Mittwoch, 19. Januar 2022

Es geht weiter mit meinem Podcast mit einem wichtigen Thema - und es gibt einen neuen Online-Vortrag zum Thema Männertrauer, zu dem ihr Euch anmelden könnt


Osnabrück - Es ist eine der Fragen, die viele Menschen beschäftigt, die in eine Trauer- und Verlustsituation geraten: Ist das eigentlich alles noch normal, was ich fühle und was ich so tue? Darf man sowas überhaupt? Genau das ist Thema eines angeregten und vielleicht auch anregenden Gesprächs zwischen meiner Trauerbegleiterkollegin Luise Rüter aus Hilter und mir, das jetzt in meinem Podcast zu hören ist. Und am 1. Februar gibt es einen neuen Onlinevortrag zum Thema Männertrauer.

Die Podcastepisode: Darf ich dasMit den Toten reden? Ihre Sachen anziehen? Das Zimmer eines gestorbenen Menschen umgestalten? (Frisch) Gestorbene Menschen erstmal zuhause behalten? Menschen, die in eine Trauer- oder Verlustsituation geraten, stehen oft vor zwei großen Fragen: Darf ich das? Und: Ist das noch normal? In meinem Podcast geht's genau darum - ein Gespräch mit meiner Trauerbegleiterkollegin Luise Rüter aus Hilter. Der direkte Link zu der Podcastfolge: https://bit.ly/3qG7Y55

Der Vortrag: Am 1. Februar um 19 Uhr darf ich einen Onlinevortrag zum Thema Männer und Trauer geben, den der Ambulante Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienst aus Lemförde organisieren wird. Hintergrund ist eine Aktionswoche des Dienstes, die Anfang Februar stattfindet und sich aus verschiedenen Bausteinen zusammensetzt, mein Vortrag ist einer davon. Eine Anmeldung bis zum 28. Januar ist nötig unter Telefon 05443 997093 oder info@hospiz-lemfoerde.de


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

Ebenfalls auf diesem Blog: Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn", warum hört man das so oft - eine ganz persönliche These dazu, was dahintersteckt

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie der Suizid der Mama das System einer Familie ins Wanken bringt, eindrucksvoll erzählt in einem sensiblen sehenswerten Film

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

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Sonntag, 9. Januar 2022

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 8 - Ein Todesfall, drei Sommer und einmal um die halbe Welt: Der Spielfilm "Das Sommergefühl" zeigt, wie junge Menschen den ganz plötzlichen Tod einer Freundin und Schwester erleben und wie die frisch verwaisten Eltern damit umgehen - Serie über "Die besten Trauerfilme", Tipps/Rezensionen

Osnabrück - Dass sich die Trauer um einen gestorbenen Menschen nicht immer als das alles beherrschende Gefühl bemerkbar machen muss, sondern mehr so als eine latente Grundschwingung, ist selten Thema in Spielfilmen. Kein Wunder - es ist ja auch für Filmemacher wie Schauspieler eine besondere Herausforderung, trotzdem sichtbar zu machen, was nur als Bodensatz in einem ist. Der französische Spielfilm "Dieses Sommergefühl" des Regisseurs Mikhaël Hers wagt das Experiment - und liefert ganz nebenbei noch eine Milieustudie über junge und global vernetzte Großstadtmenschen in einer mobilen Vor-Corona-Welt sowie wunderbare Bilder von Megastädten im Sommer mit all ihren Parks und Grünanlagen.

Berlin im Sommer. Rötlich-sommerlich ausgeleuchtete Abendidylle, das Leben findet draußen statt. Parks und Menschen. Die junge Frau läuft über eine Wiese und kippt einfach um. Nur wenige Tage später ist sie tot. Woran sie stirbt, das erfahren wir nicht. Wie wir überhaupt sehr wenig über diese Frau mit dem Namen Sasha erfahren, deren Tagesverlauf wir in den ersten zehn Minuten dieses Films wie in einem Zeitraffer miterlebt haben. Das ist sozusagen die Overtüre, auf die dann drei weitere Akte folgen - jeweils im Sommer, jeweils an einem anderen Ort der Welt, jeweils mit leicht wechselndem Ensemble. 



Das Bemerkenswerte daran ist, dass wir bis zum Zeitpunkt des Umkippens auf der Wiese kaum etwas Gesprochenes gehört haben - und auch später bleibt "Dieses Sommergefühl" ein Film, der zwar fein beobachtet und vieles einfängt, aber nicht alles an Innenleben seiner zahlreichen Charaktere en detail auserklärt. Es geht dem Filmemacher Mikhaël Hers erkennbar darum, situativ und schlaglichtartig eine Stimmung zu erfassen, ohne eine Studie daraus zu machen. Das macht den Film ungewöhnlich lebensnah und sorgt für eine gewisse Sogwirkung. 


Künstlerhaus Bethanien in Berlin - hier hatte die gestorbene Freundin und Schwester gearbeitet (alle Fotos: Rendezvous Filmverleih)

Was können uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen? Können wir etwas über das Leben lernen? Kommen sie der Lebenswirklichkeit von Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation nahe? Sind Sie für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geeignet, weil sie ihnen Verständnis oder Ermutigung anbieten können? Diese Fragen bilden sozusagen das Grundgerüst für meine Reise durch die Welt der Trauerfilme, die ich für diesen Blog unternehmen möchte. Im Fall von "Dieses Sommergefühl" sind all diese Fragen gar nicht so leicht zu beantworten. 

Die Tiefe der Trauer bleibt eine Ahnung

Da ist zum Beispiel die Mutter der Verstorbenen: Als es noch in Berlin darum geht, alles rund um die Trauerfeier für Sasha zu organisieren, ist sie wie der Rest der Familie scheinbar ganz unberührt, voll im Aktionsmodus. Beim gemeinsamen Essen mit dem Freund der Toten - Lawrence - wird auch mal gekichert und herumgealbert. Aber ein Jahr später, als wir die Familie in ihrer Villa am See im Alpenstädtchen Annecy erleben, hat sich in der Seelenwelt der Mutter dann doch etwas merklich verfinstert. Sie zieht sich zurück, sitzt wie versteinert auf ihrem Bett. Auch das erleben wir, wie fast alles in diesem Film, nur schlaglichtartig, es bleibt eine Skizze von vielen, wird nicht aus- oder weitererzählt. So wie ein flüchtiger Besucher dieser Familie kaum mitbekommen dürfte, dass die Erstarrtheit der Trauer sie durchaus noch lähmt, in ihrem Traumhaus am See, bleibt es auch für uns Filmzuschauer nur eine Ahnung. Wir spüren: Diesen Menschen ist ihre Fassade wichtig, das Weiterfunktionieren nach außen. 


