Sonntag, 18. Dezember 2016

Deutliche Zeichen für eine sich wandelnde Trauerkultur: Warum Unfallkreuze und selbst aufgestellte Wegekreuze eine wichtige Funktion für den Trauerprozess spielen - über wilde Trauerstätten, Teil 2 (Beispiel: Unfallstellen im Osnabrücker Land)

Osnabrück – Der Ort, an dem jemand gestorben ist, spielt für die Hinterbliebenen eine enorm wichtige Rolle. Dies gilt umso mehr für Unfallopfer. Dorthin zu gehen, wo es geschah, ist für die Angehörigen oft ein wichtiges Ritual. Selbst aufgestellte Wegekreuze und wilde Trauerstätten an den Straßenrändern machen das Ereignis für alle sichtbar, auch wenn die Scherben und Splitter längst weggeräumt sind. Diese wilden Trauerstätten sind ein soziologisch und gesellschaftlich hochinteressantes Phänomen – über das es indes wenig an Dokumentations- oder Fosrschungsarbeit gibt. Dabei wäre das tatsächlich mal ein gutes Thema.

Denn diese Unfallkreuze sind für sich betrachtet eine ganz neue Form von Symbol, so hat es die Soziologin Christine Aka formuliert. „Das Kreuz“, schreibt sie; „ist individuell umgedeutet“ – als „überkonfessionell verwendetes Todessymbol“. Weniger christlich zu verstehen als vielmehr als Hinweis darauf, dass hier, an dieser Stelle, der Tod stattgefunden hat – und tatsächlich gibt es kaum eine Unfallstelle ohne Kreuz, wie eine immer wieder aktualisierte Ausstellung das Landkreises Osnabrück zeigt, über die ich kürzlich geschrieben habe


Der Landkreis Osnabrück hat die Ausstellung "Straßenkreuze - gegen das Vergessen" im Programm, die seit zehn Jahren laufend aktualisiert wird. Die eindrucksvollen Fotos zeigen die Wegekreuze aus der Region.   (M.Münch-Landkreis-Osnabrück-Foto)

Die inzwischen in Münster lehrende Volkskundlerin hat zwischen 2000 und 2003 zum Thema Unfallkreuze geforscht und eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Buch zum Thema veröffentlicht („Unfallkreuze – Trauerorte am Straßenrand“ erschien im Waxmann-Verlag), außerdem hat sie einen bemerkenswerten und sehr klugen Zeitschriftenbeitrag geschrieben, aus dem hier zitiert werden wird (Zeitschrift: „Alltag im Rheinland“, herausgegeben vom Landschaftsverband Rheinland, 2010)


So ein Tod bringt "dramatische Anforderungen an die Psyche" 


„Gerade der gewaltsame Tod führt zu dramatischen Anforderungen an die Psyche des einzelnen Trauernden. Individuelle Psychologie, also Gefühle, und gesamtkulturell interpretierbare Phänomene gehen in der Trauer eine komplexe Verbindung ein,“ schreibt Aka in diesem Text. Aber nicht nur im Straßenverkehr, auch an anderen Stellen lassen sich immer mal wieder wilde Trauerstätten außerhalb der Friedhöfe finden – beispielsweise in der Osnabrücker Innenstadt. Und damit wird dieses Phänomen besonders interessant.


Auf 20 Bildtafeln werden in der Ausstellung "Straßenkreuze - gegen das Vergessen" die Unfallstellen vom Landkreis Osnabrück gezeigt - hier fotografiert in den Berufsbildenden Schulen Melle.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Denn es zeigen sich darin neue Formen von Trauerkultur. Das sieht auch Christine Aka so: „Unbestreitbar zeigen die heutigen Unfallkreuze ein Bedürfnis, vielleicht eine Sehnsucht nach neuen Umgangsformen mit Trauer. Solche Trauerhandlungen werden gerne als neue Trauerrituale bezeichnet“. Was sich hier zeigt, ist nach Akas Worten die Folge von zweierlei Entwicklungen: „Der Umgang mit dem Tod ist heute ein individuelles Problem, da es keine konkreten Verhaltensmuster mehr gibt, die einem helfen, „das Richtige zu tun“. Daher würden diese wilden Trauerstätten auch zu einem „Hinweis auf Schmerzzonen, für die kaum eine andere Ausdrucksformen zur Verfügung stehen.“


"Personen auf der Fahrbahn" - unterwegs zur Todesbewältigung?


Diese klugen Beobachtungen machen verstehbar, warum Trauernde gerne an diese Orte zurückkehren, an denen, salopp gesagt, „es geschehen ist.“ Ich bin selbst einmal in einer journalistische Recherche der These nachgegangen, dass die so oft im Verkehrsfunk gehörte Meldung von „Personen auf der Fahrbahn“ in Wahrheit auf Trauernde zurückzuführen ist, die einen Unfallort aufsuchen. Eine These, von der ich nach wie vor überzeugt bin – die ich allerdings derzeit nicht nachweisen kann, weil weder Polizei noch andere Trauerbegleiter noch Seelsorger mir diese Ahnung bestätigen konnten, geschweige denn sie mit Zahlen oder Fakten untermauern konnten. Also bleibt es eine gefühlte Spur, der ich zwar weiter nachgehen werde, für die ich aber andere Aufspürmittel finden muss. Aber zurück zur Wissenschaft.

Ein bis drei Schüler pro Schuljahr werden an den BBS Melle Opfer von Verkehrsunfällen. Dieses Foto zeigt (von links) den Ausstellungs-Macher Manfred Motzek vom Landkreis Osnabrück sowie Edda Kröger, Diplom-Sozialpädagogin an der BBS Melle und den stellvertretenden Schulleiter Claus Dötzer.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Christine Aka schreibt in ihrem klugen Text weiter: „Mir scheint es dabei um eine Art therapeutischer Handlungen zu gehen.“ Und an dieser Stelle wird es besonders interessant, weil sich in den klugen Beobachtungen der Wissenschaftlerin vieles finden lässt, was Trauernde als hilfreich beschreiben. Also nicht allein das Aufsuchen eines Trauerortes, sondern beispielsweise das Gefühl, dem Verstorbenen dort besonders nahe sein zu können. Das gilt für den Besuch am Grab genauso wie für den Besuch der Totenstätte.


