnen das bewusst ist oder nicht. Sogar ich selbst bin noch vom Zweiten Weltkrieg geprägt - und das mehr als mir selbst viele Jahre bewusst gewesen ist, wie mir die aktuell aufkeimende Forschung rund um das Thema der Kriegsenkel/Kriegskinder immer wieder zeigt.  

Sogar bei dem bislang jüngsten Mann, den ich begleiten durfte, waren diese Prägungen auch in seinem Alter von noch nicht einmal 20 Jahren noch spürbar - und sie waren ein Thema in der Begleitung. Ohne, dass ich es von mir aus hätte ansprechen müssen. Denn das Thema kommt zur Sprache. Auch, natürlich, weil es modern und zeitgemäß ist, weil es in den Medien thematisiert wird und weil sich junge Menschen zuweilen selbst fragen, wieviel Krieg noch in ihren Seelen steckt. Die Recherchen von Sabine Bode über die Kriegskinder und die Kriegsenkel und die damit begonnene Forschung haben uns - auch wenn sie noch am Anfang steht - bereits deutlich gezeigt, dass der Krieg auch zwei Generationen weiter noch so starke Spuren in den Menschen hinterlassen hat, dass diese Prägungen nicht unberücksichtigt sein dürfen. Das gilt vor allem für das Thema Trauer. "Je näher ein Mensch dem Krieg ist, ob zeitlich oder räumlich, desto weniger kann er Trauer können", lautet eine meiner Thesen, die ich in meinen Vorträgen gerne anbringe und diskutiere.

Beim Angriff Russlands auf die Ukraine haben wir alle erlebt, wie tradierte und längst überholt geglaubte Männlichkeitskonzepte mit einem Fingerschnippen wieder im Raum stehen: "Frauen und Kinder in Sicherheit, Männer an die Front, ohne jede Diskussion" - so lautete die Ansage



2.) Herkunft: Was die Frage nach Männlichkeitsidealen angeht, ist es wichtig, einen Blick auf das Herkunftsland des Mannes zu werfen, mit dem wir gerade zu tun haben. Das gilt vor allem innerhalb Deutschlands. Es kann einen enormen - und meiner Meinung nach in der aktuellen Trauerforschung viel zu wenig berücksichtigten - Unterschied machen, ob der trauernde Mann, mit dem wir gerade zu tun haben, aus West- oder aus Ostdeutschland kommt. 

Man werfe einen Blick in die Bücher junger ostdeutscher Autoren wie Domenico Müllensiefen, Hendrik Bolz oder Daniel Schulz, alle in den 80ern geboren und im Nachwendedeutschland groß geworden. Im Osten, wohlgemerkt. In den sozialen Medien ist unter dem Hashtag "Baseballschlägerjahre" treffend zusammengefasst, wovon sie berichten: Alkohol, Gewalt und Desillusionierung beherrschten die Stimmungslage. Und das allgemein propagierte Männerbild in dieser Gesellschaft atmet allerorten noch die Kruppstahlmentalität der 30er Jahre. Nicht alleine nur auf der Straße, auch in den Küchen der Plattenbauten. Härte und Enge, im Inneren, haben indes maßgeblichen Einfluss auf einen jeden Trauerprozess. Und das ist auch heute noch ein Thema. Zu diesem Themenkomplex passt auch das nächste Stichwort (denn, wie gesagt, all diese hier genannten Aspekte stehen in systemischen Wechselwirkungen zueinander):

3.) Vorbilder. Welche Art Vorbilder habe ich erlebt, wenn es um Männer in Trauer geht? Wie habe ich die Männer in meinem Umfeld wahrgenommen - in Familie, Freundeskreis, Bekanntenkreis, im Arbeitskontext? Wie haben diese Männer reagiert, wenn sie in eine seelische Krise geraten waren? Haben sie ihre Hilflosigkeit in Worte fassen können oder sind sie still geblieben? Sind sie eher aggressiv geworden, haben sie vielleicht versucht, den Aufruhr im Innern mit Alkohol oder anderen Suchtmitteln abzumildern? Kurz: Was wurde mir ganz persönlich vorgelebt, wie "Mann" mit einer Krise umgehen sollte/könnte? Und welche inneren Werte könnten in mir selbst dadurch entstanden sein? Haben vielleicht auch in meine Generation hinein die stillen Großväter weiter hineingewirkt, die aus dem Weltkrieg zurückkamen (falls sie zurückkamen). Jene Großväter, die der Psychologe Wolfgang Schmidbauer so treffend als die "Freudlosen Riesen" umschreibt? 




