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Sonntag, 22. Januar 2023

"Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen?" - warum diese Frage immer wieder ein wichtiges Thema im Alltag ist und wieviel Verständnis auch die Nicht-Betroffenen in ihrer Unsicherheit brauchen - Tagebuchnotizen aus meinem Trauerbegleiterleben, Januar 2023

Ein guter Freund berichtet beim gemeinsamen Abendessen von einer jungen Familie, die er gut kennt und deren Kind kurz nach der Geburt gestorben ist. Und von seiner eigenen Hilflosigkeit angesichts dieses Prozesses. Und wie so oft steht die Frage im Raum: Sollten wir den Verlust denn überhaupt ansprechen, macht das die Betroffenen nicht noch trauriger als sie ohnehin schon sind? Das ist eine wichtige Frage, die mit gutem Recht immer wieder aufs Neue besprochen sein will. Für mich ist es außerdem ein neuerliches Anzeichen dafür, wie wichtig es sein kann, dass es "Traueraktivisten" gibt (das Wort prägte eine gute Kollegin), die diese Themen immer wieder in die Gesellschaft tragen und für ein gegenseitiges Verständnis werben. 

Denn das ist so wichtig, finde ich: Verständnis für beide Seiten aufzubringen, eben auch für diejenigen, die nicht akut von dem Trauerfall betroffen sind. Denn wer kann sich schon komplett freisprechen von diesen Unsicherheiten? - Also, ich gewiss nicht. Nicht im Privaten, jedenfalls, so ganz ohne professionelles Setting, trotz all meiner tagtäglichen Beschäftigung mit diesen Themen.

Darin spiegelt sich die Unsicherheit unserer Gesellschaft wieder, wie sich mit allen Themen rund um Tod, Trauer und Sterben souverän umgehen lässt. Einer Gesellschaft, die Tag für Tag zigtausend Fernsehkrimi-Unterhaltungstode aushält, aber bei einem echten Kontakt mit dem Tod immer wieder ganz ratlos davorsteht, weil ihr alle Konventionen abhanden gekommen sind. Und mir wird durch die Frage immer wieder bewusst, wie wichtig doch zwei wesentliche Botschaften und ihr stetiges Wiederholen sind - nämlich diese beiden



1.) Nein, es macht die Menschen nicht trauriger, ganz im Gegenteil. Menschen, die einen solchen Verlust erleiden mussten, sind innenraumgreifend ausgefüllt von diesem Kummer. Und das über einen sehr langen Zeitraum, dazu weiter unten gleich mehr. Den Verlust ins Wort zu bringen, ist das, was hilfreich sein kann: Jede Anerkennung dieses Verlusts und dieses Schmerzes kann eine wichtige Unterstützung für die Betroffenen in ihrem Prozess sein. Es anzusprechen, erstmal ganz sanft und vorsichtig, ist nie verkehrt. Es totzuschweigen schon eher, auch wenn ich gut verstehen kann, wie groß die Unsicherheit bei allen Nicht-Betroffenen ist. Deswegen als Ermutigung: Das Wichtigste (und das Einfachste), was du tun kannst, ist, den Menschen mit ihrem Verlust einfach zuzuhören. Nur zuhören, auch wenn sie sich vielleicht oft wiederholen. Und, nein, du brauchst selbst nichts dazu sagen. Gar nichts, wirklich. Stell Fragen. Das reicht. Ehrlich. Du machst ihnen ein großes Geschenk (und sehr viel mehr machen wir in der Trauerbegleitung auch nicht, ehrlicherweise, nur halt aus einer verinnerlichten Haltung heraus).  

2.) Die Betroffenen haben mit ihrem Trauerfall lebenslänglich. Ein solcher Schmerz bleibt nicht nur über Wochen oder Monate, auch seine Intensität nimmt nicht allzu bald ab. Ein solcher Schmerz bleibt über Jahre, mehrere, viele, von denen die ersten zwei oder drei oft besonders hart sein können. Ich denke da an verwaiste Eltern - Mütter wie Väter -, die mir so etwas gesagt haben wie: "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke" - auch noch Jahrzehnte nach dem Ereignis. Die Wunde mag irgendwann vernarben, aber die Narbe bleibt dick und fett in der Seele kleben und reißt immer mal wieder auf. In all diesen Jahren brauchen die Hinterbliebenen Freunde, die treu sein können, auch wenn das für die Freunde selbst hart werden kann. Aber das ist es, worum es geht: Es geht ums Aushalten. Das ist so wichtig.

Übrigens, was "Traueraktivisten" angeht, eine Notiz noch dazu:

 



Das Wort gefällt mir immer besser. Geprägt hat es meine Kollegin Iris Willecke. Ich finde es super. Klar, eine gewisse Nähe zu den Themen Klima und Klebstoff ist nicht von der Hand zu weisen. Ebenso wie der Vorwurf, auf eine terroristische Art und Weise etwas brutal in die Gesellschaft zu tragen, das vielen missfällt. Trauerterrorist, das passt genausogut. Trauer ist oft auch Terror. Für die Hinterbliebenen vor allem



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Donnerstag, 10. Juni 2021

Wie führe ich ein gutes Trauergespräch, was hilft? Wie die Spiegeltechnik nach Carl Rogers uns dabei helfen kann, Menschen in Krisensituationen gut zu begleiten - eine Gesprächstechnik, die mit Business-Zielen nichts zu tun hat - wie die klientenzentrierte Gesprächsführung in der Trauerbegleitung angewandt wird, eine Mini-Einführung in das Arbeiten mit Emapthie, Echtheit und Wertschätzung

Osnabrück – Es gibt eine Gesprächstechnik, die Menschen in Krisen sehr gut helfen kann, solange sie gut und richtig angewandt wird - die aber einen unguten Beigeschmack bekommen kann, wenn sie in den falschen Kontext gestellt wird. Es geht um die so genannte Spiegeltechnik, die der Therapeut und Psychologe Carl Ransom Rogers entwickelt hat. Er nannte seine Methode die "klientenzentrierte Gesprächstherapie". Und in begleitenden Gesprächen zum Beispiel mit Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise kann sie tatsächlich viel bringen - wird sie jedoch zu einer rein zweckorientierten Business-Taktik aus der Trickkiste degradiert, wie ich es ebenfalls bereits erleben musste, dann verpufft ihre Wirkung. Es erfordert etwas Anderes als Übung, um diese Methode gut anzuwenden.

