Montag, 21. September 2020

Es gibt so etwas wie "Trauer um anderes als den Tod" - und der Film "Kindeswohl" nach der Romanvorlage von Ian Mc Ewan lässt sich meiner Meinung nach noch besser verstehen, wenn man ihn unter diesem Aspekt betrachtet - warum einer der letzten Sätze dieses Films den zentralen Schlüsselsatz bildet, der einen anderen Zugang anbietet - Interpretation und Erklärung zum Film "Kindeswohl"

Osnabrück - Vor kurzem habe ich ein ganzes Wochenendseminar rund um das Thema "Trauer um anderes als den Tod" miterleben dürfen, das mir viele neue Facetten aufgezeigt hat. Natürlich gibt es eine solche Trauer - in vielerlei Ausprägungen -, und natürlich steht sie zu selten im Fokus: Die Trauer um Arbeitsplätze, die man einmal innehatte; um Freunde, die sich von einem abgekehrt haben; um das ungelebte Leben, das man sich einmal erträumt hatte, etc. etc. - die Liste ließe sich beliebig verlängern. Ein Film (und ein Roman), der dieses Thema sehr geschickt auf vielerlei Ebenen durchdekliniert, ist "Kindeswohl" von Ian Mc Ewan. Und bevor ich in Kürze hier eine ganze Artikelserie über Trauerfilme beginne, möchte ich ein paar Zeilen über diesen Film verlieren. Die meisten Kritiker und vielleicht auch Zuschauer haben sich diesen Film bzw. den Roman nicht über die Trauer als Zugang erschlossen - dennoch bietet es sich an. Auch wenn "Kindeswohl" eben kein klassischer Trauerstoff ist, weil er keine klassische Trauer beschreibt.

Eines muss am Anfang gleich gesagt sein: Wer den Film noch sehen möchte, oder das Buch noch lesen, sollte jetzt aufhören zu lesen. Die kommenden Zeilen stecken voller massiver Spoiler, die einem den Genuss vermiesen könnten. Denn "Kindeswohl" besteht erzählerisch gesehen aus zwei Hälften, von denen die zweite einige überraschende Wendungen mit sich bringt. Nicht wenige Kritiker machen das dem Film übrigens zum Vorwurf: Dass er seine beiden Hälften nicht in Einklang zu bringen verstehe und somit auseinanderbreche. Eine Kritik, die sich wiederum anders betrachten lässt, wenn man den Film einmal unter dem Aspekt der Trauer analysiert. Was sowohl der Film als auch das zugrundeliegende Buch (das ich nicht gelesen habe) anbieten. Aber der Reihe nach.


"Kindeswohl" ist derzeit auf DVD und per Streaming,. z. B. via Amazon, verfügbar (Repro: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Die britische Familienrichterin Fiona Maye ist beruflich enorm erfolgreich und angesehen, weil sie ihre kniffligen Fälle besonnen zu lösen versteht, bei denen es nicht selten um Fragen nach Leben oder Tod geht. Gleich zu Beginn dieser Geschichte hat sie über die Frage zu entscheiden, ob ein Paar siamesischer Zwillinge voneinander getrennt werden sollten oder nicht. Ihre Ehe hat jedoch darunter gelitten. Mit ihrem Mann Jack hat sie weder ein Kind, noch gemeinsame Hobbies. Ihre größte Leidenschaft, das Musizieren und Singen, übt sie mit einem befreundeten Rechtsanwalt aus - und für das Tennisdoppel mit ihrem Mann und einem befreundeten Paar fehlt ihr wegen beruflicher Verpflichtungen die Zeit. Auch die Sexualität ist zum Erliegen gekommen. Weswegen sie ihr Mann schon bald zu Beginn der Geschichte vor vollendete Tatsachen stellt: Er werde jetzt eine Affäre mit einer jüngeren Frau beginnen, verkündet Jack im Hausflur. Nur wenige Augenblicke später hat Fiona Maye über einen neuen kniffligen Fall zu entscheiden: Ein 17-jähriger Junge liegt mit Leukämie im Krankenhaus und könnte gerettet werden - wenn er eine Bluttransfusion bekäme. Doch genau das wollen weder die Eltern noch der Junge selbst. Als tiefgläubige Zeugen Jehovas sind sie überzeugt davon, dass alleine im Blut die Seele liegt und dass diese auszutauschen eine Sünde ist. Auch der Junge selbst wolle nicht gerettet werden, sondern lieber sterben, heißt es im Gericht.

 Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Noch mitten in dem nach außen kaum sichtbaren Gefühlschaos, das die Ankündigung ihres Mannes in ihr ausgelöst hat, unternimmt Fiona Maye einen ungewöhnlichen Schritt: Um sich von der Entschlossenheit des Jungen ein eigenes Bild machen zu können, besucht sie ihn im Krankenhaus. Der Besuch nimmt eine überraschende Wendung, die für den 17-jährigen zum Rettungsanker wird, ohne dass Fiona das in dieser Tiefe ahnen könnte. Sie ordnet eine Bluttransfusion an. Und schon beginnt die zweite Hälfte des Films. Denn was der gerettete Junge nun in ihr zu sehen beginnt, kann Fiona ihm nicht geben: Es ist eine seltsame Mischung aus Wahlmutter - und gleichsam einer Geliebten. Wo würde dieser 17-Jährige wohl das für ihn optimale "Kindeswohl" erleben können - bei seinen leiblichen Eltern, die ihn aus Glaubensüberzeugung in den sicheren Tod geschickt hätten, oder bei der selbst gewählten Wuschmutter, die ihn jedoch ablehnen muss? Und: Muss sie ihn wirklich ablehnen? Kommt Fiona Maye nicht vielleicht selbst ins Zweifeln, ob sie das Angebot nicht doch annehmen dürfte - ein fast erwachsenes Adoptivkind geschenkt zu bekommen? Doch mit der baldigen Rückkehr der Leukämie erreicht das moralische Dilemma seinen Höhepunkt. Am Ende stirbt der Junge, diesmal, weil er sich selbst dafür entschieden hat, wenn auch aus anderen als den religiösen Gründen. Und weil er inzwischen 18 geworden ist, hat das Krankenhaus seinen Willen diesmal zu respektieren. 

