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Montag, 6. September 2021

Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn" im Radio? Warum hört man das so oft im Verkehrsfunk? Ich habe eine ganz persönliche These zu dieser Frage - und sie hat mit den Themen Trauer und Unfalltod zu tun...

Osnabrück - Im Verkehrsfunk ist diese Warnung oft zu hören: "Fahren Sie bitte vorsichtig, es sind Personen auf der Fahrbahn..." Aber warum eigentlich? Was machen diese Personen denn da? Wer einigermaßen bei Verstand ist, der würde doch nicht zu Fuß auf eine Autobahn gehen, oder? Oder auf eine Landstraße ohne Seitenstreifen? Mich hat das schon immer stutzig gemacht - und inzwischen habe ich eine ganz persönliche These entwickelt, was da los sein könnte. Eine These, für die ich bislang keine offizielle Bestätigung bekommen konnte (trotz einiger Rechercheanfragen) und die deswegen meine ganz persönliche These bleiben wird. Und sie hat, wen würde es wundern, mit Trauer zu tun. Und mit Unfalltoten.

Ich habe Polizisten befragt. Rettungskräfte. Und Notfallseelsorger. Aber keiner konnte mir eine wirklich schlüssige Antwort auf die Frage geben, warum so oft Personen auf einer Fahrbahn anzutreffen sein sollten. Denn wer in gewisser Regelmäßigkeit den Verkehrsfunk hört, dem wird auffallen, dass diese Meldung nicht unbedingt Seltenheitswert besitzt. Zu den Vermutungen, die die Sicherheitskräfte äußern, gehören diese: Es könnten Unfallfahrer sein, deren Fahrzeuge liegengeblieben sind. Es könnten stark alkoholisierte Menschen sein, die sich verirrt haben. Manches Mal sollen sich auch Radfahrer auf die Autobahnen begeben, weil sie sich in den Auffahrten vertan haben - oder weil sie leichtsinnigerweise ihren Übermut ausleben müssen. Aber keiner der von mir befragten hat jene Vermutung geäußert, die ich persönlich für die schlüssigste halte: Es könnten Angehörige sein, die einen Unfallort aufsuchen wollen. Weil sie in diesem Unfall einen Menschen verloren haben und diesem nun nahe sein wollen. Dass dieses Bedürfnis innerhalb eines Trauerprozesses enorm groß werden kann, dafür gibt es zahlreiche Belege. 


(Foto: Pixabay.de, User: Monsterkoi, Pixabay-Lizenz)

Diese zeigen sich in Form der zahlreichen am Straßenrand stehenden Trauerstätten - kleine Kreuze, kleine Gedenkorte, privat eingerichtet, meistens von den Behörden geduldet, an den Rändern von Landstraßen oder auch in Innenstädten, zeugen seit einigen Jahren von der besonderen Wirkmacht, die der Ort eines Todes auf Menschen haben kann. Dorthin zu gehen, wo es geschah, an diesen Ort eines Übergangs, kann für die Angehörigen ein wichtiges und wohltuendes Ritual darstellen. Eines, das viele Bedürfnisse erfüllt, die sich innnerhalb eines Trauerprozesses einstellen können - auch wenn das besonders schwer vorstellbar ist für alle anderen Menschen, die einen solchen Prozess noch nicht erleben mussten. Und gerade bei einem gewaltsamen Tod, der mit einer unvorhersehbaren Plötzlichkeit ein Leben beendet hat, stehen die Hinterbliebenen vor einer besonders schwierigen Aufgabe: Dem Begreifen dessen, was da geschehen ist.

Ein Ort des Übergangs und der Transzendenz

Auch für diesen Prozess kann es enorm hilfreich sein, sich an den Ort zu begeben, an dem es geschehen ist und ebendort zu versuchen, einer Form von Verständnis für das an sich ganz Unbegreifliche näherzukommen. Außerdem ist es ein Ort, an dem der innere Schmerz den Raum bekommen kann, den er im normalen Alltag nicht immer bekommt. So kommen dem Ort des Todes gleich mehrere Funktionen zu, die innerhalb eines Trauerprozesses von Bedeutung sein können: Dort hinzugehen, um sich durch seine Trauer durchzufühlen; oder um sich den Gestorbenen nahezufühlen, andererseits; oder dort hinzugehen, um sich im Begreifen dessen zu versuchen, was dort geschehen sein könnte. Und schließlich atemt der Ort des Todes für manche Menschen auch eine Form von Transzendenz. Als sei etwas fühlbares Seelisches des gestorbenen Menschen für immer dort verhaftet geblieben, so kommt es manchen vor. Leider gibt es zu diesem Thema keinerlei aussagekräftige Forschung - wohl aber zum Thema der wilden Trauerstätten an den Straßenrändern. 


(Foto: Pixabay.de, User: Free-Photos, Pixabay-Lizenz)

Damit hat sich nämlich die Soziologin Christine Aka intensiv beschäftigt. Die inzwischen in Münster lehrende Volkskundlerin hat zwischen 2000 und 2003 zum Thema Unfallkreuze geforscht und eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Buch zum Thema veröffentlicht („Unfallkreuze – Trauerorte am Straßenrand“ erschien im Waxmann-Verlag), außerdem hat sie im Jahre 2010 einen bemerkenswerten und sehr klugen Zeitschriftenbeitrag über das Thema für die Zeitschrift: „Alltag im Rheinland“ geschrieben, die vom Landschaftsverband Rheinland herausgegeben wird. Und auch sie geht in ihren Texten auf den Ort des Todes mit seinen mythischen Funktionen ein: „Gerade der gewaltsame Tod führt zu dramatischen Anforderungen an die Psyche des einzelnen Trauernden. Individuelle Psychologie, also Gefühle, und gesamtkulturell interpretierbare Phänomene gehen in der Trauer eine komplexe Verbindung ein,“ schreibt Aka in diesem Text. Daher würden diese wilden Trauerstätten zu einem „Hinweis auf Schmerzzonen, für die kaum eine andere Ausdrucksformen zur Verfügung stehen. Diese klugen Beobachtungen machen verstehbar, warum Trauernde gerne an diese Orte zurückkehren, an denen, salopp gesagt, „es geschehen ist.“ 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Donnerstag, 18. April 2019

Warum ein "Mein Beileid" eine gute und angemessene Reaktion ist, wenn wir von einem Todesfall erfahren - und was in diesem kleinen Wörtchen alles drinstecken kann, wenn es ernst gemeint ist - Tipps zum Umgang mit Trauernden

