Mittwoch, 29. Mai 2019

Warum selbst ein Popstar wie Sarah Connor ihren Angehörigen und Freunden nicht das Trauern verbieten sollte - und warum wir das als Gesellschaft auch nicht tun sollten - Impulse von der Messe "Leben und Tod" 2019

Bremen - In ihrem Song "Das Leben ist schön" fordert die beliebte Popsängerin Sarah Connor für den Fall ihres Todes und für ihre eigene Trauerfeier: "Ich will keine Tränen sehen, keinen Chor, der Halleluja singt, ich will, dass ihr feiert, ich will, dass ihr tanzt..." - Seinen Freunden und Angehörigen das Traurigsein zu verbieten, hält die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper aus Gelsenkirchen jedoch für eine sehr schlechte Idee, wie sie auf der Messe "Leben und Tod" im Mai 2019 bei einem Vortrag sagte - und sie hatte gute Gründe dafür. Interessanter Nebenaspekt, übrigens: Auch der Kindermusiker Rolf Zuckowski beschrieb auf dieser Messe seine eigenen Trauerprozesse - was insofern spannend ist, als dass der besagte Sarah-Connor-Song von seinem Sohn, dem die aktuelle deutsche Musikszene beherrschenden Songwriter Ali Zuckowski, mitgeschrieben wurde.... 

Es gibt ohnehin kaum ein deutschsprachiges aktuelles Musikprokekt, bei dem Alexander "Ali" Zuckowski nicht irgendwie seine Finger mit drin hätte, wie es vor einigen Jahren ja auch der Satiriker Jan Böhmermann recht spektakulär nachgewiesen hatte. Und die spannende Frage bei solchem Co-Songwriting ist natürlich immer: Wie hoch ist der Anteil an dem Lied, das der Künstler tatsächlich selbst beigesteuert hat - man schaue sich alleine mal die Songwriting-Credits bei einem Helen-Fischer-Album an...? Aber das nur als kleine Randbemerkung. Zurück zu Mechthild Schroeter-Rupieper und ihren Vortrag auf der Messe. Wie schon vor zwei Jahren hatte die Trauerbegleiterin - die sich mit ihrem Lavia-Institut auch um viele Angehörigen der Germanwings-Katastrophe von März 2015 gekümmert  hatte - unsere allgemeine gesellschaftliche Unfähigkeit zu trauern und deren Ursachen zu einem zentralen Thema ihres Vortrags gemacht. Und hatte aufgezeigt, wie wir mit Jugendlichen und Kindern so umgehen können, dass sie hier neue Wege und Impulse vermittelt bekommen können.

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Einmal habe sie einer der Jugendlichen aus ihrer Gruppe gefragt: Kann ich von Trauer eigentlich depressiv werden? Und sie habe geantwortet: Die Gefahr depressiv zu werden ist viel größer, wenn Du nicht trauerst, berichtet Mechthild Schroeter-Rupieper. Und doch bekommen Kinder und Jugendliche auch heute noch allzu oft zu hören: Sei doch nicht so traurig. Oder sie bekommen ein Lob dafür, wenn sie den Verlust eines Elternteils oder eines Geschwisterkindes scheinbar "gut wegstecken"; wenn sie "ganz tapfer" bleiben - anstatt dass wir mal hingucken, wie es diesen Kindern im Inneren eigentlich wirklich geht und ob sie nicht vielleicht nicht einfach nur versuchen, sich irgendwie zusammenzureißen (was immer schwer ist, wenn da im Inneren alles zerrissen ist). Diese vermeintlich lobenswerte Tapferkeit ist übrigens immer wieder ein Thema auf der Messe Leben und Tod (siehe dazu auch "Der Fluch der Tapferkeit") - wie auch die spannende und unbedingt diskutierenswerte Frage, wie sehr wir Kinder eigentlich mit dem Tod konfrontieren dürfen. Ein Thema, bei dem ich selber gerne mal allzu missionarisch werde und in manche Diskussion unter Freunden und guten Bekannten mit einer Verve einsteige, der einer eigentlich zurückhaltenden Haltung, wie ich sie als angebrachter und professioneller erlebte, nicht immer entspricht... 


Und dennoch: Meiner Meinung nach - und nach allem, was ich so höre von Bestattern und Trauerbegleiterkolleginnen - gelingt gerade Kindern die Konfrontation mit dem Tod oft tausendmal besser und natürlicher als vielen Erwachsenen und wir dürften sie sehr viel mehr mit dem Tod befassen als wir das oft tun. Aber: Den Tod stattdessen lieber ins Heimlichgetue wegzumauscheln, in so eine merkwürdige Hach-Bessernichthingucken-Ecke   - das genau erzeugt ja gerade die Unsicherheit, die wir Erwachsenen heutzutage bei diesem Thema allzu  oft haben. Und warum haben wir sie? Vielleicht gerade deswegen, weil wir als Kinder noch nicht offensiv genug mit dem Thema zu tun gehabt haben? Oder weil wir einfach das Glück hatten, dass während unserer recht unversehrten Kindheit nicht so oft gestorben wurde (wie in meinem Fall geschehen)? Aber wenn es mal der Fall sein sollte: Dann sollten wir sollten die Kinder ruhig an die Hand nehmen und sie sanft hinführen und mitnehmen, empfahl jedenfalls Mechthild Schroeter-Rupieper in ihrem Vortrag auf der "Leben und Tod" 2019 - und anders als manches Mal behauptet, ist es für Kinder nicht immer hilfreich, ihnen die Entscheidung selbst zu überlassen, ob sie die Toten denn noch einmal sehen wollten oder nicht. Die Frage könne Kinder überfordern, denn sie könnte die Tragweite solchen Entscheidung gar nicht wirklich überblicken und einschätzen, sagte Mechthild Schroeter-Rupieper. Noch eine spannende und diskutierenswerte These.



