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Donnerstag, 7. Januar 2021

Viel mehr als nur Kaffeetrinken nach einer Beerdigung: Warum der Leichenschmaus als Kulturgut unentbehrlich ist - und was ohne ihn alles wegbricht

Osnabrück - Mit dem Ausbrechen der Pandemie hat sich heimlich, still und leise, jener allgemein übliche Dreiklang aus der Gesellschaft verabschiedet, den eine Beerdigung in unserem Kulturkreis üblicherweise darstellte: Trauerfeier, Bestattung und Leichenschmaus. Es ist vor allem der Leichenschmaus, dessen gesellschaftliche Wirkung nicht unterschätzt werden darf. Was mit ihm alles wegfällt, ist mehr als nur Kaffeetrinken. Für das Feuilleton der "Neuen Osnabrücker Zeitung" durfte ich jüngstens einen Beitrag zur Printserie "Orte der Sehnsucht" beisteuern, in dem es um dieses Thema ging. Hier ist eine leicht geänderte Fassung dieses Textes.

"Hoffentlich sehen wir uns auch mal außerhalb von Beerdigungen...“. Es hat eine Zeit gegeben, in der gehörte dieser Satz zum am meisten Gesagten und Gehörten bei einer Trauerfeier im Familien- oder Freundeskreis – und diese Zeit ist noch gar nicht so lange her. Mit dem Ausbrechen der Pandemie hat sich inzwischen, ganz heimlich, still und leise, jener allgemein übliche Dreiklang aus der Gesellschaft verabschiedet, den eine Beerdigung in unserem Kulturkreis üblicherweise darstellte: Trauerfeier, Bestattung und Leichenschmaus waren seine Kernkomponenten – wobei die Bestattung entweder als gemeinsamer Gang zum Grab direkt im Mittelteil absolviert wurde oder, bei der häufiger gewählten Urnenvariante, später nachgeholt wurde. 

Leichenschmaus als symbolischer Übergang

Mag uns der Friedhof als Kulturort auch in Zeiten der Coronakrise erhalten bleiben und mit seinem wenig überfüllten Außendasein als Ort des Nicht-Masken-Tragen-müssens eine gut besuchbare Alternative zum pandemischen Alltag darstellen: Es ist der Leichenschmaus, dessen Fehlen die größte kulturelle Lücke reißt. Denn dieses gemeinsame Mahl ist so viel mehr als eine nur gesellschaftliche Verpflichtung: Es ist ein symbolischer Übergang – und ein mehrfacher dazu. Aus der Zone des Schreckens und der Ohnmacht führt er zurück in den Trost der sozialen Gemeinschaft, nach der Zeit der Organisationspflichten und To-Do-Listen öffnet er die Türen für die Zeit der tatsächlichen Trauer, aus der Zone des Todes und des Sterbens führt er zurück in alles, was das Leben ausmacht, Essen, Trinken, Beisammensein, ja, nicht selten auch Fröhlichkeit und Sinnenfreude.

(Foto: Thomas Achenbach)

So gesehen ist der hierzulande gern genutzte Begriff des Leichenschmauses mit all seiner sprachlichen Härte viel passender als das andernorts gewählte „Trösterkaffee“: Erst die Leiche, dann der Schmaus; erst der Tod, dann das Leben; diesen Kontrast gilt es auszuhalten. Wie so vieles mehr. Es ist oftmals das letzte Wiedersehen eines Kreises, der so nie wieder zusammenkommen wird. In alten Zeiten war es die letzte erlaubte Feier vor dem Trauerjahr, das gleich am Anschluss begann. Viele Trauernde haben gerade diesen Trauerkaffee als besonders tröstend erlebt.  

Dem Tod das pralle Leben entgegenstellen

Noch bevor der Kaffee durch ist, wird bei einem Leichenschmaus oft schon der Zapfhahn aufgedreht. Dass am Ende eines Leichenschmauses oft eine überraschend hohe Menge an Alkohol geflossen ist und sich die Teilnehmer verbrüdernd in den Armen liegen – sogar das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ soll unpassenderweise schon einmal angestimmt worden sein, berichten professionelle Teilnehmer –, ist da gar kein Widerspruch, nein, vielmehr macht es eindrucksvoll deutlich, welchen gesellschaftskulturellen Auftrag so ein Leichenschmaus erfüllt: Einerseits geht es darum, einfach da zu sein und den Trauernden Respekt und Zugehörigkeit zu vermitteln. Aber auf einer anderen Ebene geht es darum, den Tod wieder in seine Bannzone des Schreckens zu verdrängen, indem man ihm gemeinsam das pralle Leben entgegenstellt. Ihm eine lange Nase zu drehen und in einer Art mythologischer Ächtung mutig entgegenzutreten: Den da in der Erde hast Du jetzt. Aber uns kriegst Du nicht. 

(Foto: Pixabay.com/Svetlanabar, Sweden, Cc-0-Lizenz)

Noch nicht.

Wenn dieser Übergang nun wegfällt, ja, in Viruszeiten berechtigterweise wegfallen muss (und das unbedingt „alternativlos“ – siehe oben unter „überraschend viel Alkohol“ etc.), dann fehlt ein wichtiger Mechanismus, der uns wieder in der Kraft des Lebens verankern kann, der unsere eigene Angst ein Stück lindern kann. Und so schleichen sich heutzutage am Ende einer Trauerfeier die wenigen zugelassenen Teilnehmer nach einigen sehr peinlichen Ellbogenverrenkungen dort, wo vielmehr Umarmungen angebracht wären, hinfort zu ihren Autos und verschwinden isoliert in eine ungewisse Zukunft. Ohne Bannstrahl, ohne Lebensvergewisserung – ohne Trost. 

Peinliches Ellbogenverrenken, ab ins isolierte Auto

Selbst wenn manche der Menschen, die in der jüngsten Vergangenheit ihre Trauerfeiern ausrichten mussten, ein Nachholen des Leichenschmauses versprochen haben, sobald möglich, ist es doch nicht dasselbe – denn ihre wohltuende Kraft bezieht diese Veranstaltung alleine aus dem unmittelbaren Anschluss an einen Abschied. Je weiter der zeitliche Abstand, desto verbannter scheint der Tod ja bereits wieder zu sein. Dieser seelische Schutzmechanismus ist für uns Menschen von existenzieller Bedeutung: Alleine mit der Vergewisserung, dass der Tod uns selbst nichts anhaben wird, uns nicht, sobald nicht, allen anderen vielleicht schon, lässt sich die Hilflosigkeit ertragen, die unser Erdendasein oft mit sich bringt. Dass die Coronakrise unseren  menschlichen Gestaltungsspielraum massiv einschränkt und uns unsere existenzielle Ohnmacht ahnen lässt, ist eine ihrer Wahrheiten. Das auszuhalten ist Aufgabe genug.

(Foto: Thomas Achenbach) 

„Hoffentlich sehen wir uns auch mal außerhalb von Beerdigungen...“. Wie oft haben wir diesen Satz gehört. Vielleicht auch selbst gesagt. Und dann traf man sich eben doch das nächste Mal erst… - auf einer Trauerfeier. Zumindest darauf konnte man sich verlassen. Heute ist selbst diese Verlässlichkeit brüchig geworden. In Zeiten der Krise muss es eher heißen: „Hoffentlich sehen wir uns überhaupt nochmal"...