Das Thema der Vorbilder muss sich dabei, wie oben bereits erwähnt, gar nicht auf das persönliche Umfeld beschränken - wenigstens genauso wichtig sind all die medialen Vorbilder, zumal bei Menschen, die - so wie ich - in immer stärker durch Medienverfügbarkeit geprägten Zeiten groß geworden sind. Tarzan von TKKG ist da nur ein Beispiel von vielen. Politiker, die immer gefasst sein müssen, immer alles im Griff haben müssen und niemals Schwäche zeigen dürfen, beispielsweise, gehören auch dazu. All das wirkt in uns hinein und beeinflusst uns.  




4.) Mein ganz persönliches Männlichkeitsideal (also: Deins, liebe Leserin, lieber Leser). Aus all den oben genannten Faktoren leitet sich meistens das individuelle Männlichkeitsideal ab. Denn wir alle haben eine innere Vorstellung davon, was bzw. wie Männlichkeit eigentlich sein sollte. Nur dass uns das meistens nicht sehr bewusst ist. In meinen Workshops zum Thema Männer und Trauer starte ich manchmal gerne mit genau dieser Übung: Macht Euch einmal Euer ganz eigenes Männlichkeitsbild bewusst? Dann male ich eine Mannessilhouette auf ein Flipchart und sammele die Attribute, die mir die Teilnehmer zurufen. Die Ergebnisse sind keinesfalls immer eindeutig - und doch immer nah am Stereotyp. Interessanterweise. Und da ist es wieder, das Einerseits und das Andererseits, eine schmale Grenze, über die wir immer entlangtänzeln, wenn wir über Männer, Männlichkeit und Geschlechterfragen in der Moderne sprechen. 

Und schließlich spielt bei der Betrachtung all dieser Faktoren noch eine letzte Facette eine ganz entscheidende Rolle: 5.) Das Geburtsjahr/das Alter. Denn Männlichkeitsbilder sind immer auch eine generationale Frage. Die heute 18- bis 25-Jährigen haben bei diesem Thema ganz, ganz andere Vorstellungen als noch jemand wie ich, Baujahr 1975 und in der staubtrockenen Männlichkeitswüste der 80er sozialisiert. Und selbst einer wie ich ist für neue Ideen, zumindest teilweise, offener als viele Männer in den Generationen, die vor uns kamen.

Denn Geschlechterfragen sind eben immer auch Generationsfragen.



Stellt sich jetzt bloß die Frage: Was können wir mit diesem Modell anfangen, wenn wir entweder a) selbst als Mann von einer Krise betroffen sind oder b) Männer begleiten wollen, die gerade in einer seelischen Krise stecken?

Auch hierzu ein paar Stichworte:

1.) Gesprächsthemen/Gesprächsangebote in den Aspekten sehen: Über das Aufwachsen zu reden bzw. über das eigene Aufwachsen nachzudenken, dabei die Themen Vorbilder und Sozialisation zu streifen, das ergibt sich oft aus dem Gesprächsfluss oder dem Gedankenfluss heraus, ohne dass es künstlich "abgefragt" werden muss. Ich selbst habe eine kleine Checkliste all solcher und ähnlicher Fragen zwar stets im Hinterkopf, warte aber bei einer Begleitung gerne ab, ob es und wann thematisch passt. Nicht vergessen: Die Regie bei einer Trauerbegleitung führt nicht der Begleiter, sondern stets der Gast. 

2.) Auf eine Metaebene wechseln: Manchmal mache ich meine eigene Stuhlkreis-Zerrisenheit, wie oben erwähnt, unmittelbar zum Thema, indem ich zu Beginn einer Trauergruppe das Setting anspreche, in dem wir uns gerade befinden. Ich erzähle, mit einer Prise Eigenironie, was Stuhlkreise manchmal in mir auslösen und frage, wem von den Anwesenden es womöglich ebenfalls so geht. Das sorgt manches Mal regelrecht für Erleichterung, es lockert den Rahmen auf und gibt uns eine Chance für einen augenzwinkernden Einstieg - und schon sind wir mitten im Thema: Wieviel Bammel hatte ich vor dem ersten Treffen dieser Trauergruppe (und da hat so ziemlich jeder Bammel, vorher, nach meinen Erfahrungen)...?

