Mittwoch, 21. September 2022

Jetzt mal brutal ehrlich: Ein Kind zu bekommen oder in eine Trauer- und Verlustkrise zu geraten, das hat beides erstaunliche Parallelen... – fünf Gründe für eine steile These - was wir aus der Trauer- und Lebensbegleitung für diese Aufgabe lernen können...

Osnabrück - Einer dieser Sätze, mit denen ich neulich abends beim Bier für etwas Verwunderung gesorgt hatte: Ein Kind zu bekommen oder einen Menschen zu verlieren, das ist beides total gut miteinander vergleichbar. Wie bitte? Was anfangs für Kopfschütteln sorgte und von mir selbst auch eher augenzwinkernd gedacht war, entwickelte sich nach einer vertiefenden Diskussion dann doch zu einer allseits anerkannten These. 

Bevor ich fünf Gründe für diese, zugegebenermaßen, steile Behauptung nenne, möchte ich noch eine wichtige Vorbemerkung loswerden: Ich bin jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, seit bereits acht Jahren der Vater einer Tochter und finde das ziemlich großartig. Trotz- und Autonomiephase waren hart, das mit Schlafen, nun ja, ist auch so eine Sache, Home Schooling brauche ich nie wieder in meinem Leben, aber wir haben eine überwiegend großartige Zeit, ich möchte das nicht missen.

Fakt ist aber auch - und da nähern wir uns wieder unserem Thema: Kinder reißen Dich aus Deinem eigenen Zentrum, ob Du willst oder nicht. Kann gut tun. Muss man haben können. Trauer tut das übrigens auch - Dich aus Deinem bisherigen Zentrum reißen. Womit wir wieder beim Thema wären.

Warum es so gut vergleichbar ist, einen Menschen zu verlieren oder einen zu bekommen - fünf Gründe:


(Foto: Hermann Traub/Pixabay.de)

1.) Dein Leben ist grundlegend anders, von einem Tag auf den anderen - nichts ist mehr so, wie es vorher einmal war. Ein Mensch, der vorher da war, verschwindet plötzlich - und mit ihm alles, was an gewohnten Routinen und Ritualen den Alltag geprägt hat. Alles muss sich neu finden - und was die Tage ab jetzt prägt, ist diese große Leere. Oder: Ein Menschlein, das seinen ganz eigenen Rhythmus erst noch finden muss und ein enormes Potenzial an Aufmerksamkeit benötigt, ist von einem Tag auf den anderen plötzlich da. Brüllt die Nächte durch und schläft am Tag, aber gewiss nicht dann, wenn Du eigentlich Deine wenigen Kraftreserven dafür nutzen wolltest, ein paar anstehende Erledigungen zu machen. In beiden Fällen wird Dein Leben binnen weniger Stunden komplett auf den Kopf gestellt. Tod oder Geburt, beide Ereignisse gehören zum Prägendsten, was das Leben mit sich bringen kann, und beiden Ereignissen ist eines gleich: Der Wandel ist radikal, weltenverändernd - und langfristig! Nichts ist mehr wie es einmal war. Und es wird auch nie wieder so sein. Im Guten wie im Schlechten. Von einem Tag auf den anderen mitten hinein in den Ausnahmezustand - den Du zu Deinem neuen Alltag machen musst. 

2.) Du findest Dich in einem totalen Gefühlsstrudel wieder, den Du so noch nie erlebt hast. Grund: Hormone. Sowohl der Verlust eines Menschen als auch die Geburt eines Kindes haben wesentlichen Einfluss auf Deinen Hormonspiegel und auf alle körperlichen Prozesse, die im Inneren ablaufen. Auch auf der chemischen Ebene ist alles aus den Fugen, in beiden Fällen. Und das betrifft beide Eltern, beide Geschlechter, nicht alleine die Mutter. Sondern auch die Väter. Der Schlüssel ist jeweils das Oxytocin, das allgemein als "Kuschelhormon" bezeichnet wird, wobei diese Definition ein bisschen zu sehr nach Wohlfühlfaktor klingt. Die Lust auf Sex geht runter, der Wunsch nach Nähe steigt auf ein Übermaß. Die Natur zwingt die Väter mit diesem Überschuss an Bindungshormon dazu, bei der Familie zu bleiben. Diese Überproduktion von innerer Chemie bringt aber auch etwas Rauschhaftes, Unwirkliches, Seltsames mit sich. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in den ersten Monaten nach der Geburt meiner Tochter zu einem mehrtägigen Workshop fahren sollte, was eine erste längere Trennung bedeutete, und wie ich auf dem Weg zum Auto Zeuge davon wurde, wie ein Eichhörnchen überfahren wurde. Ein harmloses, wehrloses Wesen (= wie das Baby), das von einem Autoreifen zu Fleischbrei zermantscht wurde. Beides zusammen, wenige Monate nach der Geburt meines Kindes, hat mich völlig fertiggemacht - und ich hab mich gefragt, was zur Hölle mit mir bitte los ist? Bei Trauer wiederum passiert das Gegenteil, wie Forscher 2015 nachgewiesen haben: Anstatt Oxytocin auszuschütten, das immerhin zu einer gewissen Empathie- und Selbstliebefähigkeit führen könnte, verfällt der Körper auch chemisch gesehen in einen Stresszustand. Trauer setzt eine Menge an CRF frei, das als Stresshormon gilt ("Corticotropin-Releasing-Factor") und das die Ausschüttung von positiven Hormonen verhindert. Wiederum ist es das Oxytocin, das den Schlüssel darstellt. Diesmal, weil es Mangelware geworden ist. Seelische Überforderung und ein Körper voller Stresshormone - innerer Ausnahmezustand von der anderen Seite.


(Foto: Animaparsa/Pixabay.de)

3.) Urlaub ist nicht mehr erholsam - sondern eine Verlagerung Deiner allgemeinen Situation an einen anderen Ort. Wer mit jüngeren Kindern in die Ferien fährt, verlagert seine Ausnahmesituation von daheim an den Urlaubsort. Schlimmer noch: Man nimmt das, was zuhause eher anstrengend sein kann, nicht einfach nur mit, sondern verstärkt es auch noch. Unter anderem, weil die gewohnte Infrastruktur fehlt (Spielzeug, Betreuung, Technik, Freunde, etc.). Aber auch, weil das, was Erwachsene erholsam finden, für Kinder entweder ziemlichen Stress bedeuten kann (ein anderer Ort, ein anderes Bett, lange Autofahrten) oder schlicht ultralangweilig ist (Essen im Restaurant, Ruhe, Schlaf, Bücher lesen, "Nichtstun"). Wer wiederum nach dem Verlust eines Menschen in den Urlaub fährt, der nimmt seinen Kummer und seine Trauer mit an den Ferienort. All das ist mit dem generellen Konzept von Urlaub nicht gut vereinbar, sollten doch Ferienfahrten eigentlich der Regeneration und der Erholung dienen. Erholung durch Abstand, nun ja, das gilt in beiden Fällen vielleicht noch räumlich. Erholung durch Ruhezeiten, nun ja, dafür ist der Seelenaufruhr oft zu groß bzw. das Kind fordert ständig irgendeine Aufmerksamkeit oder einen Programmpunkt. Erholung durch Buchlektüre, nun ja, dafür fehlt es an Konzentrationsfähigkeit, in beiden Fällen. Und jedes "Nichtstun" verliert seine Schönheit, wenn einem dadurch entweder die Einsamkeit wieder schmerzvoll bewusst wird (= Trauer) oder wenn Dich Dein Kind gefühlt alle 45 Sekunden nach irgendetwas fragt (Essen, Aufmerksamkeit, Vorlesen, Erlebnisse, etc.) oder an Dir zieht und zerrt oder auf Dir rumturnt vor lauter Langeweile. In beiden Fällen gilt übrigens: Nach ein paar Jahren kann es besser werden, jedenfalls in kleinen Segmenten und immer schön Stück für Stück. Manches bleibt allerdings. 

