Samstag, 18. Mai 2024

Warum die neue Bestattungsform der "Re-Erdigung" eine so große gesellschaftliche Sprengkraft hat: Die Toten zu "kompostieren" und ihre Erde zu erhalten, ist jetzt möglich - die "Re-Erdigung", alles, was man darüber wissen muss, alle Hintergründe und Details - wie funktioniert das?

Es gibt eine neue Bestattungsform, die von sich reden macht. Noch ist sie nicht überall zugelassen, noch ist sie teilweise umstritten. Und das zu Recht, denn sie hat eine nicht zu unterschätzende Wirkmacht: Sie könnte das deutsche Bestattungswesen grundlegend verändern (dazu folgt noch  ein Kommentar auf diesem Blog). Die Rede ist von der so genannten Re-Erdigung. Dabei handelt es sich, grob vereinfacht, um die Kompostierung eines toten Körpers. Nach dem Motto: Staub zu Staub. Und weil dabei jede Menge Gas gespart wird, jedenfalls im Vergleich zur Verbrennung des Körpers für die Urnenbestattung, ist die Methode umweltfreundlich und nachhaltig. Aber warum entzündet sich soviel Kritik an ihr? 

Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir zuerst einmal einen Blick auf die Fakten werfen, soweit sie bislang bekannt sind (Stand: Frühjahr 2024). 

Wie funktioniert das Ganze überhaupt? Bei einer Re-Erdigung wird der Körper eines Verstorbenen innerhalb eines Zeitraums von 40 Tagen zersetzt. Der Leichnam wird dabei in einen so genannten Kokon gelegt, ein Behältnis aus Edelstahl, das mit Stroh, Heu, Blumen und Aktivkohle gefüllt sein soll, wie die Firma "Meine Erde" berichtet. Chemische Zusätze braucht es ihren Angaben zufolge nicht, wohl aber eine spezielle Mischung aus Kräutern. Wie diese Mischung genau zusammengesetzt ist, gilt als Betriebsgeheimnis, wie ein Sprecher von "Meine Erde" einmal einem Reporter des Radioprogramms NDR Info sagte. Sie ist übrigens bislang das einzige Unternehmen, das diesen Prozess in Deutschland anbietet. Schließlich wird der Edelstahlkokon verschlossen, luftdicht, und wird in eine so genannte Wabe gestellt: dabei handelt es sich um einen Holzschrank, in dem verschiedene Anschlüsse sind, mit denen die Temperatur und der Sauerstoffgehalt im Inneren gemessen werden. Außerdem muss der Kokon gedreht werden, dazu später mehr.

Wird der ganze Körper zersetzt? Nein, das funktioniert nicht. Die Knochen und die Zähne jedenfalls zerfallen nicht so ohne Weiteres. Deswegen werden sie nach einer gewissen Zeit aus dem Kokon entnommen und in einer Knochenmühle zermahlen. Das klingt zwar relativ brutal, ist aber heute schon täglicher Standard - denn was den Wenigsten klar ist: Auch bei jedem Verbrennen eines Körpers für die Urnenbestattung kommt die Knochenmühle zum Einsatz. Die Knochen werden nach der Verbrennung entnommen, gemahlen und der so entstehene Staub wird der Urne beigefügt. Ohne die Knochenmühle gehen beide Verfahren nicht.


(Alle Fotos: Firma Meine Erde, Berlin)
 

Klappt das auch wirklich - und ist es unbedenklich? Ja, sagt zumindest die Universität Leipzig. Denn die hat im Auftrag von "Meine Erde" die Proben von zwei re-erdigten Verstorbenen untersucht und die Ergebnisse im Fachmagazin "Rechtsmedizin" veröffentlicht, wie das Unternehmen im Januar 2024 in einer Mitteilung schrieb. Es seien für die Untersuchung der zwei re-erdigten Körper jeweils "Knochen-, Erd- und Haarproben entnommen" und untersucht worden. Und zwar "mit molekularbiologischen, toxikologischen, morphologisch-osteologischen und bodenkundlichen Methoden". Den Ergebnissen dieser Studie zufolge sei die gelieferte Erde "hygienisch unbedenklich". Allerdings: Es wurden eben nur zwei Körper untersucht. Repräsentativ ist das nicht, das weiß auch "Meine Erde". Geplant seien daher weitere Studien, heißt es im Januar 2024 von der Firma. 

Was bekomme ich am Ende des Prozesses? Einfach gesagt: Erde. Wie genau diese beschaffen ist, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Der Bremer Bestatter Heiner Ahrens vom "trauerraum" spricht im Interview mit Radio Bremens Sendung "Buten und Binnen" von einer leicht warmen und weichen Erde, wohingegen der Bestattermeister Christoph Barck aus Mölln einen "deutlichen Verwesungsgeruch" wahrgenommen haben will, wie er im September 2023 dem "Spiegel" sagte. Die Firma "Meine Erde" hingegen wirbt mit dem Versprechen, es seien noch Düfte von Heu und Blumen erkennbar - nicht alleine während des Vorgangs des Kompostierens.


