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Mittwoch, 20. Juli 2022

Wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat..... - was das mit Dir machen kann und was Du dann alles fühlen kannst - und darfst (!) - sieben Erlaubnisse und Hinweise rund um das (sehr häufige) Thema Suizid - Gefühle und Trauer nach einem Suizid

Wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat, hinterlässt er meistens ein ganzes System aus Ratlosigkeit und Verzweiflung. Da gibt es die Familie, die Freunde, die Kollegen. Je enger man mit dem Gestorbenen war, je näher man sich war, desto tiefgehender können die inneren Prozesse sein, die sich jetzt in die Seelen dieser Menschen bohren. Was da alles in einem hochkochen kann, dafür fehlt es meistens an Erfahrungen. Also tut man in seiner Ratlosigkeit oft das, was am naheliegendsten zu sein scheint: Zum Beispiel versucht man sich zu verbieten, was einen am meisten erschreckt (Wut, Aggression). Oder man suhlt sich in dem, was alles mit Sch... beginnt (Schuld, Scham). Aber wie soll es gehen - das Umgehen mit dem Suizid eines anderen? Hier sind ein paar Hinweise dazu. Und ein paar, sagen wir, Erlaubnisse. Wie zum Beispiel dieses: Du hast jedes Recht auf Dein Entsetzen, wie hartnäckig es auch sein mag!  

Ende Juli stellen die Vögel langsam ihren Gesang ein. Das ist normal: Es ist Hochsommer, ihre Frühjahrskraft ist erschöpft, der Nachwuchs ist aus dem Nest, sie müssen sich für andere Aufgaben vorbereiten. Der Hochsommer ist aber auch noch etwas anderes: Es ist die Hochphase für Suizide. Zwar hält sich hartnäckig die Annahme, dass sich vor allem in den dunklen Monaten die Menschen das Leben nehmen wollen, aber die Statistiken sprechen eine andere Sprache (wie unter anderem die Zeitung "Die Welt" berichtete). 


Irreal. Abgekapselt. In einer Blase außerhalb der Welt. So beschreiben viele Hinterbliebene ihren emotionalen Zustand nach einem Suizid (alle Fotos: Thomas Achenbach).

Kein Wunder also, dass der Sänger Chester Bennington von der Rockband Linkin Park einen Tag im Hochsommer, nämlich den 20. Juli, als Datum für seinen Suizid wählte (was übrigens mein Geburtstag ist, mehr dazu in einem anderen Blogbeitrag zum Thema Suizid und was wir präventiv tun könnten, siehe hier). Er ist nicht der einzige aus der Welt der Rockmusik, der Jahreskalender ist voll von ihren Suiziden: Keith Emerson von Emerson Lake and Palmer wählte den März als Todestag, Kurt Cobain von Nirvana erschoss sich im April, Chris Cornell von Soundgarden nahm sich Mitte Mai das Leben, und, und, und... (ACHTUNG: Wenn Du Dich selbst gerade einsam fühlst und vielleicht daran denkst, Dir etwas anzutun und diese Gedanken nicht loswirst, dann hier ein wichtiger Hinweis: Es gibt Menschen, die mit Dir darüber sprechen können, die extra dafür qualifiziert sind – Du kannst sie jederzeit anrufen oder anmailenz.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder online als Chat oder E-Mail-Beratung über die Online-Telefonseelsorge).

Es geht so vielen anderen ganz genauso

Warum ausgerechnet ich mich jetzt berufen fühle, Dir etwas zum Thema Suizid zu erzählen, Dir sogar "Erlaubnisse" zu geben? Weil ich in meiner Tätigkeit als Trauerbegleiter vor allem mit dem Thema Suizid zu tun hatte. Weil der Suizid sehr, sehr häufig vorkommt. Und weil ich auch schon mit den "Angehörigen um Suizid" habe zusammenarbeiten dürfen (ebenfalls passend zum Thema: "In meinem Mann muss es unvorstellbar dunkel gewesen sein", eine junge Frau berichtet in meinem Podcast vom Suizid ihres Mannes)...

Die Statistiken sprechen eine klare Spiele

Werfen wir einen Blick auf die Statistiken, ist der Suizid ein total alltägliches Thema. Alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben - das sind also rund 27 Tote pro Tag. Experten gehen davon aus, dass sich in Deutschland alle fünf Minuten jemand das Leben zu nehmen versucht (viele weitere Zahlen zum Thema Suizid findest Du in einem anderen Artikel auf diesem Blog). Und doch ist die Scham bei den Hinterbliebenen so groß, dass sie sich oft kaum über dieses Thema zu sprechen trauen. Was schade ist, denn es geht so vielen anderen ganz genau so! So vielen anderen! Und wir würden davon viel mehr erfahren, wenn die Menschen einfach drüber reden könnten. Deswegen ist es mir so wichtig, diese sieben Punkte aufzulisten. Sieben Impulse, die Dir vielleicht ein kleines bisschen dabei helfen zu verstehen, was jetzt gerade alles mit Dir (und in Dir) geschehen kann (aber nicht muss) - oder noch geschehen kann.

