Montag, 31. August 2020

Warum wir uns mit Trauer noch so schwer tun und was die Themen Kriegsenkel und Kriegskinder damit zu tun haben - und warum es sinnvoll sein kann, die Themen Hospizkultur und Kriegstraumata miteinander zu vereinen - ein Interview mit Sven Rohde (Verein "Kriegsenkel e.V.")

Osnabrück - Dass wir uns als Gesellschaft mit dem Thema Trauer so schwer tun, hat immer noch mit den Ereignissen rund um die beiden Weltkriege zu tun, davon bin ich inzwischen überzeugt. Und je länger ich über das Thema Männer und Trauer spreche und schreibe, je mehr Vorträge rund um mein Buch "Männer trauern anders" ich halte, desto dringlicher schiebt sich das Thema der Kriegskindergeneration und der Kriegsenkelgeneration in den Fokus. So bin ich kürzlich über den Verein Kriegsenkel gestolpert, der deutschlandweit aktiv ist. Anlass genug, einen der Vereinsmitglieder um ein Interview zu bitten - und die Frage zu erörtern: Steht uns als Gesellschaft in Sachen Trauer immer noch die Kriegsfrage im Wege? 

Gestolpert über den Verein war ich wegen dessen Aktivitäten in Minden. Dort hatte sich der Verein Kriegsenkel mit dem dortigen Hospiz zusammengetan und eine sehr erfolgreiche Veranstaltungsserie organisiert. Das hatte mich neugierig gemacht. Der Autor und Coach Sven Rohde erläutert mir im Interview, warum es so sinnvoll sein kann, die Themen Hospizkultur und Kriegsgenerationen in Einklang zu bringen - und warum die heutige Generation der Kriegsenkel, zu der ich ebenfalls gehöre, gerade jetzt soviel Interesse an dem Thema entwickelt....


Sven Rohde vom Verein "Kriegsenkel e. V." (Foto mit freundlicher Genehmigung).

Sven Rohde, eine meiner Kernaussaugen, die ich auf diesem Blog immer wieder bearbeite, lautet: Wir als moderne Gesellschaft können Trauer noch gar nicht „können“, also vor allem nicht richtig zulassen, weil uns immer noch die Kriegserfahrungen der vorhergehenden Generationen im Wege stehen. Das würden Sie als Mitglied des Vereins Kriegsenkel vermutlich unterstreichen, oder?

Sven Rohde: Ja, das ist ganz gewiss so. Seelische Härte und eine Abschottung vor Gefühlen, die ein Funktionieren beeinträchtigen, ist in Kriegszeiten eine wichtige Überlebensstrategie. Das haben die Menschen, die im Krieg Kinder waren, von ihren Eltern gelernt, und sie haben es an ihre Kinder – die sogenannten Kriegsenkel – weitergegeben. Sich der Trauer und der Ohnmacht angesichts des Verlusts zu öffnen, sie bei anderen auszuhalten, muss man dann erst wieder lernen. 

In Minden haben Sie zum Thema Kriegsenkel eine Veranstaltungsreihe mit dem dortigen Hospiz zusammen angeboten und sind quasi überrannt worden. Was kamen da für Menschen und wie erklären Sie sich dieses große Interesse?

Sven Rohde: Es waren ganz einfach Menschen, die zwischen 1955 und 1980 geboren wurden und neugierig waren, was die Prägung ihrer Kindheit mit ihrem aktuellen Leben zu tun hat. Das große Interesse entstand sicher auch, weil der Hospizverein seit vielen Jahren eine wertvolle Arbeit in Minden macht, die in der Öffentlichkeit und der Presse geschätzt wird. Davon hat die Kooperation sehr profitiert.

Warum ausgerechnet die Anbindung an ein Hospiz – wie kam es denn dazu?


Die Schule des Lebens - generationale Weitergabe (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Ausgangspunkt war eine persönliche Bekanntschaft des Geschäftsführers Helmut Dörmann mit dem Vorsitzenden des Kriegsenkel e.V. Michael Schneider. Aber die Nähe ist durchaus inhaltlich. Am Lebensende drängen belastende Themen an die Oberfläche – und natürlich gehören in Deutschland dazu die Erfahrungen des Krieges und der Nazizeit.

Seit wann gibt es denn einen eigenen Verein zum Thema Kriegsenkel und vor allem: Warum und wozu gibt es ihn?

Sven Rohde: Kriegsenkel e.V. gibt es seit 2010. Der Verein entstand aus einer Gruppe, an der auch die Autorin Sabine Bode teilnahm, die mit ihren Büchern über Kriegskinder und Kriegsenkel Bahnbrechendes für die Wahrnehmung der Problematik geschrieben hat. Über die Jahre hat sich gezeigt, wie stark sich die Prägungen dieser Generation, die viele ja auch als Babyboomer kennen, noch heute auswirken: familiär, beruflich, gesundheitlich. Das in Tagungen, Veröffentlichungen oder eben in Seminaren aufzuarbeiten, ist der Zweck des Vereins. Die Nachfrage bestätigt uns, dass diese Arbeit mehr denn je gebraucht wird.

Seit kurzem gibt es das Thema auch als Dokumentarfilm – Der Krieg in mir -,  der Film tingelt seit März 2020 durch verschiedene Kinos, findet sich jedoch mehr in einzelnen Sondervorstellungen als im laufenden Programm. Haben Sie den Film schon gesehen?