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Osnabrück - Jemand ist gestorben. Wir treffen den Angehörigen. Und, was sagen wir jetzt? Ich muss hier noch einmal eine Lanze brechen für die Formulierung "Mein Beileid"... Bereits vor einigen Jahren habe ich einen Artikel darüber veröffentlicht, warum ich das "Mein Beileid" immer noch für eine gute und angemessene Reaktion halte, sobald man von einem Todes- und Trauerfall erfährt. Auch, wenn es bei vielen Menschen inzwischen irgendwie verpönt zu sein scheint und inzwischen irgendwie ungern benutzt wird. Umso erfreuter war ich nun, als es bei einer in Witten stattfindenden Tagung zum Thema Trauer im Berufsleben, bei der ich als Zuhörer dabei sein durfte, in der Diskussion auch um die Formulierung "Mein Beileid" ging - und als ich in meinen Ideen dazu bekräftigt wurde. Was ich gerne zum Anlass nehmen möchte, darauf näher einzugehen.

Die Unsicherheiten lassen sich im Internet finden. "Einfach nur ,Mein Beileid' - das kommt mir so unpersönlich vor..." - so schrieb es ein Nutzer im Portal "Gutefrage.net." Ob es nicht bessere Sätze gäbe, lautet seine Frage. Doch wie so oft im Leben sind es die kleinen Worte, in denen die größte Bedeutung mitschwingen kann. Mein Beileid, zerpflücken wir dieses kleine Wörtchen doch einmal in seine einzelnen Bestandteile, so wie es auch die sich aus dem Publikum meldenden Diskussionsteilnehmer bei der Tagung in Witten getan haben: Es geht um das Bei- und das Leid. Gemeint ist mit diesem Wort also: In kann jetzt bei Dir sein in Deinem Leid. Du wirst von mir Zuspruch, Unterstützung und vor allem ein offenes Ohr bekommen. Aber, und das ist das Wichtige daran: Ich kann und werde Dir zuhören, werde Dich ernstnehmen, aber ich kann nicht mit Dir mitleiden. Viel besser sogar: Ich kann Dich in Deinem eigenen Leid wahrnehmen und Dich dort lassen, so dass Du Deine eigenen Wege damit und darin finden kannst. Denn darum geht es in der Trauer: Seine eigenen Wege zu finden. Das unterscheidet dieses Beileid also vom Mitleid - und das mag spitzfindig klingen, ist aber eine sehr wichtige Differenzierung. Denn letztlich steckt alleine schon in dieser sprachlichen und vermeintlichten Wortklauberei das ganze Konzept bzw. die komplette Haltung von professionellen Trauerbegleitern drin. Warum das so ist?



Weil es bei der Begleitung von Trauernden immer darum geht, ihr Leiden, ihre Klagen, ihr Schicksal mit ihnen gemeinsam aushalten zu können. Es aber nicht kleinreden zu wollen oder abmildern zu wollen. Das macht jedoch erforderlich, dass der jeweilige Begleiter selbst standhaft bleiben kann, nicht selbst ins Wanken gerät. Dass er empathisch zuhören und die Stimmungen wahrnehmen kann. Oder, um in den oben schon erwähnten Begriffen zu bleiben: Dass er bei-leiden kann, ohne in eigenes mit-Leiden zu verfallen. Ein Patentrezept, wie sich Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise gut begegnen lässt, gibt es nicht, denn jeder Mensch reagiert anders. Aber dieses eine ist immer wichtig, ganz egal, wie der Fall jeweils auch aussieht: Dass das Zuhörenkönnen hilfreicher ist als das Selberreden. 



Es war die aus München stammende Coachin und Trauerbegleiterin Franziska Offermann, die in ihrem Vortrag zum Thema Trauer im Arbeitsleben auch die Frage nach der Formulierung "Mein Beileid" behandelte. Und sie machte dem Plenum eindrucksvoll vor, dass es wie bei allem im Leben auf die Details ankommt. Wer nur ein lapidares und ganz offensichtlich rein als Floskel benutztes "Mein Beileid" bemüht, verbunden vielleicht mit einer irgendwie lustlos ausgestreckten Hand, der wird natürlich nicht als ernsthaft interessiert oder ernsthaft bemüht wahrgenommen. Es ist also wenigstens genauso wichtig, dieses Beileid mit einer inneren Haltung der Zuwendung und des ernsthaften Interesses zu verbinden - wie bei so vielem, was wir sagen und tun, kommt es viel mehr auf die Haltung an als auf die Inhalte. Das erleben wir oft auch an anderen Stellen.


Was sollen wir sagen? Oder vielleicht: Fragen?


Als ich neulich dem Radiosender SWR 3 ein kleines Interview zum Thema Trauer geben durfte, das dann Bestandteil einer Ausgabe der montäglich laufenden Beziehungsshow wurde (hier gibt es mehr Infos zu dieser Sendung), lautete eine der Fragen: Was können wir den Menschen Hilfreiches sagen, die gerade jemanden verloren haben? Eine oft und gern gestellte Frage, auf die ich gerne antworte: Es kommt weniger auf zu sagende Sätze an als vielmehr darauf, ob wir bereit sind den Menschen wirklich zuzuhören. Und wenn wir das sind, ist die naheliegendste aller Fragen gleich die beste aller Fragen - solange sie ernst gemeint ist und mit echtem Interesse verbunden ist. Nämlich: Wie geht es dir? Aber, gemeint als: Wie geht es Dir jetzt wirklich? Ich würde das gerne wissen - weil ich dann bei Dir sein kann in Deinem Leiden. Denn das ist: Mein Beileid.

Übrigens: Lust drauf, diesen Blog auch als Podcast zu hören? Dann bitte hier klicken für die Übersicht über alle bisher veröffentlichten Episoden, darunter meine Interviews mit dem Buchautoren Pierre Stutz, dem "Letzte Lieder"-Macher Stefan Weiller und dem Trauer-Chat-Moderator und Ex-Spielsüchtigen Kai Sender....