Hier sind sie:

1. Es ist normal, wenn Du (heftige) Schuldgefühle entwickelst - das geht fast allen so. In meinen Trauergruppen und in der Zusammenarbeit mit AGUS-Gruppen (den "Angehörigen um Suizid") habe ich immer wieder erlebt, dass massive Schuldgefühle eines der größten Themen sein können, mit denen sich die Betroffenen herumplagen. Nach dem Motto: Ich hätte doch etwas tun können. Ich hätte es doch verhindern müssen. All solche und andere Gedanken können so quälend werden, dass sie - wie die ganze Situation an sich - unhaushaltbar werden. Mir ist dann immer wichtig zu vermitteln, dass diese Schuldgefühle meiner Meinung nach eine ganz andere Rolle spielen. Dass es aber genauso wichtig ist, sie nicht einfach so lapidar beiseite zu wischen: In Wahrheit geht es, davon bin ich überzeugt, dabei um Ohnmacht. Wer sich der Idee hingibt, er habe ja noch etwas tun können, muss sich nicht eingestehen, wie hilflos und ohnmächtig er in Wahrheit (gewesen) ist. Wohlgemerkt: Sich schuldig zu fühlen, ist noch etwas kolossal anderes, als tatsächlich an etwas schuld zu sein. Und eine tatsächliche Schuld festzustellen ist eine Aufgabe, die selbst von einem professionellen Gericht nicht so rasch gelöst werden kann, sonst würden die Prozesse alle nicht so lange dauern. Vor allem aber erfüllen Schuldgefühle, so heftig sie auch sein mögen, in Wahrheit die oben bereits genannte Funktion. Das fühlt sich zwar immer noch, ich bitte um Entschuldigung, richtig kacke an - aber eben nicht ganz so lähmend wie eine reine Ohnmacht (die es auch geben kann). Deswegen kommen die Schuldgefühle auch meistens im Konjunktiv daher: "Ich hätte dies und jenes tun können, ich hätte doch noch diese oder jenes probieren sollen, warum habe ich nicht", und so weiter und so weiter. Wenn Deine Schuldgefühle eine überbordende Macht annehmen, unter der Du viele Monate leidest, kann das immer noch normal sein, aber es kann dann eine gute Idee sein, sich professionelle Hilfe zu holen, zum Beispiel bei Trauerbegleitern.  


Das Gefühl, dass alles in Trümmern liegt, das ganze Leben. 


2. Du darfst den gestorbenen Menschen anklagen und beschimpfen, Du musst kein schlechtes Gewissen haben deswegen. Gleichermaßen gilt aber auch: Du darfst eine unstillbare Sehnsucht nach dem gestorbenen Menschen haben. Manchmal hast Du vielleicht sogar beides gleichzeitig. Das geht. Aber wenn es die Wut ist, die gerade überhand nimmt, dann musst Du Dir diese Wut nicht verbieten. Was ein Mensch, der sich das Leben nimmt, anderen Menschen damit antut (plus die vielen anderen Dinge, mit denen dieser Mensch Dich jetzt alleinelässt, Kinder vielleicht, oder Schulden, oder Geheimnisse), ist meistens überfordernd viel. Du hast jedes Recht auf Deine Wut. Wieso auch nicht? Und auf Deine Sehnsucht. Und überhaupt auf alles, was jetzt gerade auf Dich einstürmen mag. Dass Du eine enorme Wut auf diesen Menschen entwickeln kannst, heißt nicht etwa, dass sich deine Zuneigung zu ihm verändern würde, die bleibt genauso unangetastet, wie sie vorher gewesen ist (oder wird sogar noch stärker), es kommen jetzt nur weitere und neue Gefühle zu diesem merkwürdigen Mix dazu. Das gilt es einfach zu akzeptieren und auszuhalten. Oder auch: das auszuleben. Ich kenne Menschen, die sich neben ihr Bett einen Tennisschläger gelegt haben. Damit sie immer dann, wenn die Wut kommt, auf das Bett einprügeln können. Das finde ich eine gute Strategie. Manchen hilft es auch, wenn sie einen Brief an den gestorbenen Menschen schreiben und darin alles rauslassen, was sie gerade fühlen. Diesen Brief kannst Du, wenn Du magst, nachher verbrennen oder vergraben oder an einem versteckten Ort aufbewahren. Und was nach der Wut meistens folgt - auch ganz normal -, ist der Wutkater. Wie bei Alkohol: Wer den Rausch einmal zugelassen hat, im Fall von Alkohol bitte als eine seltene Ausnahme, wird später unter seinen Folgen leiden. Kann trotzdem gut tun.