Zoe in Annecy (Foto: Rendezvous-Filmverleih).

Da ist zum Beispiel Zoe, die Schwester der Gestorbenen. Sie ist in diesem Film als Symbolfigur zu verstehen, die die Unstetigkeit, aber auch die Unverbindlichkeiten eines jungen Erwachsenenlebens in den 2010er-Jahren verkörpert. Bindungen einzugehen, sich zu versprechen, das hat für diese Generation an Menschen keinen Charakter von Unumstößlichkeit mehr, sondern ist vielmehr ein Ausprobieren, dem das nächste folgt, wenn es nicht funktionieren sollte. Warum sie unter dem Tod ihrer Schwester gar nicht so stark leiden würde, wie sie das anstelle, wird sie einmal im Laufe des Films gefragt - darauf hat Zoe keine Antwort. Auch die Trennung vom Vater ihres Sohnes scheint sie nicht weiter zu schmerzen. Nur einmal, am See in Annecy, können wir erleben, dass sie von ihrer neuen Rolle als alleinerziehende Mutter auch genervt ist. Schwimmen gehen möchte sie jedenfalls lieber alleine, nicht mit ihrem etwa zehn Jahre alten Sohn.

Es liegt in der Luft - dann biegt das Leben wieder ab

Da ist zum Beispiel Lawrence, der feste Freund der Gestorbenen. Er leidet erkennbar am meisten unter ihrem Tod. In Berlin, kurz nach dem Ereignis; aber ein Jahr später, in Paris, fast noch mehr. Erst zwei Jahre danach, in New York, kann er wieder neue Albernheiten und neue Kontakte zulassen. Und eine neue Liasion. Zwischenzeitlich hat es so ausgesehen, als würde sich zwischen Lawrence und Zoe, der Schwester der Gestorbenen, etwas anbahnen können. Aber wie so vieles bleibt auch das eine Ahnung, es bleibt in der Schwebe - während sich das Leben in eine andere Richtung entwickelt.

 

Die dritte Großstadt: New York  (Foto: Rendezvous-Filmverleih).


Diese Unverbindlichkeiten, dieses Hineingegebensein in den Strom eines urbanen Lebens, das ist es, was "Dieses Sommergefühl" zu etwas Besonderem macht. So gesehen ist es weniger ein Film über Trauer an sich, als vielmehr einer darüber, wie sich die Puzzlestücke eines Lebens in unserer modernen Welt immer wieder neu zusammensetzen - und wie sich der Verlust eines Menschen in dieses Bild mit einfügen kann. Im Presseheft zum Film findet sich ein Zitat des Co-Drehbuch-Autors und Regisseurs Mikhaël Hers, das den Charakter des Films optimal beschreibt:  „Ich wollte die bewegte und rätselhafte Realität darstellen, die uns durch die Finger rennt: Diese Fetzen der Wirklichkeit, mit denen wir – auf komische oder traurige Weise – jederzeit konfrontiert sind. Die Fragmente der Realität, diese Bruchstücke von Leben, erreichen uns, ohne dass wir ihren Sinn erfassen können. Von ihnen bleiben nur ein paar Erinnerungen, ein paar Spuren."

Eine Generation, die so viel hat - das verunsichert

Was der Film eindringlich schildert, ist die tatsächliche Erlebenswelt von jungen Erwachsenen, so, wie ich es in Trauergruppen und bei Einzelbegleitungen ebenfalls geschildert bekommen habe: Dass sich die Widersprüchlichkeiten und die Komplexität des modernen Lebens eben auch (oder: vor allem) in seinen düsteren Momenten zeigen - und wie verunsichernd das einerseits sein kann, während man andererseits die Neugier auf das Neue und das Kommende nicht verliert, trotz allem, während man weiterhin mitschwimmt im Strom des Lebens. Eine Generation, die soviel kann, die soviel hat und die gerade dadurch verunsicherter ist als andere. Und die staunend erlebt: Das Leben kann ganz leicht sein, manchmal, punktuell, aber es verliert dabei niemals seine Melancholie. Wie passend, dass dieser Film nur im Sommer spielt, dass wir die Wintermonate nicht miterleben, dass wir die Figuren nicht in ihrer gesamten Entwicklung begleiten. Sommer und Tod. Leichtigkeit und Schwere. Lebenslust und Melancholie. Jugend und Altsein. Alles drin im rötlichen Schimmer der Sommerabendsonne. Das eben ist es - dieses Sommergefühl.

Mein Fazit: "Dieses Sommergefühl" ist vor allem ein Film über junge Menschen und ihr Verständnis von der Welt. Sein großer Vorteil ist es, dass er Trauer nicht zu seinem Hauptthema macht. Davon kann enttäuscht sein, wer eine starke Auseinandersetzung mit dem Thema erwartet hat, aber gerade diese vermeintliche "Abwesenheit" der Trauer macht geschickterweise umso deutlicher, dass sie eben gar nicht abwesend ist. Und mit diesem Widerspruch müssen sehr viele Menschen täglich leben



--------------- Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme": ------------

- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine exakte Studie über das Trauern ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das US-Drama "Manchester By The Sea" alles über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählt (Oscar-Preisträger) - zur Folge 3 der Serie

- Der Tod zweier Söhne, ein eingestürztes Familiensystem - warum "The Door In The Floor" nach John Irving ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama und wie eine Familie weiterzumachen versucht, eindrucksvoll, aber zurückhaltend gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5

- Ein poetischer Film über Japan, alternde deutsche Ehepaare und die ewige Nähe des Todes - Dorris Dörries "Kirschblüten Hanami" ist eine Wucht - Folge 6

- Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert und bemerkenswert realistisch eine Familie in Trauer abbildet - Folge 7 der Serie

- Ein kluger Film darüber, wie Trauer als latente Grundschwingung das Leben junger Menschen beeinflussen kann, "Dieses Sommergefühl", Folge 8 der Serie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - was wir von einer britischen Rechtsprechung lernen können 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde alles so vermeintlich "Merkwürdiges" tun und warum das nicht peinlich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Professionelle Gesprächsführung mit Menschen in einer Krise - was wir von der Spiegeltechnik fürs Leben lernen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauerbegleiter sollten stabil sein und sich mit ihren eigenen Schicksalsschlägen beschäftigt haben - warum Haltung so wichtig ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wir sind auf dem Weg in eine Sterbegesellschaft - Zahlen, Fakten und Daten darüber, wir eine gute Trauerkultur brauchen werden  

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Sonntag, 2. Januar 2022

Persönliche Fragen, persönliche Antworten - mailt mir Eure Fragen über Trauer oder über Trauer am Arbeitsplatz (auch ganz anonym), und auf meinem Podcast werden ich und meine Kolleginnen das dann beantworten...

