Dienstag, 25. Dezember 2018

Warum ich Trauerbegleiter geworden bin - eine einfache Antwort, die so einfach auch nicht ist - und was mein peinliches Kichern am Grab der kleinen Melanie damit zu tun hat (ein paar Antworten auf oft gestellte Fragen)

Osnabrück - Das werde ich oft gefragt: Warum ich eigentlich Trauerbegleiter geworden bin. Vor geraumer Zeit noch in dem Interview, das ich mit der Bloggerin Anja vom Trauerblog "Ein Stück untröstlich" führen durfte - und dann gleich nochmal in einem Facebook-Kommentar von ihr. Eine scheinbar einfache Frage, eine scheinbar einfache Antwort. Ich sage dann gerne: Ich habe schon mehrmals in meinem Leben die eigentlich beglückende Erfahrung machen dürfen, dass die Themen Tod, Trauer und Sterben gar nicht so erdrückend und so schwer sein müssen. Man muss sich halt nur trauen, sich damit intensiver zu beschäftigen. Hinzusehen. Darüber zu reden. Das ist alles. Dass das jedem gut tun kann, auch und gerade den Mitten-im-Leben-Stehenden und allen Noch-nicht-Betroffenen, davon bin ich überzeugt. Aber ganz so simpel ist es dann doch nicht. Denn natürlich vermischen sich hier vielerlei Erfahrungen zu dieser einen These - und die ist nur eine ultraverdichtete Kurzform von allem. Sehen wir also etwas genauer hin. Und weil sich viele dieses Thema gewünscht haben und an Weihnachen Wünsche erfüllt werden, ist der zweite Feiertag genau das passende Datum für die Veröffentlichung... 

Manchmal gibt es sowas im Leben: Du siehst etwas und es springt Dich an. Irgendetwas da innendrin sagt Dir, dass Du das machen möchtest. Solltest. Wirst. Und dass es jetzt sein muss, also: genau jetzt. So ging es mir, als ich Ende 2014 über die Ankündigung eines bald startendenden Kurses für Trauerbegleiter stolperte, der zudem den Qualitätsstandards des Bundesverbands Trauerbegleitung entsprach. Das klang verlockend. Kurz zuvor hatte es zwei einschneidende Entwicklungen in meinem Leben gegeben, die alles auf den Kopf gestellt hatten. Zum einen die Geburt meines Kindes. Dieses Entstehen eines ganz neuen Lebens, für das ich nun verantwortlich sein sollte, machte mir mit neue Eindringlichkeit auch die Möglichkeit und Brutalität des Todes bewusst (was übrigens gar nicht ungewöhnlich ist, so geht es vielen Eltern - so junges Leben weckt immer alte Ängste). 

Alle Parameter hatten sich verändert - alles neu im Leben


Und zum zweiten hatten sich durch massive Veränderungen im beruflichen Umfeld - die ich kraft meines Amtes teils selbst verantworten und durchsetzen musste - all meine äußeren und inneren Parameter verschoben und ich war bewusst oder unbewusst auf der Suche nach Bereichen, in denen ich mein Leben wieder selbst neu gestalten und mit neuer Tiefe aufladen konnte. Beides geschah genau zeitgleich. Aber das war nicht alles. Denn irgendwie waren Tod und Trauer schon immer meine Themen gewesen, auch lange vorher schon. Zum Beispiel bei meiner Arbeit als Redakteur.


Erst sind da nur Puzzlezeile, Versatzstücke, sogar Trümmer, die keinen Sinn ergeben. Die vielleicht gar nicht zusammengehören. Aber es gibt einen Impuls. So beginnt es. So fängt es an.    (Thomas-Achenbach-Foto)

Denn immer, wenn im November die "traurigen Tage" anstanden, also Totensonntag und Volkstrauertag, dann war ich es, der diese Themen besetzen wollte. Mit eigenen Interviews oder Artikeln über Tod, Trauer und Sterben. Mein Thema, irgendwie. Ohne es konkret in Worte fassen zu können, war diese Spur in mir spürbar. Natürlich spielt auch der Krebstod meiner eigenen Mutter im Januar 2004 eine wichtige Rolle, aber nicht die einzige. Im Puzzle all dieser Erfahrungen die rote biographische Linie zu finden, ist gar nicht so leicht. Die Reibeisen, mit denen eine Persönlichkeit vom Leben zurechtgeschliffen wird, kennen indes nur zwei Angriffspunkte: Herz oder Seele. Forschen wir in beidem, dann sind da eine Menge Bilder, die aus dem Inneren aufsteigen. Zum Beispiel das hier: Der 11. September 2001.


Im Luftraum Zerstörung, am Boden gemischte Gefühle


Die Türme in New York in rauchende Trümmern zusammengesackt, die Welt im Stillstand -  meine Eltern erstmals in ihrem Leben irgendwo in Amerika unterwegs und ich in Spätschicht auf der Arbeit, seinerzeit noch als Schriftsetzer/Mediengestalter. Damals, in den Zeiten ohne Smartphones und Whatsapp-E-Mails-Permanentkontakt, lagen wirklich noch Welten zwischen den dort Urlaubenden und mir. Was wohl mit meinen Eltern sein würde? Also voller tiefer Sorge nach der Spätschicht nach Hause gefahren - und die Nachrichten meldeten noch weitere Flugzeuge, attackenbereit, todesverbreitend, im Luftraum über den USA. Als ich nach Hause kam, auf meinem Anrufbeantworter eine herrlich unbekümmerte Nachricht, die Stimme meiner Mutter, morgens nach dem Aufstehen in irgendeinem Hotel: Wir fahren gleich los, hier ist alles in Ordnung, freuen uns auf den Tag. Nein, dachte ich, ist es nicht in Ordnung, jetzt nicht mehr. Nur: Das hatten meine Eltern, mit dem Leihwagen in den Rockys nahe Denver unterwegs, gar nicht richtig mitbekommen. Die hatten sich bloß gewundert, warum sich an den Tankstellen so lange Schlangen bildeten, und waren ansonsten unbekümmert und friedlich - in demutsvolles Staunen versunken - durch die Bergwelt gefahren. Demut angesichts der Natur statt Sorge um unsere Welt - mehr Tiefe geht fast nicht. Also aufatmen: Allen ging es gut. In unserer kleinen Welt war alles in Ordnung (noch). Allein - falls meinen Eltern dennoch etwas passiert wäre, wir wären gut darauf vorbereitet gewesen. Noch so ein Puzzleteil.