So oder so, sagt Mechthild Schroeter-Rupieper: Wir sind mit dem Talent geboren worden, auch traurig zu sein. Warum also nutzen wir diese eigentlich sehr gute Lebenskunst dann so selten? Und warum finden wir es im Grunde total gut, wenn Sarah Connor sagt: Seid bloß nicht traurig, wenn ich mal sterbe, sondern feiert das Leben? Und was, wenn da trotzdem Trauer ist? Einfach weg damit - oder wie? Geht ja gar nicht...

* Ergänzung und Aktualisierung: In einem auf diesen Artikel reagierenden Facebook-Kommentar hat Mechthild Schroeter-Rupieper inzwischen davon berichtet, dass ihr Sarah Connor persönlich einmal gesagt habe, der Song sei eigentlich ganz anders gemeint. Und weil es eine gute Ergänzung darstellt, möchte ich Mechthilds Beitrag auch hier noch einmal zitieren: "Sarah Connor hat mir damals auf Facebook dazu geschrieben, dass sie es ganz anders meint - allerdings ist genau da auch eines der großen Probleme: Vieles wird anders gesagt als gemeint: „Oma ist friedlich eingeschlafen.“ „Opa ist heimgegangen.“ „Wein nicht...“...."

Übrigens: Lust drauf, diesen Blog auch als Podcast zu hören? Dann bitte hier klicken für die Übersicht über alle bisher veröffentlichten Episoden, darunter meine Interviews mit dem Buchautoren Pierre Stutz, dem "Letzte Lieder"-Macher Stefan Weiller und dem Trauer-Chat-Moderator und Ex-Spielsüchtigen Kai Sender....

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor des Buches "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag, 17 Euro, erschienen im März 2019. Mehr Infos gibt es hier.

Alle aktuellen Termine, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare etc. mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

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Freitag, 17. Mai 2019

Warum die Mutter von Rolf Zuckowski auf dem Sterbebett eines der Lieder ihres Sohnes zitierte und was das mit dem Musiker gemacht hat - Eindrücke vom Auftritt des Kindermusikers auf der Bremer Messe "Leben und Tod": Angekommen im Leben jenseits der Weihnachtsbäckerei

"Wir sind gemeinsam unterwegs..." - mit diesem Lied eröffnete der Musiker Rolf Zuckowski (72) seinen Auftritt auf der "Leben und Tod" in Bremen im Mai 2019  (alle Fotos: Thomas Achenbach).

Bremen - "Mit jedem Abschied wird man irgendwie neu geboren" - so sagte es der beliebte Kinderliedermacher Rolf Zuckowski im Mai 2019 auf der Messe "Leben und Tod" in Bremen bei einer Podiumsdiskussion, und fügte hinzu: "Das habe ich gelernt". So wie er auch dieses inzwischen gelernt hat: "Es gibt ein Leben jenseits der Weihnachtsbäckerei". Und in diesem Leben musste sich der bekannte Musiker auch mit dem Tod auseinandersetzen, sogar mehrfach und schon recht früh. Auf der Bühne in Bremen berichtete der 72-Jährige gleichsam intensiv wie sensibel von seinen eigenen Trauerprozessen. Die mit dem Suizid des Vaters begannen.

Sein Vater hatte es immer recht schwer, wenn er zuhause war, erinnert sich der Kindermusiker - oder besser gesagt: Wenn er an Land war. Denn der gestandene Seemann fühlte sich auf Schiffen und auf dem Meer zuhause, aber mit festem Boden unter den Füßen wollte ihm das Leben nicht so recht gelingen. Viel Alkohol, viel Flucht, und irgendwann wollte er einfach nicht mehr - seinen Suizid verkündete er mit einer entsprechenden Aussage. "Er hat sich 1981 von uns verabschiedet", erzählte der Musiker. Für den etwa 30 Jahre alten Rolf Zuckowski, der da gerade als Musiker in Hamburg durchstartete, war das der Anlass, sich an Kinderliedern zu versuchen - er wollte den Kindern Mut machen. "Das hat auch damit zu tun, dass es meinem Vater anders ging", sagte er auf der Messe.



Als dann 2004 seine Mutter bereits im nahenden Sterben lag, sagte sie: "Ich möchte ja doch zu ihm rüber", berichtete der Sänger bei der Podiumsdiskussion. Und später zitierte die Mutter auf dem Sterbebett eines der Kinderlieder ihres Sohnes - in Anlehnung an seinen Song "Kinder werden groß, man hat sie lieb und lässt sie los" sagte sie zu ihm: "Weißt Du, Rolf, auch Eltern werden groß - man hat sie lieb und lässt sie los", erinnert sich der Sänger. "Trauer...", sagte er dann: "Da ist immer wieder das Gefühl, da bleibt etwas". 