Denn das Wichtigste an dieser Technik ist nicht etwa das Ergebnis, sondern die grundsätzliche Haltung, aus der heraus der Gesprächsführende mit seinem Klienten spricht. Deswegen es ein Trugschluss, aus der Carl-Rogers-Methode eine optimale Praxis für Verkaufsgespräche abzuleiten, wie es manche Coaches und Motivations-Gurus leider tun. Gedacht ist die Spiegeltechnik nämlich als ein psychologischer Wirkmechanismus, der deswegen so effizient sein kann, weil er davon ausgeht, dass alle Antworten auf die mitgebrachten Fragen längst im Inneren des Klienten schlummern. Die Methode baut darauf, dass Menschen im Grunde selber am besten wissen, wie sie ihre Probleme lösen könnten – oder was ihnen gut täte in einer seelischen Krise. Die Kräfte, die sie mobilisieren müssten, sind vielleicht gerade verborgen oder nicht spürbar. Aber sie sind da, unter dieser ersten Schicht. Die Frage ist nur, wie sie freigelegt werden könnten. 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Im Kontext von Trauer bedeutet das für die Begleitenden: Sie sollten versuchen, daran zu glauben, dass die Trauernden ihren eigenen Weg finden werden, einen Weg "zurück in ein neues/anderes Leben", auch wenn es gerade nicht den Anschein macht. Carl Rogers hat dafür den Begriff des "Werdewillens" benutzt. Der Psychologe geht davon aus, dass jeder Mensch von sich aus wieder "heile" werden will und dass er das auch aus eigener Kraft schaffen kann - so wie ein Kind, das nach der Geburt ganz von sich aus und ohne Anstoß von außen all das erreichen möchte, was die Welt ihm an Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten anbietet. Der Vergleich mit Kindern bietet sich gerade im Kontext von Trauer besonders gut an.

Sich einfühlen und mitschwingen


Denn nicht wenige Trauernde fühlen sich angesichts der Kräfte, die an ihnen wirken, wieder in einen Kindheitszustand zurückversetzt. Das professionelle Ziel eines begleitenden Gesprächs ist dann das Sich-Einfühlen-können in den Klienten, das tatsächliche Mitschwingen-können auf seiner Wellenlänge, so dass sich der Klient vor allem verstanden fühlt


Es geht darum, konsequent in der Welt des Gesprächspartners zu bleiben und nichts Eigenes hineinzumischen, das ist die hohe Kunst eines solchen Gesprächs. Rogers zerlegt die Bausteine für diese Gesprächsmethode in drei wesentliche Grundbestandteile: Empathie, Wertschätzung und die Authentizität des Zuhörenden. Was genau bedeutet das?

Empathie, Echtheit, Wertschätzung - wie geht das?


Wer schon einmal ein Gespräch bei einem gut ausgebildeten Therapeuten, Berater oder Trauerbegleiter erlebt hat, der wird diese Methode kennen: Es geht darum, tatsächlich zu verstehen, was den Betroffenen beschäftigt. Um hier sehr feinfühlig werden zu können, wird das zuvor vom Klienten Gesagte nochmal vom Begleiter in eigenen Worten zurückgegeben. Also: Gespiegelt. 
Durch das eigene Formulieren wird dabei versucht gänzlich die Gedanken- und Gefühlswelt zu verstehen, diese vollständig respektierend, aber nicht bewertend. Das ist das Wichtige. Anders als manchernorts gelehrt und ausgeführt ist es nicht zwingend nötig, die genauen Worte des Klienten eins zu eins zu wiederholen.


Dieses direkte Eingehen auf den Klienten, das Bleiben in seiner Welt, beschreibt Carl Rogers als personzentrierte Haltung - und damit als ersten Schritt auf einem Weg, der zwar gemeinsam gegangen wird, vorerst, dessen Ziel aber das Alleine-Gehen-können des Klienten ist. Der zweite Schritt ist das Arbeiten mit dem, was Carl Rogers die "Aktualisierungstendenz" nennt: Also der Willen des Menschen, in einer Krisensituation die nötigen Kräfte zum Weiterkommen selbst zu entwickeln. Und hier kommen jetzt die drei Komponenten der Empathie, Wertschätzung und Authentizität ins Spiel.

Aktives Zuhören heißt, sich selbst rauszulassen


Echtheit meint, dass der Begleitende mit sich selbst im Reinen ist und bei sich selbst sein kann. Es geht darum, dem Anderen nicht etwas vorzuspielen, in eine Rolle zu gehen, sondern, salopp formuliert, einfach man selbst zu sein. Das hört sich leicht an, ist es aber nicht immer. Denn es bedeutet nicht, dass man seine eigenen Gefühle auch aussprechen sollte (eher im Gegenteil). Es geht hier mehr um die Frage der eigenen Standfestigkeit. Empathie meint das aktive Sich-einfühlen in die Welt des Anderen. Das Verstehen-wollen. Das aktive Zuhören. Es geht um Anteilnahme - und um die Akzeptanz dessen, was der Klient fühlt und sagt. Was als Wertschätzung beschrieben wird, meint eine positive Zuwendung dem Klienten gegenüber –und zwar, wie Rogers es sagt, eine bedingungslose Zuwendung. Was wiederum nicht heißt, daß der Begleitende allem unbedingt zustimmen muss. Eigene Überzeugungen haben hier keinen Raum, ebensowenig wie eigene Werte.


In Fachkreisen unter Trauerbegleitern wird oft über das Spiegeln gesprochen, teils auch heftig darüber diskutiert. In einem Punkt besteht Einigkeit: Es geht eben nicht um ein „Spiegeln an sich“, also um ein reines Nachplap­pern dessen, was der Klient gesagt hat, es geht darum, den Inhalt zu durchdringen. An dieser Stelle beginnen schon vielfache Fehlinterpretationen der Rogers-Methode. Das tatsächliche Verstehenwollen muss immer im Vordergrund stehen. Die damit verbundenen Trainingseinheiten haben allerdings auch gezeigt, dass es so einfach, wie es klingt, eben doch nicht ist. Sondern eine Trainingssache. Jeder, der mag, kann es ja mal in seinem Alltag probieren. Aber Vorsicht! Denn wer so etwas sagt wie „Ich weiß GENAU, wie sich das anfühlt“, hat sich schon wieder auf eine andere Straße begeben – er ist nicht mehr beim Gegenüber. Das geschieht übrigens schneller als man denkt. Aber es hilft nicht. Der Mensch, der Hilfe braucht, ist der eigene Experte für sein Leben, seine Gefühle, er braucht nicht Steuerung von außen, sondern Bedingungen, die seine eigene Steuerung (wieder) erleichtern