Erst ganz langsam, Schritt für Schritt, scheinen sich erste Muster zu bilden. Dir ist so, als geschähe das ganz automatisch, ohne Dein Zutun. Aber ist das wirklich so?   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Denn es gab diesen einen Umschlag, den mir meine Eltern noch vor dem Abflug nach Denver übergeben hatten. Darin enthalten genaue Anweisungen, was zu tun sei, falls der schlimmstdenkbare Fall der Fälle eintreten sollte. Trauerfeier, Trauerlieder, Todesanzeige, Spruch, Adressen, alles übersichtlich zusammengefasst - und mir war damals noch nicht klar, wie hilfreich das sein würde. Das zeigte sich erst rund zwei Jahre später. Nachdem bei meiner Mutter im März 2003 eine bereits in den Körper streuende Krebserkrankung an der Leber entdeckt wurde, begann eine dieser Phasen, die zu einem solchen Prozess vermutlich untrennbar dazugehören - wer das schon einmal erlebt hat, der kennt das. Aufs und Abs, Hoffnungen und Zerstörungen, flüchtige Lebensfreuden und langanhaltende Ohnmächte, kleine medizinische Fortschritte und große menschliche Rückschritte. Und dann: Alles vorbei, aber es gab diese Liste. Wichtige Orientierungshilfen für meinen Vater und mich. Ankerpunkte im Nebel. Zu wissen, dass Du alles, was Du jetzt in Eile und im Chaos organisieren musst, genauso organisieren kannst, wie es sich der verstorbene Mensch gewünscht hat - unbezahlbar, wirklich. Ein Geschenk. Da begann es. Diese eine Erkenntnis sickerte langsam ins Leben: Über den Tod nachzudenken, kann das Leben einfacher machen - in seinen schwierigsten Stationen. Aber natürlich begann es schon viel eher, wenn ich heute so darüber nachdenke. Viel, viel eher. 


Etwas das größer ist als wir - die Ahnung gab es früh


Der Erstkontakt mit dem Tod: Ein Kindergartenkind, das von einer gestorbenen Oma erzählte. Für mich nicht wirklich fassbar, wovon da geredet wurde. Weit, weit, weit von meiner Welt entfernt (und dabei war der Tod schon längst Bestandteil meiner eigenen Welt gewesen, lange vor mir, weil eine meiner Omas nicht meine leibliche ist und weil der andere Opa niemals aus dem Krieg zurückkam, aber auch diese Fakten sind als Kind nicht wirklich zu fassen zu kriegen). Und plötzlich regt sich so etwas wie ein Schauer in dem kleinen Kinderkörper, nicht wirklich zu verorten, nicht in Worte zu fassen. So eine Ahnung, dass es da um etwas ganz Großes ging. Etwas, das größer ist als wir. Das war schon spürbar, auch als kleines Kind, ja, als kleinstes Kind, aber es war auch entsprechend schnell vergessen, wie alles in diesem Alter. Dann der erste Echtkontakt.

Etwas entsteht. Du kannst es noch nicht greifen, es ist nicht fassbar, aber Du kannst es spüren. Da ist eine Bewegung. Eine Richtung. Wohin sie führen wird, ist noch nicht klar.   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto) 

Ich bin in der sechsten Klasse und liege morgens im Bett. Es ist Dezember, die Vormittage sind lang und dunkel, da ist das Bett der beste Platz der Welt. Die erste Stunde sollte eigentlich ausfallen, so hieß es gestern noch, und als meine Eltern mich trotzdem so früh wecken, sträube ich mich dagegen. Bis mein Vater mir sagt, ich sollte vielleicht doch besser direkt in die Schule gehen. Irgendwas in seiner Stimme sagt mir, dass das wirklich besser wäre, dass es da irgendetwas geben wird. Dann der Schock: Melanie, eine Mitschülerin. Gestern noch bei uns gewesen. Nachmittags mit dem Fahrrad unterwegs, in die Stadt, mit einer weiteren Mitschülerin. Eine Kreuzung, ein Bus, der tote Winkel. Das Mädchen tot. Einfach weg. Von einem Tag auf den anderen. Was das mit mir gemacht hat? In diesem einen Moment: scheinbar gar nicht soviel und doch alles. Dann die Scham. Ich auf dieser Beerdigung, Mann, war das peinlich.


Kichern am Grab - schrecklich peinlich, oder?


