Donnerstag, 15. April 2021

Trauer und Krise am Arbeitsplatz, das Corona-Update und Home-Office-Update - Was Unternehmen, Führungskräfte, Personalverantwortliche, Mitarbeiter und Kollegen heute alles beachten müssen - wie die Pandemie die ganze Arbeitswelt verändert hat, was Chefs und Unternehmen tun können in Zeiten großer Belastungen - Update #1

Osnabrück - Es hat nur ein Jahr gedauert und die Welt hat sich grundlegend gewandelt. Allem voran die Welt der Unternehmen und Betriebe, die Arbeitswelt, das Alltagsleben zahlreicher Mitarbeiter. Vieles von dem, was vor Ausbruch der Coronakrise gut funktioniert hat, ist weitestgehend verschwunden oder durch etwas Anderes ersetzt worden. Das gilt auch - und so ehrlich muss ich sein - für manche, wenn auch nicht alle, der Ideen aus meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen". Dieses Buch ist am 11. März 2020 erschienen. Und nur sieben Tage später, am 18. März 2020, hatte Angela Merkel den ersten Lockdown angekündigt. Schulen und Kitas waren da schon ab dem Vormittag geschlossen, fast überall in Deutschland. Seither ist die Welt eine andere - und es ist allerhöchste Zeit für ein erstes Corona-Update in Sachen Trauer und Krise am Arbeitsplatz. Wobei wir auch die durch die Coronapandemie ausgelösten seelischen Krisen in den Blick nehmen, ganz außerhalb vom Kontext Trauer oder Pflege.    

Denn die Krise ist überall. Viele Mitarbeiter sind in Kurzarbeit und wissen bis heute nicht, ob es sich dabei nun um eine verzögerte Kündigung handelt oder weiter eine Ausnahme auf Zeit (und wenn ja, wie lange noch?). Viele haben Angst. Vor dem Verlust des Jobs, dem Verlust der Gesundheit, dem Verlust von Wohlstand und Status. Manche Mitarbeiter in Deutschland und in ganz Europa haben seit März 2020 ihren Arbeitsplatz nicht mehr gesehen, weil sie dauerhaft ins Home Office verfrachtet wurden. Und selbst diejenigen, die nach wie vor morgens zur Firma oder in den Betrieb gehen, haben seit März 2020 nicht mehr alle ihrer Kolleginnen oder Kollegen gesehen. Manche Abteilungen sind quasi dauerhaft ausgegliedert worden ins Home Office - manchmal ist sogar eine mögliche Rückkehr nach der Coronakrise fraglich. Und sogar die vor der Krise emsig reisenden Geschäftsführer oder Führungskräfte beteuern heute, dass durchaus nicht alle wichtigen Geschäfstermine im persönlichen Kontakt stattfinden müssen - Zoomen statt Fliegen reicht meistens vollkommen aus, auch das ist eine der Lehren aus der Coronakrise (oder, um es mal im modernen Businessdeutsch zu sagen: Es ist eines der Key Learnings). All das hat aber auch gravierende Auswirkungen auf das Miteinander - und auf das Soziale. Und da wird es schwierig: Denn es bleibt vieles auf der Strecke. Vieles von dem, was bis vor kurzem noch selbstverständlich war. Vor allem, was das Thema Krise und Trauer am Arbeitsplatz angeht. Und mal ganz ehrlich: Mitten im Lockdown, nach einem Jahr Pandemie, ist an jedem Arbeitsplatz auch eine Portion Trauer anzutreffen, auch ganz ohne "echten" Trauerfall. Was also muss jetzt geschehen? Hier sind ein paar Thesen:


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Punkt Eins: Der persönliche Umgang miteinander muss ganz neu gelernt werden – teilweise sogar ganz neu hergestellt werden. Nicht selten sind in den Wirtschaftsteilen der deutschen Zeitungen im vergangenen Jahr Sätze zu finden gewesen wie beispielsweise diese: Es braucht ein neues Verständnis von Führung in den deutschen Unternehmen. Es braucht eine neue Führungskultur. Eine, die dem Gedanken gerecht wird, dass Mitarbeiter eben nicht mehr "zentral verfügbar" an einem bestimmten Platz zusammenkommen können. Und was dieses Thema angeht, lässt sich aus der Trauerbegleitung vieles abgucken, was hilfreich ist für einen guten Umgang von Chef und Mitarbeiter. Denn Führungsarbeit war ja immer schon Beziehungsarbeit, nur gilt das inzwischen umso mehr. Mit dem Ausgliedern ins Home Office engleiten den Führungskräften auch die Mitarbeiter zunehmends - nicht alleine, was die Arbeitskontrolle angeht (der übrigens heutzutage eine ohnehin immer geringere Rolle zukommen sollte), sondern vor allem, was die Beziehung zueinander angeht. Und damit auch die Beziehung zum Unternehmen. Wo man als Führungskraft zuvor beim Gang durch die Abteilungen hier mal einen kleinen Schnack halten konnte und dort mal nach einem kurzen "Hallo" einen ganz guten Eindruck davon bekommen konnte, wie es den Mitarbeitern gerade so geht, fällt der meiste persönliche Kontakt heutzutage fast ganz weg. Vielleicht gibt es in gewisser Regelmäßigkeit eine Teamkonferenz über eine Videoplattform, aber ein direkter Kontakt zueinander, von Führungskraft zu Mitarbeiter oder von Kollege zu Kollege, also ein wirkliches Miteinander, das auch als ein solches erlebt wird, das gibt es oft gar nicht mehr. Oder es wird, wenn es mal versucht wird, unangenehm krampfig - wer schon einmal ein Team-Abendessen via Videokonferenz erlebt hat, braucht eine solche Erfahrung sobald nicht noch einmal...

Sprechen ist ein Zaubermittel - Kontakt halten erst recht

Ein kurzes Gespräch - auch mal ganz außerhalb des Arbeitskontextes - ist aber das Zaubermittel, das es braucht. Der persönliche Kontakt, das Haltenkönnen einer sozialen Beziehung zueinander, ist das einzig wichtige und einzig nötige soziale Schmiermittel, ohne das das Führungskraft-Mitarbeiter-Verhältnis unweigerlich ins Stocken gerät. Wir müssen also lernen, neu miteinander zu reden. Wir müssen lernen, die Kontakte, die es vorher gab, wieder herzustellen und auf ein neues Niveau zu stellen, das die dafür nötigen technischen Mittel mitdenken kann. Wichtig für Chefs ist hierbei vor allem ein gutes empathisches Verständnis dafür, wie die einzelnen Mitarbeiter auf die neuen Techniken reagieren: Nicht alle fühlen sich auf einer Videoplattform gut aufgehoben oder sicher, auch wenn die einzigen Teilnehmer des Gesprächs nur die Führungskraft und der Mitarbeiter sind. 

