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Samstag, 11. Mai 2019

Am Muttertag auch an die Mütter denken, die ihre Kinder nicht aufwachsen sehen dürfen - Initiative aus Österreich will am Muttertag auch das Gedenken und die Unterstützung für verwaiste Eltern institutionalisieren - Muttertag und Trauer vereinbar machen


Osnabrück - Einmal im Jahr ist Muttertag - ein schwerer Tag für all die Mamas, deren Kind gestorben ist sowie für alle Kinder (und Erwachsene), deren Mama gestorben ist. Leider geraten gerade die verwaisten Mamas, die eben auch Mamas sind, am Muttertag allzu leicht aus dem Fokus, dabei sollte dieser Tag gerade Ihnen gehören. Bemerkenswert war dazu ein Facebook-Eintrag, den die Trauerbegleiterin Astrid Bechter-Boss aus Österreich im Jahre 2019 veröffentlichte und der mustergültig für jedes Jahr und jeden Muttertag werden könnte.

Und so ging dieser Facebook-Eintrag: "Ich möchte eine Aktion ins Leben rufen, in der wir uns ein bisschen verbunden miteinander fühlen können...  Lasst uns gemeinsam am Muttertag um 15 Uhr auf unsere Kinder und unsere Mamas anstoßen. Mit Sekt, Saft, Wasser, Kaffee oder was gerade für dich passt. Zur selben Zeit etwas gemeinsam zu tun, auch wenn man nicht am selben Ort ist, kann etwas tröstliches haben. Und das wünsche ich mir für alle, die mitmachen. Ich freue mich über jedes Teilen und Weitergeben."

Danke Dir, liebe Astrid, für diese Initiative - also: Jahr für Jahr den Handywecker stellen, Muttertag feiern und all die Mamis in den Blick nehmen, die sich nicht über Blumen oder Bilder von ihren Kindern freuen können. Und am Vatertag wiederholen wir das dann für die verwaisten Papas, wäre mein ergänzender Vorschlag. 


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Donnerstag, 18. April 2019

Warum ein "Mein Beileid" eine gute und angemessene Reaktion ist, wenn wir von einem Todesfall erfahren - und was in diesem kleinen Wörtchen alles drinstecken kann, wenn es ernst gemeint ist - Tipps zum Umgang mit Trauernden

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Osnabrück - Jemand ist gestorben. Wir treffen den Angehörigen. Und, was sagen wir jetzt? Ich muss hier noch einmal eine Lanze brechen für die Formulierung "Mein Beileid"... Bereits vor einigen Jahren habe ich einen Artikel darüber veröffentlicht, warum ich das "Mein Beileid" immer noch für eine gute und angemessene Reaktion halte, sobald man von einem Todes- und Trauerfall erfährt. Auch, wenn es bei vielen Menschen inzwischen irgendwie verpönt zu sein scheint und inzwischen irgendwie ungern benutzt wird. Umso erfreuter war ich nun, als es bei einer in Witten stattfindenden Tagung zum Thema Trauer im Berufsleben, bei der ich als Zuhörer dabei sein durfte, in der Diskussion auch um die Formulierung "Mein Beileid" ging - und als ich in meinen Ideen dazu bekräftigt wurde. Was ich gerne zum Anlass nehmen möchte, darauf näher einzugehen.

Die Unsicherheiten lassen sich im Internet finden. "Einfach nur ,Mein Beileid' - das kommt mir so unpersönlich vor..." - so schrieb es ein Nutzer im Portal "Gutefrage.net." Ob es nicht bessere Sätze gäbe, lautet seine Frage. Doch wie so oft im Leben sind es die kleinen Worte, in denen die größte Bedeutung mitschwingen kann. Mein Beileid, zerpflücken wir dieses kleine Wörtchen doch einmal in seine einzelnen Bestandteile, so wie es auch die sich aus dem Publikum meldenden Diskussionsteilnehmer bei der Tagung in Witten getan haben: Es geht um das Bei- und das Leid. Gemeint ist mit diesem Wort also: In kann jetzt bei Dir sein in Deinem Leid. Du wirst von mir Zuspruch, Unterstützung und vor allem ein offenes Ohr bekommen. Aber, und das ist das Wichtige daran: Ich kann und werde Dir zuhören, werde Dich ernstnehmen, aber ich kann nicht mit Dir mitleiden. Viel besser sogar: Ich kann Dich in Deinem eigenen Leid wahrnehmen und Dich dort lassen, so dass Du Deine eigenen Wege damit und darin finden kannst. Denn darum geht es in der Trauer: Seine eigenen Wege zu finden. Das unterscheidet dieses Beileid also vom Mitleid - und das mag spitzfindig klingen, ist aber eine sehr wichtige Differenzierung. Denn letztlich steckt alleine schon in dieser sprachlichen und vermeintlichten Wortklauberei das ganze Konzept bzw. die komplette Haltung von professionellen Trauerbegleitern drin. Warum das so ist?