Dieses Bild habe ich noch sehr präsent vor meinen inneren Augen. Wie ich mit einem Mitschüler am offenen Grab stehe. Wie diese plötzliche totale Stille, dieses merkwürdig Weihevolle, dieses für uns so gänzlich unbekannte Neuland, uns plötzlich kichern ließ. Kichern... - auf einer Beerdigung! Oh Mann. Seither habe ich mich immer wieder gefragt: Die armen Eltern, was die wohl gedacht haben? Andererseits weiß ich heute auch: Das war ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Unerfahrenheit. So sind Kinder eben. Elf Jahre alt, der Tod ist eine abstrakte Konstante, das Leben ist jeden Tag so reich an Eindrücken, an Weitermachen und an Neuem, dass es noch immer etwas Überwältigendes haben kann. Zwischen dem Todesfall und der Beerdigung lage so viele Tage, in denen soviel Anderes gewesen war. Lachen, Leben, Musik. Das neue Album der "Ersten Allgemeinen Verunsicherung" kursierte gerade auf kopierten Cassetten durch den Klassenraum - und dann auf einmal stehst Du an diesem Loch, bei der ersten aktiv erlebten Beerdigung Deines Lebens, und alles ist so getragen und merkwürdig und es gibt kein Dir bekanntes Muster für all das. Das Kichern entstand aus dieser Irritation, aus diesem Nichtvorbereitetsein, ja, einem Nichtvorbereitetseinkönnen. Noch heute denke ich fast bei jedem Rechtsabbiegen an dieser Kreuzung - eine der beiden gefürchteten Osnabrücker Todeskreuzungen am Wall, jene vor der Osnabrückhalle - so gut wie jedes Mal an Melanie. Es dauerte noch rund zehn Jahre, dann kam die Zeit der Abhärtung. 


Eine Form ist entstanden. Schneller als gedacht. Etwas Neues. Und dieses Neue wird immer wirklicher. Du beginnst Dich darauf einzulassen. Damit zu experimentieren.   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Zivildienst, Altenheim, der Tod als integraler Bestandteil, nicht tagesaktuell, aber täglich möglich. Das Heim, in dem ich damals meinen Dienst tat, ist inzwischen übrigens geschlossen, und das ist auch gut so. Die Belegschaft habe ich schon damals erlebt als einen zu 98 Prozent aus Frauen bestehenden intriganten Mobbinghaufen, alles und alle um sie herum zerfleischend. Und weil ich am Ende der Hierarchiekette stand, bekam ich oft die Klatsche. Als sie sich bei mir dann kurz vor dem Ende meines Zivildienstes dafür entschuldigten, wie sie mit mir umgegangen waren - und dass das nicht okay gewesen wäre -, da sagten sie, das sei alles nur aus Überforderung geschehen. Aber da war es für Vergebung oder Verständnis schon zu spät. Die Wunden waren gerissen, ich spüre sie noch heute. Was ich damals nur schwer verstehen konnte: Über den Tod der Bewohner wurde hier selten allzuviel Aufhebens gemacht, darüber, wer von den Mitarbeiterinnen jetzt schon wieder irgendetwas in irgendeiner Weise falsch gemacht hatte, indes eine Menge. Bizarr. Kurz danach der Tod meiner Oma. Wieder eine neue Erfahrung, viel direkter, viel unmittelbarer: Es war das erste Mal im Leben, dass ich das Sterben und den Tod in allen Prozesstufen - fast ganz live -miterlebt habe. Das war etwas Neues. Aber noch immer hatte ich: Kein Muster für all das. Und das kommt ja auch noch hinzu: 


Wenn das nächste "Hoffentlich nicht" genau eines zuviel ist


Dass diese vielen Geschichten, die du so hörst im Verlauf deines Lebens, sich irgendwann anhäufen. Jede für sich ein kleiner Schrecken, mit dem Du vielleicht noch irgendwie umzugehen wüsstest... die sich dann aber alle verdichten und zu etwas großem Unfasslichem werden. Der Kollege, dessen kleines Kind vom Schulbus überfahren wurde. Das Ehepaar, dass seine erwachsenen Kinder durch einen nächtlichen Horrorunfall auf der Autobahn verlor. Der Junge aus Deiner Klasse, dessen Mutter plötzlich starb. Die Todesgeschichten aus der eigenen Familie, auch die von ganz früher. Mit jeder Geschichte geht etwas einher. Was da so in Deinem Körper mitschwingt, wenn Du das hörst, ist so ein einziges großes "Hoffentlich nicht". Hoffentlich nicht ich. Hoffentlich nicht so. Hoffentlich nicht bald. Hoffentlich niemals. Aber warum solltest du – ausgerechnet du – von Unglück, Leiden und Schmerzen verschont bleiben? Geschweige denn von dem eigenen Tod? Und wieder fehlt Dir ein Muster. Aber langsam wird es Zeit für eines. Etwas entsteht. 


Und am Ende kannst Du sogar selbst etwas bauen. Aus dem anfänglichen Chaos ist ein System geworden. Wie lange wird es halten? Was wird es Dir geben? Sicherheit? Unsicherheit? Gutes? Schlechtes? Du wirst es erleben. Denn jetzt lässt Du Dich darauf ein...   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto)

Es formuliert sich eine Absicht heraus, eine Willensbekundung: Ich will hinsehen, will wissen, mehr wissen. Meine Mutter, meine Oma, Melanie, die Geschichten um Dich herum, überall der Tod, überall seine Alltäglichkeit, aber noch immer duckst Du Dich weg. Wozu? Lässt sich das nicht umkehren? Also sich nicht wegdrehen, sondern darauf zugehen? Nach dem Motto: Wenn ich schon Angst habe, dann will ich auch wissen, wovor - will die Alltagstauglichkeit auch dieses Themas suchen und finden. Es braucht eine gewisse Reife und ein gewisses Erwachsenwerden, um an diesem Punkt zu gelangen, aber wenn du erstmal da bist, hast du etwas erreicht. Oder anders gesagt: Du bist an einen neuen Startpunkt gekommen. Dann geht es weiter. Von dort aus. Mit neuen Schrecken und neuen Erfahrungen, aber alles muss so durchlebt werden, dafür ist es da. Auch deswegen: Bin ich Trauerbegleiter geworden.  