(Foto: Meine Erde)

Muss die Erde nachher wieder beerdigt werden? Auf jeden Fall, denn in Deutschland gilt seit 1934 grundsätzlich Friedhofszwang. Das ist überall so, auch wenn die Bestattungsgesetze jeweils Ländersache sind und von Land zu Land recht unterschiedlich ausfallen können. Einzige Ausnahme, ebenfalls bereits 1934 geregelt, ist die Seebestattung. Ansonsten gilt Friedhofszwang (siehe dazu auch meinen Artikel "Warum die deutschen Bestattungsgesetze noch auf die Nazizeit zurückgehen", hier auf diesem Bloghier auf diesem Blog). Doch daran entzündet sich zunehmend Kritik, gerade bei den Urnenbestattungen (ich selbst habe mich im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst auch bereits dazu geäußert). Als einziges Bundesland hat Bremen im Jahre 2015 die Regeln für die Feuerbestattung gelockert: Dort darf die Asche auch privat bestattet oder verstreut werden. Im Kontext einer Re-Erdigung stellen sich viele Fragen, die alle noch gänzlich ungeklärt sind: Warum muss eine Erde auf einem Friedhof neu beerdigt werden? Ist das sinnvoll? Wie kann dieser Prozess gestaltet werden? Wie wird die Erde transportiert? Womöglich - in einer Schubkarre? 

Wo darf ich die Verstorbenen re-erdigen lassen? Bislang geht das nur in Schleswig-Holstein. Denn das Bundesland hat sich darauf eingelassen, zusammen mit dem Berliner Unternehmen "Meine Erde" seit Februar 2022 ein Pilotprojekt durchzuführen, dessen Verlängerung im Januar 2024 vom Kieler Landtag beschlossen wurde. Die Politiker hatten ihrer Gesetzesänderung eine so genannte "Experimentierklausel" hinzugefügtAn zwei Standorten, nämlich in den Kapellen des Kieler Parkfriedhofs und des Friedhofs in Mölln hat das Unternehmen jeweils ein so genanntes "Alvarium" errichten lassen.

Was ist das - ein Alvarium? Das ist letztlich nur ein Begriff für den Raum, in dem der Edelstahl-Kokon aufgestellt wird. Die wörtliche Übersetzung ist "Bienenstock". Hier werden die einzelnen Kokons als "Wabe" hineingestellt. Das passt zur Sprachwelt des Unternehmens "Meine Erde". Man habe in Zusammenarbeit mit Geistlichen Begriffe erfunden, die zu der Grundidee der Re-Erdigung passen sollen, heißt es: Naturnah, lebendig, nachhaltig, das sind die Stichworte, denen die Meine-Erde-Sprachwelt gerecht werden möchte. Die katholische Kirche hat es vorgemacht: Sie bietet hier und dort ein Kolumbarium an für Urnenbestattungen. Übersetzt: Einen Taubenschlag.


Ein Kokon vor einer Wabe - aufgenommen im Alvarium in Kiel (Foto: Meine Erde).


Kann ich das Angebot auch aus anderen Bundesländern in Anspruch nehmen? Teilweise ja. Solange erstens ein Bestatter bereit ist, den Leichnam nach Schleswig-Holstein zu fahren und die kompostierte Erde abzuholen. Und solange es zweitens auf dem Friedhof der Wahl zugelassen ist, diese Erde zu bestatten - das ist nämlich auch nicht überall der Fall. In Bremen ist das bereits geschehen, sogar zweimal, wie der Weser Kurier berichtete. Unter anderem hat Heiner Ahrens von der Firma "trauerraum", für die ich auch schon einmal einen Vortrag halten durfte, eine gestorbene Bremerin re-erdigen lassen, wie oben bereits erwähnt 

Werden sich andere Bundesländer anschließen? Das ist derzeit noch völlig unklar. Hier und dort wird die Frage der Zulassung zumindest diskutiert, unter anderem in Bremen. Doch es gibt auch noch viel Skepsis. In Sachsen-Anhalt zeigt sich die Politik bislang aufgeschlossen und neugierig, in Bayern wird das Angebot derzeit komplett abgelehnt (Stand: Januar 2024).

Was sagen die Kirchen zu dem neuen Angebot? Die zeigen sich angetan und haben keine Bedenken. "Asche zu Asche, Staub zu Staub", heißt es nun einmal bei jeder kirchlichen Trauerfeier. Und das ist ja genau das, was die Re-Erdigung ebenfalls anbieten will. 


(Foto: Meine Erde)

Was sagen die Bestatter zu dem neuen Angebot? Manche lehnen das Verfahren rundweg ab, manche zeigen sich skeptisch, manche sind offen dafür. Nur sehr wenige, wie Heiner Schomburg und Heiner Ahrens vom trauerraum, haben schon praktische Erfahrungen damit. Finanziell gesehen könnte das Angebot jedoch auch für Bestatter interessant sein, wie deren Berliner Innung in einem Artikel des RBBs zugesteht. Darin wird der Obermeister Fabian Lenzen mit diesem Satz zitiert: "Der Anbieter der 'Reerdigung' stellt den Bestattern ja großzügige Provisionen für das neue Verfahren in Aussicht. Ich kann aus Bestattersicht keinen finanziellen Nachteil sehen, der uns entsteht", sagte Fabian dem RBB. Als "Humankompostierung" bezeichnet indes der Bundesverband der Bestatter das Verfahren, betont aber zugleich, dass er nicht prinzipiell gegen die Einführung sei.  