Dort sein können, wo die letzten Sekunden stattgefunden haben


Das bestätigen auch Akas Beobachtungen: „Der Ort hat damit fast die Funktion eines mythischen Platzes, an dem dem Verstorbenen real nahe zu kommen meint, näher als beispielsweise auf dem Friedhof, an seinem Grab. Denn an der Stelle des Unfalls erscheinen die letzten Momente eines Lebens den Hinterbliebenen fast konserviert, im Raum anwesend.“ Der Unfallort sei damit auch „ein Ort einer merkwürdigen unspezifischen Transzendzenzgläubigkeit“, die aber mit katholischen Vorstellungen wenig gemein habe.


Klassische Form von Todesbewältigung - inklusive Transzendenz


Denn: „Die unwiderruflich Abwesenden werden imaginär präsent gemacht, sie werden beschenkt, angesprochen, in das Leben integriert“, formuliert es die Wissenschaftlerin: „Hier findet auf allen Ebenen ein symbolischer Austausch zwischen den Lebenden und den Toten statt, eine klassische Form von Todesbewältigung und für jede Art von Umgang mit Transzendenz grundlegend.“ Somit würden diese wilden Trauerstätten die Betrachter auch anregen, über aktuelle Formen des Redens über Trauer und des Zeigens von Trauer nachzudenken. Oder anders formuliert..:


Eine Wegekreuz an einer Unfallstelle in Melle-Neuenkirchen, wo im Juli 2012 ein tragischer Unfall geschah - auch dieses Trauerkreuz findet sich in der Ausstellung über die Unfallstellen des Landkreises Osnabrück.  (M.Münch-/Landkreis-Osnabrück-Foto)


Der Sinn der Trauerstätten ist die Sinnsuche


„Als Indiz für öffentliche Trauer regen Unfallkreuze damit zum Nachdenken über heutige Formen von sinnstiftenden Ritualen und individueller Spiritualität an“, heißt es auf dem Klappentext des zu der Forschungsarbeit gehörenden Buches aus dem Waxmann-Verlag. Oder wie Christine Aka es so in ihrem Zeitschriftentext schreibt: „In einer neuen Art kombiniert, haben diese Bedeutungsaktualisierungen gerade ihren Sinn darin, nach Sinn zu suchen“.


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Sonntag, 4. Dezember 2016

Am 13. 12. 2026 ist es wieder soweit - dann findet weltweit wieder das "World Wide Candle Lighting" statt... Ein Licht für alle, die viel zu früh von dieser Welt gegangen sind, geht einmal um die Welt - so funktioniert das World Wide Candle Lighting für gestorbene Kinder/Sternenkinder

Ein Lichterband umspannt die ganze Welt - das ist die Idee des weltweiten Gedenktages an verstorbene Kinder.  (Thomas-Achenbach-Foto

Osnabrück - Oft sind es die simpelsten Gesten, die uns tief berühren. Bei Trauer ist es das Anzünden einer Kerze. Als ebenso simples wie eindrucksvolles Symbol dafür, dass das Licht des Menschen, der von dieser Welt gehen musste, noch immer in einem leuchtet. Diesen Effekt macht sich eine berührende Aktion zunutze, die immer in der Vorweihnachtszeit stattfindet, einer für Trauernde ganz besonders schwierigen Zeit. Denn für alle Eltern, die ein Kind verlieren mussten, gibt es immer am 2. Sonntag im Dezember das "World Wide Candle Lighting" (in 2026 am Sonntag, 13. 12.). 

Weltweit werden Kerzen in die Fenster gestellt, um der verstorbenen Kinder zu gedenken - aber immer um 19 Uhr der jeweiligen Landeszeit, von Kontinent zu Kontinent. So zieht sich innerhalb von 24 Stunden ein Lichterband um die ganze Welt - und das leuchtet für all die Kinder, die mit ihrem Leben (wie kurz es auch gewesen sein mag) einmal die Welt erhellt haben. Aber es leuchtet auch für alle Eltern, die sich mit ihrer Trauer oft unangemessen alleingelassen fühlen. Und obwohl ich als Papa mit dem großen Glück gesegnet bin, als nicht verwaister Elternteil ein Kind aufziehen zu können, wird auch bei mir eine Solidaritätskerze im Fenster leuchten - für alle Eltern, denen es nicht mehr so geht und mit denen ich im Verlauf des Jahres über solche Erfahrungen gesprochen habe. Denn ein solcher Tag erinnert uns wieder daran, wie wenig selbstverständlich alles ist, was wir als vermeintlich normal hinnehmen - dass wir morgens aufstehen und atmen, beispielsweise. 


(Thomas-Achenbach-Foto)

Eine Gedenkaktion für alle gestorbenen Kinder


Übrigens ist es an diesem Trauertag ganz egal, wie alt das Kind gewesen ist und wann es oder wie es gestorben ist. Denn der Gedenktag wurde von den "Compassionate Friends" ins Leben gerufen, einer aus den USA stammenden Vereinigung von Eltern, die zu Waisen werden mussten. In Deutschland entsteht -  auch wegen vieler an diesem Tag stattfindenden Aktionen in Kliniken und Geburtshäusern - gelegentlich der Eindruck, das "World Wide Candle Lighting" sei vor allem für Sternenkinder, also still geborene Kinder, eingerichtet worden (und selbstverständlich sind auch all diese Kinder integraler und sicherlich besonders schmerzvoller Bestandteil der Gedenktag), aber die Aktion richtet sich grundsätzlich an alle verwaisten Eltern. Um Kinder zu trauern, so formulierte es der Bayerische Rundfunk in einem Beitrag, sei wie "eine Amputation des Herzens." Und Eltern bleiben immer Eltern, ganz egal, ob das Kind 21 Monate oder 21 Jahre alt ist. 


Ein jährlich wiederkehrendes Charity-Projekt zugunsten aller trauernden Eltern, die ein Kind verloren haben, ist die "Aktion Lichtpunkt".  (Thomas-Achenbach-Foto)

Damit das Leben der Angehörigen nicht dunkel bleibt


Besonders schön ist, was der Bundesverband Verwaister Eltern auf seiner Website zum Aktionstag schreibt: "Das Licht steht auch für die Hoffnung, dass die Trauer das Leben der Angehörigen nicht für immer dunkel bleiben läßt. Das Licht schlägt Brücken von einem betroffenen Menschen zum anderen, von einer Familie zur anderen, von einem Haus zum anderen, von einer Stadt zur anderen, von einem Land zum anderen. Es versichert Betroffene der Solidarität untereinander. Es wärmt ein wenig das kalt gewordene Leben und wird sich ausbreiten, wie es ein erster Sonnenstrahl am Morgen tut." Es sind diese Zeilen, die mich ermutigt haben, auch eine Solidaritätskerze in mein Fenster zu stellen.