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier


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Mittwoch, 19. Dezember 2018

Wie die grandiose Netflix-Serie "The Kominsky Method" mit Michael Douglas einen auf gleichsam unterhaltsame wie berührende Weise an die Trauer als menschliches Phänomen heranführen kann - und was die Serie dabei alles richtig macht....


Das ungleiche Freundespaar, vom Leben zusammengeschweißt: Alan Arkin als Norman Newlander und Michael Douglas als Sandy Kominsky  (Netflix-Media-Center-Fotos).

Osnabrück - Da kann sich die Haushälterin nur noch kopfschüttelnd abwenden, um alsbald nach getaner Arbeit die Flucht zu ergreifen - als sie einmal miterlebt, wie der rund 80 Jahre alte und frisch verwitwete Schauspielagent Norman Newlander einen Dialog führt mit seiner nicht mehr anwesenden Frau, wie er einfach ins leere Zimmer hineinspricht, erlebt sie das als überaus befremdlich. Doch wenn die Kamera sich nähert und wir als Zuschauer daran teilhaben dürfen, wie der Witwer selbst diese Szene erlebt, dann sitzt ihm dort seine Frau gegenüber - und er holt sich Rat bei ihr, der Gestorbenen, darüber, wie er mit der drogensüchtigen Tochter umgehen soll. Es ist eine von vielen Szenen, in denen die Netflix-Serie "The Kominsky Method" - prominent besetzt mit Michael Douglas (74) und Alan Arkin (84) - wunderbar realistisch und trotzdem angenehm unprätentiös darstellt, wie sich Trauer auswirkt und was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise alles tun....

"Natürlich rede ich mit ihr - und ich bin nicht verrückt!", sagt Newlander kurz danach zu seinem besten Freund, dem von Michael Douglas gespielten Schauspieltrainer Sandy Kominsky. Dieser ist der abgehalfterte, gerade pleite gehende Womanizer, also mehr so der Antiheld, während sein Freund Norman als wohlhabender Mann den Erfolg des "American Dreams" verkörpert, obwohl innerlich gebrochen. Die Serie, die als klassische Sitcom angelegt ist, bezieht einen Großteil ihres Charmes aus diesem Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Charaktere und der Reibungspunkte, die das mit sich bringt sowie der zynisch-grimmigen Wortgefechte. Denn noch am Sterbebett hatte der von Douglas herrlich ironisch gespielte Sandy der Ehefrau seines Freundes, Eileen, ein Versprechen gegeben: Dass er auf ihren Norman achtgeben wird. Was er dann auch tut.


Schlüsselszene und Ausgangsszene der Serie: Sandy verspricht der sterbenden Gattin Eileen, auf ihren Norman aufzupassen.

Übrigens: "Natürlich rede ich mit ihr..." - genau wortgleich kommt diese Formulierung in dem Buch "Lebensstufen" des britischen Literaten Julian Barnes vor, in dem er seinen eigenen Trauerprozess nach dem Tod seiner Frau beschreibt. Und nicht nur dort. Auch in der Erfahrungssammlung "Männer trauern anders", die Dr. Martin Kreuels im Selbstverlag herausgegeben hat, berichten mehrere der befragten Witwer davon, dass sie mit ihren Toten aktiv in den Dialog gehen, sich Rat und Hilfe holen von den gestorbenen Frauen. Und auch der fiktive Charakter des Norman Newlander tut dies nicht nur ein einziges Mal, sondern öfters. Das ist das Kunstvolle an "The Kominsky Method": Einerseits lässt die Serie  einen nur selten im Zweifel darüber, dass sie eine Sitcom ist und eigentlich nichts anderes sein will. 


Danny De Vito als quirliger Urologe ist nur einer von mehreren prominenten Gast-Stars. 

So ist das Meiste, was hier geschieht, auf den nächsten guten Gag und die nächste treffsichere Dialogzeile ausgerichtet. Und doch geht die Serie andererseits weiter und tiefer als man es von einer Sitcom erwarten könnte und es gelingt den Machern scheinbar lockerleicht, das Gezeigte ins Tragische auszudehnen, ohne den Bogen zu überspannen oder jemals die Unterhaltungswerte zu verlieren. Eine Episode endet sogar mit einem weinend zusammenbrechenden Witwer - weil er in der Reinigung unerwarteterweise das vergessene Kleid seiner gestorbenen Frau ausgehändigt bekommt. Das muss man erstmal wagen - in einer eigentlich komödiantisch angelegten TV-Serie mit einem weinenden Mann aufhören. Respekt! Und so ist "The Kominsky Method" - übrigens vom Produzenten der Serienhits "Big Bang Theory" und "Two And A Half Man" verantwortet - eben doch mehr als nur eine Komödienserie. Zumal sie dankbarerweise auf die eingespielten Publikumslacher verzichtet. Was gut ist, bleibt einem das Lachen trotz allem Charmes doch oft auch im Halse stecken (vor allem, wenn es um geschwollene Prostatas und andere Probleme des Alterns geht).


Kaum Witwer, schon umschwärmt: Norman Newlander ist mit seinen neuen Rollen wenig zufrieden.

