Freitag, 28. September 2018

Standfest, sicher und trotzdem allen Widrigkeiten ausgesetzt - warum die Bäume auf einem Osnabrücker Berg einen so hohen Symbolwert für mich haben - Meine September-Fotos für die Mitmachaktion "Hoffnungsvoll und seelenschwer" (Bundesverband Trauerbegleitung)



Mannshohe Wurzelberge - selten so offen zu erleben.   (Thomas-Achenbach-Fotos)

Osnabrück - Einer der eindrucksvollsten Spazierwege, die ich kenne, schlängelt sich durch den Osnabrücker Schölerberg. Meterhohe Bäume, die wie eine Kirchenkathedrale links und recht von Dir und über Dir eine Umhausung bilden, machen diesen Weg zu etwas Besonderem. Aber nicht nur sie: Auch die sich teilweise über Sand-und-Geröllberge und Steinklippen windenden Baumwurzeln sind eine Wucht. So offenliegend, nicht in der Erde versteckt, so hoch wie ein Mann, sind Wurzeln selten zu sehen. Das hat was, auch eine hohen Symbolwert: Bewusst wahrnehmen zu können, mit welchen machtvollen Greifwerkzeugen die Natur solche Bäume ausgestattet hat. Bäume sind ja überhaupt etwas Faszinierendes. Allen Launen des Wetters und der Umstände relativ schutzlos ausgesetzt, jedenfalls obenrum, brauchen Sie eine besondere Standfestigkeit - so wie wir Menschen oft. Und deswegen sind diese Wurzelberge des Schölerbergs ebenfalls "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" - und damit prädestiniert für meine inoffizielle Teilnahme an dieser offiziellen Aktion... 

Auf den ersten Blick ist dieser Wald gar nichts Besonderes: Der Weg ist nicht besonders weit und nur teilweise recht steil, aber dort sind steinerne Treppenstufen eingebracht. Die Stadt ist niemals allzu weit entfernt, wenn auch nicht überall zu sehen. Ein Großteil des Schölerbergs wird außerdem vom Osnabrücker Zoo benutzt, der durch diese Waldlage seinen besonderen Zauber erhält. Wer hier im freien Teil des Berges umherspaziert, der muss wissen, wo er seine Blicke hinrichten sollte - beispielsweise in Richtung Bergkamm. Dort sind zu finden, die Baumwurzeln, die sich so eindrucksvoll und schutzlos zeigen wie sonst selten in einem Wald. Nicht immer haben es die Bäume damit geschafft, ein von mir besonders geliebter Wurzelberg trägt leider inzwischen keinen Stamm mehr - deswegen sind diese Bäume und ihre offenen Wunden auch irgendwie "Hoffnungsvoll und seelenschwer". So wie diese Aktion hier.



Denn der Bundesverband Trauerbegleitung (BVT) - in dem ich ebenfalls Mitglied bin - feiert seinen zehnten Geburtstag in Form einer kreativen Mitmachaktion, zu der noch bis zum Ende des Jahres alle, die Lust haben, zur Teilnahme aufgerufen sind. Auch ohne jeden Bezug zum Thema. Wobei es interessant sein kann, sich den BVT einmal näher anzugucken. 



Gegründet mit dem Ziel, der Ausbildung zum Trauerbegleiter in Deutschland einen einheitlichen Lehrplan und ein einheitliches Zertifikat verschaffen zu können, versteht sich der Verband inzwischen als Sprachrohr und Interessenvertretung für alle Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise. Sie sind es auch, die sich zur Teilnahme an der Aktion eingeladen fühlen sollen (alle Infos gibt es unter diesem Link). Wer sich ganz kreativ beteiligen möchte, kann sogar versuchen, ganze 365 Beiträge beizusteuern. Also für jeden Tag eines Kalenderjahres einen. Der Kreativität und der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, allein das Oberthema der Aktion gilt es zu beachten.



Nämlich die Fragestellung: Was sind Kraftquellen, Stolpersteine, was trägt mich in meiner Achtsamkeit, was ist hilfreich für meine Selbstfürsorge? Was bringt Wut in den Bauch, was streichelt meine Seele? Was lässt mich stolpern und wobei schöpfe ich Kraft? Es geht darum, Gefühle und Ressourcen sichtbar zu machen. In Wort, Bild oder anderen kreativen Ausdrucksformen. Die Idee ist es, aus allen Einsendungen eine bundesweite Wanderausstellung zu schaffen. Gleichermaßen soll die Aktion dazu dienen, wieder fokussierter und konzentrierter durchs Leben gehen zu können. Denn dass sich auf den Smartphones die schnell gemachten Fotos häufen, diese aber kaum mehr wahrgenommen werden, ist ein Phänomen unserer Zeit.



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Alle Infos zur Aktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" gibt es auf der BVT-Website....

Mein erster Beitrag zur Fotoaktion (Januar): Warum auch meine alten ausgelatschten Chucks eine Kraftquelle für mich sind

Mein zweiter Beitrag zur Fotoaktion (Februar): Kraftquelle Waldeswillen - wie sich ein alter und gestürzter Baum einfach nicht unterkriegen lässt und warum das so gut tut

Mein dritter Beitrag zur Fotoaktion (März): Kraftquelle Kulturerlebnisse - wie sich mein Leben mit allen Tiefern und Höhen auch in Eintrittskarten abbilden lässt

Mein vierter Beitrag zur Fotoaktion (April): Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

Mein fünfter Beitrag zur Fotoaktion (Mai): Warum blühende Kastanien für mich zu einem Symbol dafür geworden sind, dass sich Krisen auch überstehen lassen

Mein sechster Beitrag zur Fotoaktion (Juni): Die alte Teekanne meiner Oma als ein Symbol für die Beständigkeit von Geteiltem im Leben - und für erlebtes Leiden