Zuckowski erinnert sich noch daran, wie er auf dem Balkon des Altenheims stand, gleich an dem Vormittag, nachdem seine Mutter in der Nacht gestorben war - und wie er von dort vom Hamburger Flughafen die erste Morgenmaschine starten sah. "Ich habe gedacht: Ja, so isses", erzählt der 72-Jährige. Nun seien beide Eltern drüben und er noch hier. Als Folge dieses Erlebnisses entstand das Lied "Drüben", das sich ebenfalls auf seinem 2016 veröffentlichten Trost- und Traueralbum "Deine Sonne bleibt" finden lässt und das der Musiker in Bremen spielte ("Drüben ist Ruhe, drüben ist Frieden, drüben sind alle gleich / Drüben ist jeder irgendwann, drüben kommt jeder sicher an").


Medienrummel auf der Messe - Rolf Zuckowski ist da


"Nun werde ich auch für Dich hier leben", habe er dort auf dem Balkon noch gedacht, erinnert sich Rolf Zuckowski. Der Auftritt des Musikers sorgte übrigens für einen gewissen Medienrummel, der diesmal selbst für "Leben und Tod"-Verhältnisse ungewöhnlich hoch war: Fernsehteams von Sat.1, RTL und dem NDR, mehrere Zeitungsreporter und Fotografen wuselten durch das Forum, also den öffentlich zugänglichen Vortragsbereich in der Messehalle 6. Wobei es gar nicht so unpassend ist, wie man meinen könnte, einen Rolf Zuckowski als Podiumsgast auf einer Trauermesse anzutreffen - doch dass der Musiker hat eine CD mit eigenen Trost- bzw. Trauersongs veröffentlicht hat, ist nur den Wenigsten bekannt. Dieses Album - "Deine Sonne bleibt" - entstand auch in einer neuerlichen Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Mutter bzw. seiner Eltern. Der wahre Grund für die Anwesenheit des 72-Jährigen auf der Messe war jedoch ein anderer.



So ist Rolf Zuckowski einer der Beteiligten bei einer neuen Ausstellung mit Bildern und Musikbeiträgen zum Thema Trauer, die jetzt allen Einrichtungen, die sie gerne ausleihen möchten, zur Verfügung steht. Sie heißt wie ein bekanntes Lied von Rolf Zuckowski, das dieser auch gleich zu Beginn seines Auftritts spielte: "Gemeinsam unterwegs". Wobei die Ausstellung noch mit dem Untertitel versehen ist: "Eine Ausstellung über Leben und Endlichkeit". 



Hauptbestandteil dieser Schau sind jedoch die Bilder des Malers Anselm Prester - besser bekannt als "der Inselmaler Anselm", der auf der Nordseeinsel Langeoog ein Atelier unterhält und dort schon zahlreichen Kindern und Erwachsenen in Kursen das Malen nähergebracht hat. So auch der in Hanau arbeitenden Diakonin Kerstin Slowik, die dort einen Ambulanten Hospizdienst leitet - und die die Idee hatte, diese beiden für sie in ihrer eigenen Kindheit so prägenden Elemente für eine Wanderausstellung zu kombinieren: Die Musik von Rolf Zuckowski und die Bilder des Inselmalers Anselm. Der erzählte auf dem Podium dann auch von seinen Bestrebungen, die Senioren der Insel Langeoog auch zum Sterben dort lassen zu können - und sie nicht in die ungewohnte Ferne des Festlands entsenden zu müssen. Wo es Insulaner nicht immer so schön finden, wie Anselm Prester auf der Messe erzählte: "Beim Aussteigen habe ich noch so gedacht, Mensch, was habt Ihr Bremer hier eigentlich für eine Luft...!" - sagte er. 



Dem Sterben - das in seinen Bildern immer wieder auch ein Thema ist - kann der Inselmaler übrigens viele Aspekte abgewinnen, wie er berichtete: "Ich habe durchaus auch humorvolle Sterbeszenen erlebt", erinnerte er sich. Infos über die Ausstellung "Gemeinsam unterwegs" und die Konditionen zum Ausleihen gibt es über die Internetseite www.ausstellung-gemeinsam-unterwegs.de


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Sonntag, 12. Mai 2019

Ein Beerdigungsclown, neue Aktionstage zum Totengedenken und zur Erinnerung an die Endlichkeit des Lebens und der brandneue Export eines Bremer Erfolgsmodells über den Weißwurst-Äquator hinaus - Impulse und Neuigkeiten von der Messe "Leben und Tod" im Jahre 2019 (zehnter Messe-Geburtstag!)

Mitbringsel von der Messe - inklusive der Erinnerung: ich werde sterben. Vielleicht nicht heute. Aber wer weiß, was morgen so ist.  (Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Bremen - In Deutschland könnte es in naher Zukunft noch mehr solcher Tage zum Gedenken an die Gestorbenen und zur Unterstützung von Trauernden geben, wie es der Tag des "World Wide Candle Lighting" jeweils im Dezember ist. Das ist eine der wesentlichen Lehren der 2019er-Auflage der Messe "Leben und Tod" in Bremen, die dort am 10./11. Mai stattfand - übrigens mittlerweile zum zehnten Mal und so erfolgreich, dass es in 2020 zu einer süddeutschen Ausweitung kommen wird (aber dazu später mehr). Wie immer gab es auf der Bremer Messe zahlreiche neue Trends in der Trauer- und Bestattungskultur zu entdecken - so zum Beispiel einen Beerdigungsclown.

