Mittwoch, 29. August 2018

Eintauchen in andere Welten durch die Vermischung zweier Künste - wie mir Rock-LPs und ihre Cover durch das (jugendliche) Leben halfen - Meine August-Fotos für die Mitmachaktion des Bundesverbands Trauerbegleitung "Hoffnungsvoll und seelenschwer"


Nadel drauf. Erst das Knistern. Dann das Eintauchen in neue Welten.  (Thomas-Achenbach-Fotos)

Osnabrück - Als ich jung war, gab es noch keine CDs. Besser gesagt: Die CD hatte sich noch nicht als massentaugliches Medium durchsetzen können, die "Dire Straits" hatten gerade mal einen zarten Anfang mit dem noch unvertrauten Tonträger gewagt. Wenn wir also Musik hören wollten - und im magischen Alter von zehn, elf Jahren war das Musikhören eine immer wichtiger werdende Beschäftigung -, mussten wir auf Cassetten zurückgreifen. Oder auf Schallplatten aus Vinyl. Heutzutage sind solche Platten wieder schwer angesagt und schwerer gepresst als damals, aber Mitte der 80er Jahre war das Massenmedium Nr. 1 noch viel dünner als heute. Also: Auch technisch, nicht nur inhaltlich. Und dennoch: Das Entdecken von Musik war wie das Eintauchen in einen neuen Kosmos. Unbegrenzte Möglichkeiten und Erfahrungswelten taten sich auf. Traurig zu sein wurde noch leidensvoller, wenn es durch Musik unterstützt wurde - und glücklich zu sein noch schwebender. Das ganze Leben wurde auf einmal "Hoffnungsvoll und seelenschwer". Und damit ist auch meine Reise durch die Welt der Platten als Thema prädestiniert für meine inoffizielle Teilnahme an dieser offiziellen Aktion gleichen Namens... 

Am Anfang reichte noch alles, was gerade in den Charts war. Bunter Plastikpop aus den Produzentenschmieden, die die kompletten 80er Jahre befüllten und die auf mich eine gewaltige Faszination ausstrahlten - Sandra und Michael Cretú ("Samurai" war eine meiner ersten Maxi Singles, "Maria Magdalena" ein heißersehntes absolutes Must-Have als 7-Inch-Single, tausendmal sehnsuchtsvoll umschlichen in der Tonträgerabteilung des hiesigen Kaufhauses Horten), Samantha Fox (tatsächlich wegen der Musik, für nackte Brüste hatte ich damals noch wenig Empfinden), Madonna, Den Harrow, you name it. Besonders begehrt: Maxi Singles, auf denen sich besondere Remixes bekannter Titel fanden. Aber schon relativ bald kam ich dank eines älteren Freundes mit einem ganz anderen Musikhorizont als meinem in Kontakt mit anderen Klängen und Interpreten - und dann ging die Reise erstmal richtig los. 

Das ist Kunst. Plattencoverkunst. Fotografische/gestalterische Kunst. Mal ganz abgesehen vom akustischen Inhalt alleine schon optisch eindrucksvoll.

Denn was sich mir offenbarte, war die Welt der komplexen Rockmusik. Songs, die die Grenze von drei Minuten sprengten, in denen sich ganze Orchester wiederfanden. Progressive Klangwelten. Alben, die in ihrer Gänze einem Konzept folgten. Alleine schon die Plattencover waren verheißungsvoll: Bestückt mit mystischen Symbolen und rätselhaften Fotos, die auf die auf der Platte behandelten Themen hindeuteten, öffneten sie mir die Türen zu einer Kunst, die sich in dieser Mixtur heutzutage nicht mehr entfalten kann. Denn ein CD-Cover hat einfach nicht dieselbe Magie wie das Plattencover einer LP, alleine schon wegen der Größe, und was sich bei Spotify und anderen Streamingdiensten als Bildchen findet, kann damit schon mal gar nicht mithalten. "Eye In The Sky" vom Alan Parsons Project war eine dieser Platten, die mir den Erstkontakt mit dieser durchaus intelligenten Verschmelzung mehrerer besonderer Künste ermöglichten, also der Verschmelzung von Gestaltungskunst und musikalischer Kunst. Vorne drauf das ägyptische Horusauge, der angenehm melancholisch-schwebende Titelsong mit mystisch-mehrdeutigen Religionssymbolen, ein Album, das die Themen Glauben, Kontrolle und Wahnsinn in Bezüge bringt und neu dekliniert... Was sich mir hier anbot, war clever und gleichzeitig angenehm weltenentrückt bzw. alltagsentrückt. Als Teenie und junger Erwachsener habe ich genau das gebraucht. Ich war gefangen - und bin es noch heute. Auch wenn ich inzwischen keine Schallplatten mehr sammele. Muss auch gar nicht. 


Die an der kleinen Kontrolleuchte vorbeisausenden Rillen des Plattentellers haben ihre eigene optische Sogwirkung.