4.) Du kannst nicht mehr schlafen. Wer einen Menschen verloren hat, leidet oft an Schlafproblemen. Die Nächte können von inneren Unruhen geprägt sein, die Dich nicht schlafen lassen - oder der Schlaf ist von wirren Träumen durchzogen, die Dich hochschrecken lassen. Es können neue Ängste auftauchen, die sich vor allem nachts bemerkbar machen. Oder die Nacht wirkt wie ein zusätzlicher Verstärker für all die Gefühle, die tagsüber schon so mächtig sind. Und wer ein Kind hat, muss nach dem Trubel der Babyjahre - mit sehr wenig Schlaf darin - damit leben, dass dieses Wesen mit seinem ganz eigenen Biorhythmus ausgestattet ist und diesen per Geburt einfach mitbringt. Oder anders gesagt: Dein Kind hat eine einprogrammierte Wachzeit, die sich irgendwann nach dem Babyalter herausschält und auf die Du keinen Einfluss nehmen kannst, so sehr Du es auch versuchst. Wenn Du Glück hast, ist es eine spätere Aufwachzeit (wobei sich das mit dem "Glück gehabt" ab der Einschulung Deines Kindes wieder relativiert). Wenn Du Pech hast, bekommst Du so eine echte Lerche. Es soll Kinder geben, die sind jede Nacht um drei oder vier Uhr wach. Jede. Über Jahre. Und Du: Bist machtlos. Auch wenn Dir zigtausend Erziehungsratgeber, Schlafratgeber und zahlreiche andere Eltern oder Großeltern etwas anderes einzureden versuchen: Gegen die Aufwachzeit Deines Kindes kommst Du nicht an. Du kannst höchstens versuchen, erzieherisch ein wenig gegenzusteuern ("Eltern niemals vor 7 Uhr wecken"), was eine gewisse Kraftanstrengung bedeutet und nicht immer funktioniert, aber generell möglich ist. Kurzum: Wer einen Menschen verliert oder einen Menschen bekommt, schläft schlecht oder zumindest schlechter bis gar nicht mehr. Das kann Monate andauern oder auch einige Jahre.


(Foto: Gerd Altmann/Pixabay.de)
 

5.) Und schließlich: Viele andere, meist Unbeteiligte, geben Dir ganz viele Ratschläge und glauben vieles besser zu wissen. "Das Leben geht weiter", "Du musst jetzt loslassen", "Gönn Dir doch mal wieder was Schönes" und so weiter. Wer tatsächlich schon einmal in einer Trauersituation gesteckt hat, der wird erlebt haben, dass solche Ratschläge nicht wirklich hilfreich sind - wie eigentlich alle Ratschläge. Nicht umsonst gibt es im Kontext von Therapie und Beratung den gut gepflegten Spruch "Ratschläge sind Schläge". Das gilt genauso für Eltern und Kinder. Weil kein Mensch das tatsächliche Binnenverhältnis einschätzen kann bzw. die dynamischen Prozesse, die zwischen Eltern und Kindern jeweils individuelle Stärken erreichen (und die können sehr dynamisch sein), sind auch hierbei die meisten gut gemeinten Ratschläge schlicht nur eins: Sie sind übergriffig. Weil in Unkenntnis der tatsächlichen Situationen und der jeweiligen Spezifikationen ausgesprochen. Und dennoch fühlen sich ganz viele Menschen berufen, kluge Ratschläge zu geben - und wer kann sich davon schon komplett frei sprechen (also, ich auch nicht immer, zugegeben, obwohl ich schon viel, viel, wirklich viel besser geworden bin!)?

Und, nochmal, weil mir das so wichtig: Kinder zu haben, das ist einerseits etwas sehr Erfüllendes und sehr Bereicherndes - und es kann sehr zu Deiner persönlichen Weiterentwicklung beitragen -, aber das hat wie alles im Leben eben seinen Preis. Und der kann sich zeigen als ein lange andauernder und meistens verkannter Ausnahmezustand, eine nervliche Belastungsprobe, die den gesamten Menschen fordert. So wie Trauer. Ich könnte noch viel mehr dazu schreiben. Aber: Ich muss jetzt ins Bett. Ich bin ganz schön müde...


----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de


Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: "Er hätte so gerne noch gelebt"... - und was hat er vom Leben gehabt? So erkennst Du, ob Du auf einem guten Lebens-Weg bist 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn", warum hört man das so oft - eine ganz persönliche These dazu, was dahintersteckt

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie der Suizid der Mama das System einer Familie ins Wanken bringt, eindrucksvoll erzählt in einem sensiblen sehenswerten Film

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - was wir von einer britischen Rechtsprechung lernen können 

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

------------------------------------------------------------------------------------------





------------------------------------------------------------------------------------------

Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme":


- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine sehr exakte Studie über das ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das mit Oscars ausgezeichnete US-Drama "Manchester By The Sea" über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählt - zur Folge 3 der Serie

- Wie der Tod zweier Söhne ein Familiensystem ins Wanken bringt und warum "The Door In The Floor" nach John Irving ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama bringt das System einer Familie ins Wanken, eindrucksvoll und doch zurückhaltend genug gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5



Montag, 15. August 2022

Ein ehrlicher Bericht über die Trauer nach einem Suizid: "In meinem Mann muss es unvorstellbar dunkel gewesen sein" - Svenja Gropper über die Jahre nach dem Tod ihres Mannes und ihren Weg zur Trauerbegleiterin

Osnabrück - Wie war das noch, am ersten Todestag? Von mir gefragt, was sie an diesem Tag gemacht hat, kann sich Svenja Gropper gar nicht mehr so genau erinnern. Ist das schlimm? Nein. Denn dass diese Gedächtnislücken zu ihrem Trauerprozess dazugehören - wie bei anderen auch -, zeigt sich im weiteren Verlauf unseres Gesprächs. Eines Gesprächs über die Trauer nach einem Suizid, das es jetzt in meinem Podcast als neue Episode zu hören gibt (hier geht es direkt zu der Podcastfolge).