3. Du darfst Dich selbst als emotional taub erleben. Du hast jedes Recht auf diese Taubheit. Oder auf die Angst davor, jetzt selbst depressiv zu werden. Deine Taubheit kann eine sinnvolle Reaktion sein auf dieses viel zu große Andere, das jetzt auf Dich einstürmt. Im Schockzustand, den eine solche Situation auslösen kann, werden Dein Körper und Deine Seele irgendwie für sich selbst sorgen. Und beide, im Zusammenspiel, haben ein gutes inneres Sensorium dafür, was sie an Dich heranlassen können und was nicht. Es kann sein, dass diese gewaltige Überforderung nur in homöopathischen Dosen zu Dir durchdringt. Das ist in Ordnung so. Das darf so sein. Zu diesen Gefühlen der Taubheit können sich noch allerlei andere, sagen wir, Symptome dazugesellen: Alpträume, Ängste, unwirkliche oder bedrohliche Gedanken. Außerdem können sich körperliche Begleiterscheinungen zeigen: Schüttelfrost oder Kältegefühl, Apettitlosigkeit, das Gefühl von einer auch körperlichen Erstarrung. So geht es vielen anderen auch. In ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Das kann alles dazugehören, muss es nicht. Kann überraschend lange dauern, kann nach kurzer Zeit vorbei sein. Nicht selten ist es so, dass ein Mensch, der in einer so mächtigen Dunkelheit gelebt haben muss wie jemand, der sich das Leben nehmen möchte, auch sein Umfeld in eine jeweils eigene Form der Dunkelheit hineinschickt, zumindest für einen gewissen Zeitraum. Achte gut auf Dich und auf das, was in Deinem Inneren geschieht und such Dir ohne Hemmungen Hilfe, sobald Du das Gefühl hast, es könnte zu dunkel werden in Deinem Inneren (dann hilft Dir ebenfalls die Telefonseelsorge, wie oben schon beschrieben - 0800/1110111).



 

4. Du darfst die Welt nicht mehr verstehen. Unwirklich - das ist ein Wort, das im Kontext von Suizid oft fällt. Alles kommt einem unwirklich vor, nicht real, wie ein böser Traum. Es ist manchmal so, als hätte sich eine große, undurchdringliche Glocke über einen gestülpt und jegliches andere Leben ausgeschlossen. In dieser Glockenwelt zu leben ist so, als ob einen die andere Welt da draußen gar nicht mehr erreicht. Parallel dazu kann es sein, dass die Fragen im Kopf zu rotieren beginnen - und dass dieses Rotieren gar nicht mehr aufhören mag. Der Trauerforscher William Worden hat als eine der größten Aufgaben, vor die uns die Trauer stellt, das "Begreifen" definiert. Aber wie soll man begreifen können (aushalten können), was doch so unbegreiflich ist (unhaushaltbar ist)? Wer soll denn da noch die Welt verstehen können? Es ist okay, wenn Du Dich so fühlst. Vielleicht findest Du einen Ort, wo Du es in Worte fassen kannst, es aussprechen kannst oder es aufschreiben kannst. Das könnte ein guter erster Schritt sein, wenn es ginge. Vieles aufschreiben oder ein Tagebuch führen, das ist auch in anderer Hinsicht eine gute Idee: Denn auch Gedächtnislücken, Erinnerungsausfälle und ein Verlust des Kurzzeitgedächtnisses können zu diesem Prozess dazugehören.

5. Du darfst selbst jetzt nicht mehr weiter wissen. Wie solltest Du denn Antworten haben, wo Dein ganzes Leben aus tausend neuer Fragen besteht? Es ist okay und ganz normal, wenn Dein Leben erstmal im Krisenmodus bleibt. Und wenn dieser Modus eine lange Zeit in Anspruch nimmt. Dein Leben darf jetzt Chaos sein und sich verrückt anfühlen, tatsächlich ist ja genau das geschehen: Alles, was einmal gewesen ist, hat sich verschoben, es ist ver-rückt. Versuche gnädig mit Dir selbst zu sein und Dir Zeit zu geben. Was manche Menschen als hilfreich empfinden, ist, ein Skalen-Tagebuch zu führen, in dem Du Tag für Tag festhalten und beobachten kannst: Wie schlimm ist der innere Schmerz heute auf einer Skala von 1 bis 10, wie schlimm ist meine innere Verwirrung auf einer Skala von 1 bis 10, wie schlimm ist meine innere Taubheit heute auf einer Skala von 1 bis 10, und so weiter. Achte auf die feinen Nuancen und die homöopathischen Veränderungen. Jede kleine Veränderung kann ein wichtiges Immerhin sein für Deinen weiteren Weg. Worauf Du Dich aber einstellen solltest: Dass jede Veränderung zum Guten sich auch wieder ins Schlechte verwandeln kann, rasch und unerwartet. Dieses Auf und Ab, diese Wellenbewegung, ist ganz typisch für einen Trauerprozess. 