(Foto: Thomas Achenbach)

Osnabrück - In den vergangenen Jahren habe ich hier auf diesem Blog vieles geschrieben. So vieles, dass ich das Gefühl habe, schon ganz viele Facetten zum Thema Trauer beleuchtet zu haben. Aber habe ich auch die Fragen beantworten können, die sich Menschen zum Thema Trauer stellen? Zum Thema Trauer allgemein - und zum Thema Trauer am Arbeitsplatz? Das finde ich schwer zu beurteilen. Und daher der herzliche Aufruf und Wunsch: Liebe Leserin, lieber Leser, stellt mir doch bitte Eure Fragen, schreibt mir außerdem, ob ich Euch namentlich nennen darf oder ob ihr anonym bleiben wollt (die Mailadresse ist post@thomasachenbach.de), und dann werde ich Euch gerne die Antworten dazu anbieten. 

Das soll dann vor allem auf meinem Podcast geschehen, den noch weiter auszubauen im neuen Jahr ein Herzenswunsch für mich ist. Hier auf diesem Blog sowie in meinen Social-Media-Kanälen werde ich dann jeweils auf die aktuellen Podcast-Folgen hinweisen bzw. deren Veröffentlichung ankündigen. Parallel werde ich in 2022 auf diesem Blog meine Serie über die besten Filme rund um die Themen Trauer, Tod und Sterben fortsetzen, von der bereits sieben Artikel erschienen sind. 

Hier noch einmal die Mailadresse für Eure Fragen: post@thomasachenbach.de

Ich freue mich auf den Kontakt und die Fragen und wünsche allen Lesern weiter einen guten Start in das ganz neue Jahr 2022.


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de


Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

Ebenfalls auf diesem Blog: So facettenreich und vielfältig kann Trauer sein - eine Liste von Themen, um besser zu verstehen, was da geschieht

Ebenfalls auf diesem Blog: Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn", warum hört man das so oft - eine ganz persönliche These dazu, was dahintersteckt

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie der Suizid der Mama das System einer Familie ins Wanken bringt, eindrucksvoll erzählt in einem sensiblen sehenswerten Film

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

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Dienstag, 16. November 2021

Mein dritter Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, falls Du Dich manchmal fragst, ob Du eigentlich verrückt geworden bist in Deiner Trauer - und ob Du noch richtig bei Verstand bist, weil Du komische Dinge tust...

Lieber mir unbekannter Mensch,

(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist ja umso besser...): Hast Du Dich in jüngster Zeit immer mal wieder gefragt, ob Du noch richtig bei Verstand bist, weil Du in Deiner Trauer auf einmal Dinge tust, die Dir vorher mehr als merkwürdig vorgekommen wären? Also zum Beispiel sowas wie: Mit den Toten zu sprechen. Sich vorwiegend dort aufzuhalten, wo der gestorbene Mensch sich gerne aufgehalten hat. Die Nähe zu dem gestorbenen Menschen zu suchen, zum Beispiel am Grab oder an einem anderen markanten Ort. Die Gegenstände zu befühlen, die von dem gestorbenen Menschen geblieben sind. Sich von diesen Gegenständen, oder auch von der Kleidung des gestorbenen Menschen, einfach nicht trennen zu können. Sich zum Schlafen in das Bett des gestorbenen Menschen zu legen. Die Präsenz eines gestorbenen Menschen zu spüren, auch wenn Du vorher niemals an sowas geglaubt hättest. Manchmal das Gefühl zu haben, dass die Toten Dir irgendwie auf Deine Fragen antworten. Und, und, und... Ich könnte hier noch eine ganze Reihe von Beispielen auflisten, von denen mir Menschen während einer Trauerbegleitung erzählt haben. Aber darum geht es nicht. Der Punkt ist der: 

Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation tun so etwas, tun ganz vieles, was sie sich niemals hätten vorstellen können. Und trotzdem tut es ihnen gut. Dir vielleicht auch? Klar, Du kommst Dir vielleicht komisch dabei vor, jedenfalls ein Teil von Dir, während ein anderer Teil von Dir sich wirklich gut dabei fühlt. Da entsteht vielleicht so eine Art Bruch in Dir drin? Naja, da siehst Du mal wieder, aus wievielen verschiedenen Facetten unser Innenleben zusammengesetzt sein kann. Durchaus auch aus Facetten, die so gar nicht zusammenzupassen scheinen. Das ist wie bei einem Puzzle mit ganz vielen Teilen: Das eine Teilchen ist ganz weit links oben, das andere ist ganz unten rechts, betrachtest Du die Teile einzeln, bleiben sie unverständlich, aber erst im Gesamtbild macht es Sinn, dass es beide Teile gibt. 

Ist Dir schon einmal aufgefallen, was die Menschen einen fragen, wenn man Dinge tut, die sie nicht verstehen? Sie fragen: Bist Du noch ganz bei Trost? Siehst Du, darauf gibt es eine ganz klare Antwort: Nein, Du bist nicht bei Trost. Du hast einen Menschen verloren und bist in Trauer - und wer in Trauer ist, der bleibt meistens ungetröstet. Oft und viel und ganz lange, immer ungetröstet. Daran lässt sich leider nichts ändern, das gehört dazu. Also bist Du nicht bei Trost und kannst es gar nicht sein. Also darfst Du auch Dinge tun, die scheinbar, aber auch wirklich nur scheinbar, merkwürdig sind. 