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Sonntag, 19. Juli 2020

Warum wir immer wieder über den Suizid reden sollten: Was kann ich tun, wenn jemand sich umbringen will und was kann ich für mich tun, wenn ein Mensch sich tatsächlich das Leben genommen hat? - Die wichtigsten Fakten und Fragen rund um das Thema Suizid

Osnabrück - Können wir mehr Suizide verhindern? Ja, ich glaube, wir könnten das. Wenn wir es schafften, dieses Thema aus der Tabuzone herauszuholen. Es ist nicht hilfreich, sondern schädlich, ein Tabu aus diesem Thema zu machen! Die deutsche Regierung hat das erkannt und bastelt an der Nationalen Suizidprävention. Jedes Jahr am 10. September ist der "Welttag der Suizidprävention". Für mich selbst ist das Thema jedoch an einem ganz anderen Tag präsent: Genau an meinem Geburtstag, am 20. Juli, hat sich der Sänger Chester Bennington von "Linkin Park" vor einigen Jahren das Leben genommen. Bennington ist für die Musikwelt und für Rockfans jetzt das, was Robert Enke für den Fußball ist: Eine Ikone, dessen Tat uns alle dazu anregen sollte, noch viel mehr über den Suizid zu reden, zu wissen und zu entdecken, um vielleicht weitere verhindern zu können. Anlass genug für ein paar wichtige Fakten über den Suizid - und einen persönlichen Herzenswunsch.

Bevor wir loslegen, das ist mir ganz wichtig: Wenn Du zu den Menschen gehörst, die trotz allem, was sie versucht haben, nicht verhindern konnten, dass sich ein Mensch das Leben genommen hat, dann kann ich total verstehen, dass Du Dich vielleicht in einer totalen Ausnahmesituation befindest. Ich könnte mir vorstellen, dass Du Dich mit enormen Schuldgefühlen und Vorwürfen herumplagst. Versuch Dir das Leben nicht ganz so schwer zu machen: Es ist fast immer die Krankheit (= die Depression, die Verzweiflung), die Menschen dazu bringt, sich das Leben zu nehmen. Und dieser Trieb, dieser Wunsch, kann so viel stärker sein als du es jemals sein konntest, das kann sein, das wird immer wieder so sein, trotz allem, was wir im Folgenden besprechen werden, leider, leider, leider! Und eines darfst Du mir glauben: Du bist nicht alleine. Es gibt so viele Menschen, denen es so geht wie Dir, frag alleine mal die Angehörigen um Suizid, die gibt es bestimmt auch in Deiner Region (wenn es Dir so gehen sollte, findest Du vielleicht in diesem Artikel oder in diesem Artikel auf meinen Blog Impulse für Dich...).

So oder so - ob Du zu denen gehörst, die es schon erleben mussten oder zu denen, denen es bislang erspart geblieben ist: Es gibt so viel Wichtiges zu wissen über das Thema Suizid. Für alle. Für uns als Gesellschaft. Darum soll es nun gehen (ebenfalls passend zum Thema: "In meinem Mann muss es unvorstellbar dunkel gewesen sein", eine junge Frau berichtet in meinem Podcast vom Suizid ihres Mannes)... 

Suizid ist keinesfalls ein Rand- oder Nischenthema


Das Wichtigste vorweg: Der Suizid kommt viel, viel, viel häufiger vor als man so denkt. Er ist nicht etwa ein Rand- und Nischenthema, sondern, schon rein statistisch gesehen, eine der allerhäufigsten Todesursachen - in Deutschland und in der ganzen Welt. Rund 9400 Menschen haben sich in Deutschland im Jahr 2018 "erfolgreich" das Leben genommen, ein hässliches Wort in diesem Zusammenhang, aber die Dunkelziffer der Versuche ist enorm hoch. Experten gehen davon aus, dass sich alle fünf Minuten jemand in Deutschland das Leben zu nehmen versucht. 


Mehr Tote durch Suizid als durch Unfälle


Die Zahlenangaben stammen vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm, einem Netzwerk, in dem rund 90 Insititutionen zusammengeschlossen sind (sie finden sich auch bei der Initiative "Freunde für das Leben"). In Deutschland sterben damit genausoviele Menschen durch einen Suizid wie durch Verkehrsunfälle plus Drogenmissbrauch plus Gewaltakte plus Aids zusammengenommen, heißt es dort weiter. Auch in den verschiedensten Trauergruppen, die ich habe leiten und begleiten dürfen, war der Suizid immer wieder Thema. Eine Selbstanklage wie "Ich hätte es doch sehen müssen!" ist da keine Seltenheit.

(Alle Fotos, soweit nicht anders gekennzeichnet: Thomas Achenbach)


Und doch halten sich, was das Thema Suizid angeht, immer noch allerlei Vermutungen und allerlei behauptete Fakten, die längst widerlegt sind und sich als falsch herausgestellt haben (Achtung: diese hier richten sich jetzt vor allem an die Menschen, die noch nicht erleben mussten, dass sich jemand das Leben genommen hat - weiter unten in diesem Text finden all jene Betroffenen auch Impulse und Anregungen für sich...!):  

Falsch ist: 
Ich darf einen Menschen auf keinen Fall darauf ansprechen, das birgt Gefahren

Falsch ist: 
Wer über einen Suizid redet, der wird sich automatisch auch das Leben nehmen

Falsch ist: 
Wenn ich jemanden auf meine Vermutung anspreche, treibe ich ihn in den Tod

Falsch ist: 
Wenn Du selbst dran denkst, es zu tun, gibt es für Dich keine Hilfe mehr (doch!)

Falsch ist: 
Wessen Depressionen so hart sind, dass er daran denkt, ist nicht behandelbar

Falsch ist: 
Wer an einen Suizid denkt, der will unbedingt sterben !

Falsch ist: 
Wer sich einen Suizid vorgenommen hat, ist nicht mehr davon abzubringen

Diesen letzten Satz möchte ich gerne noch einmal wiederholen, weil er mir so wichtig ist. "Falsch ist: Wer sich einen Suizid vorgenommen hat, ist nicht mehr davon abzubringen". Es gibt im Grunde zwei Sorten von Suizidwilligen: Diejenigen, die den Gedanken lange mit sich herumtragen, die ihren Suizid regelrecht planen - bei ihnen ist es zugegebenermaßen besonders schwer, sie davon abzubringen, auch wenn wir davon ausgehen, dass es die Krankheit ist (= Depression), die aus ihnen spricht, und nicht der Menschen dahinter. Und es gibt die Affekthandlungen, die aus einem akuten Anfall von Verzweiflung resultieren. 


