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Montag, 31. August 2020

Warum wir uns mit Trauer noch so schwer tun und was die Themen Kriegsenkel und Kriegskinder damit zu tun haben - und warum es sinnvoll sein kann, die Themen Hospizkultur und Kriegstraumata miteinander zu vereinen - ein Interview mit Sven Rohde (Verein "Kriegsenkel e.V.")

Osnabrück - Dass wir uns als Gesellschaft mit dem Thema Trauer so schwer tun, hat immer noch mit den Ereignissen rund um die beiden Weltkriege zu tun, davon bin ich inzwischen überzeugt. Und je länger ich über das Thema Männer und Trauer spreche und schreibe, je mehr Vorträge rund um mein Buch "Männer trauern anders" ich halte, desto dringlicher schiebt sich das Thema der Kriegskindergeneration und der Kriegsenkelgeneration in den Fokus. So bin ich kürzlich über den Verein Kriegsenkel gestolpert, der deutschlandweit aktiv ist. Anlass genug, einen der Vereinsmitglieder um ein Interview zu bitten - und die Frage zu erörtern: Steht uns als Gesellschaft in Sachen Trauer immer noch die Kriegsfrage im Wege? 

Gestolpert über den Verein war ich wegen dessen Aktivitäten in Minden. Dort hatte sich der Verein Kriegsenkel mit dem dortigen Hospiz zusammengetan und eine sehr erfolgreiche Veranstaltungsserie organisiert. Das hatte mich neugierig gemacht. Der Autor und Coach Sven Rohde erläutert mir im Interview, warum es so sinnvoll sein kann, die Themen Hospizkultur und Kriegsgenerationen in Einklang zu bringen - und warum die heutige Generation der Kriegsenkel, zu der ich ebenfalls gehöre, gerade jetzt soviel Interesse an dem Thema entwickelt....


Sven Rohde vom Verein "Kriegsenkel e. V." (Foto mit freundlicher Genehmigung).

Sven Rohde, eine meiner Kernaussaugen, die ich auf diesem Blog immer wieder bearbeite, lautet: Wir als moderne Gesellschaft können Trauer noch gar nicht „können“, also vor allem nicht richtig zulassen, weil uns immer noch die Kriegserfahrungen der vorhergehenden Generationen im Wege stehen. Das würden Sie als Mitglied des Vereins Kriegsenkel vermutlich unterstreichen, oder?

Sven Rohde: Ja, das ist ganz gewiss so. Seelische Härte und eine Abschottung vor Gefühlen, die ein Funktionieren beeinträchtigen, ist in Kriegszeiten eine wichtige Überlebensstrategie. Das haben die Menschen, die im Krieg Kinder waren, von ihren Eltern gelernt, und sie haben es an ihre Kinder – die sogenannten Kriegsenkel – weitergegeben. Sich der Trauer und der Ohnmacht angesichts des Verlusts zu öffnen, sie bei anderen auszuhalten, muss man dann erst wieder lernen. 

In Minden haben Sie zum Thema Kriegsenkel eine Veranstaltungsreihe mit dem dortigen Hospiz zusammen angeboten und sind quasi überrannt worden. Was kamen da für Menschen und wie erklären Sie sich dieses große Interesse?

Sven Rohde: Es waren ganz einfach Menschen, die zwischen 1955 und 1980 geboren wurden und neugierig waren, was die Prägung ihrer Kindheit mit ihrem aktuellen Leben zu tun hat. Das große Interesse entstand sicher auch, weil der Hospizverein seit vielen Jahren eine wertvolle Arbeit in Minden macht, die in der Öffentlichkeit und der Presse geschätzt wird. Davon hat die Kooperation sehr profitiert.

Warum ausgerechnet die Anbindung an ein Hospiz – wie kam es denn dazu?


Die Schule des Lebens - generationale Weitergabe (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Ausgangspunkt war eine persönliche Bekanntschaft des Geschäftsführers Helmut Dörmann mit dem Vorsitzenden des Kriegsenkel e.V. Michael Schneider. Aber die Nähe ist durchaus inhaltlich. Am Lebensende drängen belastende Themen an die Oberfläche – und natürlich gehören in Deutschland dazu die Erfahrungen des Krieges und der Nazizeit.

Seit wann gibt es denn einen eigenen Verein zum Thema Kriegsenkel und vor allem: Warum und wozu gibt es ihn?

Sven Rohde: Kriegsenkel e.V. gibt es seit 2010. Der Verein entstand aus einer Gruppe, an der auch die Autorin Sabine Bode teilnahm, die mit ihren Büchern über Kriegskinder und Kriegsenkel Bahnbrechendes für die Wahrnehmung der Problematik geschrieben hat. Über die Jahre hat sich gezeigt, wie stark sich die Prägungen dieser Generation, die viele ja auch als Babyboomer kennen, noch heute auswirken: familiär, beruflich, gesundheitlich. Das in Tagungen, Veröffentlichungen oder eben in Seminaren aufzuarbeiten, ist der Zweck des Vereins. Die Nachfrage bestätigt uns, dass diese Arbeit mehr denn je gebraucht wird.

Seit kurzem gibt es das Thema auch als Dokumentarfilm – Der Krieg in mir -,  der Film tingelt seit März 2020 durch verschiedene Kinos, findet sich jedoch mehr in einzelnen Sondervorstellungen als im laufenden Programm. Haben Sie den Film schon gesehen?

Sven Rohde: Ja, er hatte Vorpremiere auf der Tagung des Kriegsenkel e.V. im vergangenen Herbst. Der Verein hat die Entstehung auch mit inhaltlicher Unterstützung begleitet. Wie so Vieles aktuell wurde die große Resonanz durch die Pandemie abrupt unterbrochen. Was ich sehr schade finde: Der Film ist nicht nur inhaltlich bedeutsam, sondern auch gut erzählt.

Der Regisseur des Films ist 1971 geboren worden und hat nie Kriege oder andere Gewalt persönlich erlebt. Dann ist er plötzlich von Alpträumen voller Kriegserlebnissen geplagt worden, die ihm bizarr real erschienen – das kam ihm so vor, als ob er die Erfahrungen des Großvaters nochmal in Träumen durchleben müsste, obwohl der Opa nie über diese Erlebnisse gesprochen hatte. Das mutet fast wie eine mystische Erfahrung an. Kennen Sie solche Geschichten?