Weil es bei der Begleitung von Trauernden immer darum geht, ihr Leiden, ihre Klagen, ihr Schicksal mit ihnen gemeinsam aushalten zu können. Es aber nicht kleinreden zu wollen oder abmildern zu wollen. Das macht jedoch erforderlich, dass der jeweilige Begleiter selbst standhaft bleiben kann, nicht selbst ins Wanken gerät. Dass er empathisch zuhören und die Stimmungen wahrnehmen kann. Oder, um in den oben schon erwähnten Begriffen zu bleiben: Dass er bei-leiden kann, ohne in eigenes mit-Leiden zu verfallen. Ein Patentrezept, wie sich Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise gut begegnen lässt, gibt es nicht, denn jeder Mensch reagiert anders. Aber dieses eine ist immer wichtig, ganz egal, wie der Fall jeweils auch aussieht: Dass das Zuhörenkönnen hilfreicher ist als das Selberreden. 



Es war die aus München stammende Coachin und Trauerbegleiterin Franziska Offermann, die in ihrem Vortrag zum Thema Trauer im Arbeitsleben auch die Frage nach der Formulierung "Mein Beileid" behandelte. Und sie machte dem Plenum eindrucksvoll vor, dass es wie bei allem im Leben auf die Details ankommt. Wer nur ein lapidares und ganz offensichtlich rein als Floskel benutztes "Mein Beileid" bemüht, verbunden vielleicht mit einer irgendwie lustlos ausgestreckten Hand, der wird natürlich nicht als ernsthaft interessiert oder ernsthaft bemüht wahrgenommen. Es ist also wenigstens genauso wichtig, dieses Beileid mit einer inneren Haltung der Zuwendung und des ernsthaften Interesses zu verbinden - wie bei so vielem, was wir sagen und tun, kommt es viel mehr auf die Haltung an als auf die Inhalte. Das erleben wir oft auch an anderen Stellen.


Was sollen wir sagen? Oder vielleicht: Fragen?


Als ich neulich dem Radiosender SWR 3 ein kleines Interview zum Thema Trauer geben durfte, das dann Bestandteil einer Ausgabe der montäglich laufenden Beziehungsshow wurde, lautete eine der Fragen: Was können wir den Menschen Hilfreiches sagen, die gerade jemanden verloren haben? Eine oft und gern gestellte Frage, auf die ich gerne antworte: Es kommt weniger auf zu sagende Sätze an als vielmehr darauf, ob wir bereit sind den Menschen wirklich zuzuhören. Und wenn wir das sind, ist die naheliegendste aller Fragen gleich die beste aller Fragen - solange sie ernst gemeint ist und mit echtem Interesse verbunden ist. Nämlich: Wie geht es dir? Aber, gemeint als: Wie geht es Dir jetzt wirklich? Ich würde das gerne wissen - weil ich dann bei Dir sein kann in Deinem Leiden. Denn das ist: Mein Beileid.


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Mittwoch, 30. Januar 2019

Aufräumen, Ausmisten und Entrümpeln nach einem Todesfall: Wie Sie aus den Hinterlassenschaften eines gestorbenen Menschen ein Vermächtnis werden lassen - Tipps für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise

Osnabrück –  Was machen wir nur mit all den Sachen, die die Verstorbenen hinterlassen haben? Vor dieser Aufgabe stehen viele, die einen Menschen verloren haben. Da sind immer noch all die Gegenstände, Kleidungsstücke, Schmuckstücke, Bücher, manchmal auch komplett eingerichtete Zimmer wie beispielsweise ein Kinderzimmer. kurzum: Alles, was der Verstorbene einmal besessen hat. Und dann? Freunde und Angehörige raten alsbald, man solle das Zeug doch wegwerfen. Aber das fühlt sich für viele so an, als würden sie den geliebten Menschen wegwerfen und ihn gleich nochmal verlieren. Es gibt jedoch auch andere Wege. Kreative, gute, hilfreiche. Hier ein paar Impulse:

1.) Den Gegenständen einen neuen Begriff geben: Habseligkeiten. Dieser Tipp stammt aus dem sehr wertvollen Buch "Übungsraum Trauerbegleitung", das Ende 2018 im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht erschienen ist und zu dessen Co-Autorinnen die sehr erfahrene Hospiz- und Trauerfachfrau Monika Müller gehört. Sie empfiehlt in dem Buch, anstelle von "Dingen" oder von "Sachen" besser von "Habseligkeiten" zu sprechen. Alleine schon dieser kleine Wortwechsel macht eine Menge aus. Denn in dem Wort Habseligkeiten schwingen dreierlei Bedeutungen mit: Zum einen steckt darin das "Haben"; also der Besitz, hier jetzt meinend: Der Besitz des Verstorbenen. Darin steckt aber auch die Idee, dass die Gegenstände "selig" sind, also nicht bloß wertlose oder gar tote Dinge, sondern durchaus mit einem Eigenleben darin. Wenn man so will: Einer Lebendigkeit. Wobei Dinge natürlich nicht lebendig sein können. Gemeint ist eher, dass sich diese Lebendigkeit aus der - weiterhin lebendigen - Erinnerung speist, die der Gegenstand mit sich bringt. Und zuletzt steckt in dem Wort auch die Seele, also die Idee, dass jeder Gegenstand eine eigene darin verborgene Seele besitzt. Wenn wir von den Habseligkeiten sprechen, die ein Verstorbener hinterlassen hat, bringen wir diesen Gegenständen mehr Wertschätzung entgegen. Es ist eben nicht bloß Gerümpel, das noch da ist. Es ist Erinnerung, die leben darf und leben kann. Oder wie es der Autor Rainer Moritz in seinem Buch "Mein Vater, die Dinge und der Tod" formuliert: "Je länger ich an meinen toten Vater denke, über dessen Leben ich viel zu wenig weiß, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir“. 