(Dieser Artikel erschien in seiner ursprünglichen Fassung am 2. 12. 2020 in der Printausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung sowie aller Ihrer Kopfausgaben im Ressort Feuilleton)



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Samstag, 4. Juli 2020

27 gute Rituale für eine moderne Trauerfeier: Wie kann ich eine gute Gedenkfeier für einen gestorbenen Menschen organisieren - was brauche ich dafür? Impulse, Anregungen und Ideen für die Gestaltung von Trauerfeiern, die auch den Angehörigen gut tun können - zahlreiche schöne Rituale für eine Beerdigung

Osnabrück - Was für eine schöne Idee: Aus dem Heimatort des gestorbenen Menschen, aus dem dieser schon lange fortgezogen war, hatte einer der Trauergäste etwas Erde mitgebracht. Heimaterde, sozusagen. Und diese wurde dann ebenfalls in das Grab des Mannes geworfen. Ein schönes Ritual - da muss man aber erstmal drauf kommen. Und das in der gewaltigen Überforderung nach einem Trauerfall? Wer kann das schon? Keine Frage: Eine Trauerfeier organisieren zu müssen, das kann eine herausfordernde Aufgabe sein - meistens stellt die Gedenkfeier für die Menschen, die sie organisieren müssen, so eine Art "Großes Schwarzes Loch" dar, weil der gestorbene Mensch in der Regel keine Wünsche oder Verfügungen für die Feier hinterlassen hat. In den seltensten Fällen haben sich Menschen vorher mal darüber unterhalten, wie sie sich ihre eigene Trauerfeier vorstellen würden. Aber wie könnte das Programm einer Trauerfeier aussehen? Was gäbe es für Ideen für Rituale oder für die konkrete Ausgestaltung? Was muss man alles beachten?  

Ich habe also mal alles zusammengesammelt, was mir zum Thema Trauerfeier so eingefallen ist. Neue und alte Rituale, von denen mir Menschen erzählt haben, weil sie ihnen gut getan hat. Impulse und Ideen und ein paar Gedankenanregungen, die bei der Gestaltung einer Trauerfeier helfen können. Natürlich lässt sich eine solche Aufgabe - also das Gestalten dieser Feier - auch an einen Menschen übertragen, der sich damit auskennt, weil er es professionell macht, also zum Beispiel einen Geistlichen, einen freien Trauerrender oder einen Ritualgestalter. Aber je mehr sich die Angehörigen, die besten Freunde oder einige der Gäste in die Gestaltung mit einbringen können, umso persönlicher wird diese Gedenkfeier - umso besser wird der gestorbene Mensch in dieser Feier sichtbar. Deswegen wäre mein Tipp: Baut Euch am besten eine Feier, wie sie Euch gut tut, als Allererstes. Zu weiteren Leitlinien für eine gute Trauerfeier kommen wir später noch.


Eine Trauerhalle aus Lego zum Spielen? Der niederländische Trauerpädagoge Richard Hattink bietet unter www.funeraltoys.com unter anderem dieses Spielset an , das ich auf der Messe Leben und Tod fotografert habe - die Idee dabei ist, mit Kindern spielerisch über schwierige Ereignisse rund um Beerdigungen und Trauerfeiern ins Gespräch kommen zu können (Alle Fotos Thomas Achenbach).


Viele fragen sich: Muss eine Trauerfeier überhaupt sein? Geht es nicht auch ohne? Hierbei gilt es zu bedenken: Die Trauerfeier ist die letzte Möglichkeit, einen Abschied ganz bewusst zu gestalten. Das kann gut tun, auch bei Familien oder bei Freunden, bei denen nicht alles ganz harmonisch gewesen ist - so ließe sich zum Beispiel, wenn man das möchte, ein Verzeihenritual mit in die Feier einbeziehen. Diese Feier kann zudem ein wichtiger erster Schritt sein für den eigenen Trauerweg, der bei jedem anders sein wird. Und schließlich muss man auch eines sagen: Es gehört sich einfach so, dass eine Trauerfeier gestaltet wird. Ein jedes Leben sollte an seinem Ende eine Würdigung erfahren dürfen, das macht unser Leben hier auf dieser Erde ein bisschen lebenswerter - für uns alle. Bevor wir aber mit dem Leitfaden für eine Trauerfeier beginnen, gilt es, ein paar Vorabfragen zu klären. Nämlich diese:

Vorab: Ein paar Grundsatzfragen, die man sich stellen sollte


- Soll der gestorbene Mensch lieber verbrannt oder klassisch beerdigt werden?
- Bei einer Kremation (dem Verbrennen) kann man evtl. zwei Trauerfeiern organisieren
- Zum Beispiel so: Öffentliche Trauerfeier am Sarg / Urnenbeisetzung im kleinen Kreis   
- Soll der gestorbene Mensch auf dem Friedhof oder in einem Wald beigesetzt sein?
- Soll der Sarg gemeinsam bemalt werden als gemeinschaftliche Aktion?
- Den Sarg eventuell sogar gemeinsam bauen als Gemeinschaftsaktion?
- Den Toten aufbahren, z. B. in einem Abschiedsraum, und Totenwachen organisieren  
- Auch Urnen gibt es übrigens zum Selbst-Gestalten bzw. mit Bastel-Einlage-Option
- Im Falle einer Urnenbestattung: Wer soll die Urne zum Grab tragen dürfen?

Und damit zur eigentlichen Trauerfeier: 

1. Der Ort: Eine Trauerfeier muss nicht auf dem Friedhof stattfinden


Manche Bestatter bieten z. B. eigene Trauerhallen für die Feiern an, die dann oftmals mit moderner Technik ausgestattet sind. Das kann unter Umständen sinnvoll sein, wenn man sich dafür entscheidet, beispielsweise eine Powerpoint-Diaschau oder eine Art Form von digitaler Präsentation einzusetzen. Hierbei geraten die öffentlichen Trauerhallen auf Friedhöfen sehr schnell an ihre Grenzen. Manchmal sind jedoch ganz andere Orte viel passender, um dem gestorbenen Menschen gerecht zu werden. In einem seiner Vorträge erzählte der moderne Bestatter David Roth beispielsweise von einer Trauerfeier, die in einem Pferdestall stattgefunden hatte, weil das gestorbene Mädchen ein absoluter Pferdeliebhaber gewesen war. Dementsprechend gehörten zu den Teilnehmern der Feier dann auch - ein paar Pferde. Das passte viel besser zu dem Mädchen. Oder ein anderes Beispiel: Anstelle einer Trauerfeier für einen alten Mann unternahmen die Trauergäste einfach einen Spaziergang in Stille zu seinem persönlichen Lieblingsort, einen See. Dort ließen sie dann Papierboote ins Wasser. Eine externe Feier muss manchmal vorab durch die Friedhofsverwaltung genehmigt werden, je nachdem, wie und wann die dann folgende Beisetzung geplant ist, aber sie kann manchmal besser zu den gestorbenen Menschen passen als eine ganz klassisch durchgezogene Trauerfeier. 

2. Die Ausrichtung: Kirchlich oder weltlich, mit wieviel Tradition darin?


Schon lange ist die Gestaltung einer Trauerfeier nicht mehr alleine in der Hand kirchlicher Kräfte, sondern es gibt viele freie Ritualgestalter und freie Trauerredner, die das ebenfalls übernehmen können. In der Gestaltung einer Trauerfeier gibt es kaum noch Grenzen, bis auf eine: Die Zeit. In seinem Buch "The End" beschreibt der moderne Bestatter Eric Wrede aus Berlin das Problem, das den meisten Trauerfeiern nur ein Zeitfensterchen von 20 Minuten zugestanden wird, während die Gäste für die folgende Trauerfeier draußen schon mit den Hufen scharren. Das ist tatsächlich oft ein Problem. Deswegen kann es eine gute Idee sein, gleich zwei Trauerfeier-Zeitfenster hintereinander zu buchen, um mehr Zeit zu gewinnen - was natürlich auch das Doppelte an Raummiete kosten wird.