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

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Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum das Sterben in Deutschland seit Januar 2020 nochmal deutlich teurer geworden ist - Die so genannte Leichenschau steht in der Kritik

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen - was alles möglich sein kann, wenn Menschen in einer Verlustsituation das wollen

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

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Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

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Dienstag, 27. Februar 2018

Vergleiche in der Trauer sind verletzend, aber kommen allzu oft vor - was zu Trauernden alles gesagt wird, ist oft wenig hilfreich, eher im Gegenteil - Aber was sagen, was hilft - was nicht? - Tipps zum Umgang mit Trauernden


Osnabrück - Über diesen oben abgebildeten Dialog bin ich vor kurzem im Netzwerk Twitter gestolpert. Und er hat nochmal einige Erfahrungen bestätigt, die ich selbst oft gemacht habe bzw. von denen ich mir habe berichten lassen. Was Menschen zu anderen Menschen sagen, wenn diese in einer Trauer- und Verlustkrise stecken, ist oft schwer zu ertragen. Da wird - sicher unbewusst - verglichen, runtergemacht, die Schwere der Trauer zu relativieren versucht. Aber vor allem wird, meistens immer, all den Menschen, die andere verloren haben, ihre Berechtigung zu trauern abgesprochen. Das geschieht mehr oder minder subtil, gerät aber kränkend. Auch wenn die Sprecher das weder beabsichtigen, noch es merken. Zugegeben, so ging es mir sicher auch schon einmal, vor meiner Ausbildung zum Trauerbegleiter. 

Denn, zugegeben, bevor ich mich selbst so intensiv mit diesen Themen beschäftigt habe, wusste ich natürlich auch nicht immer, was ich idealerweise sagen sollte, wenn mir jemand vom Tod eines ihm oder ihr nahen Menschen erzählte (und heute zu behaupten, ich hätte jetzt die Weisheit mit Löffeln gefressen, wäre gleichermaßen übertrieben, auch, wenn das hier gelegentlich so rüberkommen mag). Was willst du auch sagen, wenn es im Grunde nichts zu sagen gibt - keinen Trost jedenfalls geben kann. Und wenn Du Dich konfrontiert siehst mit dieser Wand aus Ratlosigkeit und Hilfslosigkeit. Sich hilflos fühlen, das ist es vermutlich, was die meisten Menschen unbewusst zu diesem psychologischen Trick greifen lässt - die Trauer der anderen lieber kleinzureden, um sie selbst besser ertragen zu können. Also sagt man sowas wie: "Ihr habt ja eine so schöne Zeit miteinander gehabt, das darfst du nicht vergessen". Was aber für die Trauernden nicht anders klingt als: "Schau doch mal auf das Positive und wühl Dich doch nicht immer so rein in Deinen Trauerschlamm." Und so geht es weiter.


Nicht alles, was die anderen zu einem sagen, ist hilfreich, manchmal würde man es gar nicht gerne hören, auch wenn es eigentlich so gemeint ist.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Das war eine der Aufgaben, die wir in einer kleineren Lerngruppe während unserer Ausbildung zum Trauerbegleiter zu erledigen hatten: Sätze zu sammeln, die zwar gut gemeint sein mögen, aber doch eher verletzen und die insgeheim die Trauer abzuschwächen versuchen. Was dabei zusammengekommen ist - auch dank engagierter Kolleginnen -, kann sich sehen lassen. "Die Zeit heilt alle Wunden", zum Beispiel - Nein, das wollen Trauernde gar nicht gern hören. Denn der Schmerz des Verlusts ist ja oft das vermeintlich Einzige an großer Energie, das geblieben ist von dem verlorenen Menschen, so wird es oft erlebt. Und davon geheilt werden, gar befreit, das hieße doch auch, den Menschen noch weiter zu verlieren, oder? Oder: "Da mussten andere auch schon durch" - Mag ja sein, aber jeder Mensch hat das Recht auf seinen eigenen Schmerz und seine eigene Intensität und sein eigenes Leiden, außerdem will ein Leid auch erstmal durchlebt werden, was nützen da die anderen? Ach, und es gibt noch so viel mehr.


"Das hätte man doch bestimmt verhindern können" - Ja?


Es war das Beste für sie/für ihn. Irgendwann müssen wir doch alle sterben. Man weiß nicht, was ihr/ihm alles erspart geblieben ist. Das Leben geht weiter. Ich weiß genau, wie es Ihnen geht. Gott hat es so gewollt, er hat sie/ihn zu sich gerufen. Sie werden darüber hinwegkommen. Sie haben doch noch ihre Kinder. Sie müssen sich der Sache jetzt stellen. Sie müssen jetzt loslassen. Sie müssen auch irgendwann wieder nach vorne schauen. Wenn der Arzt das nur eher festgestellt hätte, wer weiß, ob sie oder er dann nicht noch leben würde. Sie müssen jetzt ganz tapfer sein. Ich weiß noch genau, wie das bei mir damals war, davon erzähle ich jetzt erstmal. Oder bei einem Unfall: Er oder sie ist ja auch immer ziemlich rasant gefahren. Oder bei Lungenkrebs: Er oder sie hat ja auch immer soviel geraucht. Oder bei Suizid: Das hätte man doch bestimmt irgendwie merken können und verhindern können. Und, und, und. Jeder Satz ist, im Grunde genommen, ein Schlag in die Magengrube, wenn man mal drüber nachdenkt. Oder auch der hier:


Wer zerrissen ist, darf sich auch seine Bruchstücke ansehen


"Jetzt reiß dich mal zusammen". Sowas bekommen Menschen in einer Verlustkrise tatsächlich zu hören. Wie aber soll das gehen, wenn man innerlich ganz in Einzelteile zerrissen ist? Wäre es da nicht viel besser, sich die einzelnen Teile anzugucken, Stück für Stück, und mal zu gucken, ob sich nicht auch mit einem zerrissenen Innern erstmal weiteratmen lässt. Vielleicht gar weiterleben, wenn auch ganz anders als vorher. Wobei man über diese oben genannten Sätze auch eines sagen muss:

Manchmal darf man sich auch einfach die Bruchstücke seines Lebens ansehen - denn wo etwas zerrissen ist, gibt es kein "sich zuammenreißen können" mehr.  (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Man kann den Menschen, die solcherlei Dinge sagen, nicht immer einen Vorwurf machen. Zwar erfüllt jeder einzelne dort oben aufgeführte Satz nur die eine Funktion - die Trauer zu entkräften, die Schmerzen abzumildern, das Erlebte von seiner Funktionalität als Einzelschicksal zu befreien -, aber das geschieht nicht bewusst, nicht so manipulativ, wie es hier vielleicht den Anschein mag. Denn auch das Umfeld von Trauernden fühlt sich ja überfahren von der Situation, überfordert, letztlich hilflos. Und wer in den oben genannten Sätze eben diese Botschaft herauszulesen versteht - ich fühle mich genauso hilflos wie Du und ich weiß deswegen gar nicht, was ich sagen soll -, der kann vielleicht verstehen, warum diese Aussagen so gesprochen werden. Hat sie vielleicht sogar selbst einmal so gesprochen. Damals, irgendwann, in einem anderen Leben, vor diesem neuen Leben - dem Leben nach dem Tod. Also dem der anderen. Bleibt natürlich die Frage: was hilft denn nun eigentlich wirklich? Nun, damit habe ich mich bereits an anderer Stelle beschäftigt - siehe hier

Mit einem dicken Danke für die tolle Zusammenarbeit und für die gute Zeit an Petra Temmen, Birgit Lemper, Luise Rüter und Irina Porzler


"Ihr hattet doch eine so gute Zeit" - "Du musst jetzt nach vorne schauen" - "Da muss jeder mal durch" - "Das Leben ist nun einmal endlich" - Undsoweiterundsoweiter.... 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

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Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Dienstag, 9. Januar 2018

Diesmal ein Beitrag, der sich vorwiegend an Nicht-Trauernde richtet - Tipps für alle Eltern: Warum es so wichtig sein kann, eine Sorgerechtsverfügung aufzusetzen - rechtzeitig alles regeln, solange es geht!

Osnabrück (eb) - Wer sich, so wie ich, mehrmals pro Woche mit allerlei Fragen rund um Tod, Trauer und Sterben beschäftigt, kommt zwangsläufig mit ganz vielen Themen des Lebens in Kontakt. Darunter sind viele Bereiche, die mit dem hier zugrundeliegenden Thema Trauer nur am Rande oder in der Schnittmenge etwas zu tun haben, die ich aber trotzdem gerne auf diesem Blog teilen möchte. Einfach, weil ich überzeugt davon bin, dass es so wichtig ist, sich damit auseinanderzusetzen - schon zu Lebzeiten, vor allem! Denn was sich noch im Leben, also im Vorfeld, alles regeln lässt, ist eine Menge - und meine ganz persönliche Erfahrung zeigt: Im Fall der Fälle ist nichts wertvoller und beruhigender als das. Also zu wissen, dass etwas geregelt ist. Und so richtet sich dieser Blogbeitrag nicht an aktuell Trauernde, sondern an Eltern, deren Kinder gesund und munter sind und leben. Was sie hoffentlich noch lange tun. Wobei es eben immer sein kann, dass jemand stirbt - oder dass Mama und Papa eben gleich beide auf einmal sterben, z.B. durch einen Unfall...  Und was dann? Das lässt sich zum Glück schon im Vorfeld regeln...

Höchst unwahrscheinlich, oder? So etwas wird ja nicht passieren… niemals? Nein? Folgende Geschichte habe ich neulich noch - über einige Ecken - gehört: Da hatten die beiden Eltern die Kinder für einen Nachmittag bei den Großeltern zur Betreuung abgegeben, damit sie sich um etwas Wichtiges kümmern konnten. Der Weg dorthin führt nur ein kurzes Stück über die Autobahn, es ist nicht weit, es sind nur zwei Abfahrten, das ist schnell gemacht. Aber weil die Stadtautobahn an dieser Stelle - zwischen zwei Autobahnkreuzen - stets gut befahren ist, gibt es oft Stau. So auch diesmal. Nur dass der Lastwagen hinter den beiden Eltern, wie es hier leider so oft geschieht, das Stauende nicht rechtzeitig gesehen hatte und mit vollem Karacho in das Auto der beiden hineinbretterte. Es quasi auf die Hälfte der ursprünglichen Größe zusammenschob. Beide Eltern starben. Die Mutter sofort, der Vater nur kurze Zeit später im Krankenwagen. Weil die Großeltern schon älter waren, die Geschwister weit weg wohnten und sich mit den Eltern nicht gut verstanden, stand die Frage im Raum: Und was wird jetzt aus den Kindern?

Ein Alptraum, über den man nicht nachdenken mag. Aber sollte. Was ist, wenn das Bett von Mama und Papa ab sofort immer leer bleiben wird? Was wird aus den Kindern?    (Thomas-Achenbach-Foto)

Eine Horrorgeschichte, okay. Viele meiner Freunde reagieren dann so: Alles kein Problem, wenn es uns einmal geschehen sollte, was wir kaum glauben, dann ist doch alles ganz klar, wie es zu laufen hat. Dann übernehmen Großeltern, Taufpaten, Freunde. Ist doch klar? Dem ist leider nicht so. Focus.de hat die folgenden Fakten zusammengetragen: Rund 1000 Kinder werden in Deutschland jährlich zu Vollwaisen, belegen laut der Recherche aktuelle Statistiken. Wer jetzt glaubt, in einem solchen Fall geht das Sorgerecht ganz automatisch an die nächsten Verwandten wie Großeltern oder eventuell vorhandene Geschwister der Eltern - oder gar an Taufpaten -, der täuscht sich allerdings. Denn es entscheiden im Todesfall der Eltern immer das Jugendamt und das Familiengericht zusammen, wer das Sorgerecht bekommt - oder ob das Kind beispielsweise in eine Pflegefamilie kommen soll oder gar ins Heim gehen wird, während das Sorgerecht an einen Vormundverein geht. Das kann beispielsweise passieren, wenn es keine Geschwister gibt und die Großeltern schon älter sind. Gibt es keine Sorgerechtsverfügung, entscheidet das Gericht zwar immer nach Wohl des Kindes, aber eben so, wie es glaubt, dass es für das Kindswohl richtig sein wird - ohne Kenntnis der Familie und der jeweiligen Situation. Taufpaten kommen übrigens sowieso nicht in Frage, denn die haben vor weltlichen Gerichten keine Leigitimation. Das lässt sich alles umgehen und vorher regeln- durch eine Sorgerechtsverfügung. Aber wie muss die aussehen? Was muss alles rein? Wie wird sie am besten formuliert? Ich habe mich auf die Suche nach Informationen gemacht.  


Vorsicht vor auszufüllenden Vordrucken - ungültig!