Svenja Gropper ist heute als Trauerbegleiterin nicht nur im Allgäu aktiv sowie als Bloggerin und als Host eines eigenen Podcasts, sondern auch über die digitalen Medien verfügbar. Als sich vor einigen Jahren ihr Mann das Leben nahm, war das Thema Trauer für sie noch vergleichsweise weit entfernt. Zwar wusste sie, dass ihr Mann eine Krankheit hatte - die Svenja Gropper gerne als "Seelenkrebs" bezeichnet -, aber natürlich war da die Hoffnung, dass es eine Besserung geben könnte. "Es muss unvorstellbar dunkel gewesen sein in meinem Mann", diesen prägenden Satz sagt sie unter anderem in unserem Gespräch über den Suizid ihres Mannes. Was dieses Gespräch für mich so besonders gemacht hat, waren die zwei Ebenen, auf denen es stattfindet.

Warum es besser "Schuldgedanken" heißen sollte

So bleiben wir überwiegend bei Svenjas persönlichem Erleben, bei ihrer eigenen Trauer nach dem Suizid ihres Mannes und bei der Frage, wie sich diese über die Jahre gewandelt hat. Und andererseits heben wir das Gespräch immer mal wieder auch auf die kollegiale Metaebene, indem wir die Trauer nach einem Suizid als Phänomen besprechen und alles, was dazugehören kann. Warum Schuldgefühle so wichtig sein können, um in Verbindung zu bleiben mit dem gestorbenen Menschen, beispielswiese. Warum es sinnvoller sein kann, dem Vorschlag der Trauerbegleiterin Chris Paul zu folgen und von "Schulgedanken" statt von "Schuldgefühlen zu sprechen". Und warum das zweite Trauerjahr fast noch härter war als das erste.


Svenja Gropper ist als Trauerbegleiterin aktiv und bietet ebenfalls einen eigenen Podcast mit vielen spannenden Themen an (Foto: Gropper).


"Ich würde gar nicht sagen dass es im zweiten Jahr so viel einfacher und besser war", sagt Svenja in unserem Gespräch. Stattdessen ist es "auf eine andere Art schwieriger". Außerdem berichtet Svenja darüber, warum sie ohne genaue Kenntnis der Umstände trotzdem ganz genau hat erspüren können, wie ihr Mann sich das Leben genommen hat, wie sich anfühlt, wenn der Leichnam erstmal beschlagnahmt werden muss, warum diejenigen, die wirklich von dieser Welt gehen wollen, sich vermutlich gar nicht aufhalten lassen und warum sie noch die Reise nach Island gemacht hat, von der ihr Mann oft gesprochen hatte. Unser Gespräch über Svenjas Trauer und die Trauer nach einem Suizid allgemein füllt die zehnte Episode meines Podcasts "Trauergeschichten - Menschgeschichten" und ist unter diesem Link direkt erreichbar über die Plattform podcast.de (auch über Spotify erreichbar, einfach unter Podcasts nach den Trauergeschichten - Menschgeschichten suchen). 

Übrigens bietet auch Svenja selbst einen Podcast an, in dem ich dann im Gegenzug zum Thema Männer und Trauer zu Gast sein durfte, worüber ich mich sehr gefreut habe. Dieses Gespräch soll ebenfalls in Kürze veröffentlich werden (Link folgt).

----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Die "Bitten der Trauernden", #Extended - wertvolle Hinweise zum Umgang mit Trauernden - was Trauernden wirklich helfen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: "Er hätte so gerne noch gelebt"... - und was hat er vom Leben gehabt? So erkennst Du, ob Du auf einem guten Lebens-Weg bist 

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie der Suizid der Mama das System einer Familie ins Wanken bringt, eindrucksvoll erzählt in einem sensiblen sehenswerten Film

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps


Sonntag, 7. August 2022

"Er hätte so gerne noch gelebt..." - und was hat er vom Leben gehabt? Wie Du erkennen kannst, ob Dein Leben gerade auf den richtigen Bahnen läuft - Impulse und Gedankenanstöße zum "Memento Mori"-Tag (jeweils am 8. August) - Lebenstipps aus der Trauerbegleitung

Osnabrück - Es sind zwei große Todesanzeigen und sie stehen direkt untereinander. Die untere, geschaltet von der Firma, rühmt die Loyalität und Verbindlichkeit des gestorbenen 63-Jährigen, seine stete Treue zum Unternehmen, seine unermüdliche Einsatzbereitschaft. Der oberen der beiden, geschaltet von der Familie, reichen zwei Sätze, um die ganze Tiefe der Bestürzung hineinzulegen: "Er hätte so gerne noch gelebt - wir hätten so gerne noch Zeit mit ihm gehabt". Das Spannungsfeld, dass zwischen diesen beiden Anzeigen liegt, ist gewaltig – und so facettenreich wie das Leben. Und heute, während ich diese Zeilen schreibe, ist der perfekte Tag um sich das bewusst zu machen. Und um sich alle Fragen einmal selbst zu stellen, die damit einhergehen. Angenommen, in wenigen Tagen wäre es Deine eigene Todesanzeige, die in der Zeitung stehen müsste: Ist Dein Leben gerade auf dem richtigen Kurs? Hast Du die richtigen Akzente gesetzt? Könntest Du "gut gehen", auch von heute auf morgen? 

Schreib Dir einen Zettel und lege ihn neben Dein Bett. Und wenn Du morgen früh aufwachst, wenn Du Dich streckst und räkelst, vielleicht noch mit dieser wohligen Mischung aus Geborgenheit und Restmüdigkeit in Dir, wirf einen Blick auf diesen Zettel. Was auf ihm draufstehen sollte? Vier Wörter: "Es ist nicht selbstverständlich." Denn das ist es nicht. Dass Du wachgeworden bist, wieder; dass Du atmest, weiter; dass Du weiterhin weißt, wer Du bist; dass Dein Herz schlägt, weiterhin. Nichts davon ist selbstverständlich. Das ist ebenso eine Binsenweisheit wie die tiefste und wichtigste Wahrheit, die wir verinnerlichen können (und sollten). Vielleicht die einzige Wahrheit, die es braucht: 

Nichts im Leben ist  selbstverständlich. Gar nichts.


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)
 

Ich habe so oft in meiner Tätigkeit als Trauerbegleiter (und ganz generell in meinem Leben als Mensch auf dieser Welt) mit Fällen zu tun gehabt, die das Gegenteil gezeigt haben. Das 10-jährige Mädchen, gestern kerngesund, das morgens tot im Bett lag, keiner weiß warum (bis heute nicht). Der 35-Jährige, der an Heiligabend nachmittags plötzlich einen Herzschlag erlitt, während der Rest der Familie in der Kirche war - auf der Stelle tot. Die Mittzwanzigerin, die plötzlich keinen Handy- oder Mailkontakt mehr zu ihrer Schwester bekam, weil diese - von ihrem eifersüchtigen Freund erdrosselt - tot in einem Fluss lag. Der mittelständische Geschäftsführer, vermutlich Anfang 60, wenn überhaupt, bei dem eine OP schieflief, die als "Routine" bezeichnet worden war. Die Kinder, die im Mutterleib gestorben waren, all die stillen Geburten, bei denen kein Schrei am Ende eine Erlösung bringt. All die vielen, vielen, vielen SuizideUnd, und, und.... 

Oder noch vor kurzem, dieser Fall, von dem ich oben erzähle, der mit den beiden Todesanzeigen. Auch einer, den ich kannte.