Was die Serie außerdem auszeichnet: Zig Außendrehs statt, wie in Sitcoms allgemein üblich, die immergleichen Studiokulissen, prominente Gastschauspieler - grandios sind Danny De Vito als Urologe oder der Talkmaster Jay Leno als Trauerredner - und ein Drehbuch, das auch vor Schamthemen nicht zurückschreckt. Hier wurde weder gespart noch auf größtmöglich geglättete Werbeblockkompatibilität geschielt. Qualität statt Masse. Dafür umfasst die erste Staffel auch nur acht Folgen. Bei maximal 30 Minuten Länge pro Folge ist das "Binge Watching" der gesamten Serie also locker an einem Abend zu bewältigen. Und das lohnt sich. Eben auch wegen der vielen Einblicke in eine Welt, wie sie ein Mensch in einer Trauer- und Verlustkrise so erlebt. Und das ist oft ebenso treffsicher wie fein ausgehorcht. 



Da ist beispielsweise die Tatsache, dass Normans Frau Eileen noch vor ihrem Tod alles genau verfügt hat, wie sie sich ihre Trauerfeier vorstellt - bis hin zur Schriftart, in der die Trauerkarten gestaltet werden sollen und zur Materialart des Sarges, was den Bestatter vor gewisse organisatorische Schwierigkeiten stellt. Wir sehen aber auch, wie gut es den Hinterbliebenen tut, dass sie die Trauerfeier ganz im Sinne der Verstorbenen gestalten können, auch, wenn sie für manche Wünsche kreative Notlösungen finden müssen (beispielsweise, was den Auftritt von Barbra Streisand angeht). Da ist die in dem Witwer später aufkommende Leere und Verzweiflung, die sich bis hin zu Suizidgedanken steigert - und wie elegant und gleichzeitig sehr komisch es die Serienmacher schaffen, auch diese Aspekte mit zu berücksichtigen, ohne sich in peinliche Plattitüden zu verlieren, zeichnet ihre Feinfühligkeit aus. Überhaupt, Zynismus und Bitterkeit, Abgeklärtheit und nur scheinbar ironisch aufgeladenes Gebrochensein, die Zerbrechlichkeit des Alterns und die Nichtbeständigkeit von allem, was einmal war, alles das sind Themen, die die Serie souverän durchdekliniert, ohne jemals ihre Leichtigkeit zu verlieren dabei. Respekt. Und auch von den weiteren hier gezeigten Ereignissen berichten einem frische Witwer: Kaum ist die Frau tot, wird der angenehm wohlhabende Alleinstehende relativ unverblümt angebaggert - von anderen Witwen. Doch Norman Newlander bleibt seiner Eileen weiter treu. Schließlich spricht er noch immer mit ihr, abends, daheim. "Mensch zu sein und verletzt zu sein - das ist doch ein und dasselbe", sagt Norman an einer Stelle. Und da ist doch eine ganze Menge dran. Unbedingt sehenswert.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Freitag, 14. Dezember 2018

Ein Zeitungsartikel deutet es an: Ist aus der geplanten "Trauerstörung" jetzt eine "Trauerreaktion" geworden? - Neue Entwicklungen rund um die Frage "Trauer als Krankheit" - ab 2022 von der WHO geplant ("ICD 11")

Osnabrück - Das lässt einen aufhorchen. Auch die in Österreich erscheinende Tageszeitung "Der Standard" berichtete unlängst im November 2018 über jene Frage, die die Menschen aus Hospiz-, Palliativ- und Trauerbegleiterkreisen in jüngster Vergangenheit sehr bewegt hat: Wird Trauer bald als eigene Krankheit anerkannt sein? Oder wird sie gar als eine "Störung" klassifiziert sein? Denn die WHO - also die Weltgesundheitsorganisation - will auch Trauer in den Kanon der psychischen Störungen aufnehmen. Interessanterweise benutzt der Redakteur Christian Wolf in seinem Artikel eine andere Begrifflichkeit als die in jüngster Zeit so umstrittene und heftig diskutierte: Anstatt von einer "Anhaltenden Trauerstörung" zu sprechen, wie es anfangs geplant war, benutzt er nun den Begriff "Anhaltende Trauerreaktion" - das wirft Fragen auf. Sollte die Weltgesundheitsorganisation in der Zwischenzeit umgeschwenkt sein und auf ihre Kritiker gehört haben? Hintergrund ist eine teils recht heftig geführte Debatte rund um die Frage, ob Trauer als eigene Klassifikation bald auf den Krankschreibungen der Ärzte stehen kann - was bislang noch nicht möglich ist. 

Ändern soll dies die so genannte "ICD 11", also die "International Statistical Classification Of Disease and Related Heath Problems". Das ist das derzeit in Überarbeitung befindliche Regelwerk für alle Codierungen bzw. Diagnoseschlüssel, mit denen alle niedergelassenen Haus- und sonstigen Ärzte arbeiten. Dort gibt es für so ziemlich alles einen Schlüssel bzw. einen Code - für Grippe beispielsweise J09-J18. Nur für Trauer gibt es noch nichts, was sich aber bald ändern soll. Wie die Wochenzeitung "Die Zeit" in ihrer Ausgabe vom 21. Juni 2018 berichtete, steht jetzt zumindest der zeitliche Fahrplan für die Einführung der ICD 11 fest: Demzufolge wurde eine erste Arbeitsversion der neuen ICD inzwischen vorgestellt, verabschiedet werden soll das Ganze im Mai 2019 auf der Versammlung der Weltgesundheitsorganisation und gültig in Kraft treten am 1. Januar 2022. Aber eines scheint sich nun geändert zu haben: Die Begrifflichkeit. 