Allgegenwärtig: Die Schatten der Vergangenheit (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Seminaren erzählen immer wieder davon, und das Phänomen ist auch aus der Literatur bekannt. Da Träume ein besonders schwierig zu erforschender Bereich sind, gibt es im Moment keine wissenschaftlich abgesicherte Erklärung. Allein: Wir erleben auch auf diese Weise, dass wir Teil einer Ahnenreihe sind, deren Erfahrungen wir in uns tragen.

Aber hat das nicht eine gewisse Nähe fast schon zur Esoterik – durch Vererbung weitergegebene Traumata in Bild und Ton, wie im Kino? Gibt es sowas wirklich?

Sven Rohde: Ich halte es mit Hans-Peter Dürr, einem Physiker und Träger des Alternativen Nobelpreises. Er sagte: „Wir erleben mehr, als wir begreifen.“ Aber tatsächlich gibt es seit etwa 1995 eine neue Forschungsrichtung der Neurobiologie, die Epigenetik. Sie hat erste Beweise dafür, dass über unser Erbgut auch Erfahrungen an kommende Generationen weitergegeben werden, also auch Traumata. Forschungen wie die der Neurowissenschaftlerin Isabelle Mansuy, Professorin in Zürich, sind hier wegweisend.

Wie es scheint, ist es gerade die Generation der um die 1970 bis 1980 geborenen, die jetzt mit diesen Themen konfrontiert wird, also die eigentlich so wohlbehütete Gummibärchengeneration, der der Autor Florian Illies den Stempel „Generation Golf“ aufgedrückt hatte. Die sind jetzt alle so 40 oder 50. Warum nimmt das Thema ausgerechnet jetzt soviel Fahrt auf?

Die Ahnen prägen uns - ob wir wollen oder nicht (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Es mag daran liegen, dass die Eltern dieser Generation jetzt hinfällig werden und ihre Kinder in für sie bewährter Weise in Dienst nehmen. Was Sie „wohlbehütet“ nennen, haben viele als erstickend erlebt. „Parentifizierung“ heißt das Phänomen. Es ist in meinen Seminaren allgegenwärtig. Viele dieser alten Menschen haben die Eigenständigkeit ihrer Kinder nie wirklich akzeptiert und nehmen vollkommen selbstverständlich ihre Aufmerksamkeit, Zeit und Betreuung in Anspruch. Das kann zu einer enormen Belastung werden. Zudem erleben viele Kriegsenkel eine Sinnkrise. Sie haben das Gefühl, ihr Leben immer mit angezogener Handbremse gelebt und nie ihr wahres Potenzial entfaltet zu haben. Die Diskussion über Kriegsenkel zeigt ihnen, dass das kein individuelles Versagen ist, sondern die Prägung einer Generation. Das ist ebenso befreiend wie schockierend. Und ein möglicher Punkt der Umkehr.

Angela Merkel hat in ihrer großen Corona-Fernsehansprache die Pandemie als „die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnet – ist das nicht angesichts dieser gerade besprochenen Gemengelage eine fast schon gefährliche Analogie, weil sie damit genau an den psychologischen Stellschrauben für Traumata dreht?

Sven Rohde: Ja und nein. Einerseits hat die Kriegsrhetorik vor allem zu Beginn der Berichterstattung gewiss viele Menschen verunsichert. Das wissen wir auch aus einer Umfrage unter unseren Mitgliedern. Aber zugleich hat diese Generation eben auch eine gut ausgeprägte Krisenkompetenz – von ihren Eltern geerbt, aber auch aufgrund eigener schwieriger Erfahrungen. Das ist mir als Botschaft sehr wichtig: Viele aus unserer Altersgruppe haben in Kindheit und Jugend Dinge erlebt, die wir unseren eigenen Kindern nicht zumuten wollten. Aber auf diese Weise eben auch Kompetenzen und Ressourcen aufgebaut, die uns verlässlich, verantwortungsbewusst und ziemlich resilient machen...


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

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Dienstag, 9. Juni 2020

Denn wir sind auf dem Weg in die Sterbegesellschaft: Warum es so wichtig ist, als moderne Gesellschaft noch viel mehr und viel öfter über die Themen Tod, Trauer und Sterben sprechen zu können - Eine Studie hat herausgefunden, wie wir sterben wollen - warum es Zeit wird, in Deutschland eine neue "Sorgekultur" zu etablieren

Berlin - Wir brauchen in unserer Gesellschaft noch viel mehr Austausch über die Themen Tod, Trauer und Sterben und neue Gesprächsräume dafür. Raus aus der Nische und rein ins pralle Leben, das ist eine der Empfehlungen einer neuen Studie, die im Frühjahr 2020 veröffentlicht worden ist und die nachdenklich macht. Denn was die Studie ganz klar aufzeigt: Wir sind auf dem Weg in ein großes Sterbe-Zeitalter. Schon in der nahen, aber vor allem in der mittelfristigen Zukunft wird das Sterben in Deutschland und Europa massiv zunehmen. Oder anders formuliert: Beerdigungen werden die Regel werden, Geburten dagegen die Ausnahme. Schuld ist der demografische Wandel, der die Alters- und Bevölkerungsstruktur massiv durcheinanderwirbeln wird. 

Perspektivwechsel. Beginnen wir unsere Reise zu den Endfragen des Lebens einfach mal dort, wo sein Beginn noch so nahe ist: In den Kindergärten. "Fragen Sie mal in Kindergärten nach Bilderbüchern über den Tod... Denn es gibt großartige Bilderbücher über das Thema - und fast jeder Kindergarten hat die auch. Und dann fragen Sie mal: Wo stehen die denn? Dann kriegen sie sowas zu hören wie: Ja, die sind in der Kiste dahinten, wenn es mal schwierig wird, dann holen wir die auch raus. So erfahren Kinder aber nicht, dass der Tod auch Normalität ist, und damit wird es sofort zu diesem schwierigen, großen Thema - und da müssen wir von weg!" Es war der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Heiner Melching, der in einer offiziellen Youtube-Pressekonferenz über die neue Studie diese Worte sagte. 

Über den Tod sprechen? Ach nee, lieber nicht...   (Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Über Youtube hatte die Konferenz ausgestrahlt werden müssen, weil die lange geplante Vorstellung der Studie plötzlich mitten in die erste Lockdown-/Corona- und Angstphase hineingeraten war. Was vermutlich einer der Gründe dafür ist, dass die vorgestellte Studie bislang noch nicht die große mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie meiner Meinung nach verdient hätte. Deswegen ist genau jetzt ein guter Zeitpunkt, um noch einmal darauf hinzuweisen und die Studie noch einmal genauer vorzustellen, jetzt, wo sich gerade alles ein bisschen beruhigt hat und die Menschen wieder Kapazitäten haben für andere Themen als Corona. 