Trauerspielzeug des Niederländers Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)

Was aber die Inhalte der Feier angeht, so ist vieles möglich und denkbar, man muss sich schon lange nicht mehr an alte Traditionen halten, sondern kann sich eine Feier ausdenken, die modernen Ansprüchen gerecht wird. Meiner Meinung nach kann es hilfreich sein, sich bei der Gestaltung einer Trauerfeier an drei Leitgedanken zu orientieren: 

1.) Die Feier darf bzw. sollte den Hinterbliebenen gut tun und ihnen etwas geben 
2.) Zugleich darf bzw. kann der gestorbene Mensch in der Feier sichtbar werden
3.) Optimal ist es also, eine gute Brücke zwischen diesen beiden Polen zu bauen

Wenn der gestorbene Mensch zu seinen Lebzeiten ein sehr gläubiger Mensch gewesen ist, aber seine besten Freunde oder seine Angehörigen der Kirche eher kritisch gegenüberstehen, lässt sich zum Beispiel überlegen, ob die Trauerfeier sowohl aus kirchlichen als auch aus weltlichen Elementen besteht - damit sie beiden gerecht werden kann. Oftmals wird auch bei rein weltlichen Trauerfeiern zumindest ein "Vater unser" gesprochen, um die eher gläubigeren Gäste mit einzubeziehen. Wichtig ist jedenfalls, dass die Angehörigen sich mit dem Programm wohlfühlen können. Eine weitere Geschichte, die Eric Wrede in seinem Buch "The End" erzählt, ist beispielsweise die von einer eher improvisierten Trauerfeier eines plötzlich verstorbenen Fans von Progressive-Metal-Musik. Da haben dann alle Trauergäste in einem Stuhlkreis zusammengesessen und die teils recht schräge Lieblingsmusik des Verstorbenen gemeinsam angehört. Das war alles. Ist dem Menschen aber gerechter geworden als jede andere Form von Trauerfeier. Moderne Bestatter und Trauerbegleiter empfehlen ganz grundsätzlich, sich nicht an (überholten) Traditionen zu klammern, wenn diese einem selbst nichts bedeuten. Dafür wäre dieser wertvolle Moment zu schade. Warum nicht - zum Beispiel - einen Walzer oder eine Rumba am Ort der Trauerfeier tanzen, wenn der gestorbene Mensch gerne getanzt hat? Weil Tanz und Trauer nicht zusammengehören? Wer sagt das? Ist nicht beides irgendwie - Leben?

3. Rituale mit einplanen - vor und während der Trauerfeier 


Rituale sind wichtig - aus vielfachen Gründen. Zum Beispiel, weil sich mit kleinen Gesten schon ganz viel an Wirkung erreichen lässt. Oder weil sie uns dabei helfen, große und vielleicht irritierende Gefühle in einen Zusammenhang einzubetten. Manche Rituale beziehen alle Teilnehmer einer Feier mit ein und haben, wenn sie nachvollziehbar oder gut erklärt werden, eine die Gäste vereinende Wirkung. An Rituale denken wir oft lange zurück. Wenn wir uns an Trauerfeiern erinnern, sind es meistens die damit verbundenen Rituale, die uns als Erstes wieder einfallen: Das Werfen einer Rose in das offene Grab, beispielsweise. Und es gibt ganz viele gute Ideen für Rituale, die im Kontext einer Trauerfeier eingesetzt werden können. Wobei wir hier zwischen zwei wichtigen Zeiträumen unterscheiden müssen:

1.) Die eher intimeren Momente für die Angehörigen kurz vor der offiziellen Trauerfeier 
2.) Die offizielle und vermutlich von weiteren Gästen besuchte eigentliche Feier

Für beide Komponenten bieten sich jeweils Rituale an, von denen mir Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation erzählt haben und die sie jeweils als hilfreich erlebt haben. 

Hier ist meine persönliche Sammlung an mögliche Ritualen - wobei man dazu eines sagen muss: auch wenn manche dieser Rituale in einer Phase akuter Einschränkungen wegen eines neuerlichen Corona-/Pandemie-Lockdowns nicht umsetzbar sein dürften, wäre dann zu überlegen, ob man beispielsweise die eigentliche Trauerfeier später nachholt, zum Beispiel gekoppelt an einen später stattfindenden "Trösterkaffee" (dazu später mehr). 


1.) Rituale für den Zeitraum kurz vor Beginn der eigentlichen Trauerfeier


  • # 1 - Den Sarg gemeinsam verschließen vor der Trauerfeier, das kann gut tun
  • # 2 - Etwas in den Sarg hineinlegen als Beigabe für diese letzte Reise (da geht viel)  
  • # 3 - Sich den toten Menschen nochmal gemeinsam ansehen, falls man das kann

2.) Rituale für den Inhalt/die Gestaltung der eigentlichen Trauerfeier


  • # 4 - Die Trauergäste bringen jeder eine Blume mit und legen sie in der Halle ab, z. B. vor dem Sarg oder an einer Fotowand oder ähnliches
  • # 5 - Die Trauergäste können Fußabdrücke von sich aus Papier mitbringen, die sie beschriftet haben
  • # 6 - Auf diesen Fußabdrücken notieren sie, welche persönlichen Spuren der Mensch hinterlassen hat
  • # 7 - Die Trauergäste sind zuvor ermuntert worden, ein gemeinsames Foto mit dem Verstorbenen mitzubringen
  • # 8 - Diese Fotos können an einer Wand gesammelt oder in ein Blankobuch eingeklebt werden, vielleicht mit eigenen Erinnerungen ergänzt
  • # 9 - Die Trauergäste bekommen Teelichter, diese dürfen sie anzünden und vorne hinstellen, so kann ein großes leuchtendes Symbol entstehen, z. B. in Herzform
  • # 10 - Ein selbst gestalteter Trauerschal kann über den Sarg gelegt werden, die Gestaltung dieses Schals kann vorab als gemeinsames Ritual angelegt sein
  • # 11 - Lebensmomente des gestorbenen Menschen können als Ausstellung gezeigt werden, diese kann auf dem Fußboden ausgelegt werden/es liegen Fotoalben aus
  • # 12 - Eine Fotowand erinnert an den Menschen, Zettel zum Beschriften liegen bereit, diese können mit eigenen Erinnerungen beschriftet werden (oder guten Wünschen)
  • # 13 - Ein Angehöriger oder enger Freund kann den Lebenslauf des Gestorbenen vorlesen oder wichtige Stationen kurz zusammenfassen
  • # 14 - Freunde oder Angehörige, die das können, führen während der Trauerfeier ein Musikstück auf
  • # 15 - Freunde oder Angehörige lesen während der Trauerfeier ein ausgesuchtes Gedicht oder Textstück vor
  • # 16 - Gegenstände, die zum Leben des gestorbenen Menschen passen, zur Deko verwenden
  • # 17 - Auf einem Monitor kann eine Fotoschau durchlaufen, die sich ständig wiederholt, oder es wird eine Präsentation in die Trauerfeier mit eingebaut
  • # 18 - „Was ich Dir noch sagen wollte“ – Gedanken dazu können auf Papier aufgeschrieben und gesammelt werden, Papier hierfür liegt bei der Feier aus
  • # 19 - Dies können entweder alle Trauergäste tun, die das gerne möchten, oder es kann auf einen Brief der Angehörigen beschränkt werden (der vorgelesen wird?)
  • # 20 - Dieses Papier kann dann während der Feier z. B. in den Sarg gelegt werden oder in einer Feuerschale verbrannt werden
  • # 21 - Gemeinsam Luftballons steigen lassen am Grab oder an dem Ort der Feier, das wird vor allem bei Kindern gern gemacht (In Flughafennähe - genehmigen lassen!)
  • # 22 - Eine "Klagemauer" aufzubauen ist auch eine Idee, bei der sich die Trauergäste beteiligen können, hierfür liegen Zettel zum Ausfüllen bereit, die an diese „Mauer“ (z.B. Pinnwand) angebracht werden können (das geht z. B. auch zuhause)
  • # 23 - Die Trauergäste bekommen eine Tüte Blumensamen mit als Geschenk zum späteren Einpflanzen/an den gestorbenen (An-) Denken
  • # 24 - Ein Tanz am Ort der Trauerfeier, sowas ist wie schon erwähnt auch gut – wenn es passt, zum Beispiel weil der Mensch gern Standard/Latein etc. getanzt hat... 
  • # 25 - Am Ort der Trauerfeier stehen Fingerfarbe und Reinigungstücher bereit, damit jeder der Trauergäste seinen Handabruck auf dem Sarg hinterlassen kann
  • # 26 - Auch schön: Anstatt einer Trauerfeier lässt sich in manchen Gegenden (z. B. in der Nähe von Hannover) ein Trauercafé mit dem Sarg dabei organisieren
  • # 27 - Und schließlich: Bei einer Beerdigung ist es meistens möglich, dass die Angehörigen, wenn sie das möchten, selbst das Grab zuschaufeln - das kann gut tun
Übrigens spricht auch nichts dagegen, den Gästen einer Trauerfeier ein Erinnerungsstück mitzugeben - bewährt dafür haben sich zum Beispiel Trauersteine, die z.B. in eine Hosen- oder Jackentasche passen. Gerne werden dafür glatt geschliffene Steine genommen, das muss aber nicht sein. Die Steine haben erstens eine besondere Symbolik, weil Steine so etwas wie Unvergänglichkeit und Unzerstörbarkeit symbolisieren, zweitens dienen sie als gelegentliche Erinnerung an die Trauerfeier und damit den gestorbenen Menschen. 