Mein siebter Beitrag zur Fotoaktion (Juli): Kindheit, die erste Heimat auf dieser Welt - so voller Mysterien und doch so zerbrechlich - von der Wirkmacht der ersten Jahre

Mein achter Beitrag zur Fotoaktion (August): Eintauchen in andere Welten durch Rock-LPs und ihre Plattencover - wie mir die Vermischung zweier Künste durch die Zeit half


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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen

Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)













Mittwoch, 19. September 2018

Unterwegs im Herbst 2018, unterwegs in den Landschaften der Trauer, preisgekrönter Dokumentarfilm - drei öffentliche Veranstaltungen, auf die ich gerne hinweisen möchte (Seminare, Vorträge, Filme)

Osnabrück - Ein Vortrags- und Impulsabend über Männertrauer, ein Ein-Tages-Seminar für alle Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise... Mit Beginn des Herbstes 2018 stehen auch wieder ein paar Veranstaltungen in meinem Kalender, bei denen ich als Dozent oder als partnerschaftlicher Mit-Gestalter gebucht bin oder die mir sonst am Herzen liegen. Wer daran teilnehmen mag, ist herzlich eingeladen. Hier sind die Details:


Auch Männer trauern.... (Pixabay.de-/CC-0-Lizenz-Foto)

Vortragsabend Männertrauer: Über diese Einladung habe ich mich sehr gefreut: Am 5. 11. - das ist ein Montag - darf ich abends um 19 Uhr einen Abend zum Thema Männertrauer gestalten und geben. Stattfinden wird er in der Gemeinde Hagen am Teutoburger Wald im dortigen Pfarrheim St. Martinus im Ortskern unterhalb der katholischen Kirche, Veranstalter ist der dort ansässige Hospizverein. Für mich ist es der erste Vortrags/Diskussionsabend in diesem Jahr, denn ich habe meine Engagements diesmal bewusst ein wenig zurückgenommen, nachdem ich im Jahre 2017 recht viel unterwegs gewesen bin. Stattdessen habe ich mich in diesem Jahr sehr intensiv dem Thema Männertrauer zugewandt und habe allerlei Recherchen dazu angestellt. Was gar nicht so leicht gewesen ist, denn an offiziellen Ergebnissen oder Studien herrscht ein gewaltiger Mangel. So muss also auch dieser Vortragsabend eine Annäherung an das Thema sein. Weitere Infos und den Flyer des Hospizvereins Hagen gibt es unter diesem Link...


Karg, kalt und oftmals bedrohlich. Die Landschaften der Trauer.  (Pixabay.de-/CC-0-Lizenz-Foto)

Seminar "Unterwegs in den Landschaften der Trauer": Auch über diese Chance habe ich mich sehr gefreut - ein Seminar gemeinsam mit meiner sehr geschätzten Trauerbegleiterkollegin Luise Rüter aus Hilter gestalten zu dürfen. Stattfinden soll dieser Workshop nun im ersten Halbjahr 2019 (genauer Termin folgt noch) – an einem Samstag zwischen 10 und 17 Uhr in dem zwischen Osnabrück und Bielefeld gelegenen Borgholzhausen, und zwar im dortigen Bürgerhaus. Es geht ganz allgemein um Verlust- und Trauerkrisen und um einen möglichen Umgang damit, angesprochen sind vor allem alle Menschen, die selbst einen Verlust erleiden mussten, aber auch jene, die das Thema allgemein interessiert. Wir wollen uns damit beschäftigen, was nach einem Verlust an Gefühlen, Gedanken und Aufgaben auf uns zukommen kann, wie das Umfeld reagiert und was uns selbst gut tut oder gut tun könnte. Ideen für Rituale gehören ebenso zum Angebot wie praktische Übungen, kurze Textimpulse, neues Wissen über Trauer und die aktuelle Forschung… Luise Rüter ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Trauerbegleiterin, sie ist, wie ich auch, Mitglied im Bundesverband Trauerbegleitung. Das Seminar soll 38 Euro kosten und wird von der dortigen Volkshochschule veranstaltet, Infos unter Telefon 05201/81090, E-Mail post@vhs-ravensberg.de

Und dann gibt es noch ein paar nichtöffentliche Veranstaltungen, zu denen ich eingeladen bin und auf die ich mich sehr freue sowie eine ganze Reihe von Planungen und Ideen und Gesprächen für das Jahr 2019... Ich würde also sagen: Wir sehen uns.

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer am Arbeitsplatz/Trauer im Arbeitsleben - wie belastend ist Trauer im Beruf, was können Unternehmen tun?

Ebenfalls auf diesem Blog: "Sei doch bitte wieder normal" geht leider gar nicht - Trauernde brauchen langfristiges Verständnis ohne Ziele 

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog: Theater kosten den Steuerzahler einfach zuviel Geld... ist das wirklich so? Und woher kommt die Theatersubventionierung eigentlich?

Donnerstag, 13. September 2018

Achtung, Elefant im Raum - wie sich als Trauernder Familienfeiern, Partys oder Betriebsfeiern gut überstehen lassen und was die Gastgeber tun können, um die Situation hilfreich zu gestalten (Fünfter Teil des Dialogs "Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich")

Osnabrück/Berlin – Das neue Buch von Eva Terhorst - "Alleine weiterleben - wenn der Partner stirbt" - ist seit inzwischen frisch auf dem Markt, es ist bereits ihr fünftes Buch. Passend dazu haben Eva und ich unseren mittlerweile fünften Dialog aus unserer Serie "Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich" geführt, die parallel hier auf diesem Blog und auf Evas Blog erscheint. Diesmal haben wir versucht uns von allen Seiten her einem wirklich schwierigen Thema anzunähern: Einladungen, Feiern, Partys, etc. Denn für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise ist es nicht immer leicht, allen Einladungen zu folgen, gleichzeitig kann die große Unsicherheit, die der Tod in unserer Gesellschaft oft zur Folge hat, die Kommunikation mit einem Hinterbliebenen zu einer ziemlich kranpfigen Rumeierei werden lassen. Aber das muss alles gar nicht so sein. Hier sind unsere Erfahrungen, die wir damit gemacht haben. Diesmal darf wieder Eva den Anfang machen. Los geht's:

Lieber Thomas, die Themen gehen uns nicht aus und ich freue mich immer sehr über unsere Dialoge. Anscheinend helfen sie auch unseren Lesern etwas dabei, sich mit den schweren Themen auch auf diese Weise auseinanderzusetzen und auch von unseren Tipps etwas für sich mitzunehmen. Daher möchte ich heute einen ebenfalls sehr schwierigen Punkt thematisieren: „Wie gehe ich mit Angehörigen, Freunden und Kollegen um?“ Fakt ist: Wenn ein geliebter Mensch stirbt, sind alle gleichermaßen: Umfeld und Betroffene unendlich überfordert. Das führt zu Missverständnissen und Verletzungen. Langjährige Freundschaften beginnen unter der Last der Krise zu wackeln und eigentlich zuverlässige Verbindungen zu Menschen, die uns bisher unwideruflich wichtig erschienen, zerbrechen. Was passiert da eigentlich genau? Das zumindest habe ich mich damals gefragt, als ich getrauert habe und das frage ich mich, wenn Trauernde zu mir kommen und mir davon erzählen. Auch wenn wir alle verschieden sind und jeder Fall anders liegt, scheint die Kommunikation mit der Außenwelt nach dem Tod eines geliebten Menschen fast immer ganz ähnlich kompliziert und hilflos abzulaufen, denn die Menschen, die bereits Ähnliches durchlebt und gut verarbeitet haben, sind selten und gehören nicht immer zu unserem Umfeld. Die anderen fühlen und geben sich zumeist rat- und hilflos, was zu bitteren Verletzungen führen kann. Das macht mich jedes Mal sehr traurig, denn ich denke, dass wir Lebenden unsere Chance an Krisen zu wachsen, im Gegensatz zu den Verstorbenen, nutzen können und sollen. Daher möchte ich dir heute vorschlagen, dass wir beiden uns damit auseinandersetzen, wie es besser laufen könnte und vielleicht hier die wichtigsten Punkte dazu sicht- und vielleicht auch anwendbar machen. Was hältst du davon? Liebe Grüße Eva


Schon oft erlebt, oder? Wenn da ein dicker großer Elefant im Raum steht, das aber keiner ansprechen mag.... (Thomas-Achenbach-Fotos/Symbolfotos)

Liebe Eva, das ist ein wichtiges Thema, was Du da ansprichst. Tatsächlich beklagen fast alle Menschen in einer Verlust- und Trauerkrise, dass sie sich von ihrem Umfeld alsbald nicht mehr verstanden fühlen. Da bricht vieles weg. Sobald ein Todesfall eingetreten ist, gibt es eine große Welle an Empathie und Mitgefühl – aber die Hinterbliebenen selbst sind dann oft noch gar nicht in der Lage, das wertschätzen zu können, zu viel gibt es zu organisieren und zu tun. Wenn dann die Ruhe einkehrt und sich der Schock und das Verstehen so langsam durchsetzen, beginnt das Verständnis von anderen schon ganz langsam zu bröckeln. Und meistens so nach einem Jahr hat sich eine latente Erwartungshaltung breitgemacht. So nach dem Motto: Jetzt muss es aber mal langsam wieder gut sein, es ist doch so lange her, sei mal wieder irgendwie normaler. Das Problem dabei ist ganz einfach dieses: Kein Mensch, der das noch nicht erlebt hat, kann wirklich nachvollziehen, wie sehr einen Trauer in die Krise ziehen kann, wie lange das dauern kann (Jahre, manchmal sogar: Viele Jahre), aber wie normal das alles auch ist… Ich sage immer gern: Trauer hat in dieser Gesellschaft einfach keine Lobby. Ich mag aber den Angehörigen und Freunden und Nachbarn und Kollegen andererseits da ungerne mit dem tadelnden Zeigefinger winken, weil ich sie auch verstehen kann, weil deren Leben eben unverletzt weitergeht und weil deren Leben alsbald wieder auf gewohnten Bahnen verläuft – während sich das Leben eines Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise einmal komplett neusortieren muss. Alles ist dann anders. Wirklich: Alles. Ich glaube, es ist unsere Aufgabe, als diejenigen, die beide Prozesse sehen und begleiten, hier immer wieder um Verständnis zu werben, immer wieder aufzuzeigen, wie normal es eben ist, dass solche Krisen viel Zeit brauchen, ganz viel Zeit. Du kennst solche Prozesse sicher auch aus Deiner Erfahrung, oder? Bin gespannt auf Deine Einschätzung, viele Grüße, Thomas

Lieber Thomas, da es da sehr schwer ist, mit „richtig“ oder „falsch“ zu urteilen, wenn es um die Reaktionen im Umfeld geht, gebe ich ganz gerne ganz konkrete Tipps, wie man vielleicht reagieren kann. Denn manche klagen, dass zu wenige nachfragen, wie es einem geht und was man möglicherweise braucht und andere fühlen sich gestresst über die Anfragen und Redeangebote, die ihnen in hoher Zahl gemacht werden, wobei es aber oft ziemlich schwer sein kann, mit Nichttrauernden über die gerade akuten Gefühle zu sprechen. Die Frage wäre, wie wir das am besten aufzäumen wollen – ich würde vorschlagen, wir fangen einmal damit an, uns an die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise zu wenden und ihnen konkrete Tipps anzubieten, was meinst Du? Herzliche Grüße, Eva.