Du auch. Erst irgendwann? Morgen früh? In zwei Tagen? Noch nie darüber nachgedacht? Vielleicht wäre es mal an der Zeit. Und zwar: Genau heute, genau jetzt. "Gedanken an den Tod und das Sterben werden in unserer Gesellschaft oft verdrängt. Wir reden zu wenig über unsere Wünsche, Ängste und Sorgen in Hinblick auf das Lebensende", so schreibt es die Initiative "Memento-Tag" in einer Mitteilung. Und deswegen soll jeweils am 8. August eines Jahres allen Menschen ihre Endlichkeit ins Bewusstsein gerufen werden. Oder wie es die Initiatorin Iris Willecke aus dem Sauerland formuliert: "Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, Themen wie Endlichkeit, Tod, Sterben und Trauer wieder etwas mehr ins gesellschaftliche Bewusstein zu holen". Also, nochmal, liebe Leserin, lieber Leser: Auch Du wirst sterben. Jedes Ausamten - nach dem Einatmen - bringt Dich wieder ein klitzekleines Stückchen näher heran an Deinen eigenen Tod. Bist Du auf einem guten Weg? 



So zu leben, dass man jederzeit gut sterben könnte, das ist vermutlich ein Ding der Unmöglichkeit. Der Mann, der oben beschrieben wird, hat sein Leben ganz klaren Prioritäten unterworfen: Das Unternehmen kam zuerst. Aber weil jede Entscheidung für etwas immer eine Entscheidung gegen etwas anderes ist - ganz zwangsläufig -, stecken so viele verschiedene unterschiedliche Wertekonzepte und Lebensentwürfe in dem Spannungsfeld zwischen diesen beiden Todesanzeigen. Und wer kann das schon, in unserem modernen Leben alle seine Prioritäten stets perfekt ausbalanciert zu halten, so dass nichts verloren geht? Wer kann schon allen und allem gerecht werden im Leben? Selbst, wenn wir unser Bestes tun, irgendwas bleibt immer auf der Strecke. Einfach nur, weil wir eben Menschen sind - und keine Übermenschen sein können. 

Und doch bleibt manches Mal, wenn wir von einem Todesfall hören, einem solchen wie oben, so eine leise Irritation zurück - nach dem Schock und dem Entsetzen. So eine leise Unruhe, ein ungutes Gefühl. Die Frage: Ist mein Leben auf dem richtigen Kurs? Aber wie lässt sich das erkennen?

 


Vielleicht am besten durch eine recht radikale Übung, die aus der Persönlichkeitsentwicklung stammt und in Coachings gerne empfohlen wird: Stell Dir vor, Du wärest jetzt gestorben und hättest die Chance, irgendwie bei Deiner eigenen Trauerfeier zugegen sein zu können. Stell Dir vor, es würden ein enger Freund, ein Kollege von der Arbeit und ein entfernter Bekannter etwas über Dich sagen. Was würde wohl in diesen Trauerreden alles über Dich gesagt werden? Und was nicht? Wären es jeweils freundliche Trauerreden? Oder welche, die sich um Lücken und Leerstellen herumwinden müssen? Oder in denen zarte Andeutungen auf etwas verweisen, das gerade schwierig ist? Setz Dich hin und schreib die von anderen gehaltenen Trauerreden auf Dein jetziges Ich. Durch diesen Perspektivwechsel - sich selbst mit anderen Augen sehen in der Radikalität eines Abschieds -, hast Du eine Chance, Dich kritisch zu durchleuchten. Deinen Werten auf die Spur zu kommen.  

Was willst Du einmal hinterlassen? Ist Dein Leben schon geprägt davon? Was ist der rote Faden Deines Lebens? Was ist für Dich wesentlich? Es lohnt sich, gelegentlich darüber nachzudenken.

Jeder Tag ist ein guter Tag dafür. Ein Tag im Jahr ist ein beonders guter Tag dafür: Der 8. 8. - am "Memento-Tag". Dieser soll, der Philosophie des "Memento Mori" folgend (Bedenke, dass Du sterblich bist), die Menschen an ihre eigene Vergänglichkeit erinnern. Also: An ihren eigenen Tod, der ja unweigerlich einmal folgen wird. Vorbild dafür ist der australische "Dying To Know Day", der bereits seit 2013 einmal im Jahr begangen wird. Wobei die Zahl Acht hier als aufrecht stehendes Symbol der Unendlichkeit zu verstehen ist und der Tag nicht nur als Impulsgeber dienen soll für ein Nachdenken über das eigene Leben, sondern auch für allerlei Aktionen in ganz Deutschland (und für diesen Blogbeitrag). 




Im Zenbuddhismus gibt es eine Weisheit, die - sinngemäß - besagt: Wir atmen das Leben ein - und den Tod aus. 

Hast Du bis zum Ende dieses Textes durchgehalten? Wie oft, was glaubst Du, hast Du ein- und ausgeatmet, während Du ihn gelesen hast? Die Medizin geht davon aus, dass ein erwachsener Mensch pro Minute im Durchschnitt 16 Atemzüge nimmt. Sagen wir, Du hast fünf Minuten lang gelesen, macht das 80 Atemzüge. Atmen, das ist vielleicht das Einzige, das wir wirklich jemals besitzen können im Leben. Auch das ist, wie alles, nicht selbstverständlich. Und jeder Atemzug, den wir tun, bringt uns wieder ein Stück näher heran an unseren eigenen Tod. 80 mal näher bist Du jetzt herangerobbt an diesen Augenblick.  

Wir atmen das Leben ein - und den Tod aus. An dieser Stelle brauchen wir noch eine Tonspur zum Text: Den Klang eines Herzfrequenzmessers. Du kennst den, aus Fernsehserien. Er malt Kurven und macht "Piep - piep - piep". Wenn es gut läuft. 

Ein. "Piep... -  piep...  - piep.. ". Und aus.

Ein. "Piep... -  piep...  - piep.. ". 

Aus

Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee.........
.
So gerne noch gelebt? 

Zu spät

....


----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Formulierung "Mein Beileid" immer noch das Beste ist, was Du einem Menschen mit einem Verlust sagen kannst

Ebenfalls auf diesem Blog: Die "Bitten der Trauernden", #Extended - wertvolle Hinweise zum Umgang mit Trauernden - was Trauernden wirklich helfen kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn", warum hört man das so oft - eine ganz persönliche These dazu, was dahintersteckt

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie der Suizid der Mama das System einer Familie ins Wanken bringt, eindrucksvoll erzählt in einem sensiblen sehenswerten Film

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann

Und in meinem Podcast: "In meinem Mann muss es unvorstellbar dunkel gewesen sein", eine junge Frau berichtet vom Suizid ihres Mannes...