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Vordergründig geht es in "Kindeswohl" um die Frage, welche Konsequenzen unsere Entscheidungen in Beruf und Leben haben, wie eng sie mit- und ineinander verwebt sind, wie sie sich gegenseitig bedingen - und ob wir jemals fähig sein können, die ganze Bandbreite der Konsequenzen vorab überblicken zu können, geschweige denn sie tragen zu können. Parallel geht es um die schwierige Frage, was ethisch gesehen höher zu bewerten ist: Das Leben eines Menschen oder seine Würde. "Nach meiner Überzeugung ist sein Leben mehr wert", sagt Fiona Maye in ihrer Urteilsbegründung. Doch so sehr diese Fragen im Vordergrund stehen, bietet der Film auch eine zusätzliche Meta-Ebene an, die entdeckt werden möchte.

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Denn es gibt zwei markante Schlüsselszenen in diesem Film, von denen sich die erste nicht sofort als solche aufdrängt. Da bekommt das sich gerade mitten in der Ehekrise befindende Paar nämlich Besuch von zwei Kindern. Es sind die beiden Neffen von Jack, die sich für eine Nacht bei den Mayes einquartieren und sich wundern, warum denn ihr Onkel Jack in einem anderen Zimmer schlafen muss. "Dummerchen, weil er so schrecklich schnarcht", gibt einer der beiden Jungen die seiner Meinung nach einzig mögliche Erklärung. Aber das ist nicht das Entscheidende an dieser Szene. Das Entscheidende ist die Verwandlung des zuvor so besonnenen, kontrollierten, fast kühlen Jacks in einen ebenso wilden wie lustigen wie kindlichen Superonkel. Und in dieser Verwandlung liegt der Schlüssel zu dieser ansonsten ziemlich überflüssigen Szene - sie führt uns vor Augen, wie gerne Jack ein Vater gewesen wäre. Und was für ein guter Vater er geworden wäre. Es geht um die verpassten Chancen, die das Paar vielleicht einmal gehabt hatte. Es geht um den Eisberg, der sich im Laufe der Jahre unterhalb der ehelichen Wasseroberfläche immer weiter ausgebreitet hat.

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Die zweite Schlüsselszene ist das Ende des Films. Von der Todesnachricht des Jungen tief getroffen, sagt Fiona Maye: "Was für eine Verschwendung!" ("Such a waste!"). Es ist dieser eine Satz, an dem ich sehr lange hängengeblieben bin. Es ist dieser eine Satz, dessen Bedeutung erstmal durchdrungen sein will. Es werde nicht ganz klar, was sie damit meint, kritisierte beispielsweise der Rezensent der Hannoverschen Allgemeinen in seiner Filmbesprechung. Es ist ein kurzer Satz, aber er hat es in sich. Denn er bezieht sich nicht alleine auf das Leben des gestorbenen Jungen, sondern parallel auf alle anderen Themen dieser Geschichte. Es ist dieser eine Satz, der das Grundthema der Geschichte charakterisiert: Die Trauer um alles, nicht alleine nur um den Tod, auch um alles andere. Die Trauer um die Elternschaft, die Fiona und Jack niemals hatten und nicht mehr haben werden. Die Trauer um die Rolle als eine Mutter, die Fiona kurzzeitig angeboten bekommen hat. Die Trauer um die Gemeinsamkeiten als Paar, um das Verbindende, um ein gemeinsames Projekt. Die Trauer um all diese nicht genutzten Möglichkeiten und Talente. Die Trauer um Wege, die man nicht gegangen ist, Abbiegungen, die man nicht genommen hat. Und die über allem stehende Frage:

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Wieviel Scheitern steckt in einem vermeintlich so erfolgreichen Lebensentwurf? Gibt es Lebensentwürfe ohne ein Scheitern darin? Oder steckt nicht in jedem einzelnen Tag auch ein bisschen Verschwendung drin? Es geht in "Kindeswohl" um all unsere Lebenswege, jene, die wir gehen, und jene, die wir nicht gehen. Und es geht darum, dass sich hinter jeder persönlichen Entscheidung auch die Trauer um den Weg verbirgt, den wir nicht zu gehen entschieden haben. Was wir jeden Tag tun, im Kleinen, manchmal im Großen.

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Was den Film übrigens unbedingt sehenswert macht, ist seine weibliche Hauptdarstellerin: Wie es Emma Thompson gelingt, in kleinen Nuancen die sich anbahnende innere Verzweiflung ihrer Rolle anzudeuten und ihre Vielschichtigkeit auszuloten, die wachsenden Zweifel an ihrer Lebensentwicklung und den getroffenen Entscheidungen, ist große Schauspielkunst. In Kombination mit dem meiner Meinung nach zu unterschätzten Stanley Tucci wird ein intensives Kammerspiel aus diesem Stoff. In einer weiteren Schlüsselszene des Films ist das Musizieren, bei dem Fiona Maye einen emotionalen Zusammenbruch erleidet und dennoch soweit als irgendwie möglich die britisch-distinguierte Fassung bewahrt. An dieser Stelle angekommen, zeigt der Film seine größten Stärken. Auch wenn sich die meisten Kritiker schließlich einig waren, dass das zugrundeliegende Buch wesentlich gelungener ist als seine Leinwandversion. Sei's drum: Als Kammerspiel zweier großartiger Schauspieler - sehenswert. Als kleine Studie darüber, wieviel Verschwendung in unser täglicher Entscheidungswelten stecken - ebenfalls. 

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder über dieses Thema zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

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Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

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Sonntag, 13. September 2020

Angehörige beim Sterben begleiten - worauf es ankommt: Die 7 spannendsten Lehren eines "Letzte-Hilfe-Kurses"... Was bei einem "Letzte-Hilfe-Kurs" alles unterrichtet wird und warum das genauso wichtig wie Erste Hilfe - Warum rasselnde Atmung nichts Schlimmes ist und warum Sterbende nichts mehr zu essen und trinken benötigen

Osnabrück - Was hat denn Sterbebegleitung mit Prosecco zu tun? Wie passt das zusammen? Eine Ahnung davon hat mir mein erster Kurs in Letzter Hilfe gegeben. Okay, zugegeben, wegen der Coronakrise gab es diesmal keinen Prosecco - und es war auch sonst alles ein bisschen anders als vorher -, aber lehrreich war es so oder so. Schon seit langem wollte ich einen dieser Kurse absolviert haben, die seit 2015 bundesweit angeboten werden und immer beliebter werden. Eine Zeitlang habe ich sogar selbst versucht, diese Letzte-Hilfe-Kurse in Zusammenarbeit mit anderen Anbietern in die Region Osnabrück zu holen, weil mir das Thema so wichtig ist. Dann war das Hospiz Osnabrück aber schneller und nahm die Kurse für seine neu gegründete Akademie mit ins Programm. Zum Glück. Denn so konnte ich ganz entspannt in meiner eigenen Heimatstadt einen Letzte-Hilfe-Kurs absolvieren, nachdem ich dafür schon beinahe nach Bremen oder Hamburg gefahren wäre. 