"Ein Licht für Dich" - unter diesem Motto möchte der Vidu, der Selbsthilfeverein für Verwitwete, einen weiteren Gedenktag nach dem Muster des Sternenkindgedenkens etablieren. Das Wort Vidu steht dabei für Witwe, denn es ist die lateinische Vokabel dafür. Und darum geht es: Jeweils am letzten Sonntag im Oktober - in 2019 also am 27. 10. - sollen alle, die das wollen, ein Teelicht ins Fenster stellen und leuchten lassen, wobei das Teelicht mit einer speziellen Banderole umwickelt sein sollte, die der Verein als Download auf seiner Website anbietet und die Vereinsmitglieder auch auf der Bremer Messe verteilten. Die Aktion soll für die Belange aller Menschen sensibilisieren, die sehr früh einen Partner verloren haben - früh verwitwete also. Den Sonntag als Aktionstag haben die Verantwortlichen dabei sehr bewusst gewählt.



Denn der Sonntag gilt allgemein als der Familientag, also als ein Tag, der den Charakter von unverletzter Heiler Welt in sich trägt. Dem Verein zufolge geht es hierbei um Frauen und Männer, die den Partner durch Krankheit, Unfall oder Suizid früher als "normal" verlieren; Mütter und Väter, die nicht nur die eigene Trauer, sondern auch die ihrer Kinder aushalten und auffangen müssen; zerplatzte Lebensträume, ausradierte Zukunftsvorstellungen, begleitet durch psychische, häufig auch materielle Not. Und weil Ende Oktober die kommende Dunkelheit des Winters wieder ausbricht, ist das Leuchten eines Lichts ein starkes Symbol. Anders als beim "World Wide Candlelighting" gibt die Initiative jedoch keine feste Uhrzeit vor. Einen Gedenktag ganz anderer Art plant indes eine von der Trauerbegleiterin Iris Willecke aus dem Sauerland ins Leben gerufene Projektgruppe.


Aktionstag soll an unsere Sterblichkeit erinnern


Dieser soll "Memento Tag" heißen und jeweils am 8. 8. eines Jahres stattfinden. Wobei die Zahl Acht hier als aufrecht stehendes Symbol der Unendlichkeit zu verstehen ist. Anders als bei den zuvor genannten Aktionstagen geht es hier nicht um das Gedenken, sondern um das Bewusstmachen. Nicht umsonst erinnert das namensgebende "Memento" an die Tradition des "Memento Mori", auf Deutsch also: Erinnere Dich daran, dass Du sterblich bist. Dass Du sterben wirst. Genau darum soll es bei dem Aktionstag gehen: Die Menschen an die Endlichkeit des Lebens zu erinnern und damit ein neues Bewusstsein zu schaffen dafür, wie besonders es eigentlich ist. Oder wie Iris Willecke in ihrem Blog dazu schreibt:



"Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, Themen wie Endlichkeit, Tod, Sterben und Trauer wieder etwas mehr ins gesellschaftliche Bewusstein zu holen. Ich glaube, dass dazu ein deutschlandweiter „Memento – Tag“ eine tolle Sache wäre. Den Tag können dann unterschiedlichste Gruppen, Organisationen, Dienstleister, … für eigene Aktionen rund um die Themen Sterben, Tod und Trauer nutzen, ähnlich also wie z.B. beim „Tag des Friedhofs“ oder dem „Tag der Kinderhospizarbeit“..." Die Initiative ist schon recht weit mit ihren Vorbereitungen: So gibt es schon ein eigenes Logo, einen Instagram-Account, eine eigene Website und eine Postkarte, die auf der Messe "Leben und Tod" verteilt wurde. Auch an anderen Stellen ging es bei der Bremer Messe sehr lebensnah und bunt zu - so zum Beispiel am Stand von Kaala Knuffl.


Nur ein Clown darf sowas - Bälle am Grab & Friedhofspoesie


Hinter diesem Namen verbirgt sich die Psychologin Birgit Sauerschell aus Franken, die als "Beerdigungs-Clown" auf der Messe zu erleben war. Klassisch ausgestattet mit roter Nase, aber ansonsten etwas dezenter angezogen, soll Kaala Knuffl nicht als knallbunter Zirkus-Spaßmacher verstanden werden, sondern noch tiefergehender als eine Mischung aus Narr und Symbolkünstler. Aber was macht so ein Beerdigungs-Clown eigentlich? Birgit Sauerschell sagt: "Er bringt vor allem Poesie". Die Tradition geht zurück auf eine im alten Rom verbreitete Methode, die inzwischen auch in den Niederlanden weit verbreitet ist: Wie ein Narr am Hofe eines Königs darf ein Clown auch die Macken und Ticks eines gestorbenen Menschen auf augenzwinkernde Art bei der Beerdigung zeigen - oder darf einen Fußball ins Grab rollen lassen, wenn dort beispielsweise ein Mensch liegt, dem dieser Sport viel bedeutet hat. Respektvoll, mit einem gewissen Zauber, aber mit Charme und dem Schalk im Nacken, das Leben eines Gestorbenen zum Glänzen bringen, das ist die Aufgabe eines solchen Trauer-Clowns, erzählte mir Sauerschell, die übrigens auf mehrjährige Erfahrungen als Klinik-Clown zurückgreifen kann. Dass sie noch den weiten Fahrweg aus dem tiefen Süddeutschlandnach Bremen auf sich nehmen musste, um auf der "Leben und Tod" präsent sein zu können, wird sich in 2020 übrigens ändern.