Realität 2035: Eine Geburt macht vier Beerdigungen



Vor allem, was das Sterben und den Tod angeht, sollten wir auf den demografischen Wandel noch besser vorbereitet sein. Das ist eine der Kernthesen der Studie mit dem Titel „Auf ein Sterbenswort – wie die alternde Gesellschaft dem Tod begegnen will, die das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ u. a. in Kooperation mit dem Allensbacher Institut für Demoskopie durchgeführt hat. "Das, was jetzt noch normal ist, wird sich alleine schon demografisch bedingt verändern", so fasst Doris Kreinhöfer von der die Studie ebenfalls begleitenden Körber-Stiftung in einer Video-Pressekonferenz zusammen, worum es geht (abrufbar über Youtube, Links dazu am Ende dieses Artikels). „In einigen Landkreisen dürften im Jahr 2035 auf eine Geburt über vier Beerdigungen kommen – heute liegt das Verhältnis bei eins zu zwei“, heißt es in der Studie. Und: "Die Alterung fordert somit unseren Umgang mit dem Sterben heraus". Passend dazu hat sich die Körber-Stiftung dieses Themas angenommen, denn diese Stiftung hat sich der Erforschung des gesellschaftlichen Wandels verschrieben.


Und der wird kommen, was das Thema Sterben angeht. Aktuell bilden die über 80-Jährigen noch rund sechs Prozent der Bevölkerung. Doch schon bald wird unsere Gesellschaft immer älter werden – und zudem immer zerfaserter: Immer mehr junge Menschen verlassen die Dörfer und versuchen sich in den Großstädten. Ein von Angehörigen begleitetes Sterben werde alleine dadurch erschwert. Doch bleibt das Sterben in Begleitung weiterhin einer der größten Wünsche der Menschen für das Ende ihres Lebens, auch das zeigt die Studie recht eindeutig.


Die Sterberealität wird durch Corona noch brutaler


In Umfragen und Leitfadeninterviews haben die Autoren herausgefunden, dass die Menschen „schmerzfrei, nah am Gewohnten, selbstbestimmt, sozial eingebunden und gut versorgt sterben“ möchten. Dieses Idealbild hätten Frauen wie Männer, Junge wie Alte, Arme wie Reiche, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, heißt es. Doch spätestens die Coronakrise hat uns klargemacht, wie sehr diesese Idealbild mit der Realität des Sterbens unvereinbar (geworden) ist - und es vielleicht schon vorher war. Rund 50 Prozent der Deutschen sind bereits vor Ausbruch der Krise im Krankenhaus gestorben (ca. 43 Prozent, so benennt es die Studie), durch das Coronavirus könnten sich diese Zahlen erhöht haben. Aber was viel schlimmer ist: Das Sterben ist dadurch oftmals zu einem einsamen Akt geworden, der auf Isolierstationen ohne Besuchsmöglichkeiten stattfinden muss. Auch ohne Coronakrise sahen schon 73 Prozent der für die Studie Befragten einen einsamen Tod zu sterben als weit verbreitetes Problem an. 



Umso wichtiger wird es da für jeden Einzelnen, sich schon frühzeitig mit seinem eigenen Sterben auseinanderzusetzen und sich zu fragen, wo die persönlichen Grenzen lägen, empfehlen die Autoren der Studie (Adrián Carrasco Heiermann, Tanja Kiziak und Catherina Hinz): „Ohne Auseinandersetzung kann der Einzelne nicht zu eigenen Vorstellungen und Wünschen kommen, ohne Auseinandersetzung wissen seine Nächsten nicht, wie und wo er sterben möchte, ohne Auseinandersetzung wissen wir nicht, welche Strukturen wir benötigen, um gutes Sterben zu ermöglichen“, schreiben sie. Immerhin drei von vier Menschen sähen es als einen Missstand an, dass das Thema Sterben häufig verdrängt wird, schreiben die Macher der Studie weiterhin.


Handlungsempfehlungen und gute Vorschläge


Dementsprechend haben die Autoren der Studie ein paar Handlungsempfehlungen formuliert, die ich hier gerne auszugsweise veröffentlichen und denen ich mich gerne mit vollem Herzen anschließen möchte:



1.) Es wird immer wichtiger, Informationen über das Sterben vermitteln: Viele Angehörige oder Freunde sind unsicher, wie sie einen Sterbenden begleiten sollen. Das ist einer der am meisten genannten Missstände. Das ist insofern spannend, als dass die Studie ebenfalls aufzeigen kann, dass es eine durchaus hohe Bereitschaft zur Hilfe oder gar Begleitung gibt, vor allem unter jenen Menschen, die schon einmal mit dem Sterben eines Menschen konfrontiert waren. 


2.) Es muss mehr Veranstaltungen über das Sterben geben, diese müssen niedrigschwellig und leicht zugänglich sein - und es muss gar nichts Großes sein. Schon eine Bücherei könne einen Abend über das Sterben anbieten. Weil aber 23 Prozent der Befragten angegeben hatten, dasss sie persönlich Angst vor dem Tod haben, ist es umso wichtig, dass die Veranstaltungen sehr einladend und niedrigschwellig angeboten werden. In die Einladung hineinzuschreiben, dass auch stille Teilnehmer genauso herzlich willkommen sind und dass sich nicht jeder aktiv beteiligen müsse, könnte eine gute Idee sein, sagten die Autoren der Studie bei ihrer Youtube-Pressekonferenz. Und es böten sich viele Anknüpfungspunkte an: "Die Themenfülle ist groß, es geht bei gutem Sterben um mehr als nur Patientenverfügungen", sagte Tanja Kizik als stellvertretende Direktorin des Berlin-Instituts dazu in ihrer Vorstellung der Studienergebnisse.


3.) Wir brauchen einen neuen Vereinbarkeitsbegriff im Kontext des Sterbens: 
Gemeint ist damit die Vereinbarkeit von Sterbebegleitung und Arbeitsleben, also eine Ausweitung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zum Kontext des Sterbens. Und weil die familiäre Begleitung zunehmend schwieriger werden dürfte, alleine schon wegen weit entfernt wohnender Angehöriger, ist auch über die gesellschaftliche Ausweitung von Sterbebegleitung auf Nachbarschaften und Freundeskreise nachzudenken. Auf diesem Weg könnte sich auch das entwickeln, was zu etablieren den Autoren der Studie zufolge unsere neue gesellschaftliche Aufgabe werden wird: Eine neue "Sorgekultur" zu entwickeln.