Darauf achten, ob Mitarbeiter sich technisch wohlfühlen

Nicht alle Mitarbeiter haben beim Benutzen moderner Kommunikationstools wie z. B. Slack ein gutes Vertrauen in Sachen Datenschutz und persönlicher Sicherheit. Überhaupt ist Slack sowohl Segen wie auch Fluch - denn wer den ganzen lieben langen Tag nur slackt, dem ist oft ein simples Telefonat schon zu anstrengend, dabei ist gerade das Telefon das am besten nutzbare und am meisten bringende Kommunikationswerkzeug, dessen wohltuende Wirkmacht heutzutage viel zu oft unterschätzt bleibt. Für manche Mitarbeiter ist ein Gespräch über Telefon tatsächlich immer noch die beste Möglichkeit für einen guten persönlichen Kontakt. Doch was auch immer es sei: Es geht nicht ohne einen persönlichen und direkten Kontakt! Es geht nicht ohne Empathie und Einfühlungsvermögen. Führungskräfte in Coronazeiten müssen ihre Hauptaufmerksamkeit darauf richten, wie sie mit ihren Mitarbeitern in Kontakt  bleiben können - und sie müssen diesen ganz persönlichen Kontakt zueinander zu ihrer ersten Priorität machen. Denn das Wichtigste für Mitarbeiter ist, vor allem in Zeiten der Pandemie, sich verstanden zu fühlen! Wer sich verstanden fühlt, ist immer ein Stück zufriedener, vor allem als einer, der sich alleingelassen fühlt. Führungskräfte müssen heutzutage hinspüren lernen, auch über den technischen Weg, wie belastet der jeweilige Mitarbeiter vielleicht gerade ist - Stichworte Kinderbetreuung, Pflegeverantwortung, Homeschooling, Doppel-Home-Office, und, ganz wichtig und viel zu selten ernst genommen, Arbeitsplatzausgestaltung! Wer dauerhaft in krummer Haltung an engen Esstischen seinen eigentlich improvisierten Arbeitsplatz einrichten muss, gerät nicht nur seelisch, sondern auch körperlich rascher an seine Grenzen. Auch hier hilft nur: Kontakt halten, hinspüren, reden, gemeinsam in den Austausch gehen. 

Denn, nochmal - Botschaft Nummer Eins: Ein Mitarbeiter, der sich einfach verstanden fühlt von seinem Chef, ist immer ein zufriedenerer Mitarbeiter als einer, der weiter alleingelassen bleibt! - Kommen wir zu These Nr. 2.



Punkt Zwei: Einer gut gepflegten Erinnerungskultur bzw. Trauerkultur in einem Unternehmen kommt eine noch viel größere Bedeutung zu als noch vor der Coronakrise. Ich kenne Mitarbeitermagazine - also von Unternehmen für Ihre Mitarbeiter produzierte Magazine –, in denen die frisch geborenen Babys von Angestellten auf einer ganzen Seite gezeigt werden. Das ist niedlich und macht einen guten Eindruck. Und doch haben diese Babys mit dem Unternehmen an sich eher wenig zu tun. Die gestorbenen (Ex-) Mitarbeiter werden derweil noch immer in Form einer Auflistung irgendwoanders abgehandelt. An dieser Stelle könnte eine gute Erinnerungskultur bzw. Trauerkultur auch in Coronazeiten ansetzen. In meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" mache ich mich für den intensiven Einsatz eines Intranets stark, also eines nur Mitarbeitern zugänglichen, internen Netzwerks - dem gerade im Trauerkontext eine große Bedeutung zukommen kann. Im Buch empfehle ich, auch dort im Intranet eine eigene Unterseite zur Würdigung gestorbener Mitarbeiter einzurichten. Dort könnten kleine Nachrufe stehen, Bilder der Gestorbenen, vielleicht könnte es die Möglichkeit geben, dass Kolleginnen und Kollegen kurze Nachrichten unter den Nachrufen hinterlassen können, z.B. so etwas wie "Wir vermissen Dich". Vor allem in diesen Zeiten, in denen viele Mitarbeiter weit verstreut in ihren verschiedenen Zuhausebüros arbeiten, sollte eine weitgehende Würdigung eines jeden Mitarbeiters, lebend wie gestorben, zum wichtigsten Ziel des Personalmanagements werden. Diese Würdigung muss sichtbar werden, wo immer es auch geht, und das darf durch den Tod eines Mitarbeiters nicht enden. Gerade der Tod ist eine gute Möglichkeit für Unternehmen, eine Wertschätzung der einzelnen Mitarbeiter unabhängig von Zeit, Raum und Gesundheitszustand ausdrücken zu können, darin liegt eine große Chance - bei überschaubarem Aufwand. Es gibt noch weitere Möglichkeiten, kleine Nachrufe auf gestorbene Mitarbeiter zu implementieren - ich kenne beispielsweise Unternehmen, in denen die Geschäftsführer in Coronazeiten in Form von regelmäßigen Videobotschaften ihre Belegschaft über den aktuellen Stand informieren. In dieses wertvolle Instrument ließe sich beispielsweise eine kleine Gedenkminute mit einbauen, wenn ein Mitarbeiter gestorben sein sollte.

Denn, Botschaft Nummer Zwei: Die Würdigungskultur für Mitarbeiter muss gerade dann umso mehr in den Vordergrund rücken, je weiter sich die Mitarbeiter räumlich (und wer weiß - dadurch vielleicht auch seelisch) vom Unternehmen entfernen, und das gilt eben auch für gestorbene Mitarbeiter. Und damit kommen wir zum dritten und, heute erstmal, letzten Punkt dieses Beitrags:



Punkt Drei: Unternehmen könnten "Belastungspaten" ausbilden und deren Gesprächsangebote offensiv allen Mitarbeitern anbieten - dabei handelt es sich um die Weiterführung zweier Ideen, die sich ebenfalls in meinem Buch finden lassen. Dort berichte ich zum einen von eigens dafür qualifizierten Trauer-Vertrauenspersonen, die in Unternehmen als Ansprechpartner bei Trauerfällen implementiert worden sind, sowie von den eigens dafür qualifizierten "Vereinbarkeitslotsen für Pflege und Beruf", die von Mitarbeitern bei einer sich einstellenden Pflegeverantwortung angesprochen werden können. Das Wichtige bei diesen beiden Ideen ist, dass diese derart qualifizierten Menschen aus dem Mitarbeiterkreis stammen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur vielleicht ebenfalls im Unternehmen angebotenen betrieblichen Sozialberatung, die sich zwar meist aus eigens ausgebildeten Sozialpädagogen etc. zusammensetzt, der aber manche Mitarbeiter nicht immer ihr volles Vertrauen entgegenbringen. Ich hielte es für eine gute Idee, in diesen besonders belastenden Zeiten auch so genannte Belastungspaten in einem Unternehmen zu implementieren (diesen Namen habe ich mir übrigens selbst ausgedacht, man könnte auch Zuhörpaten zu ihnen sagen), die in Form von Gesprächen von Kollege zu Kollege ihre Angebote unterbreiten könnten. Es geht dabei vor allem ums Zuhören, wie bei einem seelsorgerischen Gespräch. Ziel dieser Gespräche könnte es sein, dass Mitarbeiter ihre Belastungen einfach einmal aussprechen können und erfahren können, dass jemand Verständnis dafür hat, manchmal ist das alleine schon Hilfe genug. Gemeinsam ließe sich dann überlegen, ob es ggf. eine Veränderung bräuchte, um die Belastung ein wenig abzumildern, manchmal sind es ja schon Kleinigkeiten, die ausreichen, das Verschieben von Pausenzeiten, eine Veränderung in den Arbeitszeiten, so etwas. Die klare Abgrenzung zu den Themen Trauer und Pflege liegt bei diesen Belastungspaten in der durch die Pandemie neu dazugekommenen Herausforderungen: Es geht darum, dass Mitarbeiter, die im Home Office arbeiten, einen Ansprechpartner finden können, der sich vertrauensvoll mit ihnen auseinandersetzen kann. Dies kann z. B. in Form von Spaziergängen oder Telefonaten geschehen. Was diese "Belastungspaten" an Qualifizierung bräuchten, ist natürlich etwas ganz neu zu Schaffendes, was sich jedoch in großen Teilen an den Kursen orientieren kann, die Telefonseelsorger oder Trauerbegleiter belegen, weil beide mit einer gleichen Haltung an ihre Tätigkeit herangehen (wer Lust drauf hat, gemeinsam über ein Curriculum zu "brainstormen": Kontakt über thomas-achenbach@gmx.de). 