------------------------------------------------------------------------------------------



Montag, 1. August 2022

Warum ich die Frage nach Trauer als Krankheit inzwischen anders beurteile als noch vor wenigen Jahren - was sich seit Januar 2022 für Ärzte und Trauernde verändert hat - der neue Code, um den es geht, heißt "6B42" (Anhaltende Trauerstörung) - warum Trauernde manchmal als "krank" gelten wollen, salopp formuliert

Osnabrück - Seit Anfang 2022 ist also Realität, was vielen Fachleuten lange Zeit ein Dorn im Auge war, ja, was teilweise sogar mit einem großen Eifer regelrecht verteufelt wurde. Überspitzt formuliert: Trauer ist jetzt offiziell als "Krankheit" anerkannt. Auch ich habe lange Zeit gegen diese Einführung argumentiert - und habe dann immer wieder feststellen müssen, dass viele Menschen meinen Standpunkt gar nicht verstanden haben - oder ihn fundamental anders gesehen haben. Und zwar vor allem Trauernde. Das hat mich nachdenklich gemacht. Inzwischen glaube ich: Vielleicht sollten wir das Thema "Trauer als Krankheit" einmal aus einer anderen Perspektive beleuchten und nochmal drüber nachdenken.

Das Folgende ist mir öfter passiert, wenn es um die Frage nach Trauer als Krankheit ging: Ich habe viel erzählt. Viel argumentiert. Habe gesagt, dass Trauer nicht als Krankheit gesehen werden dürfte, dass es eine ganz natürliche Reaktion ist. Und danach habe ich oft in ratlose Augen geguckt. Denn der Standpunkt der Betroffenen lautete, manches Mal, trotz allem: Wieso darf Trauer denn keine Krankheit sein, wieso darf ich denn bitte nicht wegen Trauer als krank(-geschrieben) gelten - wir fänden das durchaus begrüßenswert? Und wieso nicht sofort, wieso denn erst nach mehreren Monaten? Hmmja... Das hat mich nachdenklich gemacht. Aber gucken wir uns zunächst mal etwas Anderes an: Was hat sich denn überhaupt verändert? Denn um zu verstehen, worum es hier wirklich geht - und was das alles zudem mit Computerspielsucht zu tun hat - müssen wir ein bisschen weiter ausholen...


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Seit dem 1. Januar 2022 gilt in deutschen Arztpraxen ein neues Regelwerk, nämlich der "ICD 11". Dabei handelt es sich um ein Verzeichnis aller Krankheiten, sozusagen. Herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation WHO und in regelmäßigen Abständen überarbeitet, lassen sich in diesem Katalog die international geltenden Klassifikationen aller derzeit bekannter Krankheiten finden, ausgedrückt in Zahlencodes. Mit denen hatte jeder von uns schon einmal zu tun: Denn die Codes, die in der ICD geregelt sind, werden auf den so genannten gelben Schein aufgedruckt. Die Abkürzung ICD steht für "International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems", es handelt sich also um einen weltweit genormten Standard. Jetzt ist eine Neuauflage davon in Kraft getreten.

Ebenfalls neu ist die "Computerspielsucht" 

Hintergrund sind neue oder sich verändernde Krankheitsbilder, die in der Neuauflage mit aufgenommen worden sind. So lassen sich in der ICD-11 beispielsweise die bislang nicht als Krankheit anerkannte "Computerspielsucht" (6C50.0) oder eine "zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung" (6C72) finden, gleichermaßen gibt es jetzt genauere Abstufungen beim Burn-Out-Syndrom. Auch für Trauer gab es bislang keinen eigenen Diagnoseschlüssel, was sich mit der Neueinführung geändert hat.



Wobei es dabei nicht um Trauer allgemein gilt, sondern genauer gesagt um die so genannte verkomplizierte Trauer, die auch als "Anhaltende Trauerstörung" definiert wird (6b42). Wenn ein Arzt diese Diagnose stellt, kann sich ein Betroffener zu einem Psychologen und in eine Therapie überweisen lassen (und leider noch nicht zu einem Trauerbegleiter - weil noch nicht von Krankenkassen anerkennt). Aber: Ab wann hat sich eine Trauer zu einer "verkomplizierten Trauer" gewandelt? Im ICD steht dazu, knapp zusammengefasst: Immer dann, wenn ein Mensch länger als sechs Monate unter sehr heftigen durch die Trauer verursachten Symptomen leidet. Dazu kann gehören: Eine enorme Sehnsucht nach den Verstorbenen, Anzeichen von anhaltenden Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, etc. Als Leitfaden gilt die Unfähigkeit, wieder in einen geregelten Alltag zurückzukehren. 

 
Sechs Monate sind nicht lang genug


Hier sagen die meisten Fachleute, so auch ich (auch weiterhin): Das ist zu früh. Auch wenn unbestritten ist, dass sich Trauer verkomplizieren kann und dass diese so genannten prolongierte Trauer besser professionell angesehen und besprochen werden sollte, reichen sechs Monate als Zeitraum für eine solide Diagnose nicht aus. Aus zwei Gründen. 




Erstens, weil das wichtige "erste Jahr" nach dem Todesfall noch gar nicht abgelaufen ist. Dabei sind genau diese ersten zwölf Monate nach dem Tod eines Menschen für die Hinterbliebenen von einer besonderen Bedeutung. Sind sie doch gefüllt mit zahlreichen "ersten Malen", für die es jeweils noch keine Lernerfahrungen gibt: das erste Mal Todestag, das erste Mal Geburtstag der verstorbenen Person(en), das erste Mal Weihnachten, etc. Und zweitens, weil sehr viele Trauernde davon berichten, dass sich erst im zweiten Jahr, also nach wenigstens zwölf Monaten (und mehr), erste merkliche Veränderungen bei ihnen eingestellt hätten. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Überhaupt müssen wir an dieser Stelle mit Pauschalisierungen sehr vorsichtig sein. Denn die Grundlage ist immer: Es gibt nicht die eine Trauer, die immer gleich verläuft - Trauer ist ein hochindividueller Prozess. Anders gesagt: Es gibt nur Deine Trauer, Deinen Weg. Jeder muss seinen eigenen gehen. 
  

Menschen wollen die Bestätigung: Ausnahmezustand!


Ein weiterer Grund, warum es soviel Empörung über die Frage nach "Trauer als Krankheit" gegeben hat: Weil die meisten Trauerbegleiter ebenso wie die in der Hospiz- und Palliativszene engagierten Menschen davon überzeugt sind, dass Trauer ein ganz normaler, ganz natürlicher und keinesfalls krankhafter Prozess ist. Schon gar nicht sollte Trauer eine "Störung" gewertet werden. Dieser Meinung hatte ich mich lange vollumfänglich angeschlossen. Aber ich bin damit nicht zu den Menschen durchgedrungen, die mitten in diesen Prozessen stecken. Denn in deren Erleben drehte sich die Argumentation wieder um: Eben weil sie ihre Trauer über weite Strecken als zu stark erlebten, als unaushaltbar, eben weil die Trauer sie in ihrem natürlichen Sein behinderte, erlebten sie das gerade als enorm belastend - und damit durchaus als störend. Gleichzeitig handelt es sich um ein Leiden, das von den Wenigsten wirklich gesehen wird, geschweige denn anerkannt, zumal über einen so langen Zeitraum wie ein Jahr und mehr. Auch das stört. Und genau deswegen wünschen sich die Menschen oft, die Trauer möge bitte ein Siegel bekommen, eine offizielle Legitimation, ein Amtsschreiben, das allen anderen dokumentiert: Jawohl, haben wir geprüft; ist vorhanden; ist sehr belastend, diesen Menschen geht es tatsächlich eher schlecht, Stempel drauf, können wir bestätigen.