Krankgeschrieben wegen Trauer - ab 2018 soll das laut der ICD 11 möglich sein. Aktuell ist der Plan jedoch umstritten.   (Achenbach-Foto)

Das mag anmuten wie ein Detail, aber es ist eine der zentralen Fragen in dieser Diskussion. Muss diese neue Diagnosemöglichkeit unbedingt "Anhaltende Trauerstörung" heißen? Alleine schon an diesem anfangs geplanten Begriff hatte sich allerlei Kritik entzündet: "Trauer sollte keine Störung sein", so hatte es beispielsweise der Trauerbegleiter Norbert Mucksch formuliert, der u.a . im Vorstand des Bundesverbands Trauerbegleitung arbeitet (Transparenzhinweis: ich bin dort auch Mitglied - im Verband, nicht im Vorstand). Das soll heißen: Wenn der Eindruck vermittelt wird, dass Trauer stört, geht das in eine falsche, weil eine gesunde Weiterentwicklung verhindernde Richtung. Denn damit wird vermittelt, dass Trauer unterdrückt werden sollte, weggedrückt werden sollte. Das genau aber ist es nach Überzeugung von Trauerbegleitern - auch nach meiner -, was die Verzögerung im Prozess erst auslöst. Trauer sollte stattdessen fließen können, sollte erlebt, gefühlt und ausgedrückt werden können. Das hilft. 

Bislang ist es nämlich technisch gesehen nicht möglich, sich alleine wegen Trauer von Fachleuten weiter behandeln zu lassen. Jedoch ist unbestritten - auch bei den meisten Kritikern -, dass es Menschen gibt, die sich wegen Trauer krankschreiben und von Fachleuten behandeln lassen. Meistens geschieht das dann unter der Codierung einer "Anpassungsstörung", die aber ein Sammelbegriff für sehr, sehr vieles sein kann. Und hier beginnt die Debatte. Nichts verändert zu haben scheint sich indes bei einem weiteren der großen Kritikpunkte: Dem Zeitraum. 

Denn die „Anhaltende Trauerreaktion“ soll nach den Plänen der WHO als Grund für die Überweisung zu Fach­leuten oder in eine Therapie möglich sein, wenn ein Mensch länger als sechs Monate unter den durch Trauer verursachten Symptomen leidet. Denn erst nach Ablauf eines solchen Zeitraums ließe sich feststellen, ob die Symptome nicht von selbst besser würden. Dass mit Trauer immer erst eine heftige Leidenszeit einhergeht, ist unbestritten. Die Frage, an der sich jetzt die Diskussion entzündet, ist: Ab wann hat sich Trauer so verdichtet und verkompliziert, dass eine Fachbehandlung nötig ist? Erfahrene Trauerbegleiter sagen dazu: Nach sechs Monaten ist das meist noch nicht der Fall. Ob sich Trauer tatsächlich verkompliziert, ließe sich erst nach wenigstens einem Jahr sagen. Denn es sei ganz gesund und ganz natürlich, dass Trauer erstmal heftige Symptome auslöse. Ob sich auch in dieser Frage bis 2020 noch etwas tut? Wir werden es sehen. So oder so wird es spannend sein an diesem Thema dranzubleiben. Sobald ich etwas erfahren sollte, gibt es einen neuen Sachstand auch auf diesem Blog.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

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Montag, 10. Dezember 2018

Warum und wie auch Friedhöfe eine Kraftquelle sein können - Meine Dezember-Fotos für die Mitmachaktion des Bundesverbands Trauerbegleitung (letzter Beitrag zum Thema "Hoffnungsvoll und seelenschwer")

Ein paar Noten auf dem Grabstein- das sagt schon viel über den Menschen, der hier liegt.... (Thomas-Achenbach-Fotos)

Osnabrück - Können Friedhöfe eine Kraftquelle sein? Für manche mag diese Idee bizarre klingen und ungewohnt. Für manche ist der Friedhof eher ein Ort, der sie runterzieht, stimmungsmäßig. Ich mag Friedhöfe tatsächlich ganz gerne. Ich bin gerne dort, ich genieße die würdevolle Ruhe und den Frieden dort. Oder, wie auf dem herrlichen Heger Friedhof in Osnabrück, die Verbindung mit einem Wald. Für mich sind sie durchaus Orte, die mich erden können, die mich wieder mit anderem verbinden. Und damit sind Friedhöfe gut geeignet als mein letzter inoffizieller Beitrag zur offiziellen Fotoaktion "Hoffnungsvoll und seelenschwer" des Bundesverbands Trauerbegeleitung (BVT), die mich nun selbst ein ganzes Jahr lang zu einem biographischen Fotoprojekt inspiriert hat. 

Vor genau einem Jahr hatte der BVT dazu aufgerufen, sich Gedanken zu machen über diese Fragestellungen: Was sind Kraftquellen, Stolpersteine, was trägt mich in meiner Achtsamkeit, was ist hilfreich für meine Selbstfürsorge? Was bringt Wut in den Bauch, was streichelt meine Seele? Was lässt mich stolpern und wobei schöpfe ich Kraft? Bei der Aktion "Hoffnungsvoll und seelenscher" ging es jetzt ein Jahr darum, Gefühle und Ressourcen sichtbar zu machen. In Wort, Bild oder anderen Ausdrucksformen. Gleichermaßen sollte die Aktion dazu dienen, wieder fokussierter und konzentrierter durchs Leben gehen zu können. Das hatte mich angesprochen und ich habe darin ein gutes Projekt gesehen, das mich nun ein Jahr lang begleitet hat. Und das nun eben auf dem Friedhof endet, aber im Guten. 