6. Du darfst jetzt alles sein, was auf -los endet: Fassungslos, ratlos, machtlos, orientierungslos, antriebslos, mutlos, haltlos, lustlos, ruhelos, hoffnungslos, kopflos, bodenlos, und sogar rücksichtslos, sogar das. Nur nicht wertlos, auch wenn Du Dir manchmal so vorkommst. Das ist das Gemeine daran, wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat: Dass es einem selbst so sehr jedes Selbstvertrauen nehmen kann. Was dann hilfreich sein kann: Sich mit anderen darüber austauschen, beispielsweise bei den Angehörigen um Suizid, die Selbsthilfegruppen betreiben. Erfahren zu dürfen, dass es anderen immerhin genauso geht (und das tut es!), kann gut tun.

7. Du darfst Dich einsam und verlassen fühlen - das geht fast allen so. Wohlgemerkt: Sich verlassen zu fühlen, ist noch etwas kolossal anderes, als tatsächlich verlassen zu sein. Du hast jedes Recht auf dieses Gefühl von Verlassensein. Aber vielleicht gelingt es Dir ja, sich innerhalb einer Gruppe - quasi gemeinsam - einsam zu fühlen, wenn Du eine passende Trauergruppen finden kannst. Deinen Freunden und Deinen Bekannten darfst Du gerne spiegeln, wie gut es Dir tun würde, immer wieder über das Erlebte zu reden (wenn Du das möchtest) und dass sie niemals eine Scheu davor haben sollten, es anzusprechen. Die meisten Menschen sind ängstlich, weil sie glauben, sie könnten damit neue Schmerzen auslösen - mach' Ihnen klar, dass das nicht so ist, wenn Du das Bedürfnis hast, über Dein Erleben zu sprechen.


   

Was Dir ebenfalls alles geschehen kann, wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat: Dass Du Dich als Versager/in in allen Lebensbelangen fühlst. Dass Du alles, was vorher gewesen ist, in Frage stellst. Dass Du das Gefühl hast, alles nicht richtig verstanden zu haben. Dass Du manchmal vielleicht regelrecht besessen bist von der Idee, nach Zeichen zu suchen, die schon vorher auf dieses kommende Ereignis hätten hindeuten können. Dass Du Dich mit allen Fragen quälst, die mit einem W beginnen: Warum gerade ich, warum gerade so, was ist der Sinn dahinter? Und noch vieles mehr. Und genau deswegen, nochmal, das ist mir ganz wichtig: Du bist mit all diesen Symptomen nicht alleine. Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland bis zu 10 000 Menschen das Leben. Zehntausend. Jedes Jahr. Rechnen wir für jeden toten Menschen drei Angehörige und einen guten Freund dazu, mal ganz vorsichtig geschätzt, macht das 400 000 Betroffene jedes Jahr. Das ist eine fette Großstadt voller Betroffene, jedes Jahr aufs Neue.

Ein weiterer ganz wichtiger Aspekt kommt dazu, wenn Du noch Familie hast (Kinder, vor allem): Du kannst - phasenweise oder langfristig - so sehr mit Dir selbst beschäftigt sein, dass Du die Trauer der Anderen nicht selbst mit auffangen kannst. Wer keine eigenen Ressourcen mehr hat, kann für andere Menschen keine Ressourcen aufbauen. Dann ist es Zeit, sich Hilfe ins Familiensystem zu holen, und jede Hilfe sollte dann bei Dir selbst beginnen.  

Jede Trauer macht einsam - man kann zusammen einsam sein


Die Verzweiflung ist hoch bei allen Menschen, die das erlebt haben. Es ist gut, dass es in Deutschland so viele Gruppen der AGUS-Initiativen gibt - es ist hilfreich, sich auszutauschen und dabei zu lernen: Ich bin immer noch einsam und ohnmächtig in meiner Trauer, denn jede Trauer ist ein einsamer Prozess und oft gekoppelt an Verzweiflung. Aber ich kann einsam sein mit anderen zusammen, die genauso einsam sind. Das kann etwas Gutes sein. 

Hier gibt es weitere Hilfe für Dich: Die "Angehörigen um Suizid" (AGUS) haben eine Broschüre verfasst, in der sich viele weitere gute Anregungen finden lassen und die es kostenlos im Internet zum Lesen und Herunterladen gibt. "Symbolhandlungen und Rituale für Hinterbliebene nach einem Suizid" heißt sie und sie ist unter diesem Link zu finden. Auf der AGUS-Website findet sich auch eine Übersicht aller im deutschsprachigen Raum aktiven Selbsthilfegruppen, vielleicht ist auch eine Gruppe in Deiner Nähe mit dabei (hier kannst Du es herausfinden)


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Sonntag, 19. Juli 2020

Warum wir immer wieder über den Suizid reden sollten: Was kann ich tun, wenn jemand sich umbringen will und was kann ich für mich tun, wenn ein Mensch sich tatsächlich das Leben genommen hat? - Die wichtigsten Fakten und Fragen rund um das Thema Suizid