Denn - Botschaft Nummer Drei: Sorgen und Belastungen, die einmal ausgesprochen werden können und an einen wirklich zuhörenden Menschen adressiert werden können, verlieren einen Teil ihrer Bedrohlichkeit alleine durch das Aussprechendürfen. 

Soweit dieses erste Update für mein Buch und meinen Blog... es wird bald weitere Updates geben, hier auf diesem Blog. 

Das Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" ist im Campus-Verlag erschienen, hier gibt es alle Infos darüber.


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer, wie lange dauert das eigentlich - und wann ist es endlich mal vorbei? Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Mittwoch, 7. April 2021

Wie funktioniert das Internet-Portal Trosthelden.de? Warum es so hilfreich sein kann, jemanden zu finden, der die eigene Trauersprache spricht und einen gut versteht - Interview mit Trosthelden-Macher Hendrik Lind

Osnabrück/Tostedt - Was Trauernden oft fehlt, ist jemand, der sie wirklich verstehen kann - und es fehlen Räume und Begegnungen, in denen die Trauer einfach stattfinden darf. Gerade am Ende einer Begleitung oder einer Trauergruppe ist das oft Thema: Dieser Austausch, dieses Verständnis, davon müsste es viel mehr geben... So ist es dann oft zu hören. Wer sich einen Trauerpartner bzw. Trostpartner suchen möchte, hat jetzt eine weitere Chance dafür: Das neue Internetportal trosthelden.de möchte genau diese Lücke schließen. Mich hat das neugierig gemacht und ich hab' mich gefragt: Wie funktioniert das wohl? Und genau zu diesem Zeitpunkt haben die Trosthelden auch mit mir den Kontakt gesucht. 

Ob ich mir vorstellen könnte, eine Lesung aus meinem Buch "Männer trauern anders" für das Portal zu halten, mit anschließendem Interview... So lautete die Anfrage. Inzwischen sind Lesung und Interview dort auch veröffentlicht worden (hier ist der Link). Das habe ich gerne gemacht, habe aber im Gegenzug Hendrik Lind als den Portalverantwortlichen um ein Interview für meinen Podcast gebeten, weil ich zu den Trosthelden gerne noch meine eigenen Fragen loswerden und beantwortet haben wollte - aus rein persönlicher Neugier, warum es das Portal eigentlich gibt, was sich die Macher davon erhoffen und wie es genau funktioniert. auch dieses Interview ist inzwischen veröffentlicht. "Mein Thema seit vielen Jahren ist das Thema der unterschiedlichen Trauersprachen", sagt Hendrik Lind in diesem Interview - und er betont, wie wichtig es ist, dass Trauernde ein Gegenüber haben, das auch die gleiche Trauersprache spricht. Darum geht es. Und dabei hilft: Ein Algorithmus.

Hendrik und Jennifer Lind, die Finder bzw. Erfinder der Trosthelden (Foto: Trosthelden.de, mit freundlicher Genehmigung)

Nehmen wir zum Beispiel eine Frau, die Mutter von zwei Kindern ist und jetzt, plötzlich und unerwartet, ihren Mann verloren hat. Diese Frau wird in ihrer Trauer etwas anderes brauchen als beispielsweise eine Frau, die keine Kinder hat - denn zu der Trauer der erstgenannten Frau kommt die systemische Ebene mit dazu, das Funktionierenmüssen für die Kinder, das Auffangen der Kindertrauer. Da ist nicht nur, aber auch, die Frage nach eigenen Ressourcen ganz anders zu beantworten als bei einer Frau, die "nur" (in dicken Anführungszeichen!) ihren Partner verloren hat. Ein Beispiel von zigtausend anderen denkbaren, aber es macht deutlich, dass es wichtig sein kann, sich einen Gesprächspartner mit einer sehr ähnlichen Situation zu suchen. Wohlgemerkt: Einen Gesprächspartner, keinen Lebenspartner. Die Trosthelden sind zwar eine Vermittlungsagentur, aber eben keine Partnerschaftsagentur. Auch wenn die Expertise, die sich Jennifer und Hendrik Lind als die beiden Portalverantwortlichen geholt haben, tatsächlich aus dem Bereich der Partnerschaftsagenturen kommt, wie Hendrik Lind im Podcast-Interview erzählt. Das Zauberwort heißt Matchmaking.

Das heilt: "Die Tür weit aufmachen und sich zeigen"

"Heilung liegt auch darin, seine eigene Tür weit aufzumachen und sich zu zeigen", wird Jennifer Lind in einer Pressemitteilung der Trosthelden zitiert. Da ist viel Wahres dran. Die Trosthelden verstehen sich dabei als sinnvolle Ergänzung, aber nicht als Mitbewerber, im Bereich der Hilfsangebote für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise. Eben weil die Plattform weder orts- noch zeitgebunden funktioniert, ist das ja auch tatsächlich der Fall - und nach meinen persönlichen Erfahrungen mit Trauerbegleitungen und Trauergruppen wird es auch für die Menschen in Trauer so sein, dass sie dieses Angebot als Ergänzung verstehen, aber nach wie vor weiter zu den Einzelbegleitungen und Gruppen kommen werden. Die meisten Menschen, die sich für einen solchen Prozess entscheiden, sind innerlich so stark mit ihrer Trauer befasst, dass sich eh fast alles in ihrem Leben - temporär oder dauerhaft - nur um dieses eine Thema dreht, je mehr Besprechungsangebote es da gibt, desto besser ist es nach meiner Erfahrung für diese Betroffenen. Und in Coronazeiten gilt ja umso mehr, dass digitale Angebote auch weiterhin stattfinden können, während viele Trauergruppen abgesagt bleiben. Mit welchen Kosten die Teilnehmer rechnen müssen und wie das Portal Trosthelden aufgebaut ist - und warum Trauernde wirklich Helden sind, das und mehr erzählt Hendrik Lind in meinem Podcast


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

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Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Freitag, 26. März 2021

Was genau ist eine "Spirituelle Patientenverfügung" und wie muss diese aussehen? Was wir noch im Leben für unser Sterben alles schon regeln können, außerhalb von medizinischen Fragen - und warum Spiritualität nichts mit Religion, Esoterik oder Mystik zu tun haben muss - Dorothea Mihm hat gute Antworten auf diese Fragen

Osnabrück/Frankfurt - Vor kurzem habe ich mich mit dem Thema der Spirituellen Patientenverfügung beschäftigen dürfen und habe dazu ein Interview in meinem Podcast veröffentlicht. Aber was genau ist das denn eigentlich? Eine spirituelle Patientenverfügung - im Gegensatz zur medizinischen Patientenverfügung oder zur Vorsorgevollmacht -, und was kann man mit ihr alles regelnWenn ich das mit eigenen Beispielen bebildern darf, muss ich ein paar Jahre in meine eigene Vergangenheit zurückgehen. Denn eine der prägendsten Zeiten meines Lebens war mein Zivildienst in einem Osnabrücker Altenheim Ende der 90er Jahre. Was ich dort alles miterleben musste, hat mich nachhaltig beschäftigt.  