Trauerspielzeug des Niederländers Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)

Und schließlich, falls gewünscht/benötigt: Ein Ritual des Verzeihens 


Als besonderes Ritual ließe sich auch über eine angeleitete Form des Verzeihens nachdenken, von dem ich ebenfalls schon gehört habe. Bei schwierigen Lebensläufen, als problematisch erlebten Lebenssituationen oder allgemein  bei schwierigen Menschen fällt es den Angehörigen oder Freunden manchmal nicht leicht, einen guten Abschied nehmen zu können. Zum Beispiel, weil sie die Würde, die es dafür bräuchte, als durch andere Gefühle überdeckt erleben. Durch Wut, beispielsweise, durch Zorn, durch heftigere Erinnerungen an schwierige Situationen etc. Hierbei kann es hilfreich sein, auch diesen Gefühlen während in der Trauerfeier in Form eines Rituals einen sanften, aber verzeihenden Raum zu geben - immer auf angemessene Art und Weise und mit viel Würde, versteht sich, also nicht durch ein "Nachtreten" oder durch Äußerungen von Hass oder Zorn. 

Geschehen kann dies z. B. durch einen Augenblick der Stille oder durch ein bestimmtes Stück Musik, das hierfür genutzt wird. Der Trauerredner oder Ritualgestalter oder der Geistliche kann das entsprechend moderieren, zum Beispiel durch einen Satz wie diesen: "Während der nächsten Momente wollen wir uns im Verzeihen versuchen, in einem Verzeihen für alles, worüber wir zu Lebzeiten nicht haben sprechen können. Gleichsam wollen wir der Hoffnung nachspüren, dass der gestorbene Mensch in seinem Tod auch uns hat verzeihen können..." (dieser letzte Satz kann passend sein oder auch nicht, das kommt, wie alles, auf die Situation an). 


4. Die Trauerrede: Nichts Schlechtes sagen, aber gern Menschliches


Über Verstorbene soll man nichts Schlechtes sagen, so lautet eine alte Verhaltensregel, die sich sowohl an die Gäste einer Trauerfeier richtet als auch an diejenigen, die die offizelle Trauerrede halten. Aber bevor wir über den Inhalt einer Trauerrede sprechen können, müssen wir uns erst eine andere Frage stellen: Wer soll diese Trauerrede eigentlich halten - und soll es überhaupt eine geben? Denn auch für die Trauerrede gilt: Es ist kein Muss. Nur weil alle anderen diese Tradition pflegen, kann es auch andere Ideen geben - zum Beispiel einfach nur gemeinsames Musikhören. 

Ein Vorteil einer Trauerrede ist natürlich, dass der Fokus noch einmal auf dem Leben des verstorbenen Menschen liegen kann, dass sein Tun, seine Vorlieben und seine Prägungen spürbar und erlebbar werden können. Hier darf es auch gerne menschlich zugehen oder auch mal lustig, falls das passt. Ein guter Leitspruch für eine Trauerrede ist immer: Der gestorbene Mensch steht hier nicht vor Gericht, es muss nicht über ihn geurteilt werden. Selbst wenn es etwas Abgründiges zu erzählen gäbe, darf das gerne ausgeklammert oder allenfalls oberflächlich gestreift werden, weil die meisten Menschen vermutlich eh davon wissen. Bei einem Menschen, der ein Alkoholproblem hatte, kann dann beispielsweise von "der Krankheit" gesprochen werden - die es ja auch ist -, die das Leben manchmal schwer gemacht hat. Das reicht. Spätestens dann sollte aber wieder etwas Gutes folgen. Eine letzte Würde hat jedes Leben verdient - aber das hatten wir ja schon... 


Trauerspielzeug des niederländischen Pädagogen Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach).

Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zum "Wer hält die Rede"? Am eindrucksvollsten ist es natürlich immer, wenn direkte Angehörige oder Freunde selbst sich das zutrauen, aber weil es auch eine harte Aufgabe ist, bei der ein gewisses Maß an Professionalität und Erfahrung damit nicht schaden kann, sind freie Redner, Geistliche oder andere hierfür ausgebildete Profis oft eine ebenso gute oder vielleicht auch bessere Wahl.  

5. Die Musik: Auch Mitsingen, nur Anhören, wieviel, was genau?


Was die Auswahl der Musik angeht, gibt es eine zentrale Frage: Soll auch etwas von den Trauergästen mitgesungen werden? Ich selbst bin, da will ich ganz ehrlich sein, kein großer Freund von diesem offiziellen Singenmüssen, ich fühle mich da meist sehr unwohl bei, jedenfalls solange es nicht etwas von Pink Floyd ist (bei "Wish You Were Here" gröhle ich gerne mit, so schief wie es bei mir halt immer der Fall ist). Mir sind ansonsten Feiern viel lieber, bei denen die Musik rein passiv zu erleben ist - aber das ist nur meine bescheidene Meinung. Und es zählt auch hier einzig und allein die Leitfrage, ob es zum gestorbenen Menschen passt oder nicht. Ist beispielsweise ein enthusiastisches Mitglied eines Männergesangvereins gestorben, wäre es vermutlich irritierend, wenn auf seiner Trauerfeier gerade nicht gesungen wird. 