Die meisten Menschen wollen am liebsten zuhause bzw. in ihrem vertrauten Umfeld bleiben, wenn es an ihr Sterben geht. Und doch ist die Sterberealität in Deutschland eine ganz andere: Meistens im Krankenhaus, höchstens vielleicht in einem Hospiz, so sterben bei uns die Menschen. Das liegt auch daran, dass heutzutage kaum jemand etwas über das Sterben weiß und sich eine eigene Betreuung daheim kaum zutraut. Das macht Angst. Wie ist das - sterben? Was passiert dann? Früher einmal wurde das Wissen darüber in den Familien weitergegeben, früher einmal gehörte das Sterben daheim einfach dazu (auch natürlich, weil es weniger professionelle Hilfe gab). Wer sich über das Sterben schlau machen möchte, an einem kurzen und kompakten Nachmittag, der kann einen Letzte-Hilfe-Kurs besuchen. Entwickelt von dem deutschen Palliativmediziner Georg Bollig aus Schleswig-Holstein, unterliegen diese Kurse einer strikten Qualitätskontrolle und einem strengen Ausbildungsprinzip - sprich: sie sind in ganz Deutschland überall gleich. 


Nicht gewusst: Die Hand halten ist nicht immer gut


Aufgeteilt sind diese Kurse in vier Module von je etwa 45 Minuten, durchgeführt werden sie immer von zwei Dozentinnen bzw. Dozenten, wobei eine/r davon immer aus der Pflege kommen muss, so lauten die Anforderungen. Und auch für mich, der ich mich fast jeden Tag mit den Themen Tod, Trauer und Sterben beschäftige, gab es viel Neues und viel Spannendes dabei zu entdecken. Hier sind in einer rein subjektiven Auswahl die für mich sieben wichtigsten Erkenntnisse (von vielen Erkenntnissen):


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

1. Einem Sterbenden die Hand zu halten oder zu streicheln, ist oft nicht hilfreich. Sterbenden Menschen kann es unter Umständen gehen wie Menschen mit einer Demenz-Erkrankung: Erstens können Körperteile, die weiter vom eigentlichen Rumpf entfernt liegen, oft gar nicht mehr wahrgenommen werden, also nicht mehr gespürt werden, zweitens kann das Streicheln von Armen oder Händen mit seiner Bewegung eines ständigen Hin und Hers als besonders unruhig erlebt werden. Deswegen kann es besser sein, einen Sterbenden an der Schulter zu berühren und die eigene Hand dort in einem ebenso zärtlichen wie festen Griff ruhen zu lassen. Das bedeutet nicht nur für die Angehörigen ein Umdenken - sondern vor allem für die deutsche Presselandschaft. Denn die benutzt zur Illustration des Themas Sterbebegleitung schon seit Jahrzehnten ein immergleiches Motiv (und meistens übrigens ein- und dasselbe Bild): Eine junge Hand hält eine erkennbar schwache alte Hand.   

2. Auf Palliativstationen geht es nicht ums Sterben: Es geht um Stabilisierung. Viele Krankenhäuser in Deutschland haben inzwischen eine Palliativstation eingerichtet. Und auch wenn die meisten Menschen noch nicht wirklich eine Ahnung davon haben, was dort genau geschieht (also die Menschen außerhalb des Hospiz-/Trauer-Kontextes), so spricht sich immer mehr herum, dass es sich bei Palliativstationen um Sterbestationen handelt. Weil die "irgendwie so funktionieren wie eine Art Hospiz". So ungefähr. Das ist aber nur zum Teil richtig: Zwar ist die Geschichte der Palliativstationen eng gekoppelt an die Hospizbewegung rund um deren Gründerin Cicely Saunders. Und doch heißt es wörtlich in einem Letzte-Hilfe-Kurs: "Das erste Ansinnen einer Palliativstation war immer, die Patienten erstmal zu stabilisieren mit dem Ziel, auch wieder zu entlassen". Eine gute palliative Versorgung ist nämlich nach einer solchen Stabilisierung auch an anderen Orten möglich: Zuhause, zum Beispiel, in Form einer ambulanten Versorgung. Oder eben in einem Hospiz, was den Vorteil hat, dass dort noch weniger Krankenhausatmosphäre herrscht. Bei einer palliativen Versorgung geht es übrigens immer um das Thema Lebensqualität: Das Leiden zu lindern, aber nicht mehr alleine auf Gesundwerdung als oberstes Ziel zu setzen (wenn diese Gesundwerdung mit einer immer eingeschränkteren Lebensqualität einherginge), das steht dabei im Vordergrund. Es geht darum, das Sterben zulassen zu können - und es nicht mit aller Macht verhindern zu wollen.


3. Die größten Beschwerden am Ende des Lebens können eher seelischer Natur sein, weniger körperlicher Natur. Ein fester Bestandteil eines solchen Letzte-Hilfe-Kurses ist die Auflistung der möglichen Leiden, die während eines Sterbeprozesses auftreten können. Betrachtet man diese Liste genau, fällt einem auf: Es sind nur zu etwa 25 Prozent körperliche Beschwerden darauf zu finden. Vor allem aber sind es seelische Beschwerden, die auftreten können. Hätte ich ehrlich gesagt anders eingeschätzt. Es ist das Verdienst der Palliativbewegung, das sie auch diese seelischen Leiden überhaupt mit einbezieht. Auch das geht zurück auf die Hospizikone Cicely Saunders, die dafür den Begriff der „Total Pain“ eingeführt hat. Soll heißen: Gerade bei einem sterbenden Menschen müssen wir alle weiteren schmerzenden Faktoren außerhalb der rein körperlichen mitberücksichtigen. Das könnten z. B. soziale, seelische, aber auch spirituelle Krisen sein, die für innere Schmerzen sorgen können.