Und hier noch, wie versprochen, die Linksammlung der in diesem Artikel benutzten Informationen und Fakten:

1.) Die Studie zum Herunterladen: Die Studie lässt sich herunterladen oder bestellen über diese Internetseite (bitte hier klicken)

2.) Die Online-Pressekonferenz, in der die Studie vorgestellt wird, lässt sich über Youtube finden und dort ansehen (bitte hier klicken)

Donnerstag, 23. Januar 2020

Warum das Sterben bzw. der Tod in Deutschland seit Januar 2020 deutlich teurer geworden ist - und warum auf alle Erben und Angehörigen höhere Kosten zukommen - Was Ärzte seit Januar 2020 für die "Leichenschau" berechnen dürfen und warum es darum Streit gibt

Osnabrück/Königswinter - Das Sterben ist in Deutschland im Jahre 2020 teurer geworden. Hintergrund sind gestiegene Preise für eine ganz wichtige Leistung, ohne die in Deutschland kein Mensch beerdigt werden kann: Das Ausstellen eines Totenscheins. Oder genauer gesagt: Die diesem Akt vorausgehende so genannte "Leichenschau", also das Feststellen des Todes. Dies muss durch einen Arzt geschehen, oft ja durch den Hausarzt. Was aber kaum jemand weiß: Diese Leistung bezahlen immer die Erben, also die Angehörigen. Nicht etwa die Krankenkassen. Genau daran entzündet sich jetzt erneute Kritik, seit die Preise für die Leichenschau im Januar 2020 nochmal deutlich gestiegen sind - was die Ärzte wiederum überaus begrüßenswert finden...

Manchmal sind es nur einzelne Begriffe, die allerlei falsche Assoziationen wecken. Du hörst ein Wort und hast sofort bestimmte Bilder im Kopf. So geht es mir jedenfalls beim Begriff der "Leichenschau". Für mich klingt das nach Krimi, Polizei, Fernsehkommissaren, Tatort, Rechtsmedizin, CSI und so weiter. Doch die nackte Tatsache ist: Jeder Mensch, wirklich jeder, wird zumindest einmal in seinem Leben mit einer Leichenschau zu tun haben. Spätestens dann, wenn er gestorben ist. Denn sobald ein Arzt ausrückt, um den Tod festzustellen und den Totenschein auszustellen - ohne den in Deutschland gar nichts geht -, wird diese ärzliche Untersuchung eben als "Leichenschau" bezeichnet (mal am Rande erwähnt: eine Obduktion gehört zu dem, was in Deutschland als "innere Leichenschau" bezeichnet wird - und bevor ein Mensch kremiert, also verbrannt, wird, ist immer auch eine zweite Leichenschau nötig).


Ist da noch Wärme oder ein Pulsschlag? (Fotos: Thomas Achenbach)


Nun ist die Leichenschau also teurer geworden. Dazu ist Folgendes wichtig zu wissen: Obwohl es jeweils ein Arzt ist, oft ja der Hausarzt, der diese Leistung erbringt, wird diese ärztliche Leistung eben nicht von den Krankenkassen bezahlt. Mit der Argumentation: Wer tot ist, der ist eben nicht mehr krank, da sind wir als Krankenkasse nicht mehr zuständig. Wer bezahlt es also? Die Angehörigen selbst, denen der Arzt dafür eine Rechnung ausstellt, die sie zu bezahlen haben. Das war vielen Ärzten lange ein Dorn im Auge, weil die Gebührenordnung für Ärzte schon lange nicht mehr aktualisiert worden ist und weil so eine Leichenschau für Ärzte sowohl zeitlich als auch vom Aufwand her als recht intensiv gilt. Die bisherigen Preise hätten die tatsächlichen Leistungen nicht finanzieren können, lautete eine lange Kritik der Ärzte. Deswegen hat das Bundesgesundheitsministerium in Sachen Leichenschau eine Aktualisierung angestoßen - seit Januar 2020 gelten dafür neue Tarife. Und die Verbraucherschutzinitiative Aeternitas, die sich um viele Bestattungsfragen kümmert und die in Fach- und in Journalistenkreisen ein hohes Ansehen genießt, nimmt das zum Anlass für zweierlei Kritik.


Es gibt Kritik an der Neuregelung 


Der größte Kritikpunkt von Aeternitas ist, dass die Rechnungen der Ärzte auch weiterhin unübersichtlich bleiben und sich aus vielen verschiedenen Ziffern, Paragraphen und Zuschlägen zusammensetzten. Schon 2017 hatte Aeternitas im Gespräch mit der "Stiftung Warentest" beklagt, dass der Initiative mehrere Beschwerden über zu hohe oder unklare Rechnungen vorlägen und dass die Rechnungen allgemein unübersichtlich wären. Dies habe sich auch jetzt durch die Reform der Gebührenordnung nicht verbessert, beklagt Aeternitas jetzt erneut in einer aktuellen Pressemitteilung. Außerdem schlägt die Verbraucherinitative vor, dass die Krankenkassen diese Leistungen übernehmen sollten. "Zum einen wären die Angehörigen von diesen Kosten entlastet, zum anderen erscheint es angemessen, dass hier ein letztes Mal die Solidargemeinschaft der Versicherten für den Einzelnen aufkäme", heißt es in einer Mitteilung der Initiative. Aber wieviel kostet es denn nun, für seine gestorbenen Angehörigen einen Totenschein ausstellen zu lassen? 




Nun ja - von... bis. Wie Aeternitas weiter schreibt, ergibt sich seit Jahresbeginn 2020 aus den Neuordnungen für die Gebührenordnung für Ärzte, abgekürzt GOÄ, ein neuer Kostenrahmen zwischen 103 Euro und 265 Euro – abhängig ist das jeweils von Dauer und Umfang der Leistung, von den Todesumständen, von Uhrzeit und Wochentag sowie von der Entfernung der Arztpraxis (alternativ des Wohnorts des Arztes) zum Ort der Leichenschau. Bisher durfte die Leichenschau maximal (und das nur für besondere Fälle) bis zu 76,56 Euro kosten, korrekt abgerechnet hätten sich meist Beträge zwischen 20 und 60 Euro ergeben, heißt es in dem Schreiben weiter.


Viele Angehörigen zahlen, ohne die Rechnung zu verstehen


Die Reform der GOÄ habe die Bundesregierung damit begründet, dass die bislang vorgesehenen Beträge für den notwendigen zeitlichen Aufwand einer hochqualifizierten Berufsgruppe nicht mehr angemessen waren, sagt Aeternitas. In der Praxis führe dies in zahllosen Fällen dazu, dass Ärzte falsch abrechneten und überhöhte Rechnungen für Leichenschauen schrieben. Die meisten Angehörigen zahlten aufgrund fehlender Informationen anstandslos und stellten die Rechnungen nur infrage, wenn Sie ihnen außerordentlich hoch erschienen.