Wo kommt die Re-Erdigung überhaupt her? Unter dem Namen „Recompose“ wurde das Verfahren bereits in den USA getestet: Im Jahre 2014 hat die Western Carolina University sechs Körper erfolgreich „kompostiert“. Die Gestorbenen hatten zuvor dieser Spende ihres Körpers an die Wissenschaft zugestimmt, wie der MDR im Januar 2023 berichtete. Im Dezember 2020 sei mit dem Greenhouse in Kent/Washington die erste öffentliche Anlage in Betrieb gegangen, berichtet der MDR weiter. Zehn Verstorbene innerhalb eines Jahres würden dort kompostiert werden. Der Grundpreis für eine Bestattung dieser Art läge bei rund 5500 US-Dollar, heißt es in dem Artikel, und die Akzeptanz und das Interesse seien offenbar hoch – womöglich deutlich höher als in Europa.

Warum hat das Thema eine so große gesellschaftliche Sprengkraft? Da geht es um den Friedhofszwang. Wie oben bereits erwähnt, gibt es zunehmend Unmut darüber, dass sogar Urnen und die Asche der Verstorbenen unbedingt auf einem Friedhof beerdigt werden müssen - und es gibt längst Mittel und Wege, diesen Friedhofszwang zu umgehen, die auch gerne in Anspruch genommen werden (Stichwort Bestattungstourismus - mehr dazu in meinem Kommentar zum Thema). Wenn nun also eine dritte Bestattungsform hinzukommt, bei der am Ende Erde übrigbleibt, und diese Erde wiederum in Erde auf dem Friedhof eingegraben werden muss, weil das Gesetz das vorschreibt, wird es umso schwerer, das noch als sinnvoll und als nötig zu kommunizieren. 

Ist das der einzige Kritikpunkt an der Re-Erdigung? Nein, es gibt noch eine weitere Diskussion. Dabei geht es um die Frage nach der "Störung der Totenruhe". Der Dreh- und Angelpunkt hierbei (Achtung, Wortspiel) ist der Umgang mit dem Edelstahlbehälter, dem so genannten Kokon. Denn der muss, luftdicht verschlossen, während der 40 Tage andauernden Kompostierung mehrmals sanft gedreht werden, damit die Zersetzung wirklich funktioniert, so heißt es in mehreren Artikeln. Wie genau, das ist nun Gegenstand der Diskussionen: Wird der Kokon womöglich regelrecht auf den Kopf gestellt oder nur in eine leichte Schräglage versetzt? Das ist deswegen so wichtig, weil es die juristisch recht heikle Frage nach der Störung der Totenruhe berührt, denn die ist laut Paragraf 168 des Strafgesetzbuches verboten. Das wiederkehrende Drehen des Kokons könnte eine allerdings eine solche Störung darstellen, haben zwei Rechtsmediziner in einem Aufsatz geschriebenErschienen ist dieser im „Archiv für Kriminologie“, einer kriminalistischen Fachzeitschrift, die Autoren sind Prof. Benjamin Ondruschka, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), und sein Vorgänger Prof. Klaus Püschel. Dieser Einschätzung widerspricht das Unternehmen "Meine Erde": Der Leichnam selbst werde nicht bewegt, nur die gesamte Truhe werde alle paar Tage langsam um ihre eigene Achse gedreht, sagte der Re-Erdigungs-Hintermann Pablo Metz dem Deutschlandfunk in einem InterviewMetz ist neben Max Huesch einer der beiden Geschäftsführer von „Meine Erde“. 

Wer hat sich noch zu dem Thema geäußert? Prominente Unterstützung bekommt die Re-Erdigung vom sehr bekannten Kriminalbiologen Mark Benecke, der sich im Deutschlandfunk so äußerte„Leichen zersetzen sich eigentlich unter natürlichen Bedingungen schnell, das heißt, wenn es gut für Bakterien und Insekten ist, also feucht und warm. Die mögen es nämlich nicht, wenn es kalt und trocken ist." Letztlich werde aus dem gestorbenen Menschen wieder neues Leben, eben in der Erde. Das verspricht das Unternehmens auch auf seiner Homepage, dort heißt es: „Wir geben Ihren Körper an die Natur zurück. Der natürliche Kreislauf schließt sich. So wird der Tod zum Anfang von etwas Neuem.".

Mini-Serie "Bestattung in der Moderne" - dieser Text ist Bestandteil einer vierteiligen Serie rund um die Themen Re-Erdigung, Friedhofspflicht, Urnentourismus und moderne Bestattungsformen. Weitere Teile folgen...

Teil 1: Warum die deutschen Bestattungsgesetze aus der Nazizeit stammen

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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer" (Patmos-Verlag, Herbst 2023)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag).
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Auf dem Portal der Neuen OZ zu finden: Das ABC der Trauer - wie der Osnabrücker Trauerbegleiter trauernden Menschen Halt geben möchte

Ebenfalls auf diesem Blog: Ein neuer Raum und neue Möglichkeiten - wo ich in Osnabrück jetzt Trauerbegleitung anbieten darf (weiterhin auch als Spaziergang)  

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Dienstag, 30. April 2024

Warum die deutschen Bestattungsgesetze noch immer auf Regeln aus der Nazizeit zurückgehen - wie die Nationalsozialisten 1934 die Urne und die Verbrennung förderten und den heutigen Trend vorbereiteten

Osnabrück. Es waren die Nationalsozialisten, die der Urne in Deutschland zu neuem Ruhm verhalfen. In dem am 15. Mai 1934 eingeführten Deutschen Feuerbestattungsgesetz setzten sie die Urne dem Sarg als gleichwertig gegenüber. Diese Rechtsprechung gilt so bis heute und ist in weiten Teilen Deutschlands weitestgehend unverändert geblieben. Allzu beliebt war die Feuerbestattung anfangs zwar nicht, aber das änderte sich im Laufe der Jahre. Heute ist sie ein Trend - aber einer mit einer langen Tradition.