Sven Rohde: Ja, er hatte Vorpremiere auf der Tagung des Kriegsenkel e.V. im vergangenen Herbst. Der Verein hat die Entstehung auch mit inhaltlicher Unterstützung begleitet. Wie so Vieles aktuell wurde die große Resonanz durch die Pandemie abrupt unterbrochen. Was ich sehr schade finde: Der Film ist nicht nur inhaltlich bedeutsam, sondern auch gut erzählt.

Der Regisseur des Films ist 1971 geboren worden und hat nie Kriege oder andere Gewalt persönlich erlebt. Dann ist er plötzlich von Alpträumen voller Kriegserlebnissen geplagt worden, die ihm bizarr real erschienen – das kam ihm so vor, als ob er die Erfahrungen des Großvaters nochmal in Träumen durchleben müsste, obwohl der Opa nie über diese Erlebnisse gesprochen hatte. Das mutet fast wie eine mystische Erfahrung an. Kennen Sie solche Geschichten?

Allgegenwärtig: Die Schatten der Vergangenheit (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Seminaren erzählen immer wieder davon, und das Phänomen ist auch aus der Literatur bekannt. Da Träume ein besonders schwierig zu erforschender Bereich sind, gibt es im Moment keine wissenschaftlich abgesicherte Erklärung. Allein: Wir erleben auch auf diese Weise, dass wir Teil einer Ahnenreihe sind, deren Erfahrungen wir in uns tragen.

Aber hat das nicht eine gewisse Nähe fast schon zur Esoterik – durch Vererbung weitergegebene Traumata in Bild und Ton, wie im Kino? Gibt es sowas wirklich?

Sven Rohde: Ich halte es mit Hans-Peter Dürr, einem Physiker und Träger des Alternativen Nobelpreises. Er sagte: „Wir erleben mehr, als wir begreifen.“ Aber tatsächlich gibt es seit etwa 1995 eine neue Forschungsrichtung der Neurobiologie, die Epigenetik. Sie hat erste Beweise dafür, dass über unser Erbgut auch Erfahrungen an kommende Generationen weitergegeben werden, also auch Traumata. Forschungen wie die der Neurowissenschaftlerin Isabelle Mansuy, Professorin in Zürich, sind hier wegweisend.

Wie es scheint, ist es gerade die Generation der um die 1970 bis 1980 geborenen, die jetzt mit diesen Themen konfrontiert wird, also die eigentlich so wohlbehütete Gummibärchengeneration, der der Autor Florian Illies den Stempel „Generation Golf“ aufgedrückt hatte. Die sind jetzt alle so 40 oder 50. Warum nimmt das Thema ausgerechnet jetzt soviel Fahrt auf?

Die Ahnen prägen uns - ob wir wollen oder nicht (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Es mag daran liegen, dass die Eltern dieser Generation jetzt hinfällig werden und ihre Kinder in für sie bewährter Weise in Dienst nehmen. Was Sie „wohlbehütet“ nennen, haben viele als erstickend erlebt. „Parentifizierung“ heißt das Phänomen. Es ist in meinen Seminaren allgegenwärtig. Viele dieser alten Menschen haben die Eigenständigkeit ihrer Kinder nie wirklich akzeptiert und nehmen vollkommen selbstverständlich ihre Aufmerksamkeit, Zeit und Betreuung in Anspruch. Das kann zu einer enormen Belastung werden. Zudem erleben viele Kriegsenkel eine Sinnkrise. Sie haben das Gefühl, ihr Leben immer mit angezogener Handbremse gelebt und nie ihr wahres Potenzial entfaltet zu haben. Die Diskussion über Kriegsenkel zeigt ihnen, dass das kein individuelles Versagen ist, sondern die Prägung einer Generation. Das ist ebenso befreiend wie schockierend. Und ein möglicher Punkt der Umkehr.

Angela Merkel hat in ihrer großen Corona-Fernsehansprache die Pandemie als „die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnet – ist das nicht angesichts dieser gerade besprochenen Gemengelage eine fast schon gefährliche Analogie, weil sie damit genau an den psychologischen Stellschrauben für Traumata dreht?

Sven Rohde: Ja und nein. Einerseits hat die Kriegsrhetorik vor allem zu Beginn der Berichterstattung gewiss viele Menschen verunsichert. Das wissen wir auch aus einer Umfrage unter unseren Mitgliedern. Aber zugleich hat diese Generation eben auch eine gut ausgeprägte Krisenkompetenz – von ihren Eltern geerbt, aber auch aufgrund eigener schwieriger Erfahrungen. Das ist mir als Botschaft sehr wichtig: Viele aus unserer Altersgruppe haben in Kindheit und Jugend Dinge erlebt, die wir unseren eigenen Kindern nicht zumuten wollten. Aber auf diese Weise eben auch Kompetenzen und Ressourcen aufgebaut, die uns verlässlich, verantwortungsbewusst und ziemlich resilient machen...

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Warum das Thema "Trauer am Arbeitsplatz" jetzt auch im Schulunterricht behandelt wird - ein neues Arbeitsbuch macht es bundesweit möglich (Serie zum Thema "Trauer im Arbeitsleben", Folge 4)

Osnabrück/Koblenz - Dass das Thema Trauer am Arbeitsplatz inzwischen sogar zum Schulstoff geworden ist, ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Und sie zeigt wieder einmal, wieviel Schwung und Entwicklung im Augenblick in diesem Themenkomplex stecken. Im Frühjahr 2020 hat der Verlag "Vandenhoeck & Ruprecht" (V&R) ein Arbeitsbuch herausgebracht, das sich an die in Berufsschulen tätigen Religionslehrer richtet. "Trauer am Arbeitsplatz", heißt es - und mitbeteiligt an der Entwicklung des Buches war die Handwerkskammer Koblenz (HWK), die sich schon vor vielen Jahren diesem Thema zugewandt hat. 