2.) In jeder Habseligeit das darin liegende Vermächtnis suchen. Das ist ein Prozess, der Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise nicht immer möglich ist, weil er ein bisschen Kraft kosten kann, aber es ist ein wertvoller Prozess - der sogar wieder Kraft geben kann: Es geht darum, sich den Habseligkeiten der Gestorbenen bewusst zuzuwenden. Sie sich Stück für Stück anzusehen, anzufassen und dabei nachzuspüren, welche Erinnerungen wachwerden, welches Vermächtnis in den Habseligkeiten liegt. Das kann - muss aber nicht! - ggf. mit einem ersten Aufräumprozess verbunden sein, weil sich vielleicht zeigt, dass manche der Habseligkeiten stärkere Gefühle wecken als andere, weil vielleicht gar nicht alle der Gegenstände etwas mit sich bringen, sondern nur manche. Es kann hilfreich sein, sich drei Kartons oder drei Kisten hinzustellen für diesen Sortierprozess: Kiste Eins für die unbedingt zu behaltenden, weil mit vielen Erinnerungen verbundenen Habseligkeiten. Kiste Zwei für die Fragezeichenkandidaten, bei denen man sich nicht sofort entscheiden kann, was man damit tun möchte. Und Kiste Drei für: Eine neue Verwendung suchen (dazu später mehr) oder wegwerfen. 



3.) Fotografieren, dokumentieren, Erinnerungsbuch anlegen. Wer einen Menschen verloren hat, der hat oft große Angst davor, auch noch seine persönlichen Erinnerungen an den oder die Gestorbenen zu verlieren. So werden die Erinnerungen zu etwas beinahe Heiligem. Deswegen ist der alte und heute noch oft gegebene Rat, man müsse nun "loslassen", leider so gar nicht hilfreich. Gerade hierbei kann eine achtsame und intensive Beschäftigung mit den Habseligkeiten hilfreich sein: Jeden Gegenstand zu fotografieren, zu dokumentieren, vielleicht ein Erinnerungsbuch anzulegen, in dem zu dem dort eingeklebten Foto in Stichworten oder kurzen Sätzen die Erinnerungen festgehalten werden, das kann ein gutes Projekt sein, das einem den gestorbenen Menschen wieder nahebringt, das die Erinnerungen wach hält. Das ist natürlich eine durchaus Zeit kostende Beschäftigung. Aber eine, die sich lohnen kann. Und bei vielen Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise ist es ja so, dass sie ohnehin in ihren Gefühlen und Gedanken sehr, sehr lange um den gestorbenen Menschen kreisen - durchaus ein paar Jahre lang. Da bleibt also, so gesehen: Zeit genug. 



4.) Neue Verwendungen suchen. "Vergiss mein nie" - unter diesem Namen betreibt die Trauerbegleiterin Anemone Zeim einen Laden im schönen Hamburger Ortsteil Eimsbüren, der sich explizit an Trauernde richtet. Sie nennt ihn eine "Erinnerungswerkstatt". Was dort geschieht, ist nach meiner Kenntnis in Deutschland so einzigartig: Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise bringen ihre Lieblings-Habseligkeiten dorthin und lassen etwas Kreatives und Neues daraus bauen, das sie in ihren persönlichen Alltag mitnemen können. Das vielleicht einleuchtendste Beispiel ist der Kochlöffel ihrer Oma Lilly, aus dem die junge Trauerbegleiterin einfach ein kleines rundes Stück hat rausfräsen und dieses in einen goldenen Rahmen hat setzen lassen - nun trägt sie es einfach als Kette, also als Schmuckstück, um den Hals und ist somit ganz eng mit ihrer gestorbenen Oma verbunden. Wer, so wie ich, Anemone Zeim schon einmal in Person hat erleben dürfen (in meinem Fall: Auf der Messe Leben und Tod), der ist oft beeindruckt von dem kreativen Potenzial und den vielen Ideen, die in dieser jungen Frau schlummern. Kein Wunder: Studierte Designerin, Erfahrungen in der Werbebranche. Dann das, was vielen Menschen geschieht (das kennen wir): Sinnkrise, der Beruf verliert seine Bedeutung, das Wozu eigentlich wird lebensumfassend. Das Ergebnis dieses Prozesses: Die Erinnerungswerkstatt. Nun wird nicht jeder Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise nach Hamburg fahren können oder das Geld dafür haben, eine Kreativagentur mit dem Umdeuten der Habseligkeiten zu befassen. Aber alleine dieser hinter den Ideen steckende Prozess kann eine gute Inspiration sein: Nimm die Gegenstände und mach etwas Neues daraus, gib ihnen neues Leben und neue Möglichkeiten. 

