Mittwoch, 16. Januar 2019

Achtung, Tod, wir kommen Dir jetzt näher - wie sich das Buch "Mein Jahr mit dem Tod" von Heike Fink in lesenswerter Reportageform dem großen Unbekannten zu nähern versucht - eine Besprechung und ein Buchtipp

Osnabrück (eb) - Wenn das Schneewittchen auf seiner Flucht vor der mordwilligen Stiefmutter bei den sieben Zwergen landet, dann ist es dort in Wahrheit im symbolischen Todesreich angekommen, aus dem es wieder herauskommen muss... Oder übersetzt gesagt: Im Übergangsreich zwischen Kindheit und Reife. So jedenfalls sagt es der prominente Märchenforscher Heinz Rölleke. Das war für mich eine der überraschendsten Erkenntnisse des Buches "Mein Jahr mit dem Tod" der Autorin Heike Fink, das ich schon eine Weile hier liegen (und gelesen) habe und das zu besprechen mir jetzt endlich gelingen soll. Heike Fink hatte mir von sich aus ein Buch zuschicken lassen und mich gefragt, ob es mich interessieren würde - und das tut es, natürlich, nicht alleine des Themas wegen. Sondern auch wegen der spannenden Herangehensweise.

Alles begann bei der Beerdigung eines guten Freundes. So, wie es Heike Fink dort erging, erleben das auch viele andere Menschen. Da ist plötzlich dieses merkwürdige und nicht zu fassende Mischmasch im Inneren, das irgendwie bedrohlich und irgendwie auch faszinierend ist. So eine diffuse, undurchschaubare, sehr massive Wand, die undurchdringlich und gewaltig groß zu sein scheint. Alles, was Heike Fink da fühlte, lässt sich zwar unter einem plakativen Etikett zusammenfassen – die Angst vor dem Tod – und ist doch in Wahrheit ein Geflecht aus so vielen einzelnen Gedanken, Gefühlen und Gestalten, dass erst das sehr genaue Hinsehen dabei hilft, dieses Durcheinander wirklich zu entwirren. Das ist oft schon Thema dieses Blogs gewesen, und genau darum geht es auch in diesem Buch: 


(Alle Produktfotos: Thomas Achenbach)

Heike Fink wollte also genauer hinsehen. Also hat sie sich ein ganzes Jahr lang mit Experten rund um den Tod getroffen, jeden Monat mit einem anderen, und ihre Begegnungen in Form einer in mehrere Teile aufgeteilten persönlichen Auseinandersetzung als Buch veröffentlicht. Jedes Kapitel behandelt einen Monat, einen Experten, einen Ort, alles ist verbunden mit dem Thema Tod. Da ist beispielsweise der Physiker, der sich an seinen eigenen (Nah-) Tod nicht mehr erinnern kann, da ist der 14-jährige Junge aus dem Kinderhospiz, der ein großer Darth-Vader-Fan ist, da ist die Trauerbegleiterin mit ihrem Projekt der gesprochenen Lebensbücher, da ist der Tatortreiniger, der so gar nicht seinem TV-Vorbild entsprechen mag… Eine Besonderheit bildet die Reise nach Kairo zu einem der wohl größten bewohnten Friedhöfe der Welt. Und da ist der bereits erwähnte Märchenforscher. Der natürlich von einer weiter entfernteren Perspektive auf das Thema Tod draufschaut. Ich will gar nicht verhehlen, dass mich das Buch am Anfang eher skeptisch machte - alleine schon, weil mich die Frage herumtrieb: Warum die Beschäftigung mit dem Tod, die doch ein Lebensthema sein sollte, auf nur ein Jahr beschränken? Aber dann wurde mir klar, dass das ein komplett unangemessener Gedanke von mir gewesen ist. Und das klingt jetzt hoffentlich nicht zu arrogant oder aufgeladen oder abgehoben. 

Die Autorin Heike Fink.  (Max-Höllwarth-Foto)

Aber: Als Trauerbegleiter und Trauerblogger und als Autor von Artikeln (und bald auch einem Buch) über dieses Thema beschäftige ich mich ja jeden Tag ein kleines bisschen mit dem Tod. Da bin ich also, sozusagen, immer ganz eng dran an diesem Thema. Wenigstens einmal pro Woche bekomme ich ein Schicksal berichtet, das ganz eng verwoben ist mit dem Tod. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, eine persönliche Haltung zu entwickeln, die mir dabei hilft - eine Haltung auch dem Thema Tod gegenüber. Das ist aber eben nicht die Perspektive, aus der Heike Fink - und das von ihr angesprochene Publikum - das Thema betrachten wollen. Was für mich also bedeutete: Um diesem Buch gerecht werden zu können, musste ich wieder ein paar Schritte weiter zurückgehen in meiner ganz persönlichen Geschichte. Zurück an den oben beschriebenen Punkt: Als alles, was mit dem Tod zu tun hatte, eine undurchdringliche Wand gewesen ist. Wo man höchstens mal zaghaft hingucken wollte. Dann konnte ich mich gut einlassen auf dieses Buch. Und habe einfach mal geschaut: Was spricht mich an, wie wirkt es auf mich? 


Was Heike Fink hier vorlegt, ist in Wahrheit ein einziges, gigantisch großes Reportagestück. Soll heißen: Die Autorin versteht es sehr gut, mit ihren Worten Bilder zu malen, Sinne anzusprechen, den Leser in die jeweilige Szene zu versetzen. Was umso bemerkenswerter ist, als dass das ganze Buch ohne irgendwelche Fotos auskommt. Keiner der Protagonisten ist also wirklich zu sehen. In Erinnerung bleiben dann Szenen wie die vom Besuch eines Hospizes, wo die Mutter einer Freundin ihre letzten Tage verbringt: Nicht wissend, dass es dort als Symbol für den inzwischen eingetretenen Tod gehandhabt wird, hatte Heike Fink einen noch nicht überreichten Blumenstrauß vor der Zimmertür geparkt. Mit dem Resultat, dass eine der Schwestern hereinkommt mit einem Beileid auf den Lippen und der Frage: "Wann ist ihre Mutter denn gestorben?". Und immer mal wieder gibt es ein paar Passagen, die einen berühren und etwas in der Tiefe ins Schwingen bringen.


Wenn die Leiterin des Kinderhospizes davon berichtet, dass es ihrer Erfahrung nach die Kinder selbst sind, die frei über den Zeitpunkt ihres - natürlichen! - Todes entscheiden. Wenn sich Heike Fink nach dem Besuch eines Hospizes eine persönliche Top Ten der schönsten Dinge des Lebens anlegt. Wenn ein Ballettchoreograph den vielleicht intuitiv gelassensten Zugang zum Tod findet und sagt, man müsse ihn vielleicht einfach umarmen. Und am Ende findet auch Heike Fink ein kleines Stückchen Transzendenz. Wie gesagt, mit am eindrucksvollsten für mich war tatsächlich die Passage mit dem Märchenforscher. Was zum einen daran liegt, dass ich selbst in den todesdurchtränktesten Märchen nicht soviele Todessymbole habe sehe können, wie sie doch darin zu entdecken sind. Was sicherlich auch daran liegt, dass ich derzeit viel mit Kindern und dem Vorlesen von Märchen beschäftigt bin (und durch die Buchlektüre feststellen musste, dass Märchen eigentlich überhaupt nicht für Kinder geeignet sind, weil es letztlich oft um Menstruation, Erwachsenwerden und das Überwinden des Todes geht, aber sei' s drum).