Da wurden morgens beispielsweise die wehrlosen Senioren in ein Wohnzimmer hineingerollt und auf Sofas verfrachtet, weil sie dort den ganzen Tag gut beobachtet sitzenbleiben und niemandem Probleme machen sollten. Und den ganzen Tag lief: Der Radiosender NDR 1, der damals noch eine völlig andere Klangfarbe hatte als heute. Ende der 90er lief dort vor allem Volksmusik und deutscher Schlager von Roberto Blanco bis Roland Kaiser - für mich als junger Mitt-20er war das eine musikalische Zumutung sondergleichen, aber vielleicht auch für manchen Bewohner? Gefragt worden, ob das Radio laufen sollte oder nicht, war nämlich keiner. Und selbst wenn diese Musik sicher manchem der Bewohner tatsächlich gefiel, wenn auch nicht allen, war das schlicht übergriffig. Ich habe mir damals schon gedacht: Lieber tot überm Zaun als den ganzen Tag wehrlos etwas ausgesetzt zu sein, was für mich eine musikalische Beschallungsvergewaltigung bedeutet. Was das mit dem Thema Spiritualität zu tun hat? Klare Sache: Alles. 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Denn wer beim Stichwort Spiritualität zuerst an eine Religion wie das Christentum oder den Buddhismus denkt, der verkennt den tatsächlichen Kern der Sache: Es geht zunächst einmal ausschließlich um den "Spirit", übersetzt den "Geist", also um alles, was unsere innere Würde und inneren Werte prägt, ob nun religiös konnotiert oder nicht. Man könnte sagen: Es geht um die Seele. Oder: Das Innere. Oder, eben, den Geist, wobei diese Bezeichnung bereits an buddhistische Interpretationen angelehnt ist. Und da kommt nun wieder der Faktor Altenheim ins Spiel: Wer jeden Tag einem Musikprogramm ausgesetzt sein muss, das ihm alle andere als behagt, der hat kein ruhiges Inneres, der sträubt sich innerlich dagegen. Es ließe sich auch so formulieren: Da ist der Geist im Aufruhr. Und nun stelle Dir bitte einmal vor, dies geschähe in Deinem eigenen Sterbeprozess - Du möchtest in Frieden gehen und neben Dir plärrt die Rosenberg: "Er gehööört zu mir, wie mein Naahame an der Tühüürr...", tüdelüdtüdelüd. Mal ehrlich, Leute, so möchte ich nicht sterben.

Würdevoll und in Frieden "sein" können - darum geht's

Und doch ist auch diese Sterberealität eine in Deutschland gerne praktizierte Sterberealität. Als meine Großmutter nach mehreren Schlaganfällen und der raschen Entlassung aus dem Krankenhaus in ein Einzelzimmer eines in Hameln am Berghang gelegenen Pflegeheimes umziehen musste, - wie wir heute wissen, bereits im beginnenden Sterbeprozess -, hielten es die Pflegekräfte dort für eine gute Idee, der alten Dame ein um das Vierfache als üblich lauter gedrehtes TV-Programm als 12-Stunden-Dauerbeschallung anzustellen, ohne jede Pause und vor allem: ungefragt. Woraufhin wir dann zugesehen haben, dass meine Großmutter in ein anderes Pflegeheim umziehen konnte, wo sie, in mehrfacher Hinsicht, würdevoll in Ruhe gelassen wurde. Und auch das ist ein Thema von Spiritualität - von einem inneren Kern, der würdevoll und in Frieden einfach "sein" kann. Im Sterben.


Als Expertin für dieses Thema gilt die Buchautorin Dorothea Mihm aus Frankfurt, die in ihrem Buch "Verbunden bis zuletzt", erschienen im Arkana-Verlag, eine Vorlage für eine spirituelle Patientenverfügung veröffentlicht hat. Wobei Dorothea Mihms klare Empfehlung wäre, dass ein jeder seine eigene Verfügung am besten handschriftlich verfassen sollte. So sagt es die ehemalige Krankenschwester und heutige Fachfrau für palliative-spirituelle Pflege in dem Interview, das sie mir freundlicherweise für meinen neuen Podcast "Trauergeschichten - Menschgeschichten" gegeben hat. Und wie sich in dem Interview zeigt, geben die vorab geschilderten Situationen aus den Altenheimen tatsächlich gute Impulse für das Thema Spirituelle Patientenverfügung. Es geht um die Hilflosigkeit. Und die Abhängigkeit - und der Hörsinn ist übrigens einer der letzten, der seine Arbeit einstellt. Stell Dir also vor, Du liegst da im Sterben und dann läuft Christian Anders im Radio: "Es fährt ein Zu-hug, nach Nirgend-wo, den es noch geee-heestern gar nicht gab...". Würdest Du das mögen? Oder doch lieber "Stairway To Heaven?" Oder gar nichts?

Hilflos als Mensch - in totaler Abhängigkeit 

In einer Situation der totalen Abhängigkeit von anderen zeigt sich, wie wichtig es ist, dass die ureigene Individualität gewürdigt wird. Hierfür kann ich über eine Patientenverfügung gute Hinweise geben, indem ich mich vorab einmal frage: Wie möchte ich gepflegt werden, wenn ich selbst weder sprechen noch mich bewegen kann, aber trotzdem alles um mich herum mitbekomme? Was würde mir gut tun, was nicht? Möchte ich überhaupt, dass Musik läuft? Wo möchten ich gerne berührt werden? Möchte ich lieber von einem Mann oder von einer Frau behandelt werden oder ist es mir egal? Stichwort Inkontinenz - möchte ich so etwas wie einen Blasendauerkatheter, ja oder nein? Dem einen tut das gut, den anderen stört es sehr. Die Grundfrage ist: Was ist für mich Wesentlich? Erlebe ich mich beispielsweise als ein Mensch, dessen Geschlechtllichkeit eine wesentliche Rolle spielt - in meinem Fall also: Als Mann? Warum solche Fragen so wichtig sind, macht Dorothea Mihm in unserem Interview an einem eindrucksvollen Beispiel deutlich. 


Sie erinnert sich an einen jungen Mann, der aufgrund der Behandlung seines fortschreitenden Hodenkrebses vom Bauchnabel an gelähmt war, der also seine Fäkalien und seinen Urin nicht mehr halten konnte. Als sie ihn - in ihrer damaligen Funktion als Krankenschwester - waschen wollte, blickt der Mann auf seine Windel hinunter und sagt: Wissen Sie ich bin zwar krank, aber ich bin immer noch ein Mann - warum werde ich hier behandelt als wäre ich ein Kind? Entwertet in seinem Bild als Mann, in seiner Männlichkeit, ist dieser Mann einem Leidensprozess ausgesetzt, der auch sein Inneres in Wut und Zorn bringt. Spirituell ausgedrückt: Es ist keine Ruhe im Geist. Weltlich gesagt: Der Mann ist aufgewühlt. Und wie Dorothea Mihm es schildert, gäbe es auch aus medizinischer Sicht Alternativen für die Windel, es gäbe andere Lösungen, die weniger lächerlich wären. "Es geht darum, dass ich mich in einem zu-friedenen Geisteszustand befinde, der so wenig wie möglich gestört wird durch die äußeren Umstände", beschreibt es Mihm in unserem Gespräch. 