Osnabrück - Können wir mehr Suizide verhindern? Ja, ich glaube, wir könnten das. Wenn wir es schafften, dieses Thema aus der Tabuzone herauszuholen. Es ist nicht hilfreich, sondern schädlich, ein Tabu aus diesem Thema zu machen! Die deutsche Regierung hat das erkannt und bastelt an der Nationalen Suizidprävention. Jedes Jahr am 10. September ist der "Welttag der Suizidprävention". Für mich selbst ist das Thema jedoch an einem ganz anderen Tag präsent: Genau an meinem Geburtstag, am 20. Juli, hat sich der Sänger Chester Bennington von "Linkin Park" vor einigen Jahren das Leben genommen. Bennington ist für die Musikwelt und für Rockfans jetzt das, was Robert Enke für den Fußball ist: Eine Ikone, dessen Tat uns alle dazu anregen sollte, noch viel mehr über den Suizid zu reden, zu wissen und zu entdecken, um vielleicht weitere verhindern zu können. Anlass genug für ein paar wichtige Fakten über den Suizid - und einen persönlichen Herzenswunsch.

Bevor wir loslegen, das ist mir ganz wichtig: Wenn Du zu den Menschen gehörst, die trotz allem, was sie versucht haben, nicht verhindern konnten, dass sich ein Mensch das Leben genommen hat, dann kann ich total verstehen, dass Du Dich vielleicht in einer totalen Ausnahmesituation befindest. Ich könnte mir vorstellen, dass Du Dich mit enormen Schuldgefühlen und Vorwürfen herumplagst. Versuch Dir das Leben nicht ganz so schwer zu machen: Es ist fast immer die Krankheit (= die Depression, die Verzweiflung), die Menschen dazu bringt, sich das Leben zu nehmen. Und dieser Trieb, dieser Wunsch, kann so viel stärker sein als du es jemals sein konntest, das kann sein, das wird immer wieder so sein, trotz allem, was wir im Folgenden besprechen werden, leider, leider, leider! Und eines darfst Du mir glauben: Du bist nicht alleine. Es gibt so viele Menschen, denen es so geht wie Dir, frag alleine mal die Angehörigen um Suizid, die gibt es bestimmt auch in Deiner Region (wenn es Dir so gehen sollte, findest Du vielleicht in diesem Artikel oder in diesem Artikel auf meinen Blog Impulse für Dich...).

So oder so - ob Du zu denen gehörst, die es schon erleben mussten oder zu denen, denen es bislang erspart geblieben ist: Es gibt so viel Wichtiges zu wissen über das Thema Suizid. Für alle. Für uns als Gesellschaft. Darum soll es nun gehen (ebenfalls passend zum Thema: "In meinem Mann muss es unvorstellbar dunkel gewesen sein", eine junge Frau berichtet in meinem Podcast vom Suizid ihres Mannes)... 

Suizid ist keinesfalls ein Rand- oder Nischenthema


Das Wichtigste vorweg: Der Suizid kommt viel, viel, viel häufiger vor als man so denkt. Er ist nicht etwa ein Rand- und Nischenthema, sondern, schon rein statistisch gesehen, eine der allerhäufigsten Todesursachen - in Deutschland und in der ganzen Welt. Rund 9400 Menschen haben sich in Deutschland im Jahr 2018 "erfolgreich" das Leben genommen, ein hässliches Wort in diesem Zusammenhang, aber die Dunkelziffer der Versuche ist enorm hoch. Experten gehen davon aus, dass sich alle fünf Minuten jemand in Deutschland das Leben zu nehmen versucht. 


Mehr Tote durch Suizid als durch Unfälle


Die Zahlenangaben stammen vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm, einem Netzwerk, in dem rund 90 Insititutionen zusammengeschlossen sind (sie finden sich auch bei der Initiative "Freunde für das Leben"). In Deutschland sterben damit genausoviele Menschen durch einen Suizid wie durch Verkehrsunfälle plus Drogenmissbrauch plus Gewaltakte plus Aids zusammengenommen, heißt es dort weiter. Auch in den verschiedensten Trauergruppen, die ich habe leiten und begleiten dürfen, war der Suizid immer wieder Thema. Eine Selbstanklage wie "Ich hätte es doch sehen müssen!" ist da keine Seltenheit.

(Alle Fotos, soweit nicht anders gekennzeichnet: Thomas Achenbach)


Und doch halten sich, was das Thema Suizid angeht, immer noch allerlei Vermutungen und allerlei behauptete Fakten, die längst widerlegt sind und sich als falsch herausgestellt haben (Achtung: diese hier richten sich jetzt vor allem an die Menschen, die noch nicht erleben mussten, dass sich jemand das Leben genommen hat - weiter unten in diesem Text finden all jene Betroffenen auch Impulse und Anregungen für sich...!):  

Falsch ist: 
Ich darf einen Menschen auf keinen Fall darauf ansprechen, das birgt Gefahren

Falsch ist: 
Wer über einen Suizid redet, der wird sich automatisch auch das Leben nehmen

Falsch ist: 
Wenn ich jemanden auf meine Vermutung anspreche, treibe ich ihn in den Tod

Falsch ist: 
Wenn Du selbst dran denkst, es zu tun, gibt es für Dich keine Hilfe mehr (doch!)