Beim Dornröschen steht der Stich mit der Spindel übrigens als Sinnbild für die erste Menstruation. Diese Erkenntnis war selbst mir nicht ganz so neu. Aber dass die dann folgenden 100 Jahre an Schlaf und Stillstand als Symbol für die Pubertät gelten sollen, fand ich faszinierend. Und, ja, das macht irgendwie Sinn: Trotz all der Wirrnis in einem drin und trotz all der hormonellen Sturm-und-Drang-Überflutung und trotz aller tatsächlich stattfindenen Entwicklung im Innen wie im Außen habe ich diese Jahre meines Lebens auch manches Mal so erlebt -als großen Stillstand. Das ist jetzt anders. Auch, und da schließt sich der Kreis - durch die häufige Beschäftigung mit dem Tod. Denn die führt einen unmittelbar zurück ins Leben.

"Mein Jahr mit dem Tod" von Heike Fink ist erschienen im Sommer 2018 im Gütersloher Verlagshaus als Hardcover, gebunden, 317 Seiten, 20 Euro.

Übrigens: Noch ein lesenswertes Buch, das viele weitere Tipps enthält und im lockeren Tonfall existenzielle Fragen rund um den Tod behandelt, ist "The End" von Eric Wrede, hier geht es zu einer Besprechung. 

Transparenzhinweis: Das Buch ist mir auf Bitten der Autorin zur Besprechung vom Verlag als Rezensionsexemplar zugeschickt worden.

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 

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Donnerstag, 10. Januar 2019

Wir müssen besser mit dem Tod umgehen lernen - und mit unseren Toten (und wir müssen den Kindern den Tod gut vermitteln)... - Noch ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer neuen Trauerkultur und Bestattungskultur - der Berliner Bestattungs-Revoluzzer Eric Wrede hat ein Buch geschrieben - warum "The End" zur gesellschaftlichen Pflichtlektüre werden sollte (Buchtipp)

Osnabrück/Berlin - Immer mehr Bücher und immer mehr Akteure gibt es heutzutage, die eine wichtige Botschaft vermitteln: Wir brauchen eine neue Trauer- und Bestattungskultur in unserer Gesellschaft. Wir brauchen wieder eine gemeinsame Sprache für diese Dinge, ein gemeinsames Verständnis und neue, uns alle verbindende Rituale. Diese Thesen sind hier auf diesem Blog schon desöfteren geäußert worden - und nun gibt es ein neues und grandioses und meiner Meinung nach durchaus lesenswertes Buch, das diesen Bogen noch weiter spannt. Geschrieben von einem Mann, dessen Lebensgeschichte alleine schon ein halbes Buch wert ist - was er nun auch selbst erkannt hat, weswegen seine eigene Geschichte einen kleineren Teil des Werkes füllt. Aber eben nur einen kleineren Teil: Die Rede ist von Eric Wrede, der früher einstmals beim Musikgiganten Motor Music/Universal als für Bands wie Selig und Polarkeis 18 ("Allein allein") verantwortlich war - und dann alles hinschmiss, um ein eigenes Bestattungsunternehmen aufzumachen. Aus enorm guten Gründen. 

"Warum gibt es eigentlich keine GPS-erfassten Grabstellen? Bei einer Seebestattung bekommen die Angehörigen die exakten Koordinaten übermittelt, wo die Seeurne im Wasser versenkt wurde. Auf Friedhöfen schert das niemanden" - Es sind Impulse und Absätze wie diese, die mich dieses Buch so mögen lassen: Gleichsam hemdsärmelig und trotzdem mit ganz viel Wärme und Verständnis für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geschrieben, immer ganz nah dran am eigentlich Machbaren, gibt das Buch vielfältige Ideen und Anregungen für moderne und entstaubte Trauerfeiern, für das eigene Sterben und für die Begleitung von Trauernden - vor allem auch: trauernden Kindern. Gerade an diesen Stellen ist das Buch besonders gut. Und es hat mich selbst dazu gebracht, dass ich meine eigenen schon länger vorbereiteten Verfügungen für mein Lebensende nochmal überarbeiten möchte. Beispielsweise weil mir die Idee so gut gefällt, die besten Freunde zu fragen, ob sie dann ggf. den Sarg tragen würden/könnten.


Eric Wrede und sein Absprung: Aus dem Musikzirkus hinein in die Bestattungsbranche... (Random-House-/Erik-Weiss-Foto mit freundlicher Genehmigung).

Das Buch beginnt dann auch gleich mit Eric Wredes Testament - bzw. mit einem Auszug daraus. Klingt nach Nabelschau, ist aber extrem lehrreich, denn in nur wenigen Zeilen macht Wrede eindrucksvoll deutlich, wie einfach so etwas sein kann und dass es kein halbes oder ganzes juristisches Studium braucht, um eine eindeutige und sehr klare Verfügung zu verfassen. Soviel sei vorab schon verraten: Auf seinem Grabstein soll stehen: 'E. W., ich habe gelebt.' Später erfahren wir: Bei seiner eigenen Bestattung sollen später mal die Kings und John Cale gespielt werden. Auch das hat Eric Wrede bereits verfügt. Da ist  die Nähe zum ehemaligen Musikmanager (A&-R-Manager, für die Auskenner) noch immer spürbar, wie an vielen anderen Stellen des Buches. 

"Schick mir die Post schon ins Spital...." - mit Musik durchs Buch


Die Kapitelüberschriften sind nämlich allesamt Songtitel - die allerdings ein ganz kleines bisschen musikliasches Auskennertum erfordern, wenn auch kein Spezialwissen. Darunter sind beispielsweise "Bring mir die Post schon ins Spital" von der österreichischen Rock'n'Roll-Kapelle Wanda, die im Konzert zu erleben ein enormer Spaß sein kann, oder "Keep Me In Your Heart" von Warron Zevon, das dieser - bereits um seinen nahenden Tod wissend - auf seinem bewegenden Album "The Wind" veröffentlichte. Der Song wird in meiner ganz eigenen Serie rund um "die hilfreichsten und wirkmächtigsten Songs und Alben über Trauer, Tod und Sterben" ganz sicher auch noch an die Reihe kommen (die erste Folge dieser Serie findet sich hier).


Alle weiteren Fotos: Thomas Achenbach.