Es war Karl der Große, der dem Einäschern von Leichen zuerst einen Riegel vorgeschoben hatte. Aus christlicher Überzeugung: nur intakte Körper können wieder auferstehen. Das war irgendwann um das Jahr 750 herum und galt viele Jahrhunderte als Standard. Bis die Friedhöfe überquollen und sich die Seuchen breitmachten, da brauchte es neue Lösungen. Einige Jahre später kamen private Verbrennungsvereine und bauten die ersten Krematorien. Da war klar: Hier muss was geregelt werden.


(Fotos: Thomas Achenbach)

Das taten die Nazis dann auch. Was sie 1934 einführten, gilt bis heute. Und zwar: Größtenteils unverändert. Und manches, was die Nazis damals einführten, ist heute noch wirklich wichtig: So beispielsweise die im Gesetz verankerte Pflicht zur zweiten Leichenschau im Falle einer Kremation, die den Missbrauch unmöglich machen soll. Bevor ein Leichnam ins Feuer geht, müssen mehrere Fachleute bestätigen, dass er auch wirklich tot ist. Das ist sinnvoll, denn wenn ein Körper einmal verbrannt worden ist, taugt er auch nicht mehr als Beweismittel (falls es sich doch um einen unnatürlichen Tod gehandelt haben sollte). 

Doch was die Nazis damals ebenfalls einführten: Den Friedhofszwang. Bereits durch die Preußen etabliert, galt der nun für ganz Deutschland. Und gilt bis heute, landauf, landab. Mögen die Bestattungsgesetze auch Landessachen sein - es gibt kein Bundes-Bestattungsgesetz, nur Flickwerk von Bundesland zu Bundesland -, mag sich auch das Land Bremen mittlerweile eine kleine Ausnahme ausgehandelt haben, was den Friedhofszwang angeht, ist er auch für Urnen immer noch Standard. Nur die Seebestattung als große Ausnahme wird ebenfalls bereits in den Gesetzestexten des Jahres 1934 geregelt und aufgeführt. 

Warum gibt es einen Friedhofszwang für verwesende Leichen - warum hielt man das für sinnvoll? Nun, man hatte vor allem Angst vor Seuchen. Man wollte die Körper an einer Stelle verwesen lassen, die man für geeignet hielt. Man wollte die Kontrolle darüber haben, an welcher Stelle diese sich auflösenden Körper all das wieder in die Erde und ins Grundwasser geben, was sie so in sich gespeichert haben. Medikamentenreste, zum Beispiel, oder Chemikalien, ob nun körpereigene oder fremde. Einsehbar. Aber: Warum gibt es einen Friedhofszwang für Urnen? In denen ja nichts anderes ist als die Asche eines verbrannten Körpers (plus die in der Knochenmühle zu Staub zermahlenen Knochen, die später beigefügt werden)?



Nun, wegen des so genannten "Gleichheitsprinzips". Das bedeutet, überspitzt formuliert: Tot ist tot und gehört auf den Friedhof. Man begründete dies meistens mit der Ehrung der Totenruhe, der Pflege des Grabes als kulturelle Verpflichtung oder der Pflege eines Friedhofs als gesamtgesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe. Und weil die Toten eben dort bestattet werden. Eine hygienische Notwendigkeit indes gibt es dafür nicht - und nicht alle Angehörigen sehen diesen Friedhofszwang tatsächlich ein, was schon längst zu einem mehr oder minder versteckten, teils auch ganz öffentlich angebotenem Urnen- und Leichentourismus führt, der an anderer Stelle in diesem Blog noch Thema sein wird (in Kürze). 

Denn nicht nur die Entscheidung des Bundeslands Bremen, den Friedhofszwang für Urnen de facto aufzuheben, hat für allerlei Bewegung in den deutschen Gesetzen geführt - auch die neue Bestattungsform der "Re-Erdigung", die uns hier in Kürze noch intensiv beschäftigen wird, mischt die Karten noch einmal ganz neu. Eine Bestattungsform, bei der die Menschen kompostiert werden, so dass ich am Ende nur noch Erde bekomme - die ich dann aber wieder auf einem offiziellen Friedhof "bestatten" muss... - das zu vermitteln, dürfte nicht mehr ganz so einfach sein. Bald mehr dazu.   

Mini-Serie "Bestattung in der Moderne" - dieser Text ist Bestandteil einer vierteiligen Serie rund um die Themen Re-Erdigung, Friedhofspflicht, Urnentourismus und moderne Bestattungsformen. Weitere Teile folgen...

Teil 2: Tote zu Erde kompostieren - viele Diskussionen über die "Re-Erdigung"null

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-> "Das ABC der Trauer" (Patmos-Verlag, Herbst 2023)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag).
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

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Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Auf dem Portal der Neuen OZ zu finden: Das ABC der Trauer - wie der Osnabrücker Trauerbegleiter trauernden Menschen Halt geben möchte

Ebenfalls auf diesem Blog: Ein neuer Raum und neue Möglichkeiten - wo ich in Osnabrück jetzt Trauerbegleitung anbieten darf (weiterhin auch als Spaziergang)  

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Freitag, 26. April 2024

Das Trauer-Zitat des Monats - #April 2024 - bemerkenswerte Sätze über Trauer, Tod und Sterben aus Literatur, Interviews und Zeitschriften, Teil 15


(Footo: Pixabay.de/svecaleksandr249/CC-0-Lizenz)

"Als Trauernder fühlt man sich zurückgelassen, weil man die Realität des Sterbens zu spüren bekommt. Jemand ist physisch nicht mehr da."