Das geht auch sehr niederschwellig. Anstatt alles wegzuwerfen, lässt sich das eine oder andere vielleicht verschenken oder so weitergeben, dass es eine neue Nutzung erfährt. Das klappt am besten bei Spielzeug von verstorbenen Kindern: Einer der verwaisten Väter aus unserer Trauergruppe ist jedenfalls froh, dass das Mädchenfahrrad seiner gestorbenen Tochter jetzt eine neue Nutzung und Verwendung bei einem Mädchen gefunden hat, dass das gestorbene Kind sogar noch kannte.


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Dienstag, 5. Dezember 2017

Was kann ich Eltern sagen, die ein Sternenkind zur Welt bringen mussten? - Tipps zum Umgang mit Eltern nach der Geburt eines toten Kindes ("stille Geburt") - Und: Warum trauernde Eltern sich oft nicht zu trauern trauern

Osnabrück - Es ist eine sehr berührende Aktion, aber sie macht auch eindrucksvoll deutlich, was Menschen in Trauerkrisen so durchmachen müssen: Mitten im Dezember leuchtet ein Licht für all die Kinder, die zu früh von dieser Welt gehen mussten bzw. als totes Baby, also als Sternenkind, auf die Welt kamen. Für alle Eltern, die ein Kind auf diese Weise verlieren mussten, gibt es immer am 2. Sonntag im Dezember das "World Wide Candle Lighting". Leider ist der Verlust eines Babys vor oder während der Geburt immer noch eine der größten Formen von nicht anerkannter Trauer - "Du kannst ja noch so viele Kinder haben", bekommen die Eltern oft zu hören. Das ist ein Schlag in die Magengrube. Dass die eigene Trauer nicht gesehen oder nicht wahrgenommen wird, tut besonders weh. Aber was ist hilfreich? Was kann man Eltern sagen, die ein Sternenkind auf die Welt bringen mussten?

Wie die dpa (Deutsche Presse-Agentur) im Februar 2016 schrieb, gibt es Schätzungen zufolge bundesweit jährlich zwischen 100 000 und 200 000 Fehlgeburten. Aber noch viel wichtiger „Anders als bei Totgeburten – das sind Föten über 500 Gramm – besteht keine Meldepflicht. Die Anzahl der Kinder, die mit weniger als 500 Gramm lebend zur Welt kommen und dann sterben, ist nicht bekannt“, so schrieb es die dpa weiter. Tatsächlich gibt es eine große Dunkelziffer, weil sich Eltern von Sternenkindern auch selten in die Öffentlichkeit trauen. Was schade ist, denn ihr Leid ist oft groß. Was also kann helfen im Umgang mit Eltern, die ein Kind noch im Mutterbauch verlieren müssen? Oder während der Geburt - oder kurz danach? Denn all diese Dinge kommen vor... 


Das Schlimmste, was werdenden Eltern geschehen kann.... (Thomas-Achenbach-Foto)

Wichtig ist vor allem, sich zu verinnerlichen: Jedes gestorbene Kind, egal in welcher Phase, ist eine emotionale Katastrophe für die Eltern. Es ist dabei ganz egal, ob das Kind erst ein Embryo von acht Wochen war oder ein drei Jahre altes Kindergartenkind. Das Kind hatte einen Namen, soviel ist sicher. Es hatte ein Kinderzimmer, in dem es wohnen sollte (oder, später, gewohnt hat). Und so ist das Wichtigste im Umgang mit Eltern, die ein Kind verlieren mussten, ihnen das zu spiegeln: Dass es sich dabei immer um den Verlust von etwas Unersetzlichem handelt. Dass ihr Schmerz so tief sein darf, wie er sich anfühlt. Dass das dazugehört. Dass sie sich aber völlig zu Recht als Eltern fühlen dürfen, als Eltern eines Kindes, auch, wenn dieses leider nicht lange leben durfte. Was ebenfalls gut tun könnte: 


Jedes Kind hat einen Namen - also nennen wir ihn


Das Kind, wenn bekannt, bei seinem Namen nennen. Es ist eben nicht einfach nur "das Baby", sondern es war ein kleiner Mensch mit einem eigenen Namen. Bestimmt auch schon mit einem Zimmer, in dem er hätte wohnen sollen. Wem es gelingt, das Kind beim Namen zu nennen, der tut den Eltern von Sternenkinder vermutlich einen großen Gefallen. Denn darin schwingt die Anerkennung mit, dass eben ein "vollwertiger Mensch" leider viel zu früh wieder gehen musste. Und ansonsten gilt im Umgang mit trauernden Eltern genau das, was allgemein im Umgang mit Menschen in Trauer gilt... Nämlich: 


Wiederholungen aushalten - und die Stille auch


Keine Angst vor der Stille haben. Auch gemeinsames Schweigen kann hilfreich sein. Es ist wichtiger, bei den Trauernden zu sein, als vor der Stille zu flüchten oder sie mit allzu vielen Worten auszukleiden zu versuchen. Wenn etwas gesagt wird, kann es durchaus sein, dass es sich dabei oft um das Gleiche handelt. Vielleicht sogar wieder und wieder und wieder. Das ist normal und gehört dazu. Wiederholungen auszuhalten ist wichtig im Umgang mit Menschen in einer Verlustkrise. Denn das ist kein Zeichen von Stillstand, sondern im Gegenteil ein wichtiger Bestandteil des Prozesses. Denn es hilft den Menschen dabei, sich einem Begreifen anzunähern - einem Begreifen von etwas eigentlich ganz Unbegreifbarem. Und ein ganz wichtiger Tipp: 


