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Freitag, 12. Februar 2021

Jeder hat seinen ganz eigenen Blick auf den Toten: Warum es bei Trauerfeiern so wichtig ist, alle Gäste mit einzubeziehen und warum freie Redner in Deutschland neue Qualitätsstandards brauchen - mein Gespräch mit Martin Diederich, Autor des Buchs "Reden als Ritualkunst" ist jetzt in meinem Podcast verfügbar

Osnabrück - Der Osnabrücker Martin Diederich möchte für die immer weiter wachsende Szene der freien Redner für Trauerfeiern und Hochzeiten eine neue Grundlage schaffen. Denn obwohl immer mehr Menschen in Deutschland ihre höchst privaten Rituale in die Hände von nicht-kirchlichen Rednern bzw. Ritualgestaltern geben, gibt es hierfür weder verbindliche Qualitätskriterien, noch Qualitätssiegel, noch gemeinschaftliche Standards, geschweige denn ein bundesweit verbindliches Curriculum für die Qualifizierung. Der Ex-Pastor Martin Diederich möchte das ändern, auch im Hinblick auf Trauerfeiern. Wie genau und warum überhaupt, das erzählt er in einer neuen Episode meines Podcasts "Trauergeschichten - Menschgeschichten", die jetzt online ist.

Martin Diederich hat ein Buch geschrieben, das die fachlichen Grundlagen für das Ritualdesign in Deutschland legen möchte: "Reden als Ritualkunst" heißt es - und sein Anspruch ist es, den Rahmen zu stecken dafür, wie freie Redner ihre Arbeit verstehen und eine eigene Haltung entwickeln können. Denn dass dieser Schritt nötig sein kann, zeigt die aktuelle Entwicklung in Deutschland. Der Markt für freie Redner ist von einem großen Wachstum geprägt - sie bieten Ihre Dienste für Trauerfeiern oder Hochzeiten ebenso an wie für Willkommensfeiern von Babys oder Übergangsfeiern von der Kindheit in die Jugend. Für die Menschen, die eine Feier organisieren wollen, heißt das aber auch: Wer die Auswahl hat, der hat die Qual. Denn wer freier Redner werden möchte, der kann ganz ungeprüft und ohne jede Qualifizierung seine Dienste anbieten. Was heutzutage dazu führt, dass oft schon die für Hochzeiten gebuchten DJs damit beginnen, ihre Dienstleistung einfach zu erweitern.  

(Foto: Thomas Achenbach)

Und wie es derzeit im Bereich des Coachings zu erleben ist, wächst mit dem Angebot an Aktiven auch das Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten. Ein gemeinsames, bundesweit gültiges Verständnis von Qualitätskriterien für Redner, ein allerorten angewandtes Curriculum für die Qualifizierung von Rednern, also eine bundesweit genormte Ausbildung, nichts davon gibt es derzeit; das Wenige, was es gibt, steckt noch arg in seinen Kinderschuhen. Deswegen möchte Martin Diederich, der als ehemaliger Pastor in Osnabrück seine Dienste als Ritualgestalter anbietet, dazu anregen, sich noch einmal ganz grundsätzlich mit den fachlichen Grundlagen zu beschäftigen und eine neue Haltung zu entwickeln. Denn es dürfe nicht unterschätzt werden, was die Aufgabe als Freier Redner mit sich brächte. Oder wie Martin Diederich es formuliert: "Wir begleiten Menschen in schwerwiegenden Lebensübergangssituationen..."

Das Ritual teilt das Leben - ins Davor und Danach

Sowohl der Tod eines Menschen als auch der Eintritt in das Eheleben seien Wendepunkte, die das Leben unterteilten in ein Davor und ein Danach. Dem müsse auch das Ritual, das der Freie Redner zu gestalten hat, Rechnung tragen: Die Menschen bei diesem Übergang zu begleiten. "Es ist unsere Aufgabe, dass die Menschen in dieser neuen Lebensphase ankommen." So beschreibt es Martin Diederich in unserem Gespräch. "Und da finde ich es ganz bitter, wenn wir das einfach nur intuitiv machen müssen -  einfach, weil es die fachliche Grundlage dafür noch nicht gibt, und da möchte ich gerne ein bisschen helfen...". Zumal es noch einen weiteren ganz wichtigen Punkt zu berücksichtigen gälte:

(Foto: Thomas Achenbach)

Sowohl bei einer Trauerfeier als auch bei einer Hochzeit müsse es darum gehen, dieses Ritual, dieses Ereignis, nicht nur für die Hauptpersonen zu gestalten, sondern so, dass alle Gäste sich angesprochen fühlten und alle mit einbezogen sein könnten. Was vor allem bei einer Hochzeit eine Herausforderung sein könne, denn da kommt nach Martin Diederichs Worten ein sehr künstlich zusammengesetzter Personenkreis zusammen, der sich im realen Leben sonst nie so treffen würde: Kollegen ebenso wie Angehörige ebenso wie Freunde ebenso wie Nachbarn, etc. Dennoch gelte: Die Gäste müssen erfahren, warum sie wichtig sind. Auch bei Beerdigungen kann das eine Gratwanderung sein.

Martin Diederich aus Osnabrück (Foto: J. Escher).