 Eckhard Nagel (Gespräch mit Elke Büdenbender),
"Der Tod ist mir nicht unvertraut"


(Ullstein-Verlag, Berlin, 2022, Seite 37)


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Das Trauerzitat des Vormonats: Bitte hier klicken

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Montag, 11. März 2024

Das Trauer-Zitat des Monats - #Februar/März2024 - bemerkenswerte Sätze über Trauer, Tod und Sterben aus Literatur, Interviews und Zeitschriften, Teil 14

 

"Ich halte am Tod fest, weil nichts anderes möglich ist. Ich halte am Tod fest, weil er die Wirklichkeit meines Sohnes darstellt. Er ist in der Wirklichkeit des Todes - der Tod ist die Wirklichkeit. So lautet die Bedingung."


 Naja Marie Aidt, Carls Buch

(Zu meiner Besprechung des Buches bitte hier klicken; Luchterhand-Verlag, München, 2021, Seite 140)


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Das Trauerzitat des Vormonats: Bitte hier klicken

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Samstag, 17. Februar 2024

"Herr Achenbach, machen Sie trauernden Männer doch mal ein wenig Mut..." - Ein Interview mit mir, das eine Veröffentlichung leider nicht hat erleben dürfen - jetzt hier exklusiv veröffentlicht mit ganz tollen, ganz neuen Fotos dabei - was die Mitarbeiter von "Abschied Bestattungen" alles von mir wissen wollten zum Thema Männertrauer

Osnabrück/Kirchlinteln - Drei Ereignisse haben sich kürzlich überschnitten. Erstens hat die wunderbare Fotografin Ulrike Lehnisch von der Firma "LuxTeufelsWild" aus dem Leisen Speicher in Osnabrück mehrere neue Portraitfotos von mir geschossen, die ich allesamt sehr gelungen finde - und mit der Veröffentlichung meines neuen Buches war es an der Zeit für ein paar neue Fotos. Zweitens darf ich in Essen im Ruhrgebiet am 26. 2. 2024 einen Vortrag zum Thema "Männer und Trauer im Spannungsfeld der Moderne halten". Und drittens gibt es da dieses Interview mit mir, das ich sehr gerne mag, das aber leider nie eine Veröffentlichung hat erleben dürfen. Anlass genug, all das zu koppeln und zu veröffentlichen. Wie es zu dem Interview kam, ist übrigens schnell erzählt. 

Im Spätsommer 2023 durfte ich nach Verden an der Aller zurückkehren für einen weiteren Vortrag dort, nachdem ich dort bereits 2022 auf dem hervorragend organisierten Sternenkinderkongress sprechen durfte. Eingeladen hatte mich diesmal Henning Rutsatz von "Abschied Bestattungen" und das Thema meines Vortrags war "Männer und Trauer im Spannungsfeld der Moderne". Und im Vorfeld sollte der unten angefügte Text auf den Vortrag aufmerksam machen. 


Er organisierte den Vortragsabend in Verden an der Aller und koordinierte das Interview: Henning Rutsatz von Abschied Bestattungen aus Kirchlinteln (Foto: privat).

Denn wie das Leben oft so spielt, kam es anders als gedacht, und die an sich angedachte Veröffentlichung hat doch nicht stattfinden können. Da hatte ich allerdings die mir zugeschickten Fragen bereits beantwortet. Und nun freue ich mich, dass ich das Interview - ganz außerhalb von damit verbundenen Terminen - hier einfach auf meinem Blog veröffentlichen darf, gekoppelt an die neuen Fotos, die ich ebenfalls sehr gerne mag. Nun macht das Interview eben auf einen Vortrag im Ruhrgebiet aufmerksam, der öffentlich ist und der gleichzeitig den Start einer neuen Männertrauergruppe markiertAber jetzt genug der Vorrede. Los geht's...


Mit meinem neuen Buch "Das ABC der Trauer" bin ich inzwischen ebenfalls für Lesungen unterwegs (Foto: Ulrike Lehnisch/Luxteufelswild).


Herr Achenbach, Sie beschäftigen sich u. a. mit einem recht speziellen Thema, es geht um Trauer bei Männern. Wie kommen Sie zunächst dazu, sich überhaupt mit Trauer auseinanderzusetzen?

Achenbach: In meinem Leben hat sich irgendwie ein Puzzlestück an das andere gefügt, wie das oft so ist – das fing schon in der fünften Klasse an, als eine Mitschülerin von uns von einem Bus überfahren wurde. Dann waren es Freunde, die lebensbedrohlich erkrankt waren, Nachbarn, Kollegen, der Tod meiner Mutter – und immer war da diese enorme Hilflosigkeit bei allen Anderen und bei mir selbst. Irgendwann war mir klar: Ich möchte gerne sprachfähiger oder zumindest souveräner werden bei den Themen Trauer, Tod und Sterben. Die letzte Initialzündung war dann eine berufliche Krise.

 

Es ist allgemein bekannt, dass Frauen und Männer sehr unterschiedlich ticken. Das fängt beim Redebedürfnis an. Ist das ein Grund, weshalb Sie den Anlass erkannt haben, dass Männer bei der Trauerarbeit Unterstützung benötigen?