Denn im kommenden Jahr ist die "Leben und Tod" gleich zwei Mal zu erleben - am klassischen Veranstaltungsort in den Bremer Messehallen im Mai und als norddeutscher Exportschlager erstmals auch in Freiburg, wo sie im Oktober neu stattfinden wird. Das verkündeten die Messeverantwortlichen bei der Eröffnung der diesjährigen "Leben und Tod". Obwohl die Veranstaltung in Freiburg stattfindet, wird sie vom Bremer Erfolgsteam gesteuert und verantwortet - „damit findet erstmals eine Eigenveranstaltung der Messe Bremen dauerhaft an einem zweiten Standort statt“, heißt es in der Pressemitteilung dazu. Die Nachfrage sei schon immer groß gewesen, wird Bereichsleiterin Andrea Rohde von der Messe Bremen darin zitiert: „Wir wurden immer wieder von anderen Messestandorten, Institutionen und Fachteilnehmern angesprochen.



Ich habe noch mehr von der diesjährigen Messe "Leben und Tod" zu berichtenWarum sogar Rolf Zuckowski auf einer Trauermesse auftritt und was er zum Thema zu sagen hat und wie ein ehemals Spielsüchtiger zum erfolgreichen Betreiber mehrerer Trauerchats geworden ist - dazu und zu anderen Themen bald mehr in meinem Podcast und hier auf diesem Blog. 

Infos: Die nächste Messe "Leben und Tod" findet am Freitag und Samstag, 8. und 9. Mai 2020, in Bremen sowie am Freitag und Samstag, 23. und 24. Oktober 2020, erstmals in Freiburg statt. 


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor des Buches "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag, 17 Euro, erschienen im März 2019. Mehr Infos gibt es hier.

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Mutter von Rolf Zuckowski auf dem Sterbebett einen Song ihres Sohnes zitierte - der Kindermusiker über seine Trauererfahrungen

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Samstag, 11. Mai 2019

Am Muttertag auch an die Mütter denken, die ihre Kinder nicht aufwachsen sehen dürfen - Initiative aus Österreich will am Muttertag auch das Gedenken und die Unterstützung für verwaiste Eltern institutionalisieren - Muttertag und Trauer vereinbar machen


Osnabrück - Einmal im Jahr ist Muttertag - ein schwerer Tag für all die Mamas, deren Kind gestorben ist sowie für alle Kinder (und Erwachsene), deren Mama gestorben ist. Leider geraten gerade die verwaisten Mamas, die eben auch Mamas sind, am Muttertag allzu leicht aus dem Fokus, dabei sollte dieser Tag gerade Ihnen gehören. Bemerkenswert war dazu ein Facebook-Eintrag, den die Trauerbegleiterin Astrid Bechter-Boss aus Österreich im Jahre 2019 veröffentlichte und der mustergültig für jedes Jahr und jeden Muttertag werden könnte.

Und so ging dieser Facebook-Eintrag: "Ich möchte eine Aktion ins Leben rufen, in der wir uns ein bisschen verbunden miteinander fühlen können...  Lasst uns gemeinsam am Muttertag um 15 Uhr auf unsere Kinder und unsere Mamas anstoßen. Mit Sekt, Saft, Wasser, Kaffee oder was gerade für dich passt. Zur selben Zeit etwas gemeinsam zu tun, auch wenn man nicht am selben Ort ist, kann etwas tröstliches haben. Und das wünsche ich mir für alle, die mitmachen. Ich freue mich über jedes Teilen und Weitergeben."

Danke Dir, liebe Astrid, für diese Initiative - also: Jahr für Jahr den Handywecker stellen, Muttertag feiern und all die Mamis in den Blick nehmen, die sich nicht über Blumen oder Bilder von ihren Kindern freuen können. Und am Vatertag wiederholen wir das dann für die verwaisten Papas, wäre mein ergänzender Vorschlag. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

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Im Trauer-ist-Leben-Podcast zu finden: Warum eine bayerische Behörde mit einer bislang einmaligen Initiative zum Vorreiter in Sachen Trauerkultur wird - ein Interview

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 


Ebenfalls auf diesem Blog: Warum das Sterben in Deutschland seit Januar 2020 nochmal deutlich teurer geworden ist - Die so genannte Leichenschau steht in der Kritik


Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

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Dienstag, 7. Mai 2019

Wie wir in Zeiten der Trauer unsere Kraft wiederfinden können - und wie uns auch Filme dabei eine gute Hilfe sein können - zweiter Teil meines Interviews mit dem Buchautoren Pierre Stutz über das Schwere im Leben und darüber, wie sich Krisen durchleben lassen

Angeregtes Gespräch im Kinofoyer: Pierre Stutz (rechts) beim Podcast-Interview mit Thomas Achenbach. (Foto: Stefanie Hiekmann)

