Dienstag, 14. September 2021

Fünf Gründe, warum sich Unternehmen und Vorgesetzte gerade jetzt mit dem Thema Trauer am Arbeitsplatz beschäftigen sollten - warum es jetzt so wichtig ist, langfristig an die Zukunft der Personalplanung denken und die Demografie nicht aus den Augen zu verlieren

Osnabrück - Coronakrise hin oder her: Das Thema "Trauer am Arbeitsplatz" wird zu einem der wichtigsten Zukunftsthemen für Personalabteilungen, Vorgesetzte, Kollegen und Firmen werden - aber eines, auf das die meisten Unternehmen in Deutschland überhaupt nicht vorbereitet sind. Das ist kurzsichtig, wie ein Blick in die aktuellen Statistiken belegt - und ein Blick auf die aktuellen Schlagzeilen. Es naht eine Zeit, in der nicht nur die Anzahl der Angestellten mit einer Pflegeverantwortung in der Familie stark zunehmen dürfte, sondern auch die Anzahl der Mitarbeiter, die akut in einer Trauersituation stecken. Schon jetzt ist mein Artikel zum Thema "Krankschreibung wegen Trauer?" der am allermeisten gelesene Beitrag auf diesem Blog. Und das Interesse an diesen Themen dürfte weiter zunehmen. Die Demografie gibt uns entsprechende Hinweise. Es wird Zeit, hier einmal genauer hinzusehen.

Wo Menschen zusammenkommen, sind Tod und Trauer immer irgendwie mit im Spiel. Und diese Themen sind umso näher, je mehr Menschen sich an einem Ort versammeln. Auch im Unternehmenskontext lässt sich das kaum ausklammern – schon in einem Nicht-Corona-Jahr wie beispielsweise dem Jahr 2018 starben 945 900 Menschen, wie das Statistische Bundesamt erfasst hat. Davon sind rund 140 000 zwischen 20 und 65 Jahren alt, also mittendrin im erwerbsfähigen Alter, wie mir die Zahlen zeigen, die ich für mein Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen" (Campus-Verlag) recherchiert habe. Das heißt, diese Menschen sind vermutlich: Arbeitnehmer bzw. Angestellte, die gerade mitten im Beruf stehen. Es ist vor allem diese Zahl, die in den kommenden Jahren nochmal stark steigen dürfte. Hier sind eine Reihe von Gründen dafür - und es sind alles auch gute Gründe dafür, warum sich Unternehmen und Vorgesetzte gerade jetzt mit dem Thema Trauer am Arbeitsplatz beschäftigen sollten.


(Foto: Thomas Achenbach)

1.) Arbeiten wird eine Alterssache. Bei der Rente mit 68 Jahren ist noch lange nicht Schluss - in der Zukunft könnte es heißen: Rente mit 70. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die "Rente mit 68" zu einem heiß diskutierten Thema in Deutschland wurde. Wieder einmal. Das war im Juni 2021 und stammte aus einem Vorschlagspapier, das Regierungsberater an die Bundesregierung weitergegeben hatten und über das verschiedene Medien, unter anderem die Tagesschau, dann berichtet hatten. Doch was die Wenigsten mitbekommen haben: Während diese Vorschläge der Berater bereits für allerlei Diskussionen sorgten und ihre Runde durch das Schlagzeilenkarussell aller Medien drehten, meldeten sich Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zu Wort und legten noch einmal eine Schippe nach: Das Renteneintrittsalters auf müsse spätestens ab dem Jahr 2052 auf 70 Jahre erhöht werden, lautete ihre Forderung. Die Gründe dafür haben mit den nächsten Punkten auf unserer heutigen Liste zu tun.