3.) Sich die "Lautstärkeregler" angucken: Wer sich die von mir aufgemalten systemischen Bilder näher angesehen hat, dem werden die Pfeile aufgefallen sein, die zwischen den jeweiligen Polen sitzen. Diese Pfeile kann man auch als "Lautstärkeregler" betrachten - man kann ein ähnliches Schaubild anfertigen und den Klienten - vermutlich einen trauernden Mann? - befragen, was er glaubt, wie "laut" es zwischen den jeweiligen Polen ist. Auf einer Skala von 1 bis 10. Gemeint ist mit der Frage, welche Begriffspaare in der persönlichen Einschätzung des Klienten aktuell eine größere Rolle spielen und welche nicht. Das ermöglicht einen differenzierten Zugang ins Seelenleben und kann ggf. weitere Themen eröffnen oder weitere Anknüpfungspunkte fürs Gespräch anbieten. 

Wann ist der Mann ein Mann? Herkunft, Kriegsnähe, elterliche Prägung, das in der Gesellschaft vorherrschende Männlichkeitsbild, das Alter, die gemachten Erfahrungen, das alles sind Faktoren, die die Grönemeyerfrage maßgeblich beeinflussen - und die Frage danach, wie ein Mensch in einem Trauerfall reagiert. 
 

---------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

------------------------------------------------------------------------------------------


Dienstag, 21. November 2023

Das Trauer-Zitat des Monats - #November2023 - bemerkenswerte Sätze über Trauer, Tod und Sterben aus Literatur, Interviews und Zeitschriften, Teil 11

(Foto: Pixabay.de/garten-gg/CC-0-Lizenz)

"
Ohne die Erfahrung von Trauer kann wohl kein Mensch ein vollwertiges Leben führen. Niemand will eine Tragödie erleben, aber sie ist ein unausweichlicher Teil des Lebens."
 
 

Henning Mankell, Treibsand

(Zsolnay-Verlag, Wien, 2015, Seite 136)


-------------------------------------------------------------------------------------------

Das Trauerzitat des Vormonats: Bitte hier klicken 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Donnerstag, 16. November 2023

Wo die Zukunft des Friedhofs jetzt schon greifbar wird und das Schicksal mit steinharter Hand alle zu Boden wirft - Der größte Parkfriedhof der Welt als Zukunftslabor und Brücke in die Vergangenheit - Ein Herbstspaziergang über den Ohlsdorfer Friedhof mitten in Hamburg

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Hamburg - Sie schleift sie mit sich, durch den Dreck, über den Boden, auch wenn sie sich sträuben. Qualverzerrt sind die Gesichter der zwei Menschen dort unten, die ihrem steinharten Griff ausgeliefert sind. Die weiße Dame mit dem verhärteten Gesicht kennt keine Gnade: Sie ist das Schicksal. Ihre nächsten Schläge hat sie bereits geplant. Ihre nächsten Opfer zieht sie darauf zu. Die Skulptur "Das Schicksal" des Künstlers Hugo Lederer steht auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg - und ist eine von vielen eindrucksvollen Stationen an diesem Novembermorgen, an dem ich mir einige Stunden Zeit nehme, um diesen größten Parkfriedhof der Welt richtig kennenzulernen. Stunden? Es hätten Tage sein sollen. Zumal hier an verschiedenen Stellen der Friedhof bereits der Zukunft ausprobiert wird.

So gibt es zum Beispiel die "Trauerhaltestelle", eine Art offene kleine Halle, die aus zwei ineinandergreifenden Betonwänden besteht und teils überdacht ist. In ihrem Inneren finden sich unter anderem kleine Sitzhocker aus Holz, von denen aus sich die an der Wand angebrachten Regale sowie die bemalten Wände ansehen lassen. Bemalt wurden die nicht etwa von Profis, sondern von Friedhofsgästen - im Inneren der Trauerhalle liegt Kreide aus, mit der Menschen ihre Botschaften auf die Wände aufbringen können. Ganz bewusst mit Kreide, weil auch diese kleinen Nachrichten oder Bilder nicht auf eine ewige Haltbarkeit angelegt sind. Neue Gäste werden neue Botschaften anbringen, werden ihre Trauer mitbringen, ihre Zeichen hinterlassen.