Zwar begrüße Aeternitas grundsätzlich eine Reform der GOÄ. Tatsächlich erschienen die bisherigen Gebührensätze nicht mehr angemessen. Doch hatte Aeternitas gehofft, dass die Rechnungen jetzt übersichtlicher werden könnten - und zeigt sich davon enttäuscht, dass das nicht der Fall ist. „Die Angehörigen werden wie bislang kaum in der Lage sein, die Korrektheit einer Rechnung einschätzen zu können“, wird der Aeternitas-Rechtsreferent, Rechtsanwalt Torsten Schmitt, in der Mitteilung weiter zitiert. Er gehe davon aus, dass auch in Zukunft viele Abrechnungen nicht korrekt, sondern zu hoch sein werden: „Die Chance für eine transparente Regelung der Leichenschaugebühren wurde leider vertan“. 


Neu dazugekommen ist die "vorläufige Leichenschau"


Nicht im Sinne der Verbraucher ist Aeternitas zufolge ebenso, dass anders als bisher auch eine vorläufige Leichenschau (zum Beispiel durch den Rettungsdienst) abgerechnet werden kann. Da die eingehende Leichenschau anschließend dennoch verpflichtend ist, kommen für die Angehörigen unter Umständen Beträge von mehr als 400 Euro zusammen. Wenn die Krankenkassen die Leichenschaugebühren übernähmen, würden Einzelne nicht mehr mit besonders hohen Zahlungen aufgrund von nicht zu beeinflussenden Zufälligkeiten, wie Sterbeort- und -zeit, Auffindesituation oder Anfahrtsweg des Arztes, belastet. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil wäre, dass bei den zuständigen Krankenkassen genug Fachwissen vorhanden wäre, um falsche oder überzogene Rechnungen schneller zu erkennen, heißt es in der Mitteilung weiter.


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Donnerstag, 5. September 2019

Gibt es so etwas wie Leichengift? Und wie gefährlich ist es? Stimmt es, dass die Nägel der Toten noch lange weiterwachsen? Die sechs größten Irrglauben rund um Tod, Verwesung und Sterben - ein spannendes Aufklärerstück vom Berliner Online-Bestattungshaus "Mymoria" zeigt die wichtigsten Fragen auf

Osnabrück/Berlin - Um das Sterben, den Tod und Bestattungen ranken sich viele Irrglauben. Gibt es so etwas wie Leichengift? Und wie gefährlich ist es? Stimmt es, dass die Nägel der Toten auf unbestimmte Zeit weiterwachsen? Hier sind die sechs größten Irrglauben rund um Trauer, Tod und Sterben.

Noch nie habe ich für diesen Blog eine mir zugeschickte Pressemitteilung komplett übernommen, sondern immer auf eigene Artikel gesetzt. Aber was mir jetzt das Berliner Unternehmen Mymoria zugeschickt hat, finde ich so gut gemacht, dass ich es gerne übernehmen möchte. Schon der Titel macht neugierig (vor allem nach diesem Sommer):"Sterben bei Hitze wirklich mehr Menschen als bei Kälte? Mymoria zeigt sechs Irrglauben zu Tod und Bestattung". Es handelt sich bei "Mymoria" übrigens um ein Internetunternehmen, das Beerdigungen online plant, wobei es auf regionale Partner zurückgreift - und mir ist wichtig zu betonen, dass ich weder jemals für dieses Unternehmen gearbeitet habe noch in irgendeiner anderen Geschäftsfbeziehung dazu stehe. Mymoria macht schlicht und ergreifend eine sehr clevere, weil aufklärende und allen etwas Erläuternde Pressearbeit. Dass bei einer Meeresbestattung beispielsweise gar keine Asche ins Meer gestreut wird oder dass es gar nicht die Würmer sind, die in die toten Körper unter der Erde eindringen, habe ich selbst bisher auch nicht gewusst, trotz einer fast täglichen Beschäftigung mit den Themen Tod, Trauer und Sterben.

Hier ist also die mir zugeschickte Pressemitteilung im Wortlaut: 

Berlin - Um das Sterben, den Tod und Bestattungen ranken sich viele Irrglauben. Björn Wolff, Gründer und Geschäftsführer des digitalen Bestattungshauses Mymoria, erklärt sich das so: „Wir reden viel zu wenig über den Tod und wissen deshalb kaum etwas darüber. Das lässt viel Raum für falsche Annahmen, die sich oft hartnäckig halten. Um das zu ändern müssen wir das Tabu brechen." Mit seinem Team von Mymoria will er aufklären und einen unbeschwerten Umgang mit dem Tod erreichen (....):


Irrglaube 1: Im Sommer sterben mehr Menschen als bei Kälte


Viele Menschen glauben, dass bei Hitze besonders viele Menschen sterben, weil der Kreislauf bei hohen Temperaturen überbeansprucht wird und schnell versagen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Der Körper ist in kalten Jahreszeiten anfälliger, weil sich zusätzlich zur Schwächung auch Viren und Bakterien besser ausbreiten können. Durch die vermehrten Krankheiten sterben im Winter mehr Menschen als im Sommer.


Irrglaube 2: Bei Verstorbenen wachsen Nägel und Haare weiter


Das stimmt nicht, weil ohne Stoffwechsel keine Zellteilung mehr stattfindet, also auch kein Wachstum. Die Erklärung dafür, warum es trotzdem so aussieht, als würden Haare und Nägel weiter wachsen, ist recht simpel: Das umliegende Gewebe schwindet durch den Wasserverlust.


Irrglaube 3: Leichengift macht Tote ansteckend


Früher glaubte man, dass durch Gerüche Krankheiten übertragen werden können. Vermutlich kommt der Irrglaube an ein Leichengift daher, dass ein Leichnam unangenehm riechen kann. Bei der Verwesung entstehen zwar Stoffe, die aber bei Hautkontakt nicht schädlich sind.


Foto: Thomas Achenbach


Irrglaube 4: Asche wird ins Meer gestreut


Bei Seebestattungen in Deutschland wird die Asche nicht, wie oft in Filmen gezeigt, einfach verstreut. Von Schiffen werden spezielle Urnen ins Wasser abgelassen, die aus löslichen Materialien bestehen und sich mit der Zeit zersetzen. Im Gegensatz zu Erdbestattungen gibt es bei Beisetzungen auf dem Meer keine Gebinde und Trauerkränze. Der Umwelt zuliebe dürfen Angehörige nur ein paar Blumen zur Urne ins Wasser werfen. 