"Ich will als Mensch auf dieser Beerdigung mitgenommen werden in meiner Sicht auf den Gestorbenen - und zwar so, wie diese Sicht ist", sagt Martin Diederich im Podcast. Das sei aber nicht immer einfach herzustellen, weil ja jeder Anwesende einen ganz eigenen Blick auf den gestorbenen Menschen gehabt habe. "Jeder kennt den ja anders", formuliert es Diederich "Es ist ein Riesenunterschied ob du Abschied nimmst als Ehepartner oder als Kind als als Kollege oder als Kumpel". Es sei durchaus schon vorgekommen, dass ein gestorbener Mensch alleine von seinen Kindern jeweils total unterschiedlich gesehen wurde... Das wiederum wirkt sich alles auf die Erwartungen an die Trauerfeier aus. "Du gehst ja nicht nur um mit einem Menschen, du gehst um mit diesem ganz unterschiedlichen Erleben von Menschen", formuliert der Osnabrücker es. Deswegen ist es nach Diederichs Auffassung so wichtig, dass im Vorgespräch zu den Anlässen sensibel vorgegangen und sehr gut zugehört wird. Nur...:

(Foto: Thomas Achenbach)

"Hören und verstehen, das muss geübt und gelernt sein, sonst versteht man falsch". Zumal das Vorgespräch zu einer Trauerfeier, aber auch zu einer Hochzeit, immer auch eine fast schon therapeutische Funktion erfüllt. "Das hat eine Begleitungsdimension", formuliert es Martin Diederich. "Wenn man mit Leuten redet, in so einer Situation, dann ist es Begleitung - Du redest über Gefühle, über Persönliches. Und es geht immer um die Beziehungsbedeutung." Es geht um Narrative, um Lebensgeschichten, um den Umgang mit Erinnerungen. Alles Ansprüche, die eine gute Haltung und eine fundierte Qualifizierung des Ritualgestalters nötig machen.

Das gesamte Gespräch mit Martin Diederich gibt es in meinem Podcast "Trauergeschichten - Menschgeschichten" unter diesem Link....

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Donnerstag, 7. Januar 2021

Viel mehr als nur Kaffeetrinken nach einer Beerdigung: Warum der Leichenschmaus als Kulturgut unentbehrlich ist - und was ohne ihn alles wegbricht in diesen Coronazeiten, in denen wir auf so viel verzichten müssen

Osnabrück - Mit dem Ausbrechen der Pandemie hat sich heimlich, still und leise, jener allgemein übliche Dreiklang aus der Gesellschaft verabschiedet, den eine Beerdigung in unserem Kulturkreis üblicherweise darstellte: Trauerfeier, Bestattung und Leichenschmaus. Es ist vor allem der Leichenschmaus, dessen gesellschaftliche Wirkung nicht unterschätzt werden darf. Was mit ihm alles wegfällt, ist mehr als nur Kaffeetrinken. Für das Feuilleton der "Neuen Osnabrücker Zeitung" durfte ich jüngstens einen Beitrag zur Printserie "Orte der Sehnsucht" beisteuern, in dem es um dieses Thema ging. Hier ist eine leicht geänderte Fassung dieses Textes.

"Hoffentlich sehen wir uns auch mal außerhalb von Beerdigungen...“. Es hat eine Zeit gegeben, in der gehörte dieser Satz zum am meisten Gesagten und Gehörten bei einer Trauerfeier im Familien- oder Freundeskreis – und diese Zeit ist noch gar nicht so lange her. Mit dem Ausbrechen der Pandemie hat sich inzwischen, ganz heimlich, still und leise, jener allgemein übliche Dreiklang aus der Gesellschaft verabschiedet, den eine Beerdigung in unserem Kulturkreis üblicherweise darstellte: Trauerfeier, Bestattung und Leichenschmaus waren seine Kernkomponenten – wobei die Bestattung entweder als gemeinsamer Gang zum Grab direkt im Mittelteil absolviert wurde oder, bei der häufiger gewählten Urnenvariante, später nachgeholt wurde. 

Leichenschmaus als symbolischer Übergang

Mag uns der Friedhof als Kulturort auch in Zeiten der Coronakrise erhalten bleiben und mit seinem wenig überfüllten Außendasein als Ort des Nicht-Masken-Tragen-müssens eine gut besuchbare Alternative zum pandemischen Alltag darstellen: Es ist der Leichenschmaus, dessen Fehlen die größte kulturelle Lücke reißt. Denn dieses gemeinsame Mahl ist so viel mehr als eine nur gesellschaftliche Verpflichtung: Es ist ein symbolischer Übergang – und ein mehrfacher dazu. Aus der Zone des Schreckens und der Ohnmacht führt er zurück in den Trost der sozialen Gemeinschaft, nach der Zeit der Organisationspflichten und To-Do-Listen öffnet er die Türen für die Zeit der tatsächlichen Trauer, aus der Zone des Todes und des Sterbens führt er zurück in alles, was das Leben ausmacht, Essen, Trinken, Beisammensein, ja, nicht selten auch Fröhlichkeit und Sinnenfreude.