So wird es am Sonntag. 8. 12. 2019, wieder in meinem Bürofenster aussehen: Eine Kerze leuchtet als Bestandteil des weltweiten Lichtbands am "World Wide Candle Lighting" - aus Solidarität mit allen, die betroffen sind.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Es ist hilfreich Trauernden möglichst nicht die eigenen Erfahrungen mit Tod und Trauer mitteilen zu wollen oder gut gemeinte Tipps geben zu wollen, mag die Versuchung auch sehr, sehr groß sein (das ist sie durchaus, selbst mir geht das manchmal noch so, das ist ja nur menschlich!). Vorsicht gilt vor allem vor allen Killerphrasen: Die Zeit heilt alle Wunden. Oder: Da wirst Du schon noch drüber wegkommen. So gut gemeint all das auch ist, es hat doch den gegenteiligen Effekt: Es versucht die Gefühle abzuschwächen, die Trauer milder zu machen als sie ist. Aber Trauer darf wild sein und einen durchschütteln, sie darf einen zu Boden drücken und einen so wütend machen wie kaum etwas anderes. Das gehört alles dazu. Das ist okay so. Wenn Sie gar nichts zu sagen wissen, sprechen Sie das einfach an - "mich macht das so sprachlos" ist allemal besser als "Du kannst ja noch andere Kinder haben". Und als kleines Zeichen: Zünden Sie am Tag des "World Wide Candlelightings" eine Kerze an für die verstorbenen Kinder, stellen Sie sie in ihr Fenster (und schicken vielleicht den Eltern davon ein Handyfoto). Als kleines Zeichen des Mit-Gedenkens und Mit-Trauerns und des Mit-Gehens auf einem der schwierigsten Wege, die das Leben bieten kann


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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer - 77 Rituale und Impulse" (Patmos-Verlag)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag)
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde alles so vermeintlich "Merkwürdiges" tun und warum das nicht peinlich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Professionelle Gesprächsführung mit Menschen in einer Krise - was wir von der Spiegeltechnik fürs Leben lernen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Wir sind auf dem Weg in eine Sterbegesellschaft - Zahlen, Fakten und Daten darüber, wir eine gute Trauerkultur brauchen werden  

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - was wir von einer britischen Rechtsprechung lernen können 

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Samstag, 3. Juni 2017

Neue Studie untermauert: Trauer wiegt besonders schwer bei Kindsverlust und Suizid - aber die Studie zeigt auch deutlich: Trauer ist nicht immer gleich Trauer, es zählt das Verhältnis zum verstorbenen Menschen

Osnabrück/Würzburg - Eine wissenschaftliche Studie über das Thema Trauer durchzuführen, ist gewiss keine einfache Sache. Die meisten Untersuchungen scheitern daran, dass sich kaum genug Teilnehmer finden lassen, um als repräsentativ zu gelten. So gesehen gilt auch für die neue Studie, um die es jetzt gehen wird: Sie ist sehr interessant, wenn auch vermutlich nicht repräsentativ. Dennoch lohnt der Blick auf ihre Ergebnisse. Denn sie untermauerte die These: Trauer ist nicht gleich Trauer.

Ab wann gilt eine Studie als repräsentativ? Schwierige Frage, schwierige Antwort. Zwar hat sich inzwischen in Wissenschaft und Journalimus die 1000er-Formel durchgesetzt. Soll heißen: Alles unter 1000 Teilnehmern ist nicht als repräsentativ zu gelten. Aber das kann und darf natürlich nicht der einzige Faktor sein bei der Bewertung einer Studie. Denn wer beispielsweise 1000 Blogleser befragt, ob sie schon mal einen Blog gelesen haben, wird eine Einschaltquote von satten 100 % erhalten - um dann behaupten zu können, Blogs seien das erfolgreichste Medium überhaupt. Wichtig ist also auch die statistische Durchmischung der Befragten. Alt und Jung, hohes Bildungsniveau, niedriges Niveau, je gemischter, desto repräsentativer. Außerdem wichtig: Wie genau wird gefragt? Und durch wen? Und wie lange? Schwer genug, aber nicht nur das.

Verzweiflung und Intensität einer Verlustkrise sind besonders hoch, wenn ein paar Faktoren zusammenkommen, zeigt eine aktuelle psychologische Studie.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Common-0-Lizenz)

Denn man finde erstmal über 1000 Trauernde, die bereit (und in der Lage) sind, wissenschaftlich erschöpfend Auskunft über sich zu geben. Vielleicht sind auch schon 500 ausreichend, wenn die weiteren oben genannten Faktoren stimmen. Oder 521? Unter der Überschrift "Trauern hat viele Facetten" hat mich kürzlich eine Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg erreicht, bei der sich 521 Teilnehmer zum Thema Trauer geäußert haben. Das Ergebnis der Untersuchung lässt sich in mehreren Sätzen zusammenfassen. Erstens: Trauer ist nicht gleich Trauer. Je nach Art des Verwandtschaftsverhältnisses zu den Verstorbenen und nach deren Todesart fällt das Verlusterleben unterschiedlich aus.  Zweitens: Besonders hart trifft es die Menschen, die ein Kind oder einen Angehörigen duch Suizid verlieren. 