Ein Lichtpunkt zum Tragen an der Kleidung


Der Gedenktag ist auch der Abschlusstag einer in Deutschland parallel stattfindenden Aktion, die die Künstlerin Stefanie Oeft-Geffarth ins Leben gerufen hat - die Aktion "Lichtpunkt". Dafür hat sie eine weiße Version ihrer eigentlich in schwarz gehaltenen 
Trauernadel entworfen, also einen kleinen weißen Punkt, der als Schmuck getragen werden kann. Das kleine Schmuckstück, das an Blazer oder Sakko oder der Bluse geheftet werden kann, soll eine moderne Interpretation dessen sein, was als „Trauerflor“ bis in die 70er Jahre hinein gang und gäbe war: Wer in Trauer war, der zeigte das auch. In der weißen Version wird daraus der "Lichtpunkt", der die Idee des "World Wide Candlelightings" weiter transportiert. Diese "Lichtpunkte" sind dabei immer ab dem 1. 11. und bis Mitte Dezember erhältlich. 



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Sonntag, 27. November 2016

Da ist sie wieder, diese grässliche Zeit..... - Trauer in der Adventszeit und Weihnachtszeit, wie sich diese Zeit überstehen lässt - Versuch einer Ermutigung in der Adventszeit (fünf kleine Tipps für Trauernde)

Osnabrück - Vom Licht, das in die Welt hineinleuchtet, ist in der Adventszeit oft die Rede. Nicht allein in der Kirche. Und tatsächlich leuchtet es ja allerorten. Wer einen Verlust erlitten hat und in Trauer ist, für den ist diese Zeit indes besonders schwer zu ertragen - auch noch Jahre nach dem Ereignis. Da leuchtet nichts, da wird es schwarz im Herz. Hier ist der Versuch einer Ermutigung für Menschen in Trauer inklusive einiger kleiner Gedankenanregungen, wie Betroffene eventuell besser durch die Weihnachtszeit kommen könnten.

1.) Das Licht uminterpretieren: So wie die Aktion des "World Wide Candle Lighting" - einer Traueraktion für verwaiste Eltern, die sehr bewusst mitten in der Adventszeit stattfindet - einen Leuchtpunkt zum Gedenken an verstorbene Kinder setzt, lässt sich auch das jetzt überall strahlende Licht neu interpretieren, nämlich als das Licht des oder der Verstorbenen, das immer noch leuchtet, also im Inneren, in uns selbst. Wer sich daheim eine Kerze anzündet, mag darin ein Symbol für dieses Leuchten sehen können - und weniger eine stimmungsvolle oder festliche Dekoration zur adventlichen Besinnung.


Hilfe, muss das sein? Für Trauernde ist die Vorweihnachtszeit oft keine besonders schöne Zeit. All das Leuchten und freudige Erwarten um einen herum kann etwas Überforderndes haben.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

2.) Versuchen, da durchzugehen und es auszuhalten: Manchmal muss das einfach reichen. Jeden durchlebten Tag als einen Erfolg betrachten, auch, wenn es sicher nicht einfach ist. Klingt schwach, ist aber viel wert. Denn das berichten Trauernde oftmals in dieser Zeit: Dass es manchmal schwer genug fällt, jeden einzigen Tag auszuhalten. Hier kann ein kleines Erfolgstagebuch weiterhelfen. Sätze wie "Wieder einen Tag ausgehalten" oder vielleicht "War heute gar nicht so schlimm wie gestern" oder "...wie zuerst erwartet" zu notieren, kann einem dabei helfen, sich bewusst zu machen, dass manches besser läuft als man es vielleicht denkt. Das setzt einen kleinen Ankerpunkt. Vielleicht gibt es ja sogar hier und da ein paar weitere Erlebnisse, die in den Bereich des Schönen und Aufschreibenswerten fallen. Gesammelt in einem kleinen Erfolgstagebuch kann schnell eine wertvolle Schatzsammlung guter Lebensaugenblicke daraus werden. Kann gut tun.

3.) Die Adventsdekoration auf die Trauerstelle ausweiten: Einen Tannenzweig vom Adventskranz oder vom Weihnachtsbaum abschneiden und ihn an die Trauerstätte legen - auf das Grab, falls vorhanden. Die Verstorbenen und die Trauer also in dieser Form in die Feierlichkeiten zu integrieren. Das kann ein kleines, aber wirkungsvolles Symbol sein.

4.) Ganz bewusst die Trauerstätten aufsuchen: Nun soll die Advents- und Weihnachtszeit ja eigentlich eine Zeit der Familie sein, des Zusammenseins, des Miteinanders. Es ist gerade diese übermäßige Aufladung mit Harmonie und Bedürftigkeit, die diese Tage so schwer macht. Aber auch das lässt sich uminterpretieren: Wenn also die Adventszeit eine Zeit der Familie ist, dann darf sie auch eine Zeit sein, die oft am Grab oder an der Trauerstätte verbracht werden darf. Denn dorthin zu gehen, erleben viele als eine Art "Kontakt halten können", dort haben sie das Gefühl, den Verstorbenen nahe zu sein. Und darum geht es ja in der Weihnachtszeit. Das "nahe sein". Und um Transzendenz. Na also.


Kerzen anzünden als bewusste Geste des Erinnerns und Gedenkens - so lässt sich das Leuchten in der Weihnachtszeit auch für Trauernde (um-) interpretieren.   (Thomas-Achenbach-Foto)

5.) Anderen trotz allem ein frohes Fest wünschen: Vor allem in der Weihnachtszeit wächst bei allen anderen, die nicht in Trauer sind, die Unsicherheit, wie sie mit Menschen umgehen sollen, die einen Verlust zu beklagen haben. Da kann es sein - wenn es schlecht läuft -, dass sogar die Weihnachtskarten ausbleiben, weil es sich für die Absender nicht passend anfühlt, ein "frohes Fest" zu wünschen. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass gerade in dieser Zeit, die so mit Nähe und Verbundenheit gefüllt sein soll, das Thema Trauer nicht willkommen zu sein scheint. Und dennoch gilt: Anderen etwas Gutes zu tun, fühlt sich selbst gut an. Wem es gelingt, auch in einer emotionalen Krisensituation - also in Trauer - all seinen Freunden, Nachbarn, Verwandten und Bekannten mit Milde und guten Wünschen zu begegnen, aktiv auf sie zuzugehen und ihnen ein frohes Fest zu wünschen, trägt ebenfalls ein Stückchen Weihnachten in die Welt hinein. Einen Versuch wäre es wert. 