Falsch ist: 
Wessen Depressionen so hart sind, dass er daran denkt, ist nicht behandelbar

Falsch ist: 
Wer an einen Suizid denkt, der will unbedingt sterben !

Falsch ist: 
Wer sich einen Suizid vorgenommen hat, ist nicht mehr davon abzubringen

Diesen letzten Satz möchte ich gerne noch einmal wiederholen, weil er mir so wichtig ist. "Falsch ist: Wer sich einen Suizid vorgenommen hat, ist nicht mehr davon abzubringen". Es gibt im Grunde zwei Sorten von Suizidwilligen: Diejenigen, die den Gedanken lange mit sich herumtragen, die ihren Suizid regelrecht planen - bei ihnen ist es zugegebenermaßen besonders schwer, sie davon abzubringen, auch wenn wir davon ausgehen, dass es die Krankheit ist (= Depression), die aus ihnen spricht, und nicht der Menschen dahinter. Und es gibt die Affekthandlungen, die aus einem akuten Anfall von Verzweiflung resultieren. 


Ängste, Verzweiflung, Kündigungen - und, und, und....


Deswegen kann es so wichtig sein, darüber zu reden.  Manchmal ist es alleine eine alles überflutende Verzweiflung, die einen Menschen dazu verleitet, mit dem Gedanken an einen Suizid zu liebäugeln, zum Beispiel der Verlust eines Arbeitsplatzes, der Verlust eines anderen Menschen, eine schwere Krankheit (oder die Angst davor) oder die Angst vor finanziellen Verlusten, beispielsweise. Gelegentlich kommen auch die Angst vor Einsamkeit oder der Verlust von Körperfunktionen als Motive vor. Meistens sind es jedoch Depressionen, die zu einem Suizid führen. Diese sind, ebenso wie temporäre Zustände einer großen Verzweiflung, durchaus behandelbar. Wenn...




Ja, wenn sie rechtzeitig erkannt werden und die richtigen Schritte eingeleitet werden können. Deswegen haben sich die Angehörigen um den Fußballer Robert Enke, der im November 2009 vor einen fahrenden Zug gesprungen ist, zur Aufgabe gemacht, mit der Robert-Enke-Stiftung über Depressionen aufzuklären und mögliche Behandlungsmethoden zu unterstützen. Und auch die Witwe von Chester Bennington, Talinda, macht immer wieder mit Aktionen auf das Thema aufmerksam - denn bei Chester Bennington war bekannt, dass er sein ganzes Leben lang an Depressionen gelitten hat. 


Theresa Enke: "Es wird immer wichtiger, darüber zu sprechen!"


Die Witwe von Robert Enke, seine Frau Theresa, sagt deswegen auch: „Für Menschen mit Depressionen und die Aufklärung über die Krankheit kämpfe ich jetzt schon seit über zehn Jahren. Es ist mein Eindruck, dass es immer wichtiger wird, über das Thema zu sprechen. Und diese Wichtigkeit erkennen mehr und mehr Menschen."


Robert Enke mit seiner Tochter Lara - sie starb im September 2006 mit zwei Jahren an einem Herzfehler, der Fußballer nahm sich 2009 sein Leben (Foto: Udo Wegner/Robert-Enke-Stiftung, mit freundlicher Genehmigung)

Ich bin mir aber auch bewusst, was ein solcher Satz wie "Wer sich einen Suizid vorgenommen hat, der ist vielleicht noch davon abzubringen" bei all jenen Angehörigen an zusätzlichem Schmerz auslösen kann, die einen Menschen durch Suizid verloren haben - und wer eine Ahnung davon haben möchte, wie heftig dieser Schmerz werden kann, dem sei der sehr sehenswerte Spielfilm "Der letzte schöne Tag" ans Herz gelegt (hier geht es zu meiner Rezension dieses Films). Eines der größten und immer wiederkehrenden Themen ist die Schuld. Aber das ist ein anderes, wenn auch sehr wichtiges, Thema, dem ich an anderer Stelle einen Beitrag auf diesem Blog gewidmet habe. Zurück zum Suizid.  

