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Freitag, 28. Februar 2020

Wie simple Bonbons den nahenden Tod symbolisiert haben... So war die Trauer-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle im Jahr 2020


Hamburg - Es ist ein paar Jahre her, dass ich diesen Text geschrieben habe. Und doch gehen mir die Bildern nicht aus dem Kopf. Es gab einen Raum in dieser Trauer-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle, den ich nach wie vor nicht aus dem Kopf bekomme. Vermutlich, weil sich seine Wirkungsmacht erst so langsam im Innern entfaltet hat. Der Boden dieses Raums war gefüllt mit in Zellophan eingewickelten Bonbons, von denen sich jeder Besucher eines nehmen durfte. Die Fenster waren mit weißen, aber lichtdurchlässigen Vorhängen versehen, die ein irgendwie gefiltertes Licht in den Raum hindurchließen. Und diese ganze Installation nannte sich "Loverboy" und erzählt vom Tod und vom Sterben. Warum und wie? Springen wir zurück in die damalige Zeit.  

Die Ausstellung "Trauern" in der Hamburger Kunsthalle. 32 moderne Kunstwerke. Die sich allesamt dem Themenkomplex von Tod, Verlust und Trauern widmen. Manches davon ist recht simpel gehalten in seiner Gestaltung und doch sehr effektiv in seiner Wirkung - so beispielsweise der auf eine ansonsten komplett weiße Wand aufgebrachte schwarze Trauerrand. Auch ein Kunstwerk. Daran wäre ich fast vorbeigelaufen, ohne es zu bemerken, und anfangs hat mich dieses Kunstwerk wenig berührt. Erst später hat sich mir eine Frage ins Bewusstsein gedrängt: Wenn ich als Besucher in diesem Trauerrahmen stehe, ist das dann sozusagen meine eigene Traueranzeige? Die auf meinen Tod hinweist? Und schon ist die Idee von Vergänglichkeit und vom Sterbenmüssen wieder viel greifbarer geworden.


Wer ein Bonbon lutscht, sollte um die Hintergründe wissen


So auch bei dem anfangs erwähnten Bonbon-Raum zum Mitmachen. Wie der Besucher in dem informativen und kostenlosen Begleitheft zur Ausstellung erfährt, wiegt dieser Teppich aus Bonbons zu Beginn genausoviel, wie der damalige Freund und Geliebte des Künstlers Félix González-Torres zu Beginn seines Sterbeprozesses gewogen hatte. Denn der war an Aids erkrankt, weswegen er zunehmend an Gewicht verlor, und starb daran im Alter von 36 Jahren. Wer sich also ein Bonbon von diesem Flickenteppich nimmt, der trägt als Besucher der Ausstellung dazu bei, dass die Vergänglichkeit als Thema spürbar wird. Deswegen auch die Vorhänge: Sie sind zugezogen, wie in einem Sterberaum. 


Kinder putzen einen Friedhof - und das ist alles echt


Wer über einen Besuch der Trauer-Ausstellung nachdenkt, dem seien übrigens zwei Tipps ans Herz gelegt: Erstens kann es nicht schaden, zwischendrin eine Pause einzulegen, weil die vielen Eindrücke doch auch erschöpfend sein können. Auch räumlich gesehen bietet sich eine Pause gut an, denn die Ausstellung erstreckt sich über zwei Etagen. Zweitens werden dort viele Filme gezeigt, die jeweils eine Laufzeit zwischen 7 und 30 Minuten haben. Es kann sich also lohnen, etwas Zeit mitzubringen (mein Tipp: rund drei Stunden). Unter den Filmen ist beispielsweise der eindrucksvolle Dokumentarfilm "The Guardians", der uns auf einen etwas verwahrlosten und in der Sonne dösenden Friedhof mitnimmt. Bis auf einmal eine Kinderhand damit beginnt, ein Grab zu putzen. Was hier gezeigt wird, ist keine bewusst erzeugte Kunst, sondern echtes Leben. 


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Denn in der kleinen Stadt Shkodra in Nordalbanien gibt es diesen Friedhof, der in den 90er Jahren von Kindern, nicht von Erwachsenen, wieder hergerichtet und gesäubert wurde. Offenbar in Eigenregie, wie die Filmbilder einen vermuten lassen. Weil während der kommunistischen Diktatur in Albanien auch christliche Symbole und Riten verboten waren, dreht sich dieser Film auf eine ganz eigene Weise um die Frage: Wie wollen wir mit dem Tod umgehen, wenn uns ein zur Verfügung stehendes Sprach- und Bearbeitungsrepertoire entzogen wird? Eine von mehreren Fragen, die die Ausstellung auf ein Niveau allgemeiner gesellschaftlicher Relevanz heben.