Auch wenn die Trauergäste nicht mitsingen müssen, stellt sich die Frage, ob die Musik von Konserve kommen soll oder live aufgeführt werden soll? Inzwischen gibt es in manchen Städten auch Musiker, die sich unter anderem für Trauerfeiern spezialisiert haben. Oder es gibt unter den Angehörigen oder besten Freunden Musiker, die sich das zutrauen. Für mich wird unvergesslich bleiben, wie mein Vater bei der Trauerfeier meines Onkels, also seines Bruders, den gar nicht so leichten Trauermarsch aus der Götterdämmerung auf dem Klavier gespielt hat. Das hat perfekt zu meinem Onkel gepasst: Er war ein großer Fan des "Rings der Nibelungen" und der Opern von Richard Wagner. 

Wobei es gar nicht immer nur traurige Musik auf einer Trauerfeier geben muss - am besten passt generell die Lieblingsmusik des gestorbenen Menschen. Und das ist der Punkt: Alleine über die Auswahl der Musik können viele Eindrücke über die Persönlichkeit des gestorbenen Menschen vermittelt werden. Deswegen ist Musik in ihrer Wichtigkeit nicht zu unterschätzen. Warum also nicht eine Playlist zusammenstellen mit der Lieblingsmusik des gestorbenen Menschen und diese den Trauergästen ebenfalls zur Verfügung stellen - beim Wie und Womit können die technikverliebten jüngeren Freunde oder Angehörigen, Enkel oder ähnliche, vielleicht gut helfen? Natürlich könnte man auch eine CD brennen, was als Geste etwas Wunderschönes ist, allerdings ist man bei der halb-/professionellen Vervielfältigung von Musik in einem größeren Rahmen nicht mehr ganz im Bereich des Legalen. 

6.) Am besten mit Ablaufplan und konkreten Zuständigkeiten


Es kann hilfreich sein, den Ablauf der Trauerfeier kurz und knapp auf einem Papier zu skizzieren: Wer ist wann an der Reihe, wer wird welchen Teil übernehmen, welches Lied ist wann zu hören, etc.? Wohlgemerkt: eine kurze Ablaufskizze reicht vollkommen aus. Das muss kein Drehbuch werden, in dem genau vermerkt steht, wann jemand von welcher Seite aus auftritt und wieviele Schritte dann zu gehen sind, etc. - das wäre für alle Teilnehmenden eher eine Überforderung. Eine gute Ablaufskizze lässt Luft zum Atmen und Luft für Eventualitäten - wenn beispielsweise der Auftritt von rechts gar nicht möglich sein sollte etc.



Trauerspielzeug des niederländischen Pädagogen Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)


7.) Nach der Trauerfeier: "Leichenschmaus", "Leidmahl", "Trösterkaffee"?


Im Anschluss an die Trauerfeier zu einem Zusammenkommen einzuladen, bei dem Kaffee, Kuchen, vielleicht eine Suppe oder Butterbrote angeboten werden, gehört zwar zum guten Ton und kann außerdem ein erster guter Schritt sein auf dem eigenen Trauerweg - weil man nochmal alle Menschen versammelt sieht, die nur der gestorbene Mensch so hat zusammenbringen können -, aber auch hier gilt: Wem das zuviel wird, wer es nicht kann, der darf auch darauf verzichten. Wichtig ist die Leitregel: Was wird den Angehörigen und besten Freunden des gestorbenen Menschen gut tun? Diese Form der Zusammenkunft hat übrigens immer unterschiedliche Namen und Ausprägungen. In vielen ländlichen Gebieten war es früher üblich (und ist es noch üblich), auch alkoholische Getränke anzubieten und eine regelrechte Feier aus diesem Ereignis zu machen. Mal spricht man vom "Leichenschmaus", mal vom "Trösterkaffee", mal vom "Leidmahl", mal ganz schlicht vom "Beerdigungskaffee". Das kann eine sehr schöne Einrichtung sein, weil noch einmal Erinnerungen geteilt werden können. Manchmal kommen extra für die Trauerfeiern und die Beerdigungen die Gäste auch von weiter her angereist, so dass es sinnvoll sein kann, ihnen noch ein bisschen was zu essen anzubieten, bevor sie abreisen. 

Wer mag und kann und entsprechende Hilfe dafür hat, kann diese Zusammenkunft gerne zuhause organisieren, in der Nähe von Friedhöfen gibt es meistens darauf spezialisierte Gasthäuser und Cafés.


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Dienstag, 26. Mai 2020

Wie eine Familie den Geburtstag der gestorbenen Tochter jedes Jahr als Lebens- und Abschiedsfest gestaltet - und wie sie auch in Zeiten großer Ohnmacht neue Spielräume zur Gestaltung gefunden hatte - ein Brief, der anderen trauernden Familien Mut machen kann, hatte mich erreicht / Serie: Wie Trauernde ihre Gefühle erleben, Teil 2 von 3

Osnabrück – Nachdem ich dort einen Vortrag gehalten hatte, erreichte mich der Brief eines Ehepaares, in dem dieses von dem Verlust Ihrer Tochter Antonia berichtet. Das Mädchen war im beginnenden Teenageralter über Nacht gestorben, ganz plötzlich, einfach so. An einem Gendefekt, wie man inzwischen vermutet. Was mir das Ehepaar über ihren Tod und den darauf folgenden Prozess berichtet, hat mich innerlich und nachhaltig angerührt und ich habe so vieles darin gefunden, dass anderen Mut machen könnte, so dass ich gerne ein paar Zeilen auf diesem Blog darüber verlieren möchte. 

Natürlich habe ich die Absender vorher gefragt, ob das für Sie so in Ordnung ist. Die Antwort lautete: „Wir würden uns beide sehr freuen, wenn Sie den Brief für Ihre Arbeit „nutzen“ können bzw. wenn wir anderen Trauenden damit etwas Trost oder Hilfe geben können.“ Und weiter heißt es in dem zweiten an mich adressierten Brief: „Antonias Namen können Sie selbstverständlich erwähnen. Solange man über unsere Verstorbenen spricht, sind sie noch bei uns“. Noch so ein Satz, der mich berührt. Aber von Anfang an: 

(Alle Fotos/Symbolfotos: Thomas Achenbach)

Noch kurz vor Ausbruch der Coronakrise hatte ich die Ehre, eine Vortragslesung zum Thema Männertrauer geben zu dürfen, zu der rund 120 Zuhörer gekommen waren. Eine stolze Zahl, doch es kam noch besser: denn was sich im Anschluss an meinen Vortrag alles an Wortbeiträgen und Diskussion ergab, ging sehr tief und war intensiv. Auch die Briefeschreiberin hatte ihren Worten zufolge noch lange mit sich gerungen, ob sie noch etwas erzählen wollte, denn öffentlich zu sprechen fällt ihr nicht leicht. Als sie sich schließlich doch noch dazu entschlossen hatte, war der Abend dann vorbei. Also schrieb sie mir einen Brief. Und wie schon im ersten Teil dieser kleinen Miniserie geschildert: Menschen in Trauer tut es oft sehr gut, wenn sie einfach davon erzählen dürfen. 


Kann gut tun: Das tote Kind zuhause wissen



Also schildert mir das Ehepaar, das übrigens gemeinsam zu dem Vortragsabend gekommen war, wie es unerwartet und ganz überraschend seine jugendliche Tochter Antonia verloren hatte - und was danach geschah. Drei Tage lang, so schildert es mir die Briefeschreiberin, sei der Leichnam zu Hause gewesen, also aufgebahrt und unter professioneller Betreuung. Diese drei Tage seien zwar einerseits sehr schmerzvoll gewesen, aber andererseits auch irgendwie gut. Weil sich alle die Zeit nehmen konnten für einen richtigen Abschied. Wörtlich heißt es in dem Brief: „Es mag sich sonderbar anhören, aber es war irgendwie auch schön“. 