(Foto: Thomas Achenbach)

So gesehen ist der hierzulande gern genutzte Begriff des Leichenschmauses mit all seiner sprachlichen Härte viel passender als das andernorts gewählte „Trösterkaffee“: Erst die Leiche, dann der Schmaus; erst der Tod, dann das Leben; diesen Kontrast gilt es auszuhalten. Wie so vieles mehr. Es ist oftmals das letzte Wiedersehen eines Kreises, der so nie wieder zusammenkommen wird. In alten Zeiten war es die letzte erlaubte Feier vor dem Trauerjahr, das gleich am Anschluss begann. Viele Trauernde haben gerade diesen Trauerkaffee als besonders tröstend erlebt.  

Dem Tod das pralle Leben entgegenstellen

Noch bevor der Kaffee durch ist, wird bei einem Leichenschmaus oft schon der Zapfhahn aufgedreht. Dass am Ende eines Leichenschmauses oft eine überraschend hohe Menge an Alkohol geflossen ist und sich die Teilnehmer verbrüdernd in den Armen liegen – sogar das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ soll unpassenderweise schon einmal angestimmt worden sein, berichten professionelle Teilnehmer –, ist da gar kein Widerspruch, nein, vielmehr macht es eindrucksvoll deutlich, welchen gesellschaftskulturellen Auftrag so ein Leichenschmaus erfüllt: Einerseits geht es darum, einfach da zu sein und den Trauernden Respekt und Zugehörigkeit zu vermitteln. Aber auf einer anderen Ebene geht es darum, den Tod wieder in seine Bannzone des Schreckens zu verdrängen, indem man ihm gemeinsam das pralle Leben entgegenstellt. Ihm eine lange Nase zu drehen und in einer Art mythologischer Ächtung mutig entgegenzutreten: Den da in der Erde hast Du jetzt. Aber uns kriegst Du nicht. 

(Foto: Pixabay.com/Svetlanabar, Sweden, Cc-0-Lizenz)

Noch nicht.

Wenn dieser Übergang nun wegfällt, ja, in Viruszeiten berechtigterweise wegfallen muss (und das unbedingt „alternativlos“ – siehe oben unter „überraschend viel Alkohol“ etc.), dann fehlt ein wichtiger Mechanismus, der uns wieder in der Kraft des Lebens verankern kann, der unsere eigene Angst ein Stück lindern kann. Und so schleichen sich heutzutage am Ende einer Trauerfeier die wenigen zugelassenen Teilnehmer nach einigen sehr peinlichen Ellbogenverrenkungen dort, wo vielmehr Umarmungen angebracht wären, hinfort zu ihren Autos und verschwinden isoliert in eine ungewisse Zukunft. Ohne Bannstrahl, ohne Lebensvergewisserung – ohne Trost. 

Peinliches Ellbogenverrenken, ab ins isolierte Auto

Selbst wenn manche der Menschen, die in der jüngsten Vergangenheit ihre Trauerfeiern ausrichten mussten, ein Nachholen des Leichenschmauses versprochen haben, sobald möglich, ist es doch nicht dasselbe – denn ihre wohltuende Kraft bezieht diese Veranstaltung alleine aus dem unmittelbaren Anschluss an einen Abschied. Je weiter der zeitliche Abstand, desto verbannter scheint der Tod ja bereits wieder zu sein. Dieser seelische Schutzmechanismus ist für uns Menschen von existenzieller Bedeutung: Alleine mit der Vergewisserung, dass der Tod uns selbst nichts anhaben wird, uns nicht, sobald nicht, allen anderen vielleicht schon, lässt sich die Hilflosigkeit ertragen, die unser Erdendasein oft mit sich bringt. Dass die Coronakrise unseren  menschlichen Gestaltungsspielraum massiv einschränkt und uns unsere existenzielle Ohnmacht ahnen lässt, ist eine ihrer Wahrheiten. Das auszuhalten ist Aufgabe genug.

(Foto: Thomas Achenbach) 

„Hoffentlich sehen wir uns auch mal außerhalb von Beerdigungen...“. Wie oft haben wir diesen Satz gehört. Vielleicht auch selbst gesagt. Und dann traf man sich eben doch das nächste Mal erst… - auf einer Trauerfeier. Zumindest darauf konnte man sich verlassen. Heute ist selbst diese Verlässlichkeit brüchig geworden. In Zeiten der Krise muss es eher heißen: „Hoffentlich sehen wir uns überhaupt nochmal"...

(Dieser Artikel erschien in seiner ursprünglichen Fassung am 2. 12. 2020 in der Printausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung sowie aller Ihrer Kopfausgaben im Ressort Feuilleton).

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder über dieses Thema zu reden

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Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

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Samstag, 4. Juli 2020

27 gute Rituale für eine moderne Trauerfeier: Wie kann ich eine gute Gedenkfeier für einen gestorbenen Menschen organisieren - was brauche ich dafür? Impulse, Anregungen und Ideen für die Gestaltung von Trauerfeiern, die auch den Angehörigen gut tun können - zahlreiche schöne Rituale für eine Beerdigung

Osnabrück - Was für eine schöne Idee: Aus dem Heimatort des gestorbenen Menschen, aus dem dieser schon lange fortgezogen war, hatte einer der Trauergäste etwas Erde mitgebracht. Heimaterde, sozusagen. Und diese wurde dann ebenfalls in das Grab des Mannes geworfen. Ein schönes Ritual - da muss man aber erstmal drauf kommen. Und das in der gewaltigen Überforderung nach einem Trauerfall? Wer kann das schon? Keine Frage: Eine Trauerfeier organisieren zu müssen, das kann eine herausfordernde Aufgabe sein - meistens stellt die Gedenkfeier für die Menschen, die sie organisieren müssen, so eine Art "Großes Schwarzes Loch" dar, weil der gestorbene Mensch in der Regel keine Wünsche oder Verfügungen für die Feier hinterlassen hat. In den seltensten Fällen haben sich Menschen vorher mal darüber unterhalten, wie sie sich ihre eigene Trauerfeier vorstellen würden. Aber wie könnte das Programm einer Trauerfeier aussehen? Was gäbe es für Ideen für Rituale oder für die konkrete Ausgestaltung? Was muss man alles beachten?  