Besonders erfreulich an dem Buch: Die Kinder nehmen darin viel Raum ein Beziehungsweise die Frage: Wie gehen Kinder eigentlich mit dem Tod um? Auch hier kann Eric Wrede viele hervorragende Praxistipps anbieten, wie man das Thema mit Kindern am besten besprechen kann – und wieviel die Erwachsenen dabei immer wieder falsch machen in der irrigen Annahme, die Kinder vor diesem Thema irgendwie schützen zu müssen (auch das war bereits ein viel beachtetes Thema hier auf diesm Blog – bei Interesse hier klicken). Denn Kinder haben oft ganz pragmatische Alltagsfragen, wenn es um den Tod geht. Pupst der noch, beispielsweise. Aber eben auch ganz praktische Fragen des Alltagslebens. Wenn die Oma sterben kann, dann vielleicht auch die Mama – aber wer kocht denn dann noch für mich?  Wir sprechen nämlich ganz falsch vom Tod, sagt Eric Wrede an einer Stelle. Und auch damit trifft er voll ins Schwarze. Wir senken unsere Stimmen, werden bei dem Thema ganz andachtsvoll und würdevoll und irgendwie vorsichtig. Das macht es im Umgang mit Kindern, aber überhaupt im Umgang mit dem Tod, alles nur noch schlimmer. Alleine deswegen sollte das Buch zur gesellschaftlichen Pflichtlektüre werden.



Aber auch wegen der vielen brauchbaren Praxistipps ist es viel wert: Dass es beispielsweise, wenn man sich das leisten kann, enorm sinnvoll sein kann, für seine Trauerfeier gleich eine Doppelfeier zu beantragen, um die extrem kurz getakteten Zeiten in den Friedhofskapellen von maximal 20 bis 30 Minuten für eine Trauerfeier einfach für sich verlängern zu können. Dass es eine schöne Idee sein kann, die Gäste einer Trauerfeier in Form eines kleinen persönlichen Briefes ihre eigenen Erinnerungen an den oder die Verstorbenen aufschreiben zu lassen und diese Briefe dann zu sammeln und zu einer großen Erinnerungsmappe zusammenzutragen. Und dass überhaupt die Trauerfeiern viel individueller auf den Menschen ausgerichtet sein müssen, der dort begraben wird - Eric Wrede erinnert sich an einen etwa 50-Jährigen, dessen Leidenschaft Progressive Metal gewesen ist - also wirklich wirklich frickeliges Musikzeugs, 20 Minuten Laufzeit pro Stück, zahlreiche Tempiwechsel und so. Also hörte sich die gesamte Trauergemeinde auf der Trauerfeier durch solcherlei Musikstücke durch. Das war sauanstrengend - und es wurde dem Menschen, der da gestorben war, tausendmal gerechter als jede staubüberzogene Normalfeier. Am Ende des Buches finden sich in einer Art Serviceteil noch die wichtigsten Informationen zum Thema Bestattungen, wichtige Dokumente, die auch im Internet als Download bereitstehen. Auch das ist hilfreich.


In einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Urne ausgebuddelt...


Ebenfalls spannend: Der Blick hinter die Kulissen der Bestatterszene, den Eric Wrede immer wieder unternimmt. Die Schilderungen des Bestatteralltags, die kuriosen, rührenden, harten, aber teils auch lustigen Ereignisse, die es dort gegeben hat. Manchmal wird Wrede dabei ein wenig zynisch, wenn auch zur Recht – wenn er von Bestatterkollegen berichtet, die die toten Omas mit ihren vollen Windeln lieblos in den Sarg hineinwerfen… Kommt leider alles vor, wie Wrede mehrmals erfahren hat. Was auch schon vorgekommen ist: Dass er in einer nicht genehmigten Nacht-und-Nebel-Aktion eine Urne ausgebuddelt hat. Aber leider die falsche. Das ist übrigens ein großer Pluspunkt dieses Buches: Der charmante Plauderton, den Eric Wrede gekonnt anschlagen kann (oder war es ggf. doch sein Ghostwriter – die Dankesworte am Ende des Buches ließen einen solchen Schluss jedenfalls zu). Und es gibt noch mehr.


Denn aufgelockert wird das Buch durch eingestreute Interviews mit Prominenten wie beispielsweise Judith Holofernes, wobei diese Texte jedoch eine Zweitverwertung von bereits auf Eric Wredes Podcast veröffentlichten Sprachbeiträgen sind (der Podcast trägt übrigens gleichfalls den Namen "The End"). Sei's drum, für mich, der ich nicht die Zeit hatte, die Podcasts anzuhören, ist die gedruckte Auswertung der Gespräche in dem Buch eine sinnvolle Ergänzung. 

Coole Socke mit grünen Socken: Ein Schnappschuss von Eric Wredes Füßen - der Bestatter war auch bei der Podiumsdiskussion auf der Messe "Leben und Tod" zu Gast und hatte genauso wie die Moderation Bärbel Schäfer knallgrüne Socken an.  (Thomas-Achenbach-Foto)

"The End" von Eric Wrede ist erschienen im Dezember 2018 im Verlag Heyne-Encore als Taschenbuch, 190 Seiten, 16 Euro.

Übrigens: Noch ein lesenswertes Buch, das viele weitere Tipps enthält, ist "Das letzte Hemd hat viele Farbenvon Sabine Bode und David Roth - hier geht es zu einer Besprechung dieses Buches. 

Transparenzhinweis: Das Buch ist mir auf Anfrage vom Verlag bzw. der zuständigen Presseagentur als Rezensionsexemplar zugeschickt worden, vielen Dank dafür, 

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Dienstag, 1. Januar 2019

Mit Schwung und neuen Projekten auf in das neue Jahr - was 2019 so bringen wird, ein kurzer Vorausblick... - Allen Lesern ein gutes neues Jahr!



Osnabrück - Das neue Jahr hat begonnen - und schon jetzt ist klar, dass es eine ganze Reihe an Veränderungen mit sich bringen wird, für die ich sehr dankbar bin. Aber bevor wir zu den Details kommen: Erst einmal allen Lesern ein gutes neues Jahr und alles Gute dafür, ich hoffe, es wird für alle ein im positiven Sinne ereignisreiches Jahr oder eines, das zumindest besser aushaltbar werden könnte als vorherige Jahre! Bei mir - toi, toi, toi -, könnte das tatsächlich so sein: Im Februar wird mein erstes Buch erscheinen, was ich sehr aufregend finde, es gibt auch schon einen ersten Termin für eine Lesung, außerdem freue ich mich sehr darüber, dass ich weiterhin von Hospizgruppen und anderen Trägern als Dozent und Referent für Seminare gebucht werde. Hier ein kurzer Vorausblick:

- Mein Buch: Unter dem Titel "Männer trauern anders - was Ihnen hilft und gut tut" soll im Februar des Jahres im Patmosverlag mein erstes Buch erscheinen, das ich im vergangenen Jahr geschrieben habe und bei dem ich gerade über den letzten Korrekturfahnen brüte. Ein Buch zu schreiben, war eine ganz neue und ganz andere Erfahrung für mich, aber dazu mehr, wenn es endlich soweit ist. Schon die Veröffentlichungsankündigung hat für ein gewisses Interesse gesorgt, was mich zusätzlich dankbar macht. Alle Infos dazu finden sich hier.