Es gibt zu diesem Thema zahlreiche Einträge im Internet - wie beispielsweise bei Focus, aber auch bei Eltern.de oder in Artikeln von Notaren. Hier - und bei unserem Nachlassgericht - habe ich mir die wichtigsten Infos zusammengesucht. Es gibt auch allerlei Vordrucke für Verfügungen, die sich nur noch ausfüllen lassen. Davon bitte unbedingt die Finger lassen, denn wie sich hier später noch zeigen wird, sind ausgefüllte Vordrucke nicht ausreichend und werden vom Gericht nicht anerkannt. Okay. Fangen wir an:

1.)    Also, nochmal das Wichtigste: Gibt es keine Sorgerechtsverfügung, entscheiden das Familiengericht und Jugendamt gemeinsam, wer der neue Vormund für das Kind wird. Sie entscheiden ohne fundierte Kenntnis der echten Verhältnisse, aber so, wie es nach Meinung des Gerichts gut für das Kindswohl ist. Also: Besser dem Gericht - das immer das letzte Wort haben wird - mit einer Sorgerechtsverfügung den Elternwillen klar und eindeutig darstellen. Das hilft beiden Seiten. 

2.)    Wird ein neuer Vormund durch das Gericht bestimmt – das können beispielsweise Familienmitglieder sein, Vormundvereine oder Pflegefamilien -, kann dieser selbst immer noch bestimmen, dass das Kind andernorts aufgenommen wird, sofern es keine Verfügung gibt und sofern aus der Sorgererchtsverfügung nicht eindeutig hervorgeht, dass der neue Vormund mit dieser Aufgabe auch einverstanden ist. Allerdings müsste dann bei jedem antstehenden Verkauf (bspw. das Haus der verstorbenen Eltern oder andere Erbstücke von Wert) das Vormundschaftsgericht jeweils eine Genehmigung erteilen. Auch das lässt sich vorab anders regeln.

3.)    Gibt es KEINE Sorgerechtsverfügung, haben Verwandte und Bekannte gegen die Entscheidung des Gerichtes keinerlei Rechtsmittel. Alleine der neue Vormund hat ein Mitspracherecht, siehe oben. Alle anderen aber haben keines. 

4.)    GIBT es eine Vorsorgeverfügung – oder eine entsprechende Passage im Testament -, prüft das Gericht nur noch die Tauglichkeit: Ein 17-jähriger Bruder würde dann als Sorgeberechtigter im Zweifelsfalle vom Gericht ebenso abgelehnt wie sehr altersschwache Großeltern. Ansonsten wird der elterlich verfügte Wille vom Gericht aber bevorzugt anerkannt. Wichtig ist natürlich, dass die Eltern bzw. der alleinerziehende Elternteil mit den jeweiligen Kandidaten für das Sorgerecht im Vorfeld gesprochen hat und sich diese damit einverstanden erklärt haben, für das Kind zu sorgen.

5.)    Wer soll/kann/müsste der neue Vormund werden? Hier gibt es vieles mitzubedenken: Passen Lebensstil, religiöse Zugehörigkeit und die finanzielle Gesamtsituation zu den Einstellungen, die die Eltern hier favorisieren? Passt das Vertrauensverhältnis zwischen Vormund und Kind? Kennen sich die beiden überhaupt schon gut genug?

6.)    Sinnvoll ist  es zudem, in einer Verfügung auch gleich einen Ersatzvormund zu benennen. Falls irgendwas dazwischen kommt. Außerdem können Personen auch von vorneherein als potentieller Vormund ausgeschlossen werden, selbst wenn sie von den Familienverhältnissen her in Frage kämen, beispielsweise bei verrütteten Verhältnissen. Das Gericht würde diese nicht kennen. Wer älter als 60 Jahre ist, darf außerdem von der Vormundschaft zurücktreten, wenn er sich zu alt dafür fühlt – und dies als Grund angibt.

7.)    Zu berücksichtigen ist auch, dass die Vermögenssorge (wer kümmert sich um das Erbe für das Kind – beispielsweise das Geld aus einer Risikolebensversicherung, etc.?) und die Personensorge (wer kümmert sich um das Kind daselbst?) voneinander getrennt werden können. Es dürfen jedoch laut Gesetz nicht mehr als zwei Vormünder bestellt werden. 

8.)    Folgende Formalien müssen erfüllt sein: -> Die Verfügung muss, wie auch ein Testament, handschriftlich aufgesetzt sein. –> Bei zwei Elternteilen genügt es, die Verfügung einmal handgeschrieben abzufassen und vom zweiten Elternteil per Unterschrift bestätigt zu haben. –> Datum und Ort müssen immer mit angegeben sein. –> Die Seiten am besten mit Seitenzahlen versehen. > Die benannten Vormund-Kandidaten sollten regelmäßig befragt werden. – Auszufüllende Formblätter, z. B. aus dem Internet, sind nicht rechtswirksam, weil nicht komplett handgeschrieben (§ 2247 BGB, „Eigenhändiges Testament“). Wenigstens genauso wichtig ist noch die folgende Sache:

Wenn Kinder zu Vollwaisen werden, muss der Weg, der vor ihnen liegt, nicht steinig sein. Vieles lässt sich im Vorfeld verfügen. Wenn man es denn richtig macht....   (Thomas-Achenbach-Foto)

9.)    Wo deponieren? Wichtig ist, dass die Verfügung im Ernstfall auch gefunden wird – beim Notar, beim Anwalt oder zu Hause, also bei den genannten Sorgerechts-Kandidaten, lässt sich eine Verfügung gut hinterlegen. Gegen eine Gebühr übernehmen wohl auch Nachlassgerichte das Verwahren der Sorgerechtsverfügung, in Osnabrück beispielsweise kostet das 75 Euro - nach Auskunft des Gerichts.

10.) Taufpaten sind eben Taufpaten – da geht es um Religion und die religiöse Weitererziehung des Kindes. Eine weltliche und gesetzliche Vormundschaft ist darin jedoch nicht beinhaltet, eine Anerkennung durch ein Gericht als Vormund wird Taufpaten also verwehrt bleiben. Es sei denn, sie werden in einer Sorgerechtsverfügung entsprechend als Vormund benannt.

11.)  Noch etwas mitbedenken: Es kann der Fall eintreten, dass Eltern nicht sterben, aber durch einen Unfall oder eine Krankheit plötzlich so eingeschränkt sind, dass sie das Sorgerecht nicht mehr ausüben können. Auch in einem solchen Fall übernimmt ein Vormund das Sorgerecht für das Kind. Diesen Fall kann man jedoch nicht durch eine Sorgerechtsverfügung abdecken, weil diese nur für den Todesfall gilt. Hierfür bräuchte es eine so genannte Sorgerechtsvollmacht. Eine solche Vollmacht muss immer widerruflich sein.