Achenbach: Ehrlich gesagt hat sich das einfach so ergeben – man ist als Mann, der Trauerbegleitungen anbietet, immer noch so etwas wie ein Exot. Prompt kamen eher Männer zu mir als Frauen. Und relativ bald habe ich die Chance bekommen, in die Leitung einer Männertrauergruppe einzusteigen. Ich habe durchaus auch Frauen begleitet – aber Männer fühlen sich nach meiner Erfahrung meist sicherer, wenn sie von ihresgleichen begleitet werden können.


(Foto: Ulrike Lehnisch/Luxteufelswild)
 

Kann es also sein, dass Männer den Trauerfall eher verdrängen? Und was wäre eigentlich schlimm daran?

Achenbach: Eben, das ist es ja – nichts ist schlimm da dran. Es ist nur eine andere Strategie für den Umgang mit der vielleicht größten Hilflosigkeit, die es im Leben gibt. Aber es ist eben eine Strategie. Meistens ist es übrigens gar nicht ein Verdrängen, mit dem wir bei Männern zu tun haben – eher ein ganz besonders feindosiertes Zulassen. Mit einem guten Gespür dafür, dass einen das alles kolossal überfordern könnte.

 

Wer kommt in Ihre Seminare? Sind tatsächlich auch trauernde Männer unter den Gästen?

Achenbach: Da muss man ein bisschen unterscheiden. Die Seminare richten sich eher an diejenigen, die sich selbst in Begleitersituationen wiederfinden, also Hospizkräfte, Menschen aus dem Kontext Trauerbegleitung oder Palliativbewegung. Für die Trauernden selbst sind die Einzelbegleitungen gedacht oder die Trauergruppen, wobei ich aktuell keine Gruppe anbiete.


(Foto: Ulrike Lehnisch/Luxteufelswild)
 

Was genau bieten Sie an, damit Männer sich ihrer Trauer stellen?

Achenbach: Letztlich gar nicht so viel – und dann doch sehr viel. Ich schaffe ein Setting, in dem sich ein Mann wohlfühlen kann. Ganz oft ist das zum Beispiel das gemeinsame Gehen draußen in der Natur und nicht etwa ein Gespräch in einem Raum. Und dann lasse ich den Gast erzählen, was ihn bewegt, in einem Tempo und in einer Intensität, die sich aus dem Gespräch heraus ergibt. Ich versuche zu erspüren, wann welches Thema dran ist – und lasse dem Gast ganz viel Raum. Ohne dabei mit bestimmten Methoden zu arbeiten. Das ist mir wichtig. Männer mögen Methoden meistens nicht, das liegt ihnen nicht. Aber reden wollen sie. Und wie.


Wie ist die Resonanz der Gäste nach Ihrem Seminar?

Achenbach: Ganz egal, ob Seminar oder Trauergruppe, es sind meistens sehr intensive Stunden, die prall gefüllt sind mit Leben, das zu betonen ist mir wichtig. Es wird auch viel gelacht – und das mitten im Trauern. Das schließt sich durchaus nicht aus. Und weil es so intensiv werden kann, ist es oft auf eine wohltuende Art anstrengend. Wie es einer meiner Klienten mal formuliert hat: Zu Ihnen zu kommen ist wie ins Fitnessstudio zu gehen, erst sehe ich ein wenig dagegen an, aber hinterher hat es immer richtig gut getan.


(Foto: Ulrike Lehnisch/Luxteufelswild)


Vielleicht haben jetzt sogar trauernde Männer dieses Interview gelesen und sind unschlüssig, sich Ihnen anzuvertrauen. Machen Sie den Zögerlichen doch noch einmal Mut.

Achenbach: Ich hatte mal einen Mann in Einzelbegleitung, dessen Sohn sich suizidiert hatte. Bei unseren Gesprächen haben wir über alles Mögliche geredet. Über das, was sich im Job gerade so tut bei diesem Mann, über Autos, Musik, alles mögliche. Manchmal, aber nur sehr fein dosiert und nur sehr wenig, auch über das Unfassbare, dem sich dieser Mann stellen musste. Genau so hat es ihm gutgetan, das hat er mir immer wieder gespiegelt. Ein guter Begleiter weiß genau, dass der Gast die Regie führt – und nicht der Begleiter selbst. Deswegen kann ich alle Männer nur ermutigen, es mit einer Begleitung zu probieren. Weil: Ihr seid der Boss. Wir reden über das, was ihr wollt, in der Dosis, die ihr bestimmt.

 

Herr Achenbach, danke für das Gespräch und viel Erfolg.

Achenbach: Ich darf mich herzlich bedanken für die guten Fragen – und wünsche ebenfalls viel Erfolg, vielen Dank.  


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Freitag, 26. Januar 2024

Nein, die Messe "Leben und Tod" darf nicht eingestellt werden - eine Nachricht, die mich kalt erwischt und ziemlich schockiert hat, und meine erste Reaktion darauf - (Update Anfang April 2024: Inzwischen ist die Messe Leben und Tod verkauft worden)

Update, 9. 4. 2024: Wie sich inzwischen herausgestellt hat, ist die Messe Leben und Tod verkauft worden. "Ab August 2024 wird die Veranstaltung mitsamt dem bewährten Team Meike Wengler und Alexander Kim durch die Ahorn Gruppe übernommen. Sie hat ihren Hauptsitz in Berlin, doch die Veranstaltungsorte bleiben weiterhin Bremen und Freiburg", so heißt es in einer Pressemitteilung der Ahorn Gruppe. Selbige hatte zuvor schon das Internetportal "Emmora" übernommen, das digitale Pakete rund um Bestattungen und Trauerbegleitungen angeboten hatte.