In meinen Vorträgen benutze ich gerne die Formulierung: Menschen in einer Verlustkrise sind innenraumgreifend von ihrer Trauer ausgefüllt. Ihre Trauer ist für sie das alles beherrschende Thema, da ist oft kein Raum mehr für irgendwas anderes. Das kann andere Menschen schnell mal nerven, aber es ist nun einmal so, auch daran lässt sich nichts ändern. Vielleicht hast Du selbst oft das Gefühl, auf der Stelle zu treten, das Gefühl, dass sich nichts tut, dass es scheinbar gar nicht weitergeht. Ich kann Dich nur dazu ermutigen, dass Du mit Dir selbst am geduldigsten sein darfst. Es ist Deine Krise! Nimm Dir die Zeit, die sie von Dir verlangt. Vielleicht wird Dir manchmal einfach alles zuviel. Selbst Kleinigkeiten können Dich dann kolossal überfordern. Die Spülmaschine müsste vielleicht mal ausgeräumt werden - darf einem für sowas die Kraft fehlen? Ist das noch normal?

Ja, ich glaube, das ist es, jedenfalls zu Beginn. Und immer mal wieder zwischendurch auch. Und vielleicht hast Du dann rasch ein schlechtes Gewissen, weil Du nicht so richtig "funktionierst". Weil es Dir vielleicht auch schwer fällt, Deine Arbeit zu tun. Ich möchte Dich gerne ermutigen: Du darfst jetzt wirklich egoistisch sein. Du darfst nur auf Dich selbst hören und auf Dich selbst aufpassen. Du darfst sehr feinfühlig auf Dein Innenleben achten. Ganz viele Menschen, die in einer seelischen Krise feststecken, können in ihrem Inneren durchaus erspüren, was ihnen jetzt gut täte und was nicht - sie trauen sich bloß nicht immer, das dann auch in die Tat umzusetzen. Aber nochmal: Das alles, was sich da jetzt gerade in Deinem Inneren tut, gehört zu Dir. Es sind Facetten Deines Lebens, Facetten Deiner Krise. Facetten Deines Seins. Es sind Puzzlestücke, die zum Gesamtbild dazugehören. Das ganze Bild zu sehen, fällt uns Menschen immer schwer, unser ganzes Leben lang  - aber es fällt uns umso schwerer, je tiefer wir gerade in einer Krise stecken. Da hocken wir mit einzelnen Puzzleteilen, auf die wir ständig starren müssen, weil sie so wichtig geworden sind, und haben gar keinen Blick mehr für die anderen Teile. Selbst wenn sie noch da sind. 

Das ist okay so, das darf so sein. Nach vielen Gesprächen, die ich mit Menschen in diesen Situationen geführt habe, glaube ich eines sagen zu dürfen: Je mehr wir uns trauen, unsere Krisengefühle wirklich ausleben zu können, desto besser es ist oft für uns. Also sprich mit Deinen Toten, wenn Dir danach ist. Viele Trauernde sprechen mit ihren Toten. Oder nutze die Gegenstände, die noch dageblieben sind, wenn Du das Gefühl hast, dass es Dir gut tut. Versuch einfach das zu machen, was Dir gut tut. 

Herzliche Grüße, Thomas.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

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Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

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Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Professionelle Gesprächsführung mit Menschen in einer Krise - was wir von der Spiegeltechnik fürs Leben lernen können

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Sonntag, 31. Oktober 2021

Liebe Trauernde, ihr dürft ruhig sagen (und es so erleben), dass ihr in einer Krise seid - Fünf Gründe, warum ich es bevorzuge, statt des Wortes "Trauernde" lieber den von mir oft gewählten Begriff der "Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise" zu verwenden - warum es Kritik daran gab und was das alles mit Leonard Cohen zu tun hat

Osnabrück - Trauer... diesen Prozess verstehen die meisten Menschen als etwas von Außen bewirktes, das sich irgendwie an einem ereignet. Meistens wird Trauer als etwas gesehen, dass entweder "Arbeit macht", um es mit Sigmund Freud zu sagen. Oder als etwas, das unangenehm ist und bitte möglichst bald "bewältigt", also gewaltsam beiseite geschafft werden sollte. Aber beides sind keine hilfreichen Strategien. Wieviel hilfreicher es dagegen sein kann, seine Trauer zuzulassen, sie zu durchleben und vielleicht sogar zu gestalten, wissen jene Menschen, die in diesem Prozess nicht mehr ganz am Anfang stehen. Unter anderem deswegen ist es mir so wichtig, nicht einfach mit dem Begriff "Trauernder" einen Aufkleber draufzupacken auf Menschen, die gerade in einer der vielleicht größten Krisen ihres Lebens stecken. Aber es gibt noch mehr Gründe dafür.

Plötzlich gibt es nur noch Kaputtes, nur noch Zerbrechlichkeiten. Leonard Cohen singt in seinem Lied "Anthem" davon, dass letztlich ein Riss in allem ist. "There's a crack in everything!" -, diese Zeile findet sich im Refrain. Und genau so fühlen sich die meisten Menschen, die sehr stark unter dem Verlust eines anderen Menschen zu leiden haben: Die Welt ist insgesamt brüchiger geworden. Für Leonard Cohen indes stellt dieser Riss in allem noch etwas anderes dar - für ihn bedeutet er die einzige Möglichkeit, etwas Licht in die Düsternis hineinzulassen (..."that's how the light gets in"). Dieses von Leonard Cohen beschworene Bild von dem Riss, der überhaupt erst das Einsickern von etwas Licht möglich macht, lässt sich sehr gut in einer Trauerbegleitung benutzen. Die Idee davon, dass etwas eigentlich Kaputtes auch eine leise Ahnung von etwas neuem Ausgehelltem in sich tragen kann, kann ein interessanter Perspektivwechsel sein, der neue Impulse mit sich bringen kann. Ohne dass das Kaputte dafür ganz heile werden müsste, denn es ist ja gerade die Tatsache, dass es kaputt ist, die für dieses neue Licht sorgt. Ein klarer Fall von Sowohl-als-auch... Und damit sind wir wieder beim Thema: Menschen, die gerade einen anderen Menschen verloren haben und innerlich sehr stark mit diesem Verlust beschäftigt sind, sich vielleicht sogar davon aufgesogen fühlen, finden sich ganz oft vor solchen Sowohl-als-auch-Türen wieder. In manchen Trauerbegleitungen, bei manchen Gruppentreffen, wird oft sehr herzlich und sehr viel gelacht. Wer in Trauer ist, muss nicht permanent traurig sein. Wer in Trauer ist, steckt vielmehr mittendrin, ganz eingeklemmt, in diesem Riss, der aber schon etwas Licht wieder möglich macht. 