12.)  Spezialfall alleinerziehende Eltern: Bei Alleinerziehenden ist die Frage immer, wer das Sorgerecht hat – nur eines der beiden Elternteile, nämlich das das Kind gerade erziehende? Gibt es dann keine Sorgerechtsverfügung, überträgt das Gericht die Sorge immer dem anderen Elternteil.

13.) Und wie wird eine solche Verfügung am besten formuliert? Ich habe mal aus den gefundenen Formulierungsvorschlägen eine, wie ich finde, optimal zusammengemischte Version herausdestilliert - jedoch ohne jeden Anspruch auf juristische Vollständigkeit oder auf den Ersatz einer eigenen Recherche und einer Rechtsberatung, das muss hier betont sein. Dennoch. Es könnte sich dann so lesen....:

Wir, das Ehepaar Sieglinde Musterfamilie, geborene Mustermann, geboren am 22.11.1983 in Georgsmarienhütte, und Hermann Musterfamilie, geboren am 11.12.1977 in Bonn, wohnhaft in der Meller Straße 100 in 49124 Georgsmarienhütte, verfügen für den Fall, dass wir die elterliche Sorge für unser Kind Mäuschen Musterfamilie, geboren am 13.11.2007, wohnhaft in der Meller Straße 100 in 49124 Georgsmarienhütte, vorübergehend oder auf Dauer nicht mehr aus- üben können, dass Frau Tussnelda Mustermix, geborene Schultze, geboren am 07.05.1967 in Leipzig, wohnhaft in der Musterhausstaße 3 in 49078 Osnabrück, Telefon XXXX/XXXXX, das Sorgerecht übernehmen soll und zum Vormund bestellt wird. 

Frau Tussnelda Mustermix soll sowohl die Personensorge als auch die Vermögenssorge ausüben. Sollte Tussnelda Mustermix die Übernahme des Sorgerechts für Mäuschen Musterfamilie nicht möglich sein, soll Herr Walter Mustermuster, geboren am 27.04.1963 in Osnabrück, wohnhaft im Blumenring 33 in 49191 Belm, Telefon XXXX XXXx, das Sorgerecht übernehmen und zum Vormund bestellt werden. Herr Paul Meier soll sowohl die Personensorge als auch die Vermögenssorge ausüben.
Ort / Datum
Unterschrift Sieglinde Musterfamilie
Unterschrift Hermann Musterfamilie


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

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Samstag, 3. Juni 2017

Neue Studie untermauert: Trauer wiegt besonders schwer bei Kindsverlust und Suizid - aber die Studie zeigt auch deutlich: Trauer ist nicht immer gleich Trauer, es zählt das Verhältnis zum verstorbenen Menschen

Osnabrück/Würzburg - Eine wissenschaftliche Studie über das Thema Trauer durchzuführen, ist gewiss keine einfache Sache. Die meisten Untersuchungen scheitern daran, dass sich kaum genug Teilnehmer finden lassen, um als repräsentativ zu gelten. So gesehen gilt auch für die neue Studie, um die es jetzt gehen wird: Sie ist sehr interessant, wenn auch vermutlich nicht repräsentativ. Dennoch lohnt der Blick auf ihre Ergebnisse. Denn sie untermauerte die These: Trauer ist nicht gleich Trauer.

Ab wann gilt eine Studie als repräsentativ? Schwierige Frage, schwierige Antwort. Zwar hat sich inzwischen in Wissenschaft und Journalimus die 1000er-Formel durchgesetzt. Soll heißen: Alles unter 1000 Teilnehmern ist nicht als repräsentativ zu gelten. Aber das kann und darf natürlich nicht der einzige Faktor sein bei der Bewertung einer Studie. Denn wer beispielsweise 1000 Blogleser befragt, ob sie schon mal einen Blog gelesen haben, wird eine Einschaltquote von satten 100 % erhalten - um dann behaupten zu können, Blogs seien das erfolgreichste Medium überhaupt. Wichtig ist also auch die statistische Durchmischung der Befragten. Alt und Jung, hohes Bildungsniveau, niedriges Niveau, je gemischter, desto repräsentativer. Außerdem wichtig: Wie genau wird gefragt? Und durch wen? Und wie lange? Schwer genug, aber nicht nur das.

Verzweiflung und Intensität einer Verlustkrise sind besonders hoch, wenn ein paar Faktoren zusammenkommen, zeigt eine aktuelle psychologische Studie.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Common-0-Lizenz)

Denn man finde erstmal über 1000 Trauernde, die bereit (und in der Lage) sind, wissenschaftlich erschöpfend Auskunft über sich zu geben. Vielleicht sind auch schon 500 ausreichend, wenn die weiteren oben genannten Faktoren stimmen. Oder 521? Unter der Überschrift "Trauern hat viele Facetten" hat mich kürzlich eine Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg erreicht, bei der sich 521 Teilnehmer zum Thema Trauer geäußert haben. Das Ergebnis der Untersuchung lässt sich in mehreren Sätzen zusammenfassen. Erstens: Trauer ist nicht gleich Trauer. Je nach Art des Verwandtschaftsverhältnisses zu den Verstorbenen und nach deren Todesart fällt das Verlusterleben unterschiedlich aus.  Zweitens: Besonders hart trifft es die Menschen, die ein Kind oder einen Angehörigen duch Suizid verlieren. 