Unter anderem deswegen taucht die Handwerkskammer auch als ein Praxisbeispiel von mehreren in meinem vor kurzem erschienen Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" auf (Campus-Verlag, Frankfurt). Das Projekt Religionsunterricht wird in diesem Buchbeitrag am Ende bereits kurz erwähnt - ist dort aber noch als "im Entstehen begriffen" gekennzeichnet. Jetzt ist es fertig und deswegen lohnt sich ein genauerer Blick darauf. Dankenswerterweise hat mir die zuständige Geschäftsführerin der HWK Koblenz, Barbara Koch, ein Exemplar des neuen V-&-R-Buches zukommen lassen, das ich hier gerne vorstellen möchte. Wobei die erste Frage, die sich einem stellen kann, vermutlich lautet: Wieso eigentlich ausgerechnet im Religionsunterricht?


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Zwar finden sich es im Vorwort zu dem Buch allerlei Antworten auf diese Frage - unter anderem wird auf Jesus von Nazareth und das Alte Testament Bezug genommen -, aber meiner Meinung ist die wichtigste Antwort: Weil es sich um Unterrichtisdeen für eine Berufsschule handelt. Und weil gerade eine Berufsschule in besonderer Weise auf das praktische, tatsächliche Leben vorbereitet, nicht nur das Berufsleben. Das durfte ich erstens selbst erleben während meiner Ausbildung zum Schriftsetzer Mitte der 90er Jahre und zweitens habe ich einmal am Rande einer Ausstellung über Straßenkreuze erfahren, dass es gerade die Berufsschulen sind, die oft mit dem Tod von Schülern zu tun haben. Meistens, weil sie bei Verkehrsunfällen sterben und weil an einer Berufsschule bis zu 1000 Schüler und mehr zusammenkommen, von denen viele schon erwachsen sind. 


Praktische Anwendbarkeit und viele Hintergründe


Inhaltlich spannt das Buch einen recht großen Bogen: Beginnend bei allgemeinen Informationen über Formen der Trauer und darüber, wie sich Trauer zeigen kann, geht es später sogar in den beinahe seelsorgerischen bzw. trauerbegleitenden Bereich. Wichtig war den Autoren die Anwendbarkeit in der beruflichen Praxis. Wenn es beispielsweise um den Tod eines Vaters geht, dessen Kind in einer Kita betreut wird, wird dieser Fall aus der Perspektive der dort angestellten Erzieher beleuchtet: Wie können sie sich verhalten? Was können sie sagen? Was hilft? Wie gehen sie mit ihrer eigenen Sprachlosigkeit und ihrem Entsetzen um? Das Buch macht an dieser Stelle nicht Halt, sondern dekliniert die verschiedensten Möglichkeiten durch - was tun, wenn Chefs sterben? Kollegen? Mitarbeiter? Geschäftspartner? Aber auch die verschiedensten religiösen Fragen finden Raum: Sollte es einen Gott geben - wovon das Buch, weil es sich an Religionspädagogen wendet, eher ausgeht -, warum lässt er soviel Trauer und Tod dann zu? 


Jedoch handelt es sich immer auch um ein Arbeitsbuch. Das wird deutlich an den Stellen, an denen es um die Frage von Orten der Trauer in Unternehmen geht und um die Frage, welche Rituale dann hilfreich sein können. Wo ein Ratgeber wie beispielsweise mein aktuelles Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" mit allerlei Ideen und Praxisbeispielen aufwarten kann, lädt das V&R-Buch die Schüler dazu ein, eigene Ideen zu entwickeln. Für das Verfassen eines Kondolenzschreibens sowie einer Beileidskarte gibt das Buch wiederum praktische Baukastensysteme mit, aus denen sich eignene Texte entwickeln lassen. Weil es sich um ein grundsätzlich religiös geprägtes Arbeitsbuch handelt, gibt das Autorenteam immer wieder Einblicke in andere religiöse Traditionen als die christliche: Wie werden die Themen Trauer, Tod und Sterben im jüdischen oder muslimischen Kontext behandelt, auch darauf geht das Buch ein (dass die buddhistische Perspektive hierbei ausgeschlossen wird, mag sich durch den Fokus auf das Religiöse erklären, ist aber dennoch bedauerlich - einer meiner wenigen Kritikpunkte).


Eine gelungene Mixtur der verschiedensten Themen rund um Trauer, spannende Ansätze und die gute Übertragbarkeit in den Beufsalltag machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Möge es eine vielfältige Anwendung finden - denn dieses so wichtige Thema schon in den jungen Berufsjahren zu etablieren, ist ein wichtiger und zielführender Ansatz. Zumal das Thema Trauer am Arbeitsplatz, davon bin ich überzeugt, in den kommenden fünf bis zehn Jahren zu einem immer wichtigeren und immer nötigerem Thema werden wird (wie im ersten Artikel dieser Serie näher ausgeführt, siehe hier).