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Donnerstag, 5. September 2019

Gibt es so etwas wie Leichengift? Und wie gefährlich ist es? Stimmt es, dass die Nägel der Toten noch lange weiterwachsen? Die sechs größten Irrglauben rund um Tod, Verwesung und Sterben - ein spannendes Aufklärerstück vom Berliner Online-Bestattungshaus "Mymoria" zeigt die wichtigsten Fragen auf

Osnabrück/Berlin - Um das Sterben, den Tod und Bestattungen ranken sich viele Irrglauben. Gibt es so etwas wie Leichengift? Und wie gefährlich ist es? Stimmt es, dass die Nägel der Toten auf unbestimmte Zeit weiterwachsen? Hier sind die sechs größten Irrglauben rund um Trauer, Tod und Sterben.

Noch nie habe ich für diesen Blog eine mir zugeschickte Pressemitteilung komplett übernommen, sondern immer auf eigene Artikel gesetzt. Aber was mir jetzt das Berliner Unternehmen Mymoria zugeschickt hat, finde ich so gut gemacht, dass ich es gerne übernehmen möchte. Schon der Titel macht neugierig (vor allem nach diesem Sommer):"Sterben bei Hitze wirklich mehr Menschen als bei Kälte? Mymoria zeigt sechs Irrglauben zu Tod und Bestattung". Es handelt sich bei "Mymoria" übrigens um ein Internetunternehmen, das Beerdigungen online plant, wobei es auf regionale Partner zurückgreift - und mir ist wichtig zu betonen, dass ich weder jemals für dieses Unternehmen gearbeitet habe noch in irgendeiner anderen Geschäftsfbeziehung dazu stehe. Mymoria macht schlicht und ergreifend eine sehr clevere, weil aufklärende und allen etwas Erläuternde Pressearbeit. Dass bei einer Meeresbestattung beispielsweise gar keine Asche ins Meer gestreut wird oder dass es gar nicht die Würmer sind, die in die toten Körper unter der Erde eindringen, habe ich selbst bisher auch nicht gewusst, trotz einer fast täglichen Beschäftigung mit den Themen Tod, Trauer und Sterben.

Hier ist also die mir zugeschickte Pressemitteilung im Wortlaut: 

Berlin - Um das Sterben, den Tod und Bestattungen ranken sich viele Irrglauben. Björn Wolff, Gründer und Geschäftsführer des digitalen Bestattungshauses Mymoria, erklärt sich das so: „Wir reden viel zu wenig über den Tod und wissen deshalb kaum etwas darüber. Das lässt viel Raum für falsche Annahmen, die sich oft hartnäckig halten. Um das zu ändern müssen wir das Tabu brechen." Mit seinem Team von Mymoria will er aufklären und einen unbeschwerten Umgang mit dem Tod erreichen (....):


Irrglaube 1: Im Sommer sterben mehr Menschen als bei Kälte


Viele Menschen glauben, dass bei Hitze besonders viele Menschen sterben, weil der Kreislauf bei hohen Temperaturen überbeansprucht wird und schnell versagen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Der Körper ist in kalten Jahreszeiten anfälliger, weil sich zusätzlich zur Schwächung auch Viren und Bakterien besser ausbreiten können. Durch die vermehrten Krankheiten sterben im Winter mehr Menschen als im Sommer.


Irrglaube 2: Bei Verstorbenen wachsen Nägel und Haare weiter


Das stimmt nicht, weil ohne Stoffwechsel keine Zellteilung mehr stattfindet, also auch kein Wachstum. Die Erklärung dafür, warum es trotzdem so aussieht, als würden Haare und Nägel weiter wachsen, ist recht simpel: Das umliegende Gewebe schwindet durch den Wasserverlust.


Irrglaube 3: Leichengift macht Tote ansteckend


Früher glaubte man, dass durch Gerüche Krankheiten übertragen werden können. Vermutlich kommt der Irrglaube an ein Leichengift daher, dass ein Leichnam unangenehm riechen kann. Bei der Verwesung entstehen zwar Stoffe, die aber bei Hautkontakt nicht schädlich sind.