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Osnabrück/Bremen. Sie hatte sich gerade neu aufgestellt, hatte die Coronazeit gut überstanden, hatte mit neuen Digitalangeboten ihr Spektrum erweitert, sie hatte stets hervorragende Besucherzahlen und sie hat sogar einen Süddeutschland-Ableger erfolgreich über den Weißwurst-Äquator exportiert...  - das muss man einer Messe aus Norddeutschland erstmal nachmachen. Und nun soll die "Leben und Tod" dennoch eingestellt werden? 

Oder zumindest soll ihre Überlebensfähigkeit kritisch überprüft werden? So meldet es jedenfalls der Weser Kurier in einem Text am 26. Januar 2024 (mit Paywall) und beruft sich dabei auf Informationen, die die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) mit Sitz in Berlin erhalten hat.

Harte Worte. "Wir sind darüber informiert worden, dass die Veranstaltung aus wirtschaftlichen Gründen zur Disposition steht", so wird der DGP-Geschäftsführer Heiner Melching in dem Artikel des Weser Kuriers zitiert. Eine Nachricht, die nicht nur in Berlin für "Verwunderung und Bestürzung" gesorgt hat, sondern die alle Menschen betrifft, die in irgendeiner Weise mit den Themen Hospizkultur, Trauberbegleitung, Palliativversorgung, Seelsorge oder Pflege verbunden sind. 

Auch für mich kam das total unerwartet - und es hat mich durchaus schockiert. 

Die Messe "Leben und Tod" selbst hingegen zeigt sich weitestgehend unbeeindruckt. Während die Leser des Artikels noch über dessen Bedeutung rätseln, erscheint auf dem Facebook-Auftritt der Messe ein neuer Post, der auf weitere kommende Vorträge im Mai hinweist. "Ihr seht, auch in diesem Jahr haben wir ein interessantes Programm zusammengestellt", heißt es dort wohlgemut. Also Aufatmen? 

Zumindest die Mai-Ausgabe 2024 in Bremen wird auf jeden Fall stattfinden, das dürfte eindeutig sein. Also woher rühren die apokalyptischen Orakel? Zumal der Weser-Kurier in seinem Text von "mehreren Quellen" spricht, die er nicht näher aufführt, die aber allesamt ein Ende der Veranstaltung für möglich halten.   

Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch der Messe, im Mai 2015. Ich war damals als Berichterstatter gekommen. Gegangen bin ich als Fan. Ich erinnere mich, wie mich die Worte von Rolf Zuckowski berührt hatten, als er auf der Bühne über den Tod seiner Mutter gesprochen hatte. Ich erinnere mich, wie mich ein Gefühl von leisem, aber nötigem Revolutionsgeist ergriffen hatte, nachdem ich Bestattern wie David Roth oder Barbara Rolf zugehört hatte. Die Kunden müssten die Bestatterbranche umkrempeln, und nicht umgekehrt, sagten sie. Oder anders gesagt: 


Bunt, sonnig und geradeaus - so soll die Zukunft der "Leben und Tod" bitte sein (Foto: Thomas Achenbach)

Unsere Gesellschaft muss sich mit dem Tabuthema Tod neu auseinandersetzen. Wobei gerade die Messe "Leben und Tod" seit Jahren aktiv einen Raum anbietet, in dem das geschehen kann - in guter Form geschehen kann. Ich denke an die vielen Gedanken und Impulse, die ich von der Messe jeweils mitbringen konnte (Eindrücke davon gibt es hier, oder hier oder hier oder hier). Ich denke gerne daran, wie viele Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland und dem Ausland ich treffen konnte, jedes Jahr ein großes Klassentreffen, sich zwischendurch irgendwo verabreden, ach, nicht nötig, wir haben doch die Messe. Man sieht sich also in Bremen. Oder Freiburg. 

Geblieben wird dann meistens mehrere Tage lang - so dass sich die "Leben und Tod" auch in den Hotels bemerkbar machen müsste. In Bremen getroffen habe ich Menschen aus Österreich, Stuttgart, Berlin, Bayern, Hessen, Brandenburg und dem Saarland, alles Gäste, die wenigstens eine Nacht im Hotel verbrachten. Meistens zwei Nächte. Selbst wir aus dem vermeintlich nahen Osnabrück sind mit einer kleinen Delegation von Trauerbegleitern schon mehrfach im Hotel abgestiegen, um nach dem Messetag noch gemeinsam einen Abend in Bremen verbringen zu können. In der Gastronomie vor Ort, die ebenfalls von den Gästen profitiert. 

Und das soll nun alles auf der Kippe stehen?

Der Weser Kurier listet die Erfolge auf, die die "Leben und Tod" in jüngster Zeit vorzuweisen hat: Die Messe sei mit den Jahren deutlich gewachsen – von anfangs rund 60 Ausstellern und gut 300 Teilnehmern bis zu etwa 140 Ausstellern und mehr als 5000 Besucherinnen und Besuchern. Zitiert wird auch die Messeleitung selbst: "Die Messe ist zu einer der führenden Hospizveranstaltungen in Deutschland geworden". Nun gut, zugegeben:


Fernsehteams, großes Medienaufkommen - die "Leben und Tod" stieß jedes Mal auf eine große Resonanz.