Und deswegen plädiere ich so sehr dafür, diese Menschen nicht einfach nur als "Trauernde" zu bezeichnen - weil mir in diesem Begriff zu wenig "... als auch" drinsteckt. Fünf Gründe für die "Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise": 

1.) Weil der Begriff den Menschen klarmacht, dass sie sich in einer Krisensituation befinden - damit geht die Erlaubnis einher, sich überfordert fühlen zu dürfen und (merkwürdige) Dinge tun zu dürfen. Wer als Mensch in eine Trauer- und Verlustkrise gerät, weil er einen anderen Menschen verloren hat, der kann sich mehrfach überfordert fühlen (und wie bei allem, was Trauer angeht, gilt auch hierbei: Das kann so sein, muss es aber nicht, es kann auch ganz anders sein, dann ist es auch okay). Da ist es manchmal schon hilfreich, wenn wir uns diese Überforderung von einem anderen Blickwinkel aus angucken können. Zum Beispiel so: Eben weil Du als Mensch jetzt in einer Krise steckst, darf es sich auch so anfühlen. Diese Vergewisserung, dass es so sein darf, wie es jetzt gerade ist - die tut vielen Menschen in einer solchen Lage schon ganz gut. Unter anderem darum geht es. Ganz abgesehen davon ertappen sich Menschen in einer solchen Krise oft dabei, dass sie sich Verhaltensweisen zulegen, die andere vielleicht als merkwürdig erleben (obwohl sie alle einen tieferen Sinn erfülllen): Mit den gestorbenen Menschen reden. Die Kleidung der gestorbenen Menschen befühlen oder sie sogar anziehen. All das und mehr, auch das darf es alles geben, es ist okay (mehr dazu gibt es in meinem Blogbeitrag "Keine Sorge, alles ganz normal!").


(Foto: Thomas Achenbach) 

2.) Weil in unserer Gesellschaft ein "Trauernder" immer noch als einer verstanden wird, der irgendwie nicht dazugehört - Zu den besonders schmerzvollen Erfahrungen, die Menschen in Trauer oft machen, gehört auch diese: Wie die anderen Menschen in einem Raum verstummen, sobald der Betroffenen hineinkommt. Wie einem andere Menschen ausweichen, wie sie vielleicht die Straßenseite wechseln. Schnell erleben sich Trauernde als Menschen mit einem Stigma, das ihnen gesellschaftlich angehaftet wird, obwohl es so nicht sein müsste. Warum das so ist, lässt sich schnell erklären: Trauernde machen anderen Menschen Angst, weil sie mit dem Tod behaftet sind. Auch hierbei hilft die Formulierung der "Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise", weil sie den Betroffenen klar macht, dass auch diese Prozesse - das Nicht-verstanden-sein, das Abgelehnt-werden, die Befangenheit der anderen Menschen - eben ein integraler Bestandteil dieses Krisenprozesses sein können. Wie lange auch immer dieser Prozess dauern wird (meistens: länger als andere sich das vorstellen können).  

3.) Weil die gefühlte Nähe zu Trauer als Krankheit dadurch vermieden wird. Trauer ist keine Krankheit, aber eine nicht ausgelebte Trauer kann einen Menschen krank machen. Ein "Depressiver" ist ein Kranker. Ein "Spielsüchtiger" ist ein Kranker. Ein "Trauernder" ist das eben nicht. Es ist ein Mensch, der sich in einer Krisensituation befindet, in einem Übergangsstadium von einer Lebenssituation in neue, andere; es ist ein Mensch, dessen Lebensentwurf, dessen Grundüberzeugungen, dessen Werte durcheinandergeraten sein können, ja, vielleicht ist sogar der steinharte Untergrund, auf dem dieser Mensch gestanden hat, zerbröckelt. All das kann geschehen, wenn wir einen Verlust erleben und wenn wir sehr stark unter diesem Verlust zu leiden haben, all das kann so sein, muss aber nicht so sein. Und all das ist trotzdem - das Normale in einer so unnormalen Situation. Also: Keine Krankheit.

 

(Foto: Pixabay.com/Gerd Altmann, CC-0-Lizenz)
 

4.) Wer sich allein auf das Wort "Trauernde" beschränkt, blendet das Thema des Verlusts dabei zu sehr aus - es geht dann nur noch um eine Definition bzw. eine Zustandsbeschreibung. Da ist jemand in Trauer, okay, aber warum er das ist, wird nicht weiter berücksichtig. Deswegen mag ich den erweiterten Begriff der "Trauer- und Verlustkrise". Daran jedoch hat es auch schon einmal, berechtigterweise, Kritik gegeben: In einer Besprechung meines Buches "Männer trauern anders, was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag) monierte der Rezensent, dass es diese Bezeichnung weder als psychologischen, noch als allgemein anerkannten Fachbegriff gäbe. Das stimmt, dem Einwand muss ich beipflichten. Streng genommen gibt es diesen Begriff gar nicht bzw. es fehlen konkrete Definitionen dafür. Aber vielleicht ließe sich das ja ändern?

5.) Weil es bei Trauer nicht alleine nur um das Trauern geht - oder anders gesagt: Alles, was so ein Prozess mit sich bringt, der durch den Verlust eines anderen Menschen ausgelöst wurde, kann irritierend sein und kann die Betroffenen verunsichern. Was Trauer alles mit sich bringen kann, ist eine Menge: Aggressionen können dazugehören, aber auch Mutlosigkeit. Appetitlosigkeit, aber auch neue Süchte. Und es können körperliche Symptome auftreten, die aus der Trauer heraus resultieren: Eine starke Erschöpfung und Müdigkeit, Kopfschmerzen, Herzrasen, Kreislaufschwankungen, Schlaflosigkeit, Magendrücker, Bauchweh. Kurzum: Durch die Trauer gerät der gesamte menschliche Apparat, inklusive der Seele, versteht, in einen Zustand einer länger anhaltenden Krise. Einer Trauer- und Verlustkrise. Wenn wir diesen Begriff benutzen, machen wir den Betroffenen klar, dass all das dazugehören kann. So dass sich niemand fragen muss, ob er denn noch ganz richtig ist. Denn das ist jemand, der auf Trauer reagiert - er ist ganz richtig. Aber in einer Krise.  