Die Briefeschreiberin erinnert sich an Kinder aus der Nachbarschaft, die zum Abschiednehmen vorbeigekommen waren, und an gute Momente des gemeinsamen Schweigens mit Kondolenzbesuchern. Seither feiert die Familie jedes Jahr Antonias Geburtstag als großes Fest mit vielen Gästen – und als Abschieds- wie auch als Lebensfest. Und am im Winter liegenden Todestag trifft man sich auf dem Friedhof, je nach Kälte auch mal mit Glühwein dabei.


Ein Brief, der anderen Mut machen kann


Beim Lesen dieses Briefes habe ich gemerkt, wie diese Zeilen etwas mit mir gemacht haben und wie in mir der Wunsch wach geworden ist,  dass viele Menschen diesen Brief lesen könnten, um eine Ahnung davon bekommen zu können, was selbst in diesen Momenten – die ja immer Augenblicke eines großen Überfahrenseins und eines Preisgegebenseins an Ohnmächte sind – doch noch alles möglich sein kann. Dass es immer noch Möglichkeiten der Gestaltung gibt und dass es gut ist, diese auch wahrzunehmen. Das ist oft Thema in diesem Blog. Von solchen Erfahrungen haben mir auch andere Trauernde berichtet - und ich habe es seinerzeit beim Tod meiner Mutter selbst so erleben können: 


Trotz aller Tragik können sich in diesen Tagen nach dem Tod auch Augenblicke von einer großen Klarheit ergeben, einer wohltuenden Abgerücktheit von der Welt und eines ganz menschlichen Miteinanders, das seinesgleichen sucht. Vermutlich ist das eine Erfahrung, die sich anderen Menschen nur schwer plausibel beschreiben lässt, wenn sie ein solches Erlebnis noch nicht hatten. Und doch ist es eine, von der manchmal berichtet wird. Ein herzliches Danke an die Eltern von Antonia, dass wir das hier teilen dürfen – und ich wünsche Ihnen von Herzen einen weiteren Trauerweg, der in aller Schwere auch gut sein darf.


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Donnerstag, 10. Januar 2019

Wir müssen besser mit dem Tod umgehen lernen - und mit unseren Toten (und wir müssen den Kindern den Tod gut vermitteln)... - Noch ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer neuen Trauerkultur und Bestattungskultur - der Berliner Bestattungs-Revoluzzer Eric Wrede hat ein Buch geschrieben - warum "The End" zur Pflichtlektüre werden sollte (Buchtipp)

Osnabrück/Berlin - Immer mehr Bücher und immer mehr Akteure gibt es heutzutage, die eine wichtige Botschaft vermitteln: Wir brauchen eine neue Trauer- und Bestattungskultur in unserer Gesellschaft. Wir brauchen wieder eine gemeinsame Sprache für diese Dinge, ein gemeinsames Verständnis und neue, uns alle verbindende Rituale. Diese Thesen sind hier auf diesem Blog schon desöfteren geäußert worden - und nun gibt es ein neues und grandioses und meiner Meinung nach durchaus lesenswertes Buch, das diesen Bogen noch weiter spannt. Geschrieben von einem Mann, dessen Lebensgeschichte alleine schon ein halbes Buch wert ist - was er nun auch selbst erkannt hat, weswegen seine eigene Geschichte einen kleineren Teil des Werkes füllt. Aber eben nur einen kleineren Teil: Die Rede ist von Eric Wrede, der schon mehrmals als Gast auf der Bremer Messe "Leben und Tod" dabei war. Hatte er einstmals beim Musikgiganten Motor Music/Universal für Bands wie Selig und Polarkeis 18 ("Allein allein") gearbeitet, schmiss er eines Tages alles hin - um ein eigenes Bestattungsunternehmen aufzumachen. Aus enorm guten Gründen. 

"Warum gibt es eigentlich keine GPS-erfassten Grabstellen? Bei einer Seebestattung bekommen die Angehörigen die exakten Koordinaten übermittelt, wo die Seeurne im Wasser versenkt wurde. Auf Friedhöfen schert das niemanden" - Es sind Impulse und Absätze wie diese, die mich dieses Buch so mögen lassen: Gleichsam hemdsärmelig und trotzdem mit ganz viel Wärme und Verständnis für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geschrieben, immer ganz nah dran am eigentlich Machbaren, gibt das Buch vielfältige Ideen und Anregungen für moderne und entstaubte Trauerfeiern, für das eigene Sterben und für die Begleitung von Trauernden - vor allem auch: trauernden Kindern. Gerade an diesen Stellen ist das Buch besonders gut. Und es hat mich selbst dazu gebracht, dass ich meine eigenen schon länger vorbereiteten Verfügungen für mein Lebensende nochmal überarbeiten möchte. Beispielsweise weil mir die Idee so gut gefällt, die besten Freunde zu fragen, ob sie dann ggf. den Sarg tragen würden/könnten.


Eric Wrede und sein Absprung: Aus dem Musikzirkus hinein in die Bestattungsbranche... (Random-House-/Erik-Weiss-Foto mit freundlicher Genehmigung).

Das Buch beginnt dann auch gleich mit Eric Wredes Testament - bzw. mit einem Auszug daraus. Klingt nach Nabelschau, ist aber extrem lehrreich, denn in nur wenigen Zeilen macht Wrede eindrucksvoll deutlich, wie einfach so etwas sein kann und dass es kein halbes oder ganzes juristisches Studium braucht, um eine eindeutige und sehr klare Verfügung zu verfassen. Soviel sei vorab schon verraten: Auf seinem Grabstein soll stehen: 'E. W., ich habe gelebt.' Später erfahren wir: Bei seiner eigenen Bestattung sollen später mal die Kings und John Cale gespielt werden. Auch das hat Eric Wrede bereits verfügt. Da ist  die Nähe zum ehemaligen Musikmanager (A&-R-Manager, für die Auskenner) noch immer spürbar, wie an vielen anderen Stellen des Buches. 

"Schick mir die Post schon ins Spital...." - mit Musik durchs Buch


Die Kapitelüberschriften sind nämlich allesamt Songtitel - die allerdings ein ganz kleines bisschen musikliasches Auskennertum erfordern, wenn auch kein Spezialwissen. Darunter sind beispielsweise "Bring mir die Post schon ins Spital" von der österreichischen Rock'n'Roll-Kapelle Wanda, die im Konzert zu erleben ein enormer Spaß sein kann, oder "Keep Me In Your Heart" von Warron Zevon, das dieser - bereits um seinen nahenden Tod wissend - auf seinem bewegenden Album "The Wind" veröffentlichte. Der Song wird in meiner ganz eigenen Serie rund um "die hilfreichsten und wirkmächtigsten Songs und Alben über Trauer, Tod und Sterben" ganz sicher auch noch an die Reihe kommen (die erste Folge dieser Serie findet sich hier).


Alle weiteren Fotos: Thomas Achenbach.