Ängste, Verzweiflung, Kündigungen - und, und, und....


Deswegen kann es so wichtig sein, darüber zu reden.  Manchmal ist es alleine eine alles überflutende Verzweiflung, die einen Menschen dazu verleitet, mit dem Gedanken an einen Suizid zu liebäugeln, zum Beispiel der Verlust eines Arbeitsplatzes, der Verlust eines anderen Menschen, eine schwere Krankheit (oder die Angst davor) oder die Angst vor finanziellen Verlusten, beispielsweise. Gelegentlich kommen auch die Angst vor Einsamkeit oder der Verlust von Körperfunktionen als Motive vor. Meistens sind es jedoch Depressionen, die zu einem Suizid führen. Diese sind, ebenso wie temporäre Zustände einer großen Verzweiflung, durchaus behandelbar. Wenn...




Ja, wenn sie rechtzeitig erkannt werden und die richtigen Schritte eingeleitet werden können. Deswegen haben sich die Angehörigen um den Fußballer Robert Enke, der im November 2009 vor einen fahrenden Zug gesprungen ist, zur Aufgabe gemacht, mit der Robert-Enke-Stiftung über Depressionen aufzuklären und mögliche Behandlungsmethoden zu unterstützen. Und auch die Witwe von Chester Bennington, Talinda, macht immer wieder mit Aktionen auf das Thema aufmerksam - denn bei Chester Bennington war bekannt, dass er sein ganzes Leben lang an Depressionen gelitten hat. 


Theresa Enke: "Es wird immer wichtiger, darüber zu sprechen!"


Die Witwe von Robert Enke, seine Frau Theresa, sagt deswegen auch: „Für Menschen mit Depressionen und die Aufklärung über die Krankheit kämpfe ich jetzt schon seit über zehn Jahren. Es ist mein Eindruck, dass es immer wichtiger wird, über das Thema zu sprechen. Und diese Wichtigkeit erkennen mehr und mehr Menschen."


Robert Enke mit seiner Tochter Lara - sie starb im September 2006 mit zwei Jahren an einem Herzfehler, der Fußballer nahm sich 2009 sein Leben (Foto: Udo Wegner/Robert-Enke-Stiftung, mit freundlicher Genehmigung)

Ich bin mir aber auch bewusst, was ein solcher Satz wie "Wer sich einen Suizid vorgenommen hat, der ist vielleicht noch davon abzubringen" bei all jenen Angehörigen an zusätzlichem Schmerz auslösen kann, die einen Menschen durch Suizid verloren haben - und wer eine Ahnung davon haben möchte, wie heftig dieser Schmerz werden kann, dem sei der sehr sehenswerte Spielfilm "Der letzte schöne Tag" ans Herz gelegt (hier geht es zu meiner Rezension dieses Films). Eines der größten und immer wiederkehrenden Themen ist die Schuld. Aber das ist ein anderes, wenn auch sehr wichtiges, Thema, dem ich an anderer Stelle einen Beitrag auf diesem Blog gewidmet habe. Zurück zum Suizid.  

Jeder dritte Notarzteinsatz in Deutschland ist ein Suizid


Hier sind noch mehr wichtige Fakten zum Thema Suizid, über die wir reden sollten - und die uns zeigen, warum es so wichtig ist, dass bei diesem Thema ganz viele Menschen aufgeklärt sind und aufgeklärt bleiben über die Möglichkeiten: 

- Alle 53 Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch durch einen Suizid
- Das sind jedoch nur jene, bei denen tatsächlich auch der Tod eingetreten ist
- Experten gehen davon aus, dass alle fünf Minuten jemand einen Suizid versucht
- Es gibt jedes Jahr rund 100000 Suizidversuche in Deutschland
- Nochmal, als Wort: Einhunderttausend, jedes Jahr.
- Jeder dritte Notarzteinsatz in Deutschland ist wegen eines Suizidversuchs nötig
- Es gibt bei uns jedes Jahr rund 800 so genannte Schienensuizide 
- Das sind mehr als 2 Schienensuizide pro Tag
- Nur 35 Prozent der von Depressionen Betroffenen suchen professionelle Hilfe

(All diese Fakten und mehr finden sich z. B. beim Bundesverband Verwaiste Eltern)

Oder anders gesagt: Es handelt sich nicht etwa um ein Tabuthema, sondern schlicht um beschissenen Alltag. Sterbensalltag, wenn Du so willst. Aber anders als bei Unfällen: Um ein Sterben, das hätte verhindert werden können. Und genau deswegen finde ich es so wichtig, den Fokus umzudrehen, ausnahmsweise einmal weg von der Trauer und der Betroffenheit - so wie es auch die Stiftungen rund um Teresa Enke und Talinda Bennington getan haben - und stattdessen die Frage zu beleuchten: Wie können wir erkennen, ob sich jemand das Leben nehmen möchte oder nicht? Was können wir dann tun?




Richtig ist: Ja, es gibt Anzeichen. Richtig ist aber auch: Sie sind nicht immer leicht zu erkennen. Und was das Gemeinste ist im Kontext von Suizid: Ganz oft werden die Menschen, die sich wirklich das Leben nehmen wollen, in den letzten Stunden oder Tagen vor ihrer Tat ganz ruhig und ganz gelassen. Weil sie jetzt genau wissen, dass sie es tun werden und wie und wann. Nur dass das nach außen hin einen ganz anderen Eindruck macht. Dann denken sich die sie begleitenden Menschen und Angehörigen, die sich vorher so große Sorgen gemacht haben: Ach, die Verzweiflung ist ja offenbar nicht mehr so groß, es ist ja vielleicht doch alles wieder in Ordnung... Und dann trifft es sie umso härter, wenn sie vom Tod erfahren müssen. Das ist brutal. Was aber wenigstens genauso gemein ist: 

Sich verantwortlich zu fühlen für andere ist Überforderung!


Man kann suizidgefährdeten Menschen tatsächlich nur dann helfen, wenn sie auch bereit sind, sich auf diese Hilfe einzulassen, es ist aber trotzdem enorm wichtig, es zu versuchen. Ganz wichtig ist jedenfalls, die Menschen darauf anzusprechen und ihnen zu vermitteln, dass es viele Anlaufstellen und Telefonhotlines gibt, die für Suizidwillige zum Gespräch bereitstehen können, mit Menschen, die speziell dafür geschult worden sind und die das auch schon öfter gemacht haben (Telefon 0800/111-0-111  oder Telefon 0800/111-0-222, beide sind aus dem Festnetz kostenlos!) und dass es viele andere Möglichkeiten gibt, sich professionell helfen zu lassen. Auch in der Akutsituation, übrigens. 