- Eine Lesung: Dass mir die Volkshochschule Osnabrück auch gleich die Möglichkeit angeboten hat, das Buch in Form einer Lesung vorstellen zu dürfen, hat mich sehr gefreut. Stattfinden soll diese Lesung am 3. April 2019 (Mittwoch) ab 19 Uhr im Haus der Osnabrücker Volkshochschule an der Bergstraße. Alle Infos dazu finden sich hier. Natürlich stehe ich bei Interesse für weitere Lesungen gerne zur Verfügung, Kontaktaufnahme am besten über meine Mailadresse (die findet sich hier).




- Tätigkeiten als Dozent und Referent: Ich bin sehr froh, dass mich eine Hospizgruppe aus der Region für ein im März stattfindendes Wochenendseminar gebucht hat. Wir haben bereits im vergangenen Jahr das Thema Männertrauer in Form eines Wochenendseminars beleuchten dürfen und ich freue mich sehr darüber, dass mein Methodenmix und meine Gestaltung dieses Wochenendes allgemein gut angekommen ist. Dabei ist ein von mir benutztes Element besonders gut angekommen, das für mich eigentlich nur als Einstieg und Ausstieg in die thematischen Einheiten interessant gewesen ist: Nachdem ich die Entstehungsgeschichte eines Songs oder Albums erzählt hatte – also natürlich eines Songs oder Albums aus dem Kontext Tod, Trauer und Sterben –, haben wir gemeinsam das Lied gehört und danach die persönlichen Eindrücke gesammelt. Das haben die Teilnehmer, so wurde mir gespiegelt, als so interessant und berührend erlebt, dass ich nun also ein ganzes Seminar nach diesem Muster anbieten darf. Darüber freue ich mich sehr. Und bin bei Interesse gern und jederzeit offen für alle weiteren Anfragen - zu ganz verschiedenen Themen. 

- Ein Podcast/Radioaktivitäten: Geplant ist derzeit, neben meinem Blog auch ein Podcastangebot zu etablieren. Außerdem gibt es die Idee, auch das Trauerradio von Eva Terhorst mit Inhalten zu befüllen - und vielleicht noch mehr im Radio aktiv zu werden, aber das muss sich noch finden. 

- Tätigkeiten als Trauerbegleiter: Natürlich stehe ich vor allem - das ist sozusagen immer die erste von allen Tätigkeiten - auch in 2019 gerne und jederzeit als Trauerbegleiter zur Verfügung. Ob für Einzelbegleitungen, Gruppenleitungen, Kompaktberatungen, Vorträge, was immer gewünscht ist - Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme finden sich hier 

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 

Was einem helfen kann - Fotoaktion: Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

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Dienstag, 25. Dezember 2018

Warum ich Trauerbegleiter geworden bin - eine einfache Antwort, die so einfach auch nicht ist - und was mein peinliches Kichern am Grab der kleinen Melanie damit zu tun hat (ein paar Antworten auf oft gestellte Fragen)

Osnabrück - Das werde ich oft gefragt: Warum ich eigentlich Trauerbegleiter geworden bin. Vor geraumer Zeit noch in dem Interview, das ich mit der Bloggerin Anja vom Trauerblog "Ein Stück untröstlich" führen durfte - und dann gleich nochmal in einem Facebook-Kommentar von ihr. Eine scheinbar einfache Frage, eine scheinbar einfache Antwort. Ich sage dann gerne: Ich habe schon mehrmals in meinem Leben die eigentlich beglückende Erfahrung machen dürfen, dass die Themen Tod, Trauer und Sterben gar nicht so erdrückend und so schwer sein müssen. Man muss sich halt nur trauen, sich damit intensiver zu beschäftigen. Hinzusehen. Darüber zu reden. Das ist alles. Dass das jedem gut tun kann, auch und gerade den Mitten-im-Leben-Stehenden und allen Noch-nicht-Betroffenen, davon bin ich überzeugt. Aber ganz so simpel ist es dann doch nicht. Denn natürlich vermischen sich hier vielerlei Erfahrungen zu dieser einen These - und die ist nur eine ultraverdichtete Kurzform von allem. Sehen wir also etwas genauer hin. Und weil sich viele dieses Thema gewünscht haben und an Weihnachen Wünsche erfüllt werden, ist der zweite Feiertag genau das passende Datum für die Veröffentlichung... 

Manchmal gibt es sowas im Leben: Du siehst etwas und es springt Dich an. Irgendetwas da innendrin sagt Dir, dass Du das machen möchtest. Solltest. Wirst. Und dass es jetzt sein muss, also: genau jetzt. So ging es mir, als ich Ende 2014 über die Ankündigung eines bald startendenden Kurses für Trauerbegleiter stolperte, der zudem den Qualitätsstandards des Bundesverbands Trauerbegleitung entsprach. Das klang verlockend. Kurz zuvor hatte es zwei einschneidende Entwicklungen in meinem Leben gegeben, die alles auf den Kopf gestellt hatten. Zum einen die Geburt meines Kindes. Dieses Entstehen eines ganz neuen Lebens, für das ich nun verantwortlich sein sollte, machte mir mit neue Eindringlichkeit auch die Möglichkeit und Brutalität des Todes bewusst (was übrigens gar nicht ungewöhnlich ist, so geht es vielen Eltern - so junges Leben weckt immer alte Ängste). 

Alle Parameter hatten sich verändert - alles neu im Leben


Und zum zweiten hatten sich durch massive Veränderungen im beruflichen Umfeld - die ich kraft meines Amtes teils selbst verantworten und durchsetzen musste - all meine äußeren und inneren Parameter verschoben und ich war bewusst oder unbewusst auf der Suche nach Bereichen, in denen ich mein Leben wieder selbst neu gestalten und mit neuer Tiefe aufladen konnte. Beides geschah genau zeitgleich. Aber das war nicht alles. Denn irgendwie waren Tod und Trauer schon immer meine Themen gewesen, auch lange vorher schon. Zum Beispiel bei meiner Arbeit als Redakteur.