Eva Terhorst aus Berlin hat mehrere Bücher zum Thema Trauer geschrieben und arbeitet unter anderem als Trauerbegleiterin. Sie betreibt auch einen Blog zum Thema Trauer.

Liebe Eva, ja, sehr gerne – sowohl Deine Bücher als auch mein Blog richten sich ja vor allem an die Menschen, die sich gerade in einer solchen Situation befinden, da bietet sich das am ehesten an. Ich überlasse Dir gerne den Vortritt, magst Du anfangen? ;-) Herzliche Grüße, Thomas

Lieber Thomas, na klar, gerne:

Speziell, was Einladungen betrifft, bemerken viele schnell, dass sie immer nur eine begrenzte Zeit unter Leuten sein können. Die Zeitspanne ist da bei jedem unterschiedlich aber in der Regel sind zwei Stunden für die meisten Trauernden mehr als genug. Die Sorge, wenn zu oft Absagen erteilt werden, nicht mehr eingeladen zu werden, spielt auch eine belastende Rolle. Oder als die Einladung kam, hatte man gerade einen guten Moment und hat freudig, vielleicht sogar ein wenig euphorisch zugesagt. Gut möglich ist es aber bei dem ganzen Auf und Ab der Gefühlswelt in der Trauerzeit, dass man sich dann am Tag der Feier hundsmiserabel fühlt und an eine Teilnahme an der Festivität nicht zu denken ist.

Da ist guter Rat gefragt und ich schlage vor:

Bekommt ihr eine Einladung fragt euch, ob ihr wirklich dort hin möchtet. Wenn nicht, sagt ohne Wenn und Aber ab. Bekommt ihr eine Einladung die ihr gerne wahrnehmen würdet, erbittet euch bei der Zusage das Verständnis der Gastgeber dafür, dass ihr eventuell kurzfristig absagen werdet, weil ihr zum gegenwärtigen Zeitpunkt einfach nicht sagen könnt, wie es euch bis zum betreffenden Termin geht.

Ein zusätzliches kleines Sicherheitsnetz könnt ihr entweder bereits im Vorfeld oder auf der Feier einbauen, indem ihr klarmacht, dass ihr nur für eine begrenzte Zeit bleiben könnt. Seid ihr zu einer Feier eingeladen, die euch durch die weite Anreise dazu zwingt auch zu übernachten, dann sorgt dafür, dass ihr ein eigenes Zimmer ganz für euch alleine habt und nehmt Gelegenheiten wahr, die sich euch bieten, um sie als Auszeiten für euch zu nutzen, um wieder Kraft zu tanken. Zur Not müsst ihr eben auf ausgedehnte Spaziergänge oder Ähnliches ausweichen.

Nächste Frage: Wie kann man auf unangenehme Fragen und Bemerkungen reagieren?



"Wie geht es dir?" ist da eine ganz harte Nuss. Was soll man darauf antworten? Wie wäre es mit so ausweichend wie möglich? "Wenn einem die Antwort "gut" im Halse stecken bleibt, dann vielleicht mit folgenden Varianten: "Ich wurschtele mich so durch, bin aber voller Hoffnung, dass es irgendwann besser wird." Diese Antwort enthält allerdings eine Falle, denn es ist damit zu rechnen, dass sich das Gegenüber zu einer weiteren Frage hingerissen fühlt: "Wie, dir geht es immer noch schlecht? Aber das ist doch schon x Wochen her?" Furchtbar! Also weg mit dieser Antwort oder ihr versucht es daraufhin mit der Erwiderung, die meistens für Ruhe sorgt: "Meine Trauerbegleiterin hat gesagt, dass sei völlig normal." Im Ernstfall empfehlt ihr mein Buch "Das erste Trauerjahr" - da steht alles drin, was Unwissende und Ungläubige in Sachen Trauer und dem Umgang damit wissen müssen. Schöner wäre es, wenn die Leute einfach nur sagen könnten: "Wie schön, dass du da bist." Das kommt aber leider nicht so oft vor. Eine weitere Möglichkeit auf die Frage "Wie geht es dir?" zu reagieren, könnte sein, einfach die Aufmerksamkeit von euch abzulenken, indem ihr antwortet: "Ach lass uns doch lieber über dich reden." oder "Erzähl mir doch lieber von deinem Urlaub/Studium/deinem neuen Hund/Freund, etc."

Besonders unangenehm sind die Momente, wenn sich vielleicht einige der Freunde zusammenrotten und der Überzeugung sind, dass es nun endlich Zeit wird, „loszulassen“ und sich einen neuen "Lover" zu suchen - am besten noch über das Internet. Böse Falle, denn wenn man sagt, man sei schon bei "Elitepartner" oder "Parship" angemeldet, ist vielleicht Ruhe auch wenn es gar nicht stimmt aber vielleicht geht dann das Getuschel los, dass man sich schon so schnell jemanden Neuen sucht. Es ist unmöglich, es allen recht zu machen. Hier wieder der Satz, der helfen könnte: "Meine Trauerbegleiterin rät mir davon ab, es zu erzwingen. Generell kann man sich gerne weitere Varianten von Entgegnungen ausdenken, die mit "Meine Trauerbegleiterin hat gesagt...", beginnen. Am besten, man legt sich schon etwas im Vorfeld zurecht, damit man nicht so überrasch wird. Aber ich bin gespannt, welche Erfahrungen und Tipps du in diesem Bereich auf der Pfanne hast. Liebe Grüße Eva 