Große Wünsche: Natürliche Geburt, natürliches Sterben

Dorothea Mihm vergleicht in unserem Podcast-Gespräch die Wünsche, die Menschen an ihren Sterbeprozess anlegen könnten mit den Wüschen, die werdende Mütter für die Geburt ihres Kindes haben: Die meisten Mütter wollen am liebsten auf natürliche Art und Weise gebären. Nur wenn es wirklich nicht anders gehen sollte, sind sie mit medizinisch notwendigen Einschnitten einverstanden. Genauso wollen viele Menschen ein bewusstes Sterben erfahren in einem Prozess, den sich als möglichst natürlich erleben können. 


Dass eine Patientenverfügung von den behandelnden Ärzten tatsächlich auch beachtet wird, hat Dorothea Mihm durchaus erlebt, allerdings sei es wichtig, das Dokument lebendig und frisch zu halten. Eine Patientenverfügung ist nach ihren Worten umso wirksamer, je mehr die Ärzte sehen könnten, dass sie als lebensbegleitendes Dokument mit dem Patienten mitgewachsen und gereift ist - die Verfügung immer wieder zu aktualisieren, sie immer wieder neu zu prüfen, in regelmäßigen Abständen, und dies dann auch zu dokumentieren durch neue Unterschriften oder Veränderungen, darauf käme es an. Auf die Frage, was ein guter Zeitraum sein kann, sagt Dorothea Mihm: "Alle zwei Jahre!".


Düfte, Gebete, Riten - was darf sein, was nicht?


Aber natürlich gibt es auch religiöse Komponenten, die in einer spirituellen Patientenverfügung eine Rolle spielen können: Möchte ich, dass an meinem Sterbebett ein Gebet gesprochen wird, oder wäre mir das eher unangenehm? Möchte ich, dass gewisse religiöse Riten vollzogen werden, vielleicht, weil sie mir in meinem Leben schon wichtig gewesen sind? Welche Art von geistiger Betreuung möchte ich an meinem Sterbebett erleben - pastoral oder weltlich? Buddhistisch oder christlich? Möchte ich gewisse Düfte wahrnehmen, Weihrauch, beispielsweise, oder etwas Entspannendes wie Melisse? All solche und viele andere Fragen können eine Rolle spielen. Alles steht unter der Überschrift: Was ist für mich wesentlich? 


Das Altenheim, in dem ich dereinst meinen Zivildienst verrichtet habe, ist inzwischen übrigens aufgegeben worden, was in jedem Fall eine gute Entscheidung gewesen ist. Aber Heime dieser Art gibt es zuhauf. Und Pflegende, denen der Kern der Menschen nicht so wichtig ist. Die im Zweifelsfall den ganzen Tag irgendwas auf Dich eindröhnen lassen, ohne sich allzu viele Gedanken zu machen. Und dann liegst Du da, hilflos, wehrlos, ausgeliefert und es läuft: Die Fiesta Mexikana.

Hossa! Hossa! Hossa! 

Die folgenden Bücher von Dorothea Mihm sind im Handel erhältlich: “Mit dem Sterben leben” , „Die sieben Geheimnisse guten Sterbens“, „Anleitung zum guten Sterben“.

Unser Gespräch zum Thema Spirituelle Patientenverfügung gibt es in meinem Podcast "Trauergeschichten - Menschgeschichten" unter diesem Link 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Freitag, 19. März 2021

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 2: Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine sehr exakte Leidensstudie ist und was sie uns über das Trauern erzählt - Serie über "Die besten Trauerfilme", Tipps/Rezensionen

Osnabrück - Wenn sie mit ihrem gestorbenen Papa sprechen will, klettert die achtjährige Simone in den riesigen Baum neben dem Holzhaus ihrer Familie, das in den Hang eines Hügels im australischen Outback hineingebaut ist. Dass der Vater jetzt in diesem Baum wohnt, vielleicht sogar zu diesem Baum verwandelt wurde, ist ihre feste Überzeugung - und bald auch die der anderen Familienmitglieder. Als die Mutter dann ihre eigene Trauer mit einer neuen Liebesaffäre abzumildern versucht, ist es nur logisch, dass der Baum in einem Anfall von Eifersucht das Schlafzimmer zertrümmert. Mit dem 2010 veröffentlichten australisch-französischen Spielfilm "The Tree" möchte ich meine Serie über die besten Trauerfilme gerne fortsetzen - mit einem echten Höhepunkt filmischer Trauerliteratur, hübsch langsam und behutsam erzählt und sehenswert, nicht alleine wegen einer grandiosen Charlotte Gainsbourg und der wunderschönen Landschaftsaufnahmen. 

Was können uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen? Können wir etwas über das Leben lernen? Kommen sie der Lebenswirklichkeit von Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation nahe? Sind Sie für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geeignet, weil sie ihnen Verständnis oder Ermutigung anbieten können? Diese Fragen bilden sozusagen das Grundgerüst für meine Reise durch die Welt der Trauerfilme, die ich für diesen Blog unternehmen möchte. Und da gehört "The Tree" unbedingt dazu - übrigens nicht zu verwechseln mit dem ebenso bildgewaltigen wie ungewöhnlichen Meisterwerk "The Tree Of Life" mit Brad Pitt, der wiederum eine ganz andere Kategorie an Film darstellt. Oder an Kunst. Aber dazu irgendwann an anderer Stelle mehr.



Nein, bei diesem einfach nur "The Tree" betitelten Drama der Regisseurin Julie Bertocceli handelt es sich um die Verfilmung des Romans "Erzähl mir, großer Baum". Und dem Film gelingt ganz spielerisch das kleine Wunder, einen Baum selbst zu einer mächtigen Metapher für Trauer und ihre Eigenarten werden zu lassen, ohne dabei jemals ins Mystische, ins Märchenhafte oder ins Kitschige abzugleiten. Manchmal ist die Bildsprache dieses Film schon fast zu plakativ, aber gerade deswegen gut geeignet, um zu vermitteln: Ja, genauso dürfte sich Trauer anfühlen. Genauso dürfte sie einen immer wieder einholen, umklammern, selten lockerlassen. Sie kann etwas Lebendiges sein, sogar Leben stiftendes - und gleichzeitig etwas Erdrückendes, Abwürgendes, Symbiotisches. So berichten es die Menschen, die einen Verlust erlitten haben. Und so sehen wir es in diesem Film.

Das doppelgesichtige Wesen der Natur


Der Tod grätscht in das Leben der O'Neills, wie er so oft in das Leben hineinplatzt: Ganz plötzlich und unerwartet. Da sackt der Vater einfach am Steuer seines Pickups in sich zusammen und stirbt. Was die junge Tochter hinten auf der Ladefläche erst gar nicht bemerkt. Als das Auto von der Straße auf eine Wiese abbiegt und sie sich mächtig festhalten muss hinten an den Stangen, jauchzt sie vor lauter Vergnügen. Bis das Auto in den mächtigen Feigenbaum prallt, der von da an immer mehr die Hauptrolle übernehmen wird. Wobei seine fast menschengroßen Wurzelarme, die sich überallhin ausbreiten, schon bald Probleme machen. Weil sie beispielsweise in die Hausabflüsse hineingewachsen sind und sich dann Frösche in der Toilettenschüssel breitmachen. Überhaupt spielt die Natur an sich eine wesentliche Rolle im Mittelteil dieses Films. Ihre doppelgesichtige Wesensart, einerseits wunderschön und voller Leben, andererseits auch mal eine Bedrohung für die Menschen, findet sich in vielen Szenen des Films wieder - wennn zum Beispiel plötzlich eine verirrte Fledermaus an der Küchenlampe hängt. Die natürlich, und damit schließt sich der thematische Bogen wieder, zuvor im Baum gehangen hatte. So ist "The Tree" auch eine Meditation über Naturgewalten - Trauer, das ist die Botschaft, ist eine der größen Naturgewalten, die gibt. So wie die Liebe, ihre andere Seite. 


