Mittwoch, 4. Juli 2018

Kindheit, die erste Heimat auf der Welt - so voller Mysterien und doch so zerbrechlich - warum es so wichtig ist, um die Wirkmacht und Wichtigkeit der ersten Lebensjahre zu wissen, denn die sind allesamt "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" - Meine Juli-Fotos für die Mitmachaktion des Bundesverbands Trauerbegleitung


Symbolisiert für mich die Kindheit, also jedenfalls einen Teil davon: Die Bodenplatten aus dem Lego-Raumfahrtprogramm, die Kenner-Spielfiguren zu den Star-Wars-Filmen und unsere alten Super-8-Filme... (Thomas-Achenbach-Fotos

Osnabrück - "Kindheit, erste Heimat" - So heißt ein wunderbares Buch des Autoren und Süddeutsche-Zeitungs-Redakteurs Heribert Prantl mit vielen sehr lesenswerten Impulsen und Gedanken darin. Aber es ist vor allem der Titel des Buches, den ich so ansprechend finde. Denn ich denke sehr gerne an meine Kindheit in den 70er/80ern zurück, an die Geborgenheit und Sicherheit, die ich damals erfahren durfte, an die Magie und den Zauber, den ich oft als Kind gespürt habe und der sich in vielen Dingen, in Stimmungen, aber auch in der Natur verbergen konnte. Ich musste erst älter werden, um zu begreifen, wie zerbrechlich das alles doch ist. Und dass es immer auch in Gefahr ist, jeden Tag aufs Neue. Weil es einfach das Leben ist. Heute, wo ich mich beinahe täglich mit den Themen Tod, Trauer und Sterben befasse, weiß ich das. Und deswegen ist die Kindheit an sich, das Phänomen der Kindheit, mit all ihrer Lebenskraft und Lebensintensität und der fast unbemerkt darin steckenden Zerbrechlichkeit eben auch: "Hoffnungsvoll und Seelenschwer". Und damit ist sie als Thema prädestiniert für meine inoffizielle Teilnahme an dieser offiziellen Aktion... Als vorletzter Blogbeitrag vor meiner Sommerpause...

"Familie ist jeder Ort, an dem - das klingt ein wenig pathetisch, stimmt aber ganz genau -, der Mensch zu Ende geboren werden kann. Jeder Ort, an dem Kinder das erfahren, ist Familie" - so formuliert es Heribert Prantl in seinem Buch (1). Kindheit ist hoffnungsvoll, weil in jedem Aufwachsen immer die Hoffnungen auf ein gutes Leben versteckt sind. Vielleicht ein besseres Leben. Kindheit ist seelenschwer, weil diese Hoffnungen auf soviel Gegenwind stoßen können. Weil jede neue Erfahrung eine erste ist und sie mit soviel Gewicht die Seele beschwert (oder andersrum: sie beflügelt). Kindheit ist aber auch Trauer, weil sie immer voller Abschiede ist. Weil sich das Kind selbst von vielen Träumen, Ideen und Hoffnungen verabschieden muss, je älter es wird - obwohl doch alles möglich zu sein schien. Und weil sich die Entwicklungsbegleiter, also Eltern oder andere, in vielen kleinen Etappen von ihrem Kind verabschieden müssen. Abschiedlichkeit ist die Natur der Kindheit. Mir wird erst jetzt bewusst, wie sehr. Eines der Projekte, mit denen ich mich aktuell beschäftige, ist das Aufarbeiten unseres Filmarchivs. In den späten 70er und den frühen 80er Jahren, also lange vor der flächendeckenden Markteinführung der Videocassetten und der Videokameras, war es ein besonderer Luxus, Filme aufnehmen zu können. Wie die meisten Haushalte auch benutzten wir damals das System Super 8 von Kodak. Schmale Filmkassetten, die in eine speziellen Handkamera gesteckt wurden und dann von dem Kunden selbst zur Entwicklung per Post an das Labor geschickt wurden. 