4. Ein Sterbender braucht einfach nichts mehr zu essen oder zu trinken. Nix. Einer der wichtigsten Sätze aus einem Letzte-Hilfe-Kurs, der immer wieder gerne zitiert wird (und der gar nicht oft genug zitiert werden kann), lautet: Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen und zu trinken, sondern man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt.“ - Denn für sterbende Menschen kann es eine ungeheure Überforderung sein, weiterhin mit Essen und Trinken versorgt zu werden. Das Verarbeiten von Nahrung kostet viel Energie, die nicht mehr da ist. Man könnte es auch anders formulieren: Innerhalb eines Sterbeprozesses entscheidet sich ein Mensch ganz unwillkürlich (und vielleicht ebenso unbewusst wie bewusst) dazu, mit der Aufnahme von Nahrung jedweder Form aufzuhören. Erst stellt der Körper das Essen ein, später auch das Trinken. Man könnte das als "Sterbefasten" bezeichnen. Aber es ist eben total normal. Leider führt genau dieser Punkt immer wieder zu Irritationen und Missverständnissen zwischen Pflegekräften und Angehörigen. Wenn die Angehörigen nachhaltig dazu auffordern, den sterbenden Menschen bitte weiterhin mit Trinken und Essen zu versorgen, kann das zu einem Streitpunkt werden. Und auch die Pflegekräfte z. B. in Seniorenheimen reichen nach meinen persönlichen Erfahrungen oft noch unnötig lange Nahrung und Wasser an, meistens aus eigenen Unsicherheiten heraus (Letzte-Hilfe-Kurse sollte es deswegen unbedingt auch für ein solches Pflegepersonal geben). 



5. Eine rasselnde Atmung ist nichts Schlimmes und gehört zum Sterbeprozess einfach dazu. In den Sterbeprozessen meiner Großeltern, die ich - in Teilen - miterleben konnte, hat mich das immer am meisten erschreckt: Dieses rasselnde Atmen, das viele Sich-Verschlucken und das schlechte Vermögen, etwas abhusten zu können. Das verunsichert und macht ebenso rat- wie hilflos. In einem Letzte-Hilfe-Kurs lernen wir: Erstens gehört diese Rasselatmung, im Volksmund als "Todesröcheln" bezeichnet, unmittelbar dazu, zweitens erleben die Sterbenden selbst sie wohl nicht als belastend. Wohl aber das Abhusten, das nach meiner Erfahrung vor allem nach dem Trinken auftritt, wobei hierfür sicher gilt, was wir im vorherigen Punkt zum Thema Nahrungsaufnahme erfahren haben: Der sterbende Mensch und sein Körper wollen (und können) einfach nichts mehr trinken oder essen.  

6. Die Totenstarre setzt etwa zwei Stunden nach dem Sterben ein, aber sie löst sich auch wieder auf: Es dauert rund zwei Stunden nach Eintritt des Todes, bis die Muskeln eines gestorbenen Menschen steif zu werden beginnen, weil darin biochemische Prozesse ablaufen. Nach weiteren sechs bis acht Stunden ist diese Steifheit des Körpers vollends ausgeprägt. Aber diese auch Leichenstarre genannte Erscheinung ist nichts, das langfristig bleibt: Nach etwa 36 oder 48 Stunden, im Durchschnitt, hat sich das Phänomen von selbst wieder aufgelöst. Erst danach beginnt der Körper mit der eigentlichen Verwesung. Wobei auch das ein sehr, sehr langfristiger Prozess ist - ein Aufbahren eines gestorbenen Menschen kann bis zu drei Tage lang möglich sein und kann, je nach Art des Todesfalls und der Umstände, als ein für die Trauernden guter Einstieg in die Trauerzeit erlebt werden. Übrigens gibt es so etwas wie das "Leichengift" nicht, das ist einer der sich hartnäckig haltenden Mythen rund um den Tod (mehr dazu hier). 


7. Und was ist denn jetzt mit dem Prosecco? Da geht es um die Frage des Lieblingsgetränkes - weniger das Lieblingsgetränk des Sterbenden, als vielmehr das der Kursteilnehmer. Denn normalerweise gehört zu einem Letzte-Hilfe-Kurs auch eine praktische Übung, die die Teilnehmer mit einer wichtigen Methode in Kontakt bringen soll, die bei einem Sterbeprozess immer zur Anwendung kommen sollte: Das Befeuchten der Lippen. Obwohl bei Sterbenden das Bedürfnis nach Nahrung verschwindet, haben sie weiterhin Durstgefühle. Das kann dann wiederum quälend werden, weil es ja nichts mehr gibt bzw. geben sollte, was den Durst löschen kann. Außerdem trocknen sowohl die Lippen als auch die Schleimhäute im Hals bei Sterbenden ein, unter anderem wegen der vielen Atmung durch den Mund. Deswegen gehört eine gute Mundpflege unbedingt zu dem, was Sterbenden eine gute Letzte Hilfe sein kann. Gezeigt wird das im Letzte-Hilfe-Kurs mit Schaumstoff-Stäbchen. Die können in ein Getränk getaucht werden und dann können damit die Lippen bestrichen, also befeuchtet, werden. Das lindert Trockenheit und Durstgefühl und kann den Sterbenden sehr gut tun. In Nicht-Corona-Zeiten wird so etwas im Selbstversuch gezeigt. Jeweils ein Kursteilnehmer bestreicht einem anderen die Lippen. Mit einem Lieblingsgetränk. Auch wenn das Prosecco ist. Ob man Sterbenden unbedingt Prosecco geben sollte, steht nun wiederum auf einem anderen Blatt. Aber Saft zum Beispiel kann es sein. Oder halt Wasser.


Die Letzte Hilfe ist so alt wie das Rote Kreuz


Es gibt noch eine weitere spannende Erkenntnis, die mich fasziniert hat. Aber weil sie nichts Konkretes über den Sterbeprozess aussagt oder darüber, was dann hilfreich ist, habe ich sie an das Ende dieses Artikels gestellt. Sozusagen als meine Erkenntnis Nr. 7.2. Sie lautet: Erste Hilfe hätte es ohne Letzte Hilfe niemals gegeben, bei ihrer Einführung ging es alleine nur um Sterbebegleitung: Der Mensch, der das Rote Kreuz gegründet hat - und damit den ersten professionellen Erste-Hilfe-Dienstleister -, tat dies wegen seiner Erfahrungen als unfreiwilliger Sterbehelfer auf dem Schlachtfeld eines Krieges. So war die Notwendigkeit von Sterbebegleitung in krisenhaften Ausnahmesituationen die ursprüngliche Motivation dafür, das Rote Kreuz zu gründen. Es war der Schweizer Henry Dunant (1828-1910), der im Krieg zwischen Österreich/Sardinien und den Franzosen unter Napoleon dem Dritten die Entscheidungsschlacht von Solferino erlebte (im Jahre 1859). Dort habe er Soldaten erlebt, die ihn anflehten, er möge bitte während ihres Sterbens bei ihnen bleiben - so wird es in seiner Biographie geschildert. Dieser Erfahrungen wegen gründete er später die "Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung". Als Verein für Sterbebegleitung. Erst später schob sich die Erste Hilfe immer weiter in den Vordergrund.