2.) Die Anzahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wird ebenfalls um mehrere Millionen weiter steigen - so wird es beispielsweise vom Demografieportal des Bundes und der Länder prognostiziert (Link siehe hier): Bis zum Jahr 2060 soll der Anzahl der Menschen, die pflegebedürftig sein werden, auf bis zu fünf Millionen steigen. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 waren noch rund 2 860 000 Menschen, bei denen Pflegebedürftigkeit eine Rolle spielte. Die Anzahl der Pflegebedürftigen könnte dann die Anzahl der zu betreuenden Unter-Sechs-Jährigen übertroffen haben, heißt es. Was hierbei noch erschwerend hinzukommt: Es gibt ein enormes Dunkelfeld, das statistisch gar nicht auftaucht. Familien, die ihre Pflegeverantwortung irgendwie selbst organisieren und wahrnehmen, die sich irgendwie durchwurschteln, ohne Pflegedienste, ohne Pflegestufe, ohne eine Pflegekraft daheim. Ich kenne ein paar solcher Familien. Fälle, die bereits viel Kraft kosten, die aber statistisch noch gar nicht erfasst sind.


(Foto: Thomas Achenbach)

3.) Daraus folgt aber auch: Die "familienfreundliche Arbeitgeberpolitik" wird ihren Fokus noch viel stärker auf die Bruchstellen des Leben legen müssen, also vor allem auf das Alter, nicht nur auf Kinder und junge Familie. Das ist übrigens etwas, was mich in der Coronakrise mit am meisten verwundert hat: Dass das Thema der Menschen in einer Pflegeverantwortung daheim so ausgeklammert geblieben ist. Selbst die anfangs noch belächelten Familien, deren Sorgen zu Beginn keiner so richtig ernst genommen hatte (man erinnere sich an das unwürdige Wort der "Micky-Maus-Politik" zu Zeiten der mit Flatterband abgesperrten Spielplätze), bekamen in den Lockdowns irgendwann mehr Aufmerksamkeit - aber wie es den Zuhausepflegenden ergangen ist, deren Alltag in der Pandemie sicher ebenso an Belastungen zugelegt hat, davon war so gut wie nichts zu lesen oder zu hören. Für mich war das ein deutliches Zeichen, wie wenig unsere Gesellschaft und die Menschen darin - und damit auch die Arbeitgeber - diesen Problembereich bisher wahrgenommen haben. Das wird sich zwangsläufig ändern (müssen), siehe unter Punkt 2. 

4.) Mehr Menschen werden auf der Arbeit sterben: Zahlen der gesetzlichen Unfallversicherungen haben noch in den Jahren vor Corona gezeigt, dass rund 450 Menschen pro Jahr einem tödlichen Arbeitsunfall erlegen – sie sterben auf der Arbeit und während der Arbeit. Auch diese Zahl dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen. Wenn die arbeitenden Menschen erstens älter werden und zweitens durch immer mehr Home Office etc. auch immer "unbeobachteter" (was, wie alles im Leben, seine zwei Seiten hat - Problemkrankheiten wie z. B. Alkoholismus lassen sich durchs Home Office indes besser verstecken), wäre das eine naheliegende Konsequenz. Und wo wir schon beim Thema Zahlen sind: Der Produktivitätsverlust durch seelische Krankheiten, aber eben auch durch Trauer, wird weiter steigen. Schon im Jahr 2012 hatte die damals durchgeführte "DAK-Gesundheitsstudie" diesen mit einer Verlustsumme von 13 bis 15 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. Last but not least, gibt es noch einen weiteren Punkt zu bedenken:


(Foto: Thomas Achenbach)

5.) Die Werte der Arbeitnehmer haben sich massiv verändert. Alles ist im Wandel - und das rasend schnell. Digitalisierung, globale Vernetzung, ständig neue Technologien, kaum etwas hat mehr langfristigen Bestand. Das zehrt an den Nerven der Menschen - und genau an dieser Schnittstelle müssen Arbeitnehmer sich auch seelisch aufgefangen fühlen können. In einer immer unsicher werdenden Welt, in der auch der Arbeitsplatz schon lange nicht mehr als ein verlässlicher, sicherer Hafen angesehen wird, kommt der Familie bzw. der Lebenspartnerschaft - welcher auch immer - als kleinstem Kern der Gesellschaft wieder eine gesteigerte Bedeutung zu. Nach dem Motto: Wenn schon die ganze Welt immer unsicherer wird, soll wenigstens diese kleinste Zelle von einer größtmöglichen Sicherheit und Stabilität getragen sein. Unter anderem deswegen entscheiden sich so viele Arbeitnehmer für die Elternzeit oder die eigene Pflegeverantwortung (sicher auch aus ökonomischen und sonstigen Gründen). Gleichzeitig schwebt über allem das Thema "Purpose", also die Frage nach dem Sinn der Arbeit, nach dem Wert eines jeden Menschen innerhalb eines Unternehmens. Die Wertschätzung von Angestellten darf auch deswegen mit dem Tod nicht einfach enden. 