Besonders erfreulich an dem Buch: Die Kinder nehmen darin viel Raum ein Beziehungsweise die Frage: Wie gehen Kinder eigentlich mit dem Tod um? Auch hier kann Eric Wrede viele hervorragende Praxistipps anbieten, wie man das Thema mit Kindern am besten besprechen kann – und wieviel die Erwachsenen dabei immer wieder falsch machen in der irrigen Annahme, die Kinder vor diesem Thema irgendwie schützen zu müssen (auch das war bereits ein viel beachtetes Thema hier auf diesm Blog – bei Interesse hier klicken). Denn Kinder haben oft ganz pragmatische Alltagsfragen, wenn es um den Tod geht. Pupst der noch, beispielsweise. Aber eben auch ganz praktische Fragen des Alltagslebens. Wenn die Oma sterben kann, dann vielleicht auch die Mama – aber wer kocht denn dann noch für mich?  Wir sprechen nämlich ganz falsch vom Tod, sagt Eric Wrede an einer Stelle. Und auch damit trifft er voll ins Schwarze. Wir senken unsere Stimmen, werden bei dem Thema ganz andachtsvoll und würdevoll und irgendwie vorsichtig. Das macht es im Umgang mit Kindern, aber überhaupt im Umgang mit dem Tod, alles nur noch schlimmer. Alleine deswegen sollte das Buch zur gesellschaftlichen Pflichtlektüre werden.



Aber auch wegen der vielen brauchbaren Praxistipps ist es viel wert: Dass es beispielsweise, wenn man sich das leisten kann, enorm sinnvoll sein kann, für seine Trauerfeier gleich eine Doppelfeier zu beantragen, um die extrem kurz getakteten Zeiten in den Friedhofskapellen von maximal 20 bis 30 Minuten für eine Trauerfeier einfach für sich verlängern zu können. Dass es eine schöne Idee sein kann, die Gäste einer Trauerfeier in Form eines kleinen persönlichen Briefes ihre eigenen Erinnerungen an den oder die Verstorbenen aufschreiben zu lassen und diese Briefe dann zu sammeln und zu einer großen Erinnerungsmappe zusammenzutragen. Und dass überhaupt die Trauerfeiern viel individueller auf den Menschen ausgerichtet sein müssen, der dort begraben wird - Eric Wrede erinnert sich an einen etwa 50-Jährigen, dessen Leidenschaft Progressive Metal gewesen ist - also wirklich wirklich frickeliges Musikzeugs, 20 Minuten Laufzeit pro Stück, zahlreiche Tempiwechsel und so. Also hörte sich die gesamte Trauergemeinde auf der Trauerfeier durch solcherlei Musikstücke durch. Das war sauanstrengend - und es wurde dem Menschen, der da gestorben war, tausendmal gerechter als jede staubüberzogene Normalfeier. Am Ende des Buches finden sich in einer Art Serviceteil noch die wichtigsten Informationen zum Thema Bestattungen, wichtige Dokumente, die auch im Internet als Download bereitstehen. Auch das ist hilfreich.


In einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Urne ausgebuddelt...


Ebenfalls spannend: Der Blick hinter die Kulissen der Bestatterszene, den Eric Wrede immer wieder unternimmt. Die Schilderungen des Bestatteralltags, die kuriosen, rührenden, harten, aber teils auch lustigen Ereignisse, die es dort gegeben hat. Manchmal wird Wrede dabei ein wenig zynisch, wenn auch zur Recht – wenn er von Bestatterkollegen berichtet, die die toten Omas mit ihren vollen Windeln lieblos in den Sarg hineinwerfen… Kommt leider alles vor, wie Wrede mehrmals erfahren hat. Was auch schon vorgekommen ist: Dass er in einer nicht genehmigten Nacht-und-Nebel-Aktion eine Urne ausgebuddelt hat. Aber leider die falsche. Das ist übrigens ein großer Pluspunkt dieses Buches: Der charmante Plauderton, den Eric Wrede gekonnt anschlagen kann (oder war es ggf. doch sein Ghostwriter – die Dankesworte am Ende des Buches ließen einen solchen Schluss jedenfalls zu). Und es gibt noch mehr.


Denn aufgelockert wird das Buch durch eingestreute Interviews mit Prominenten wie beispielsweise Judith Holofernes, wobei diese Texte jedoch eine Zweitverwertung von bereits auf Eric Wredes Podcast veröffentlichten Sprachbeiträgen sind (der Podcast trägt übrigens gleichfalls den Namen "The End"). Sei's drum, für mich, der ich nicht die Zeit hatte, die Podcasts anzuhören, ist die gedruckte Auswertung der Gespräche in dem Buch eine sinnvolle Ergänzung. 

Coole Socke mit grünen Socken: Ein Schnappschuss von Eric Wredes Füßen - der Bestatter war auch bei der Podiumsdiskussion auf der Messe "Leben und Tod" zu Gast und hatte genauso wie die Moderation Bärbel Schäfer knallgrüne Socken an.  (Thomas-Achenbach-Foto)

"The End" von Eric Wrede ist erschienen im Dezember 2018 im Verlag Heyne-Encore als Taschenbuch, 190 Seiten, 16 Euro.


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Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

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Dienstag, 20. Juni 2017

Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen... Was alles möglich ist, wenn Menschen das wollen: Urnen und Särge bemalen, Särge selber schließen, Körper überführen, Kinder aktiv dabei sein lassen - ein Plädoyer für moderne Bestattungen und eine zeitgemäße Ritual- und Bestattungskultur - moderne Rituale für Trauerfeiern

Osnabrück/Bremen – Einen Sarg für ein gestorbenes Schulkind als gemeinsame Aktion mit all ihren Freunden bemalen – ist das erlaubt? Einen Toten zur Aufbahrung nach Hause holen ,auch wenn der Sterbeort ein ganz anderer gewesen ist – ist das okay und machbar? Eine Flasche Kölsch mit in den Sarg legen, weil es das Lieblingsgetränk des Toten war – ist das nicht verboten? Den Sarg für seine Lieben selbst bauen, wenn man das kann, weil man Tischler ist – darf man sowas? Lavendel aus der Provence holen und auf den Sarg legen – geht das? Geht es nach modernen Bestattern wie Barabara Rolf aus Stuttgart oder David Roth aus Bergisch-Gladbach, dann sind all diese und noch viel mehr Ideen nicht nur möglich, sondern essentiell und wichtig. Die Kunden, sagen sie, müssen die Bestatterbranche bewegen und beraten, nicht andersrum. 

Auf der Messe Leben und Tod 2017 hielten beide Bestatter ein glühendes Plädoyer für eine moderne und individuelle Bestattungs- und Trauerkultur. Beide verfügen über ein reichhaltiges Repertoire an Erfahrungen und über Geschichten. Wie zum Beispiel diese: Als in einer Familie die Frage diskutiert wird, wer nach der Trauerfeier die Urne zum Grabplatz tragen darf, meldet sich der neunjährige Enkel - denn gestorben ist seine Oma. Beim Vater herrscht Entsetzen - und er fragt, "was dann eigentlich immer gefragt wird", wie Barbara Rolf es sagte: „Und was, wenn er sie fallenlässt?“. Woraufhin die Mutter ganz lakonisch sagt: “Dann hebt er sie eben wieder auf.“ Also trägt der Neunjährige die Überreste seiner toten Oma und ist stolz wie Bolle. Gleichzeitig ist er als Kind fest mit eingebunden in einen Prozess, einen Übergang - das ist wichtig für Menschen.

Macht sich für einen radikalen Wandel in der Bestattungsbranche stark: Barbara Rolf aus Stuttgart. Ihr Motto: Alles muss möglich sein.   (Franziska-Molina-Fotografie-Foto)

Wenn Barbara Rolf Geschichten wie diese erzählt, hängt eine Mischung aus Rührung und Revolution in der Luft. So ungewohnt sind solche Dinge noch in Deutschland im Jahre 2017. Viele Bestatter sagen an so einer Stelle, das sei nicht möglich. Das ginge nicht. Barbara Rolf sagt dazu: "Dann suchen Sie solange, bis sie einen finden, der es möglich macht." Bestatter sind ohnehin eine eher konservative Branche kommentiert ein Gast und Zuhörer, der es wissen muss – er ist mit einer Bestatterin verheiratet.