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Sonntag, 6. September 2020

Warum eine bayerische Behörde mit einer vorbildlichen Initiative zum Vorreiter in Sachen Trauerkultur geworden ist - was das Landratsamt Ebersberg Anfang 2020 eingeführt hat, ist im deutschsprachigen Raum einmalig (zum Finale der Serie "Trauer im Arbeitsleben", Folge 5)

Osnabrück/Ebersberg - Was sich da im bayerischen Ebersberg in der Nähe von München getan hat, ist nach meiner Kenntnis deutschlandweit einmalig und auf jeden Fall vorbildlich: Denn das dortige Landratsamt ist die erste Institution überhaupt, die eine Betriebsvereinbarung zum Thema Trauer und Verlust am Arbeitsplatz geschaffen hat. Dort heißt sie zwar Dienstvereinbarung, weil ein Landratsamt ja kein produzierender oder in der freien Wirtschaft angesiedelter Betrieb ist, allerdings ein wichtiger Arbeitgeber für über 500 Angestellte. Bei einer solchen Anzahl von Menschen ist auch der Tod nie weit weg. Die Einführung dieser Dienstvereinbarung ist ein weiterer wichtiger Meilenstein in Sachen Trauer am Arbeitsplatz, der noch nicht existierte, als mein Buch zu diesem Thema gerade in Druck gegangen war. Deswegen ist es mir so wichtig, hier auf dem Blog noch ein paar ergänzende Zeilen dazu zu veröffentlichen - in Ergänzung zu den Praxistipps und Impulsen, die sich in dem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" aus dem Campus-Verlag noch finden lassen (alle Infos zum Buch finden sich hier). 

Jutta Hommelsen ist im Landratsamt Ebersberg als Leiterin des Zentralen Sozialdiensts beschäftigt - und jetzt ist sie dort zusätzlich als Trauervertrauensperson installiert und ansprechbar zu allen Themen rund um Trauer und Verlust. Sie war es auch, die den Anstoß gegeben hatte und beim Formulieren und Gestalten der Dienstvereinbarung mitgewirkt hatte. Ich selbst habe Jutta einmal bei einem Netzwerktreffen verschiedener Trauerbegleiter kennenlernen dürfen, wo sie mir schon von dieser kommenden Entwicklung berichtet hatte, ohne dass diese bereits offiziell eingeführt worden war. Vor kurzem habe ich mit Jutta Hommelsen ein Interview für meinen Podcast aufnehmen dürfen, in dem sie von dieser neuen Dienstvereinbarung und dem Weg dorthin berichten konnte. Und wie funktioniert diese erste deutsche Betriebsvereinbarung zum Thema Trauer und Verlust? Hier sind die fünf wichtigsten Punkte im Überblick:


Jutta Hommelsen vor dem Gebäude des Landratsamtes (Foto: Evelyn Schwaiger, Landratsamt Ebersberg)

1.) Den Mitarbeitern stehen bezahlte Auszeiten zur Verfügung (wenn sie von einem Trauerfall betroffen sind): Diese so genannte Trauerfreistellung kann bis zu 80 Stunden umfassen, sofern der Mitarbeiter in Vollzeit beschäftigt ist. Aber auch die Mitarbeiter in Teilzeit haben einen Anspruch - denn wieviel Zeit für eine solche Freistellung zur Verfügung steht, hängt an der Anzahl der vertraglich zu leistenden Stunden. Zu beachten ist außerdem, dass dieses Zeitkontingent nicht am Stück genommen werden muss, sondern binnen eines Zeitraums von zehn Monaten flexibel beansprucht werden kann.

2.) Für gestorbene Mitarbeiter wird ein Kondolenz- und Abschiedsraum eingerichtet: In dem Kondolenzraum wird ein Tisch eingerichtet, der mit Blumen geschmückt ist und in dem ein Blanko-Buch ausliegt, in das sich jeder, der mag, eintragen kann. Wenn vorhanden, wird dort zudem ein Foto aufgestellt. Bei dem Raum selbst handelt es sich um einen Konferenzraum, der für diesen Zweck extra umgewidmet werde kann, wie Jutta Hommelsen es im Interview schildert. Ein paar Mal sei dies bereits vorgekommen. Das ausgefüllte Kondolenzbuch wird später übrigens den Angehörigen übermittelt (das ist - nebenbei bemerkt - übrigens auch einer der Tipps, die sich in meinem Buch finden lassen). 


Wer in Trauer zur Arbeit geht, kann u. a. unter Konzentrationsproblemen leiden - oder den Sinn von alledem in Frage stellen (alle Symbolfotos: Thomas Achenbach)

3.) Das Landratsamt verfügt über eine Trauervertrauensperson: Diese ist nicht nur der erste Ansprechpartner für alle, die von einem Trauerfall oder einer anders gelagerten Verlustsituation betroffen sind (z.B. Verlust des Partners durch Scheidung, Verlust von Gesundheit, etc.), sondern sie kann auch von Teams im Falle eines Trauerfalls angefordert werden, um bei einem Workshop über Trauer zu informieren und dem Team eine emotionale Stütze zu sein. Für all diese Tätigkeiten hat Jutta Hommelsen, die diese Aufgabe im Landratsamt innehat, ein Zeitkontigent von mehreren Stunden pro Woche zur Verfügung gestellt bekommen, das sie alleine diesem Zweck widmen darf. Weil Jutta Hommelsen vor einigen Jahren eine zusätzliche Qualifizierung zur Trauerbegleiterin absolviert hatte, ist sie eine gute Besetzung für diese Position.

4.) Die Themen Trauer und Verlust sollen integraler Bestandteile der Unternehmenskultur werden. Diese Themen und die Hilfsmöglichkeiten immer wieder anzubieten, aber auch allgemein für einen guten Umgang mit Verlustsituationen und mit Trauer zu sorgen, soll zunehmend zum selbstverständlichen Bestandteil der innerhäuslichen Kultur des Landratsamts werden. So gibt es beispielsweise auch ein Notfallteam, das ebenfalls hinzugezogen oder um Rat gefragt werden kann. 

5.) Gestorbener Mitarbeiter wird im April gesondert gedacht: Wenn der Frühling naht, werden im Eingangsbereich des Landratsamts noch einmal gesonderte Erinnerungen an die verstorbenen Mitarbeiter ausgehängt, wenn möglich, mit Foto und ein paar persönlichen Zeilen. Ganz bewusst habe man sich für einen Termin im Frühling entschieden, berichtet Jutta Hommelsen im Interview.