Aber nochmal zurück zum Thema Risse - auch, was das Thema Sprache allgemein angeht, müssen wir ja feststellen, dass es derzeit viele Risse gibt


(Foto: Thomas Achenbach)

Ich bin in Sachen Sprache zwar durchaus sensibel, ich weiß einerseits darum, dass Sprache durchaus ein Machtinstrument sein kann... Andererseits bin ich aber kein Freund davon, durch die Diskussionen über Sprache noch mehr Risse zu erzeugen als jene, die ohnehin schon durch unsere Gesellschaft gehen. Wenn ich manche der Debatten verfolge, die gerade in Teilen unserer Gesellschaft geführt werden - und die dann wiederum auf die Feuilletons der Zeitungen abstrahlen -, wenn ich die Verbissenheit sowie die Heftigkeit erlebe, mit der diese Diskussionen geführt werden, die allgemeine Bereitschaft, sofort in Empörung auszubrechen, ja, fast förmlich darauf zu warten, dass man endlich, endlich, endlich wieder hochempört sein kann, dann ist mir das alles viel zu aufgeheizt. Als ich im vergangenen Sommer einen meiner Blogbeiträge bei Twitter angepriesen hatte, der einfach nur ein Erklärstück darstellt darüber, warum manche Menschen heutzutage von "Zugehörigen" statt "Angehörigen" sprechen - und der sich weder für das eine noch für das andere als eine Ultima Ratio ausspricht -, wurde ich dort gleich angepampt. Nach dem Motto, was ich denn bitte dagegen hätte. Vermutlich von Menschen, die nicht einmal einen winzig kleinen Blick auf den Blogartikel selbst geworfen haben. Das hat mir sehr deutlich gezeigt wie unnötig hysterisch diese ganze Sache längst geworden ist. Mann, Leute. Bitte durchatmen. 

Wenn's um Sprache geht, werden manche fast hysterisch

Anstatt die Gesellschaft aufmerksamer und allgemein liebevoller zu machen, was ja anfangs mal das Ziel einer wachsamen Sprache gewesen sein mag, sind aus gesellschaftlichen Rissen inzwischen richtige Brüche geworden, über die sich meistens keine Brücken mehr bauen lassen. Und ich frage mich, ob das wirklich so sein muss - oder ob wir uns nicht alle mal ein bisschen entspannen können? Jedenfalls ist das nicht das, was ich möchte. Mir geht es viel mehr darum, durch die Risse auch das Licht hindurchzulassen - und dieses Licht sichtbar zu machen.

Denn:

There's a crack in everything.

That's how the light gets in.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 7: Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert ist und wie er den Verlust eines Sohnes, eines Bruders sowie die Gefühle der frisch verwaisten Eltern gut und realistisch zu zeigen versteht - Serie über "Die besten Trauerfilme", Tipps/Rezensionen

Osnabrück - Einer der sehenswertesten Spielfilme über das Thema Trauer ist Nanni Morrettis "Das Zimmer meines Sohnes" von 2001. Und weil dieser Film einerseits sensibel, andererseits aber zurückhaltend und unaufdringlich erzählt wird, ist er auch einer der wenigen Filme, die tatsächlich für Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation gut geeignet sind. Der Film zeigt, beinahe analytisch, wie sich der plötzliche Verlust des Sohnes auf das Familiengefüge auswirken kann - und auf jedes einzelne Mitglied dieser Familie. Und wie der Alltag trotzdem weitergeht. Ein kluger Film, der durch seine Schlichtheit besticht. Ein Film aus Italien - Hollywood ist hier ganz weit entfernt, zum Glück. Aber der Reihe nach.

In Trauergruppen habe ich schon öfter davon gehört - da ist ein Mensch gestorben, sagen wir, beispielsweise, ein junger Mann. Und seine Freundin, die bis zuletzt mit ihm zusammen gewesen ist, wird für die Eltern des Gestorbenen beinahe zu einer Art Ersatz, sie klammern sich an sie, die sie diese letzte Verbindung zum Leben des Sohnes darstellt - aus der Ersatzbeziehung schöpfen die frisch verwitweten Eltern eine trügerische neue Hoffnung. Ein ganz ähnlicher Mechanismus spielt auch in dem Film "Das Zimmer meines Sohnes" eine Rolle, dort aber auch, wie so vieles in diesem Film, eher angedeutet und nicht en detail ausdekliniert. Das ist einer der größten Stärken dieses Werkes: Dass es sehr vieles anreißt, viele Facetten sichtbar macht, aber nichts davon mit Aufladung überfrachtet, keiner seiner Fährten mit Auserzählung folgen muss. Allein dadurch wird "Das Zimmer meines Sohnes" zum vermutlich realistischsten Film über Trauer, den es überhaupt gibt. Und gerade weil er auf jede Tränendrüsigkeit verzichtet, ist er unbedingt sehenswert. 


(Alle Fotos: Thomas Achenbach, Aushangfotos: Pro-Kino)

Was können uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen? Können wir etwas über das Leben lernen? Kommen sie der Lebenswirklichkeit von Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation nahe? Sind Sie für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geeignet, weil sie ihnen Verständnis oder Ermutigung anbieten können? Diese Fragen bilden sozusagen das Grundgerüst für meine Reise durch die Welt der Trauerfilme, die ich für diesen Blog unternehmen möchte. Und da bietet sich dieses "Zimmer meines Sohnes" unbedingt an. In der ersten halben Stunde des Films ist das Leben der Protagonistenfamilie noch unversehrt und wir werden Zeuge von teils heiteren, teils mit den in Familien üblichen kleinen Reibungen versehenen Alltagsanekdoten. 