Osnabrück - Wenn sich Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise mit sich und ihren Gefühlen auseinandersetzen wollen, fehlt ihnen oftmals die Konzentration dafür, ein Buch zu lesen oder einen ganzen Film anzusehen. Dennoch ist das Bedürfnis nach einer Innenschau immer groß - und auch das Bedürfnis danach, sich über andere Wege Zugang zum eigenen Erleben zu verschaffen, um einmal die Perspektive wechseln zu können. Im zweiten Teil meines Gesprächs mit dem Buchautoren Pierre Stutz geht es deswegen auch um die kurzen Filmszenen von jeweils nur rund drei bis vier Minuten, die der Ex-Priester und erfahrene Krisenübersteher für sein Buch "Geh hinein in Deine Kraft - 50 Film-Momente für das Leben" ausgesucht hat. Der zweite Teil dieses Interviews steht jetzt in meinem Podcast als Episode 6 zum Anhören zur Verfügung (ein Klick hier führt direkt zu der Podcastfolge) ... 

Weil Pierre Stutz ein enthusiastischer Kinogänger ist und dies in seinen Büchern immer wieder aufgreift, hatten wir uns zu unserem Gespräch im Foyer eines Kinos getroffen - das Cinema-Arthouse in Osnabrück, das als erstaunlich großes Grenzgängerkino immer einen guten Mittelweg findet zwischen Blockbustern mit Anspruch und künstlerischer Nische, ist auch für den inzwischen in Niedersachsen lebenden Schweizer eine Art zweiter Heimat geworden, aber mehr dazu gibt es in der Podcastepisode zu hören. Gleich mehrere in seinem Buch benannte Filme drehen sich übrigens um das Thema Trauer, weswegen diese Anbindung auch perfekt zu meinem Blog und dem Thema meines Podcasts passt. 


Was kann das sein - eine moderne Spiritualität?


In unserem Gespräch schildert Pierre Stutz auch, warum er sich für eine ganz moderne Form der Spiritualität bzw. des (katholischen) Glaubens einsetzt und wie er sich das vorstellt. Denn vielen Menschen ist der Buchautor als ein spiritueller Lehrmeister unserer Zeit bekannt. "Das Leben ist so wunderbar, aber auch so leicht zerbrechlich" - so hatte es Pierre Stutz bereits im ersten Teil unseres Gesprächs formuliert. Und der heutige Autor und Impulsgeber für ein gelingendes Leben kennt das aus eigener Erfahrung nur zu gut. Und auch, wenn es ihm selbst gut gelungen ist, sich aus den Krisen zu befreien, gelingt das ganz sicher nicht jedem: "Am Schweren kann man zerbrechen", räumt Pierre Stutz ein. Wir brauchen dann eine Chance zu erfahren: "Ich bin immer mehr als das, was ich jetzt in diesem Moment wahrnehme", wie es Pierre im Gespräch schildert. Nur einer von mehreren Sätzen, die unser kleines Interview auch für zu einer Bereicherung gemacht haben - und warum ich mich nun darüber freue, es der Öffentlichkeit zum Anhören zur Verfügung zu stellen. Hier geht es zu diesem ersten Teil unseres Gesprächs.

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Donnerstag, 2. Mai 2019

Was ich jetzt tue, sollte jeder Mensch einmal tun: Seinen Angehörigen eine persönliche Wunschliste fürs Sterbebett zu schreiben - was kann ich tun und sagen, wenn sich das Sterben als ein langsames Ausglühen im Bett vollzieht? Wie können wir so einen Prozess gemeinsam gut gestalten? ("Die Wünsche eines Sterbenden...")

Osnabrück - Einmal angenommen, ich läge irgendwann im Sterben. Und zwar in einem Bett, eingebunden in einen längeren Prozess. Also kein plötzliches Sterben, mehr so die Sorte langsames Ausglühen. Was würde ich mir in einer solchen Situation von meinen Angehörigen und Freunden wünschen? Was fände ich, vermutlich, angenehm, was nicht? Was könnte mir eventuell helfen oder gut tun? Und was von meinen persönlichen Erfahrungen mit solchen Situationen möchte ich vorher gerne noch tèilen? Was ich jetzt tue, sollte jeder Mensch einmal tun: Seinen Angehörigen eine Wunschliste fürs Sterbebett zu schreiben. Natürlich immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass das Leben sowieso seine ganz eigenen Wege geht und dass sich mein Sterben vermutlich/vielleicht ganz anders vollziehen wird - also mehr so Wunschkonzert, heute einmal. Aber warum sich nicht auch einmal ein, soweit es geht, "gutes eigenes" Sterben erträumen? 

Damit wir uns richtig verstehen: Derweil ich diese Zeilen schreibe, gibt es für mich keinerlei konkreten Anlass dafür, von einem baldigen Sterben auszugehen. Weder habe ich irgendwelche Hiobsbotschaften erhalten, meine eigene Gesundheit betreffend, noch habe ich das Gefühl, dass ich ganz dringend mal zum Arzt gehen sollte. Die Überschrift über diesem Artikel müsste also korrekterweise heißen "Die Wünsche eines derzeit noch nicht Sterbenden", aber dann wird das mit den Suchmaschinen und der Bloggertechnik und so wieder etwas komplizierter... 