Foto: Thomas Achenbach


Irrglaube 4: Asche wird ins Meer gestreut


Bei Seebestattungen in Deutschland wird die Asche nicht, wie oft in Filmen gezeigt, einfach verstreut. Von Schiffen werden spezielle Urnen ins Wasser abgelassen, die aus löslichen Materialien bestehen und sich mit der Zeit zersetzen. Im Gegensatz zu Erdbestattungen gibt es bei Beisetzungen auf dem Meer keine Gebinde und Trauerkränze. Der Umwelt zuliebe dürfen Angehörige nur ein paar Blumen zur Urne ins Wasser werfen. 


Irrglaube 5: Verstorbene sind leichenblass


Der Begriff "leichenblass“ ist irreführend. Denn entgegen des damit verbundenen Irrglaubens ist die Haut von Leichen meist farbintensiv. Das liegt daran, dass das Blut aus den Gefäßen nach unten sinkt, wenn der Blutkreislauf still steht. Das Blut sammelt sich an der Körperunterseite und zeichnet sich durch die Haut in verschiedenen Farbtönen ab.


Irrglaube 6: Würmer zerfressen den Körper in der Erde


Die Vorstellung, dass man von Würmern zerfressen wird, ist weit verbreitet, stimmt aber gar nicht. Denn in der durchschnittlichen Grabtiefe von rund 2 Metern, sind keine Würmer zu Hause. Diese leben weiter oben, wo es mehr Humus gibt. Die Verwesung im Grab passiert durch Zersetzungsprozesse und unterschiedliche Bakterien - Würmer braucht es dafür nicht.

Soweit die Pressemitteilung des Unternehmens. Noch eine Anmerkung meinerseits dazu: Mit seinem Angebot steht Mymoria natürlich in direkter Konkurrenz zu allen vor Ort ansässigen Bestattern mit allen Nach- oder auch Vorteilen, die das haben kann, aber das ist eine ganz andere Form von Diskussion, die wir bereits an anderer Stelle geführt haben (Links am Ende dieses Artikels). Ziel von Mymoria ist es laut eigener Aussage, "die Bestattungsindustrie zu digitalisieren". 

Und weiter heißt es in der Eigendarstellung: "Mymoria bietet  Hinterbliebenen unter www.mymoria.de die Möglichkeit, online eine vollumfängliche Bestattung zu beauftragen, und das bei voller Kostentransparenz. In gewohnter Umgebung und im geschützten Raum können sie sich intuitiv alle für die gewünschte Bestattung benötigten Dienstleistungen und Produkte zusammenstellen. (...). Das Unternehmen wurde 2015 in Berlin von Björn Wolff und Peter Kautz gegründet. Das Team besteht aktuell aus rund 40 Mitarbeitern."


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Donnerstag, 10. Januar 2019

Wir müssen besser mit dem Tod umgehen lernen - und mit unseren Toten (und wir müssen den Kindern den Tod gut vermitteln)... - Noch ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer neuen Trauerkultur und Bestattungskultur - der Berliner Bestattungs-Revoluzzer Eric Wrede hat ein Buch geschrieben - warum "The End" zur Pflichtlektüre werden sollte (Buchtipp)

Osnabrück/Berlin - Immer mehr Bücher und immer mehr Akteure gibt es heutzutage, die eine wichtige Botschaft vermitteln: Wir brauchen eine neue Trauer- und Bestattungskultur in unserer Gesellschaft. Wir brauchen wieder eine gemeinsame Sprache für diese Dinge, ein gemeinsames Verständnis und neue, uns alle verbindende Rituale. Diese Thesen sind hier auf diesem Blog schon desöfteren geäußert worden - und nun gibt es ein neues und grandioses und meiner Meinung nach durchaus lesenswertes Buch, das diesen Bogen noch weiter spannt. Geschrieben von einem Mann, dessen Lebensgeschichte alleine schon ein halbes Buch wert ist - was er nun auch selbst erkannt hat, weswegen seine eigene Geschichte einen kleineren Teil des Werkes füllt. Aber eben nur einen kleineren Teil: Die Rede ist von Eric Wrede, der schon mehrmals als Gast auf der Bremer Messe "Leben und Tod" dabei war. Hatte er einstmals beim Musikgiganten Motor Music/Universal für Bands wie Selig und Polarkeis 18 ("Allein allein") gearbeitet, schmiss er eines Tages alles hin - um ein eigenes Bestattungsunternehmen aufzumachen. Aus enorm guten Gründen. 