Neigung zur "Anhaltenden Trauerstörung"


Dann ist, so die Wissenschaftler, die Neigung zu dem, was als "Anhaltende Trauerstörung" beschrieben werden könnte, besonders ausgeprägt (zu dem Thema bald mehr auf diesem Blog). Durchgeführt haben die Studie Joachim Wittkowski, außerplanmäßiger Professor an der Fakultät für Humanwissenschaft der Universität Würzburg, und Dr. Rainer Scheuchenpflug, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologie III. Die Ergebnisse ihrer Studie haben die Wissenschaftler in einer Ausgabe der "Zeitschrift für Gesundheitspsychologie veröffentlicht (Unter dem Titel "Trauern in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen und zur Todesart", Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 2016/24, Seiten 107–118). Auch das hat die Studie untermauert:


Mehr als 500 Trauernde interviewt


Stirbt ein Kind oder der Ehegatte, suchen die Trauernden sehr stark die Nähe zu der verstorbenen Person. Oder das "Gespräch" mit ihr. Auch macht sich bemerkbar, dass ihr Denken eingeschränkt ist - es fällt ihnen beispielsweise schwer, sich zu konzentrieren. Weniger stark sind diese Empfindungen indes ausgeformt, wenn ein Elternteil beziehungsweise der Bruders oder die Schwester starben. Was die Todesart betrifft, äußerten Angehörige von Opfern einer Selbsttötung stärkere Schuldgefühle als Angehörige von Personen, die durch Krankheit oder Unfall ums Leben gekommen waren. Keinen Einfluss auf die Intensität der Gedanken und Gefühle der Hinterbliebenen hatte hingegen die Tatsache, ob der Tod überraschend durch einen Unfall oder vorhersehbar aufgrund einer Krankheit eingetreten war.

Art und Intensität unterscheiden sich


Diese Befunde, die erstmals an Personen aus dem deutschen Sprachraum gewonnen wurden, zeigen nach Ansicht der Wissenschaftler, dass sich an dem Merkmal „Trauern“ mehrere eigenständige Aspekte unterscheiden lassen. „Trauern hat also viele Erscheinungsformen. Art und Intensität des Verlusterlebens verlaufen unterschiedlich, je nachdem, in welcher Beziehung die verstorbene Person zum Hinterbliebenen stand und auf welche Art sie ums Leben kam“, sagt Joachim Wittkowski in der Pressemitteilung. 
Worauf die Pressemitteilung leider nicht eingeht, ist die Frage, wie die Macher der Studie eigentlich an die Trauernden gekommen sind und wie sie sie befragt haben, wie sie also genau vorgegangen sind. Also habe ich mich kurzerhand an Joachim Wittkowski selbst gewandt und ihn genau das in einer E-Mail befragt - hier sind seine Antworten (vielen Dank dafür):

Seit Jahrhunderten wird getrauert, aber richtig wissenschaftlich geforscht wird zu diesem Thema noch recht selten - eine Studie aus Würzburg bildet da jetzt die Ausnahme.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

"Die Datenerhebung folgte einer gemischten Strategie, etwa ein Drittel Papier-und-Bleistift (Verteiler bzw. Multiplikatoren meist Trauergruppen in Hessen), zwei Drittel über das Internet. Als Teilnehmer kam jeder in Frage, der sich selbst als Trauernder betrachtete. Das wurde vorab erläutert. "Trauerhintergründe" wurden nicht erfragt, wohl aber sozio-demographische Angaben und solche zur Todesart, der Teilnahme an Trauerbegleitung, -beratung oder Psychotherapie etc.- Nach Abschluß der Datenerhebung erfolgte eine sorgfältige Durchsicht und Bereinigung des Datensatzes, u.a. um Mehrfachbearbeitungen zu löschen." Und außerdem: "Es wurden die Werte für die Skalen gebildet, und diese wurden auf Unterschiede in Abhängigkeit von anderen Merkmalen (Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen, Todesart) geprüft. Ein signifikanter Unterschied liegt vor, wenn er gemäß Konvention nicht mehr durch den Zufall erklärbar, also "überzufällig" ist."


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor des Buches "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag, 17 Euro, erschienen im März 2019. Mehr Infos gibt es hier.

Alle aktuellen Termine, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare etc. mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Den Blog zum Anhören als Podcast - bitte hier klicken für die aktuelle Episode aus dem Trauer-ist-Leben-Podcast...

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen - was alles möglich sein kann, wenn Menschen in einer Verlustsituation das wollen

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link

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Sonntag, 18. Dezember 2016

Deutliche Zeichen für eine sich wandelnde Trauerkultur: Warum Unfallkreuze und selbst aufgestellte Wegekreuze eine wichtige Funktion für den Trauerprozess spielen - über wilde Trauerstätten, Teil 2 (Beispiel: Unfallstellen im Osnabrücker Land)

Osnabrück – Der Ort, an dem jemand gestorben ist, spielt für die Hinterbliebenen eine enorm wichtige Rolle. Dies gilt umso mehr für Unfallopfer. Dorthin zu gehen, wo es geschah, ist für die Angehörigen oft ein wichtiges Ritual. Selbst aufgestellte Wegekreuze und wilde Trauerstätten an den Straßenrändern machen das Ereignis für alle sichtbar, auch wenn die Scherben und Splitter längst weggeräumt sind. Diese wilden Trauerstätten sind ein soziologisch und gesellschaftlich hochinteressantes Phänomen – über das es indes wenig an Dokumentations- oder Fosrschungsarbeit gibt. Dabei wäre das tatsächlich mal ein gutes Thema.

Denn diese Unfallkreuze sind für sich betrachtet eine ganz neue Form von Symbol, so hat es die Soziologin Christine Aka formuliert. „Das Kreuz“, schreibt sie; „ist individuell umgedeutet“ – als „überkonfessionell verwendetes Todessymbol“. Weniger christlich zu verstehen als vielmehr als Hinweis darauf, dass hier, an dieser Stelle, der Tod stattgefunden hat – und tatsächlich gibt es kaum eine Unfallstelle ohne Kreuz, wie eine immer wieder aktualisierte Ausstellung das Landkreises Osnabrück zeigt, über die ich kürzlich geschrieben habe


Der Landkreis Osnabrück hat die Ausstellung "Straßenkreuze - gegen das Vergessen" im Programm, die seit zehn Jahren laufend aktualisiert wird. Die eindrucksvollen Fotos zeigen die Wegekreuze aus der Region.   (M.Münch-Landkreis-Osnabrück-Foto)

Die inzwischen in Münster lehrende Volkskundlerin hat zwischen 2000 und 2003 zum Thema Unfallkreuze geforscht und eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Buch zum Thema veröffentlicht („Unfallkreuze – Trauerorte am Straßenrand“ erschien im Waxmann-Verlag), außerdem hat sie einen bemerkenswerten und sehr klugen Zeitschriftenbeitrag geschrieben, aus dem hier zitiert werden wird (Zeitschrift: „Alltag im Rheinland“, herausgegeben vom Landschaftsverband Rheinland, 2010)


So ein Tod bringt "dramatische Anforderungen an die Psyche" 


„Gerade der gewaltsame Tod führt zu dramatischen Anforderungen an die Psyche des einzelnen Trauernden. Individuelle Psychologie, also Gefühle, und gesamtkulturell interpretierbare Phänomene gehen in der Trauer eine komplexe Verbindung ein,“ schreibt Aka in diesem Text. Aber nicht nur im Straßenverkehr, auch an anderen Stellen lassen sich immer mal wieder wilde Trauerstätten außerhalb der Friedhöfe finden – beispielsweise in der Osnabrücker Innenstadt. Und damit wird dieses Phänomen besonders interessant.