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Samstag, 12. November 2016

Warum Weihnachtsschmuck nicht vor dem Totensonntag anbringen (und warum das weniger mit Religion zu tun hat als man so denkt)? Warum Advents- und Weihnachtslichter generell erst nach dem Totensonntag eingeschaltet werden sollten...

Osnabrück - Wer einen Verlust zu beklagen hat, wer gerade in Trauer ist, der ist sehr empfänglich für allerlei Signale. Viel empfänglicher als andere. Für Sehnsüchte. Und vor allem: für Wehmut. So ist vor allem die Advents- und die Weihnachtszeit für Trauernde eine Phase, die viele von ihnen als besonders schmerzvoll erleben. Weil sie so geprägt war von dem Zusammensein mit anderen Menschen, weil selten im Jahr ein Verlust so präsent wird. Da ist es hilfreich, wenn ihnen das Gefühl vermittelt werden kann, dass die Trauer einfach sein darf, dass sie wahrgenommen wird. Warum nicht durch einen gemeinsamen Gedenktag? Genau deswegen - aus Respekt vor diesen Gefühlen - ist es wichtig und richtig, mit der allzu leuchtenden und offensiven Weihnachtsdekoration bis nach dem Totensonntag zu warten. Wobei der Totensonntag selbst umstrittener ist als manche vielleicht denken... 

Wer das Internet durchforstet, der findet diese Frage oft auf den Ratgeberforen: Warum muss ich bis Totensonntag warten mit meinem Weihnachtsschmuck? Manchmal, wenn auch nicht immer, geht die Frage mit einem Unterton nahe der Empörung einher, so nach dem Motto: Worauf muss ich denn noch alles Rücksicht nehmen? Und, zugegeben, auch mir hat es spätestens mit der Zeitumstellung und der langen, langen Dunkelheit am Abend in den Fingern gejuckt, die ersten Lichterketten aufzuhängen, denn wenn es so nasskalt, fies und düster ist, braucht es so sanftes Licht. Es kann einem so gemütlich die Seele ausleuchten, kann eine neuen Form innerer Wärme mit sich bringen. Aber eben nur: Solange es einem gut geht, solange das Leben gerade ohne Tiefschläge verläuft, solange es sich in einer relativ stabilen Phase befindet. Das wissend, habe ich es also gelassen. Aus Respekt - wie oben erwähnt. Weniger aus religiösen Gründen, vielmehr aus allgemein seelischen. 


Wenn schon ein Lichterleuchten vor der Adventszeit, dann vielleicht besser als Grableuchten?   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Dem Gedenken an die Toten einen festen Rahmen zu geben, kann für jeden Trauernden eine hilfreiche Sache sein - wie auch immer dieser Rahmen aussehen mag, wann auch immer er und wie auch immer er organisiert sein mag. Aber einen Tag im Jahr fest installiert zu wissen, an dem ein Trauernder wissen und spüren kann, dass er nicht alleine ist, weil es zumindest diesen einen Tag im Jahr gibt, an dem auch alle anderen ihrer Toten gedenken - diese Idee hat etwas zutiefst Tröstendes und Heilsames. Und so ist allen religiösen und weltlichen Diskussionen zum Trotz ein Totensonntag eine wertvolle Sache. 

Ein preußischer König, der Verluste zu beklagen hatte


Was heute kaum noch einer weiß: der Totensonntag als Institution ist erst von den Preußen eingeführt worden. Friedrich Wilhelm der Dritte war es, der mit der Einführung dieses - kirchlich gesehen: rein evangelischen - Gedenktages tief in die Gestaltung des Kirchenjahres eingriff. Dies vermutlich weniger aus religiösen Gründen als vielmehr aus ganz pragmatischen. Im Kriegsjahr 1813 hatte es auch auf preußischer Seite viele Verluste gegeben in jenen Schlachten, die heute als "Befreiungskriege" (gegen Napoleon) in die Geschichte eingegangen sind. Drei Jahre später ordnete der König das Totengedenken neu. Es muss ihm wohl ein Bedürfnis gewesen sein. Bei den Katholiken ist das traditionell alles etwas anders.

Empfinden nicht nur Gläubige als unpassend: Leuchtender Adventsschmuck noch vor dem Totensonntag.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Mit dem Volkstrauertag in die "traurigen Tage"


Für sie beginnt das traditionellen Totengedenken alljährlich mit Allerseelen (immer am 2. November), dem Tag nach Allerheiligen. Doch viele Katholiken feiern auch am evangelischen Totensonntag - der in ihrem eigenen Kirchenjahr "Christkönigstag" heißt -  das Totengedenken mit. Zumal dieser Totensonntag alljährlich perfekt eingebettet ist in ebenjene weltliche Woche, die mit dem 1925 erstmals und 1952 erneut eingeführten Volkstrauertag beginnt, der dem Gedenken der in den Weltkriegen gestorbenen Menschen gewidmet ist. So ergibt sich also eine "traurige Woche" (oder auch die "traurigen Tage"), in der ausgiebig getrauert werden darf. Und auch das erleben viele Trauernde als hilfreich: Dass sie eben auch mal trauern dürfen. Bekommen sie doch oft das Gefühl vermittelt, sie dürften es nicht (mehr). 

Und dann: Lichter - das hat auch was Tröstendes


Und wenn dann, am Ende einer Woche voller trauriger Tage, überall die Lichter angehen, dann kann doch auch das eine fast spirituelle, heilsame, vielleicht tröstende Wirkung haben. Wenn auch nicht immer auf Trauernde. Und deswegen: Warten bis nach dem Totensonntag. Aus Respekt. Vor dem Leben...