Es gibt Warnsignale, aber wie erkennen wir sie?


Die Warnsignale sind allerdings nicht immer als solche zu erkennen, sie zeigen sich nicht so eindeutig, wie sie sich lesen. Zu den Signalen könnten, aber müssen auch nicht, diese folgenden gehören: 

- Sozialer Rückzug vor Freunden, Familie, Kollegen, das Vermeiden von Kontakt
- Aggressives Verhalten, gesteigerte Wut oder Impulslosigkeit ("männliche Depression")
- Gesteigerter Konsum von Suchtmitteln wie Alkohol, Drogen, Zigaretten etc.
- Leichte Reizbarkeit
- Erhöhte/ständige Müdigkeit oder das Gegenteil davon: Rastlosigkeit, Hyperaktivität 
- Ein allgemeiner Interessenverlust an geschätzten Gegenständen/Gewohnheiten etc.
- Stark veränderte Essens-/Schlaf- oder Alltagsgewohnheiten
- Die betroffene Person macht einen "dumpfen" Eindruck, wirkt teilnahmslos/er
- Die allgemeinen Leistungen in Beruf, Schule oder im Alltag werden schlechter 
- Humor, Empathie und die allgemeine Lebenslust scheinen abgesunken zu sein
- Entscheidungen zu treffen fällt der betroffenen Person schwerer
- Es gibt Äußerungen, die auf Gefühle von Wertlosigkeit/Hoffnungslosigkeit hindeuten
- Es hat zuvor eine Trennung gegeben, die den Betroffenen stark mitgenommen hat
- Wenn jemand anfängt, auffallend viel Tabletten oder andere Medikamente zu kaufen
- Massivstes Alarmzeichen: Wenn jemand von einem Plan spricht, wie er es tun will

Und übrigens, wie ich es für mein Buch "Männer trauern anders" recherchiert habe: 75 % der Menschen, deren Suizidversuch tatsächlich mit dem Tod endet, sind männlich.

Aber was kann man dann tun? 

Das Wichtigste ist, erstens, dass Du den Menschen davon erzählst, dass es Hilfe gibt, auch wenn sie darauf eigentlich immer ablehnend reagieren. Das gehört dazu, das macht nichts, bleib trotzdem dran, erwarte keine Wunder, aber versuch trotzdem Zuversicht zu vermitteln. Erzähl diesen Menschen, dass es professionelle Hotlines gibt, betrieben von Menschen, die genau dafür ausgebildet worden sind, mit Menschen zu sprechen, die sich das Leben nehmen wollen. Das Zweitwichtigste ist aber auch, dass Du Du für Dich selbst und für Deinen inneren Schutz sorgst - sich plötzlich in einer Situation zu befinden, in der man sich für das Leben eines anderen Menschen (quasi) verantwortlich fühlen muss, ist eine massive Überforderung. Das fühlt sich scheiße an. Je besschissener, desto mehr Hilfe könntest Du (später) selbst in Anspruch nehmen, auch dafür gibt es Angebote. 


Und ebenfalls ganz wichtig, drittens: Wenn Du das Gefühl hast, es ist wirklich eine Gefahr im Verzug, eine aktuelle und akute, dann kannst Du jederzeit einfach die 112 anrufen! Das geht von jedem Handy, in der Regel auch ohne Karte. Oder Du bringst den betroffenen Menschen selbst zu einem Arzt oder in ein psychiatrisch/psychologisches Krankenhaus, das ist dort absolut nicht ungewöhnlich und man wird Euch dort helfen können. 

Hättest also Chester Benningtons Suizid verhindert werden können? Oder: Hättest Du den Suizid, den Du vielleicht erleben musstest, irgendwie verhindern können? Sagen wir es mal so: Selbst wenn es vielleicht sogar eine Chance dafür gegeben hätte, wäre sie klein gewesen, sehr klein, und hätte rechtzeitig erkannt werden müssen. Im Rückblick ist das immer sehr viel leichter. Aber bleiben wir einmal bei Chester Bennington: Wenn wir heute seine Songtexte lesen, all diese wütenden, gleichsam anklagenden wie in sich gekehrten Texte, die Tausende von Fans mit ihm gemeinsam rausgebrüllt haben bei jedem Konzert, Texte, die so voller Verzweiflung sind und voller Wut - ja, dann hätten wir das vielleicht schon eher erkennen können. Wir alle, irgendwie. Ganz besonders bei einem seiner letzten Lieder: One More Light.

"One More Light" ist auch einem Suizidianten gewidmet


Veröffentlicht am 19. Mai 2017, kam das gleichnamige Album von Linkin Park genau einen Tag nach dem Suizid eines ebenfalls sehr berühmten Sängers auf den Markt, nämlich Chris Cornell von Soundgarden. Der wiederum war einer der besten Freunde Chester Benningtons, der unter dem Tod seines Freundes massiv gelitten hat. Bei einem Auftritt für die TV-Show "Jimmy Kimmel" ist zu erleben, wie Linkin Park dieses Lied, "One More Light", singen und es zu Beginn dem frisch gestorbenen Chris Cornell widmen - kurz vor Ende des Songs bricht Chester Bennington die Stimme, aber er fängt sich gerade noch rechtzeitig und macht weiter. In dem Lied, einer hymnischen Pop-Ballade, die zu Herzen gehen kann, heißt es, ins Deutsche übersetzt: "Wer macht sich schon was draus, wenn ein weiteres Licht ausgeht, in diesem riesigen Himmel voller Millionen Sterne?" Und später dann: "Ich mache mir was draus!" (Who cares if one more light goes out, in a sky of a million stars... - well, i do...).

Nur zwei Monate später nahm Chester Bennington sich das Leben. Genauso wie es sein bester Freund getan hatte: Indem er sich erhängte. Seiner eigenen Liedzeile hat er nicht mehr glauben können. Die Botschaft, dass das Verlöschen dieses Lichts, seines Lebenslichts, irgendjemandem etwas bedeuten könnte, hat ihn seelisch nicht mehr erreichen können. Aber es bedeutete den Menschen etwas. Und nicht bloß einem. 

Sondern tausenden.

Jedes Jahr am 20. Juli: Chester Benningtons Todestag. Mein Geburtstag. Und mein Herzenswunsch an alle: Redet darüber, redet darüber.

Redet darüber.