Ich habe also mal alles zusammengesammelt, was mir zum Thema Trauerfeier so eingefallen ist. Neue und alte Rituale, von denen mir Menschen erzählt haben, weil sie ihnen gut getan hat. Impulse und Ideen und ein paar Gedankenanregungen, die bei der Gestaltung einer Trauerfeier helfen können. Natürlich lässt sich eine solche Aufgabe - also das Gestalten dieser Feier - auch an einen Menschen übertragen, der sich damit auskennt, weil er es professionell macht, also zum Beispiel einen Geistlichen, einen freien Trauerrender oder einen Ritualgestalter. Aber je mehr sich die Angehörigen, die besten Freunde oder einige der Gäste in die Gestaltung mit einbringen können, umso persönlicher wird diese Gedenkfeier - umso besser wird der gestorbene Mensch in dieser Feier sichtbar. Deswegen wäre mein Tipp: Baut Euch am besten eine Feier, wie sie Euch gut tut, als Allererstes. Zu weiteren Leitlinien für eine gute Trauerfeier kommen wir später noch.


Eine Trauerhalle aus Lego zum Spielen? Der niederländische Trauerpädagoge Richard Hattink bietet unter www.funeraltoys.com unter anderem dieses Spielset an , das ich auf der Messe Leben und Tod fotografert habe - die Idee dabei ist, mit Kindern spielerisch über schwierige Ereignisse rund um Beerdigungen und Trauerfeiern ins Gespräch kommen zu können (Alle Fotos Thomas Achenbach).


Viele fragen sich: Muss eine Trauerfeier überhaupt sein? Geht es nicht auch ohne? Hierbei gilt es zu bedenken: Die Trauerfeier ist die letzte Möglichkeit, einen Abschied ganz bewusst zu gestalten. Das kann gut tun, auch bei Familien oder bei Freunden, bei denen nicht alles ganz harmonisch gewesen ist - so ließe sich zum Beispiel, wenn man das möchte, ein Verzeihenritual mit in die Feier einbeziehen. Diese Feier kann zudem ein wichtiger erster Schritt sein für den eigenen Trauerweg, der bei jedem anders sein wird. Und schließlich muss man auch eines sagen: Es gehört sich einfach so, dass eine Trauerfeier gestaltet wird. Ein jedes Leben sollte an seinem Ende eine Würdigung erfahren dürfen, das macht unser Leben hier auf dieser Erde ein bisschen lebenswerter - für uns alle. Bevor wir aber mit dem Leitfaden für eine Trauerfeier beginnen, gilt es, ein paar Vorabfragen zu klären. Nämlich diese:

Vorab: Ein paar Grundsatzfragen, die man sich stellen sollte


- Soll der gestorbene Mensch lieber verbrannt oder klassisch beerdigt werden?
- Bei einer Kremation (dem Verbrennen) kann man evtl. zwei Trauerfeiern organisieren
- Zum Beispiel so: Öffentliche Trauerfeier am Sarg / Urnenbeisetzung im kleinen Kreis   
- Soll der gestorbene Mensch auf dem Friedhof oder in einem Wald beigesetzt sein?
- Soll der Sarg gemeinsam bemalt werden als gemeinschaftliche Aktion?
- Den Sarg eventuell sogar gemeinsam bauen als Gemeinschaftsaktion?
- Den Toten aufbahren, z. B. in einem Abschiedsraum, und Totenwachen organisieren  
- Auch Urnen gibt es übrigens zum Selbst-Gestalten bzw. mit Bastel-Einlage-Option
- Im Falle einer Urnenbestattung: Wer soll die Urne zum Grab tragen dürfen?

Und damit zur eigentlichen Trauerfeier: 

1. Der Ort: Eine Trauerfeier muss nicht auf dem Friedhof stattfinden


Manche Bestatter bieten z. B. eigene Trauerhallen für die Feiern an, die dann oftmals mit moderner Technik ausgestattet sind. Das kann unter Umständen sinnvoll sein, wenn man sich dafür entscheidet, beispielsweise eine Powerpoint-Diaschau oder eine Art Form von digitaler Präsentation einzusetzen. Hierbei geraten die öffentlichen Trauerhallen auf Friedhöfen sehr schnell an ihre Grenzen. Manchmal sind jedoch ganz andere Orte viel passender, um dem gestorbenen Menschen gerecht zu werden. In einem seiner Vorträge erzählte der moderne Bestatter David Roth beispielsweise von einer Trauerfeier, die in einem Pferdestall stattgefunden hatte, weil das gestorbene Mädchen ein absoluter Pferdeliebhaber gewesen war. Dementsprechend gehörten zu den Teilnehmern der Feier dann auch - ein paar Pferde. Das passte viel besser zu dem Mädchen. Oder ein anderes Beispiel: Anstelle einer Trauerfeier für einen alten Mann unternahmen die Trauergäste einfach einen Spaziergang in Stille zu seinem persönlichen Lieblingsort, einen See. Dort ließen sie dann Papierboote ins Wasser. Eine externe Feier muss manchmal vorab durch die Friedhofsverwaltung genehmigt werden, je nachdem, wie und wann die dann folgende Beisetzung geplant ist, aber sie kann manchmal besser zu den gestorbenen Menschen passen als eine ganz klassisch durchgezogene Trauerfeier. 