Allerdings habe ich auch oft erfahren, dass der Tod uns immer viel näher ist, als wir das gerne wahrhaben wollen - und dass jeder Tag, der mit unversehrtem Leben gefüllt sein kann, in Wahrheit ein Geschenk ist. Das ist eine der Lehren, die mir meine Tätigkeit als Trauerbegleiter - vor allem aber: mein Leben als Mensch unter Menschen - bisher vermittelt hat. Es kann also niemals schaden, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, wie es wohl sein würde. Und zwar gerade dann, wenn es einem gut geht und die persönliche Betroffenheit noch nicht eingetreten ist. Das kann auch, so bizarr, das klingt, eine gute Übung für das Leben sein. Eckhart Tolle hat es so formuliert: "Der Tod nimmt Dir alles, was Du nicht bist. Der Trick im Leben ist es zu sterben, bevor Du stirbst."  Also, los geht's:

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

1.) Für meine Familie, zwei Dinge: 


Erstens: Glaubt bitte nicht, dass ich es immer bin, der da noch zu Euch spricht. Vielleicht ist es auch einfach nur meine Krankheit (oder was auch immer mich dahingestreckt hat). Oder es sind die Medikamente.

Das ist eine Erfahrung, von der mir oft die Menschen berichten, die den Sterbeprozess eines anderen miterlebt haben: Wie sehr sich die Persönlichkeit dieses Menschen dadurch verändert. Manchmal sogar richtig erschreckend. 

Dann werden die Menschen plötzlich bösartig und aggressiv, sie stoßen andere vor den Kopf, sagen erschreckende Dinge. Dies geschieht vor allem, so scheint es mir, wenn beispielsweise ein Gehirntumor um sich greift oder wenn die vorangehende Krankheit lange, schmerzhaft und die Kräfte aufzehrend gewesen ist. Einmal angenommen, ich werde es eines Tages sein, der mit langer Krankheit seine eigenen Kräfte verzehrt und die seiner Mitmenschen und der dann alle irgendwie vor den Kopf stößt: Macht Euch bitte bewusst, dass es manchmal einfach die Krankheit ist, die aus mir spricht. Dass das nicht ich bin. Schützt Euch so gut es geht vor Verletzungen, also verbalen Verletzungen, vielleicht am besten, indem ihr Euch an die guten Zeiten erinnert, die wir hatten. An das, was ihr vor dieser Phase an mir geschätzt habt. Es wird uns alle sicher nicht vor dem Schweren bewahren, das da vor uns liegt. Aber es macht es vielleicht ein bisschen erträglicher. Ich bin mein ganzes bisheriges Leben sehr dankbar gewesen für die Menschen, die einen ein Stück begleitet haben - ich weiß das in Wahrheit sehr zu schätzen!

Ich selbst habe es im Sterbeprozess meiner Mutter übrigens als besonders irritierend erlebt, wie sehr Medikamente die Persönlichkeit und den Realitätsbezug eines Menschen verändern können. Meine Mutter hatte zuletzt eine hohe Dosis Morphium bekommen. Und mit jeder Erhöhung veränderten sich ihre Wahrnehmungen. Mal wähnte sie sich im Hotel und wollte ein kleines Frühstück, mal hielt sie mich, ihren Sohn, für meinen Onkel, den Bruder meines Vaters. Alles sehr spooky. Mir hat beim Aushalten der Gedanke geholfen, dass es das Medikament war, das aus ihr sprach, nicht mehr der Mensch, der sie einst einmal war.



Zweitens: Legt Euch ruhig zu mir, also direkt ins Bett - auch wenn ich vielleicht keine konkreten Reaktionen darauf zeige, vertraut einfach darauf, dass ich es schätzen werde.

Mal ganz ehrlich: Was ist das Schönste daran, eine Familie zu haben? Dass man soviel kuscheln kann, oder? Sich morgens nach dem Aufwachen nochmal unter eine Bettdecke zu kuscheln, das ist beispielsweise etwas, das wir mit unserer Tochter gerne tun. Ein bisschen wird man dann wieder selbst zum Kind, innnendrin. Ich habe das jedenfalls immer sehr genossen. Und dann bin ich irgendwo, auf einem Blog, glaube ich, über diese Frage gestolpert: warum sich eigentlich keiner mehr traut, mit den Menschen in Sterbebetten ausgiebig zu kuscheln? Solange keine Schläuche irgendwo rausgerupft werden, sei das überhaupt kein Problem, schon gar nicht für die Sterbenden, hieß es in dem Text. Wie so oft bei Texten, die man so im Vorbeigehen irgendwo wahrnimmt - beim Durchklicken im Internet, also beim Seitenzappen -, habe ich mir leider nicht gemerkt und nicht aufgeschrieben, wo ich das gelesen habe. Das bereue ich jetzt. Aber der Gedanke hat mich geprägt und hat mir gut gefallen: Wenn Ihr Euch also traut, dann legt Euch ruhig zu mir. Es kann sein, dass ich genauso lethargisch und unbewegt bleibe wie vorher, dass ich gar nicht reagiere. Aber ich bin zutiefst überzeugt davon: Ein ganz kleiner wacher Kern da irgendwo in mir drin wird das sehr zu schätzen wissen.