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Mittwoch, 9. November 2016

Noch mehr Tipps zum Umgang mit Trauernden - "Sei doch bitte wieder normal" geht leider gar nicht - Und lässt sich Trauer wirklich "bewältigen"?

Osnabrück  - Die schwierigste Phase für Angehörige, die einen geliebten Menschen verloren haben, ist nicht etwa die Zeit kurz nach dem Ereignis. Es sind die Monate oder die Jahre lange nach dem Verlust, in denen die Betroffenen sich ganz alleingelassen fühlen. Das kann lange dauern.

Denn kurz nach dem Tod ist die Bereitschaft zu helfen bei Freunden und Verwandten noch groß: Unterstützung geben, da sein, zuhören, das alles ist möglich und wird gerne zugestanden. Aber die Empathie im Todesfall schwindet oft schnell – und schon bald schleicht sich bei vielen dem Trauernden Nahestehenden so etwas wie eine Erwartungshaltung ein, unter der die Betroffenen besonders leiden: „So langsam muss es doch wieder gut sein“, „Allmählich müsste wieder etwas mehr Normalität einkehren“… so empfinden es die Angehörigen und Freunde. 


An den Erwartungen, die bald an sie gerichtet werden, können Menschen in einer Verlustsituation auch mal verzweifeln.  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Auch wenn Gedanken wie diese nicht immer unmittelbar geäußert werden, stehen sie oft störend im Raum. Denn Trauernde befinden sich in einer emotionalen und seelischen Krise – und in einer solchen Situation sind Menschen hochsensibel, nehmen auch kleinste Signale wahr, begreifen viel von dem, was nicht ausgesprochen wird.


Was gebraucht wird: Aushalten können, auch gemeinsam


Es ist den Menschen, die einem Trauernden so begegnen, kein Vorwurf zu machen. Denn tatsächlich ist das Schwierigste im Umgang mit Verlusterfahrungen das (gemeinsame) Aushalten der Ohnmacht und der Schwere, die sich bei Trauer zwangsläufig einstellt. Das zu ertragen ist nicht leicht. Vor allem als Nicht-Betroffener. Was das Aushalten zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass es so wenig konkrete Hilfsmöglichkeiten gibt. Verständlich, dass sich Freunde und Angehörige im Aktionismus-Modus stets wohler fühlen als im Schweigen. Etwas tun, etwas unternehmen, das fühlt sich eben besser an als ein - vielleicht sogar wohltuendes – Nichtstun. Klar: Für den Rest der Welt geht das Leben einfach weiter wie bisher, bleibt der Alltag turbulent und munter, vielleicht sogar bunt und lebenswert. Wer in diesem Lebensstrudel steckt, kann sich auf Trauernde nur schwer einlassen. Das ist okay so. Denn genau dafür gibt es die Trauerbegleitung


Menschen dort abholen können, wo sie gerade stehen


„Trauerbegleitung ist ein Aushaltenkönnen, mehr ist es auch nicht“. So hatte es die Vorsitzende des Bundesverbands Verwaiste Eltern in Deutschland, Petra Hohn, auf der Messe „Leben und Tod“ im Jahr 2015 bei einem Vortrag formuliert. Und sie trifft es auf den Punkt: Mehr ist es nicht, weniger aber auch nicht. Was kann Trauerbegleitung also? Sie kann Trauernde dort abholen, wo sie gerade stehen. Kann sie so sein lassen, wie sie gerade sind, wenn es den anderen Menschen schwer fällt, das zu tun. Sie kann Trauernde annehmen und aufnehmen, wenn sie sich anderen schon nicht mehr zumuten wollen, weil sie mit ihren Gefühlen nicht nerven wollen. Sie kann die Trauer indes nicht aus der Welt verschwinden lassen, das kann vermutlich nichts. Nicht einmal die Trauerarbeit oder Verarbeitung, falls es so etwas überhaupt gibt. Aber das ist auch gar nicht nötig.


Trauer lässt sich nicht "bewältigen" - das geht gar nicht


Die Therapeutin Monika Müller aus Rheinbach, eine der Expertinnen für Trauer und eine Ikone der Hospizbewegung, hat in einem Vortrag einmal sinngemäß gesagt: Es ist ein Märchen, dass sich Trauer verarbeiten lässt. Wozu auch? Trauer ist ein so naturgegebenes Gefühl wie Freude. „Und in keinem Buch der Welt steht, man solle doch bitte seine Freude einmal verarbeiten und bewältigen“, sagt Müller weiter. Überhaupt, das Wort „bewältigen“ missfällt der „Grande Dame der Trauer“ ganz besonders, denn eytmologisch gesehen heißt es: „Gewaltsam unter Kontrolle bringen“. Was sich aus diesen klugen Sätzen herausfiltern lässt, ist der beste Umgang mit Trauer: Sie sollte durchlebt werden. Oder anders gesagt: „Ins Fließen kommen‘“. 


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Mittwoch, 7. September 2016

Denn Trauer will eben mitgeteilt werden (über wilde Trauerstätten, erster Teil) - warum sich an einem Geschäft in der Osnabrücker Altstadt die Trauerbekundungen sammeln

Osnabrück - An dem Feinkostgeschäft "Schinken Gerdes" in der Osnabrücker hingen Briefe, die dort normalerweise nicht hängen. Eine Kerze in einem Glasgefäß stand vor der Tür, die dort früher noch nicht war. Die Tür war geschlossen und ein improvisiertes Schild "Vorübergehend geschlossen" hing in den Fenstern. Manchmal lagen Blumen auf der Türschwelle, manchmal auch nicht. Beim Lesen der dort hängenden Briefe (und beim Betrachten der Fotos) wurde dem Vorübergehenden klar: Hier ist offensichtlich der Besitzer gestorben. Und die Menschen, die ihn mochten oder hier einfach nur gerne einkaufen gingen, machen ihm eine letzte Aufwartung. 