2. Die Ausrichtung: Kirchlich oder weltlich, mit wieviel Tradition darin?


Schon lange ist die Gestaltung einer Trauerfeier nicht mehr alleine in der Hand kirchlicher Kräfte, sondern es gibt viele freie Ritualgestalter und freie Trauerredner, die das ebenfalls übernehmen können. In der Gestaltung einer Trauerfeier gibt es kaum noch Grenzen, bis auf eine: Die Zeit. In seinem Buch "The End" beschreibt der moderne Bestatter Eric Wrede aus Berlin das Problem, das den meisten Trauerfeiern nur ein Zeitfensterchen von 20 Minuten zugestanden wird, während die Gäste für die folgende Trauerfeier draußen schon mit den Hufen scharren. Das ist tatsächlich oft ein Problem. Deswegen kann es eine gute Idee sein, gleich zwei Trauerfeier-Zeitfenster hintereinander zu buchen, um mehr Zeit zu gewinnen - was natürlich auch das Doppelte an Raummiete kosten wird.


Trauerspielzeug des Niederländers Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)

Was aber die Inhalte der Feier angeht, so ist vieles möglich und denkbar, man muss sich schon lange nicht mehr an alte Traditionen halten, sondern kann sich eine Feier ausdenken, die modernen Ansprüchen gerecht wird. Meiner Meinung nach kann es hilfreich sein, sich bei der Gestaltung einer Trauerfeier an drei Leitgedanken zu orientieren: 

1.) Die Feier darf bzw. sollte den Hinterbliebenen gut tun und ihnen etwas geben 
2.) Zugleich darf bzw. kann der gestorbene Mensch in der Feier sichtbar werden
3.) Optimal ist es also, eine gute Brücke zwischen diesen beiden Polen zu bauen

Wenn der gestorbene Mensch zu seinen Lebzeiten ein sehr gläubiger Mensch gewesen ist, aber seine besten Freunde oder seine Angehörigen der Kirche eher kritisch gegenüberstehen, lässt sich zum Beispiel überlegen, ob die Trauerfeier sowohl aus kirchlichen als auch aus weltlichen Elementen besteht - damit sie beiden gerecht werden kann. Oftmals wird auch bei rein weltlichen Trauerfeiern zumindest ein "Vater unser" gesprochen, um die eher gläubigeren Gäste mit einzubeziehen. Wichtig ist jedenfalls, dass die Angehörigen sich mit dem Programm wohlfühlen können. Eine weitere Geschichte, die Eric Wrede in seinem Buch "The End" erzählt, ist beispielsweise die von einer eher improvisierten Trauerfeier eines plötzlich verstorbenen Fans von Progressive-Metal-Musik. Da haben dann alle Trauergäste in einem Stuhlkreis zusammengesessen und die teils recht schräge Lieblingsmusik des Verstorbenen gemeinsam angehört. Das war alles. Ist dem Menschen aber gerechter geworden als jede andere Form von Trauerfeier. Moderne Bestatter und Trauerbegleiter empfehlen ganz grundsätzlich, sich nicht an (überholten) Traditionen zu klammern, wenn diese einem selbst nichts bedeuten. Dafür wäre dieser wertvolle Moment zu schade. Warum nicht - zum Beispiel - einen Walzer oder eine Rumba am Ort der Trauerfeier tanzen, wenn der gestorbene Mensch gerne getanzt hat? Weil Tanz und Trauer nicht zusammengehören? Wer sagt das? Ist nicht beides irgendwie - Leben?

3. Rituale mit einplanen - vor und während der Trauerfeier 


Rituale sind wichtig - aus vielfachen Gründen. Zum Beispiel, weil sich mit kleinen Gesten schon ganz viel an Wirkung erreichen lässt. Oder weil sie uns dabei helfen, große und vielleicht irritierende Gefühle in einen Zusammenhang einzubetten. Manche Rituale beziehen alle Teilnehmer einer Feier mit ein und haben, wenn sie nachvollziehbar oder gut erklärt werden, eine die Gäste vereinende Wirkung. An Rituale denken wir oft lange zurück. Wenn wir uns an Trauerfeiern erinnern, sind es meistens die damit verbundenen Rituale, die uns als Erstes wieder einfallen: Das Werfen einer Rose in das offene Grab, beispielsweise. Und es gibt ganz viele gute Ideen für Rituale, die im Kontext einer Trauerfeier eingesetzt werden können. Wobei wir hier zwischen zwei wichtigen Zeiträumen unterscheiden müssen:

1.) Die eher intimeren Momente für die Angehörigen kurz vor der offiziellen Trauerfeier 
2.) Die offizielle und vermutlich von weiteren Gästen besuchte eigentliche Feier

Für beide Komponenten bieten sich jeweils Rituale an, von denen mir Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation erzählt haben und die sie jeweils als hilfreich erlebt haben. 