Das Dokument, in dem dies und mehr festgelegt wurde, trägt übrigens den Titel: "Dienstvereinbarung zum Umgang mit Trauer unter dem Aspekt von Verlusterfahrungen, bei Tod, bei Trennung/Scheidung und von Gesundheit". Der soziale Gedanke und die Mitarbeiterfürsorge stünden dabei im Vordergrund, so wird die Personalleiterin Margrita Schwanke-Berner in einem Artikel der "Süddeutschen Zeitung" zitiert - diese berichtete ebenfalls inzwischen über die neue Dienstvereinbarung. Aber auch wirtschaftlichen Aspekten, etwa durch die Vorwegnahme von Krankschreibungen, werde hier Rechnung getragen, heißt es in dem Text weiter.




Weitere Praxisbeispiele, wie das Thema Trauer im Arbeitsleben derzeit von Unternehmen und Institutionen gepflegt und bearbeitet wird, finden sich übrigens in meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise". Das Buch versteht sich als Leitfaden für Führungskräfte, Personalverantwortliche und für Betriebsräte. Die darin versammelten Beispiele zeigen, was sich in Deutschland in Sachen Trauer am Arbeitsplatz bzw. Unterstützung von pflegenden Mitarbeitern getan hat, beispielsweise aus Hamburg, dem Ruhrgebiet, Nordhorn, aber auch aus Süddeutschland. Und weitere Informationen über die neue Dienstvereinbarung gibt es in meinem Podcast in einem exklusiven Interview mit Jutta Hommelsen, das sich unter diesem Link hier finden lässt....  


Alle Folgen der Artikelserie zum Thema "Trauer am Arbeitsplatz":


Folge 1: In fünf bis zehn Jahren braucht jedes Unternehmen ein tragfähiges Konzept
Folge 2: England macht es vor: Das Jack's Law hilft Eltern beim Verlust eines Kindes
Folge 3: Damit ganz Europa sprachfähig wird in Sachen Trauer - eine neue Initiative
Folge 4: Warum "Trauer am Arbeitsplatz" jetzt Thema im Schulunterricht wird
Folge 5: Die deutschlandweit erste Trauer-Betriebsvereinbarung - so funktioniert sie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Montag, 31. August 2020

Warum wir uns mit Trauer noch so schwer tun und was die Themen Kriegsenkel und Kriegskinder damit zu tun haben - und warum es sinnvoll sein kann, die Themen Hospizkultur und Kriegstraumata miteinander zu vereinen - ein Interview mit Sven Rohde (Verein "Kriegsenkel e.V.")

Osnabrück - Dass wir uns als Gesellschaft mit dem Thema Trauer so schwer tun, hat immer noch mit den Ereignissen rund um die beiden Weltkriege zu tun, davon bin ich inzwischen überzeugt. Und je länger ich über das Thema Männer und Trauer spreche und schreibe, je mehr Vorträge rund um mein Buch "Männer trauern anders" ich halte, desto dringlicher schiebt sich das Thema der Kriegskindergeneration und der Kriegsenkelgeneration in den Fokus. So bin ich kürzlich über den Verein Kriegsenkel gestolpert, der deutschlandweit aktiv ist. Anlass genug, einen der Vereinsmitglieder um ein Interview zu bitten - und die Frage zu erörtern: Steht uns als Gesellschaft in Sachen Trauer immer noch die Kriegsfrage im Wege? 

Gestolpert über den Verein war ich wegen dessen Aktivitäten in Minden. Dort hatte sich der Verein Kriegsenkel mit dem dortigen Hospiz zusammengetan und eine sehr erfolgreiche Veranstaltungsserie organisiert. Das hatte mich neugierig gemacht. Der Autor und Coach Sven Rohde erläutert mir im Interview, warum es so sinnvoll sein kann, die Themen Hospizkultur und Kriegsgenerationen in Einklang zu bringen - und warum die heutige Generation der Kriegsenkel, zu der ich ebenfalls gehöre, gerade jetzt soviel Interesse an dem Thema entwickelt....


Sven Rohde vom Verein "Kriegsenkel e. V." (Foto mit freundlicher Genehmigung).

Sven Rohde, eine meiner Kernaussaugen, die ich auf diesem Blog immer wieder bearbeite, lautet: Wir als moderne Gesellschaft können Trauer noch gar nicht „können“, also vor allem nicht richtig zulassen, weil uns immer noch die Kriegserfahrungen der vorhergehenden Generationen im Wege stehen. Das würden Sie als Mitglied des Vereins Kriegsenkel vermutlich unterstreichen, oder?

Sven Rohde: Ja, das ist ganz gewiss so. Seelische Härte und eine Abschottung vor Gefühlen, die ein Funktionieren beeinträchtigen, ist in Kriegszeiten eine wichtige Überlebensstrategie. Das haben die Menschen, die im Krieg Kinder waren, von ihren Eltern gelernt, und sie haben es an ihre Kinder – die sogenannten Kriegsenkel – weitergegeben. Sich der Trauer und der Ohnmacht angesichts des Verlusts zu öffnen, sie bei anderen auszuhalten, muss man dann erst wieder lernen. 

In Minden haben Sie zum Thema Kriegsenkel eine Veranstaltungsreihe mit dem dortigen Hospiz zusammen angeboten und sind quasi überrannt worden. Was kamen da für Menschen und wie erklären Sie sich dieses große Interesse?

Sven Rohde: Es waren ganz einfach Menschen, die zwischen 1955 und 1980 geboren wurden und neugierig waren, was die Prägung ihrer Kindheit mit ihrem aktuellen Leben zu tun hat. Das große Interesse entstand sicher auch, weil der Hospizverein seit vielen Jahren eine wertvolle Arbeit in Minden macht, die in der Öffentlichkeit und der Presse geschätzt wird. Davon hat die Kooperation sehr profitiert.

Warum ausgerechnet die Anbindung an ein Hospiz – wie kam es denn dazu?


Die Schule des Lebens - generationale Weitergabe (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Ausgangspunkt war eine persönliche Bekanntschaft des Geschäftsführers Helmut Dörmann mit dem Vorsitzenden des Kriegsenkel e.V. Michael Schneider. Aber die Nähe ist durchaus inhaltlich. Am Lebensende drängen belastende Themen an die Oberfläche – und natürlich gehören in Deutschland dazu die Erfahrungen des Krieges und der Nazizeit.

Seit wann gibt es denn einen eigenen Verein zum Thema Kriegsenkel und vor allem: Warum und wozu gibt es ihn?