Praxisbeispiele aus ganz Deutschland


Viele Beispiele aus der konkreten Praxis darüber, wie das Thema Trauer im Arbeitsleben derzeit von Unternehmen und Institutionen gepflegt und bearbeitet wird, finden sich übrigens in meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise". Das Buch versteht sich als Leitfaden für Führungskräfte, Personalverantwortliche und für Betriebsräte. Die darin versammelten Beispiele zeigen, was sich in Deutschland in Sachen Trauer am Arbeitsplatz bzw. Unterstützung von pflegenden Mitarbeitern getan hat, beispielsweise aus Hamburg, dem Ruhrgebiet, Nordhorn, aber auch aus Süddeutschland 

Alle Folgen der Artikelserie zum Thema "Trauer am Arbeitsplatz":


Folge 1: In fünf bis zehn Jahren braucht jedes Unternehmen ein tragfähiges Konzept
Folge 2: England macht es vor: Das Jack's Law hilft Eltern beim Verlust eines Kindes
Folge 3: Damit ganz Europa sprachfähig wird in Sachen Trauer - eine neue Initiative
Folge 4: Warum "Trauer am Arbeitsplatz" jetzt Thema im Schulunterricht wird
Folge 5: Die deutschlandweit erste Trauer-Betriebsvereinbarung - so funktioniert sie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie eine Familie den Geburtstag der gestorbenen Tochter jedes Jahr als Abschieds- und Lebensfest gestaltet und warum das Mut machen kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

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Sonntag, 23. August 2020

Damit ganz Europa sprachfähig werden kann in Sachen Trauer: Warum sich die Europäische Union für einheitliche Regeln zum Thema Trauer am Arbeitsplatz stark machen sollte - ein wichtiger und sinnvoller Appell an die Politik (Serie über "Trauer im Arbeitsleben", Teil 3)

Wien/Osnabrück - Einheitliche Regelungen zum Thema "Trauer am Arbeitsplatz", die in allen EU-Ländern gelten könnten - das ist im Augenblick noch Wunschdenken. Und das wird es noch eine Weile bleiben. Aktuell haben die politischen Gremien der EU das Thema noch überhaupt nicht im Fokus. Aber das solll sich ändern, das jedenfalls ist das Ziel einer Initiative, die von der Firma Rundumberatung aus Wien angestoßen worden ist. Denn wie eine Untersuchung der Firma zeigt: Die Regeln sind von Land zu Land unterschiedlich - aber immer unbefriedigend. 

An dieses Foto können sich manche vielleicht noch erinnern. Es ist eines dieser Fotos, die für sich betrachtet wenig aussagen, aber im dazugehörenden Kontext eine tiefgehende Wirkungsmacht bekommen: Die Rettungskräfte vom Roten Kreuz und von anderen Hilfsorganisationen stehen vor dem Gebirgsmassiv bei Le Vernet in Frankreich
. Sie stehen an der Stelle, an der heute eine Gedenkstele an den Crash des Germanwings-Flugs 9525 erinnert, also jenes Fluges, der am 24. März 2015 vom Co-Piloten Andreas Lubitz in vermutlich suizidaler Absicht gegen eine Gebirgswand gesteuert worden war. Was dem Begriff "Erweiterer Suizid" eine ganz neue Tragweite verliehen hatte. Im März 2015 hatten an diesem Ort die Autos der Angehörigen gestanden, deren Verwandte an Bord des Germanwings-Flugs 9525 gewesen waren. Es war genau dieses Bild, das den Wiener Politikwissenschaftler Thomas Geldmacher-Musiol nachdenklich gemacht hatte. 


(Foto: Daniel Naupold/dpa/Picture Alliance, Nutzungsrechte zur Verwendung im Blog erstanden/freigegeben)

Denn er stellte sich die Frage: All diese Angehörigen aus aller Welt, die im März 2015 dort nach ihren toten Verwandten hatten suchen wollen - haben die sich wohl Urlaub von ihrer Arbeit nehmen müssen, um sich diesem Schicksal zu stellen? Und weil es sich unter anderem um Menschen aus Spanien, Deutschland, aber auch aus Polen oder den Niederlanden handelte, stellten Daniela Musiol und Thomas Geldmacher-Musiol in einer Untersuchung zusammen, was sie an Regelungen zum Thema Trauer am Arbeitsplatz aus diesen und anderen EU-Ländern finden konnten. In Deutschland, Spanien und Italien beispielsweise haben die Menschen in einem Trauerfall derzeit Anspruch auf durchschnittlich zwei Tage bezahlte Auszeit. In England dürfen sie zwar drei bis fünf Tage der Arbeit fernbleiben, dafür aber unbezahlt - außer beim Verlust eines Kindes. Und in den Niederlanden können sich Menschen in einer Trauersituation einen Tag bezahlt freinehmen. Dass das alles nicht ausreicht, dürfte klar sein. Was die Rundumberater wiederum dazu veranlasste sich zu überlegen, wie EU-weite Mindeststandards aussehen könnten, wie Thomas Geldmacher-Musiol es im März 2020 in einem Vortrag auf der Wiener Messe "Seelenfrieden" berichtete...


(Dieses und das folgende Foto: Thomas Achenbach)

Was den beiden Politik-Profis vorschwebt, ist erstens eine Regelung, die sich am gerade frisch eingeführten Modell des britischen "Jack's Law" orientieren könnte: bis zu zwei Wochen können sich diesem Gesetz zufolge Arbeitnehmer eine Trauerauszeit nehmen, wenn sie ein Kind verloren haben. Bezahlen muss dies der Arbeitgeber. Der Vorschlag der Wiener Experten geht noch weiter: Nicht alleine nur beim Verlust von Kindern, sondern in jedem Fall einer Trauer- und Verlustsituation müsste EU-weit der Standard gelten, dass Arbeitnehmer einen Anspruch auf ein paar Wochen Auszeit hätten. Doch ob die Arbeitgeber immer bereit wären, dies zu finanzieren, ist fraglich. Deswegen haben Daniela Musiol und Thomas Geldmacher-Musiol eine zweite Idee entwickelt.