Neigung zur "Anhaltenden Trauerstörung"


Dann ist, so die Wissenschaftler, die Neigung zu dem, was als "Anhaltende Trauerstörung" beschrieben werden könnte, besonders ausgeprägt (zu dem Thema bald mehr auf diesem Blog). Durchgeführt haben die Studie Joachim Wittkowski, außerplanmäßiger Professor an der Fakultät für Humanwissenschaft der Universität Würzburg, und Dr. Rainer Scheuchenpflug, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologie III. Die Ergebnisse ihrer Studie haben die Wissenschaftler in einer Ausgabe der "Zeitschrift für Gesundheitspsychologie veröffentlicht (Unter dem Titel "Trauern in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen und zur Todesart", Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 2016/24, Seiten 107–118). Auch das hat die Studie untermauert:


Mehr als 500 Trauernde interviewt


Stirbt ein Kind oder der Ehegatte, suchen die Trauernden sehr stark die Nähe zu der verstorbenen Person. Oder das "Gespräch" mit ihr. Auch macht sich bemerkbar, dass ihr Denken eingeschränkt ist - es fällt ihnen beispielsweise schwer, sich zu konzentrieren. Weniger stark sind diese Empfindungen indes ausgeformt, wenn ein Elternteil beziehungsweise der Bruders oder die Schwester starben. Was die Todesart betrifft, äußerten Angehörige von Opfern einer Selbsttötung stärkere Schuldgefühle als Angehörige von Personen, die durch Krankheit oder Unfall ums Leben gekommen waren. Keinen Einfluss auf die Intensität der Gedanken und Gefühle der Hinterbliebenen hatte hingegen die Tatsache, ob der Tod überraschend durch einen Unfall oder vorhersehbar aufgrund einer Krankheit eingetreten war.

Art und Intensität unterscheiden sich


Diese Befunde, die erstmals an Personen aus dem deutschen Sprachraum gewonnen wurden, zeigen nach Ansicht der Wissenschaftler, dass sich an dem Merkmal „Trauern“ mehrere eigenständige Aspekte unterscheiden lassen. „Trauern hat also viele Erscheinungsformen. Art und Intensität des Verlusterlebens verlaufen unterschiedlich, je nachdem, in welcher Beziehung die verstorbene Person zum Hinterbliebenen stand und auf welche Art sie ums Leben kam“, sagt Joachim Wittkowski in der Pressemitteilung. 
Worauf die Pressemitteilung leider nicht eingeht, ist die Frage, wie die Macher der Studie eigentlich an die Trauernden gekommen sind und wie sie sie befragt haben, wie sie also genau vorgegangen sind. Also habe ich mich kurzerhand an Joachim Wittkowski selbst gewandt und ihn genau das in einer E-Mail befragt - hier sind seine Antworten (vielen Dank dafür):

Seit Jahrhunderten wird getrauert, aber richtig wissenschaftlich geforscht wird zu diesem Thema noch recht selten - eine Studie aus Würzburg bildet da jetzt die Ausnahme.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

"Die Datenerhebung folgte einer gemischten Strategie, etwa ein Drittel Papier-und-Bleistift (Verteiler bzw. Multiplikatoren meist Trauergruppen in Hessen), zwei Drittel über das Internet. Als Teilnehmer kam jeder in Frage, der sich selbst als Trauernder betrachtete. Das wurde vorab erläutert. "Trauerhintergründe" wurden nicht erfragt, wohl aber sozio-demographische Angaben und solche zur Todesart, der Teilnahme an Trauerbegleitung, -beratung oder Psychotherapie etc.- Nach Abschluß der Datenerhebung erfolgte eine sorgfältige Durchsicht und Bereinigung des Datensatzes, u.a. um Mehrfachbearbeitungen zu löschen." Und außerdem: "Es wurden die Werte für die Skalen gebildet, und diese wurden auf Unterschiede in Abhängigkeit von anderen Merkmalen (Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen, Todesart) geprüft. Ein signifikanter Unterschied liegt vor, wenn er gemäß Konvention nicht mehr durch den Zufall erklärbar, also "überzufällig" ist."


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Samstag, 25. März 2017

Das vielleicht beste Buch über Trauer, das je geschrieben worden ist: Wer "Lebensstufen" von Julian Barnes liest, versteht, wie es Menschen in einer Verlustkrise geht

Osnabrück - Das vielleicht beste Buch über Trauer, das je geschrieben worden ist - meiner bescheidenen Meinung nach -, stammt von dem englischen Literaten Julian Barnes. Es ist deswegen ein so bemerkenswertes Buch, weil es auf nur wenigen Seiten und in nur wenigen Zeilen alles zu vermitteln versteht, was ich selbst in einer sich über 254 Stunden und über ein Jahr erstreckenden Ausbildung zum Trauerbegleiter habe lernen dürfen. Kein Sachbuch, sondern Literatur. Kein Ratgeber, sondern ein Erfahrungsbericht. Schmerzvoll, eindringlich, ungewöhnlich - und trotz aller Tragik einfach wunder-, wunderschön.