2.) Für alle, die mich betreuen oder begleiten, zwei Dinge:


Erstens: Macht mir gerne etwas Musik an, aber bitte die richtige. Und bitte keine Radio-Dauer-Dudel-Ohrenvergewaltigung. 

Wer mich kennt, der weiß: Musik ist mir heilig. Musik ist mein Leben. Aber dass es auch so etwas gibt wie eine musikalische Zwangsvergewaltigung, habe ich während meines Zivildienstes in einem mittlerweile Gott sei Dank geschlossenen Altersheim erlebt. Da wurden die Bewohner morgens ins gemeinschaftliche Wohnzimmer hineingerollt und es wurde ungefragt der Radiosender angestellt. Der dann den ganzen Tag vor sich hindudelte. Und zwar mit: NDR 1, damals noch zu 95 Prozent durchtränkt von mehlig-fetter deutscher Schlagersauce. Den ganzen Tag! Grausam! Die armen Menschen! Also für mich wäre das eine Qual. 

Dass es der Hörsinn ist, der als Letzter aufgibt in einem sterbenden Körper, gilt heutzutage als medizinisch erwiesen. Da mag alles andere schon weitestgehend abgeschaltet sein: Das Hören geht meistens noch sehr, sehr lange. 

Was ihr mir am Sterbebett also gerne vorspielen dürft - ist halt das, was mich mein ganzes bisheriges Leben lang emotional erreicht und meine Seele ins Schwingen gebracht hat: Opern von Puccini oder Verdi. Das Requiem von Brahms. Überhaupt, Requien, Fauré, von Suppé. Spirituell angehauchte Chormusik von Voces8 oder Eric Whitacre. Die moderne, aber berückend harmonisch klassische Musik von Ola Gjeilo. Bluesig-rockige AOR-Giganten wie Toto oder Journey, unbedingt auch Progressive-Rock, klar, Pink Floyd, Shine On You Crazy Diamond oder Echoes, all das sich richtig lange, in seinem Verlauf weiterentwickelnde Zeugs. Frank Sinatra und die Count-Basie-Bigband habe ich ebenfalls immer gern gehört. 

Und das Alan-Parsons-Project hat mich viele Jahre intensiv begleitet, das ist die Musik meiner ausklingenden Kindheit und beginnenden Teenagerjahre. All sowas. Vermutlich werde ich, wie viele sterbende Menschen, auch auf die Musik keine Reaktion zeigen, so wie auf alles andere. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass es mir in Wahrheit sehr gut gefällt und mich im Inneren irgendwie erreicht, auch wenn ich es nicht mehr zeigen kann.

Ansonsten gilt für mich als Credo immer der folgende Satz: "Alles was im Radio läuft" ist kein Musikgeschmack. Ganz im Gegenteil. Radio ist schrecklich. Also: Formatradio mit "Musik". Dann besser Stille. Kann sowieso nicht schaden. Auch mal etwas Stille zu wagen.



Zweitens: Berichtet und erzählt mir von Euren Plänen im Leben und von dem, was Ihr jetzt so vorhabt. Auch, wenn ich viellleicht nichts mehr dazu sagen werde.

Ihr dürft nicht glauben, dass es herzlos wäre, mir davon zu erzählen. Ganz im Gegenteil: Vielleicht macht ihr es mir gerade dadurch noch einfacher, mich von dieser Welt und von Euch zu trennen. Ich habe das recht oft erlebt, dass die Menschen im Angesicht eines Sterbenden irgendwie das Gefühl haben, die ganze Welt weit auf Abstand halten zu müssen, mitsamt all der Entwicklungen, die es darin geht. Nach dem Motto: Besser nicht mehr vom eigenen Leben und von eigenen Plänen zu erzählen, weil es vielleicht zu bunt und zu lebendig und, vor allem, zu unversehrt sein könnte. Ein so unverletztes Leben einem Sterbenden zuzumuten, das empfinden viele als unpassend.



Ich habe das immer schade gefunden - und falsch. Natürlich sind Sterbende in einem seltsamen Zwischenzustand, natürlich sind sie zu einem Teil bereits von dieser Welt entrückt, natürlich nehmen sie an dieser Welt schon nicht mehr so richtig teil. Aber ist es nicht viel tröstender und hilfreicher - auch und gerade für Sterbende -, bewusst miterleben zu können, wie sehr die Welt sich weiterdrehen wird? Und dass alle, die einem etwas bedeuten, weiterhin ein wichtiger Teil dieser Welt sein werden, dass sie ihr Leben gestalten und weiterhin das Beste daraus zu machen versuchen? Ein Schweigen am Sterbebett sollte niemals aus der falschen Furcht heraus entstehen, man könnte zuviel Leben und Farbe herausbeschwören. Und, was mich selbst angeht, dann erinnert Euch immer daran: Wenn ich es einmal sein sollte, der da im Sterbebett liegt, dann wird dort ein Mensch liegen, der einen (großen) Teil seines Lebens der intensiven Beschäftigung mit den Themen Tod, Sterben und Trauer gewidmet hat. Wer so etwas tut, der weiß, wie sehr das Leben auf Weitermachen drängt und wie sehr die anderen Menschen in ihrem eigenen Leben bleiben werden - und wie gut das ist.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor des Buches "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag, 17 Euro, erschienen im März 2019. Mehr Infos gibt es hier.

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