Ich mag nicht nur die Stille, die Friedhöfe ausstrahlen, sondern vor allem die Idee, dass hier nicht einfach nur Menschen begraben liegen, sondern Geschichten. So wie Heinrich Heine es sagt: "Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte". Vielleicht sind es ja sogar Geschichten, die andernorts noch erzählt und weitergetragen werden. Also etwas, das bleibt. Vielleicht sind es Geschichten, die verloren gegangen sind. Dann sind sie auch Teil des Lebens.



Ich verbinde mich auf Friedhöfen gerne mit der Idee meiner eigenen Sterblichkeit, so als quasi meditative Übung. Das geht an kaum einem anderen Ort besser als hier. Sich bewusst zu machen, dass man selber nichts anderes ist als so eine Hülle, die auch bald hier liegen kann – und wer so eine Arbeit macht wie ich, der weiß, dass das jeden Tag der Fall sein kann –, bringt wieder eine gute Portion an Demut zurück ins Leben, das bringt vieles wieder ins Gleichgewicht. Meistens lässt uns der Alltag nicht genug Demut erleben, dabei bräuchte es davon viel mehr, das ist meine feste Überzeugung.



Für mich sind Friedhöfe aber auch ein Ort einer großen Dankbarkeit. Wenn ich am Grab meiner Mutter stehe, bin ich auf einer tiefen Ebene verbunden mit all dem Guten, das es gegeben hat und ich denke dankbar daran zurück, dabei wissend und akzeptierend, das es all das Gute im Leben nicht ohne etwas Schlechtes geben kann. Weil das Leben immer ein Gleichgewicht braucht.



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Alle Infos zur Aktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" gibt es auf der BVT-Website....

Erster Beitrag zur Fotoaktion (Januar): Warum auch meine alten ausgelatschten Chucks eine Kraftquelle für mich sind

Zweiter Beitrag zur Fotoaktion (Februar): Kraftquelle Waldeswillen - wie sich ein alter und gestürzter Baum einfach nicht unterkriegen lässt und warum das so gut tut

Dritter Beitrag zur Fotoaktion (März): Kraftquelle Kulturerlebnisse - wie sich mein Leben mit allen Tiefern und Höhen auch in Eintrittskarten abbilden lässt

Vierter Beitrag zur Fotoaktion (April): Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

Fünfter Beitrag zur Fotoaktion (Mai): Warum blühende Kastanien für mich zu einem Symbol dafür geworden sind, dass sich Krisen auch überstehen lassen

Sechster Beitrag zur Fotoaktion (Juni): Die alte Teekanne meiner Oma als ein Symbol für die Beständigkeit von Geteiltem im Leben - und für erlebtes Leiden

Siebter Beitrag zur Fotoaktion (Juli): Kindheit, die erste Heimat auf dieser Welt - so voller Mysterien und doch so zerbrechlich - von der Wirkmacht der ersten Jahre

Achter Beitrag zur Fotoaktion (August): Eintauchen in andere Welten durch Rock-LPs und ihre Plattencover - wie mir die Vermischung zweier Künste durch die Zeit half

Neunter Beitrag zur Fotoaktion (September): Standfest, sicher und ausgesetzt - warum die Bäume auf einem Osnabrücker Berg einen so hohen Symbolwert haben 

Zehnter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die erste): Warum eine fundierte Ausbildung für einen Trauerbegleiter so wichtig ist und warum in meiner Schlümpfe eine Rolle spielen

Elfter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die zweite): Ein ganzes Leben unter bunten Buchdeckeln - Warum Blanko-Notizbücher eine Kraftquelle sein können

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen


Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 


Und im Kultur-Blog des Autors: Was "Babylon Berlin" wirklich zu einer ganz besonderen Serie macht - und das ist nicht alleine Bryan Ferry von Roxy Music



Dienstag, 4. Dezember 2018

Bewegendes Bilderbuch: Wenn der Suizid eines Elternteils viele Fragen aufwirft, von denen eine kluge Eule hier einige beantworten kann - für Kinder ab etwa sechs Jahren, derzeit nur im Selbstverlag erhältlich

Eine Illustration aus "Eule Milly und ein Koffer voller Fragen".  (Carolin-Gallacher-Repro) 

Hildesheim/Osnabrück - Dieses Buch ist leider nicht im regulären Buchhandel erhältlich, aber vielleicht ändert sich das ja noch. Denn die Geschichte der kleinen Pippa, deren Vater sich das Leben genommen hat, ist einerseits wunderschön bebildert und mit viel Feingefühl betextet, nimmt aber andererseits die Kinder und die sich ihnen nach einem Suizid stellenden - bohrenden - Fragen ernst. In dieser Mischung ist das Buch sicher ein gelungenes Angebot für Eltern, die ihre Kinder in einer so schwierigen Lage unterstützen wollen (wofür doch oft die Kraft fehlt). Pippa trägt einen alten Koffer ihres Vaters bei sich, in dem sie all die Fragen gesammelt hat, die sie so bewegen - aber es braucht dann schon eine lebenserfahrene Eule, damit die Fragen auch beantwortet werden.