(Alle Fotos und das Filmplakat: Pandora-Film, mit freundlicher Genehmigung)

Nicht alles an diesem Film lässt sich ganz unkritisch hinnehmen. Klar, die junge Morgana Davies als Darstellerin der achtjährigen Simone ist eine schauspielerische Wucht - und eines jeden Papas Traumtochter mit ihrer unverwüstlichen Treue über den Tod hinaus und ihren blonden Haaren und den großen Augen. Wie sie mit ihrem facettenreichen Ausdrucksreichtum sogar eine Charlotte Gainsbourg locker an die Wand spielt, ist bemerkenswert. Und doch bleiben die Kinder in diesem Film allesamt sehr unkindlich gezeichnet. Mit beinahe zen-buddhistischen Lebensweisheiten ausgestattet, ertragen sie viel zu viel, als dass sowas im echten Leben möglich sein könnte. Aber sei's drum. Die wahre Hauptfigur dieses Films bleibt der Baum - und der ist nun wirklich eindrucksvoll. Schon bald wird er zum Symbol für die Trauer an sich. 

Jeder Versuch ihr zu entkommen, macht Trauer stärker


Wenn die Familie beispielsweise nach einer längeren Abwesenheit für die Weihnachtswochen zu ihrem Haus zurückkehrt und feststellen muss, dass sich der Baum mit seinen Auswüchsen des ganzen Bauwerks bemächtigt hat, ist auch das, wie fast alles in diesem Film, eine Metapher: Der Versuch eines Ortswechsels, der Versuch zu entkommen, endet nur damit, dass einen die Trauer noch viel stärker umfangen hält als vorher. Diese Naturgewalt ist zu mächtig dafür - Du kannst ihr nicht entkommen. Dass der Film am Ende dann doch eine vorsichtig optimistische Katharsis wagt, ist in dramaturgischer Hinsicht sicher nötig. Aber auch dieses Finale bleibt von einem echten Happy End entfernt. Wie im echten Leben. Kann der Film also seinen Zuschauern das Gefühl von Trauer nahebringen? Werfen wir einen Blick auf das Fragen-Grundgerüst für diese Artikelserie: 





- 1.) Was sagt der Film darüber aus, wie Trauer ist - wie sie sich anfühlt? 

Am Anfang eine massive Erschöpfung. Später eine sich immer wieder aufbäumende Verzweiflung. All das und mehr macht der Film erlebbar, ohne dabei zuviel zu erklären, ohne auf die Tränendrüse zu drücken und ohne jemals eine hollywoodesque Gefühlsüberladung über sein Publikum auszukippen. Der Film ist eine sehr exakte Studie über menschliches Leiden. Alles, was wir hier zu sehen bekommen, deckt sich mit dem, was uns Trauernde aus ihrem Leben erzählen.


- 2.) Ist der Film für Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation empfehlenswert? 

Durchaus, ja. Weil er dazu einlädt, sich selbst die Erlaubnis zu so vielem zu geben, was zur Trauer dazugehören kann - zum Beispiel dazu, mit den gestorbenen Menschen zu sprechen. Und weil er Alltagssituationen zeigt, die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise nur allzu bekannt vorkommen. Wenn die Nachbarin von gegenüber zum Ausmisten der Schränke rüberkommt, weil sie das für nötig hält; wenn die Mutter es vor lauter seelischer Erschöpfung ein paar Tage lang nicht mehr aus dem Bett schafft; wenn jeder Versuch eines Neuanfangs mit der umso massiveren Rückkehr der Trauer endet... Das kennen Menschen, die unter einem Verlust leiden. 


- 3.) Kann der Film seinem Publikum die Gefühle von Trauer und Verlust und allem, was dazugehört, nahebringen (vor allem Zuschauern, die nicht davon betroffen sind)? 

Wer einen Menschen verloren hat, der redet mit seinen Toten. Davon haben mir fast alle der Trauernden, die ich bislang begleiten durfte, berichtet. Außerdem ist es den Menschen wichtig, dass sie ihre Toten irgendwo verorten können. Das kann an einem Grab sein oder an einer Stelle, wo etwas gemeinsames Schönes erlebt worden ist. Oder es kann in einem Baum sein. Zu wissen, dass der tote Mensch dort jetzt ist und dass man dort mit ihm in den Kontakt treten kann - das ist allen Menschen wichtig, die unter einem Verlust sehr zu leiden haben. Der Film zeigt das nicht nur sehr detailliert, er dekliniert dieses Bedürfnis auch für jedes einzelne Familienmitglied durch. Auch die Mutter klettert noch in den Baum, um mit ihrem Mann zu sprechen. Und der mittlere Sohn wird den Baum mit Wasser versorgen - obwohl das eigentlich streng verboten ist, mitten in der Dürrephase im australischen Outback.


- 4.) Meine persönliche Lieblingsszene aus dem Film? 

Gegen Ende des Films wird die achtjährige Simone ihre Matratze in eine Astgabel hineinwuchten und vom Haus in den Baum umziehen. Sie wickelt eine bunte Lampiongirlande um ihr neues Zuhause und schläft und lebt dann zwischen den Ästen. Das weckt zweierlei Gefühle in mir: Eine Art väterlicher Sorge, sie möge nicht herunterstürzen und sich verletzen (was sie nicht tut). Und eine Art Sehnsucht nach einem ebenso naturbelassenen Schutzraum für Leib - und Seele. Vor allem die Seele.


- 5.)  Welche ganz persönlichen Fragen werden durch den Film in einem angeregt? 

Wo könnte ich einen Ort finden - einen inneren oder äußeren -, an dem ich mich den gestorbenen Menschen nahe fühlen kann? Wo, glaube ich, sind diese Menschen jetzt - oder das, was von ihnen übriggeblieben ist? Und: Wenn ich jetzt damit anfange, mit den gestorbenen Menschen Gespräche zu führen, halte ich mich dann für verrückt oder für ganz normal?


- Mein Fazit und meine Empfehlung: "The Tree" entwickelt sich langsam und ist eine durchweg metaphorisch gemeinte Filmerfahrung, seine Bildsprache ist jedoch nicht allzu schwer zu dechiffrieren. Der Film zeigt ebenso präzise wie schonungslos, welche Naturgewalt die Trauer ist und was sie mit uns macht - er ist Film gewordene Trauer. Gut geeignet für Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation

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Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme":


- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine sehr exakte Studie über das ist - zur Folge 2 der Serie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

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Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Freitag, 12. März 2021

Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, über Deinen Schmerz und die Frage, wie lange er noch so unaushaltbar bleiben wird - und ob das wirklich sein muss, dass der Tod so weh tut - ehrlich: alles normal! (Trauer - wann wird es besser?)