Liebe Eva, vielen Dank für diese wertvolle erste Sammlung – mit dem Verkuppeltwerden hast Du mich echt überrascht, das ist mir bislang noch nicht untergekommen, auweia. Klar, das wird schnell als übergriffig empfunden. Ist ja auch ganz ohne eine Trauer- und Verlustkrise etwas sehr Übergriffiges. Ich möchte an dieser Stelle gerne einmal die Perspektive wechseln. Ich sage immer gern: Trauer ist das am meisten unterschätzte Gefühl, das es gibt. Und das am meisten missverstandene Gefühl. Wer das noch nicht erlebt hat, dem fällt es enorm schwer, das alles zu akzeptieren – dass es beispielsweise so lange dauert. Dass sich die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise scheinbar so wenig entwickeln, dass es irgendwie nicht weitergeht, nicht vorangeht. Ich kann da beide Seiten gut verstehen. Deswegen werde ich nicht müde zu sagen: Liebe Leute, die ihr einem Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise etwas Gutes tun wollt, bitte beschäftigt Euch mit dem Phänomen der Trauer. Sammelt Wissen darüber. In unserer Gesellschaft heutzutage fehlen die Vorbilder für einen sinnvollen Umgang damit. Das zu ändern, ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Und wir können alle etwas dazu beisteuern. Indem wir uns einfach damit beschäftigen. Und ganz offen darüber reden. 

Was meiner Erfahrung nach Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise besonders gut: Speziell beim Thema Einladungen, Familienfest, Feiern im Freundeskreis und alledem – da steht allzu schnell mal der bekannte „dicke große Elefant im Raum“. Soll heißen: Alle spüren, dass da irgendwie das Thema Tod und Trauer mit im Raum ist. Meistens ist die Folge eine betretene Stille oder ein immer krampfiges Vermeidenwollen dieses Themas, was ein ziemliches kommunikatives Rumgeeier nach sich ziehen kann. Hier hilft meiner Meinung etwas ganz Simples: Traut Euch es anzusprechen. Sprecht den Elefanten an. Wendet Euch diesem Menschen zu, die gerade jemanden verloren hat, und macht ihr klar, dass ihr um die Situation wisst. Das geht zum Beispiel mit einem Satz wie: „Du hast ja kürzlich jemanden verloren, ich könnte mir vorstellen, dass Dich das noch ganz schön beschäftigt, oder?“. Das gibt dem Menschen die Chance, zu reagieren wie Du, Eva, es oben so schön beschrieben hast. Wichtig ist nur: Elefanten im Raum belasten die Atmosphäre. Sie ins Wort bringen zu können, sie benennen zu können, nimmt den Druck aus der Situation. Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise sind sehr sensibel und es hilft nicht, über ihr Schicksal hinwegzuschweigen. Alleine das kann hilfreich sein. Oder was meinst Du, Eva? 



Schwierig, lieber Thomas... Ein netter Gedanke, aber einerseits traut sich das kaum jemand und andererseits weiß ich nicht, ob man als Trauernder so direkt angesprochen werden möchte. Ich glaube, da braucht es noch ein bisschen mehr. Vor allem weil mir auch viele Klienten erzählen, dass sie hier und da selbst Bemerkungen machen, die den Verstorbenen einbeziehen, wie: „Das war Pauls Lieblingsessen.“ oder „Spanien war sein Lieblingsreiseland.“ Trauernden ist es meist wichtig, dass der Verstorbene nicht vergessen wird und man, wenn auch manchmal mit Tränen in den Augen, sich gemeinsam an ihn erinnern kann. Berichtet wird mir bedauerlicherweise, dass oftmals die Umstehenden entweder bedrückt daraufhin schweigen oder sofort das Thema wechseln und die Bemerkung übergehen. Das kann unglaublich niederschmetternd wirken. Gerne würde ich da raten, mit einer kleinen einfachen Entgegnung wie: „Ja, mir fehlt er auch.“ Oder „Wie schön, dass ihr die Gelegenheit nach Spanien zu reisen so oft ihr konntet, wahr genommen habt.“ zu reagieren. Mehr braucht es eigentlich gar nicht. Die einfachsten Gesten, wie jemanden in den Arm zu nehmen, an der Hand zu berühren oder ihm in die Augen zu sehen, können tatsächlich reichen, damit Trauernde sich verstanden und in der Gemeinschaft der Verwandten, Freunde und Bekannten, derer Leben weiter geht, gut aufgehoben zu fühlen. Ich hoffe, dass unsere Leser in der Kommentarfunktion ihre Erfahrungen und Tipps zu diesem Thema mit uns teilen, denn es ist ein tatsächlich schweres Thema bei dem Überforderung und Hilflosigkeit in jeder Ecke lauern. Herzliche Grüße, Eva. 

Liebe Eva, ja, das hoffe ich auch, denn es ist wirklich ein schwieriges Thema. Ich glaube, dieses betretene Schweigen, für das sich die meisten Menschen im Umgang mit dem Thema Tod entscheiden, rührt vor allem aus einer Angst heraus, die ich ungefähr so beschreiben lässt: „Auweia, wenn ich seinen Verlust jetzt anspreche, mache ich diesen anderen Menschen bestimmt wieder traurig. Oder ich bringe ihn damit zum Weinen und das möchte ich nicht…“ Wobei ich immer wieder erfahre: Wer einen Verlust erlitten hat, den beschäftigt dieses Thema sowieso jeden Tag, vielleicht jede Stunde, es ist nie weg. Auch später nicht, wenn etwas Zeit vergangen ist. Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht? Herzliche Grüße, Thomas 



Thomas Achenbach ist der Autor dieses Blogs, er ist in der Region und Stadt Osnabrück als Trauerbegleiter aktiv.   (C.-Achenbach-Foto) 