"Warum gibt es eigentlich keine GPS-erfassten Grabstellen? Bei einer Seebestattung bekommen die Angehörigen die exakten Koordinaten übermittelt, wo die Seeurne im Wasser versenkt wurde. Auf Friedhöfen schert das niemanden" - Es sind Impulse und Absätze wie diese, die mich dieses Buch so mögen lassen: Gleichsam hemdsärmelig und trotzdem mit ganz viel Wärme und Verständnis für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geschrieben, immer ganz nah dran am eigentlich Machbaren, gibt das Buch vielfältige Ideen und Anregungen für moderne und entstaubte Trauerfeiern, für das eigene Sterben und für die Begleitung von Trauernden - vor allem auch: trauernden Kindern. Gerade an diesen Stellen ist das Buch besonders gut. Und es hat mich selbst dazu gebracht, dass ich meine eigenen schon länger vorbereiteten Verfügungen für mein Lebensende nochmal überarbeiten möchte. Beispielsweise weil mir die Idee so gut gefällt, die besten Freunde zu fragen, ob sie dann ggf. den Sarg tragen würden/könnten.


Eric Wrede und sein Absprung: Aus dem Musikzirkus hinein in die Bestattungsbranche... (Random-House-/Erik-Weiss-Foto mit freundlicher Genehmigung).

Das Buch beginnt dann auch gleich mit Eric Wredes Testament - bzw. mit einem Auszug daraus. Klingt nach Nabelschau, ist aber extrem lehrreich, denn in nur wenigen Zeilen macht Wrede eindrucksvoll deutlich, wie einfach so etwas sein kann und dass es kein halbes oder ganzes juristisches Studium braucht, um eine eindeutige und sehr klare Verfügung zu verfassen. Soviel sei vorab schon verraten: Auf seinem Grabstein soll stehen: 'E. W., ich habe gelebt.' Später erfahren wir: Bei seiner eigenen Bestattung sollen später mal die Kings und John Cale gespielt werden. Auch das hat Eric Wrede bereits verfügt. Da ist  die Nähe zum ehemaligen Musikmanager (A&-R-Manager, für die Auskenner) noch immer spürbar, wie an vielen anderen Stellen des Buches. 

"Schick mir die Post schon ins Spital...." - mit Musik durchs Buch


Die Kapitelüberschriften sind nämlich allesamt Songtitel - die allerdings ein ganz kleines bisschen musikliasches Auskennertum erfordern, wenn auch kein Spezialwissen. Darunter sind beispielsweise "Bring mir die Post schon ins Spital" von der österreichischen Rock'n'Roll-Kapelle Wanda, die im Konzert zu erleben ein enormer Spaß sein kann, oder "Keep Me In Your Heart" von Warron Zevon, das dieser - bereits um seinen nahenden Tod wissend - auf seinem bewegenden Album "The Wind" veröffentlichte. Der Song wird in meiner ganz eigenen Serie rund um "die hilfreichsten und wirkmächtigsten Songs und Alben über Trauer, Tod und Sterben" ganz sicher auch noch an die Reihe kommen (die erste Folge dieser Serie findet sich hier).


Alle weiteren Fotos: Thomas Achenbach.

Besonders erfreulich an dem Buch: Die Kinder nehmen darin viel Raum ein Beziehungsweise die Frage: Wie gehen Kinder eigentlich mit dem Tod um? Auch hier kann Eric Wrede viele hervorragende Praxistipps anbieten, wie man das Thema mit Kindern am besten besprechen kann – und wieviel die Erwachsenen dabei immer wieder falsch machen in der irrigen Annahme, die Kinder vor diesem Thema irgendwie schützen zu müssen (auch das war bereits ein viel beachtetes Thema hier auf diesm Blog – bei Interesse hier klicken). Denn Kinder haben oft ganz pragmatische Alltagsfragen, wenn es um den Tod geht. Pupst der noch, beispielsweise. Aber eben auch ganz praktische Fragen des Alltagslebens. Wenn die Oma sterben kann, dann vielleicht auch die Mama – aber wer kocht denn dann noch für mich?  Wir sprechen nämlich ganz falsch vom Tod, sagt Eric Wrede an einer Stelle. Und auch damit trifft er voll ins Schwarze. Wir senken unsere Stimmen, werden bei dem Thema ganz andachtsvoll und würdevoll und irgendwie vorsichtig. Das macht es im Umgang mit Kindern, aber überhaupt im Umgang mit dem Tod, alles nur noch schlimmer. Alleine deswegen sollte das Buch zur gesellschaftlichen Pflichtlektüre werden.