Erst sind da nur Puzzlezeile, Versatzstücke, sogar Trümmer, die keinen Sinn ergeben. Die vielleicht gar nicht zusammengehören. Aber es gibt einen Impuls. So beginnt es. So fängt es an.    (Thomas-Achenbach-Foto)

Denn immer, wenn im November die "traurigen Tage" anstanden, also Totensonntag und Volkstrauertag, dann war ich es, der diese Themen besetzen wollte. Mit eigenen Interviews oder Artikeln über Tod, Trauer und Sterben. Mein Thema, irgendwie. Ohne es konkret in Worte fassen zu können, war diese Spur in mir spürbar. Natürlich spielt auch der Krebstod meiner eigenen Mutter im Januar 2004 eine wichtige Rolle, aber nicht die einzige. Im Puzzle all dieser Erfahrungen die rote biographische Linie zu finden, ist gar nicht so leicht. Die Reibeisen, mit denen eine Persönlichkeit vom Leben zurechtgeschliffen wird, kennen indes nur zwei Angriffspunkte: Herz oder Seele. Forschen wir in beidem, dann sind da eine Menge Bilder, die aus dem Inneren aufsteigen. Zum Beispiel das hier: Der 11. September 2001.


Im Luftraum Zerstörung, am Boden gemischte Gefühle


Die Türme in New York in rauchende Trümmern zusammengesackt, die Welt im Stillstand -  meine Eltern erstmals in ihrem Leben irgendwo in Amerika unterwegs und ich in Spätschicht auf der Arbeit, seinerzeit noch als Schriftsetzer/Mediengestalter. Damals, in den Zeiten ohne Smartphones und Whatsapp-E-Mails-Permanentkontakt, lagen wirklich noch Welten zwischen den dort Urlaubenden und mir. Was wohl mit meinen Eltern sein würde? Also voller tiefer Sorge nach der Spätschicht nach Hause gefahren - und die Nachrichten meldeten noch weitere Flugzeuge, attackenbereit, todesverbreitend, im Luftraum über den USA. Als ich nach Hause kam, auf meinem Anrufbeantworter eine herrlich unbekümmerte Nachricht, die Stimme meiner Mutter, morgens nach dem Aufstehen in irgendeinem Hotel: Wir fahren gleich los, hier ist alles in Ordnung, freuen uns auf den Tag. Nein, dachte ich, ist es nicht in Ordnung, jetzt nicht mehr. Nur: Das hatten meine Eltern, mit dem Leihwagen in den Rockys nahe Denver unterwegs, gar nicht richtig mitbekommen. Die hatten sich bloß gewundert, warum sich an den Tankstellen so lange Schlangen bildeten, und waren ansonsten unbekümmert und friedlich - in demutsvolles Staunen versunken - durch die Bergwelt gefahren. Demut angesichts der Natur statt Sorge um unsere Welt - mehr Tiefe geht fast nicht. Also aufatmen: Allen ging es gut. In unserer kleinen Welt war alles in Ordnung (noch). Allein - falls meinen Eltern dennoch etwas passiert wäre, wir wären gut darauf vorbereitet gewesen. Noch so ein Puzzleteil.


Erst ganz langsam, Schritt für Schritt, scheinen sich erste Muster zu bilden. Dir ist so, als geschähe das ganz automatisch, ohne Dein Zutun. Aber ist das wirklich so?   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Denn es gab diesen einen Umschlag, den mir meine Eltern noch vor dem Abflug nach Denver übergeben hatten. Darin enthalten genaue Anweisungen, was zu tun sei, falls der schlimmstdenkbare Fall der Fälle eintreten sollte. Trauerfeier, Trauerlieder, Todesanzeige, Spruch, Adressen, alles übersichtlich zusammengefasst - und mir war damals noch nicht klar, wie hilfreich das sein würde. Das zeigte sich erst rund zwei Jahre später. Nachdem bei meiner Mutter im März 2003 eine bereits in den Körper streuende Krebserkrankung an der Leber entdeckt wurde, begann eine dieser Phasen, die zu einem solchen Prozess vermutlich untrennbar dazugehören - wer das schon einmal erlebt hat, der kennt das. Aufs und Abs, Hoffnungen und Zerstörungen, flüchtige Lebensfreuden und langanhaltende Ohnmächte, kleine medizinische Fortschritte und große menschliche Rückschritte. Und dann: Alles vorbei, aber es gab diese Liste. Wichtige Orientierungshilfen für meinen Vater und mich. Ankerpunkte im Nebel. Zu wissen, dass Du alles, was Du jetzt in Eile und im Chaos organisieren musst, genauso organisieren kannst, wie es sich der verstorbene Mensch gewünscht hat - unbezahlbar, wirklich. Ein Geschenk. Da begann es. Diese eine Erkenntnis sickerte langsam ins Leben: Über den Tod nachzudenken, kann das Leben einfacher machen - in seinen schwierigsten Stationen. Aber natürlich begann es schon viel eher, wenn ich heute so darüber nachdenke. Viel, viel eher. 


Etwas das größer ist als wir - die Ahnung gab es früh


Der Erstkontakt mit dem Tod: Ein Kindergartenkind, das von einer gestorbenen Oma erzählte. Für mich nicht wirklich fassbar, wovon da geredet wurde. Weit, weit, weit von meiner Welt entfernt (und dabei war der Tod schon längst Bestandteil meiner eigenen Welt gewesen, lange vor mir, weil eine meiner Omas nicht meine leibliche ist und weil der andere Opa niemals aus dem Krieg zurückkam, aber auch diese Fakten sind als Kind nicht wirklich zu fassen zu kriegen). Und plötzlich regt sich so etwas wie ein Schauer in dem kleinen Kinderkörper, nicht wirklich zu verorten, nicht in Worte zu fassen. So eine Ahnung, dass es da um etwas ganz Großes ging. Etwas, das größer ist als wir. Das war schon spürbar, auch als kleines Kind, ja, als kleinstes Kind, aber es war auch entsprechend schnell vergessen, wie alles in diesem Alter. Dann der erste Echtkontakt.

Etwas entsteht. Du kannst es noch nicht greifen, es ist nicht fassbar, aber Du kannst es spüren. Da ist eine Bewegung. Eine Richtung. Wohin sie führen wird, ist noch nicht klar.   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto) 

Ich bin in der sechsten Klasse und liege morgens im Bett. Es ist Dezember, die Vormittage sind lang und dunkel, da ist das Bett der beste Platz der Welt. Die erste Stunde sollte eigentlich ausfallen, so hieß es gestern noch, und als meine Eltern mich trotzdem so früh wecken, sträube ich mich dagegen. Bis mein Vater mir sagt, ich sollte vielleicht doch besser direkt in die Schule gehen. Irgendwas in seiner Stimme sagt mir, dass das wirklich besser wäre, dass es da irgendetwas geben wird. Dann der Schock: Melanie, eine Mitschülerin. Gestern noch bei uns gewesen. Nachmittags mit dem Fahrrad unterwegs, in die Stadt, mit einer weiteren Mitschülerin. Eine Kreuzung, ein Bus, der tote Winkel. Das Mädchen tot. Einfach weg. Von einem Tag auf den anderen. Was das mit mir gemacht hat? In diesem einen Moment: scheinbar gar nicht soviel und doch alles. Dann die Scham. Ich auf dieser Beerdigung, Mann, war das peinlich.


Kichern am Grab - schrecklich peinlich, oder?