Lieber Thomas, die Tränen der anderen auszuhalten, ist oft nicht leicht. Das Missverständnis ist, dass Angehörige denken, sie haben die Tränen bei der oder dem Trauernden durch ihre Nachfrage bewirkt - und das möchten sie natürlich auf keinen Fall. Die meisten können sich einfach genau das, was du oben erwähnst, nicht vorstellen: dass Trauernde im Verlauf ihres Tages mehr oder weniger stark mit dem zu bewältigenden Verlust beschäftigt und extrem nah am Wasser gebaut sind. Daher wäre es für alle ganz gut, zu verstehen, dass man in so einem Zusammenhang vielleicht durch Nachfragen der Auslöser für Tränen sein kann aber nicht die Ursache. Auf dem Schulhof oder schon im Kindergarten haben wir gelernt, dass es nicht erstrebenswert ist, andere zum Weinen zu bringen. Diese zurecht anerzogene Schranke ist im Zusammenhang mit Trauer leider nicht passend aber ich verstehe gut, dass es in einer spontanen Situation sehr schwierig sein kann, anders als gewohnt zu reagieren. Daher kann es bei Feiern oder Treffen an denen Trauernde teilnehmen, hilfreich sein, sich im Vorfeld schon darauf einzustellen, einfach auszuhalten, einen Menschen vor sich zu haben, der gerade durch die schlimmste Krise seines Lebens geht. Ja, es ist so schlimm, wie du es wahrnimmst.“, halte ich für einen Satz, wenn er mitfühlend gesagt wird, der Betroffene abholen kann... Liebe Grüße, Eva.

Liebe Eva - dem habe ich nun tatsächlich nichts mehr hinzuzufügen... Herzliche Grüße und vielen Dank an Dich, Thomas

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„Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich“: Hier tauschen sich die beiden Trauerbegleiter Thomas und Eva über die Themen ihrer Arbeit aus. Das soll zu einem besseren Verständnis beitragen, warum Trauerbegleitung wichtig ist und euch helfen, besser zu verstehen, was ihr gerade durch macht, wenn ihr einen geliebten Menschen verloren habt. Auch für Angehörige von Trauernden kann dieser Dialog hilfreich sein. Denn es ist manchmal nicht so leicht nachzuvollziehen, was in jemandem vor sich geht, wenn er trauert. So kommt es schnell zu Missverständnissen und gut gemeinten Ratschlägen, die oft das Gegenteil vom Beabsichtigten auslösen. Sehr, sehr gerne können Trauernde, Angehörige, Trauerbegleiter und alle, die mit dem Thema zu tun haben, mit ihren Kommentaren dazu beitragen, dass dieser Dialog lebendig und hilfreich sein kann! Mehr Infos über Eva und ihre Arbeit gibt es hier....

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe für verwaiste Väter in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier


Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer schiebt einen nicht durch irgendwelche Phasen hindurch - Trauer stellt einen vor ganz konkrete Aufgaben, sagt ein Trauerforscher

Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen


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Dienstag, 4. September 2018

Unterwegs in den Landschaften der Trauer - wie ein Brettspiel dabei helfen kann, Menschen in einer Verlust- und Trauerkrise neue Impulse zu geben



Osnabrück - Wenn heute der Geburtstag ihres Verstorbenen wäre, wie würden Sie diesen gestalten? Sich einer solchen Frage zu stellen, kann für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise oft auch etwas Überforderndes sein. Wenn sich solche Tage wieder nähern - der Todestag, der Geburtstag, vielleicht auch der Hochzeitstag oder Tage von anderen markanten Ereignissen -, steht man oft ratlos da. Da ist es sicher ein guter Zugang, sich einer solchen Frage auf einer spielerischen Ebene zu nähern. Als Bestandteil eines Brettspiels. Denn das spielerische Element schafft ein wenig Distanz, schafft andere Zugänge, addiert eine kleine Portion Leichtigkeit - wenn die Situation schon schwer genug ist, darf man sich ihr auch mit Leichtigkeit anzunähern versuchen, warum nicht? 

In dem Brettspiel „Landschaften der Trauer“ werden so genannte Gesprächskarten eingesetzt. Darunter findet sich die oben genannte Frage. Oder auch Fragen wie „Welche Aufgaben sind Ihnen jetzt einfach zuviel?“, „Haben Sie in jüngster Zeit jemanden getroffen und durch ihn/sie unerwartete Hilfe bekommen?“ ode auch nur „Wenn Sie mal einen ganz schlechten Tag haben, was tun Sie, um ihn zu überstehen?“. Die Idee ist, die Menschen einer Trauergruppe einmal anders ins Gespräch bringen zu können.

Durch die geht es hindurch - durch die Landschaften der Trauer. Das vermittelt: Trauer ist auch ein Prozess.  (Thomas-Achenbach-Fotos)

Doch es bleibt nicht alleine bei Gesprächsimpulsen. Denn es gibt auch die so genannten Aktionskarten. Einmal kurz aufzustehen und sich zu recken und zu strecken, kann beispielsweise eine Aufforderung auf diesen Karten lauten. Oder aus dem Fenster zu schauen und  genau zu beschreiben, was man dort sehen kann. Oder die Frage: „Wie sieht der Himmel heute aus? Können Sie sich erinnern?“ - Es sollte klar sein, worauf diese Aktionsideen zielen: die Sinne zu öffnen für ein kleines Quentchen an Mehr. Denn Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise neigen dazu, ihren Fokus zu verkleinern, so sehr, bis sie nur noch bei den immergleichen Gedanken und Gefühlen hängenbleiben. Das ist normal, das gehört zu so einer Krise dazu. Und doch ist es auch gefährlich - denn wer in diesen Schleifen gefangen bleibt, langfristig, länger als ein oder zwei Jahre, steht immer an der Schwelle zu vertiefenden Erkrankungen wie einer Depression.