Die Trauerhalle von außen - der Baum im Innern liefert im Sommer bestimmt ein schönes Bild. 

An den Wänden ein wohltuendes Durcheinander als Kontrast zum aufgeräumten architektonischen Gesamteindruck. Ausgemalte große Herzen mit Namen darin und der dabei entstehende Kreidestaub am Boden zeugen von Menschen, die ihrer Trauer dementsprechend Ausdruck verliehen haben. Das daneben stehende "Sex..!" von jugendlichen Gästen, die noch nicht allzu viel Erfahrung mit Tod und Trauer zu haben scheinen oder ihre Hilflosigkeit gegenüber diesen Themen auf diese Weise zeigen, was völlig okay ist. Für die Trauerhaltestelle gibt es keine Regeln und keine Empfehlungen, genauso, wie es für die eigene Trauer keine Empfehlungen und Regeln geben sollte. Auf den Regalen im Innern haben Kinder ihre gemalten Bilder abgestellt. Eines zeigt eine riesige Sonnenblume. Darüber steht: "Meine Oma war und ist die Beste".



Die Idee eines solchen öffentlichen Trauerhauses ist ebenso simpel wie unbedingt notwendig: Einen Trauerort zu schaffen, der sich zwar auf einem Friedhof befindet, und dennoch ganz unabhängig davon funktioniert, wo die Toten nun bestattet sind. Gerade in unseren modernen Zeiten wird das immer wichtiger: Wie viele Menschen es wohl alleine in Hamburg wohl gibt, deren gestorbene Angehörige an ganz anderen Orten bestattet sind - weil die Familie gar nicht aus Hamburg stammt, weil man des Berufs wegen hierhergezogen war, während die Eltern im Heimatort blieben (wo sie jetzt liegen) und so weiter und so weiter? Aber wo soll man seine Trauer fühlen können, wenn nicht auf einem Friedhof - und wie soll das gehen, wenn der "eigentliche" Bestattungsfriedhof ganz woanders ist? 




Ein paar Felder stößt der Gast plötzlich einen filigranen Treppenturm, der mitten zwischen den Gräbern steht. Wer ihn hinaufgeht, hat einen schönen Überblick über diesen kleinen Teil des Friedhofs und befindet sich auf der Höhe der Baumkronen - die im November ein reizvolles Farbenspiel abliefern. Ein solcher Perspektivwechsel weckt vielerlei Assoziationsebenen in einem - darunter ist beispielsweise der Gedanke, wie sehr wir Lebenden uns doch oft und ganz unabsichtlich über die Toten erheben, indem wir unsere Lebendigkeit für etwas ganz Selbstverständliches halten. Und mit jedem Schritt die Treppe wieder hinunter auf die Ebene der Gräber wird einem umso bewusster: Das ist es nicht, das ist es nicht, das ist es... nicht.




Der Aussichtsturm gehört zum Projekt „Ohlsdorf 2050“, das den langsamen Wandel des Friedhofs in einen Park unterstreicht – eine Veränderung, wie sie allerorten derzeit stattfindet. Durch den Wegfall klassischer Grabanlagen, durch den Trend zur Urne und zum pflegeleichten Minigrab, durch die womöglich noch kommenden Neuerungen in der Bestattungskultur (deren Vorbote als „Reerdigung“ von sich reden macht) steht auch der Ohlsdorfer Friedhof vor einem großen Wandlungsprozess. Weg von einer reinen Betroffenheitszone, hin zu einem offenen Park, der auch zur Feier des Lebens einlädt ganz außerhalb von Tod und Sterben. Der Treppenturm kündet bereits davon. Gekennzeichnet sind die Projektbausteine für "Ohlsdorf 2050" durch rote Infotafeln, deren offener und quadratischer Aufbau sie wiederum wie Fenster wirken lässt, die allerlei Durchblicke möglich machen.