Von wo sie dann in so kleinen schmalen und gelben Brieftütchten als fertig entwickelter Film zurückkamen. Natürlich ohne Ton und nicht etwa auf dem heimischen Fernseher abzuspielen (wir hatten sowieso keinen), sondern über einen speziellen Projektor. Das war lange Jahre eine der üblichen Sonntagnachmittagsvergnügungen unserer Familie: Die Leinwand ausrollen und hinhängen und alte Familie gucken. Das Rattern des Projektors und seinen Geruch werde ich nie vergessen. 


Auch heute noch katapultieren mich diese Filmchen direkt in meine Kindheit zurück. Heutzutage gibt es Möglichkeiten, die alten Super-8-Filme - die immer in Eigenarbeit daheim zu großen Filmrollen von bis zu 30 Minuten Laufzeit zusammengeschnitten wurden - auf DVD überspielen zu lassen. Das ist nicht unbedingt günstig, aber ein wertvoller Service. Sehe ich die alten Filme, bin ich wieder mittendrin - in der Kindheit. Das weckt immer auch zweischneidige Gefühle. Einerseits eine tiefe Dankbarkeit, dass ich eine solche letzlich ja paradiesische Kindheit habe erleben dürfen. Denn das war sie: Keiner starb. Keine Katastrophen oder echte Unglücksfälle suchten unsere Familie heim. Keine tiefgehenden Erschütterungen sonstiger Natur galt es auszuhalten. Dass das auch eine Sache von Glück ist, ist eine Erkenntnis, die erst mit den reiferen Jahren dazukommt. Andererseits aber wecken diese Filme auch eine tiefe Sehnsucht nach der Intensität und Geborgenheit und auch der Verträumtheit und Offenheit dieser Jahre, alles Weltenpole, die sich so niemals wieder einstellen im Leben. Was man immer erst zu spät im Leben begreift. Wie gut ist es da, dass ein Teil meines alten Spielzeugs noch immer verfügbar ist - teilweise wieder in neuer Nutzung, wenn auch natürlich nicht durch mich.... :-) Und so liegen wieder Legosteinchen auf dem Fußboden bei uns daheim und es entstehen wieder Häuser, Flugzeuge, Schiffe, alles rein aus der Fantasie heraus. 



Wobei es da ein kleines Spielzeugheiligtum gibt, an das ich keinen anderen heranlasse und vor dessen Verkauf ich immer noch zurückschrecke: Meine alten Star-Wars-Sachen. Für die Spielzeug-Enthusiasten unter uns: Natürlich von Kenner, nicht von Hasbro. Damals, als kleiner Junge, war es mir natürlich unmöglich, die Filme zu sehen, ins Kino konnte ich nicht, einen Videorecorder - als sich diese so ab Mitte der 80er langsam durchsetzten - brauchten wir uns auch nicht zuzulegen, wir hatten ja keinen Fernseher. Alles, was ich kannte, waren kurze Filmausschnitte, die im Spielzeugladen liefen (meine Mutter hat das gehasst, stundenlang mit mir  die immergleichen Filmsequenzen angucken zu müssen) - und die Spielzeugfiguren. Diese faszinierende Mischung aus fremdartigem Mysterium und einer gewissen Düsternis, einer Düsternis, die uns Kinder viel ernster nahm als manches buntes Wabbelspielzeug. Sie waren unsagbar verführerisch, diese merkwürdigen Figuren und Raumschiffmodelle, die einen ganzen Kosmos an Geschichten und Geheimnisse versprachen. Vieles lebte für mich natürlich von diesem Geheimnisvollen, Nicht-Zugelassenen, dem Unbekannten. Kindheit, mit all ihrer Zerbrechlichkeit und all ihren Mysterien, das ist für mich auch in diesem Star-Wars-Spielzeug symbolisiert. Und damit ist ist auch das irgendwie "auch Hoffnungsvoll und Seelenschwer". So wie diese Aktion hier.


Denn der Bundesverband Trauerbegleitung (BVT) - in dem ich ebenfalls Mitglied bin - feiert seinen zehnten Geburtstag in Form einer kreativen Mitmachaktion, zu der noch bis zum Ende des Jahres alle, die Lust haben, zur Teilnahme aufgerufen sind. Auch ohne jeden Bezug zum Thema. Wobei es interessant sein kann, sich den BVT einmal näher anzugucken.