Die Idee, mit Menschen in einer solchen Krisensituation ein Spiel zu spielen, hat tatsächlich etwas Verlockendes. Über den Bundesverband Trauerbegleitung hatte mich die Anfrage erreicht, die „Landschaften der Trauer“ als Rezensionsexemplar hier auf diesem Blog vorzustellen. Zu einem Ausprobieren des Spiels in einer Trauergruppe es bis jetzt noch nicht gekommen, aber das steht durchaus noch auf meiner Wunschliste. Die Idee des Spiels ist es, mit seinen Figuren durch verschiedene Landschaften zu ziehen, die auf dem Spielplan eingemalt sind und die natürlich allegorisch als Symbole für Gefühlswelten zu verstehen sind. Da ist ein karger und sich entlaubender Herbstwald, ein aufgewühltes und tobendes Meer, eine verbrannte und seelenlose Wüstenlandschaft - und am Ende eine Wiese, auf der erste zarte Pflänzchen einen beginnenden Aufbruch anzukündigen scheinen. Anders als bei den meisten Gesellschaftsspielen, geht es weniger darum, als Erster ins Ziel zu kommen als vielmehr darum, seine Umgebungen bewusst wahrzunehmen - die Landschaften der Trauer - und über verschiedenste Impulse ins Gespräch zu kommen. Denn alleine das kann ja in einer Trauer- und Verlustkrise schon sehr hilfreich sein. 



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Der Autor dieser Zeilen 
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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum blühende Kastanien für mich zu einem Symbol dafür geworden sind, dass sich Krisen auch überstehen lassen

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Mittwoch, 29. August 2018

Eintauchen in andere Welten durch die Vermischung zweier Künste - wie mir Rock-LPs und ihre Cover durch das (jugendliche) Leben halfen - Meine August-Fotos für die Mitmachaktion des Bundesverbands Trauerbegleitung "Hoffnungsvoll und seelenschwer"


Nadel drauf. Erst das Knistern. Dann das Eintauchen in neue Welten.  (Thomas-Achenbach-Fotos)

Osnabrück - Als ich jung war, gab es noch keine CDs. Besser gesagt: Die CD hatte sich noch nicht als massentaugliches Medium durchsetzen können, die "Dire Straits" hatten gerade mal einen zarten Anfang mit dem noch unvertrauten Tonträger gewagt. Wenn wir also Musik hören wollten - und im magischen Alter von zehn, elf Jahren war das Musikhören eine immer wichtiger werdende Beschäftigung -, mussten wir auf Cassetten zurückgreifen. Oder auf Schallplatten aus Vinyl. Heutzutage sind solche Platten wieder schwer angesagt und schwerer gepresst als damals, aber Mitte der 80er Jahre war das Massenmedium Nr. 1 noch viel dünner als heute. Also: Auch technisch, nicht nur inhaltlich. Und dennoch: Das Entdecken von Musik war wie das Eintauchen in einen neuen Kosmos. Unbegrenzte Möglichkeiten und Erfahrungswelten taten sich auf. Traurig zu sein wurde noch leidensvoller, wenn es durch Musik unterstützt wurde - und glücklich zu sein noch schwebender. Das ganze Leben wurde auf einmal "Hoffnungsvoll und seelenschwer". Und damit ist auch meine Reise durch die Welt der Platten als Thema prädestiniert für meine inoffizielle Teilnahme an dieser offiziellen Aktion gleichen Namens... 

Am Anfang reichte noch alles, was gerade in den Charts war. Bunter Plastikpop aus den Produzentenschmieden, die die kompletten 80er Jahre befüllten und die auf mich eine gewaltige Faszination ausstrahlten - Sandra und Michael Cretú ("Samurai" war eine meiner ersten Maxi Singles, "Maria Magdalena" ein heißersehntes absolutes Must-Have als 7-Inch-Single, tausendmal sehnsuchtsvoll umschlichen in der Tonträgerabteilung des hiesigen Kaufhauses Horten), Samantha Fox (tatsächlich wegen der Musik, für nackte Brüste hatte ich damals noch wenig Empfinden), Madonna, Den Harrow, you name it. Besonders begehrt: Maxi Singles, auf denen sich besondere Remixes bekannter Titel fanden. Aber schon relativ bald kam ich dank eines älteren Freundes mit einem ganz anderen Musikhorizont als meinem in Kontakt mit anderen Klängen und Interpreten - und dann ging die Reise erstmal richtig los. 

Das ist Kunst. Plattencoverkunst. Fotografische/gestalterische Kunst. Mal ganz abgesehen vom akustischen Inhalt alleine schon optisch eindrucksvoll.

Denn was sich mir offenbarte, war die Welt der komplexen Rockmusik. Songs, die die Grenze von drei Minuten sprengten, in denen sich ganze Orchester wiederfanden. Progressive Klangwelten. Alben, die in ihrer Gänze einem Konzept folgten. Alleine schon die Plattencover waren verheißungsvoll: Bestückt mit mystischen Symbolen und rätselhaften Fotos, die auf die auf der Platte behandelten Themen hindeuteten, öffneten sie mir die Türen zu einer Kunst, die sich in dieser Mixtur heutzutage nicht mehr entfalten kann. Denn ein CD-Cover hat einfach nicht dieselbe Magie wie das Plattencover einer LP, alleine schon wegen der Größe, und was sich bei Spotify und anderen Streamingdiensten als Bildchen findet, kann damit schon mal gar nicht mithalten. "Eye In The Sky" vom Alan Parsons Project war eine dieser Platten, die mir den Erstkontakt mit dieser durchaus intelligenten Verschmelzung mehrerer besonderer Künste ermöglichten, also der Verschmelzung von Gestaltungskunst und musikalischer Kunst. Vorne drauf das ägyptische Horusauge, der angenehm melancholisch-schwebende Titelsong mit mystisch-mehrdeutigen Religionssymbolen, ein Album, das die Themen Glauben, Kontrolle und Wahnsinn in Bezüge bringt und neu dekliniert... Was sich mir hier anbot, war clever und gleichzeitig angenehm weltenentrückt bzw. alltagsentrückt. Als Teenie und junger Erwachsener habe ich genau das gebraucht. Ich war gefangen - und bin es noch heute. Auch wenn ich inzwischen keine Schallplatten mehr sammele. Muss auch gar nicht. 