Aber auch als "klassischer Friedhof" bleibt Ohlsdorf sehenswert. Immer wieder eröffnet der Park wunderschöne Perspektiven, so wie an seinen moorigen Stellen, wo sich beispielsweise ein großer Teich finden lässt. Hierhin zu kommen, mit ganz viel Zeit, das hatte ich schon lange mal vor. Im November 2023 wird es dann endlich Realität: Der Besuch eines Rockkonzerts in Hamburg (= Greta Van Fleet) gibt mir die Möglichkeit, einen halben Tag dranzuhängen. Obwohl ich mir rund dreieinhalb Stunden Zeit nehme und mir keine Pause gönne, schaffe ich nur das nördliche Drittel der gesamten Anlage. Auch die Promigräber, für die es einen eigenen Rundgang gäbe, schenke ich mir (hier liegen u. a. Loki und Helmut Schmid, Roger Cicero, Jan Fedder, Monika Bleibtreu, Inge Meysel oder Heinz Erhardt). Mein Weg führt mich entlang an alten Mausoleen, die sich reiche Familien als ihre eigenen Grab- und Kirchstätten gebaut haben, und an zahlreichen Gräbern von Alt bis Neu. Bis ich vor der Schicksalsgöttin stehe, die mich nachhaltig beeindruckt.



Sich eingefangen und zu Boden geworfen zu fühlen, so ungefähr hat mir fast jeder meiner Gäste seine Trauer beschrieben. Durch den Dreck gezogen in totaler Hilflosigkeit. Auch so kann das sein. Nicht unweit der Skulptur beginnt dann der "Stille Weg", ein kleiner, sich windender Weg, einen Kilometer lang, der als einer der schönsten Durchquerungen des Friedhofs gilt - also jedenfalls seines nördlichen Teils. Entlang seiner Windungen zeigt sich der Park in seiner ganzen Vielfalt: an prachtvollen Grabanlagen... wunderschön. 



Es geht vorbei an prächtigen Grabanlagen, all der botanischen Vielfalt eines vielgestaltigen Waldes, an Christusfiguren und Engeln, teils in stiller Verzweiflung.



Es geht vorbei an kleinen Bächen und Hügeln, durch Waldteile, einmal taucht eine alte Holzbrücke auf, ein romantischer Anblick.


Schließlich endet der Weg am Alten Wasserturm, einem architektonischen Höhepunkt des Ohlsdorfer Friedhofes.



Es gäbe noch so viel zu entdecken, der am Eingang verfügbare kostenlose Faltplan weist auf so viele weitere Höhepunkte hin. Noch gar nicht gefunden habe ich das „Fenster der Erinnerung", das ich in meinem neuen Buch erwähne: eine Art offener Bilderrahmen, der den Blick in die Weite freigibt. Auch dieser Ort ist - wie die bereits gefundene Trauerhaltestelle - besonders für Menschen gedacht, die aus der Ferne um jemanden trauern. In Glasplatten vor einer Muschelkalkmauer kann gegen eine Gebühr der Name des oder der Verstorbenen eingraviert werden. 

Aber Füße und Hüfte tun langsam weh, ein wenig Regen setzt ein und die Abfahrt des Zugs nach Hause rückt näher.

Auf dem Weg zum Ausgang streife ich noch an zwei sehenswerten Punkten vorbei: Der überlebensgroßen Christusfigur nahe des Haupteingangs, malerisch eingerahmt von barock geschnittenen großen Büschen, die eine lange Allee bilden - die Ehrenallee. Eine klassisch schöne Friedhofsanlage, die durch ihre Größe und ihre eindrucksvolle Wucht die beabsichtige Wirkung erzeugt - einen Hauch von Ehrfurcht und Demut.




Und schließlich der Schriftzug "Eingänge sind Übergänge", der die ankommenden Gäste nochmals dafür sensibilisieren möchte, dass sie einen besonderen Ort betreten. Nicht alleine nur den größten Parkfriedhof der Welt, sondern einen Ort in Wandlung. Einen Ort voller Lebendigkeit. Ohlsdorf, ich komme bald wieder.



Denn auch dieser Ausgang ist Übergang.  