Wichtig: Wer tatsächlich an einen Suizid denkt und diese Gedanken nicht loswird, findet kostenlose und anonyme Hilfe z.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder als E-Mail-Beratung über die Internetseite www.telefonseelsorge.de

Mehr Informationen: Was der Suizid eines Menschen alles mit den Hinterbliebenen machen kann, dazu findest Du sieben Impulse in einem weiteren Artikel auf meinem Blog - Thema: Trauer und Gefühle nach einem Suizid.


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

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Donnerstag, 18. April 2019

Warum ein "Mein Beileid" eine gute und angemessene Reaktion ist, wenn wir von einem Todesfall erfahren - und was in diesem kleinen Wörtchen alles drinstecken kann, wenn es ernst gemeint ist - Tipps zum Umgang mit Trauernden

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Osnabrück - Jemand ist gestorben. Wir treffen den Angehörigen. Und, was sagen wir jetzt? Ich muss hier noch einmal eine Lanze brechen für die Formulierung "Mein Beileid"... Bereits vor einigen Jahren habe ich einen Artikel darüber veröffentlicht, warum ich das "Mein Beileid" immer noch für eine gute und angemessene Reaktion halte, sobald man von einem Todes- und Trauerfall erfährt. Auch, wenn es bei vielen Menschen inzwischen irgendwie verpönt zu sein scheint und inzwischen irgendwie ungern benutzt wird. Umso erfreuter war ich nun, als es bei einer in Witten stattfindenden Tagung zum Thema Trauer im Berufsleben, bei der ich als Zuhörer dabei sein durfte, in der Diskussion auch um die Formulierung "Mein Beileid" ging - und als ich in meinen Ideen dazu bekräftigt wurde. Was ich gerne zum Anlass nehmen möchte, darauf näher einzugehen.

Die Unsicherheiten lassen sich im Internet finden. "Einfach nur ,Mein Beileid' - das kommt mir so unpersönlich vor..." - so schrieb es ein Nutzer im Portal "Gutefrage.net." Ob es nicht bessere Sätze gäbe, lautet seine Frage. Doch wie so oft im Leben sind es die kleinen Worte, in denen die größte Bedeutung mitschwingen kann. Mein Beileid, zerpflücken wir dieses kleine Wörtchen doch einmal in seine einzelnen Bestandteile, so wie es auch die sich aus dem Publikum meldenden Diskussionsteilnehmer bei der Tagung in Witten getan haben: Es geht um das Bei- und das Leid. Gemeint ist mit diesem Wort also: In kann jetzt bei Dir sein in Deinem Leid. Du wirst von mir Zuspruch, Unterstützung und vor allem ein offenes Ohr bekommen. Aber, und das ist das Wichtige daran: Ich kann und werde Dir zuhören, werde Dich ernstnehmen, aber ich kann nicht mit Dir mitleiden. Viel besser sogar: Ich kann Dich in Deinem eigenen Leid wahrnehmen und Dich dort lassen, so dass Du Deine eigenen Wege damit und darin finden kannst. Denn darum geht es in der Trauer: Seine eigenen Wege zu finden. Das unterscheidet dieses Beileid also vom Mitleid - und das mag spitzfindig klingen, ist aber eine sehr wichtige Differenzierung. Denn letztlich steckt alleine schon in dieser sprachlichen und vermeintlichten Wortklauberei das ganze Konzept bzw. die komplette Haltung von professionellen Trauerbegleitern drin. Warum das so ist?



Weil es bei der Begleitung von Trauernden immer darum geht, ihr Leiden, ihre Klagen, ihr Schicksal mit ihnen gemeinsam aushalten zu können. Es aber nicht kleinreden zu wollen oder abmildern zu wollen. Das macht jedoch erforderlich, dass der jeweilige Begleiter selbst standhaft bleiben kann, nicht selbst ins Wanken gerät. Dass er empathisch zuhören und die Stimmungen wahrnehmen kann. Oder, um in den oben schon erwähnten Begriffen zu bleiben: Dass er bei-leiden kann, ohne in eigenes mit-Leiden zu verfallen. Ein Patentrezept, wie sich Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise gut begegnen lässt, gibt es nicht, denn jeder Mensch reagiert anders. Aber dieses eine ist immer wichtig, ganz egal, wie der Fall jeweils auch aussieht: Dass das Zuhörenkönnen hilfreicher ist als das Selberreden. 



Es war die aus München stammende Coachin und Trauerbegleiterin Franziska Offermann, die in ihrem Vortrag zum Thema Trauer im Arbeitsleben auch die Frage nach der Formulierung "Mein Beileid" behandelte. Und sie machte dem Plenum eindrucksvoll vor, dass es wie bei allem im Leben auf die Details ankommt. Wer nur ein lapidares und ganz offensichtlich rein als Floskel benutztes "Mein Beileid" bemüht, verbunden vielleicht mit einer irgendwie lustlos ausgestreckten Hand, der wird natürlich nicht als ernsthaft interessiert oder ernsthaft bemüht wahrgenommen. Es ist also wenigstens genauso wichtig, dieses Beileid mit einer inneren Haltung der Zuwendung und des ernsthaften Interesses zu verbinden - wie bei so vielem, was wir sagen und tun, kommt es viel mehr auf die Haltung an als auf die Inhalte. Das erleben wir oft auch an anderen Stellen.


Was sollen wir sagen? Oder vielleicht: Fragen?


Als ich neulich dem Radiosender SWR 3 ein kleines Interview zum Thema Trauer geben durfte, das dann Bestandteil einer Ausgabe der montäglich laufenden Beziehungsshow wurde, lautete eine der Fragen: Was können wir den Menschen Hilfreiches sagen, die gerade jemanden verloren haben? Eine oft und gern gestellte Frage, auf die ich gerne antworte: Es kommt weniger auf zu sagende Sätze an als vielmehr darauf, ob wir bereit sind den Menschen wirklich zuzuhören. Und wenn wir das sind, ist die naheliegendste aller Fragen gleich die beste aller Fragen - solange sie ernst gemeint ist und mit echtem Interesse verbunden ist. Nämlich: Wie geht es dir? Aber, gemeint als: Wie geht es Dir jetzt wirklich? Ich würde das gerne wissen - weil ich dann bei Dir sein kann in Deinem Leiden. Denn das ist: Mein Beileid.