Irrglaube 5: Verstorbene sind leichenblass


Der Begriff "leichenblass“ ist irreführend. Denn entgegen des damit verbundenen Irrglaubens ist die Haut von Leichen meist farbintensiv. Das liegt daran, dass das Blut aus den Gefäßen nach unten sinkt, wenn der Blutkreislauf still steht. Das Blut sammelt sich an der Körperunterseite und zeichnet sich durch die Haut in verschiedenen Farbtönen ab.


Irrglaube 6: Würmer zerfressen den Körper in der Erde


Die Vorstellung, dass man von Würmern zerfressen wird, ist weit verbreitet, stimmt aber gar nicht. Denn in der durchschnittlichen Grabtiefe von rund 2 Metern, sind keine Würmer zu Hause. Diese leben weiter oben, wo es mehr Humus gibt. Die Verwesung im Grab passiert durch Zersetzungsprozesse und unterschiedliche Bakterien - Würmer braucht es dafür nicht.

Soweit die Pressemitteilung des Unternehmens. Noch eine Anmerkung meinerseits dazu: Mit seinem Angebot steht Mymoria natürlich in direkter Konkurrenz zu allen vor Ort ansässigen Bestattern mit allen Nach- oder auch Vorteilen, die das haben kann, aber das ist eine ganz andere Form von Diskussion, die wir bereits an anderer Stelle geführt haben (Links am Ende dieses Artikels). Ziel von Mymoria ist es laut eigener Aussage, "die Bestattungsindustrie zu digitalisieren". 

Und weiter heißt es in der Eigendarstellung: "Mymoria bietet  Hinterbliebenen unter www.mymoria.de die Möglichkeit, online eine vollumfängliche Bestattung zu beauftragen, und das bei voller Kostentransparenz. In gewohnter Umgebung und im geschützten Raum können sie sich intuitiv alle für die gewünschte Bestattung benötigten Dienstleistungen und Produkte zusammenstellen. (...). Das Unternehmen wurde 2015 in Berlin von Björn Wolff und Peter Kautz gegründet. Das Team besteht aktuell aus rund 40 Mitarbeitern."


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Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Dienstag, 24. Oktober 2017

Bitte nehmt immer auch die Kinder mit - ans Sterbebett, ins Krankenhaus, ins Hospiz... überall dorthin, wo sie sehen und begreifen können - was wir aus dem Roman "Sieben Minuten nach Mitternacht" Wichtiges fürs Leben und Sterben lernen können

Osnabrück (eb) - Keine Sorge: Zum Lesen dieses Blogbeitrags sind keine fundierten Kenntnisse des Buches "Sieben Minuten nach Mitternacht"nötig. Eigentlich reicht für unseren Kontext diese kurze Zusammenfassung: In dem Roman geht es um den 13-jährigen Jungen Conor, dessen Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist und ins Krankenhaus muss. Der Vater hat die Familie schon vor längerer Zeit verlassen, Conor schmeißt erst alleine den Haushalt und lebt später bei der Großmutter. Die ihn aber meist zuhause lässt und ihre Zeit im Krankenhaus verbringt. Denn keiner - weder Vater, noch Großmutter, noch die Mutter selbst - traut sich, dem Jungen die Wahrheit zu sagen: Dass die Mutter sicher sterben wird. Bald sogar. Wie sich alles um diesen Kardinalfehler windet und welche psychologischen Folgen das haben kann, stellt das Buch als berührende Monstergeschichte heraus - und daraus lässt sich eine Menge lernen. Kurz gesagt: Keine falsch verstandene Schonung. Nehmt die Kinder mit.

"Nicht dabei sein, macht die Sache nicht besser". In diesen simplen Worten fasst die Familientrauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper zusammen, worum es geht. Sie erzählt auf ihrer Facebookseite die bewegende Geschichte - eine echte Geschichte, anders als die von Conor - vom fünfjährigen Konrad, der mit dem ganz plötzlichen Herzinfarkt und nahenden Tod seiner Mutter konfrontiert ist. Und wie er dann mit seinem Papa in das Krankenzimmer geht und sich von der Krankenschwester genau alle Schläuche erklären lässt. Aber darf man Kindern sowas zumuten? Ist das nicht grausam?


(Foto: Thomas Achenbach)

Nun ja, was wäre denn die Alternative? Dass die Kinder zuhause sitzen und nicht miterleben können, was los ist? Und dann stehen sie plötzlich vor so einem Holzding und verstehen die Welt nicht mehr...? Klar, keiner versteht die Welt, wenn es um den Tod geht. Aber was für die Erwachsenen gilt, ist für die Kinder genauso wichtig. Vielleicht noch wichtiger:


Wir Menschen müssen begreifen lernen - auch die Kleinen


Wenn wir begreifen wollen, müssen wir erleben können. Den toten Körper zu sehen und anzufassen, das können sich viele kaum vorstellen (ging mir genauso und ich habe es auch nicht getan - aber immerhin war ich dabei, mit im Raum, als meine Mutter starb). Dabei sein zu dürfen, wenn der Tod eintritt, das kann manchmal auch ein Geschenk sein, es kommt immer auf die jeweilige Situation drauf an. Und manche Eltern, die ihren Kinder sowas zugemutet haben, berichten von ganz überraschenden und erstaunlich guten Erfahrungen, die sie damit gemacht haben. Wobei mir ganz, ganz wichtig ist, dass wir die Kinder nicht einfach dorthin zwingen, ans Sterbebett oder zu der gestorbenen Person - sondern sie selbst fragen, ob sie sich das vorstellen könnten und ob sie dorthin möchten. Das kann hilfreich sein für sie, wenn die Faktoren stimmen. 

Inzwischen ist "Sieben Minuten nach Mitternacht" auch verfilmt worden - eigentlich total unnötig, denn das Buch alleine weckt starke innere Bilder in einem. Aus Zeitgründen habe ich mir den Roman im Hörbuchformat vorlesen lassen. Das war eine wertvolle Erfahrung.    (Thomas-Achenbach-Foto)


Hilfreicher jedenfalls als irgendwo anders sitzen zu müssen und nicht genau zu wissen, was jetzt da eigentlich vorgeht, wo die Erwachsenen immer so ernst und mit so düsteren Mienen immer hingehen. Siehe da, wer seine Kinder mitgenommen hat, der berichtet später oft: Sie konnten ganz gut damit umgehen. Die Kinder haben ihre eigenen Schutzmechanismen. Natürlich wird so eine Situation für sie ihre eigenen Überforderungen mit sich bringen. Natürlich wird es nicht leicht, für keinen, der dabei ist. Aber: "Nicht dabei sein, macht die Sache nicht besser".