„Das können diejenigen, die diesen Wendekreis des Lebens noch nicht überschritten haben, oft nicht verstehen: Wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt.“ Es sind Sätze wie diese, mit denen Julian Barnes seinen Leser tief hineinführt in die Gefühlswelt eines Trauernden. Es sind Sätze wie dieser, die verstehbar machen, wie es Menschen in einer Verlustkrise so geht - ein großes Verdienst dieses Werkes. Dabei beginnt das Buch ganz anders, als man es sich vorstellen kann.

"Lebensstufen" von Julian Barnes besteht aus zwei Teilen, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben - vor allem der zweite Teil über die Trauer hat es in sich.    (Thomas-Achenbach-Foto)  

Denn Julian Barnes wäre nicht der Autor, der er ist, wenn er nicht auch dieses Buch - wie manch anderes - für ein Gedankenspiel genutzt hätte. "Lebensstufen" besteht aus zwei Teilen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und die Barnes erst ganz am Ende geschickt miteinander zu verknüpfen versteht. Im ersten Teil des Buches geht es ums Ballonfahren. In schlaglichtartigen Episoden beschreibt Julian Barnes die Geschichte der Ballonfliegerei, lässt die Pioniere des Fliegens ihre Missgeschicke und Heldentaten erleben, lässt uns teilhaben an geschichtlichen Ereignissen. Unterhaltsam und farbenfroh. Wer das liest, der vergisst fast, dass man sich das Buch ja wegen eines ganz anderen Themas gekauft hat.

Und dann mitten hinein ins Leid


Dann kommt der Schnitt. Und im zweiten Teil des Buches geht es um den Tod seiner Frau und um seine Gefühle in den Zeiten der Krise. Anstatt eine distanzierte Autorenrolle einzunehmen und eine Romanfigur etwas erleben zu lassen, beschreibt Julian Barnes ganz ungeschönt sein eigenes Leben. Und was er da erzählt, ist genau das, was Trauernde so erzählen. Wie sich die Freunde und Verwandten teils von ihm abgewandt haben aus lauter Unsicherheit, wie sie mit dem Verlust umgehen sollen. Wie er die unausgesprochene Weigerung, mit ihm über seine tote Frau zu reden oder sie bei ihrem Namen zu nennen, als ihr stetiges Immer-wieder-aufs-Neue-sterben erlebt. 

Englisch, trocken, ironisch - da sitzt jedes Wort


Dabei wird Barnes niemals sentimental oder gefühlsduselig, sondern bleibt immer ein ganz trockener und ironischer englischer Gentleman. Seine Sätze sind präzise und messerscharf. Jedes Wort ist feinstens ausgewählt. Das macht das Werk so lesenswert.  "Leid ist ein menschlicher Zustand, kein medizinischer", sagt er an einer Stelle - und führt exemplarisch vor, wie menschlich dieser Zustand sein kann, wie tief er einen an die existenziellen Fragen des Lebens heranführt. 

Alles ganz normal: Was Trauernde Merkwürdiges tun


Wie normal es für Trauernde ist, immer wieder auch an den eigenen Tod in Form eines Suizids zu denken, weil der Wunsch des Nachsterbenwollens aufkommt. Wie normal es für Trauernde ist, mit ihren Toten zu reden, sie in imaginären und direkten Dialogen am Alltag teilhaben zu lassen oder um Rat zufragen. All das und mehr - insofern lohnt sich das Buch sowohl für Trauernde selbst als auch für alle Menschen, die mit ihnen umzugehen haben und nach einem guten Weg dorthin suchen. Übrigens: Natürlich ließe sich das Buch auch ohne den ersten Teil lesen. 

Wer macht die Realität? Der britische Schriftsteller Julian Barnes macht die menschliche Wahrnehmung zum Thema seiner Werke.  (Alan-Edwards-/f2-images-/Verlag-Kiepenheuer-Witsch-Foto, mit fr. Genehmigung).


Allerdings dürften dem Leser dann ein paar der im zweiten Teil benutzten Bilder, Ideen und Formulierungen ein wenig merkwürdig vorkommen, weil sie direkt aus den Ballonfahrer-Sequenzen entstammen. Das Credo seines Buches legt Julian Barnes gleich im ersten Satz fest: "Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert...." - das ist typisch für Barnes. Denn die philosophische Kernfrage, ob die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, als wahr bezeichnet werden kann oder ob es unsere ganz eigene Einfärbung ist, die eine objektive Wahrheit verhindert, zieht sich durch sein gesamtes Werk. Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist auch der Roman "Vom Ende einer Geschichte", der diese Frage höchst unterhaltsam durchdekliniert. Trocken, ironisch und bemerkenswert präzise, auch dort


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Sonntag, 4. Dezember 2016

Am 13. 12. 2026 ist es wieder soweit - dann findet weltweit wieder das "World Wide Candle Lighting" statt... Ein Licht für alle, die viel zu früh von dieser Welt gegangen sind, geht einmal um die Welt - so funktioniert das World Wide Candle Lighting für gestorbene Kinder/Sternenkinder