Die an der kleinen Kontrolleuchte vorbeisausenden Rillen des Plattentellers haben ihre eigene optische Sogwirkung.

Denn alleine das Betrachten der alten Cover bringt mich wieder in Kontakt mit dieser alten Faszination. Die "Momentary Lapse Of Reason" von Pink Floyd beispielsweise - siehe das Foto weiter oben. Diese tausend leeren Betten, über einen Strand verteilt. Wohlgemerkt: Alles echt. Alles wirklich dorthingestellt, zum Anfassen und Entlanglaufen, eine Heidenarbeit, nix da, Fotomontage oder gar Photoshop - gab es ja alles noch gar nicht, damals. Und das Echte war es auch, was die Fotokünstler besonders inspirierte. So wie den hier aktiven Storm Thorgerson,der nach seinem Ausstieg beim Plattencover-Künstlerkollektiv Hipgnosis genauso hypnotisch weitermachte wie er es dort begonnen hatte. Hypnotisch auch die Musik: Was ich dort hören und betrachten konnte, hatte Sogwirkung, war nahe am Rausch, ganz ohne jegliche Rauschmittel. Was mir das alles an Inspirationen, Impulsen und an Erfahrungswerten ermöglicht hat, ist mit kaum etwas anderem zu vergleichen. Jede Platte, jeder Song darauf steht auch für eine biographische Verankerung: Ich weiß noch, wo ich gewesen bin, beim Anhören, ich weiß noch, wie es mir ergangen ist - welche Schwierigkeiten die jeweiligen Lebensphasen und -prozesse mit sich brachten und was das mit mir gemacht hatte. Alles gespeichert und abrufbereit - Platte auflegen, zuhören, alles wieder da. Und damit sind diese alten Schallplatten irgendwie "auch Hoffnungsvoll und seelenschwer". So wie diese Aktion hier.


Ein bisschen abgegriffen, ein bisschen altbacken, immer wieder faszinierend: Der verbleibende Best-Of-Rest einer einstmals überbordenden Plattensammlung (mit einstmals ziemlich viel Murks darin).

Denn der Bundesverband Trauerbegleitung (BVT) - in dem ich ebenfalls Mitglied bin - feiert seinen zehnten Geburtstag in Form einer kreativen Mitmachaktion, zu der noch bis zum Ende des Jahres alle, die Lust haben, zur Teilnahme aufgerufen sind. Auch ohne jeden Bezug zum Thema. Wobei es interessant sein kann, sich den BVT einmal näher anzugucken. 

Irgendwie noch immer ein Wunderwerk der Technik, wenn auch mit seinen ganz eigenen Macken. Nervig, wenn die Plattennadel gewechselt werden musste.

Gegründet mit dem Ziel, der Ausbildung zum Trauerbegleiter in Deutschland einen einheitlichen Lehrplan und ein einheitliches Zertifikat verschaffen zu können, versteht sich der Verband inzwischen als Sprachrohr und Interessenvertretung für alle Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise. Sie sind es auch, die sich zur Teilnahme an der Aktion eingeladen fühlen sollen (alle Infos gibt es unter diesem Link). Wer sich ganz kreativ beteiligen möchte, kann sogar versuchen, ganze 365 Beiträge beizusteuern. Also für jeden Tag eines Kalenderjahres einen. Der Kreativität und der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, allein das Oberthema der Aktion gilt es zu beachten:



Nämlich die Fragestellung: Was sind Kraftquellen, Stolpersteine, was trägt mich in meiner Achtsamkeit, was ist hilfreich für meine Selbstfürsorge? Was bringt Wut in den Bauch, was streichelt meine Seele? Was lässt mich stolpern und wobei schöpfe ich Kraft? Es geht darum, Gefühle und Ressourcen sichtbar zu machen. In Wort, Bild oder anderen kreativen Ausdrucksformen. Die Idee ist es, aus allen Einsendungen eine bundesweite Wanderausstellung zu schaffen. Gleichermaßen soll die Aktion dazu dienen, wieder fokussierter und konzentrierter durchs Leben gehen zu können. Denn dass sich auf den Smartphones die schnell gemachten Fotos häufen, diese aber kaum mehr wahrgenommen werden, ist ein Phänomen unserer Zeit.

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Alle Infos zur Aktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" gibt es auf der BVT-Website....

Mein erster Beitrag zur Fotoaktion (Januar): Warum auch meine alten ausgelatschten Chucks eine Kraftquelle für mich sind

Mein zweiter Beitrag zur Fotoaktion (Februar): Kraftquelle Waldeswillen - wie sich ein alter und gestürzter Baum einfach nicht unterkriegen lässt und warum das so gut tut

Mein dritter Beitrag zur Fotoaktion (März): Kraftquelle Kulturerlebnisse - wie sich mein Leben mit allen Tiefern und Höhen auch in Eintrittskarten abbilden lässt

Mein vierter Beitrag zur Fotoaktion (April): Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

Mein fünfter Beitrag zur Fotoaktion (Mai): Warum blühende Kastanien für mich zu einem Symbol dafür geworden sind, dass sich Krisen auch überstehen lassen

Mein sechster Beitrag zur Fotoaktion (Juni): Die alte Teekanne meiner Oma als ein Symbol für die Beständigkeit von Geteiltem im Leben - und für erlebtes Leiden

Mein siebter Beitrag zur Fotoaktion (Juli): Kindheit, die erste Heimat auf dieser Welt - so voller Mysterien und doch so zerbrechlich - von der Wirkmacht der ersten Jahre












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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen

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