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Samstag, 25. März 2017

Das vielleicht beste Buch über Trauer, das je geschrieben worden ist: Wer "Lebensstufen" von Julian Barnes liest, versteht, wie es Menschen in einer Verlustkrise geht

Osnabrück - Das vielleicht beste Buch über Trauer, das je geschrieben worden ist - meiner bescheidenen Meinung nach -, stammt von dem englischen Literaten Julian Barnes. Es ist deswegen ein so bemerkenswertes Buch, weil es auf nur wenigen Seiten und in nur wenigen Zeilen alles zu vermitteln versteht, was ich selbst in einer sich über 254 Stunden und über ein Jahr erstreckenden Ausbildung zum Trauerbegleiter habe lernen dürfen. Kein Sachbuch, sondern Literatur. Kein Ratgeber, sondern ein Erfahrungsbericht. Schmerzvoll, eindringlich, ungewöhnlich - und trotz aller Tragik einfach wunder-, wunderschön.

„Das können diejenigen, die diesen Wendekreis des Lebens noch nicht überschritten haben, oft nicht verstehen: Wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt.“ Es sind Sätze wie diese, mit denen Julian Barnes seinen Leser tief hineinführt in die Gefühlswelt eines Trauernden. Es sind Sätze wie dieser, die verstehbar machen, wie es Menschen in einer Verlustkrise so geht - ein großes Verdienst dieses Werkes. Dabei beginnt das Buch ganz anders, als man es sich vorstellen kann.

"Lebensstufen" von Julian Barnes besteht aus zwei Teilen, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben - vor allem der zweite Teil über die Trauer hat es in sich.    (Thomas-Achenbach-Foto)  

Denn Julian Barnes wäre nicht der Autor, der er ist, wenn er nicht auch dieses Buch - wie manch anderes - für ein Gedankenspiel genutzt hätte. "Lebensstufen" besteht aus zwei Teilen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und die Barnes erst ganz am Ende geschickt miteinander zu verknüpfen versteht. Im ersten Teil des Buches geht es ums Ballonfahren. In schlaglichtartigen Episoden beschreibt Julian Barnes die Geschichte der Ballonfliegerei, lässt die Pioniere des Fliegens ihre Missgeschicke und Heldentaten erleben, lässt uns teilhaben an geschichtlichen Ereignissen. Unterhaltsam und farbenfroh. Wer das liest, der vergisst fast, dass man sich das Buch ja wegen eines ganz anderen Themas gekauft hat.

Und dann mitten hinein ins Leid


Dann kommt der Schnitt. Und im zweiten Teil des Buches geht es um den Tod seiner Frau und um seine Gefühle in den Zeiten der Krise. Anstatt eine distanzierte Autorenrolle einzunehmen und eine Romanfigur etwas erleben zu lassen, beschreibt Julian Barnes ganz ungeschönt sein eigenes Leben. Und was er da erzählt, ist genau das, was Trauernde so erzählen. Wie sich die Freunde und Verwandten teils von ihm abgewandt haben aus lauter Unsicherheit, wie sie mit dem Verlust umgehen sollen. Wie er die unausgesprochene Weigerung, mit ihm über seine tote Frau zu reden oder sie bei ihrem Namen zu nennen, als ihr stetiges Immer-wieder-aufs-Neue-sterben erlebt. 

Englisch, trocken, ironisch - da sitzt jedes Wort


Dabei wird Barnes niemals sentimental oder gefühlsduselig, sondern bleibt immer ein ganz trockener und ironischer englischer Gentleman. Seine Sätze sind präzise und messerscharf. Jedes Wort ist feinstens ausgewählt. Das macht das Werk so lesenswert.  "Leid ist ein menschlicher Zustand, kein medizinischer", sagt er an einer Stelle - und führt exemplarisch vor, wie menschlich dieser Zustand sein kann, wie tief er einen an die existenziellen Fragen des Lebens heranführt. 

Alles ganz normal: Was Trauernde Merkwürdiges tun


Wie normal es für Trauernde ist, immer wieder auch an den eigenen Tod in Form eines Suizids zu denken, weil der Wunsch des Nachsterbenwollens aufkommt. Wie normal es für Trauernde ist, mit ihren Toten zu reden, sie in imaginären und direkten Dialogen am Alltag teilhaben zu lassen oder um Rat zufragen. All das und mehr - insofern lohnt sich das Buch sowohl für Trauernde selbst als auch für alle Menschen, die mit ihnen umzugehen haben und nach einem guten Weg dorthin suchen. Übrigens: Natürlich ließe sich das Buch auch ohne den ersten Teil lesen. 

Wer macht die Realität? Der britische Schriftsteller Julian Barnes macht die menschliche Wahrnehmung zum Thema seiner Werke.  (Alan-Edwards-/f2-images-/Verlag-Kiepenheuer-Witsch-Foto, mit fr. Genehmigung).


Allerdings dürften dem Leser dann ein paar der im zweiten Teil benutzten Bilder, Ideen und Formulierungen ein wenig merkwürdig vorkommen, weil sie direkt aus den Ballonfahrer-Sequenzen entstammen. Das Credo seines Buches legt Julian Barnes gleich im ersten Satz fest: "Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert...." - das ist typisch für Barnes. Denn die philosophische Kernfrage, ob die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, als wahr bezeichnet werden kann oder ob es unsere ganz eigene Einfärbung ist, die eine objektive Wahrheit verhindert, zieht sich durch sein gesamtes Werk. Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist auch der Roman "Vom Ende einer Geschichte", der diese Frage höchst unterhaltsam durchdekliniert. Trocken, ironisch und bemerkenswert präzise, auch dort


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Sonntag, 19. März 2017

Kreative Tipps für Trauernde - Sammeln Sie täglich ihre "Immerhins"... Eine simple, aber effektive Schreibmethoden für Menschen in einer Krise...- Denn es muss nicht gleich ein "Glückstagebuch" sein

Osnabrück - Sich jeden Tag darauf zu konzentrieren, was es an "Immerhins" gegeben hat, kann hilfreich sein. Ganz oft wird Menschen in einer Krisensituation (oder in jeder anderen Lebenslage) empfohlen, ein "Erfolgstagebuch" oder auch "Glückstagebuch" zu führen. Also: Jeden Tag das Gute oder Erreichte festzuhalten. Und auch wenn ich meine persönlichen Erfahrungen mit dieser Methode - trotz anfänglicher Skepsis - als bahnbrechend erlebt habe, kann ich gut verstehen: Für Trauernde ist dieser Sprung zu weit (Update 2020: In der Coronakrise gewiss auch). Aber es geht auch anders. Hier ein paar Tipps. 