Jemand hat einen Brief geschrieben und ihn aufgehängt - einen öffentlich zu lesenden Abschiedsbrief, der ans Herz geht. Mitten in der Altstadt von Osnabrück findet sich im Sommer 2016 eine "Wilde Trauerstätte". Nicht weit entfernt von dem Stromverteilkasten, an dem bereits ein weiterer Trauerort geschaffen worden war.  (T.-Achenbach-Foto)

Das Phänomen solcher "Wilder Trauerstätten" beschäftigt mich schon eine lange Zeit, schon lange, bevor ich mich entschlossen hatte, eine Ausbildung zum Trauerbegleiter zu absolvieren. Von den Behörden irgendwie geduldet (vermutlich durch gekonntes Augen-Zu-Drücken im Vorbeigehen - und solange keine Gefährdung hiervon ausgeht), sind im Alltag in den Innenstädten oder an den Straßenrändern immer mal wieder solche liebevollen Solidaritätsbekundungen mit Gestorbenen zu entdecken. Mit Blumen, Kerzen, ewigen Lichtern, Briefen, Steinchen oder Symbolen geschmückt, erinnern sie an Menschen, die anderen etwas bedeutet haben, vielleicht sogar, ohne es zu ahnen. Eine berührende Geste, so simpel und so gut. 


Beim Vorbeigehen stets vor Augen: Das Gesicht des Gestorbenen


Ich erinnere mich beispielsweise an einen sehr sympathischen älteren Verkäufer der Straßenzeitung "Abseits", der seine festen Plätze auf dem Wochenmarkt an der St.-Joseph-Kirche und gegenüber des Osnabrücker Doms hatte. Als eines Tages dort Rosen lagen und kleine rote Kerzchen brannten, war sofort klar: Dieser Mann, der stets durch eine stille Freundlichkeit und gelassene Sanftheit aufgefallen war, musste gestorben sein. Und jeder, der wollte, konnte für einen Augenblick stehenbleiben und seinen persönlichen Umgang damit versuchen. Mich hat das berührt, weil ich von dem Tod des Mannes nicht gewusst hatte, seine Abwesenheit wegen einer Abwesenheit meinerseits noch nicht mitbekommen hatte - und nun doch eine Chance hatte, mich dankbar an ihn zu erinnern. Und noch heute sehe ich, wenn ich an eben jenem Stromverteilkasten vorbeigehe, an dem der Mann immer gelehnt hatte, sein Gesicht vor mir. Ohne den Mann je besser gekannt zu haben als es halt nach so einem Mini-Klönschnack beim Kauf der Zeitung so der Fall ist. Oder im Wald des Schölerbergs in Osnabrück.


Wurde hier sogar eine improvisierte Trauerfeier abgehalten?


Auch dort haben Menschen für einen Gestorbenen eine Trauerstätte geschaffen, die beinahe schon Friedhofscharakter hat. Die einfach rund um einen Baum gelegten Symbole und Fotos (in Schutzfolie) lassen den Schluss zu, dass hier regelrecht ein gemeinsames Ritual zelebriert worden ist, vielleicht eine kleine improvisierte gemeinsame Trauerfeier, ein gemeinsames Niederlegen. Für mich sind diese Orte nicht nur Stätten eines wertvollen Erinnerns, sondern auch eine innerliche Beruhigung.


Im Schölerbeg in Osnabrück haben Unbekannte einen Trauerort geschaffen, der fast schon Friedhofscharakter hat - inklusive kleiner Steine und selbst beschrifteter Schilder (fotografiert im September 2015).   (Achenbach-Fotos)


Denn mir zeigen diese wilden Trauerstätten auf eine eindrucksvolle Art und Weise, wie sehr sich viele Menschen in einem Trauerprozess auf ihren Instinkt verlassen und etwas tun können, das ihnen selbst wiederum gut tut. Trauer will eben gezeigt, geteilt, gelebt und sichtbar gemacht werden - und verstanden werden. Das geschieht hier ganz unvermittelt und durch wenig Aufwand. Viele Menschen haben also einen ganz natürlichen Zugang zu alledem, das ist gut so (auch wenn sie dann vermutlich keine Trauerbegleitung brauchen, aber sei's drum, umso besser). 

Die folgenden Tipps, was Trauernden gut tun könnte, lassen sich aus so einem improvisierten Trauerort auch für alle anderen ableiten:

- einen Brief an den Verstorbenen schreiben (und diesen auch abschicken, an Verwandte/Freunde beispielsweise, oder irgendwo hinhängen) 

- eine Kerze anzünden und ihr Licht leuchten lassen als Symbol dafür, dass etwas weiterleuchtet

- sich einen ganz eigenen und selbst gestalteten Trauerort einrichten, der nicht an das Friedhofsgrab geknüpft sein muss.


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

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Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert eigentlich Trauerbegleitung? Was bringt sie? Und wird das Ganze von den Krankenkassen bezahlt - hier klicken...

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen


Und im Kultur-Blog des Autors: Was "Babylon Berlin" wirklich zu einer ganz besonderen Serie macht - und das ist nicht alleine Bryan Ferry von Roxy Music


Mittwoch, 22. Juni 2016

Wo ist der Unterschied zwischen Trauer und Trauma? Warum tut sich unsere Gesellschaft mit beidem so schwer? Ein Vortrag des Psychologen Thomas Weber brachte hilfreiche Erkenntnisse


Osnabrück/Bremen - „Trauma“. Das mag ein großes Wort sein. Eines, das Angst macht. Doch auf der Messe „Leben und Tod 2016“ in Bremen war es der Diplom-Psychologe Thomas Weber vom Zentrum für Trauma-und Konfliktmanagement aus Köln (ZTK), der den Zuhörern zu mehr Gelassenheit bei diesem Thema riet: „Jeder Mensch wird bis zum Ende seines Lebens traumatisiert werden“, sagte er. Denn das gehöre einfach dazu. Schon die Geburt sei ein als traumatisch erlebtes Ereginis. Aber anders als es oft geschildert werde: „Ein Trauma ist eine Verletzung, keine Erkrankung.“ Etwas also, das von außen herbeigeführt wird.

„Trauer und Trauma, das wird auch heute noch stark vermischt“. Doch das sei falsch, betonte Thomas Weber. Denn das bei Trauer vorherrschende Gefühl ist die Traurigkeit. Während sich ein Trauma durch ein ganz anderes Gefühl bemerkbar macht: Nämlich durch Angst. Menschen in Trauer haben eine Sehnsucht und ein Verlangen nach den vermissten Personen – Menschen mit einem Trauma würden am liebsten vor allem davonlaufen. Aber Weber sieht in alledem auch ein Problem der Medien...