Bezahlte Auszeit bei einem Trauerfall - EU-weit


Ihnen schwebt eine gesicherte finanzielle Unterstützung
vor, die sich am Modell der in Österreich geltenden "Familienhospizkarenz" orientiert. Wobei Thomas Geldmacher-Musiol auf Nachfrage noch einmal konkretisiert: "
Eigentlich schwebt uns das als Sozialleistung vor, die ggf. über einen Fonds verwaltet werden könnte. In Österreich kommen die Mittel für das Pflegekarenzgeld aus dem FLAF, dem Familienlastenausgleichsfonds." Dabei geht es um die Begleitung von sterbenden Familienangehörigen, für die sich Mitarbeiter frei nehmen und ein unterstützendes Pflegegeld beantragen können. Dies hapert zwar noch an einigen Details, die selbst die zuständigen Ämter nicht alle durchschauten, sei aber grundsätzlich gesehen ein gutes Modell. Und so funktioniert die Regelung:



Sind Kinder lebensbedrohlich schwer erkrankt oder liegen Angehörige im Sterben, so können österreichische Mitarbeiter ihre Arbeitszeit reduzieren, auf andere Zeiten verlagern oder sich gänzlich vom Dienst freistellen lassen, für einen Zeitraum von bis zu drei Monaten, die je nach Situation um weitere drei Monate verlängert werden können. Zudem haben sie einen Rechtsanspruch auf das „Pflegekarenzgeld“. Ähnliches gilt eben auch im Fall von sterbenden Angehörigen, bei denen dann die so genannte "Familienhospizkarenz" greift. Das Geld stammt jeweils aus einem Fond. So oder ähnlich könnte es auch EU-übergreifend geregelt werden. 


Die vereinigten Staaten des Trauerverständnisses


Die nächsten Schritte der beiden werden jetzt sein, das Thema bei den zuständigen Politikern zu platzieren und eine Diskussion in den entsprechenden Gremien anzuregen. Eine von mehreren Entwicklungen übrigens, die sich parallel zum Erscheinen meines Buches "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" ergeben haben, sich aber vor dem Erscheinen noch gar nicht abgezeichnet hatten, und die deswegen Thema dieser ergänzenden Artikelserie geworden sind 

Alle Folgen der Artikelserie zum Thema "Trauer am Arbeitsplatz":


Folge 1: In fünf bis zehn Jahren braucht jedes Unternehmen ein tragfähiges Konzept
Folge 2: England macht es vor: Das Jack's Law hilft Eltern beim Verlust eines Kindes
Folge 3: Damit ganz Europa sprachfähig wird in Sachen Trauer - eine neue Initiative
Folge 4: Warum "Trauer am Arbeitsplatz" jetzt Thema im Schulunterricht wird
Folge 5: Die deutschlandweit erste Trauer-Betriebsvereinbarung - so funktioniert sie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie eine Familie den Geburtstag der gestorbenen Tochter jedes Jahr als Abschieds- und Lebensfest gestaltet und warum das Mut machen kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

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Sonntag, 16. August 2020

Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - in England gilt seit April 2020 ein neues Gesetz, das verwaisten Eltern bezahlte Auszeiten ermöglicht - eine bahnbrechende Initiative, weltweit einmalig und in der Corona-Krise zu Unrecht kompett untergegangen (Serie "Trauer im Arbeitsleben", Folge 2)

Osnabrück/London - Corona hin oder her: Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - das ist auch international zu einem ganz aktuellen und ganz wichtigen Thema geworden. In England dürfen berufstätige Eltern, die ein Kind verloren haben, seit April 2020 zwei Wochen lang einen bezahlten Sonderurlaub nehmen - einen Trauerurlaub. Das dürfte weltweit bislang einmalig sein, hat dazu die Regierung Großbritanniens in einem offiziellen Statement gesagt. Und weil diese Nachricht im Trubel der ersten Lockdowns im April 2020 überall in Europa ziemlich untergegangen ist, muss an dieser Stelle noch einmal erläutert werden, wie die Regelungen genau funktionieren. Denn sie sind tatsächlich bahnbrechend und könnten vielen anderen Ländern (und in anderen Trauerfällen) zum Vorbild werden. 

Die Einführung dieses neuen Gestzes ist eine von mehreren Entwicklungen, die sich parallel zum Erscheinen meines Buches "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" ergeben haben und die in einer eventuellen Neuauflage dieses Buches - irgendwann! - ebenfalls Erwähnung finden müssen. Die neuen Regeln in England werden für berufstätige Eltern gelten, die um ein Kind trauern (und auch in England gilt: Ab 18 Jahren ist ein Mensch erwachsen, also dann offiziell kein "Kind" mehr, sprich das Gesetz gilt für Eltern von Unter-18-Jährigen). Dabei ist unerheblich, ob es sich um ein leibliches Kind handelt oder um ein Pflege- oder Adoptivkind. Und im Falle einer Sternenkind- bzw. einer stille Geburt gilt: ab der 24. Schwangerschaftswoche haben die Eltern Anspruch auf diese Regeln. 