Jedes Jahr am 20. März wird der "Internationale Weltglückstag" begangen. Ist das ein gutes Thema für einen Trauerblog? Glück und Trauer - sollte man das überhaupt zusammenbringen? Ist Menschen in einer Krisensituation überhaupt nach "Glück"? Vermutlich nicht. Muss auch gar nicht sein. Denn ganz o
ft reicht schon ein: "Dafür, dass..." Also: Ein Tagebuch zu schreiben und jeden Eintrag mit einem „Dafür, dass“ zu beginnen. Es ist die Autorin Barbara Pachl-Eberhardt - sie ist durch einen tragischen Unfall von einer Sekunde auf die andere zur Witwe sowie zur zweifach verwaisten Mutter geworden -, die in ihrem Buch "Vier minus Drei" diese wertvolle Empfehlung ausspricht. Das Geniale daran: Es wird zwar der gleiche Mechanismus benutzt, der ein "Glückstagebuch" so effizient macht (dazu später mehr), aber die Erwartungen und die Begrifflichkeiten werden viel niedrigschwelliger angesetzt. Das ist gut so und richtig so. In einer Trauerkrise ist jedes "Dafür, dass.." schon eine Menge wert. Und auch nicht immer leicht zu finden.

Ein leeres Buch, ein Stift und ein paar kleine Immerhins - kann was bringen....  (Thomas-Achenbach-Foto)

Manchmal kann so ein "Dafür, dass" auch gefolgt sein von dem Wort „immerhin“… Dann läst sich also beispielsweise ein Satz aufschreiben wie dieser: "Dafür, dass ich es derzeit fast gar nicht unter Menschen aushalte derzeit, habe ich es immerhin geschafft, einkaufen zu gehen..." Manchmal reicht auch ein zartes "Immerhin" anstelle des "Dafür, dass..." schon aus für einen Eintrag in dieses Tagebuch. Dass dadurch zu einem wirkmächtigen Instrument werden kann. Gerade für Trauernde. Warum das so ist? 


Der Trick dabei: Worauf Du achtest, das verstärkt sich


Wegen des psychologischen Tricks, den sich der Tagebuchautor - unbewusst - zunutze macht. Sich am Ende eines jeden Tages wenigstens drei Dinge notieren, die positiver gewesen sind als gedacht, hilft uns dabei, den Fokus zu verschieben. Es hilft dabei, den Fokus auf das Gute im Leben zu richten. Denn: „Beachtung bringt Verstärkung.“ So sagen es die Psychologen. Soll heißen: Das, worauf ich meinen Fokus richte, verstärkt sich dadurch automatisch selbst. 

Ein "Dafür, dass" als Frucht des Tages


Und so geht es: Man besorgt sich ein Buch mit leeren Seiten und einen Stift - oder einfach nur ein Blatt Papier. Am Ende des Tages lässt man, vielleicht vor dem Schlafengehen, das Erlebte in Gedanken noch einmal Revue passieren und notiert sich einfach alles, was besser gewesen ist als gedacht. Oder was anders gewesen ist als am Tag davor. Man sammelt alle "Immerhins" und "Dafür, dass"'s des erlebten Tages als die Früchte zusammen, die dieser Tag gebracht hat. Aber, und das ist das Wichtige: eben nur das. Das Schlechte bleibt einfach weg. Das Ganze ist also weniger ein Tagebuch als vielmehr eine Art Wahrnehmungsschule. Es hilft aber viel. Denn was dieses Training so effektiv macht, ist schnell gesagt: 

Eine Strategie gegen menschliche Programmierung


Es hebelt eine der menschlichsten Grundprogrammierungen aus, die seit Jahrhunderten in uns Menschen drinstecken. Nämlich die Fokussierung auf alles Negative. Evolutionstechnisch gesehen ist diesse Fokussierung überlebenswichtig: Wer einmal eine richtig schlechte Erfahrung gemacht hatte - zu lange dort gebadet, wo einen die wilden Tiere reißen können und nur mit Müh und Not den Bestien davongekommen -, der lernt dadurch besser. Seine Chancen auf Überlebe steigen also. Leider ist auch der moderne Mensch noch immer so gestrickt, dass er immer zuerst auf die negativen Seiten des Lebens sieht. Was heutzutage nicht mehr ganz so sinnvoll ist wie früher. Und so sind es vor allem die sehr vielen, sehr kleinen, aber irgendwie doch positiven Ereignisse des Tages, die viel, viel schneller, fast automatisch, in Vergessenheit geraten als alles andere. Einmal erlebt, ist es auch schon wieder aus der Wahrnehmung verschwunden. 

Wer nicht weiterkommt, dem helfen die Finger


Der Trick ist also, die Perspektive zu wechseln und diesen Wechsel dauerhaft zu trainieren. Sich die automatische Verstärkung der Wahrnehmung zunutze zu machen. Wer sich mit der konkreten Bewertung von Tagen schwer tut, dem hilft vielleicht eine kleine innere Checkliste, die man sich anhand einer Hand gut merken kann: D steht für Daumen oder für Denken/Lernen: Was habe ich heute Neues gelernt? Z steht für Zeigefinger oder Ziele: Bin ich heute meinen Zielen nähergekommen? M für Mittelfinger oder Mentalität/Motivation: Wann habe ich mich heute okay oder sogar gut gefühlt? Was hat mir gut getan? R steht für Ringfinger oder für Relationen/Ratgeber: Habe ich heute jemanden geholfen? Wurde mir geholfen? Hat mir jemand eine Freude gemacht? Habe ich jemandem etwas Gutes getan? 


Und nach dem Glückstag: Der Tag des Waldes


Und schließlich der kleine Finger für Körper: Was habe ich heute für meine Gesundheit getan? Habe ich mich bewegt, war ich spazieren, habe ich okay oder gut geschlafen, Sport getrieben? Gerade in akuten Krisen ist ein solches „Positiv-Training“ – wie ich es gerne nenne und seit 10 Jahren erfolgreich betreibe - hilfreich: Denn vor allem, wenn es einem gerade schlecht geht, ist es wichtig, das Gute an den Tagen herauszuarbeiten. Und sei es auch nur so etwas wie „Ich habe heute meine innere Unruhe ausgehalten“ - denn dann erst ahnt man, dass einem das vielleicht zukünftig wieder gelingen könnte. Oder wird. Dann ist der Weg zum Glück noch immer weit. Aber er lässt sich aktiver gestalten. Apropos: Jeweils einen Tag nach dem "Weltglückstag", also jeweils am 21. März, ist der "Welttag des Waldes". Vielleicht ein Anlass für einen Spaziergang an der frischen Luft ? Das könnte dann ein neues Immerhin werden... - und im Fall der Ausgangssperre lauschen wir halt den Vögeln draußen... Auch ein Immerhin.  


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