Wo ist der Unterschied zwischen Trauer und Trauma? Ein Psychologe sagt: Trauma ist eine Verletzung mit schweren Folgen, Trauer ist etwas anderes...  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

„Trauma ist schlecht vermittelt“, sagte Weber. „Mich als Psychologen ärgert das“. Der Prozess indes ist nach Webers Worten recht einfach zu beschreiben. Extreme Belastungen überfordern das Bewältigungssystem. Die Bereiche im Gehirn, in denen üblicherweise die Verarbeitung stattfindet, werden lahmgelegt. „Unser modernes Gehirn ist ausgeschaltet, weil der Körper ihm nicht mehr traut“, schilderte Weber. „Trauma findet nur hinten im Gehirn statt.“


"Vermeidung ist die erste Strategie, die der Körper hat"


Um es mit einem Vergleich aus der Computersprache zu sagen: Die Erfahrungen bleiben im Arbeitsspeicher stecken, können aber nicht sauber auf der Festplatte abgelegt werden, während das Betriebssystem permanent auf sie zugreifen möchte. Was dann geschieht, ist ein ängstliches Zurückschrecken. „Vermeidung ist die erste Strategie, die der Körper hat“, schilderte der Psychologe.


Den hilflosen Jungen durchschütteln bringt gar nix


Genau hier beginnen die Missverständnisse. Was Thomas Weber an einem eindrucksvollen Beispiel deutlich machte. Man stelle sich vor, wie ein 12-jähriger Junge bei der Beerdigung am Grab seines frisch gestorbenen Vaters einen ganz unbeteiligten Eindruck macht, so sehr, dass die anderen Angehörigen ihn schütteln und ihn anbrüllen: „Verstehst Du nicht? Dein Vater ist gestorben!“. Doch dem Jungen nützt das gar nichts. Er hat keine Vorerfahrungen mit solchen Themen, sein Bewältigungssystem sieht keine Möglichkeit, damit umzugehen. Es setzt einfach aus. Und da beginnt - ein Trauma.


Erlebnis plus Lebensgeschichte = Spannungsfeld


Wobei für die Psychologen Webers Worten zufolge noch zwei Unterscheidungen wichtig sind: Einerseits gibt es die „traumatische Reaktion“, andererseits den „traumatischen Prozess“. Beides kann lange dauern, von 6 Monaten bis hin zu einem Jahr. Und: „Das Trauma trifft immer auf eine Lebensgeschichte“, sagte Weber.


"Unsere Gesellschaft kann mit Trauma nicht umgehen"


Warum die Menschen bei diesem Thema allgemein so empfindlich sind, liegt für Thomas 
Weber ganz klar auf der Hand: „Es erinnert uns an unsere Verletzbarkeit“: Die Folge: „Unsere Gesellschaft kann mit Trauma nicht umgehen.“ Sofort bricht eine Urangst aus: "Wir halten das nicht aus". Schon bei größeren Unfällen, erst recht bei Katastrophen gebe es heutzutage keinen Beitrag in den Medien mehr, der nicht mit den Worten endete: „Die Opfer werden psychologisch betreut.“ Für wie falsch Weber das hält, machte er in einem recht eindeutigen Satz deutlich, den er einmal von einem Feuerwehrmann gehört hatte: „Früher durften sich die Leute auch scheiße fühlen, wenn ihnen Scheiße passiert ist.“

Typische Reaktionen bei einem Trauma sind laut Thomas Webers Vortrag diese:


Bei einem Trauma gibt es kein Entkommen aus der erlebten Situation: Sie wird wieder und wieder durchlebt, als fände sie jedes Mal aufs Neue statt.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

- Dissoziatives Erleben. Das Geschehen wird wie in einem Film nacherlebt. Der Betroffene scheint nicht Teil dessen zu sein.

- Verschobene Zeitwahrnehmungen, kein Gefühl für die Zeit. 

- „Out Of Body Experience“, der Eindruck, als ob man seinen Körper von außen wahrnehme.

- Lückenhafte Erinnerungen an das Geschehen. Details werden als groß und wichtig wahrgenommen, der Zusammenhang fehlt. (Unterschied zur Trauer: Hier ist ein sehr bewusstes Erinnern jederzeit möglich).

- Übererregbarkeit und eingeschränktes Sicherheitsgefühl.

- Die Situation geht nie vorbei: Bei der Erinnerung an das Geschehen ist auch nach vielen Jahren oder Jahrzehten noch alles genauso da, wie es die Situation gebracht hat, auch das innere Gefühl (das weiß man von Zweiten-Weltkrieg-Zeitzeugen). 

- Anspannung des gesamten Körpersystem – als ob der Mensch permanent zu einem 100-Meter-Lauf starten wollte, so angespannt sind alle Muskeln. Ohne Entspannungsphasen. (Weber: „Die schlimmste Intervention jetzt ist: Mensch, entspann Dich doch mal!“).


Helfer müssen gut aufpassen:  Trauma ist echt ansteckend


Das Fatale daran: „Bei Trauma besteht die Gefahr der Ansteckung.“ Weber erinnerte sich an die Turnhalle in Winnenden, in die während des Amoklaufs alle aus der Schule geflohenen Menschen zusammengekommen waren. „Das klang wie auf einem Jahrmarkt, es war total laut“, sagte Weber. „Und das ist das, was sich auch auf die Helfer überträgt.“ Hier besteht die große Gefahr eines sogenannten Sekundärtraumas. Dann würden selbst professionelle Helfer zu einer Methode greifen, von der sie theoretisch eigentlich wissen, wie wenig zielführend sie ist: Der Opferbeschuldigung.