(Foto: Pixabay.de, Creative-Common-0-Lizenz)

In mehreren Artikeln über dieses Thema, unter anderem von der Wochenzeitung "Die Zeit", lässt sich das folgende Zitat der britischen Wirtschaftsministerin Andrea Leadsom dazu finden: "Es kann kaum schlimmere Erfahrungen im Leben geben als den Verlust eines Kindes, und ich bin stolz darauf, dass diese Regierung das Jack's Law verabschiedet". Das ist übrigens noch eine Sache, die dieses Gesetz zu etwas ganz Besonderem machen: Es trägt - ihm und seinen Eltern zu Ehren - den Namen eines gestorbenen Kindes. 


Jack ertrank im Teich - Papa musste zur Arbeit


Der kleine Jack war 23 Monate alt, als er durch ein tragisches Unglück im Garten seiner Eltern in einen Teich gefallen und durch Ertrinken gestorben war. Dies geschah bereits im Jahr 2010. Was Jacks Mutter - Lucy Herd - damals besonders aufgeregt: Dass ihr Mann, also Jacks Papa, nach der Tragödie nur drei arbeitsfreie Tage zustanden. Das muss sich ändern, schwor sich die frisch verwaiste Mama - und machte sich an die Arbeit. Jetzt, zehn Jahre später, wird diese von einem großen Erfolg gekrönt: Vom Jack's Law.

Tiefe Schnitte in Herz und Seele - Verlust eines Kindes (Symbolfoto: Thomas Achenbach)

Eltern dürfen den neuen Regeln zufolge selbst entscheiden, ob sie die zwei Wochen im Block nehmen wollen oder sie sie in zwei Einzelwochen aufteilen wollen, die sie je nach Bedarf verteilen können. Außerdem ist es unerheblich, wie lange die Eltern bei ihrem Arbeitgeber tätig sind - ob erst wenige Tage oder schon mehrere Jahre, wie die britische Regierung auf ihrer eigenen Website schreibt (gov.uk). Eine sehr wegweisende Entwicklung. Nun müsste es verstärkt darum gehen, dass dem Tabuthema "Tod eines Kindes" das Stigma genommen werden muss, so wird Clea Harmer, die Geschäftsführerin eines Wohltätigkeitsvereins für Eltern totgeborener Kinder, in einem Beitrag der BBC zitiert (den es jedoch nur auf Englisch gibt, ich habe mir die Freiheit genommen, die Passage selbst zu übersetzen). Denn auch in England gehört dieses Thema zu einem der am liebsten ignorierten oder, man verzeihe mir den in diesem Kontext makabren Begriff: totgeschwiegenen. Dabei gibt es den Angaben der britischen Regierung zufolge um die 7500 gestorbenen Kinder, darunter 3000 Stillgeborene, pro Jahr innerhalb der UK. 


Es tut sich viel in Sachen Trauer am Arbeitsplatz - weltweit


Weitere Praxisbeispiele, wie das Thema Trauer im Arbeitsleben derzeit in Deutschland und der ganzen Welt von Unternehmen und Institutionen gepflegt und bearbeitet wird, finden sich übrigens in meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise". Das Buch versteht sich als Leitfaden für Führungskräfte, Personalverantwortliche und für Betriebsräte. Die darin versammelten Beispiele zeigen, was sich in Deutschland in Sachen Trauer am Arbeitsplatz bzw. Unterstützung von pflegenden Mitarbeitern getan hat, beispielsweise aus Hamburg, dem Ruhrgebiet, Nordhorn, aber auch aus Süddeutschland. 


(Foto: Pixabay.de, Creative-Common-0-Lizenz)

Und doch hat sich, was diese Themen angeht, inzwischen schon wieder viel getan. Manche der aktuellen Entwicklungen habe ich in mein Buch gar nicht mehr mit aufnehmen können, ganz einfach aus dem Grund, weil sie noch nicht offiziell waren, als das Buch in Druck gegangen ist. In den zurückliegenden Wochen habe diese Entwicklungen in Form einer Mini-Serie einzeln vorgestellt - sowohl hier in diesem Blog als auch auf meinem Podcast, wo sich zum Beispiel ein aktuelles Interview über die erste deutsche Betriebsvereinbarung zum Thema Trauer und Verlust am Arbeitsplatz finden lässt (bei Interesse bitte hier klicken).

Die hier zitierten Artikel zum neuen Gesetz in den UK finden sich unter den folgenden Links:

- Beitrag aus "Zeit Online" vom 23. Januar 2020 - bitte hier klicken
- Beitrag der BBC News vom 23. Januar 2020 - bitte hier klicken
- Beitrag der britischen Regierung vom 23. Januar 2020 - bitte hier klicken 

Alle Folgen der Artikelserie zum Thema "Trauer am Arbeitsplatz":


Folge 1: In fünf bis zehn Jahren braucht jedes Unternehmen ein tragfähiges Konzept
Folge 2: England macht es vor: Das Jack's Law hilft Eltern beim Verlust eines Kindes
Folge 3: Damit ganz Europa sprachfähig wird in Sachen Trauer - eine neue Initiative
Folge 4: Warum "Trauer am Arbeitsplatz" jetzt Thema im Schulunterricht wird
Folge 5: Die deutschlandweit erste Trauer-Betriebsvereinbarung - so funktioniert sie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie eine Familie den Geburtstag der gestorbenen Tochter jedes Jahr als Abschieds- und Lebensfest gestaltet und warum das Mut machen kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