Das Wichtigste: In Sachen Bestattung alle Rechte kennen


Was das Thema angeht, hat Barbara Rolf ein klares Credo: „Die Kunden müssen die Branche bewegen“, sagt sie. Deswegen setzt sie auf: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Die Menschen darüber zu informieren, was alles möglich ist in Sachen Trauerfeier, Aufbahrung, Beerdigung. Und das ist viel mehr als man so denkt, wird einem bei ihrem Vortrag klar. Wobei sie zugibt, es als Quereinsteiger in die Branche viel leichter zu haben als manche Bestatterkollegen, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten dabei sind: „Mir fehlt dieser Schock des Neuen, den viele Kollegen haben - ich kenne Bestatttungskultur halt nur so."

Neues Credo: Trauernde sollten alles mitgestalten können


Trauernde sollten am besten alles, was passiert, mitgestalten und mitgehen können, wenn sie das wollen sagt Rolf. Dieses "selbst aktiv werden" kann Begreifen helfen, das ist enorm wichtig für den Trauerprozess, sagt sie. Tatsächlich ist das eine Botschaft, die auch in der Trauerbegleitung eine Rolle spielt: Den Körper des Toten wahrnehmen können, ihn sehen zu können, vielleicht sogar an eine Aufbahrung zuhause denken - wie es früher Standard war -, das alles kann enorm wichtig für den emotionalen Prozess sein. Weil der Tod uns Menschen einfach überfordert, weil keiner weiß, was das eigentlich ist, müssen wir uns einem Begreifen erst vorsichig annähern. Auch darum geht es in der Trauer. Barbara Rolf kann ihre Kollegen nur ermutigen, jeden Weg mitzugehen, der gewünscht wird. So sagt sie auch in ihrem Vortrag:


Kinder mit einbeziehen in den Prozess - ja oder nein? Auch dazu haben Barbara Rolf und David Roth eine klare Haltung.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

"Wir dürfen als Begleiter sehr mutig sein". Denn auf das Eine habe sie zu vertrauen gelernt: "Der Trauernde kennt seine Kraft, der kann das gut einschätzen. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass man sich darauf verlassen kann."

Kann sehr hilfreich sein: Gemeinsames Einkleiden des Toten


Was also gibt es alles an modernen Möglichkeiten rund umd die Bestattung und die Trauerfeier? Zum Beispiel das gemeinsame Einkleiden des Toten mit der Familie. "Das kann sogar lustig sein", sagt Barbara Rolf. Als sie einmal mit 14-jährigen Zwillingen den gestorbenen Vater im Sarg anzog, sagte einer der Söhne: "Wenn Papa alt geworden wäre, hätten wir das ja irgendwann auch so gemacht." Auch das Ritual des Sargschließens kann von der Familie absolviert werden. Seit Rolf einmal erlebt hat, wie eine Familie selbst die Schrauben reindrehen wollte - als letzten Akt des Abschieds -, bietet sie den Trauernden gerne an, dies selbst zu übernehmen.


Gemeinsam die Verstorbene aus der Pathologie geholt


"Die Überführung des Toten nach Hause ist immer möglich, auch, wenn der Sterbeort ein ganz anderer gewesen ist", sagt Rolf. Auch die Fahrt selbst muss nicht exklusiv den Bestattern vorbehalten sein. Ein alter Herr ist mit Barbara Rolf einmal mit in die Pathologie gefahren, den Leichnam seiner Frau abholen, wie sie berichtet. Er hatte gesagt "Wir haben alles zusammen gemacht, also machen wir auch das zusammen, außerdem bin ich neugierig drauf wie es da aussieht." Wobei dieser Teil eher für Ernüchterung sorgte. Denn eine Pathologie, sagt Barbara Rolf, sieht nun einmal so aus, wie man sie sich vorstellt. DIe Klinikleitung war dementsprechend nicht begeistert. Das dürfe man doch nicht zeigen, hatte es geheißen. Worauf die kesse Bestatterin berechtigterweise antwortet: Wenn Sie ein Problem mit ihren Räumen für die Toten haben, liegt das an den Räumen.

Aufbahrung geht überall - auch oben im Hochhaus


Wohin der Leichnam zur Aufbahrung überführt wird, ist dabei übrigens ganz egal. „Ich kann das alles auch auf 16 Quadratmetern im 16. Stock eines Hochhauses machen“, sagt dazu David Roth aus Bergisch-Gladbach. Und die Länge der Aufbahrung? Auch da ist fast alles möglich, sagt Roth – und zwar ohne Verwesungsgeruch oder Ekelfaktoren. "Und seien es drei Wochen", sagt Roth. Wobei: Gesetzlich gesehen ist das eben nicht möglich. Maximal 36 Stunden Aufbahrung sind möglich, so schreiben es die meisten Bestattungsgesetzte (das sind Landesgesetze) vor. Ausnahmen sind Bayern, da gibt es gar keine Frist, und Brandenburg, da gilt eine 24-Stunden-Frist.


"Pietät heißt nur, dass mir andere etwas vorschreiben"


Sowohl David Roth als auch Barbara Rolf sind sich jedoch einig, dass sie zumindest diesen Gesetzestext flexibel auslegen müssen: "Wenn etwas aus Liebe gewünscht wird und wenn es machbar ist", sagt Roth, müsse man zumindest eine Fristverlängerung beantragen (was möglich ist) - oder das Gesetz eben Gesetz sein lassen. Und wenn es andere stört, Nachbarn, Familie, Freunde, weil dann vielleicht getuschelt wird? Dann ist das eben so. „Ich bin kein Freund von dem Begriff Pietät“, sagt David Roth dazu, „weil Pietät nur bedeutet, dass uns Dritte vorschreiben, was richtig ist."

Auch die Kinder mit einbeziehen? Alte Frage, neue Antwort


Weitere Impulse aus den Vorträgen der beiden: Nicht alleine Särge, auch Urnen lassen sich selbst gestalten. Oder: Die eigene Grabstätte gestalten, z.B. noch, wenn der Sterbeprozess einsetzt, auch das ist möglich. Und die alte Frage: Dürfen die Kinder zu den Toten? Klare Antwort von Barbara Rolf: Lasst dass die Kinder einfach selbst entscheiden. "Ich habe diese Erfahrung gemacht: Als ein kleiner Junge seinen Papa, der bei einem Unfall gestorben war, im Sarg sehen konnte, war er plötzlich ganz froh", berichtet Rolf. Denn er hatte sich in seinem eigenen Kopfkino und seiner inneren Geschichtenwelt eingebildet, der Vater habe bei dem Unfall seinen Kopf verloren – als er dann sah, dass der Kopf noch obendrauf saß, war er richtig erleichtert. Gefragt, warum er sich denn so freue, den toten Papa zu sehen, sagte er: Weil der seinen Kopf noch hat.

Der Bestatter und Trauerbegleiter David Roth bei seinem Vortrag auf der Messe Leben und Tod 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Kinder hätten sowieso viel seltener Berührungsängste beim Thema Tod, hat David Roth beobachtet. Er hat schon Enkel gesehen, die sich beim toten Opa am liebsten auf die Knie gesetzt hätten. Im Kontakt sein können mit dem Tod. Das ist wichtig für uns Menschen - auch für unseren weiteren Weg. Wir dürfen da sehr mutig sein. Wir alle



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