Sven Rohde: Kriegsenkel e.V. gibt es seit 2010. Der Verein entstand aus einer Gruppe, an der auch die Autorin Sabine Bode teilnahm, die mit ihren Büchern über Kriegskinder und Kriegsenkel Bahnbrechendes für die Wahrnehmung der Problematik geschrieben hat. Über die Jahre hat sich gezeigt, wie stark sich die Prägungen dieser Generation, die viele ja auch als Babyboomer kennen, noch heute auswirken: familiär, beruflich, gesundheitlich. Das in Tagungen, Veröffentlichungen oder eben in Seminaren aufzuarbeiten, ist der Zweck des Vereins. Die Nachfrage bestätigt uns, dass diese Arbeit mehr denn je gebraucht wird.

Seit kurzem gibt es das Thema auch als Dokumentarfilm – Der Krieg in mir -,  der Film tingelt seit März 2020 durch verschiedene Kinos, findet sich jedoch mehr in einzelnen Sondervorstellungen als im laufenden Programm. Haben Sie den Film schon gesehen?

Sven Rohde: Ja, er hatte Vorpremiere auf der Tagung des Kriegsenkel e.V. im vergangenen Herbst. Der Verein hat die Entstehung auch mit inhaltlicher Unterstützung begleitet. Wie so Vieles aktuell wurde die große Resonanz durch die Pandemie abrupt unterbrochen. Was ich sehr schade finde: Der Film ist nicht nur inhaltlich bedeutsam, sondern auch gut erzählt.

Der Regisseur des Films ist 1971 geboren worden und hat nie Kriege oder andere Gewalt persönlich erlebt. Dann ist er plötzlich von Alpträumen voller Kriegserlebnissen geplagt worden, die ihm bizarr real erschienen – das kam ihm so vor, als ob er die Erfahrungen des Großvaters nochmal in Träumen durchleben müsste, obwohl der Opa nie über diese Erlebnisse gesprochen hatte. Das mutet fast wie eine mystische Erfahrung an. Kennen Sie solche Geschichten?

Allgegenwärtig: Die Schatten der Vergangenheit (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Seminaren erzählen immer wieder davon, und das Phänomen ist auch aus der Literatur bekannt. Da Träume ein besonders schwierig zu erforschender Bereich sind, gibt es im Moment keine wissenschaftlich abgesicherte Erklärung. Allein: Wir erleben auch auf diese Weise, dass wir Teil einer Ahnenreihe sind, deren Erfahrungen wir in uns tragen.

Aber hat das nicht eine gewisse Nähe fast schon zur Esoterik – durch Vererbung weitergegebene Traumata in Bild und Ton, wie im Kino? Gibt es sowas wirklich?

Sven Rohde: Ich halte es mit Hans-Peter Dürr, einem Physiker und Träger des Alternativen Nobelpreises. Er sagte: „Wir erleben mehr, als wir begreifen.“ Aber tatsächlich gibt es seit etwa 1995 eine neue Forschungsrichtung der Neurobiologie, die Epigenetik. Sie hat erste Beweise dafür, dass über unser Erbgut auch Erfahrungen an kommende Generationen weitergegeben werden, also auch Traumata. Forschungen wie die der Neurowissenschaftlerin Isabelle Mansuy, Professorin in Zürich, sind hier wegweisend.

Wie es scheint, ist es gerade die Generation der um die 1970 bis 1980 geborenen, die jetzt mit diesen Themen konfrontiert wird, also die eigentlich so wohlbehütete Gummibärchengeneration, der der Autor Florian Illies den Stempel „Generation Golf“ aufgedrückt hatte. Die sind jetzt alle so 40 oder 50. Warum nimmt das Thema ausgerechnet jetzt soviel Fahrt auf?

Die Ahnen prägen uns - ob wir wollen oder nicht (Foto: Thomas Achenbach)

Sven Rohde: Es mag daran liegen, dass die Eltern dieser Generation jetzt hinfällig werden und ihre Kinder in für sie bewährter Weise in Dienst nehmen. Was Sie „wohlbehütet“ nennen, haben viele als erstickend erlebt. „Parentifizierung“ heißt das Phänomen. Es ist in meinen Seminaren allgegenwärtig. Viele dieser alten Menschen haben die Eigenständigkeit ihrer Kinder nie wirklich akzeptiert und nehmen vollkommen selbstverständlich ihre Aufmerksamkeit, Zeit und Betreuung in Anspruch. Das kann zu einer enormen Belastung werden. Zudem erleben viele Kriegsenkel eine Sinnkrise. Sie haben das Gefühl, ihr Leben immer mit angezogener Handbremse gelebt und nie ihr wahres Potenzial entfaltet zu haben. Die Diskussion über Kriegsenkel zeigt ihnen, dass das kein individuelles Versagen ist, sondern die Prägung einer Generation. Das ist ebenso befreiend wie schockierend. Und ein möglicher Punkt der Umkehr.

Angela Merkel hat in ihrer großen Corona-Fernsehansprache die Pandemie als „die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnet – ist das nicht angesichts dieser gerade besprochenen Gemengelage eine fast schon gefährliche Analogie, weil sie damit genau an den psychologischen Stellschrauben für Traumata dreht?

Sven Rohde: Ja und nein. Einerseits hat die Kriegsrhetorik vor allem zu Beginn der Berichterstattung gewiss viele Menschen verunsichert. Das wissen wir auch aus einer Umfrage unter unseren Mitgliedern. Aber zugleich hat diese Generation eben auch eine gut ausgeprägte Krisenkompetenz – von ihren Eltern geerbt, aber auch aufgrund eigener schwieriger Erfahrungen. Das ist mir als Botschaft sehr wichtig: Viele aus unserer Altersgruppe haben in Kindheit und Jugend Dinge erlebt, die wir unseren eigenen Kindern nicht zumuten wollten. Aber auf diese Weise eben auch Kompetenzen und Ressourcen aufgebaut, die uns verlässlich, verantwortungsbewusst und ziemlich resilient machen...

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Warum das Thema "Trauer am Arbeitsplatz" jetzt auch im Schulunterricht behandelt wird - ein neues Arbeitsbuch macht es bundesweit möglich (Serie zum Thema "Trauer im Arbeitsleben", Folge 4)

Osnabrück/Koblenz - Dass das Thema Trauer am Arbeitsplatz inzwischen sogar zum Schulstoff geworden ist, ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Und sie zeigt wieder einmal, wieviel Schwung und Entwicklung im Augenblick in diesem Themenkomplex stecken. Im Frühjahr 2020 hat der Verlag "Vandenhoeck & Ruprecht" (V&R) ein Arbeitsbuch herausgebracht, das sich an die in Berufsschulen tätigen Religionslehrer richtet. "Trauer am Arbeitsplatz", heißt es - und mitbeteiligt an der Entwicklung des Buches war die Handwerkskammer Koblenz (HWK), die sich schon vor vielen Jahren diesem Thema zugewandt hat. 