Lieber mir unbekannter Mensch,


(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist es ja umso besser...): Du hast also einen Dir lieben Menschen verloren und bist vielleicht überwältigt davon, wie weh das tun kann - und dass es Dich so nachhaltig beschäftigt. Und so lange! Viel, viel länger als Du jemals gedacht hättest? Wie lange erlebst Du es schon so, dass Du Deinen Schmerz manchmal ganz unaushaltbar findest? Ein paar Wochen? Ein paar Monate? Oder sind es schon ein paar Jahre? Bei vielen Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren es tatsächlich Jahre. Aber das muss nicht heißen, dass das so sein muss. Für Trauer gilt immer: Es gibt nur Deinen eigenen Weg. Kein anderer kann Deinen Trauerweg gehen und Du musst ihn ganz selbst finden. Das Dumme ist halt, dass es keine Straßenschilder gibt. 

Du fragst Dich vielleicht manchmal, ob dieser Schmerz in Dir drin jemals aufhören wird. Manchmal, in Deinen dunkelsten Augenblicken, fragst Du Dich vielleicht sogar, ob Du Dir etwas Extremes antun musst, um den Schmerz in Dir irgendwie zu besänftigen (meine Idee dazu wäre übrigens, dass Du das nicht tun musst). Auch das haben mir Menschen schon so geschildert. 

Ich kann Dir aus meiner Erfahrung mit Menschen in Trauer- und Verlustsituationen nur eines dazu sagen: Keine Sorge, das ist alles ganz normal. Du bist ganz normal. Was Du erlebst, ist eine total normale Reaktion auf eine Situation, die für Dich eben nicht normal ist. Wer hat schon wirklich Erfahrung mit dem Tod - und mit Trauer? Sogar ich, der ich mich fast jeden Tag mit diesem Thema beschäftige, bin immer mal wieder ratlos angesichts der Macht, die der Tod über uns hat. Ganz egal, wie der Tod in Dein Leben hineingegrätscht ist: Er ist immer brutal und gemein. Das macht uns wütend und zornig und aggressiv. Weil wir dem Tod gegenüber immer ohnmächtig sind. Gegen diese Kraft haben wir nichts entgegensetzen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir zu schwach sind. Das hat damit zu tun, dass wir eben Menschen sind.   

Nach allem, was mir die Menschen von ihren eigenen Trauersituationen erzählt haben, kann ich Dir eine gute und eine schlechte Nachricht anbieten. 


Die schlechte Nachricht ist: Der Schmerz wird vielleicht niemals ganz weggehen (aber vielleicht möchtest Du das auch gar nicht - hast Du Dich das schon mal gefragt?). Die gute Nachricht ist: Es kann durchaus sein, dass er sich mit den Jahren verwandeln wird und dass er nicht mehr ganz so quälend sein wird. Das jedenfalls ist es, was mir die Menschen oft berichtet haben. Übrigens waren das vor allem Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Die haben mir alle fast übereinstimmend gesagt: Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke. Aber die Wunde blutet auch nicht mehr so stark wie schon mal. Manchmal ist die Wunde vernarbt. Manchmal bricht die Narbe auch wieder auf. Aber insgesamt tut es nicht mehr so weh wie am Anfang, auch wenn es (viele) Jahre gedauert hat, bis es soweit gekommen ist. 

Aber wie kann es einem gelingen, den Schmerz zu besänftigen? Geht das überhaupt? Vielleicht haben die Menschen um Dich herum Dir vieles gesagt, was Dich aufmuntern sollte, was Dir aber nicht weitergeholfen hat. So etwas wie: Die Zeit heilt alle Wunden. Oder: Kopf hoch, das wird schon wieder. Oder: Du musst auf die positiven Seiten des Lebens blicken. Oder: Lies doch mal ein gutes Buch, das bringt Dich wieder auf andere Gedanken. Und dann hast Du vielleicht festgestellt, dass Dir zum Lesen immer wieder die Konzentration fehlt, dass schon viel Zeit verstrichen ist und es nicht viel besser geworden ist oder dass der Blick auf die positiven Seiten des Lebens Dich irgendwie noch trauriger gemacht hat. Du möchtest nicht undankbar sein, aber all diese guten Tipps haben Dir nicht wirklich geholfen. Aber was dann, fragst Du Dich vielleicht? Was hilft?


Aus meiner Erfahrung mit Trauergruppen und mit vielen Einzelgesprächen kann ich Dir nur eines sagen: Viele Menschen finden es hilfreich, wenn sie ihre Trauer einfach mitteilen können. Und wenn dies in einem Umfeld geschehen kann, wo diese Gefühle nicht kommentiert oder bewertet werden. Das kann zum Beispiel in einer Trauerbegleitung geschehen, in einer Trauergruppe, bei richtig guten Freunden, die so etwas können, oder auch in kreativer Form. Manche Trauernde haben einen eigenen Blog gestartet, um ihre Gefühle zu äußern - und das hat ihnen manchmal erstaunliche Wege in ein anderes Leben geöffnet.

Aber die vielleicht wichtigste Botschaft die ich Dir noch mitgeben möchte, lieber mir unbekannter Mensch (oder vielleicht kennen wir uns auch schon und Du liest diese Zeilen dennoch, das ist mir genauso lieb): Es darf sich für Dich jetzt so anfühlen, wie es sich anfühlt. Auch wenn Du dieses ganze Chaos manchmal am liebsten auf der Stelle loswerden möchtest. Ich kann Dich nur ermutigen, zu versuchen, es auszuhalten und es vielleicht sogar auszuleben. Genau deswegen habe ich meinen Blog "Trauer ist Leben" genannt: Weil Trauer ausgelebt werden möchte - und weil manche Menschen eine gelebte Trauer als hilfreich erlebt haben.

Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Weg findest. Alles Gute dafür. 

Herzliche Grüße, Thomas


Mittwoch, 3. März 2021

Wo versteckt sich eigentlich die Trauer in diesen Zeiten der Pandemie? Hat sich über die Themen Trauer, Tod und Sterben ein gesellschaftlicher Deckmantel ausgebreitet? Zu vieles bleibt in der Coronapandemie unbesprochen und ungefühlt, was die Trauer der Hinterbliebenen angeht

Osnabrück - Einer der Sätze, die ich gerade am meisten höre: "Du müsstest doch im Augenblick ganz viele Anfragen haben - und ganz viel zu tun". Jetzt, mitten in einer weiteren Welle der Pandemie, immer noch im Lockdown, steht oft die Vermutung im Raum, dass Trauerbegleitung ein vielgefragtes Instrument sein müsste, weil doch so viele Menschen auf ebenso brutale wie unsägliche Weise einen anderen Menschen verlieren mussten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Mag es derzeit auch vermehrt zu Trauerfällen kommen, bleiben sie wohl weitestgehend unbesprochen. Vielleicht auch unausgelebt. Das geht nicht nur mir so. Fast scheint es so, als wäre ein Mantel des Schweigens über die Themen Trauer, Tod und Sterben ausgebreitet worden, den wenigstens einmal anzulupfen bereits eine Überschreitung dessen darstellt, was gesellschaftlich angemessen erscheint. Umso wichtiger ist es, noch einmal auf zwei Dinge hinzuweisen. 