Dieses Bild habe ich noch sehr präsent vor meinen inneren Augen. Wie ich mit einem Mitschüler am offenen Grab stehe. Wie diese plötzliche totale Stille, dieses merkwürdig Weihevolle, dieses für uns so gänzlich unbekannte Neuland, uns plötzlich kichern ließ. Kichern... - auf einer Beerdigung! Oh Mann. Seither habe ich mich immer wieder gefragt: Die armen Eltern, was die wohl gedacht haben? Andererseits weiß ich heute auch: Das war ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Unerfahrenheit. So sind Kinder eben. Elf Jahre alt, der Tod ist eine abstrakte Konstante, das Leben ist jeden Tag so reich an Eindrücken, an Weitermachen und an Neuem, dass es noch immer etwas Überwältigendes haben kann. Zwischen dem Todesfall und der Beerdigung lage so viele Tage, in denen soviel Anderes gewesen war. Lachen, Leben, Musik. Das neue Album der "Ersten Allgemeinen Verunsicherung" kursierte gerade auf kopierten Cassetten durch den Klassenraum - und dann auf einmal stehst Du an diesem Loch, bei der ersten aktiv erlebten Beerdigung Deines Lebens, und alles ist so getragen und merkwürdig und es gibt kein Dir bekanntes Muster für all das. Das Kichern entstand aus dieser Irritation, aus diesem Nichtvorbereitetsein, ja, einem Nichtvorbereitetseinkönnen. Noch heute denke ich fast bei jedem Rechtsabbiegen an dieser Kreuzung - eine der beiden gefürchteten Osnabrücker Todeskreuzungen am Wall, jene vor der Osnabrückhalle - so gut wie jedes Mal an Melanie. Es dauerte noch rund zehn Jahre, dann kam die Zeit der Abhärtung. 


Eine Form ist entstanden. Schneller als gedacht. Etwas Neues. Und dieses Neue wird immer wirklicher. Du beginnst Dich darauf einzulassen. Damit zu experimentieren.   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Zivildienst, Altenheim, der Tod als integraler Bestandteil, nicht tagesaktuell, aber täglich möglich. Das Heim, in dem ich damals meinen Dienst tat, ist inzwischen übrigens geschlossen, und das ist auch gut so. Die Belegschaft habe ich schon damals erlebt als einen zu 98 Prozent aus Frauen bestehenden intriganten Mobbinghaufen, alles und alle um sie herum zerfleischend. Und weil ich am Ende der Hierarchiekette stand, bekam ich oft die Klatsche. Als sie sich bei mir dann kurz vor dem Ende meines Zivildienstes dafür entschuldigten, wie sie mit mir umgegangen waren - und dass das nicht okay gewesen wäre -, da sagten sie, das sei alles nur aus Überforderung geschehen. Aber da war es für Vergebung oder Verständnis schon zu spät. Die Wunden waren gerissen, ich spüre sie noch heute. Was ich damals nur schwer verstehen konnte: Über den Tod der Bewohner wurde hier selten allzuviel Aufhebens gemacht, darüber, wer von den Mitarbeiterinnen jetzt schon wieder irgendetwas in irgendeiner Weise falsch gemacht hatte, indes eine Menge. Bizarr. Kurz danach der Tod meiner Oma. Wieder eine neue Erfahrung, viel direkter, viel unmittelbarer: Es war das erste Mal im Leben, dass ich das Sterben und den Tod in allen Prozesstufen - fast ganz live -miterlebt habe. Das war etwas Neues. Aber noch immer hatte ich: Kein Muster für all das. Und das kommt ja auch noch hinzu: 


Wenn das nächste "Hoffentlich nicht" genau eines zuviel ist


Dass diese vielen Geschichten, die du so hörst im Verlauf deines Lebens, sich irgendwann anhäufen. Jede für sich ein kleiner Schrecken, mit dem Du vielleicht noch irgendwie umzugehen wüsstest... die sich dann aber alle verdichten und zu etwas großem Unfasslichem werden. Der Kollege, dessen kleines Kind vom Schulbus überfahren wurde. Das Ehepaar, dass seine erwachsenen Kinder durch einen nächtlichen Horrorunfall auf der Autobahn verlor. Der Junge aus Deiner Klasse, dessen Mutter plötzlich starb. Die Todesgeschichten aus der eigenen Familie, auch die von ganz früher. Mit jeder Geschichte geht etwas einher. Was da so in Deinem Körper mitschwingt, wenn Du das hörst, ist so ein einziges großes "Hoffentlich nicht". Hoffentlich nicht ich. Hoffentlich nicht so. Hoffentlich nicht bald. Hoffentlich niemals. Aber warum solltest du – ausgerechnet du – von Unglück, Leiden und Schmerzen verschont bleiben? Geschweige denn von dem eigenen Tod? Und wieder fehlt Dir ein Muster. Aber langsam wird es Zeit für eines. Etwas entsteht. 


Und am Ende kannst Du sogar selbst etwas bauen. Aus dem anfänglichen Chaos ist ein System geworden. Wie lange wird es halten? Was wird es Dir geben? Sicherheit? Unsicherheit? Gutes? Schlechtes? Du wirst es erleben. Denn jetzt lässt Du Dich darauf ein...   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Es formuliert sich eine Absicht heraus, eine Willensbekundung: Ich will hinsehen, will wissen, mehr wissen. Meine Mutter, meine Oma, Melanie, die Geschichten um Dich herum, überall der Tod, überall seine Alltäglichkeit, aber noch immer duckst Du Dich weg. Wozu? Lässt sich das nicht umkehren? Also sich nicht wegdrehen, sondern darauf zugehen? Nach dem Motto: Wenn ich schon Angst habe, dann will ich auch wissen, wovor - will die Alltagstauglichkeit auch dieses Themas suchen und finden. Es braucht eine gewisse Reife und ein gewisses Erwachsenwerden, um an diesem Punkt zu gelangen, aber wenn du erstmal da bist, hast du etwas erreicht. Oder anders gesagt: Du bist an einen neuen Startpunkt gekommen. Dann geht es weiter. Von dort aus. Mit neuen Schrecken und neuen Erfahrungen, aber alles muss so durchlebt werden, dafür ist es da. Auch deswegen: Bin ich Trauerbegleiter geworden.  

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier


Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 

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Und im Kulturblog des Autors: Charlie Chaplins Leben als knallbunte Groteske - so ist das brandneue Musical "Chaplin" im Theater in Osnabrück als deutsche Erstaufführung


Mittwoch, 19. Dezember 2018

Wie die grandiose Netflix-Serie "The Kominsky Method" mit Michael Douglas einen auf gleichsam unterhaltsame wie berührende Weise an die Trauer als menschliches Phänomen heranführen kann - und was die Serie dabei alles richtig macht....


Das ungleiche Freundespaar, vom Leben zusammengeschweißt: Alan Arkin als Norman Newlander und Michael Douglas als Sandy Kominsky  (Netflix-Media-Center-Fotos).

