Samstag, 12. November 2016

Warum Weihnachtsschmuck nicht vor dem Totensonntag anbringen? (Und warum das weniger mit Religion zu tun hat als man so denkt)?


Osnabrück - Wer einen Verlust zu beklagen hat, wer gerade in Trauer ist, der ist sehr empfänglich für allerlei Signale. Viel empfänglicher als andere. Für Sehnsüchte. Und vor allem: für Wehmut. So ist vor allem die Advents- und die Weihnachtszeit für Trauernde eine Phase, die viele von ihnen als besonders schmerzvoll erleben. Weil sie so geprägt war von dem Zusammensein mit anderen Menschen, weil selten im Jahr ein Verlust so präsent wird. Da ist es hilfreich, wenn ihnen das Gefühl vermittelt werden kann, dass die Trauer einfach sein darf, dass sie wahrgenommen wird. Warum nicht durch einen gemeinsamen Gedenktag? Genau deswegen - aus Respekt vor diesen Gefühlen - ist es wichtig und richtig, mit der allzu leuchtenden und offensiven Weihnachtsdekoration bis nach dem Totensonntag zu warten. Wobei der Totensonntag selbst umstrittener ist als manche vielleicht denken. 

Wer das Internet durchforstet, der findet diese Frage oft auf den Ratgeberforen: Warum muss ich bis Totensonntag warten mit meinem Weihnachtsschmuck? Manchmal, wenn auch nicht immer, geht die Frage mit einem Unterton nahe der Empörung einher, so nach dem Motto: Worauf muss ich denn noch alles Rücksicht nehmen? Und, zugegeben, auch mir hat es spätestens mit der Zeitumstellung und der langen, langen Dunkelheit am Abend in den Fingern gejuckt, die ersten Lichterketten aufzuhängen, denn wenn es so nasskalt, fies und düster ist, braucht es so sanftes Licht. Es kann einem so gemütlich die Seele ausleuchten, kann eine neuen Form innerer Wärme mit sich bringen. Aber eben nur: Solange es einem gut geht, solange das Leben gerade ohne Tiefschläge verläuft, solange es sich in einer relativ stabilen Phase befindet. Das wissend, habe ich es also gelassen. Aus Respekt - wie oben erwähnt. Weniger aus religiösen Gründen, vielmehr aus allgemein seelischen. 


Wenn schon ein Lichterleuchten vor der Adventszeit, dann besser als Grableuchten. Es ist gut so, dass sich die meisten Menschen daran halten, es ist gut so, dass sich die Tradtion von ihren Wurzeln befreit hat.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

Geht in die Tiefe: Die Idee, dass alle gemeinsam trauern


Dem Gedenken an die Toten einen festen Rahmen zu geben, kann für jeden Trauernden eine hilfreiche Sache sein - wie auch immer dieser Rahmen aussehen mag, wann auch immer er und wie auch immer er organisiert sein mag. Aber einen Tag im Jahr fest installiert zu wissen, an dem ein Trauernder wissen und spüren kann, dass er nicht alleine ist, weil es zumindest diesen einen Tag im Jahr gibt, an dem auch alle anderen ihrer Toten gedenken - diese Idee hat etwas zutiefst Tröstendes und Heilsames. Und so ist allen religiösen und weltlichen Diskussionen zum Trotz ein Totensonntag eine wertvolle Sache. 


Ein preußischer König, der Verluste zu beklagen hatte


Was heute kaum noch einer weiß: der Totensonntag als Institution ist erst von den Preußen eingeführt worden. Friedrich Wilhelm der Dritte war es, der mit der Einführung dieses - kirchlich gesehen: rein evangelischen - Gedenktages tief in die Gestaltung des Kirchenjahres eingriff. Dies vermutlich weniger aus religiösen Gründen als vielmehr aus ganz pragmatischen. Im Kriegsjahr 1813 hatte es auch auf preußischer Seite viele Verluste gegeben in jenen Schlachten, die heute als "Befreiungskriege" (gegen Napoleon) in die Geschichte eingegangen sind. Drei Jahre später ordnete der König das Totengedenken neu. Es muss ihm wohl ein Bedürfnis gewesen sein. Bei den Katholiken ist das traditionell alles etwas anders.

Empfinden nicht nur Gläubige als unpassend: Leuchtender Adventsschmuck noch vor dem Totensonntag. Die Tradition hat sich jedoch mittlerweile von ihren kirchlichen Ursprüngen her verselbstständigt.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Mit dem Volkstrauertag in die "traurigen Tage"


Für sie beginnt das traditionellen Totengedenken alljährlich mit Allerseelen (immer am 2. November), dem Tag nach Allerheiligen. Doch viele Katholiken feiern auch am evangelischen Totensonntag - der in ihrem eigenen Kirchenjahr "Christkönigstag" heißt -  das Totengedenken mit. Zumal dieser Totensonntag alljährlich perfekt eingebettet ist in ebenjene weltliche Woche, die mit dem 1925 erstmals und 1952 erneut eingeführten Volkstrauertag beginnt, der dem Gedenken der in den Weltkriegen gestorbenen Menschen gewidmet ist. So ergibt sich also eine "traurige Woche" (oder auch die "traurigen Tage"), in der ausgiebig getrauert werden darf. Und auch das erleben viele Trauernde als hilfreich: Dass sie eben auch mal trauern dürfen. Bekommen sie doch oft das Gefühl vermittelt, sie dürften es nicht (mehr). 


Und dann: Lichter - das hat auch was Tröstendes


Und wenn dann, am Ende einer Woche voller trauriger Tage, überall die Lichter angehen, dann kann doch auch das eine fast spirituelle, heilsame, vielleicht tröstende Wirkung haben. Wenn auch nicht immer auf Trauernde. Und deswegen: Warten bis nach dem Totensonntag. Aus Respekt. Vor dem Leben. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten (Patmos-Verlag, März 2019) und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag, März 2020). Mehr Infos gibt es auf www.thomasachenbach.de.

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