Folgen wir einmal dieser Logik, stößt die bislang versuchte Gegenargumentation - nein, Du bist nicht krank, nein, Trauer ist niemals eine Krankheit - unter Umständen in genau das falsche Horn, weil sie den oben beschriebenen Wirkmechanismus wieder entkräften könnte.  Und so gesehen müsste man nochmal ganz neu denken: Warum gibt es keinen ICD-Code für durch Trauer verursachte Erstsymptome, die sofort gelten, wenige Tage nach dem Todestag bzw. dem Auslöser für die Trauer? Warum können sich Menschen nicht binnen der ersten drei Monate offiziell als durch Trauer arbeitsunfähig einordnen lassen? Wäre das nicht der viel richtigere Schritt? Müssten wir alle aus dem Kontext von Trauerbegleitung, Hospiz- und Palliativbewegung, die wir dies bislang so eingeordnet haben, ggf. ebenfalls nochmal neu denken?

WHO, wir haben da vermutlich ein Problem. #ICD12, könnten wir schon mal reden, wir beiden....? Also so ganz unter uns...? 

----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat - was das alles mit Dir machen kann - so ist die Trauer nach einem Suizid 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde alles so vermeintlich "Merkwürdiges" tun und warum das nicht peinlich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauerbegleiter sollten stabil sein und sich mit ihren eigenen Schicksalsschlägen beschäftigt haben - warum Haltung so wichtig ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wir sind auf dem Weg in eine Sterbegesellschaft - Zahlen, Fakten und Daten darüber, wir eine gute Trauerkultur brauchen werden  

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Und in meinem Podcast: "In meinem Mann muss es unvorstellbar dunkel gewesen sein", eine junge Frau berichtet vom Suizid ihres Mannes...

------------------------------------------------------------------------------------------

Mittwoch, 20. Juli 2022

Wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat..... - was das mit Dir machen kann und was Du dann alles fühlen kannst - und darfst (!) - sieben Erlaubnisse und Hinweise rund um das (sehr häufige) Thema Suizid - Gefühle und Trauer nach einem Suizid

Wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat, hinterlässt er meistens ein ganzes System aus Ratlosigkeit und Verzweiflung. Da gibt es die Familie, die Freunde, die Kollegen. Je enger man mit dem Gestorbenen war, je näher man sich war, desto tiefgehender können die inneren Prozesse sein, die sich jetzt in die Seelen dieser Menschen bohren. Was da alles in einem hochkochen kann, dafür fehlt es meistens an Erfahrungen. Also tut man in seiner Ratlosigkeit oft das, was am naheliegendsten zu sein scheint: Zum Beispiel versucht man sich zu verbieten, was einen am meisten erschreckt (Wut, Aggression). Oder man suhlt sich in dem, was alles mit Sch... beginnt (Schuld, Scham). Aber wie soll es gehen - das Umgehen mit dem Suizid eines anderen? Hier sind ein paar Hinweise dazu. Und ein paar, sagen wir, Erlaubnisse. Wie zum Beispiel dieses: Du hast jedes Recht auf Dein Entsetzen, wie hartnäckig es auch sein mag!  

Ende Juli stellen die Vögel langsam ihren Gesang ein. Das ist normal: Es ist Hochsommer, ihre Frühjahrskraft ist erschöpft, der Nachwuchs ist aus dem Nest, sie müssen sich für andere Aufgaben vorbereiten. Der Hochsommer ist aber auch noch etwas anderes: Es ist die Hochphase für Suizide. Zwar hält sich hartnäckig die Annahme, dass sich vor allem in den dunklen Monaten die Menschen das Leben nehmen wollen, aber die Statistiken sprechen eine andere Sprache (wie unter anderem die Zeitung "Die Welt" berichtete). 


Irreal. Abgekapselt. In einer Blase außerhalb der Welt. So beschreiben viele Hinterbliebene ihren emotionalen Zustand nach einem Suizid (alle Fotos: Thomas Achenbach).

Kein Wunder also, dass der Sänger Chester Bennington von der Rockband Linkin Park einen Tag im Hochsommer, nämlich den 20. Juli, als Datum für seinen Suizid wählte (was übrigens mein Geburtstag ist, mehr dazu in einem anderen Blogbeitrag zum Thema Suizid und was wir präventiv tun könnten, siehe hier). Er ist nicht der einzige aus der Welt der Rockmusik, der Jahreskalender ist voll von ihren Suiziden: Keith Emerson von Emerson Lake and Palmer wählte den März als Todestag, Kurt Cobain von Nirvana erschoss sich im April, Chris Cornell von Soundgarden nahm sich Mitte Mai das Leben, und, und, und... (ACHTUNG: Wenn Du Dich selbst gerade einsam fühlst und vielleicht daran denkst, Dir etwas anzutun und diese Gedanken nicht loswirst, dann hier ein wichtiger Hinweis: Es gibt Menschen, die mit Dir darüber sprechen können, die extra dafür qualifiziert sind – Du kannst sie jederzeit anrufen oder anmailenz.B. bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 - oder online als Chat oder E-Mail-Beratung über die Online-Telefonseelsorge).

Es geht so vielen anderen ganz genauso

Warum ausgerechnet ich mich jetzt berufen fühle, Dir etwas zum Thema Suizid zu erzählen, Dir sogar "Erlaubnisse" zu geben? Weil ich in meiner Tätigkeit als Trauerbegleiter vor allem mit dem Thema Suizid zu tun hatte. Weil der Suizid sehr, sehr häufig vorkommt. Und weil ich auch schon mit den "Angehörigen um Suizid" habe zusammenarbeiten dürfen (ebenfalls passend zum Thema: "In meinem Mann muss es unvorstellbar dunkel gewesen sein", eine junge Frau berichtet in meinem Podcast vom Suizid ihres Mannes)...

Die Statistiken sprechen eine klare Spiele

Werfen wir einen Blick auf die Statistiken, ist der Suizid ein total alltägliches Thema. Alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben - das sind also rund 27 Tote pro Tag. Experten gehen davon aus, dass sich in Deutschland alle fünf Minuten jemand das Leben zu nehmen versucht (viele weitere Zahlen zum Thema Suizid findest Du in einem anderen Artikel auf diesem Blog). Und doch ist die Scham bei den Hinterbliebenen so groß, dass sie sich oft kaum über dieses Thema zu sprechen trauen. Was schade ist, denn es geht so vielen anderen ganz genau so! So vielen anderen! Und wir würden davon viel mehr erfahren, wenn die Menschen einfach drüber reden könnten. Deswegen ist es mir so wichtig, diese sieben Punkte aufzulisten. Sieben Impulse, die Dir vielleicht ein kleines bisschen dabei helfen zu verstehen, was jetzt gerade alles mit Dir (und in Dir) geschehen kann (aber nicht muss) - oder noch geschehen kann.