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Montag, 10. August 2020

Warum ich der festen Überzeugung bin, dass das Thema "Trauer am Arbeitsplatz"/"Trauer im Beruf" in den kommenden 5 bis 10 Jahren zu einem der wichtigsten Themen für Unternehmen & Institutionen werden wird und warum dieses Thema auch und gerade mitten in der Coronakrise weiter im Fokus stehen sollte - und was sich alles schon getan hat (Neue Serie, Teil 1)

Osnabrück - Die erste große Welle der Coronakrise war gerade überstanden, da landeten wieder die ersten Einladungen zu Online-Vorträgen und Workshops in meinen E-Mail-Postfächern. Ob ich nicht weiterhin am Thema "Arbeitgebermarke" interessiert sei - oder auf Englisch "Employer Branding". Diese beiden Worte mögen für Nicht-Personalabteilungs-Erfahrene zwar so klingen, als würde da einem Angestellten ein Brandzeichen in die Haut eingedampft, wollen aber etwas ganz Anderes sagen: Es geht darum, sich als Arbeitgeber so attraktiv zu machen, dass die Angestellten gar nicht anders können als das Unternehmen einfach nur toll zu finden. Das soll Fluktuationen verhindern, soll Mitarbeiter motivierter machen und für ein so gutes Miteinander sorgen, das es sich in den Ergebnissen der Unternehmen bemerkbar macht. Meiner Meinung nach gehört das Thema "Trauer am Arbeitsplatz" unbedingt dazu - vor allem, wenn man auf die kommenden zehn Jahre guckt.

Im Augenblick, mitten in der beginnenden zweiten Welle der Coronakrise, haben die Unternehmen in Deutschland wieder andere Sorgen als sich um trauernde Mitarbeiter kümmern zu können. Oder um Mitarbeiter, die in einer Pflegeverantwortung stehen. Das ist klar. Und doch ist es gerade mitten im erneuten Aufschäumen dieser Coronakrise so wichtig, die oben erwähnte langfristige Perspektive nicht aus den Augen zu verlieren und über den Tellerrand der aktuellen Krise hinaus zu denken. Vor allem aus Sicht der Unternehmen. Denn die langfristige Perspektive heißt: Es gibt immer weniger Menschen, die arbeiten werden; die Menschen, die arbeiten gehen, werden immer älter sein und damit auch stärker betroffen von Pflegesituationen sowie von krisenhaften Ereignissen wie Tod, Trauer, Sterben. Das bedingt der Wandel der Gesellschaft. Eine kürzlich veröffentlichte Studie brachte es auf den Punkt: In manchen Regionen kommen in 10 bis 20 Jahren auf jedes neu geborene Kind rund vier gestorbene Menschen (mein Beitrag dazu findet sich hier).


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Trauer am Arbeitsplatz, so etwas hat es bis vor kurzem offiziell gar nicht geben dürfen. Oder anders gesagt: So etwas war weder geduldet noch willkommen. Doch wer schon einmal in Trauer gewesen ist, der weiß, dass das so nicht funktionieren kann. Inzwischen bröckelt diese Einstellung jedoch, weltweit - und nicht nur die. Wie sehr dieses Thema die Menschen bewegen kann und wie wichtig es für den Unternehmeskontext ist, belegen auch die Zahlen meines Blogs: Der am meisten gelesene Artikel, der schon weit über 100000 Mal aufgerufen worden ist und jeden Tag wenigstens einmal einen neuen Leser findet, behandelt die Frage, ob ich als Arbeitnehmer in einer Trauer- und Verlustsituation eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bekommen kann oder nicht (ein frisch aktualisierter Artikel dazu findet sich unter diesem Link). Was wir dadurch lernen können: Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation wollen wahrgenommen werden. Auch und gerade im Beruf. Hier und dort geschieht das auch bereits.


Aktuelle Ereignisse 


Denn schon vor Ausbruch der Coronakrise hatte sich viel getan, was das Thema Trauer im Beruf angeht (aktuelle Entwicklungen finden sich in dieser Artikelserie und in meinem aktuellen Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", veröffentlicht im Campus-Verlag). Dann dauerte es nur zwei Wochen und die Welt war eine ganz andere. Doch je länger diese Krise nun andauert, desto klarer wird eines: Das Thema Trauer, sei es am Arbeitsplatz oder andernorts in unserer Gesellschaft, wird in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Es wird höchste Zeit also, dass wir als Gesellschaft hier sprachfähiger werden. 


20 Tage bezahlte Trauerkarenz - das ist (noch) Ausnahme


Trauer, das war früher einfach nur Privatsache. Das gehörte nicht ins Büro oder an den Arbeitsplatz, es gehörte nicht zum Straßengespräch unter Nachbarn und nicht in den Smalltalk. So lautet viele Jahre lang die Maxime. Aber das funktioniert so einfach nicht: Abgesehen von Konzentrationsverlusten können sich zahlreiche Gefühle und Situationen einstellen, die ein Arbeiten nicht mehr möglich machen. Facebook hatte bereits vor ein paar Jahren den Anfang gemacht - das Unternehmen gewährt seinen Angestellt 20 Tage bezahlte Auszeit bei einem Trauerfall und ist damit international ein Vorreiter. Noch? Noch, das ist sicher. Denn Facebook ist inzwischen kein Einzelfall mehr, wie die kommenden Beiträge zu dieser Serie auf diesem Blog zeigen werden und wie es die Praxisbeispiele in meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen" (Campus-Verlag) zeigen. Und auch wenn die Coronakrise viele Parameter in den Unternehmen umgestellt hat: Das Thema passt nach wie vor gut in unsere moderne Zeit. Vielleicht sogar: Gerade wegen der Krise. 