Osnabrück (eb) - Da kann sich die Haushälterin nur noch kopfschüttelnd abwenden, um alsbald nach getaner Arbeit die Flucht zu ergreifen - als sie einmal miterlebt, wie der rund 80 Jahre alte und frisch verwitwete Schauspielagent Norman Newlander einen Dialog führt mit seiner nicht mehr anwesenden Frau, wie er einfach ins leere Zimmer hineinspricht, erlebt sie das als überaus befremdlich. Doch wenn die Kamera sich nähert und wir als Zuschauer daran teilhaben dürfen, wie der Witwer selbst diese Szene erlebt, dann sitzt ihm dort seine Frau gegenüber - und er holt sich Rat bei ihr, der Gestorbenen, darüber, wie er mit der drogensüchtigen Tochter umgehen soll. Es ist eine von vielen Szenen, in denen die Netflix-Serie "The Kominsky Method" - prominent besetzt mit Michael Douglas (74) und Alan Arkin (84) - wunderbar realistisch und trotzdem angenehm unprätentiös darstellt, wie sich Trauer auswirkt und was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise alles tun....

"Natürlich rede ich mit ihr - und ich bin nicht verrückt!", sagt Newlander kurz danach zu seinem besten Freund, dem von Michael Douglas gespielten Schauspieltrainer Sandy Kominsky. Dieser ist der abgehalfterte, gerade pleite gehende Womanizer, also mehr so der Antiheld, während sein Freund Norman als wohlhabender Mann den Erfolg des "American Dreams" verkörpert, obwohl innerlich gebrochen. Die Serie, die als klassische Sitcom angelegt ist, bezieht einen Großteil ihres Charmes aus diesem Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Charaktere und der Reibungspunkte, die das mit sich bringt sowie der zynisch-grimmigen Wortgefechte. Denn noch am Sterbebett hatte der von Douglas herrlich ironisch gespielte Sandy der Ehefrau seines Freundes, Eileen, ein Versprechen gegeben: Dass er auf ihren Norman achtgeben wird. Was er dann auch tut.


Schlüsselszene und Ausgangsszene der Serie: Sandy verspricht der sterbenden Gattin Eileen, auf ihren Norman aufzupassen.

Übrigens: "Natürlich rede ich mit ihr..." - genau wortgleich kommt diese Formulierung in dem Buch "Lebensstufen" des britischen Literaten Julian Barnes vor, in dem er seinen eigenen Trauerprozess nach dem Tod seiner Frau beschreibt. Und nicht nur dort. Auch in der Erfahrungssammlung "Männer trauern anders", die Dr. Martin Kreuels im Selbstverlag herausgegeben hat, berichten mehrere der befragten Witwer davon, dass sie mit ihren Toten aktiv in den Dialog gehen, sich Rat und Hilfe holen von den gestorbenen Frauen. Und auch der fiktive Charakter des Norman Newlander tut dies nicht nur ein einziges Mal, sondern öfters. Das ist das Kunstvolle an "The Kominsky Method": Einerseits lässt die Serie  einen nur selten im Zweifel darüber, dass sie eine Sitcom ist und eigentlich nichts anderes sein will. 


Danny De Vito als quirliger Urologe ist nur einer von mehreren prominenten Gast-Stars. 

So ist das Meiste, was hier geschieht, auf den nächsten guten Gag und die nächste treffsichere Dialogzeile ausgerichtet. Und doch geht die Serie andererseits weiter und tiefer als man es von einer Sitcom erwarten könnte und es gelingt den Machern scheinbar lockerleicht, das Gezeigte ins Tragische auszudehnen, ohne den Bogen zu überspannen oder jemals die Unterhaltungswerte zu verlieren. Eine Episode endet sogar mit einem weinend zusammenbrechenden Witwer - weil er in der Reinigung unerwarteterweise das vergessene Kleid seiner gestorbenen Frau ausgehändigt bekommt. Das muss man erstmal wagen - in einer eigentlich komödiantisch angelegten TV-Serie mit einem weinenden Mann aufhören. Respekt! Und so ist "The Kominsky Method" - übrigens vom Produzenten der Serienhits "Big Bang Theory" und "Two And A Half Man" verantwortet - eben doch mehr als nur eine Komödienserie. Zumal sie dankbarerweise auf die eingespielten Publikumslacher verzichtet. Was gut ist, bleibt einem das Lachen trotz allem Charmes doch oft auch im Halse stecken (vor allem, wenn es um geschwollene Prostatas und andere Probleme des Alterns geht).


Kaum Witwer, schon umschwärmt: Norman Newlander ist mit seinen neuen Rollen wenig zufrieden.

Was die Serie außerdem auszeichnet: Zig Außendrehs statt, wie in Sitcoms allgemein üblich, die immergleichen Studiokulissen, prominente Gastschauspieler - grandios sind Danny De Vito als Urologe oder der Talkmaster Jay Leno als Trauerredner - und ein Drehbuch, das auch vor Schamthemen nicht zurückschreckt. Hier wurde weder gespart noch auf größtmöglich geglättete Werbeblockkompatibilität geschielt. Qualität statt Masse. Dafür umfasst die erste Staffel auch nur acht Folgen. Bei maximal 30 Minuten Länge pro Folge ist das "Binge Watching" der gesamten Serie also locker an einem Abend zu bewältigen. Und das lohnt sich. Eben auch wegen der vielen Einblicke in eine Welt, wie sie ein Mensch in einer Trauer- und Verlustkrise so erlebt. Und das ist oft ebenso treffsicher wie fein ausgehorcht. 



Da ist beispielsweise die Tatsache, dass Normans Frau Eileen noch vor ihrem Tod alles genau verfügt hat, wie sie sich ihre Trauerfeier vorstellt - bis hin zur Schriftart, in der die Trauerkarten gestaltet werden sollen und zur Materialart des Sarges, was den Bestatter vor gewisse organisatorische Schwierigkeiten stellt. Wir sehen aber auch, wie gut es den Hinterbliebenen tut, dass sie die Trauerfeier ganz im Sinne der Verstorbenen gestalten können, auch, wenn sie für manche Wünsche kreative Notlösungen finden müssen (beispielsweise, was den Auftritt von Barbra Streisand angeht). Da ist die in dem Witwer später aufkommende Leere und Verzweiflung, die sich bis hin zu Suizidgedanken steigert - und wie elegant und gleichzeitig sehr komisch es die Serienmacher schaffen, auch diese Aspekte mit zu berücksichtigen, ohne sich in peinliche Plattitüden zu verlieren, zeichnet ihre Feinfühligkeit aus. Überhaupt, Zynismus und Bitterkeit, Abgeklärtheit und nur scheinbar ironisch aufgeladenes Gebrochensein, die Zerbrechlichkeit des Alterns und die Nichtbeständigkeit von allem, was einmal war, alles das sind Themen, die die Serie souverän durchdekliniert, ohne jemals ihre Leichtigkeit zu verlieren dabei. Respekt. Und auch von den weiteren hier gezeigten Ereignissen berichten einem frische Witwer: Kaum ist die Frau tot, wird der angenehm wohlhabende Alleinstehende relativ unverblümt angebaggert - von anderen Witwen. Doch Norman Newlander bleibt seiner Eileen weiter treu. Schließlich spricht er noch immer mit ihr, abends, daheim. "Mensch zu sein und verletzt zu sein - das ist doch ein und dasselbe", sagt Norman an einer Stelle. Und da ist doch eine ganze Menge dran. Unbedingt sehenswert. 