Man möchte die Eltern anbrüllen: Sagt es ihm, verdammt!


Auch Conor in der Geschichte entwickelt seine Schutzmechanismen. Sehr realistisch schildert das Buch, wie der Junge in der Schule plötzlich gemieden wird. Als ob der Krebs seiner Mutter etwas Ansteckendes oder Anrüchiges hätte - oder als ob er selbst plötzlich unsichbar wäre. Diese gigantischen Unsicherheiten, die mit dem Tod einhergehen - sie wirken auch im echten Leben oft leider so. Doch wie sich am Ende zeigen wird: Ganz tief im hintersten Winkel seines Herzens hat Conor gewusst, was geschehen wird. Bis dahin ist viel geschehen, es hat Wut und Zerstörung gegeben und sonst vieles, was Trauer mit sich bringt. Aber so richtig gesagt, was Sache ist, hat es ihm bis kurz vor Schluss eigentlich keiner. Der Junge hat viel alleine zuhause gesessen und sich ein ebenso beängstigendes wie freundliches Monster als seine persönliche Hilfe geholt - das vielleicht sogar echt ist, an dieser Stelle lässt das Buch in wohltuendem Mystizismus alles offen. Aber der Leser hat bis dahin längst in vielen Passagen innerlich aufgestöhnt...


Kinder können mehr aushalten und verstehen, als manche denken - sie in eine falsch verstandene Schonungszone zu stecken, ist oft schlimmer als sie mitzunehmen und der Wahrheit auszusetzen.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Common-0-Lizenz)

Denn er hat schon oft die erwachsenen Figuren vor seinem geistigen Auge förmlich angeschrien: Jetzt sagt es ihm! Sagt es ihm! Nehmt ihn mit, verdammt nochmal! Lasst ihn dabei sein! Denn: Nicht dabei sein, macht es nicht besser.... 


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Dienstag, 22. August 2017

Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was bei modernen Trauerfeiern alles möglich ist, möglich sein sollte und wie gut es Trauernden tun kann - Impulse für ein lebendiges Gedenken in der modernen Welt

Osnabrück - Darf man auf einer Trauerfeier auch tanzen? Ist es möglich, die Trauerrede auch als Audiodatei zugeschickt bekommen zu können? Auf der Messe "Leben und Tod 2017", die bereits im Mai in Bremen stattfand, gab es viele Impulse für eine moderne Trauerfeier, die dem zu bestattenden Menschen auch gerecht wird. Und auch hier zeigte sich, dass heutzutage viel mehr möglich ist als man so denkt....

Schon vor kurzem habe ich über die Vorträge der beiden modernen Bestatter Barabara Rolf aus Stuttgart oder David Roth aus Bergisch-Gladbach berichtet, die auf der Messe Leben und Tod 2017 ein glühendes Plädoyer für eine moderne und individuelle Bestattungs- und Trauerkultur gehalten haben über reichhaltige Erfahrungen verfügen. Am Schönsten waren diese beiden Vorträge immer dann, wenn beide Bestatter eine selbst erlebte Geschichte erzählten. Zum Beispiel diese hier:


Ein melancholischer Tango auf einer Trauerfeier - das wäre doch der perfekte Tanz mit all seiner Lebensnähe und gleichzeitigen Düsternis...  (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

In der Einladung zur Trauerfeier für seine verstorbene Frau hatte der Witwer geschrieben: "Es ist mir nicht wichtig, was ihr anhabt, aber wenn ihr einen Tipp wollt: Sie liebte Gelb." Also trugen nahezu alle Gäste, selbst die am schwärzesten angezogenen, irgendwo etwas Gelbes, ein Bändchen, eine Brosche, eine Mütze, irgendwas. Sichtbar und schön bunt und überhaupt nicht getragen. Denn geht es nicht bei der Trauerfeier genau darum - einen Übergang vom bunten Leben zu schaffen in etwas Unbekanntes, von dem wir gar nicht genau wissen, ob es nicht auch bunt sein könnte?


Bestatter müssen offen sein - und technisch versiert


Wie sehr die moderne Technik Einzug hält, wurde mir bei einem Gespräch mit der Theologin und Trauerrednerin Birgit Janetzky aus Heuweiler bei Freiburg klar (ebenfalls Expertin für digitalen Nachlass), mit der ich mich auf der Messe zum Kennenlernen verabredet hatte. Sie berichtete, dass es durchaus Anfragen gäbe, eine gehaltene Trauerrede aufzuzeichnen und als Audiodatei an die Angehörigen zu verschicken. Aber auch Janetzky räumte ein, was andere Zuhörer der Vorträge sagten: Dass es auf die Offenheit und Ausstattung der Bestatter ankommt und dass diese Branche derzeit noch eher konservativ unterwegs ist. Barbara Rolfs Credo dazu: "Die Kunden müssen die Bestattungsbranche ändern" - aber dazu müssten sie umfassend über ihre Rechte aufgeklärt sein (mehr dazu in meinen Blogbeitrag).


Jeder bringt ein Licht mit - für das riesige Bodenherz


Weitere Impulse aus den Vorträgen: Tanzen auf der Trauerfeier ist möglich (das hat mich übrigens als leidenschaftlicher Standard- und Lateintänzer besonders gefreut  - und auch wenn ich den argentinischen Tango trotz mehrfacher Versuche nach wie vor besonders schwierig finde, wäre das doch mit all seiner melancholischen Eleganz und gleichzeitigen Lebensnähe ein total passender Tanz für eine stilvolle Trauerfeier.... - Einschub Ende.) Oder das: Ein riesiges Lichterherz, auf dem Boden, und jeder Gast konnte, wenn er wollte, eine Kerze in einem Glas anzünden und dort mit hineinstellen. Was ein sehr schönes Bild gewesen sein muss, denn das Herz soll wirklich riesig gewesen sein, wie Barbara Rolf berichtete. Und noch in einem weiteren Vortrag auf der Messe habe ich ein zu alledem hervorragendes Zitat aufgeschnappt.