Hier sind sie:

1. Es ist normal, wenn Du (heftige) Schuldgefühle entwickelst - das geht fast allen so. In meinen Trauergruppen und in der Zusammenarbeit mit AGUS-Gruppen (den "Angehörigen um Suizid") habe ich immer wieder erlebt, dass massive Schuldgefühle eines der größten Themen sein können, mit denen sich die Betroffenen herumplagen. Nach dem Motto: Ich hätte doch etwas tun können. Ich hätte es doch verhindern müssen. All solche und andere Gedanken können so quälend werden, dass sie - wie die ganze Situation an sich - unhaushaltbar werden. Mir ist dann immer wichtig zu vermitteln, dass diese Schuldgefühle meiner Meinung nach eine ganz andere Rolle spielen. Dass es aber genauso wichtig ist, sie nicht einfach so lapidar beiseite zu wischen: In Wahrheit geht es, davon bin ich überzeugt, dabei um Ohnmacht. Wer sich der Idee hingibt, er habe ja noch etwas tun können, muss sich nicht eingestehen, wie hilflos und ohnmächtig er in Wahrheit (gewesen) ist. Wohlgemerkt: Sich schuldig zu fühlen, ist noch etwas kolossal anderes, als tatsächlich an etwas schuld zu sein. Und eine tatsächliche Schuld festzustellen ist eine Aufgabe, die selbst von einem professionellen Gericht nicht so rasch gelöst werden kann, sonst würden die Prozesse alle nicht so lange dauern. Vor allem aber erfüllen Schuldgefühle, so heftig sie auch sein mögen, in Wahrheit die oben bereits genannte Funktion. Das fühlt sich zwar immer noch, ich bitte um Entschuldigung, richtig kacke an - aber eben nicht ganz so lähmend wie eine reine Ohnmacht (die es auch geben kann). Deswegen kommen die Schuldgefühle auch meistens im Konjunktiv daher: "Ich hätte dies und jenes tun können, ich hätte doch noch diese oder jenes probieren sollen, warum habe ich nicht", und so weiter und so weiter. Wenn Deine Schuldgefühle eine überbordende Macht annehmen, unter der Du viele Monate leidest, kann das immer noch normal sein, aber es kann dann eine gute Idee sein, sich professionelle Hilfe zu holen, zum Beispiel bei Trauerbegleitern.  


Das Gefühl, dass alles in Trümmern liegt, das ganze Leben. 


2. Du darfst den gestorbenen Menschen anklagen und beschimpfen, Du musst kein schlechtes Gewissen haben deswegen. Gleichermaßen gilt aber auch: Du darfst eine unstillbare Sehnsucht nach dem gestorbenen Menschen haben. Manchmal hast Du vielleicht sogar beides gleichzeitig. Das geht. Aber wenn es die Wut ist, die gerade überhand nimmt, dann musst Du Dir diese Wut nicht verbieten. Was ein Mensch, der sich das Leben nimmt, anderen Menschen damit antut (plus die vielen anderen Dinge, mit denen dieser Mensch Dich jetzt alleinelässt, Kinder vielleicht, oder Schulden, oder Geheimnisse), ist meistens überfordernd viel. Du hast jedes Recht auf Deine Wut. Wieso auch nicht? Und auf Deine Sehnsucht. Und überhaupt auf alles, was jetzt gerade auf Dich einstürmen mag. Dass Du eine enorme Wut auf diesen Menschen entwickeln kannst, heißt nicht etwa, dass sich deine Zuneigung zu ihm verändern würde, die bleibt genauso unangetastet, wie sie vorher gewesen ist (oder wird sogar noch stärker), es kommen jetzt nur weitere und neue Gefühle zu diesem merkwürdigen Mix dazu. Das gilt es einfach zu akzeptieren und auszuhalten. Oder auch: das auszuleben. Ich kenne Menschen, die sich neben ihr Bett einen Tennisschläger gelegt haben. Damit sie immer dann, wenn die Wut kommt, auf das Bett einprügeln können. Das finde ich eine gute Strategie. Manchen hilft es auch, wenn sie einen Brief an den gestorbenen Menschen schreiben und darin alles rauslassen, was sie gerade fühlen. Diesen Brief kannst Du, wenn Du magst, nachher verbrennen oder vergraben oder an einem versteckten Ort aufbewahren. Und was nach der Wut meistens folgt - auch ganz normal -, ist der Wutkater. Wie bei Alkohol: Wer den Rausch einmal zugelassen hat, im Fall von Alkohol bitte als eine seltene Ausnahme, wird später unter seinen Folgen leiden. Kann trotzdem gut tun.

3. Du darfst Dich selbst als emotional taub erleben. Du hast jedes Recht auf diese Taubheit. Oder auf die Angst davor, jetzt selbst depressiv zu werden. Deine Taubheit kann eine sinnvolle Reaktion sein auf dieses viel zu große Andere, das jetzt auf Dich einstürmt. Im Schockzustand, den eine solche Situation auslösen kann, werden Dein Körper und Deine Seele irgendwie für sich selbst sorgen. Und beide, im Zusammenspiel, haben ein gutes inneres Sensorium dafür, was sie an Dich heranlassen können und was nicht. Es kann sein, dass diese gewaltige Überforderung nur in homöopathischen Dosen zu Dir durchdringt. Das ist in Ordnung so. Das darf so sein. Zu diesen Gefühlen der Taubheit können sich noch allerlei andere, sagen wir, Symptome dazugesellen: Alpträume, Ängste, unwirkliche oder bedrohliche Gedanken. Außerdem können sich körperliche Begleiterscheinungen zeigen: Schüttelfrost oder Kältegefühl, Apettitlosigkeit, das Gefühl von einer auch körperlichen Erstarrung. So geht es vielen anderen auch. In ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Das kann alles dazugehören, muss es nicht. Kann überraschend lange dauern, kann nach kurzer Zeit vorbei sein. Nicht selten ist es so, dass ein Mensch, der in einer so mächtigen Dunkelheit gelebt haben muss wie jemand, der sich das Leben nehmen möchte, auch sein Umfeld in eine jeweils eigene Form der Dunkelheit hineinschickt, zumindest für einen gewissen Zeitraum. Achte gut auf Dich und auf das, was in Deinem Inneren geschieht und such Dir ohne Hemmungen Hilfe, sobald Du das Gefühl hast, es könnte zu dunkel werden in Deinem Inneren (dann hilft Dir ebenfalls die Telefonseelsorge, wie oben schon beschrieben - 0800/1110111).



 

4. Du darfst die Welt nicht mehr verstehen. Unwirklich - das ist ein Wort, das im Kontext von Suizid oft fällt. Alles kommt einem unwirklich vor, nicht real, wie ein böser Traum. Es ist manchmal so, als hätte sich eine große, undurchdringliche Glocke über einen gestülpt und jegliches andere Leben ausgeschlossen. In dieser Glockenwelt zu leben ist so, als ob einen die andere Welt da draußen gar nicht mehr erreicht. Parallel dazu kann es sein, dass die Fragen im Kopf zu rotieren beginnen - und dass dieses Rotieren gar nicht mehr aufhören mag. Der Trauerforscher William Worden hat als eine der größten Aufgaben, vor die uns die Trauer stellt, das "Begreifen" definiert. Aber wie soll man begreifen können (aushalten können), was doch so unbegreiflich ist (unhaushaltbar ist)? Wer soll denn da noch die Welt verstehen können? Es ist okay, wenn Du Dich so fühlst. Vielleicht findest Du einen Ort, wo Du es in Worte fassen kannst, es aussprechen kannst oder es aufschreiben kannst. Das könnte ein guter erster Schritt sein, wenn es ginge. Vieles aufschreiben oder ein Tagebuch führen, das ist auch in anderer Hinsicht eine gute Idee: Denn auch Gedächtnislücken, Erinnerungsausfälle und ein Verlust des Kurzzeitgedächtnisses können zu diesem Prozess dazugehören.