Jeder dritte Notarzteinsatz in Deutschland ist ein Suizid


Hier sind noch mehr wichtige Fakten zum Thema Suizid, über die wir reden sollten - und die uns zeigen, warum es so wichtig ist, dass bei diesem Thema ganz viele Menschen aufgeklärt sind und aufgeklärt bleiben über die Möglichkeiten: 

- Alle 53 Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch durch einen Suizid
- Das sind jedoch nur jene, bei denen tatsächlich auch der Tod eingetreten ist
- Experten gehen davon aus, dass alle fünf Minuten jemand einen Suizid versucht
- Es gibt jedes Jahr rund 100000 Suizidversuche in Deutschland
- Nochmal, als Wort: Einhunderttausend, jedes Jahr.
- Jeder dritte Notarzteinsatz in Deutschland ist wegen eines Suizidversuchs nötig
- Es gibt bei uns jedes Jahr rund 800 so genannte Schienensuizide 
- Das sind mehr als 2 Schienensuizide pro Tag
- Nur 35 Prozent der von Depressionen Betroffenen suchen professionelle Hilfe

(All diese Fakten und mehr finden sich z. B. beim Bundesverband Verwaiste Eltern)

Oder anders gesagt: Es handelt sich nicht etwa um ein Tabuthema, sondern schlicht um beschissenen Alltag. Sterbensalltag, wenn Du so willst. Aber anders als bei Unfällen: Um ein Sterben, das hätte verhindert werden können. Und genau deswegen finde ich es so wichtig, den Fokus umzudrehen, ausnahmsweise einmal weg von der Trauer und der Betroffenheit - so wie es auch die Stiftungen rund um Teresa Enke und Talinda Bennington getan haben - und stattdessen die Frage zu beleuchten: Wie können wir erkennen, ob sich jemand das Leben nehmen möchte oder nicht? Was können wir dann tun?




Richtig ist: Ja, es gibt Anzeichen. Richtig ist aber auch: Sie sind nicht immer leicht zu erkennen. Und was das Gemeinste ist im Kontext von Suizid: Ganz oft werden die Menschen, die sich wirklich das Leben nehmen wollen, in den letzten Stunden oder Tagen vor ihrer Tat ganz ruhig und ganz gelassen. Weil sie jetzt genau wissen, dass sie es tun werden und wie und wann. Nur dass das nach außen hin einen ganz anderen Eindruck macht. Dann denken sich die sie begleitenden Menschen und Angehörigen, die sich vorher so große Sorgen gemacht haben: Ach, die Verzweiflung ist ja offenbar nicht mehr so groß, es ist ja vielleicht doch alles wieder in Ordnung... Und dann trifft es sie umso härter, wenn sie vom Tod erfahren müssen. Das ist brutal. Was aber wenigstens genauso gemein ist: 

Sich verantwortlich zu fühlen für andere ist Überforderung!


Man kann suizidgefährdeten Menschen tatsächlich nur dann helfen, wenn sie auch bereit sind, sich auf diese Hilfe einzulassen, es ist aber trotzdem enorm wichtig, es zu versuchen. Ganz wichtig ist jedenfalls, die Menschen darauf anzusprechen und ihnen zu vermitteln, dass es viele Anlaufstellen und Telefonhotlines gibt, die für Suizidwillige zum Gespräch bereitstehen können, mit Menschen, die speziell dafür geschult worden sind und die das auch schon öfter gemacht haben (Telefon 0800/111-0-111  oder Telefon 0800/111-0-222, beide sind aus dem Festnetz kostenlos!) und dass es viele andere Möglichkeiten gibt, sich professionell helfen zu lassen. Auch in der Akutsituation, übrigens. 

Es gibt Warnsignale, aber wie erkennen wir sie?


Die Warnsignale sind allerdings nicht immer als solche zu erkennen, sie zeigen sich nicht so eindeutig, wie sie sich lesen. Zu den Signalen könnten, aber müssen auch nicht, diese folgenden gehören: 

- Sozialer Rückzug vor Freunden, Familie, Kollegen, das Vermeiden von Kontakt
- Aggressives Verhalten, gesteigerte Wut oder Impulslosigkeit ("männliche Depression")
- Gesteigerter Konsum von Suchtmitteln wie Alkohol, Drogen, Zigaretten etc.
- Leichte Reizbarkeit
- Erhöhte/ständige Müdigkeit oder das Gegenteil davon: Rastlosigkeit, Hyperaktivität 
- Ein allgemeiner Interessenverlust an geschätzten Gegenständen/Gewohnheiten etc.
- Stark veränderte Essens-/Schlaf- oder Alltagsgewohnheiten
- Die betroffene Person macht einen "dumpfen" Eindruck, wirkt teilnahmslos/er
- Die allgemeinen Leistungen in Beruf, Schule oder im Alltag werden schlechter 
- Humor, Empathie und die allgemeine Lebenslust scheinen abgesunken zu sein
- Entscheidungen zu treffen fällt der betroffenen Person schwerer
- Es gibt Äußerungen, die auf Gefühle von Wertlosigkeit/Hoffnungslosigkeit hindeuten
- Es hat zuvor eine Trennung gegeben, die den Betroffenen stark mitgenommen hat
- Wenn jemand anfängt, auffallend viel Tabletten oder andere Medikamente zu kaufen
- Massivstes Alarmzeichen: Wenn jemand von einem Plan spricht, wie er es tun will

Und übrigens, wie ich es für mein Buch "Männer trauern anders" recherchiert habe: 75 % der Menschen, deren Suizidversuch tatsächlich mit dem Tod endet, sind männlich.