Auf 20 Bildtafeln werden in der Ausstellung "Straßenkreuze - gegen das Vergessen" die Unfallstellen vom Landkreis Osnabrück gezeigt - hier fotografiert in den Berufsbildenden Schulen Melle.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Denn es zeigen sich darin neue Formen von Trauerkultur. Das sieht auch Christine Aka so: „Unbestreitbar zeigen die heutigen Unfallkreuze ein Bedürfnis, vielleicht eine Sehnsucht nach neuen Umgangsformen mit Trauer. Solche Trauerhandlungen werden gerne als neue Trauerrituale bezeichnet“. Was sich hier zeigt, ist nach Akas Worten die Folge von zweierlei Entwicklungen: „Der Umgang mit dem Tod ist heute ein individuelles Problem, da es keine konkreten Verhaltensmuster mehr gibt, die einem helfen, „das Richtige zu tun“. Daher würden diese wilden Trauerstätten auch zu einem „Hinweis auf Schmerzzonen, für die kaum eine andere Ausdrucksformen zur Verfügung stehen.“


"Personen auf der Fahrbahn" - unterwegs zur Todesbewältigung?


Diese klugen Beobachtungen machen verstehbar, warum Trauernde gerne an diese Orte zurückkehren, an denen, salopp gesagt, „es geschehen ist.“ Ich bin selbst einmal in einer journalistische Recherche der These nachgegangen, dass die so oft im Verkehrsfunk gehörte Meldung von „Personen auf der Fahrbahn“ in Wahrheit auf Trauernde zurückzuführen ist, die einen Unfallort aufsuchen. Eine These, von der ich nach wie vor überzeugt bin – die ich allerdings derzeit nicht nachweisen kann, weil weder Polizei noch andere Trauerbegleiter noch Seelsorger mir diese Ahnung bestätigen konnten, geschweige denn sie mit Zahlen oder Fakten untermauern konnten. Also bleibt es eine gefühlte Spur, der ich zwar weiter nachgehen werde, für die ich aber andere Aufspürmittel finden muss. Aber zurück zur Wissenschaft.

Ein bis drei Schüler pro Schuljahr werden an den BBS Melle Opfer von Verkehrsunfällen. Dieses Foto zeigt (von links) den Ausstellungs-Macher Manfred Motzek vom Landkreis Osnabrück sowie Edda Kröger, Diplom-Sozialpädagogin an der BBS Melle und den stellvertretenden Schulleiter Claus Dötzer.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Christine Aka schreibt in ihrem klugen Text weiter: „Mir scheint es dabei um eine Art therapeutischer Handlungen zu gehen.“ Und an dieser Stelle wird es besonders interessant, weil sich in den klugen Beobachtungen der Wissenschaftlerin vieles finden lässt, was Trauernde als hilfreich beschreiben. Also nicht allein das Aufsuchen eines Trauerortes, sondern beispielsweise das Gefühl, dem Verstorbenen dort besonders nahe sein zu können. Das gilt für den Besuch am Grab genauso wie für den Besuch der Totenstätte.


Dort sein können, wo die letzten Sekunden stattgefunden haben


Das bestätigen auch Akas Beobachtungen: „Der Ort hat damit fast die Funktion eines mythischen Platzes, an dem dem Verstorbenen real nahe zu kommen meint, näher als beispielsweise auf dem Friedhof, an seinem Grab. Denn an der Stelle des Unfalls erscheinen die letzten Momente eines Lebens den Hinterbliebenen fast konserviert, im Raum anwesend.“ Der Unfallort sei damit auch „ein Ort einer merkwürdigen unspezifischen Transzendzenzgläubigkeit“, die aber mit katholischen Vorstellungen wenig gemein habe.


Klassische Form von Todesbewältigung - inklusive Transzendenz


Denn: „Die unwiderruflich Abwesenden werden imaginär präsent gemacht, sie werden beschenkt, angesprochen, in das Leben integriert“, formuliert es die Wissenschaftlerin: „Hier findet auf allen Ebenen ein symbolischer Austausch zwischen den Lebenden und den Toten statt, eine klassische Form von Todesbewältigung und für jede Art von Umgang mit Transzendenz grundlegend.“ Somit würden diese wilden Trauerstätten die Betrachter auch anregen, über aktuelle Formen des Redens über Trauer und des Zeigens von Trauer nachzudenken. Oder anders formuliert..:


Eine Wegekreuz an einer Unfallstelle in Melle-Neuenkirchen, wo im Juli 2012 ein tragischer Unfall geschah - auch dieses Trauerkreuz findet sich in der Ausstellung über die Unfallstellen des Landkreises Osnabrück.  (M.Münch-/Landkreis-Osnabrück-Foto)


Der Sinn der Trauerstätten ist die Sinnsuche


„Als Indiz für öffentliche Trauer regen Unfallkreuze damit zum Nachdenken über heutige Formen von sinnstiftenden Ritualen und individueller Spiritualität an“, heißt es auf dem Klappentext des zu der Forschungsarbeit gehörenden Buches aus dem Waxmann-Verlag. Oder wie Christine Aka es so in ihrem Zeitschriftentext schreibt: „In einer neuen Art kombiniert, haben diese Bedeutungsaktualisierungen gerade ihren Sinn darin, nach Sinn zu suchen“.

Mehr zum Thema auf noz.de: Gedenkstätten an Unfalllorten

Mehr zum Thema auf diesem Blog: Warum sich an einem Feinkostgeschäft in der Osnabrücker Altstadt die Trauerbekundungen sammeln - wilde Trauerstätten, Teil 1


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert bitte ein "Sterbestammtisch" - und was ist das eigentlich genau?

Ebenfalls auf diesem Blog: "Sei doch bitte wieder normal" geht leider gar nicht - Trauernde brauchen langfristiges Verständnis ohne Ziele 

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog des Autors: Rusalka, Nabucco, La Traviata und Romeo & Julia - das werden die kommenden vier Kino-Höhepunkte live aus der MET aus New York