Ein Lichterband umspannt die ganze Welt - das ist die Idee des weltweiten Gedenktages an verstorbene Kinder.  (Thomas-Achenbach-Foto

Osnabrück - Oft sind es die simpelsten Gesten, die uns tief berühren. Bei Trauer ist es das Anzünden einer Kerze. Als ebenso simples wie eindrucksvolles Symbol dafür, dass das Licht des Menschen, der von dieser Welt gehen musste, noch immer in einem leuchtet. Diesen Effekt macht sich eine berührende Aktion zunutze, die immer in der Vorweihnachtszeit stattfindet, einer für Trauernde ganz besonders schwierigen Zeit. Denn für alle Eltern, die ein Kind verlieren mussten, gibt es immer am 2. Sonntag im Dezember das "World Wide Candle Lighting" (in 2026 am Sonntag, 13. 12.). 

Weltweit werden Kerzen in die Fenster gestellt, um der verstorbenen Kinder zu gedenken - aber immer um 19 Uhr der jeweiligen Landeszeit, von Kontinent zu Kontinent. So zieht sich innerhalb von 24 Stunden ein Lichterband um die ganze Welt - und das leuchtet für all die Kinder, die mit ihrem Leben (wie kurz es auch gewesen sein mag) einmal die Welt erhellt haben. Aber es leuchtet auch für alle Eltern, die sich mit ihrer Trauer oft unangemessen alleingelassen fühlen. Und obwohl ich als Papa mit dem großen Glück gesegnet bin, als nicht verwaister Elternteil ein Kind aufziehen zu können, wird auch bei mir eine Solidaritätskerze im Fenster leuchten - für alle Eltern, denen es nicht mehr so geht und mit denen ich im Verlauf des Jahres über solche Erfahrungen gesprochen habe. Denn ein solcher Tag erinnert uns wieder daran, wie wenig selbstverständlich alles ist, was wir als vermeintlich normal hinnehmen - dass wir morgens aufstehen und atmen, beispielsweise. 


(Thomas-Achenbach-Foto)

Eine Gedenkaktion für alle gestorbenen Kinder


Übrigens ist es an diesem Trauertag ganz egal, wie alt das Kind gewesen ist und wann es oder wie es gestorben ist. Denn der Gedenktag wurde von den "Compassionate Friends" ins Leben gerufen, einer aus den USA stammenden Vereinigung von Eltern, die zu Waisen werden mussten. In Deutschland entsteht -  auch wegen vieler an diesem Tag stattfindenden Aktionen in Kliniken und Geburtshäusern - gelegentlich der Eindruck, das "World Wide Candle Lighting" sei vor allem für Sternenkinder, also still geborene Kinder, eingerichtet worden (und selbstverständlich sind auch all diese Kinder integraler und sicherlich besonders schmerzvoller Bestandteil der Gedenktag), aber die Aktion richtet sich grundsätzlich an alle verwaisten Eltern. Um Kinder zu trauern, so formulierte es der Bayerische Rundfunk in einem Beitrag, sei wie "eine Amputation des Herzens." Und Eltern bleiben immer Eltern, ganz egal, ob das Kind 21 Monate oder 21 Jahre alt ist. 


Ein jährlich wiederkehrendes Charity-Projekt zugunsten aller trauernden Eltern, die ein Kind verloren haben, ist die "Aktion Lichtpunkt".  (Thomas-Achenbach-Foto)

Damit das Leben der Angehörigen nicht dunkel bleibt


Besonders schön ist, was der Bundesverband Verwaister Eltern auf seiner Website zum Aktionstag schreibt: "Das Licht steht auch für die Hoffnung, dass die Trauer das Leben der Angehörigen nicht für immer dunkel bleiben läßt. Das Licht schlägt Brücken von einem betroffenen Menschen zum anderen, von einer Familie zur anderen, von einem Haus zum anderen, von einer Stadt zur anderen, von einem Land zum anderen. Es versichert Betroffene der Solidarität untereinander. Es wärmt ein wenig das kalt gewordene Leben und wird sich ausbreiten, wie es ein erster Sonnenstrahl am Morgen tut." Es sind diese Zeilen, die mich ermutigt haben, auch eine Solidaritätskerze in mein Fenster zu stellen.


Ein Lichtpunkt zum Tragen an der Kleidung


Der Gedenktag ist auch der Abschlusstag einer in Deutschland parallel stattfindenden Aktion, die die Künstlerin Stefanie Oeft-Geffarth ins Leben gerufen hat - die Aktion "Lichtpunkt". Dafür hat sie eine weiße Version ihrer eigentlich in schwarz gehaltenen 
Trauernadel entworfen, also einen kleinen weißen Punkt, der als Schmuck getragen werden kann. Das kleine Schmuckstück, das an Blazer oder Sakko oder der Bluse geheftet werden kann, soll eine moderne Interpretation dessen sein, was als „Trauerflor“ bis in die 70er Jahre hinein gang und gäbe war: Wer in Trauer war, der zeigte das auch. In der weißen Version wird daraus der "Lichtpunkt", der die Idee des "World Wide Candlelightings" weiter transportiert. Diese "Lichtpunkte" sind dabei immer ab dem 1. 11. und bis Mitte Dezember erhältlich. 



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