Heiterkeiten, Reibereien... - unversehrtes Familienleben

Da ist der Familienvater, der Psychoanalytiker Giovanni, gespielt von Drehbuchautor und Filmemacher Nanni Moretti persönlich. Von seinen Patienten lässt er sich beleidigen, beschimpfen, bedrängen, aber nichts davon kann ihn aus der Ruhe bringen. In seiner Freizeit geht er gerne joggen - und als er am Ende seiner Runde auf eine Gruppe ausgelassen auf der Straße tanzender Hare-Krishna-Anhänger trifft, lässt er sich von deren unbefangener Lebensfreude anstecken. Dass sein 17-jähriger Sohn Andrea einmal mehr Ehrgeiz im Sport zeigen würde, wäre dem Vater schon wichtig. Die Tochter Irene ist da ganz anders geraten, im Basketball ist sie ungemein erfoigreich und zielstrebig. Die Mutter der Familie arbeitet in einer führenden Funktion in einer Kunstgalerie. Und doch ist das Leben ruhig genug, dass dem Paar auch noch Zeit bleibt für abendliche Leidenschaft. 




Dann folgt eine bemerkenswert konstruierte Parallelmontage, in der wir jedes Familienmitglied in einer anderen Situation erleben. Die Mutter der Familie wird auf einem Flohmarkt kurz angerempelt und erschrickt. War es vielleicht sogar ein Dieb? Die Tochter albert beim Mofafahren mit anderen herum, versucht, ihre Mitschüler auf anderen Mofas zu treten, eine zwar fröhliche, aber nicht ganz ungefährliche Situation. Der Familienvater sitzt bei einem Patienten, der ihm von einer lebensbedrohenden Krebsdiagnose berichtet. Und schließlich sehen wir das Schlauchboot, in dem der Sohn Andrea mit seinen Tauchkumpanen auf ein sonnenbestrichenes und sattblauverwöhntes Meer hinausfährt. Während in die Lebenssituationen aller anderen eine Ahnung von Bedrohung hineingetupft ist, bleibt diese Schlauchbootsequenz heiter und unbeschwert. Und wird sich doch als die Einzige erweisen, die Endlichkeit in sich versteckte.

Eine Lähmung in allem - der Tod bringt Stillstand

Den Tod des Sohnes bekommen wir indes gar nicht zu sehen. Kaum haben wir mitbekommen können, dass er gestorben ist, wird auch schon der Sarg verschweißt, was bei Modellen mit einem Metalleinsatz offenbar üblich ist (das habe ich auch erst durch eine Onlinerecherche zu dieser Frage gelernt). Und schon sind wir mittendrin in einer Abfolge skizzenhafter Szenen, beinahe Fragmenten, die uns begreifbar machen, wie sehr das Familiensystem in Unordnung geraten ist. Bis eines Tages ein unangekündigter Brief eine Überraschung mit sich bringt, die wieder einen Hoffnungsfunken aufflammen lässt: Andrea hat offenbar eine Art Freundin. Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Art Mini-Liebschaft von einem Campingplatzaufenthalt... 




Es ist gewiss kein Zufall, dass der Film sich die Psychoanalyse zu einem seiner Sujets gemacht hat, denn aus einer ebenso nüchtern-distanzierten Haltung heraus zeigt uns der Film in skizzenhaften Szenen, wie sich der Tod des Sohnes bzw. Bruders auf die Familie auswirkt. Was wir dabei zu sehen bekommen, ist sehr genau beobachtet und gespielt, spielt aber nicht um der emotionalen Wirkungseffekte willen mit den Gefühlen des Publikums. Hier sind ein paar der Trauerfacetten, mit denen uns der Film in Kontakt bringt:

1.) Schuldfragen spielen eine wichtige Rolle: Der Vater lässt sich in einem Laden das Equipment erklären, das für das Tauchen gebraucht wird. Weil er sich mit der Vorstellung herumplagt, dass schlecht gewartete Tauchutensilien für den tödlichen Unfall seines Sohnes verantwortlich sein könnten. Warum Schuld für den Trauerprozess so wichtig ist - und welche unbewussten Funktionen diese Suche nach der Schuld erfüllen kann - ist immer wieder Thema auf diesem Blog, zum Beispiel in diesem Artikel über Schuld und Schuldgefühle.

2.) Jeder trauert in seinem Tempo und seiner eigenen Intensität: Das Ehepaar scheint sich in seinen völlig konträren Trauerprozessen voneinander zu entfremden, jeder wird von seinem eigenen inneren Geschehen aufgezehrt.

3.) Für die Gemeinschaft der Familie fehlt die Kraft, jeder zieht sich in sich selbst zurück: Während sich die Mutter weinend ins Bett zurückzieht und sich der Vater zunächst in seine Arbeit zu flüchten versucht, versucht die Tochter (und Schwester des gestorbenen Sohnes) die Mahlzeiten für die Familie zuzubereiten.

4.) Wut und Zorn gehören zum Prozess dazu: Nach einer kirchlichen Trauermesse, die keinem der Familie so wirklich gut getan hat, gerät der Familienvater in einen Zornesausbruch. Ausgerechnet die kirchliche Trauermesse hat ihm bewusst gemacht, wieviel im Haushalt der Familie schon angeschlagen und kaputt ist, ein Teller hier, eine Tasse dort, eine Teekanne ebenfalls. Letztere wird den Wutausbruch nicht überleben. Dass es ausgerechnet die Kirche ist, die den Zorn der Menschen evoziert, in einem italienischen Film, ist ein starkes Statement. 

5.) Die Kinder fühlen sich für die Eltern (über)verantwortlich: Tochter Irene versucht das Alltagsgeschehen aufrechtzuerhalten und gerät in eine beinahe elterliche Verantwortungsrolle für ihre Eltern. Wie sehr sie selbst darunter leidet, zeigt sie keinem. Aber in der Umkleidekabine eines Bekleidungshauses, versteckt vor der Außenwelt, kommen ihr dann doch die Tränen.



6.) Alte Rituale funktionieren nicht mehr: Das Ehepaar versucht es mit Essengehen, um sich abzulenken und wieder zueinander zu finden. Doch anders als erhofft führt dieser Abend nicht zu einem gestärkten Miteinander.  

7.) Die vielen quälenden W-Fragen: Das Warum, Wie und vor allem das "Was wäre wenn" beschäftigt die Mitglieder der Familie. Vor allem der Vater wird immer wieder von Visionen durchgerüttelt, in denen er seinen Sohn doch noch zum Joggengehen überreden oder durch andere Aktionen vom Tauchgang abhalten kann. Hier zeigt sich auch wieder die gefühlte Schuld, die sich bei Trauer oft einstellen kann: Ich hätte es ändern können. 