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Was einem helfen kann - Fotoaktion: Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

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Freitag, 14. Dezember 2018

Ein Zeitungsartikel deutet es an: Ist aus der geplanten "Trauerstörung" jetzt eine "Trauerreaktion" geworden? - Neue Entwicklungen rund um die Frage "Trauer als Krankheit" - ab 2022 von der WHO geplant ("ICD 11")

Osnabrück - Das lässt einen aufhorchen. Auch die in Österreich erscheinende Tageszeitung "Der Standard" berichtete unlängst im November 2018 über jene Frage, die die Menschen aus Hospiz-, Palliativ- und Trauerbegleiterkreisen in jüngster Vergangenheit sehr bewegt hat: Wird Trauer bald als eigene Krankheit anerkannt sein? Oder wird sie gar als eine "Störung" klassifiziert sein? Denn die WHO - also die Weltgesundheitsorganisation - will auch Trauer in den Kanon der psychischen Störungen aufnehmen. Interessanterweise benutzt der Redakteur Christian Wolf in seinem Artikel eine andere Begrifflichkeit als die in jüngster Zeit so umstrittene und heftig diskutierte: Anstatt von einer "Anhaltenden Trauerstörung" zu sprechen, wie es anfangs geplant war, benutzt er nun den Begriff "Anhaltende Trauerreaktion" - das wirft Fragen auf. Sollte die Weltgesundheitsorganisation in der Zwischenzeit umgeschwenkt sein und auf ihre Kritiker gehört haben? Hintergrund ist eine teils recht heftig geführte Debatte rund um die Frage, ob Trauer als eigene Klassifikation bald auf den Krankschreibungen der Ärzte stehen kann - was bislang noch nicht möglich ist. 

Ändern soll dies die so genannte "ICD 11", also die "International Statistical Classification Of Disease and Related Heath Problems". Das ist das derzeit in Überarbeitung befindliche Regelwerk für alle Codierungen bzw. Diagnoseschlüssel, mit denen alle niedergelassenen Haus- und sonstigen Ärzte arbeiten. Dort gibt es für so ziemlich alles einen Schlüssel bzw. einen Code - für Grippe beispielsweise J09-J18. Nur für Trauer gibt es noch nichts, was sich aber bald ändern soll. Wie die Wochenzeitung "Die Zeit" in ihrer Ausgabe vom 21. Juni 2018 berichtete, steht jetzt zumindest der zeitliche Fahrplan für die Einführung der ICD 11 fest: Demzufolge wurde eine erste Arbeitsversion der neuen ICD inzwischen vorgestellt, verabschiedet werden soll das Ganze im Mai 2019 auf der Versammlung der Weltgesundheitsorganisation und gültig in Kraft treten am 1. Januar 2022. Aber eines scheint sich nun geändert zu haben: Die Begrifflichkeit. 

Krankgeschrieben wegen Trauer - ab 2018 soll das laut der ICD 11 möglich sein. Aktuell ist der Plan jedoch umstritten.   (Achenbach-Foto)

Das mag anmuten wie ein Detail, aber es ist eine der zentralen Fragen in dieser Diskussion. Muss diese neue Diagnosemöglichkeit unbedingt "Anhaltende Trauerstörung" heißen? Alleine schon an diesem anfangs geplanten Begriff hatte sich allerlei Kritik entzündet: "Trauer sollte keine Störung sein", so hatte es beispielsweise der Trauerbegleiter Norbert Mucksch formuliert, der u.a . im Vorstand des Bundesverbands Trauerbegleitung arbeitet (Transparenzhinweis: ich bin dort auch Mitglied - im Verband, nicht im Vorstand). Das soll heißen: Wenn der Eindruck vermittelt wird, dass Trauer stört, geht das in eine falsche, weil eine gesunde Weiterentwicklung verhindernde Richtung. Denn damit wird vermittelt, dass Trauer unterdrückt werden sollte, weggedrückt werden sollte. Das genau aber ist es nach Überzeugung von Trauerbegleitern - auch nach meiner -, was die Verzögerung im Prozess erst auslöst. Trauer sollte stattdessen fließen können, sollte erlebt, gefühlt und ausgedrückt werden können. Das hilft. 

Bislang ist es nämlich technisch gesehen nicht möglich, sich alleine wegen Trauer von Fachleuten weiter behandeln zu lassen. Jedoch ist unbestritten - auch bei den meisten Kritikern -, dass es Menschen gibt, die sich wegen Trauer krankschreiben und von Fachleuten behandeln lassen. Meistens geschieht das dann unter der Codierung einer "Anpassungsstörung", die aber ein Sammelbegriff für sehr, sehr vieles sein kann. Und hier beginnt die Debatte. Nichts verändert zu haben scheint sich indes bei einem weiteren der großen Kritikpunkte: Dem Zeitraum. 

Denn die „Anhaltende Trauerreaktion“ soll nach den Plänen der WHO als Grund für die Überweisung zu Fach­leuten oder in eine Therapie möglich sein, wenn ein Mensch länger als sechs Monate unter den durch Trauer verursachten Symptomen leidet. Denn erst nach Ablauf eines solchen Zeitraums ließe sich feststellen, ob die Symptome nicht von selbst besser würden. Dass mit Trauer immer erst eine heftige Leidenszeit einhergeht, ist unbestritten. Die Frage, an der sich jetzt die Diskussion entzündet, ist: Ab wann hat sich Trauer so verdichtet und verkompliziert, dass eine Fachbehandlung nötig ist? Erfahrene Trauerbegleiter sagen dazu: Nach sechs Monaten ist das meist noch nicht der Fall. Ob sich Trauer tatsächlich verkompliziert, ließe sich erst nach wenigstens einem Jahr sagen. Denn es sei ganz gesund und ganz natürlich, dass Trauer erstmal heftige Symptome auslöse. Ob sich auch in dieser Frage bis 2020 noch etwas tut? Wir werden es sehen. So oder so wird es spannend sein an diesem Thema dranzubleiben. Sobald ich etwas erfahren sollte, gibt es einen neuen Sachstand auch auf diesem Blog.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Viel mehr als Spendenübergaben - Tipps für eine gelingende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)



https://www.derstandard.de/story/2000085463251/psychisch-krank-auf-die-diagnosehandbuecher-kommt-es-an

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