5. Du darfst selbst jetzt nicht mehr weiter wissen. Wie solltest Du denn Antworten haben, wo Dein ganzes Leben aus tausend neuer Fragen besteht? Es ist okay und ganz normal, wenn Dein Leben erstmal im Krisenmodus bleibt. Und wenn dieser Modus eine lange Zeit in Anspruch nimmt. Dein Leben darf jetzt Chaos sein und sich verrückt anfühlen, tatsächlich ist ja genau das geschehen: Alles, was einmal gewesen ist, hat sich verschoben, es ist ver-rückt. Versuche gnädig mit Dir selbst zu sein und Dir Zeit zu geben. Was manche Menschen als hilfreich empfinden, ist, ein Skalen-Tagebuch zu führen, in dem Du Tag für Tag festhalten und beobachten kannst: Wie schlimm ist der innere Schmerz heute auf einer Skala von 1 bis 10, wie schlimm ist meine innere Verwirrung auf einer Skala von 1 bis 10, wie schlimm ist meine innere Taubheit heute auf einer Skala von 1 bis 10, und so weiter. Achte auf die feinen Nuancen und die homöopathischen Veränderungen. Jede kleine Veränderung kann ein wichtiges Immerhin sein für Deinen weiteren Weg. Worauf Du Dich aber einstellen solltest: Dass jede Veränderung zum Guten sich auch wieder ins Schlechte verwandeln kann, rasch und unerwartet. Dieses Auf und Ab, diese Wellenbewegung, ist ganz typisch für einen Trauerprozess. 



6. Du darfst jetzt alles sein, was auf -los endet: Fassungslos, ratlos, machtlos, orientierungslos, antriebslos, mutlos, haltlos, lustlos, ruhelos, hoffnungslos, kopflos, bodenlos, und sogar rücksichtslos, sogar das. Nur nicht wertlos, auch wenn Du Dir manchmal so vorkommst. Das ist das Gemeine daran, wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat: Dass es einem selbst so sehr jedes Selbstvertrauen nehmen kann. Was dann hilfreich sein kann: Sich mit anderen darüber austauschen, beispielsweise bei den Angehörigen um Suizid, die Selbsthilfegruppen betreiben. Erfahren zu dürfen, dass es anderen immerhin genauso geht (und das tut es!), kann gut tun.

7. Du darfst Dich einsam und verlassen fühlen - das geht fast allen so. Wohlgemerkt: Sich verlassen zu fühlen, ist noch etwas kolossal anderes, als tatsächlich verlassen zu sein. Du hast jedes Recht auf dieses Gefühl von Verlassensein. Aber vielleicht gelingt es Dir ja, sich innerhalb einer Gruppe - quasi gemeinsam - einsam zu fühlen, wenn Du eine passende Trauergruppen finden kannst. Deinen Freunden und Deinen Bekannten darfst Du gerne spiegeln, wie gut es Dir tun würde, immer wieder über das Erlebte zu reden (wenn Du das möchtest) und dass sie niemals eine Scheu davor haben sollten, es anzusprechen. Die meisten Menschen sind ängstlich, weil sie glauben, sie könnten damit neue Schmerzen auslösen - mach' Ihnen klar, dass das nicht so ist, wenn Du das Bedürfnis hast, über Dein Erleben zu sprechen.


   

Was Dir ebenfalls alles geschehen kann, wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat: Dass Du Dich als Versager/in in allen Lebensbelangen fühlst. Dass Du alles, was vorher gewesen ist, in Frage stellst. Dass Du das Gefühl hast, alles nicht richtig verstanden zu haben. Dass Du manchmal vielleicht regelrecht besessen bist von der Idee, nach Zeichen zu suchen, die schon vorher auf dieses kommende Ereignis hätten hindeuten können. Dass Du Dich mit allen Fragen quälst, die mit einem W beginnen: Warum gerade ich, warum gerade so, was ist der Sinn dahinter? Und noch vieles mehr. Und genau deswegen, nochmal, das ist mir ganz wichtig: Du bist mit all diesen Symptomen nicht alleine. Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland bis zu 10 000 Menschen das Leben. Zehntausend. Jedes Jahr. Rechnen wir für jeden toten Menschen drei Angehörige und einen guten Freund dazu, mal ganz vorsichtig geschätzt, macht das 400 000 Betroffene jedes Jahr. Das ist eine fette Großstadt voller Betroffene, jedes Jahr aufs Neue.

Ein weiterer ganz wichtiger Aspekt kommt dazu, wenn Du noch Familie hast (Kinder, vor allem): Du kannst - phasenweise oder langfristig - so sehr mit Dir selbst beschäftigt sein, dass Du die Trauer der Anderen nicht selbst mit auffangen kannst. Wer keine eigenen Ressourcen mehr hat, kann für andere Menschen keine Ressourcen aufbauen. Dann ist es Zeit, sich Hilfe ins Familiensystem zu holen, und jede Hilfe sollte dann bei Dir selbst beginnen.  

Jede Trauer macht einsam - man kann zusammen einsam sein


Die Verzweiflung ist hoch bei allen Menschen, die das erlebt haben. Es ist gut, dass es in Deutschland so viele Gruppen der AGUS-Initiativen gibt - es ist hilfreich, sich auszutauschen und dabei zu lernen: Ich bin immer noch einsam und ohnmächtig in meiner Trauer, denn jede Trauer ist ein einsamer Prozess und oft gekoppelt an Verzweiflung. Aber ich kann einsam sein mit anderen zusammen, die genauso einsam sind. Das kann etwas Gutes sein. 

Hier gibt es weitere Hilfe für Dich: Die "Angehörigen um Suizid" (AGUS) haben eine Broschüre verfasst, in der sich viele weitere gute Anregungen finden lassen und die es kostenlos im Internet zum Lesen und Herunterladen gibt. "Symbolhandlungen und Rituale für Hinterbliebene nach einem Suizid" heißt sie und sie ist unter diesem Link zu finden. Auf der AGUS-Website findet sich auch eine Übersicht aller im deutschsprachigen Raum aktiven Selbsthilfegruppen, vielleicht ist auch eine Gruppe in Deiner Nähe mit dabei (hier kannst Du es herausfinden).


----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie der Suizid der Mama das System einer Familie ins Wanken bringt, eindrucksvoll erzählt in einem sensiblen sehenswerten Film

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - was wir von einer britischen Rechtsprechung lernen können 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde alles so vermeintlich "Merkwürdiges" tun und warum das nicht peinlich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie lange darf Trauer dauern? Ist es normal, wenn es jahrelang weh tut? Und ab wann wird trauern krankhaft?