Hier ist meine persönliche Sammlung an mögliche Ritualen - wobei man dazu eines sagen muss: auch wenn manche dieser Rituale in einer Phase akuter Einschränkungen wegen eines neuerlichen Corona-/Pandemie-Lockdowns nicht umsetzbar sein dürften, wäre dann zu überlegen, ob man beispielsweise die eigentliche Trauerfeier später nachholt, zum Beispiel gekoppelt an einen später stattfindenden "Trösterkaffee" (dazu später mehr). 


1.) Rituale für den Zeitraum kurz vor Beginn der eigentlichen Trauerfeier


  • # 1 - Den Sarg gemeinsam verschließen vor der Trauerfeier, das kann gut tun
  • # 2 - Etwas in den Sarg hineinlegen als Beigabe für diese letzte Reise (da geht viel)  
  • # 3 - Sich den toten Menschen nochmal gemeinsam ansehen, falls man das kann

2.) Rituale für den Inhalt/die Gestaltung der eigentlichen Trauerfeier


  • # 4 - Die Trauergäste bringen jeder eine Blume mit und legen sie in der Halle ab, z. B. vor dem Sarg oder an einer Fotowand oder ähnliches
  • # 5 - Die Trauergäste können Fußabdrücke von sich aus Papier mitbringen, die sie beschriftet haben
  • # 6 - Auf diesen Fußabdrücken notieren sie, welche persönlichen Spuren der Mensch hinterlassen hat
  • # 7 - Die Trauergäste sind zuvor ermuntert worden, ein gemeinsames Foto mit dem Verstorbenen mitzubringen
  • # 8 - Diese Fotos können an einer Wand gesammelt oder in ein Blankobuch eingeklebt werden, vielleicht mit eigenen Erinnerungen ergänzt
  • # 9 - Die Trauergäste bekommen Teelichter, diese dürfen sie anzünden und vorne hinstellen, so kann ein großes leuchtendes Symbol entstehen, z. B. in Herzform
  • # 10 - Ein selbst gestalteter Trauerschal kann über den Sarg gelegt werden, die Gestaltung dieses Schals kann vorab als gemeinsames Ritual angelegt sein
  • # 11 - Lebensmomente des gestorbenen Menschen können als Ausstellung gezeigt werden, diese kann auf dem Fußboden ausgelegt werden/es liegen Fotoalben aus
  • # 12 - Eine Fotowand erinnert an den Menschen, Zettel zum Beschriften liegen bereit, diese können mit eigenen Erinnerungen beschriftet werden (oder guten Wünschen)
  • # 13 - Ein Angehöriger oder enger Freund kann den Lebenslauf des Gestorbenen vorlesen oder wichtige Stationen kurz zusammenfassen
  • # 14 - Freunde oder Angehörige, die das können, führen während der Trauerfeier ein Musikstück auf
  • # 15 - Freunde oder Angehörige lesen während der Trauerfeier ein ausgesuchtes Gedicht oder Textstück vor
  • # 16 - Gegenstände, die zum Leben des gestorbenen Menschen passen, zur Deko verwenden
  • # 17 - Auf einem Monitor kann eine Fotoschau durchlaufen, die sich ständig wiederholt, oder es wird eine Präsentation in die Trauerfeier mit eingebaut
  • # 18 - „Was ich Dir noch sagen wollte“ – Gedanken dazu können auf Papier aufgeschrieben und gesammelt werden, Papier hierfür liegt bei der Feier aus
  • # 19 - Dies können entweder alle Trauergäste tun, die das gerne möchten, oder es kann auf einen Brief der Angehörigen beschränkt werden (der vorgelesen wird?)
  • # 20 - Dieses Papier kann dann während der Feier z. B. in den Sarg gelegt werden oder in einer Feuerschale verbrannt werden
  • # 21 - Gemeinsam Luftballons steigen lassen am Grab oder an dem Ort der Feier, das wird vor allem bei Kindern gern gemacht (In Flughafennähe - genehmigen lassen!)
  • # 22 - Eine "Klagemauer" aufzubauen ist auch eine Idee, bei der sich die Trauergäste beteiligen können, hierfür liegen Zettel zum Ausfüllen bereit, die an diese „Mauer“ (z.B. Pinnwand) angebracht werden können (das geht z. B. auch zuhause)
  • # 23 - Die Trauergäste bekommen eine Tüte Blumensamen mit als Geschenk zum späteren Einpflanzen/an den gestorbenen (An-) Denken
  • # 24 - Ein Tanz am Ort der Trauerfeier, sowas ist wie schon erwähnt auch gut – wenn es passt, zum Beispiel weil der Mensch gern Standard/Latein etc. getanzt hat... 
  • # 25 - Am Ort der Trauerfeier stehen Fingerfarbe und Reinigungstücher bereit, damit jeder der Trauergäste seinen Handabruck auf dem Sarg hinterlassen kann
  • # 26 - Auch schön: Anstatt einer Trauerfeier lässt sich in manchen Gegenden (z. B. in der Nähe von Hannover) ein Trauercafé mit dem Sarg dabei organisieren
  • # 27 - Und schließlich: Bei einer Beerdigung ist es meistens möglich, dass die Angehörigen, wenn sie das möchten, selbst das Grab zuschaufeln - das kann gut tun
Übrigens spricht auch nichts dagegen, den Gästen einer Trauerfeier ein Erinnerungsstück mitzugeben - bewährt dafür haben sich zum Beispiel Trauersteine, die z.B. in eine Hosen- oder Jackentasche passen. Gerne werden dafür glatt geschliffene Steine genommen, das muss aber nicht sein. Die Steine haben erstens eine besondere Symbolik, weil Steine so etwas wie Unvergänglichkeit und Unzerstörbarkeit symbolisieren, zweitens dienen sie als gelegentliche Erinnerung an die Trauerfeier und damit den gestorbenen Menschen. 