Denn mittlerweile ist die Arbeitswelt in Deutschland und in der ganzen Welt im Umbruch begriffen. Stand bis vor kurzem alleine die Effizienz im Vordergrund, sozusagen "Ohne Rücksicht auf Verluste", hatte sich der Fokus vor Ausbruch der Coronakrise immer mehr verschoben - hin zum einzelnen Arbeitnehmer und zu seinen Gefühlen. Aktuell dürften diese Trends wegen Kurzarbeit und Rezessionsängsten ein wenig an Tempo verloren haben, ihre allgemeine Gültigkeit bleibt jedoch. Der erste von zwei Megatrends wird dabei mit „Purpose“ beschrieben. Sprich: Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern heutzutage Sinnhaftigkeit und Tiefe in ihrem Tun anbieten. Mitarbeiter wollen - und sollen - in ihrer Arbeit eine Aufgabe entdecken, die ihnen Sinn und Erfüllung bringen kann und mit mit der sie außerdem zu einem höheren Gemeinwohl beitragen können, das ist der Anspruch. Und der zweite Megatrend: Eine konsequente Hinwendung zum einzelnen Mitarbeiter und zu seinen Sorgen und Nöten. 

Mitarbeiter wollen Sinn in ihrer Arbeit finden


Wie weitreichend diese Entwicklungen sind, zeigen allerlei aktuelle Entwicklungen. So hat beispielsweise der ehemalige Geschäftsführer des Handelsblattes, Frank Dopheide, eine Agentur gegründet, die Unternehmen in Sachen Purpose und Mitarbeiterbindung berät: „Human unlimited“ heißt sie. Übersetzen ließe sich das mit „Unbegrenzte Menschlichkeit“. Da steckt ein hoher Anspruch in diesen zwei Worten. Und doch ist seine Agentur nicht die einzige, die sich diesem Ziel verschrieben hat. Wer "Purpose" googelt, findet mehrere Einträge gleich auf der ersten Seite. Und es tut sich noch eine Menge mehr, wie zum Beispiel in meinem Podcast zu hören ist (bei Interesse bitte hier klicken). 



Unter anderem deswegen bin ich überzeugt davon, dass die Themen meines neuen Buches - also; Trauer am Arbeitsplatz sowie die Pflege von Angehörigen durch Mitarbeiter - in den kommenden fünf bis zehn Jahren an gesellschaftlicher und unternehmerischer Relevanz enorm zunehmen werden. Alleine schon, weil der demographische Wandel die Arbeitnehmer immer älter werden lässt, aber auch weil diese Themen sehr gut in die großen aktuellen Trends in der internationalen Wirtschaft passen.


Hier wird nicht getrauert, hier wird geschuftet?!


"Bei uns wird gearbeitet, nicht getrauert“ – solche Sprüche hat die Münchner Trauerbegleiterin Franziska Offermann noch vor zehn Jahren zu hören bekommen, als sie auf einer Messe für Personalverantwortliche erstmals ihr Angebot vorstellte, wie sie einmal in einem Vortrag schilderte. Doch in Zeiten knapper werdenden Personals und in Zeiten der immer mehr in den Fokus rückenden sozialen Verantwortung von Unternehmen und Institutionen ihren Mitarbeitern gegenüber, geht das so nicht mehr. Ganz abgesehen von plötzlich über die Welt hereinbrechenden Krisen wie die aktuelle rund um das Coronavirus.



Einige neue und vorbildliche Entwicklungen hat es in Sachen Trauer am Arbeitsplatz inzwischen in Deutschland und in der Welt gegeben, die in mein Buch gar nicht mehr mit aufgenommen werden konnten, ganz einfach aus dem Grund, dass sie noch nicht offiziell waren, als das Buch in Druck gegangen ist. In den kommenden Wochen werde ich in Form einer Mini-Serie diese neuen Entwicklungen in den Blick nehmen und sie einzeln vorstellen. Noch weitere positive Praxisbeispiele, wie sich mit den Themen Trauer am Arbeitsplatz  und Pflegeverantwortung von Mitarbeitern vorbildlich umgehen lässt, finden sich in meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise". Dieses ist im März 2020 im Campus-Verlag, Frankfurt, erschienen und versteht sich als Leitfaden für Führungskräfte, Personalverantwortliche und für Betriebsräte. In dem Buch finden sich viele Best-Practice-Beispiele dafür aus Hamburg, dem Ruhrgebiet, Nordhorn, aber auch aus Süddeutschland. Und doch ist diese Sammlung noch nicht komplett und muss laufend aktualisiert werden, denn es ist nach wie vor viel Schwung in diesem Thema 

Alle Folgen der Artikelserie zum Thema "Trauer am Arbeitsplatz":


Folge 1: In fünf bis zehn Jahren braucht jedes Unternehmen ein tragfähiges Konzept
Folge 2: England macht es vor: Das Jack's Law hilft Eltern beim Verlust eines Kindes
Folge 3: Damit ganz Europa sprachfähig wird in Sachen Trauer - eine neue Initiative
Folge 4: Warum "Trauer am Arbeitsplatz" jetzt Thema im Schulunterricht wird
Folge 5: Die deutschlandweit erste Trauer-Betriebsvereinbarung - so funktioniert sie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

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