Erstens: Jede Trauer darf gelebt werden, jede Trauer hat ihre eigene Berechtigung - das sollte selbstverständlich sein, und doch habe ich manchmal so das Gefühl, dass wir uns genau diese Erlaubnis als Gesellschaft derzeit nicht mehr zugestehen mögen, was, wenn es wirklich so wäre, einen enormen Rückschritt bedeutete. Und zweitens: Trauer darf kein Luxus sein, ein Gefühlsüberfluss, den man sich vielleicht in krisenfernen Wohlstandssituationen leisten darf, sonst aber nicht. Denn alleine aus der Arbeit mit Männern in einer Trauer- und Verlustsituation wissen wir: Wer in einer solchen Lage nur Härte zu zeigen versucht, kann an ebendiesem selbstauferlegten Nicht-hinsehen-wollen auch zerbrechen. "Toxische Männlichkeit" meint genau das. Nur dass Trauer gerade für alle toxisch geworden zu sein scheint, nicht bloß für Männer. Nur wenige Trauerbegleiterkolleginnen und -kollegen berichten davon, dass sie vereinzelte Anfragen nach Trauerberatung oder Trauerbegleitung erhalten, aber in der Summe sind es (deutlich) weniger als vor der Pandemie. Andere berichten davon, dass ihnen die Menschen nach einer Verlusterfahrung so etwas sagen wie: "Es geht doch gerade allen so, da sind wir doch nichts Besonderes". So und ähnlich sind die Aussagen von Menschen, mit denen ich mich jüngstens bei Onlineseminaren und Videokonferenzen austauschen durfte. 

Auch wenn da mehr sein sollte, wird es weniger

Wohlgemerkt: Es wird weniger. Nicht mehr. Auch wenn viele glauben, da müsste doch mehr sein als vorher. Mehr Trauer, mehr Verzweiflung, mehr Ohnmacht. In Anfragen nach Beratung und Begleitung spiegelt sich das nicht. Auch sonst nicht.

(Fotos: Thomas Achenbach) 

Genau deswegen hat es im März 2021 die Aktion "Trauer ist systemrelevant" gegeben, die vom Bundesverband Trauerbegleitung initiiert wurde und bei der Unterzeichner für eine Online-Petition gesucht wurden. Doch dümpelte auch diese Aktion mehr so vor sich hin, anstatt wirklich zu zünden. Als ich diesen Artikel zuerst veröffentlicht hatte, Anfang März 2021, waren nach rund einem Monat Laufzeit um die 3900 Unterzeichner zusammengekommen. Am Ende waren es knapp über 5000 (um genau zu sein: 5014). Rein rechnerisch gesehen sind das bei 83 Millionen Einwohnern in Deutschland 0,006 Prozent der gesamten, also tatsächlich systemrelevanten, Bevölkerung. In Worten: Null komma Null Null Sechs. Was jetzt nicht wirklich als gesellschaftsverändernde Masse bezeichnet werden kann. Ein Ergebnis, das mich schlichtweg ratlos macht. Aber auch das spricht ein deutliches Zeichen: Von Trauer will gerade kaum jemand etwas wissen. Und dabei müsste es doch gerade jetzt sehr viel mehr an Trauer geben als vorher. Stellt sich bloß die Frage:

Kommt die Bugwelle oder bleibt sie verborgen?

Wo versteckt sich diese Trauer? Wo bleibt sie? Warum bleibt sie unbesprochen, ungesagt, vielleicht sogar ungefühlt? War Trauerbegleitung vielleicht doch ein Luxus, der durch die Coronakrise unmöglich geworden ist? Kommt sie eines Tages noch, diese große Bugwelle an aufgestauten Gefühlen, die bislang keinen Raum haben durften, und wenn ja, wann? Oder wird unsere Gesellschaft versuchen, auch die kollektive Trauer der Coronakrise in den Mauschelraum des Bessernichtgesagten zu verstecken, ungefähr so, wie sie es nach den Weltkriegen getan hat? Was, wie wir aus der spannenden Forschung rund um Kriegsenkel und Kriegkskinder wissen, sich in späteren Gesellschaftsseelen rächen kann und rächen wird (in den Kinderseelen, allen voran). Es könnte wichtig sein, diesen Fragen nachzugehen. 

Als dieser Blogbeitrag erschien, hatten wir Anfang März 2021. Genau ein Jahr davor, am 7. März 2020, hatte ich in Wien auf der damals noch existierenden Messe "Seelenfrieden" einen Vortrag zum Thema Männertrauer halten dürfen - als Präsenzveranstaltung mit echtem Publikum vor der Brust. Es war mein vorletzter Vortrag mit echtem Publikum im Saal und nicht bloß mit Einzelpersonen in kleinen Kacheln auf einem Bildschirm. Und es war das letzte Mal, dass ich für einen Vortrag weiter gereist bin als bis in die Innenstadt meines Wohnorts. Es war ein besonderer Tag - von dem ich nicht wusste, dass es ein Abschiedstag sein würde. Dann kam der Lockdown Nr. 1 - und mit ihm kamen die Absagen. Salzburg, Nürnberg, Hamburg, Bremen und zahlreiche andere Städte hätten auf meiner Reiseliste gestanden. Am Ende stand dort gar nichts mehr. Und auch Einzelbegleitungen, Trauergruppen, also das übliche Geschehen war auf Halt. Manches davon, vieles, ist bis heute abgesagt. 

An dieser Stelle ein Schnitt - und die Überleitung zu einer anderen wichtigen Person, die klar erkannt hat, wie dramatisch es um die Situation von Trauernden in Deutschland steht: Unsere "First Lady", Elke Büdenbender

"Alles ist überlagert von der Pandemie"

„Wir können (derzeit) nicht unbelastet trauern (…) Wir können uns nicht einfach in unsere Trauer hineinbegeben. Alles ist überlagert von der Pandemie. Das trifft uns als Gesellschaft insgesamt." Dies sagte die Frau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), das am 24. Januar erschienen ist und dem diese Sätze entnommen sind. Der Titel des Interviews war: "Wir müssen über das Sterben reden". Und das stimmt, auch das müssen wir. Wir müssen aber auch über die Trauer reden. 

Elke Büdenbender (Foto: Bundesregierung/Steffen Kugler, mit freundlicher Genehmigung)

Elke Büdenbender hat eine Erklärung dafür parat, warum die Themen Sterben, Tod und Trauer derzeit so ausgeblendet bleiben im allgemein gesellschaftlichen Diskurs. Sie vergleicht unser aktuelles Sterben mit der Situation eines Weltkriegssterbens: "Der Tod als Massenereignis im Krieg ist auch deshalb so grauenhaft, weil er den Menschen die Individualität nimmt." Da ist vielleicht etwas Wahres dran. Und es könnte eine gute Antwort sein auf die oben gestellten Fragen. 

Elke Büdenbender sagte im Interview mit der FAS: "Ich-sein-können im Tod, in der Art und Weise, wie ich Abschied nehmen möchte von der Welt, das hängt zutiefst mit meiner Vorstellung davon zusammen, wer ich als Mensch gewesen bin und sein möchte.“ Und dieses Ich-sein-können, das ist derzeit nicht immer möglich. Nicht im Tod, nicht in der Trauer, nicht in einer ständig vor sich selbst weggesperrten Gesellschaft - es gilt jetzt die Balance zwischen Schutz der Menschen einerseits und der Möglichkeit menschlichen Kontakts mit Mitgefühl andererseits wieder neu auszuhandeln. Damit menschliches Sterben und menschliche Trauer nicht das bleiben, was sie im vergangenen Jahr zunehmend geworden sind: Ein Luxus, den zu leisten sich diese Gesellschaft selbst verboten hat

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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