Trauerspielzeug des Niederländers Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)

Und schließlich, falls gewünscht/benötigt: Ein Ritual des Verzeihens 


Als besonderes Ritual ließe sich auch über eine angeleitete Form des Verzeihens nachdenken, von dem ich ebenfalls schon gehört habe. Bei schwierigen Lebensläufen, als problematisch erlebten Lebenssituationen oder allgemein  bei schwierigen Menschen fällt es den Angehörigen oder Freunden manchmal nicht leicht, einen guten Abschied nehmen zu können. Zum Beispiel, weil sie die Würde, die es dafür bräuchte, als durch andere Gefühle überdeckt erleben. Durch Wut, beispielsweise, durch Zorn, durch heftigere Erinnerungen an schwierige Situationen etc. Hierbei kann es hilfreich sein, auch diesen Gefühlen während in der Trauerfeier in Form eines Rituals einen sanften, aber verzeihenden Raum zu geben - immer auf angemessene Art und Weise und mit viel Würde, versteht sich, also nicht durch ein "Nachtreten" oder durch Äußerungen von Hass oder Zorn. 

Geschehen kann dies z. B. durch einen Augenblick der Stille oder durch ein bestimmtes Stück Musik, das hierfür genutzt wird. Der Trauerredner oder Ritualgestalter oder der Geistliche kann das entsprechend moderieren, zum Beispiel durch einen Satz wie diesen: "Während der nächsten Momente wollen wir uns im Verzeihen versuchen, in einem Verzeihen für alles, worüber wir zu Lebzeiten nicht haben sprechen können. Gleichsam wollen wir der Hoffnung nachspüren, dass der gestorbene Mensch in seinem Tod auch uns hat verzeihen können..." (dieser letzte Satz kann passend sein oder auch nicht, das kommt, wie alles, auf die Situation an). 


4. Die Trauerrede: Nichts Schlechtes sagen, aber gern Menschliches


Über Verstorbene soll man nichts Schlechtes sagen, so lautet eine alte Verhaltensregel, die sich sowohl an die Gäste einer Trauerfeier richtet als auch an diejenigen, die die offizelle Trauerrede halten. Aber bevor wir über den Inhalt einer Trauerrede sprechen können, müssen wir uns erst eine andere Frage stellen: Wer soll diese Trauerrede eigentlich halten - und soll es überhaupt eine geben? Denn auch für die Trauerrede gilt: Es ist kein Muss. Nur weil alle anderen diese Tradition pflegen, kann es auch andere Ideen geben - zum Beispiel einfach nur gemeinsames Musikhören. 

Ein Vorteil einer Trauerrede ist natürlich, dass der Fokus noch einmal auf dem Leben des verstorbenen Menschen liegen kann, dass sein Tun, seine Vorlieben und seine Prägungen spürbar und erlebbar werden können. Hier darf es auch gerne menschlich zugehen oder auch mal lustig, falls das passt. Ein guter Leitspruch für eine Trauerrede ist immer: Der gestorbene Mensch steht hier nicht vor Gericht, es muss nicht über ihn geurteilt werden. Selbst wenn es etwas Abgründiges zu erzählen gäbe, darf das gerne ausgeklammert oder allenfalls oberflächlich gestreift werden, weil die meisten Menschen vermutlich eh davon wissen. Bei einem Menschen, der ein Alkoholproblem hatte, kann dann beispielsweise von "der Krankheit" gesprochen werden - die es ja auch ist -, die das Leben manchmal schwer gemacht hat. Das reicht. Spätestens dann sollte aber wieder etwas Gutes folgen. Eine letzte Würde hat jedes Leben verdient - aber das hatten wir ja schon... 


Trauerspielzeug des niederländischen Pädagogen Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach).

Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zum "Wer hält die Rede"? Am eindrucksvollsten ist es natürlich immer, wenn direkte Angehörige oder Freunde selbst sich das zutrauen, aber weil es auch eine harte Aufgabe ist, bei der ein gewisses Maß an Professionalität und Erfahrung damit nicht schaden kann, sind freie Redner, Geistliche oder andere hierfür ausgebildete Profis oft eine ebenso gute oder vielleicht auch bessere Wahl.  