Denn alleine das Betrachten der alten Cover bringt mich wieder in Kontakt mit dieser alten Faszination. Die "Momentary Lapse Of Reason" von Pink Floyd beispielsweise - siehe das Foto weiter oben. Diese tausend leeren Betten, über einen Strand verteilt. Wohlgemerkt: Alles echt. Alles wirklich dorthingestellt, zum Anfassen und Entlanglaufen, eine Heidenarbeit, nix da, Fotomontage oder gar Photoshop - gab es ja alles noch gar nicht, damals. Und das Echte war es auch, was die Fotokünstler besonders inspirierte. So wie den hier aktiven Storm Thorgerson,der nach seinem Ausstieg beim Plattencover-Künstlerkollektiv Hipgnosis genauso hypnotisch weitermachte wie er es dort begonnen hatte. Hypnotisch auch die Musik: Was ich dort hören und betrachten konnte, hatte Sogwirkung, war nahe am Rausch, ganz ohne jegliche Rauschmittel. Was mir das alles an Inspirationen, Impulsen und an Erfahrungswerten ermöglicht hat, ist mit kaum etwas anderem zu vergleichen. Jede Platte, jeder Song darauf steht auch für eine biographische Verankerung: Ich weiß noch, wo ich gewesen bin, beim Anhören, ich weiß noch, wie es mir ergangen ist - welche Schwierigkeiten die jeweiligen Lebensphasen und -prozesse mit sich brachten und was das mit mir gemacht hatte. Alles gespeichert und abrufbereit - Platte auflegen, zuhören, alles wieder da. Und damit sind diese alten Schallplatten irgendwie "auch Hoffnungsvoll und seelenschwer". So wie diese Aktion hier.


Ein bisschen abgegriffen, ein bisschen altbacken, immer wieder faszinierend: Der verbleibende Best-Of-Rest einer einstmals überbordenden Plattensammlung (mit einstmals ziemlich viel Murks darin).

Denn der Bundesverband Trauerbegleitung (BVT) - in dem ich ebenfalls Mitglied bin - feiert seinen zehnten Geburtstag in Form einer kreativen Mitmachaktion, zu der noch bis zum Ende des Jahres alle, die Lust haben, zur Teilnahme aufgerufen sind. Auch ohne jeden Bezug zum Thema. Wobei es interessant sein kann, sich den BVT einmal näher anzugucken. 

Irgendwie noch immer ein Wunderwerk der Technik, wenn auch mit seinen ganz eigenen Macken. Nervig, wenn die Plattennadel gewechselt werden musste.

Gegründet mit dem Ziel, der Ausbildung zum Trauerbegleiter in Deutschland einen einheitlichen Lehrplan und ein einheitliches Zertifikat verschaffen zu können, versteht sich der Verband inzwischen als Sprachrohr und Interessenvertretung für alle Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise. Sie sind es auch, die sich zur Teilnahme an der Aktion eingeladen fühlen sollen (alle Infos gibt es unter diesem Link). Wer sich ganz kreativ beteiligen möchte, kann sogar versuchen, ganze 365 Beiträge beizusteuern. Also für jeden Tag eines Kalenderjahres einen. Der Kreativität und der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, allein das Oberthema der Aktion gilt es zu beachten:



Nämlich die Fragestellung: Was sind Kraftquellen, Stolpersteine, was trägt mich in meiner Achtsamkeit, was ist hilfreich für meine Selbstfürsorge? Was bringt Wut in den Bauch, was streichelt meine Seele? Was lässt mich stolpern und wobei schöpfe ich Kraft? Es geht darum, Gefühle und Ressourcen sichtbar zu machen. In Wort, Bild oder anderen kreativen Ausdrucksformen. Die Idee ist es, aus allen Einsendungen eine bundesweite Wanderausstellung zu schaffen. Gleichermaßen soll die Aktion dazu dienen, wieder fokussierter und konzentrierter durchs Leben gehen zu können. Denn dass sich auf den Smartphones die schnell gemachten Fotos häufen, diese aber kaum mehr wahrgenommen werden, ist ein Phänomen unserer Zeit.

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Alle Infos zur Aktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" gibt es auf der BVT-Website....

Erster Beitrag zur Fotoaktion (Januar): Warum auch meine alten ausgelatschten Chucks eine Kraftquelle für mich sind

Zweiter Beitrag zur Fotoaktion (Februar): Kraftquelle Waldeswillen - wie sich ein alter und gestürzter Baum einfach nicht unterkriegen lässt und warum das so gut tut

Dritter Beitrag zur Fotoaktion (März): Kraftquelle Kulturerlebnisse - wie sich mein Leben mit allen Tiefern und Höhen auch in Eintrittskarten abbilden lässt

Vierter Beitrag zur Fotoaktion (April): Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

Fünfter Beitrag zur Fotoaktion (Mai): Warum blühende Kastanien für mich zu einem Symbol dafür geworden sind, dass sich Krisen auch überstehen lassen

Sechster Beitrag zur Fotoaktion (Juni): Die alte Teekanne meiner Oma als ein Symbol für die Beständigkeit von Geteiltem im Leben - und für erlebtes Leiden

Siebter Beitrag zur Fotoaktion (Juli): Kindheit, die erste Heimat auf dieser Welt - so voller Mysterien und doch so zerbrechlich - von der Wirkmacht der ersten Jahre

Achter Beitrag zur Fotoaktion (August): Eintauchen in andere Welten durch Rock-LPs und ihre Plattencover - wie mir die Vermischung zweier Künste durch die Zeit half

Neunter Beitrag zur Fotoaktion (September): Standfest, sicher und ausgesetzt - warum die Bäume auf einem Osnabrücker Berg einen so hohen Symbolwert haben 

Zehnter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die erste): Warum eine fundierte Ausbildung für einen Trauerbegleiter so wichtig ist und warum in meiner Schlümpfe eine Rolle spielen

Elfter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die zweite): Ein ganzes Leben unter bunten Buchdeckeln - Warum Blanko-Notizbücher eine Kraftquelle sein können

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen


Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 

Und im Kultur-Blog des Autors: Was "Babylon Berlin" wirklich zu einer ganz besonderen Serie macht - und das ist nicht alleine Bryan Ferry von Roxy Music













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