Auch ich hatte mich in den vergangenen Jahren mehr auf die Digitalpakete verlassen als mich persönlich in die Messehallen zu begeben. Erst war Corona, dann war einfach keine Zeit, dann war es einfach praktischer (dabei war ich sogar in Freiburg, als die erste Exportmesse dort stattfinden sollte - die fiel dann wegen Corona aus, ich bin trotzdem dorthin gefahren). Zugegeben: Ich habe es genossen, als Interviewgast im Podcast Schlussworte dabei sein zu dürfen, eben weil der Podcast das Qualitätssiegel "Messe Leben und Tod" trägt und damit etwas ganz Besonderes ist (dabei sein zu dürfen, habe ich auch als Ehre empfunden). Zugegeben: Ich habe ein ganz persönliches Interesse daran, dass die Messe weiter existiert, ich soll dort 2025 einen Vortrag halten. Worauf ich schrecklich Lust hätte. 

Und dennoch - was viel wichtiger ist: Wenn es überhaupt eine Messe gibt, die als Publikumsmesse für die breite Öffentlichkeit wirklich eine Relevanz hat, dann ist es die "Leben und Tod". Klar, alles, was mit dem Tod zu tun hat, weckt erstmal irgendwie Ängste - und doch macht gleich der erste Schritt über die Türschwelle in die Messehalle deutlich, dass die Ängste dort gar keinen Platz haben. Freundliche Farben, freundliche Menschen, munteres Stimmengewirr. Tod? Okay.

 


Denn das ist die Messe auch jedes Mal aufs Neue: Ein bunter, lebensfroher, sogar lustiger Ort, an dem herzlich gelacht wird, an dem sich herzlich geherzt wird, an dem das Leben zeigt, wie schön es sein kann. Eben weil sein Ende das Thema ist. 

Wo sonst kann ich mich ein ganzes Wochenende lang in einem so freundlichen Umfeld in aller Ruhe damit auseinandersetzen, wie ich mir mein persönliches Lebensende einmal vorstellen könnte? Wie mein Sterben einmal sein sollte? Wie meine Trauerfeier aussehen könnte? Wo sonst, wenn nicht irgendwann beim Bestatter, dann, wenn es längst zu spät ist und wenn alles auf einmal entschieden sein muss.

Die "Leben und Tod" darf nicht sterben, weil sie es mitten im Leben möglich macht, sich in herzlicher Freundlichkeit dem Tod anzunähern, so nah, wie es eben geht. Und dann wieder weggehen zu können. Weil sie rechtzeitig vorher aufzeigt, wieviel Gestaltungsspielraum wir dennoch haben können - in eine Situation hineingefügt, in der es scheinbar kaum noch Gestaltungsspielraum gibt. Weil sie Perspektiven eröffnet auf dieses Tabuthema, das längst enttabuisiert gehört. Und weil sie trotz allem einfach schön ist. Wo gibt es das schon?

Ganz besiegelt scheint das Ende der Messe tatsächlich noch nicht zu sein. 



So zitiert der Weser Kurier auch einen Sprecher der Bremer Messegesellschaft M3B, Christoph Sonnenberg: "Für die Messe ,Leben und Tod' gibt es keinen Beschluss, dass sie nicht mehr stattfinden wird“.

Noch ist also offenbar alles offen. Oder zumindest vieles. Und deswegen, nochmal und in aller Dringlichkeit: Die "Leben und Tod" darf nicht sterben. Punkt.

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Der Autor dieser Zeilen steht in Osnabrück und im Osnabrücker Land als Trauerbegleiter zur Verfügung. Thomas Achenbach ist zertifizierter Trauerbegleiter nach den Standards des BVT (Große Basisqualifikation). 

Thomas Achenbach ist der Autor dieser drei Bücher: 

-> "Das ABC der Trauer" (Patmos-Verlag, Herbst 2023)
-> "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" (Campus-Verlag).
-> "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" (Patmos-Verlag)

Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Auf dem Portal der Neuen OZ zu finden: Das ABC der Trauer - wie der Osnabrücker Trauerbegleiter trauernden Menschen Halt geben möchte

Ebenfalls auf diesem Blog: Ist Trauerbegleitung ein echter Beruf? Kann man von Trauerbegleitung leben? Und wie werde ich überhaupt Trauerbegleiter?  

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Dienstag, 23. Januar 2024

Das Trauer-Zitat des Monats - #Januar2024 - bemerkenswerte Sätze über Trauer, Tod und Sterben aus Literatur, Interviews und Zeitschriften, Teil 13

  

(Foto: Thomas Achenbach)

"Ich will immer noch den Namen meines Kindes aussprechen können. Ich will immer noch die Geschichten von meiner Mutter, meinem Vater oder meinem verstorbenen Partner, meines Bruders oder meiner Schwester erzählen dürfen. Sie sind nicht einfach verschwunden. Sie haben einen Platz. Und der Platz ist in meinem Herzen und in meiner Familie. Ihre Fotos hängen immer noch an der Wand. Und das aus gutem Grund."

 

Robert Neimeyer

Psychotherapeut von der Uni Memphis


(zitiert nach: ARD Alpha, "Trauern ist ein Zeichen von Liebe", Yvonne Maier, 2022)


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Das Trauerzitat des Vormonats: Bitte hier klicken

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