8.) Männer trauern anders als Frauen: Sie lebt ihre Trauer unmittelbar aus, weint, klagt, zieht sich ins Bett zurück. Er versucht es zunächst mit Arbeit. Als das auch nicht mehr funktioniert, schmeißt er hin. 

9.) Sich mit dem beschäftigen, was der gestorbene Mensch zuvor gern getan hat, um eine emotionale Nähe zu schaffen: In einem Versuch, sich seinem gestorbenen Sohn anzunähern, geht der Vater Giovanni in einen Musikladen und lässt sich beraten, er will die Musik hören, die sein Sohn gehört hat, will sich dort hineindenken und -fühlen.

10.) Auch Momente der emotionalen Taubheit oder Erstarrung gehören zum Prozess dazu: Kurz nach dem Tod seines Sohnes streift der Vater Giovanni über einen Jahrmarkt. Um ihn herum pralles Leben und bunte Lichter. Sein Gesicht spiegelt indes seine innere Versteinerung. Einmal versucht er, mit einer so genannten Käfigrundfahrschaukel, die man mit Muskelkraft selbst bewegen muss, auch sein inneres Erleben wieder in Schwung zu bringen. Man sieht ihm die emotionale Kraftanstrengung an, die ihn das kostet. 

11.) Es bleiben traumatische Erfahrungen: Die Schrauben, die in den verschlossenen Sarg hineingedreht werden, das Geräusch, das sie dabei erzeugen, diese Bilder kommen an einer anderen Stelle des Films zum Einsatz. Sie erzeugen einen Eindruck von Gewalt und Schmerz.

Bemerkenswerter Randaspekt: Der Film ließe sich übrigens auch ganz anders lesen - nämlich als ein allegorischer Abgesang auf die Kunst der Psychoanalyse. Aber das wäre einen zweiten Artikel wert. Werfen wir noch einmal einen Blick auf das Fragen-Grundgerüst für diese Artikelserie: 



1.) Was sagt der Film darüber aus, wie Trauer ist - wie sie sich anfühlt? 

Er macht bemerkenswert viele dieser Facetten sichtbar, siehe oben. 

- 2.) Ist der Film für Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation empfehlenswert? 

Fast uneingeschränkt ja, weil er konsequent auf Überdramatisierung verzichtet, weil er mit analytischer Klarheit aufzeigt, wie sich der Trauerprozess auf die ganze Familie auswirkt, ohne jemals rührselig oder tränendrüsig zu sein, 
womit dieser Film Seltenheitswert besitzt. Er ist echt und gleichzeitig kühl genug erzählt, um für Menschen in genau dieser Lebenssituation aushaltber zu bleiben.

- 3.) Kann der Film seinem Publikum die Gefühle von Trauer und Verlust und allem, was dazugehört, nahebringen (vor allem Zuschauern, die nicht davon betroffen sind)? 

Einerseits ja, weil so vieles drin ist. Andererseits nein, weil mit der sehr nüchternen Erzählhaltung des Films auch eine gewisse Distanzierung und Kühle einhergeht. Ein wirkliches emotionales Mitschwingen wird somit erschwert. Das ist sowohl eine Stärke als auch eine Schwäche dieses Films. Es kommt halt drauf an, in welcher Situation und Lage sich der Zuschauer gerade befindet.
 



- 4.) Meine persönliche Lieblingsszene aus dem Film? 

Der Film endet am Meer, an der Grenze zwischen Italien und Frankreich im Küstenörtchen Menton, nach einer langen nächtlichen Autofahrt, zu der es durch bemerkenswerte Verkettungen gekommen ist. Vom Meer her weht ein kräftiger Wind, es ist ein sonniger Tag und für die Familie hat sich - ausgelöst durch die bereits erwähnten Verkettungen - ein kleines Guckloch in der sie umgebenden Schwärze aufgetan. Nur ein sehr kleines. Natürlich wird es bald zurückgehen in die Heimat und in das Leben, das dort weitergelebt werden will, also das Leben mit dem Verlust. Und wir können ahnen, dass dieses Leben seine Unaushaltbarkeit nicht gänzlich verlieren wird, dass die Schmerzen nicht verheilen werden, aber wir können gleichsam auch ahnen, dass es einen Tag geben könnte, in der weiteren Zukunft, an dem der Verlust des Sohnes integriert sein kann in die Geschichte dieser Familie. Als Narbe, die weiterhin spürbar bleiben wird. Aber nicht mehr ganz so stark blutet. Es ist nicht unbedingt ein Happy End. Aber das vielleicht realistischste Ende, das in einem Film über Trauer möglich ist.

- 5.)  Welche ganz persönlichen Fragen werden durch den Film in einem angeregt? 

Stell Dir vor, dass sich Dein ganzes Leben, so festgefügt und unumstößlich es Dir auch erscheinen mag, von einer Sekunde auf die andere auflöst - was würdest Du bereuen? Was hättest Du Dir anders gewünscht? Wie würde es Dir dann gehen?

- Mein Fazit und meine Empfehlung: Immer wieder wird "Das Zimmer meines Sohnes" von der Kritik oder in TV-Zeitungen als ein "bewegendes Drama" beschrieben, dabei stimmt das gar nicht, deutet es doch eine Dramatisierung an, die das fertige Produkt nicht vorweisen kann. Es sind zahlreiche Details, der fein beobachtende menschliche Spürsinn und die gekonnte Zurückhaltung, die diesen Film wirklich sehenswert machen


--------------- Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme": ------------

- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine exakte Studie über das Trauern ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das US-Drama "Manchester By The Sea" alles über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählt (Oscar-Preisträger) - zur Folge 3 der Serie

- Der Tod zweier Söhne, ein eingestürztes Familiensystem - warum "The Door In The Floor" nach John Irving ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama und wie eine Familie weiterzumachen versucht, eindrucksvoll, aber zurückhaltend gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5

- Ein poetischer Film über Japan, alternde deutsche Ehepaare und die ewige Nähe des Todes - Dorris Dörries "Kirschblüten Hanami" ist eine Wucht - Folge 6

- Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert und bemerkenswert realistisch eine Familie in Trauer abbildet - Folge 7 der Serie

- Ein kluger Film darüber, wie Trauer als latente Grundschwingung das Leben junger Menschen beeinflussen kann, "Dieses Sommergefühl"Folge 8 der Serie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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