----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer" (Patmos-Verlag, Herbst 2023)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag).
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Auf dem Portal der Neuen OZ zu finden: Das ABC der Trauer - wie der Osnabrücker Trauerbegleiter trauernden Menschen Halt geben möchte

Ebenfalls auf diesem Blog: Ein neuer Raum und neue Möglichkeiten - wo ich in Osnabrück jetzt Trauerbegleitung anbieten darf (weiterhin auch als Spaziergang)  

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

-------------------------------------------------------------------------------------------

Sonntag, 5. November 2023

Drei Reaktionen auf einen Verlust, die Trauernde oft überraschen - wer einen Menschen verloren hat, dem fehlen die Erfahrungswerte, manches, was dann mit einem geschehen kann, ist erstmal irritierend - mein Beitrag für das Lebe-Gut-Magazin des Patmos-Verlags

Osnabrück - Wer einen geliebten Menschen verloren hat, dem fehlen oft die Erfahrungswerte für so eine Situation. Es ist eine der größten Ausnahmesituationen, die einem das Leben vor die Füße werfen kann. Logisch, dass nicht alles sofort verstanden wird, was sich dann an Reaktionen einstellt – weder von den Betroffenen selbst noch vom Umfeld. Für das "Lebe-Gut-Magazin", das kostenlose Kundenmagazin des Patmos-Verlags, habe ich für die Ausgabe September 2023 einen kleinen Beitrag schreiben dürfen, der zum einen auf mein neues Buch hinweist und zum zweiten einen ergänzenden Inhalt vermittelt, der sich im Buch so nicht wiederfindet. 

Denn aus meinen Gesprächen als Trauerbegleiter weiß ich: Von diesen drei unten genannten Reaktionen – nicht Symptomen, bitte, denn wir haben es nicht mit einer Krankheit zu tun! – kann der eine oder andere überrascht sein. Und wie immer im Trauerprozess gilt: Sie können dazugehören, müssen es aber nicht. Trauer ist hochindividuell. Hier sind also die drei Reaktionen, die sich so auch im Patmos-Magazin wiederfinden:



1.) Aufmerksamkeitsstörungen. Es gibt tatsächlich so etwas wie eine „Trauerdemenz“, auch wenn das noch nicht hinreichend erforscht ist. Menschen vergessen, was ihnen gesagt wurde, haben keine Konzentration zum Lesen, Zuhören, das Kurzzeitgedächtnis geht in den Streik.

2.) Schuldgefühle, teils sehr heftig: Ich hätte ja noch etwas tun können. Ich bin schuld. Es liegt an mir. Oder an jemand anderem. Irgendwer muss einfach schuld sein. Diese Gefühle sind unlogisch, aber wichtig, sie erfüllen eine Funktion: Die Alternative hieße, diese unaushaltbare Ohnmacht ertragen zu müssen. Das geht oft nicht.

3.) Magisches Denken. Nichts wegwerfen können oder wollen, weil der gestorbene Mensch es ja nochmal gebrauchen könnte, gehört ebenso zum magischen Denken wie die Gespräche, die viele mit ihren Toten führen. Und das Gefühl, dass sie ihnen – vielleicht, vielleicht auch nicht – irgendwie eine Antwort zukommen lassen. Kann dazugehören, muss es nicht.



Deswegen war es mir so wichtig, ein Buch zu schreiben - ohne weit ausholende Texte, dafür mit kurzen Erklärstückchen: Von A wie Aushalten bis W wie Weinen werden alle Reaktionen erläutert, die ein Verlust auslösen kann.

Online durchblättern: Die gesamte Ausgabe des aktuellen Magazins "Lebe gut" als pdf gibt es unter diesem Link.

----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer" (Patmos-Verlag, Herbst 2023)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag).
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Das Trauer-Zitat des Monats - jeden Monat neue berührende Sätze aus Zeitungen, Zeitschriften oder der Literatur 

Ebenfalls auf diesem Blog: Okay, na gut, "Männer trauern anders", aber warum denn eigentlich - wie kommt das und was müssen wir berücksichtigen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Ein neuer Raum und neue Möglichkeiten - wo ich in Osnabrück jetzt Trauerbegleitung anbieten darf (weiterhin auch als Spaziergang)  

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

-------------------------------------------------------------------------------------------