Wenn das Umfeld nicht verstehen will: "Du Trauerterrorist" 


„Die Betroffenen haben mit dem Ereignis lebenslänglich“, sagte Thomas Weber. Deswegen sei es für sie so schädlich und verletzend, wenn sie solche Sätze zu hören bekämen wie „Jetzt muss es aber auch mal wieder gut sein“ oder „Stell Dich nicht so an“. Einer der Väter, die in Winnenden ein Kind verloren hatten, wurde bereits als „Trauerterrorist“ beschimpft, schilderte Weber. Sein wichtigster Tipp für alle Begleiter, Helfer und Seelsorger: 



Wichtigster Tipp für alle Helfer: Auf die eigene Betroffenheit achten. Die Grenze dazu ist schnell überschritten.  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

„Achten Sie immer auf ihre eigene Betroffenheit. Die Anspannung gehört einfach dazu, ignorieren Sie das nicht!“. Mögen die Themen Trauer und Trauma auch negativ besetzt sein, ist bei alledem eines nicht aus den Augen zu verlieren, wie Thomas Weber am Ende seines Vortrags sagte. Nämlich was für eine Triebfeder für kreative Prozesse sie sein können: „Die meisten kulturellen Leistungen sind als Folge von Trauma oder Trauer entstanden“



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Dienstag, 24. Mai 2016

Wenn Trauer sichtbar auf der Haut getragen wird - Berührende Ausstellung widmet sich dem Phänomen der "Trauertattoos" - In Osnabrück war die Ausstellung "Trauertattoo – unsere Haut als Gefühlslandschaft" in 2022 zu sehen, weitere Ausstellungsorte gesucht



Die Fotos zeigen die Tattoos der Menschen, kurze Texte erklären den Hintergrund - in der Ausstellung "Trauertattoo - unsere Haut als Gefühlslandschaft".    (Thomas-Achenbach-Foto)

Osnabrück/Bremen – Was diese Menschen durchmachen, geht unter die Haut. Das sieht man. Und sie sind damit in guter Gesellschaft: Dem Phänomen der „Trauer-Tattoos“ widmet sich jetzt eine neue Ausstellung, die die in Halle lebende Künstlerin Stefanie Oeft-Geffarth zusammen mit der TV-Journalistin Katrin Hartig geschaffen hat und die jetzt durch das Land ziehen soll (weitere Ausstellungsorte werden noch gesucht, dazu später mehr). Die beiden waren einem gesellschaftlichen Trend auf der Spur – und wurden fündig. Auf der Messe „Leben und Tod“ stellten die beiden bereits vor ein paar Jahren ihr Projekt der Öffentlichkeit vor und sprachen auch mit dem Autoren dieses Blogs darüber. Was in dieser Ausstellung alles zu sehen ist, geht tatsächlich - unter die Haut. 

Auf Anregung der TV-Journalistin und Trauerbegleiterin Katrin Hartig hatte Oeft-Geffahrt Menschen fotografiert, die ihre Trauer auf der Haut tragen – in Form eines Tattoos. Hartig war aufgefallen, dass es sich dabei um ein erstaunlich weit verbreitetes Phänomen handelt, das sogar von Menschen zelebriert wird, die mit Tattoos sonst nichts am Hut haben. Gemeinsam machten sich die beiden deutschlandweit auf die Suche nach Trauer-Tätowierten zum Interviewen und Fotografieren – dabei halfen ihnen die sozialen Netzwerke. Zwei Jahre dauerte die Arbeit, die sie in Form einer Recherche-Reise durch ganz Deutschland führte. Sie führte zu zwei Ergebnissen.


Die Macherinnen des Projektes: Die Künstlerin und Fotografin Stefanie Oeft-Geffarth (links) und die TV-Journalistin Katrin Hartig, zugleich Mitglied im deutschen Bundesverband verwaister Eltern.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Eines davon sind 22 große Displays, auf denen in großformatigen Bildern die Menschen und ihre Tattoos gezeigt sowie ihre Geschichten erzählt werden. Das zweite Ergebnis ist ein die Ausstellung begleitendes Buch, das über den Online-Shop der Künstlerin erhältlich ist. Das Projekt wirkt auch ohne Tattoo-Affinität: Die Geschichten, die hier zu sehen und zu lesen sind, berühren den Betrachter. 


Handabdruck des gestorbenen 3-Jährigen als Tattoo


Da ist beispielsweise die Frau, die sich ein Bildnis des gestorbenen Kindes auf den Oberarm hat stechen lassen. Oder der Mann, der sich eine bis zur Zahl 13 zurücklaufende Sanduhr als Motiv ausgesucht hat, weil seine Tochter in diesem Alter gestorben ist. Oder die trauernde Mutter Kerstin Hau, die eine Kinderzeichnung und einen Handabrucks ihres im Alter von 3 Jahren gestorbenen Sohnes Charlie auf der Haut trägt. Aber auch in anderer Hinsicht macht ein Tattoo als Ausdruck der Trauer erstaunlich viel Sinn: "Ich kann mit der Hand über die Stelle streichen und fühle mich dann mit dem Gestorbenen oder dem Gefühl verbunden", sagte die TV-Journalistin Katrin Hartig im persönlichen Gespräch mit dem Blog-Autoren auf der Messe "Leben und Tod". Und Stefanie Oeft-Geffarth ergänzte: "Das Stechen des Tattoos ist ja auch ein Schmerz, aber eben einer, der mit dem Trauerschmerz selbst nicht vergleichbar ist - das ist nicht adäquat."


Eine "Trauernadel" als Schmuckstück - dezent, aber sichtbar


Die Künstlerin hatte zuvor mit ihrer „Trauernadel“ für Interesse gesorgt. Das kleine Schmuckstück, das an Blazer oder Sakko oder der Bluse getragen werden kann, soll eine moderne Interpretation dessen sein, was als „Trauerflor“ bis in die 70er Jahre hinein gang und gäbe war: Wer in Trauer war, der zeigte das auch. Entweder durch das Tragen von schwarzer Kleidung oder durch das Anbringen einer kleinen schwarzen Binde, des so genannten Trauerflors. Heutzutage ist das beinahe undenkbar, doch das Bedürfnis danach ist ungebrochen, hat Stefanie Oeft-Geffarth beobachtet. Während die Trauernadel weiterhin in verschiedenen Varianten erhältlich ist, soll die Ausstellung der Tattoos ihre Reise durch die Republik fortsetzen, wünschen sich die Verantwortlichen. Wo es weiter noch hingeht, kann mitgestaltet werden...


Die "Trauernadel" kann als dezenter Schmuck getragen werden und ist eine moderne Interpretation des früher traditionell getragenen Trauerflors.  (Thomas-Achenbach-Foto)


Ausstellungsorte gesucht: Kirchen, Rathäuser, Hospize etc.


In Osnabrück war diese Ausstellung im Herbst 2022 im Forum am Dom zu sehenWeiterhin werden für die Ausstellung „Trauertattoo – unsere Haut als Gefühlslandschaft“ indes noch mögliche Ausstellungsorte wie z. B. Kirchen, Rathäuser, Bibliotheken, Hospize etc. gesucht. Infos und Kontakt sind über die E-Mail-Adresse kontakt@convela.eu möglich


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