Aber auch wegen der vielen brauchbaren Praxistipps ist es viel wert: Dass es beispielsweise, wenn man sich das leisten kann, enorm sinnvoll sein kann, für seine Trauerfeier gleich eine Doppelfeier zu beantragen, um die extrem kurz getakteten Zeiten in den Friedhofskapellen von maximal 20 bis 30 Minuten für eine Trauerfeier einfach für sich verlängern zu können. Dass es eine schöne Idee sein kann, die Gäste einer Trauerfeier in Form eines kleinen persönlichen Briefes ihre eigenen Erinnerungen an den oder die Verstorbenen aufschreiben zu lassen und diese Briefe dann zu sammeln und zu einer großen Erinnerungsmappe zusammenzutragen. Und dass überhaupt die Trauerfeiern viel individueller auf den Menschen ausgerichtet sein müssen, der dort begraben wird - Eric Wrede erinnert sich an einen etwa 50-Jährigen, dessen Leidenschaft Progressive Metal gewesen ist - also wirklich wirklich frickeliges Musikzeugs, 20 Minuten Laufzeit pro Stück, zahlreiche Tempiwechsel und so. Also hörte sich die gesamte Trauergemeinde auf der Trauerfeier durch solcherlei Musikstücke durch. Das war sauanstrengend - und es wurde dem Menschen, der da gestorben war, tausendmal gerechter als jede staubüberzogene Normalfeier. Am Ende des Buches finden sich in einer Art Serviceteil noch die wichtigsten Informationen zum Thema Bestattungen, wichtige Dokumente, die auch im Internet als Download bereitstehen. Auch das ist hilfreich.


In einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Urne ausgebuddelt...


Ebenfalls spannend: Der Blick hinter die Kulissen der Bestatterszene, den Eric Wrede immer wieder unternimmt. Die Schilderungen des Bestatteralltags, die kuriosen, rührenden, harten, aber teils auch lustigen Ereignisse, die es dort gegeben hat. Manchmal wird Wrede dabei ein wenig zynisch, wenn auch zur Recht – wenn er von Bestatterkollegen berichtet, die die toten Omas mit ihren vollen Windeln lieblos in den Sarg hineinwerfen… Kommt leider alles vor, wie Wrede mehrmals erfahren hat. Was auch schon vorgekommen ist: Dass er in einer nicht genehmigten Nacht-und-Nebel-Aktion eine Urne ausgebuddelt hat. Aber leider die falsche. Das ist übrigens ein großer Pluspunkt dieses Buches: Der charmante Plauderton, den Eric Wrede gekonnt anschlagen kann (oder war es ggf. doch sein Ghostwriter – die Dankesworte am Ende des Buches ließen einen solchen Schluss jedenfalls zu). Und es gibt noch mehr.


Denn aufgelockert wird das Buch durch eingestreute Interviews mit Prominenten wie beispielsweise Judith Holofernes, wobei diese Texte jedoch eine Zweitverwertung von bereits auf Eric Wredes Podcast veröffentlichten Sprachbeiträgen sind (der Podcast trägt übrigens gleichfalls den Namen "The End"). Sei's drum, für mich, der ich nicht die Zeit hatte, die Podcasts anzuhören, ist die gedruckte Auswertung der Gespräche in dem Buch eine sinnvolle Ergänzung. 

Coole Socke mit grünen Socken: Ein Schnappschuss von Eric Wredes Füßen - der Bestatter war auch bei der Podiumsdiskussion auf der Messe "Leben und Tod" zu Gast und hatte genauso wie die Moderation Bärbel Schäfer knallgrüne Socken an.  (Thomas-Achenbach-Foto)

"The End" von Eric Wrede ist erschienen im Dezember 2018 im Verlag Heyne-Encore als Taschenbuch, 190 Seiten, 16 Euro.


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