5. Die Musik: Auch Mitsingen, nur Anhören, wieviel, was genau?


Was die Auswahl der Musik angeht, gibt es eine zentrale Frage: Soll auch etwas von den Trauergästen mitgesungen werden? Ich selbst bin, da will ich ganz ehrlich sein, kein großer Freund von diesem offiziellen Singenmüssen, ich fühle mich da meist sehr unwohl bei, jedenfalls solange es nicht etwas von Pink Floyd ist (bei "Wish You Were Here" gröhle ich gerne mit, so schief wie es bei mir halt immer der Fall ist). Mir sind ansonsten Feiern viel lieber, bei denen die Musik rein passiv zu erleben ist - aber das ist nur meine bescheidene Meinung. Und es zählt auch hier einzig und allein die Leitfrage, ob es zum gestorbenen Menschen passt oder nicht. Ist beispielsweise ein enthusiastisches Mitglied eines Männergesangvereins gestorben, wäre es vermutlich irritierend, wenn auf seiner Trauerfeier gerade nicht gesungen wird. 

Auch wenn die Trauergäste nicht mitsingen müssen, stellt sich die Frage, ob die Musik von Konserve kommen soll oder live aufgeführt werden soll? Inzwischen gibt es in manchen Städten auch Musiker, die sich unter anderem für Trauerfeiern spezialisiert haben. Oder es gibt unter den Angehörigen oder besten Freunden Musiker, die sich das zutrauen. Für mich wird unvergesslich bleiben, wie mein Vater bei der Trauerfeier meines Onkels, also seines Bruders, den gar nicht so leichten Trauermarsch aus der Götterdämmerung auf dem Klavier gespielt hat. Das hat perfekt zu meinem Onkel gepasst: Er war ein großer Fan des "Rings der Nibelungen" und der Opern von Richard Wagner. 

Wobei es gar nicht immer nur traurige Musik auf einer Trauerfeier geben muss - am besten passt generell die Lieblingsmusik des gestorbenen Menschen. Und das ist der Punkt: Alleine über die Auswahl der Musik können viele Eindrücke über die Persönlichkeit des gestorbenen Menschen vermittelt werden. Deswegen ist Musik in ihrer Wichtigkeit nicht zu unterschätzen. Warum also nicht eine Playlist zusammenstellen mit der Lieblingsmusik des gestorbenen Menschen und diese den Trauergästen ebenfalls zur Verfügung stellen - beim Wie und Womit können die technikverliebten jüngeren Freunde oder Angehörigen, Enkel oder ähnliche, vielleicht gut helfen? Natürlich könnte man auch eine CD brennen, was als Geste etwas Wunderschönes ist, allerdings ist man bei der halb-/professionellen Vervielfältigung von Musik in einem größeren Rahmen nicht mehr ganz im Bereich des Legalen. 

6.) Am besten mit Ablaufplan und konkreten Zuständigkeiten


Es kann hilfreich sein, den Ablauf der Trauerfeier kurz und knapp auf einem Papier zu skizzieren: Wer ist wann an der Reihe, wer wird welchen Teil übernehmen, welches Lied ist wann zu hören, etc.? Wohlgemerkt: eine kurze Ablaufskizze reicht vollkommen aus. Das muss kein Drehbuch werden, in dem genau vermerkt steht, wann jemand von welcher Seite aus auftritt und wieviele Schritte dann zu gehen sind, etc. - das wäre für alle Teilnehmenden eher eine Überforderung. Eine gute Ablaufskizze lässt Luft zum Atmen und Luft für Eventualitäten - wenn beispielsweise der Auftritt von rechts gar nicht möglich sein sollte etc.



Trauerspielzeug des niederländischen Pädagogen Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)


7.) Nach der Trauerfeier: "Leichenschmaus", "Leidmahl", "Trösterkaffee"?


Im Anschluss an die Trauerfeier zu einem Zusammenkommen einzuladen, bei dem Kaffee, Kuchen, vielleicht eine Suppe oder Butterbrote angeboten werden, gehört zwar zum guten Ton und kann außerdem ein erster guter Schritt sein auf dem eigenen Trauerweg - weil man nochmal alle Menschen versammelt sieht, die nur der gestorbene Mensch so hat zusammenbringen können -, aber auch hier gilt: Wem das zuviel wird, wer es nicht kann, der darf auch darauf verzichten. Wichtig ist die Leitregel: Was wird den Angehörigen und besten Freunden des gestorbenen Menschen gut tun? Diese Form der Zusammenkunft hat übrigens immer unterschiedliche Namen und Ausprägungen. In vielen ländlichen Gebieten war es früher üblich (und ist es noch üblich), auch alkoholische Getränke anzubieten und eine regelrechte Feier aus diesem Ereignis zu machen. Mal spricht man vom "Leichenschmaus", mal vom "Trösterkaffee", mal vom "Leidmahl", mal ganz schlicht vom "Beerdigungskaffee". Das kann eine sehr schöne Einrichtung sein, weil noch einmal Erinnerungen geteilt werden können. Manchmal kommen extra für die Trauerfeiern und die Beerdigungen die Gäste auch von weiter her angereist, so dass es sinnvoll sein kann, ihnen noch ein bisschen was zu essen anzubieten, bevor sie abreisen. 

Wer mag und kann und entsprechende Hilfe dafür hat, kann diese Zusammenkunft gerne zuhause organisieren, in der Nähe von Friedhöfen gibt es meistens darauf spezialisierte Gasthäuser und Cafés.

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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> NEU: "Das ABC der Trauer" (Patmos-Verlag, Herbst 2023)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag).
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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