Vor kurzem hatte ich das Vergnügen, bei einem hervorragend organisierten Symposium in Sachen Trauer und Trauerbegleitung als Referent mit dabei sein zu dürfen, aber mir auch alle anderen Vorträge des Tages anhören zu können. Organisiert von dem in Hildesheim aktiven Verein "Trauerzeit" und dem Kolping Bildungs- und Sozialwerk Hildesheim, waren bei dieser Veranstaltung etwa 50 Teilnehmer aus allen möglichen Kontexten versammelt - Hospizarbeit, Trauerredner, Notfalleinsatzkräfte -, um sich über Trauerbegleitung zu informieren. In einem am Vormittag stattfindenden Vortrag stellten die beiden jungen Buchautorinnen ihr Werk vor: Die Trauerbegleiterin Katharina Homann und die Illustratorin Carolin Gallacher. Und ihr Buch bzw. ihr Vortrag bewegte durchaus die Gemüter der Anwesenden. Rückmeldungen kamen unter anderem von den Angehörigen um Suizid: Ja, so ein Buch habe bislang gefehlt, es müsste am besten im Buchhandel erhätlich sein... Was macht das Buch so besonders?


Passend zu ihrem Buch hatten die beiden Autorinnen beim Symposium in Hildesheim diesen mitgebrachten Koffer gestaltet, der die Themen des Buches aufnimmt (Thomas-Achenbach-Foto).

Vor allem die sanfte Annäherung, das Feingefühl, aber auch der Ernst: In "Eule Milly und ein Koffer voller Fragen" begegnet die kleine Pippa einer weisen Eule. Das trifft sich gut, denn Pippa schleppt einen Koffer voller Fragen mit sich herum, seit sie ihren Vater durch Suizid verloren hat. Auch wenn die Eule Milly nicht alle der Fragen beantworten kann, so bemerken beide doch, wie wohltuend und wichtig ihre Gespräche sind. Und so kommt Pippa der Auseinandersetzung mit dem Suizid ihres Vaters und den dadurch entstandenen Gefühlen und Empfindungen näher. Man könnte auch sagen: Sie ist in so einer Art  Trauerbegleitung. Als schließlich alle Fragen beantwortet sind, wird der Koffer in einen Erinnerungskoffer umfunktioniert und der Blick wieder etwas positiver in eine mögliche Zukunft gerichtet. Transportiert wird das über die Bilder und die Texte gleichermaßen. Das Bemerkenswerte an den Bildern sind die darin verwendeten Farbwelten...


Zum Symposium TrauerZeit.Lebenszeit in Hildesheim kamen mehrere Referenten - eine lohnende und spannende Veranstaltung (Gburek-/Trauerzeit-Repro).

Helle, warme Farben tauchen nämlich immer an den Stellen auf, an denen Fragen geklärt werden, wie die Autorinnen mir in einem kurzen E-Mail-Dialog noch mitgeteilt haben: So steht schon der gelbe Kerzenschein auf Seite 1 für die Weisheit der Eule. "Die übrigen Seiten bleiben bewusst etwas ,trüb', da Pippa hier auch noch sehr traurig ist und noch viele Fragen unbeantwortet sind; im Laufe der Geschichte tauchen immer mehr Lichtstrahlen auf und auf der letzten Seite ist der Höhepunkt erreicht, der das Weitermachen symbolisieren soll", schreibt mir die 28-jährige Illustratorin Carolin Gallacher mir in der Mail weiter.  


Illustatorin Carolin Gallacher (links) und Autorin Katharina Hohmann freuen sich über ihr Kinderbuch  (Foto: eigen).

Die Landschaftsarchitektin bekam noch während ihres Studiums den Tipp eines Dozenten, dass sie auch mit einem Grafikzeichentablet zeichnen könne - und das Zeichnen war schon seit Kindertagen ihr Hobby. Mit dem Zeichnen von Bilderbüchern hat sie eine gewisse Erfahrung, denn sie mag daran am liebsten, "dass hier der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind". Eule Milly ist jedoch die erste Arbeit, die sie für eine andere Autorin angefertigt hat. Jedes Bild wurde erst "analog" mit einem schwarzen Buntstift gezeichnet und nach dem Einscannen am Zeichentablet digital koloriert. Jede Seite hat ca. einen Tag oder manchmal auch nur einen Abend gedauert, berichtet die Illustratorin weiter. Das Buch rund um Eule Milly ist innerhalb von 2 Monaten diesen Sommers abends, im Zug und am Wochenende entstanden. Für die 27-jährige Autorin Katharina Hohmann war das gleichzeitig ihre Abschlussarbeit am Ende einer Trauerbegleiterausbildung.


Denn Katharina Hohmann beendet gerade ihr Psychologie-Studium mit einer Masterarbeit. Aber das Thema Trauer beschäftigt sie schon lange: So ist sie ausgebildete Notfallseelsorgerin und Trauerbegleiterin für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsen. "Das Thema der (Kinder-)Trauer begleitet mich eigentlich schon mein Leben lang, so verlor ich bis zum 8.Lebensjahr sechs Familienangehörige auf unterschiedliche Weise", schreibt die Autorin mir in einer E-Mail. "Nach dem Abi arbeitete ich dann im Kinderhospiz Balthasar in Olpe, einem Kinderhospiz und Aidswaisenhaus in Südafrika und machte eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin, bevor ich mit dem Psychologiestudium begann. Auch dort begleitete mich das Thema Trauer, Tod und Sterben auf wissenschaftlicher Ebende immer mal wieder."


Wie ist das Buch erhältlich? "Eule Milly und ein Koffer voller Fragen - was Pippa über Suizid lernte" ist durch die Unterstützung des Kolping Bildungs- und Sozialwerks Hildesheim und des Vereins Trauerzeit als limitierte Stückzahl in gedruckter Form erhätlich (17 Euro). Zu bekommen ist es per E-Mail an trauerbegleitung@kolping-hildesheim.de oder an trauerzeit@mail.de oder direkt bei der Autorin unter katharina.hohmann@gmx.net. Mich persönlich hat das Buch sehr bewegt und ich halte es für rundum gelungen.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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