Aber was kann man dann tun? 

Das Wichtigste ist, erstens, dass Du den Menschen davon erzählst, dass es Hilfe gibt, auch wenn sie darauf eigentlich immer ablehnend reagieren. Das gehört dazu, das macht nichts, bleib trotzdem dran, erwarte keine Wunder, aber versuch trotzdem Zuversicht zu vermitteln. Erzähl diesen Menschen, dass es professionelle Hotlines gibt, betrieben von Menschen, die genau dafür ausgebildet worden sind, mit Menschen zu sprechen, die sich das Leben nehmen wollen. Das Zweitwichtigste ist aber auch, dass Du Du für Dich selbst und für Deinen inneren Schutz sorgst - sich plötzlich in einer Situation zu befinden, in der man sich für das Leben eines anderen Menschen (quasi) verantwortlich fühlen muss, ist eine massive Überforderung. Das fühlt sich scheiße an. Je besschissener, desto mehr Hilfe könntest Du (später) selbst in Anspruch nehmen, auch dafür gibt es Angebote. 


Und ebenfalls ganz wichtig, drittens: Wenn Du das Gefühl hast, es ist wirklich eine Gefahr im Verzug, eine aktuelle und akute, dann kannst Du jederzeit einfach die 112 anrufen! Das geht von jedem Handy, in der Regel auch ohne Karte. Oder Du bringst den betroffenen Menschen selbst zu einem Arzt oder in ein psychiatrisch/psychologisches Krankenhaus, das ist dort absolut nicht ungewöhnlich und man wird Euch dort helfen können. 

Hättest also Chester Benningtons Suizid verhindert werden können? Oder: Hättest Du den Suizid, den Du vielleicht erleben musstest, irgendwie verhindern können? Sagen wir es mal so: Selbst wenn es vielleicht sogar eine Chance dafür gegeben hätte, wäre sie klein gewesen, sehr klein, und hätte rechtzeitig erkannt werden müssen. Im Rückblick ist das immer sehr viel leichter. Aber bleiben wir einmal bei Chester Bennington: Wenn wir heute seine Songtexte lesen, all diese wütenden, gleichsam anklagenden wie in sich gekehrten Texte, die Tausende von Fans mit ihm gemeinsam rausgebrüllt haben bei jedem Konzert, Texte, die so voller Verzweiflung sind und voller Wut - ja, dann hätten wir das vielleicht schon eher erkennen können. Wir alle, irgendwie. Ganz besonders bei einem seiner letzten Lieder: One More Light.

"One More Light" ist auch einem Suizidianten gewidmet


Veröffentlicht am 19. Mai 2017, kam das gleichnamige Album von Linkin Park genau einen Tag nach dem Suizid eines ebenfalls sehr berühmten Sängers auf den Markt, nämlich Chris Cornell von Soundgarden. Der wiederum war einer der besten Freunde Chester Benningtons, der unter dem Tod seines Freundes massiv gelitten hat. Bei einem Auftritt für die TV-Show "Jimmy Kimmel" ist zu erleben, wie Linkin Park dieses Lied, "One More Light", singen und es zu Beginn dem frisch gestorbenen Chris Cornell widmen - kurz vor Ende des Songs bricht Chester Bennington die Stimme, aber er fängt sich gerade noch rechtzeitig und macht weiter. In dem Lied, einer hymnischen Pop-Ballade, die zu Herzen gehen kann, heißt es, ins Deutsche übersetzt: "Wer macht sich schon was draus, wenn ein weiteres Licht ausgeht, in diesem riesigen Himmel voller Millionen Sterne?" Und später dann: "Ich mache mir was draus!" (Who cares if one more light goes out, in a sky of a million stars... - well, i do...).

Nur zwei Monate später nahm Chester Bennington sich das Leben. Genauso wie es sein bester Freund getan hatte: Indem er sich erhängte. Seiner eigenen Liedzeile hat er nicht mehr glauben können. Die Botschaft, dass das Verlöschen dieses Lichts, seines Lebenslichts, irgendjemandem etwas bedeuten könnte, hat ihn seelisch nicht mehr erreichen können. Aber es bedeutete den Menschen etwas. Und nicht bloß einem. 

Sondern tausenden.

Jedes Jahr am 20. Juli: Chester Benningtons Todestag. Mein Geburtstag. Und mein Herzenswunsch an alle: Redet darüber, redet darüber.

Redet darüber.

Wichtig: Wer tatsächlich an einen Suizid denkt und diese Gedanken nicht loswird, findet kostenlose und anonyme Hilfe z.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder als E-Mail-Beratung über die Internetseite www.telefonseelsorge.de

Mehr Informationen: Was der Suizid eines Menschen alles mit den Hinterbliebenen machen kann, dazu findest Du sieben Impulse in einem weiteren Artikel auf meinem Blog - Thema: Trauer und Gefühle nach einem Suizid.


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