Gegründet mit dem Ziel, der Ausbildung zum Trauerbegleiter in Deutschland einen einheitlichen Lehrplan und ein einheitliches Zertifikat verschaffen zu können, versteht sich der Verband inzwischen als Sprachrohr und Interessenvertretung für alle Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise. Sie sind es auch, die sich zur Teilnahme an der Aktion eingeladen fühlen sollen (alle Infos gibt es unter diesem Link). Wer sich ganz kreativ beteiligen möchte, kann sogar versuchen, ganze 365 Beiträge beizusteuern. Also für jeden Tag eines Kalenderjahres einen. Der Kreativität und der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, allein das Oberthema der Aktion gilt es zu beachten:



Nämlich die Fragestellung: Was sind Kraftquellen, Stolpersteine, was trägt mich in meiner Achtsamkeit, was ist hilfreich für meine Selbstfürsorge? Was bringt Wut in den Bauch, was streichelt meine Seele? Was lässt mich stolpern und wobei schöpfe ich Kraft? Es geht darum, Gefühle und Ressourcen sichtbar zu machen. In Wort, Bild oder anderen kreativen Ausdrucksformen. Die Idee ist es, aus allen Einsendungen eine bundesweite Wanderausstellung zu schaffen. Gleichermaßen soll die Aktion dazu dienen, wieder fokussierter und konzentrierter durchs Leben gehen zu können. Denn dass sich auf den Smartphones die schnell gemachten Fotos häufen, diese aber kaum mehr wahrgenommen werden, ist ein Phänomen unserer Zeit.



Quelle: (1) - Prantl, Heribert; "Kindheit, erste Heimat", Süddeutsche Zeitung Edition, 2015

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Alle Infos zur Aktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" gibt es auf der BVT-Website....

Erster Beitrag zur Fotoaktion (Januar): Warum auch meine alten ausgelatschten Chucks eine Kraftquelle für mich sind

Zweiter Beitrag zur Fotoaktion (Februar): Kraftquelle Waldeswillen - wie sich ein alter und gestürzter Baum einfach nicht unterkriegen lässt und warum das so gut tut

Dritter Beitrag zur Fotoaktion (März): Kraftquelle Kulturerlebnisse - wie sich mein Leben mit allen Tiefern und Höhen auch in Eintrittskarten abbilden lässt

Vierter Beitrag zur Fotoaktion (April): Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

Fünfter Beitrag zur Fotoaktion (Mai): Warum blühende Kastanien für mich zu einem Symbol dafür geworden sind, dass sich Krisen auch überstehen lassen

Sechster Beitrag zur Fotoaktion (Juni): Die alte Teekanne meiner Oma als ein Symbol für die Beständigkeit von Geteiltem im Leben - und für erlebtes Leiden

Siebter Beitrag zur Fotoaktion (Juli): Kindheit, die erste Heimat auf dieser Welt - so voller Mysterien und doch so zerbrechlich - von der Wirkmacht der ersten Jahre

Achter Beitrag zur Fotoaktion (August): Eintauchen in andere Welten durch Rock-LPs und ihre Plattencover - wie mir die Vermischung zweier Künste durch die Zeit half

Neunter Beitrag zur Fotoaktion (September): Standfest, sicher und ausgesetzt - warum die Bäume auf einem Osnabrücker Berg einen so hohen Symbolwert haben 

Zehnter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die erste): Warum eine fundierte Ausbildung für einen Trauerbegleiter so wichtig ist und warum in meiner Schlümpfe eine Rolle spielen

Elfter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die zweite): Ein ganzes Leben unter bunten Buchdeckeln - Warum Blanko-Notizbücher eine Kraftquelle sein können

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen


Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 

Und im Kultur-Blog des Autors: Was "Babylon Berlin" wirklich zu einer ganz besonderen Serie macht - und das ist nicht alleine Bryan Ferry von Roxy Music

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