Unter anderem deswegen taucht die Handwerkskammer auch als ein Praxisbeispiel von mehreren in meinem vor kurzem erschienen Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" auf (Campus-Verlag, Frankfurt). Das Projekt Religionsunterricht wird in diesem Buchbeitrag am Ende bereits kurz erwähnt - ist dort aber noch als "im Entstehen begriffen" gekennzeichnet. Jetzt ist es fertig und deswegen lohnt sich ein genauerer Blick darauf. Dankenswerterweise hat mir die zuständige Geschäftsführerin der HWK Koblenz, Barbara Koch, ein Exemplar des neuen V-&-R-Buches zukommen lassen, das ich hier gerne vorstellen möchte. Wobei die erste Frage, die sich einem stellen kann, vermutlich lautet: Wieso eigentlich ausgerechnet im Religionsunterricht?


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Zwar finden sich es im Vorwort zu dem Buch allerlei Antworten auf diese Frage - unter anderem wird auf Jesus von Nazareth und das Alte Testament Bezug genommen -, aber meiner Meinung ist die wichtigste Antwort: Weil es sich um Unterrichtisdeen für eine Berufsschule handelt. Und weil gerade eine Berufsschule in besonderer Weise auf das praktische, tatsächliche Leben vorbereitet, nicht nur das Berufsleben. Das durfte ich erstens selbst erleben während meiner Ausbildung zum Schriftsetzer Mitte der 90er Jahre und zweitens habe ich einmal am Rande einer Ausstellung über Straßenkreuze erfahren, dass es gerade die Berufsschulen sind, die oft mit dem Tod von Schülern zu tun haben. Meistens, weil sie bei Verkehrsunfällen sterben und weil an einer Berufsschule bis zu 1000 Schüler und mehr zusammenkommen, von denen viele schon erwachsen sind. 


Praktische Anwendbarkeit und viele Hintergründe


Inhaltlich spannt das Buch einen recht großen Bogen: Beginnend bei allgemeinen Informationen über Formen der Trauer und darüber, wie sich Trauer zeigen kann, geht es später sogar in den beinahe seelsorgerischen bzw. trauerbegleitenden Bereich. Wichtig war den Autoren die Anwendbarkeit in der beruflichen Praxis. Wenn es beispielsweise um den Tod eines Vaters geht, dessen Kind in einer Kita betreut wird, wird dieser Fall aus der Perspektive der dort angestellten Erzieher beleuchtet: Wie können sie sich verhalten? Was können sie sagen? Was hilft? Wie gehen sie mit ihrer eigenen Sprachlosigkeit und ihrem Entsetzen um? Das Buch macht an dieser Stelle nicht Halt, sondern dekliniert die verschiedensten Möglichkeiten durch - was tun, wenn Chefs sterben? Kollegen? Mitarbeiter? Geschäftspartner? Aber auch die verschiedensten religiösen Fragen finden Raum: Sollte es einen Gott geben - wovon das Buch, weil es sich an Religionspädagogen wendet, eher ausgeht -, warum lässt er soviel Trauer und Tod dann zu? 


Jedoch handelt es sich immer auch um ein Arbeitsbuch. Das wird deutlich an den Stellen, an denen es um die Frage von Orten der Trauer in Unternehmen geht und um die Frage, welche Rituale dann hilfreich sein können. Wo ein Ratgeber wie beispielsweise mein aktuelles Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" mit allerlei Ideen und Praxisbeispielen aufwarten kann, lädt das V&R-Buch die Schüler dazu ein, eigene Ideen zu entwickeln. Für das Verfassen eines Kondolenzschreibens sowie einer Beileidskarte gibt das Buch wiederum praktische Baukastensysteme mit, aus denen sich eignene Texte entwickeln lassen. Weil es sich um ein grundsätzlich religiös geprägtes Arbeitsbuch handelt, gibt das Autorenteam immer wieder Einblicke in andere religiöse Traditionen als die christliche: Wie werden die Themen Trauer, Tod und Sterben im jüdischen oder muslimischen Kontext behandelt, auch darauf geht das Buch ein (dass die buddhistische Perspektive hierbei ausgeschlossen wird, mag sich durch den Fokus auf das Religiöse erklären, ist aber dennoch bedauerlich - einer meiner wenigen Kritikpunkte).


Eine gelungene Mixtur der verschiedensten Themen rund um Trauer, spannende Ansätze und die gute Übertragbarkeit in den Beufsalltag machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Möge es eine vielfältige Anwendung finden - denn dieses so wichtige Thema schon in den jungen Berufsjahren zu etablieren, ist ein wichtiger und zielführender Ansatz. Zumal das Thema Trauer am Arbeitsplatz, davon bin ich überzeugt, in den kommenden fünf bis zehn Jahren zu einem immer wichtigeren und immer nötigerem Thema werden wird (wie im ersten Artikel dieser Serie näher ausgeführt, siehe hier).


Praxisbeispiele aus ganz Deutschland


Viele Beispiele aus der konkreten Praxis darüber, wie das Thema Trauer im Arbeitsleben derzeit von Unternehmen und Institutionen gepflegt und bearbeitet wird, finden sich übrigens in meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise". Das Buch versteht sich als Leitfaden für Führungskräfte, Personalverantwortliche und für Betriebsräte. Die darin versammelten Beispiele zeigen, was sich in Deutschland in Sachen Trauer am Arbeitsplatz bzw. Unterstützung von pflegenden Mitarbeitern getan hat, beispielsweise aus Hamburg, dem Ruhrgebiet, Nordhorn, aber auch aus Süddeutschland 

Alle Folgen der Artikelserie zum Thema "Trauer am Arbeitsplatz":


Folge 1: In fünf bis zehn Jahren braucht jedes Unternehmen ein tragfähiges Konzept
Folge 2: England macht es vor: Das Jack's Law hilft Eltern beim Verlust eines Kindes
Folge 3: Damit ganz Europa sprachfähig wird in Sachen Trauer - eine neue Initiative
Folge 4: Warum "Trauer am Arbeitsplatz" jetzt Thema im Schulunterricht wird
Folge 5: Die deutschlandweit erste Trauer-Betriebsvereinbarung - so funktioniert sie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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