Möglichst bunt und lebensnah - so darf auch der Tod sein. Es muss nicht immer getragen und majestätisch zugehen.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-0-Lizenz) 

So sagte die Familienbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper: "Zu schreiben, bitte weint doch nicht an meinem Grab ist genauso schwachsinnig wie in einer Geburtstanzeige zu schreiben: Bitte freut Euch nicht, das kann halt mal passieren..." Kurzum: Auch auf einer guten Trauerfeier ist alles gestattet, was Leben ist. Bunte Farben, Tänze und Musik, Tränen und Gefühle, Abschied und Freude, Technik und Symbolik. Sogar Tango. Und warum auch nicht?


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Dienstag, 15. August 2017

"Sterben" von Corey Taylor - ein Buchtipp für alle Menschen, nicht alleine für die tatsächlich Sterbenden (eine Besprechung und eine Auseinandersetzung)

Osnabrück - Darf einen ein Buch über etwas so Existenzielles wie das Sterben beglücken? Darf es entzücken? Wenn es so feingeschliffene Gedanken, so wertvolle Formulierungen und so scheinbar banale, aber wesentliche Erkenntnisse enthält wie dieses, darf es das. Jedoch ist "Sterben" von der australischen Autorin Corey Taylor im Wesentlichen eine Familiengeschichte - keine Reise durch Sterbeprozesse. Das muss wissen, wer sich drauf einlassen will. Lernen lässt sich aber dennoch eine Menge.

In nur wenigen Wochen verfasste die australische Schriftstellerin Cory Taylor 2015 dieses Buch, das - wie glücklich für sie - noch kurz vor ihrem Tod erschien. Ihr Krankheitsprozess ist beim Schreiben schon weit fortgeschritten, ihre Lebenswelt ist auf zwei Zimmer zusammengeschrumpft: Das Schlafzimmer mit dem Bett darin und das Wohnzimmer mit ihrem Computer. Mehr Wege schafft sie nicht. Dort sitzt sie und schreibt - erzählt aus ihrem Leben, verbindet kurze Anekdoten und Zusammenhänge. Aber immer wieder, meistens dann, wenn der Leser es gar nicht erwartet, begibt sie sich in kurzen Glücksmomenten auf eine philosophische Metaebene, reflektiert über den Prozess des Sterbens an sich und darüber, wie alles zusammenhängt. Dies geschieht in nur wenigen Zeilen mit wenigen Worten. Aber die haben es in sich. Und auch das Durchlesen der Familiengeschichten ist unbedingt lohnend - weil sich das bemerkenswerte Ende des Buches sonst nicht vollends verstehen lässt. Corey Taylor hat indes eine Form gefunden, ihr eigenes Ende zu beschreiben, die den Leser gerade wegen ihrer artifiziellen Distanzierung berührt und bewegt. 

Lesenswert - oder hörenswert: "Sterben" von Corey Taylor ist ein bemerkenswertes Buch bzw. Hörbuch.   (Thomas-Achenbach-Foto)

»Wenn wir selbst an unser Ende gelangen, können wir auf einen solch lebhaften Rückblick und eine solch klare Vorausschau nur hoffen.« Das sagte der britische Autor Julian Barnes über dieses Buch. Barnes, der selbst seine Frau verloren und der seinem eigenen Leidensprozess in dem auf diesem Blog bereits vorgestellten Werk "Lebensstufen" eine lesenswerte Dokumentation gewidmet hat. Corey Taylor ist weder gläubig noch christlich. Auch ihr Sterbeprozess hat daran nichts geändert, obwohl sie Fragen dieser Art durchaus innerlich diskutiert. Was ihre Gedanken so lesenswert macht, ist die unbedingt dankbare und anerkennende Art und Weise, wie sie ihr Leben reflektiert - und auch solche Fragen wie "Hätte ich ein anderes Leben führen können/sollen/müssen" dabei nicht außer Acht lässt. Aus dieser Art und Weise, sein Leben zu reflektieren, lässt sich viel lernen.


Auch das ist Sterben: Stöbern in der eigenen Biograhpie


Denn das Durchstöbern der eigenen Biographie am Ende des Lebens, das Suchen nach Spuren und Wegen, vor allem aber die Suche nach der eigenen Identität ist etwas, das uns Halt geben kann. Den Stift (oder den Laptop) nehmen und losschreiben, sich fragen, wo man eigentlich herkommt und was einen eigentlich ausmacht - das ist die Reise, auf die sich Corey Tayler begeben hat. Um am Ende zu erstaunlichen Erkenntnissen zu gelangen: "All unsere Erfahrungen existieren gleichzeitig, sind uns ins Fleisch eingebrannt", schreibt sie. So ist sie immer beides: Das kleine Mädchen und die sterbende Frau. Und daran ist nichts Neues, denn: "Wir sterben schon von dem Augenblick an, in dem wir geboren werden, soviel weiß ich jetzt". Immer mal wieder taucht Corey Taylor mit ihren Lesern in diese überraschende Tiefe ein, aber nur als kurze Stippvisite. Denn im Grunde ist "Sterben" ein Buch über eine nicht besonders heile und nicht besonders stabile Familie. Oder anders gesagt:


Schon beim Hören von "Sterben" von Corey Tayler habe ich gemerkt, dass ich ein paar der geäußerten Gedanken unterstreichen möchte. Weil mich das Hörbuch so fesselte, habe ich das gedruckte Buch noch dazugekauft.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Eine Geschichte über eine Herkunft. Gleichzeitig ist es der Versuch, der Ohnmacht ein kleines Schnippchen zu schlagen, wenigstens einen kleinen Teil an Kontrolle auch nach dem Sterben zu behalten: "Erzähle Deine Geschichte selbst, oder jemand anderes wird das tun". Das ist das Motto. Nun, es ist ihr gelungen. Übrigens gibt es "Sterben" auch als von der Schauspielerin Marlen Diekhoff eindrucksvoll gelesenes Hörbuch, das ich sehr empfehlen kann und das mir manche Autofahrt zur Arbeit und zurück zu einem Weg in etwas Tieferes hat werden lassen (weil mich das Hörbuch so fesselte, habe ich mir das gedruckte Buch ebenfalls noch nachgekauft). Denn die zum Zeitpunkt der Aufnahme immerhin auch schon 78 Jahre alte Marlen Diekhoff ist mit ihrer reifen und irgendwie nach Altersweisheit klingenden Stimme die perfekte Besetzung für diese Textzeilen. Noch eine Randbemerkung: Sich in seinem eigenen Sterbeprozess schreibend mit seinem eigenen Leben auseinanderzusetzen, kann etwas sehr Hilfreiches sein. Nicht umsonst gibt es derzeit mehrere Menschen, die dabei ihre Hilfe anbieten. Auch insofern setzt "Sterben" einen wertvollen Impuls.


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