Was daraus folgt: Erfolgreiche Personalpolitik sollte sich als „lebensphasenorientiert“ verstehen. Was mit den Stichworten New Work und Purpose und Selbstbestimmung begonnen hat, ist ein Prozess, der längst noch nicht abgeschlossen ist: Die Mitarbeiter wollen als Partner auf Augenhöhe behandelt werden, nicht alleine als Untergebene. Sie wollen einen Sinn in ihrer Arbeit sehen können. Von morgens 9 bis nachmittags 17 Uhr arbeiten gehen und dann mit dem verdienten Geld sein Leben gestalten, das reicht den meisten Menschen heute nicht mehr. Wer als Unternehmen erfolgreich sein möchte, hat die individuellen, persönlichen Ziele der Mitarbeiter immer im Blick, während auf der anderen Seite die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung auf ein maixmalmögliches Niveau gehoben wird - denn nur wer sich als Mensch wahrgenommen fühlt, wer sich einbringen und entfalten kann und wer gut vermittelt bekommt, dass seine Arbeit auch etwas Wichtiges beiträgt, bleibt auch langfristig dem Unternehmen treu (und loyal). Die Führungskultur eines erfolgreichen Unternehmens trägt dem Rechnung - indem sie die Mitarbeiter auch auf der persönlichen Ebene ansprechen und gut begleiten kann. Privatleben und Beruf verschränken sich nicht alleine durch das Home Office immer mehr ineinander, sondern auch durch den Anspruch, den junge Eltern oder ältere Arbeitnehmer mit einer Pflegeverantwortung an die Vereinbarkeit dieser beiden Bereiche haben. Eine gute Personalpolitik hat die Lebenszyklen eines Arbeitnehmers daher ebenso im Blick wie die sich aus diesen Zyklen ergebenden Bedürfnisse. Und da gehören die Themen Trauer und Tod eben unmittelbar dazu. Wie aber können Unternehmen diese Themen gut in ihre Personal- und Führungspolitik integrieren, was erwarten die Arbeitnehmer heutzutage? 


(Foto: Pixabay/Gerd Altmann, CC-0-Lizenz)


Anregungen und Impulse dazu gibt in weiteren Artikeln auf diesem Blog sowie in meinem Buch "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise" aus dem Campus-Verlag, das im März 2020 erschienen ist.




----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer, wie lange dauert das eigentlich - und wann ist es endlich mal vorbei? Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

------------------------------------------------------------------------------------------



Montag, 6. September 2021

Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn" im Radio? Warum hört man das so oft im Verkehrsfunk? Ich habe eine ganz persönliche These zu dieser Frage - und sie hat mit den Themen Trauer und Unfalltod zu tun...

Osnabrück - Im Verkehrsfunk ist diese Warnung oft zu hören: "Fahren Sie bitte vorsichtig, es sind Personen auf der Fahrbahn..." Aber warum eigentlich? Was machen diese Personen denn da? Wer einigermaßen bei Verstand ist, der würde doch nicht zu Fuß auf eine Autobahn gehen, oder? Oder auf eine Landstraße ohne Seitenstreifen? Mich hat das schon immer stutzig gemacht - und inzwischen habe ich eine ganz persönliche These entwickelt, was da los sein könnte. Eine These, für die ich bislang keine offizielle Bestätigung bekommen konnte (trotz einiger Rechercheanfragen) und die deswegen meine ganz persönliche These bleiben wird. Und sie hat, wen würde es wundern, mit Trauer zu tun. Und mit Unfalltoten.

Ich habe Polizisten befragt. Rettungskräfte. Und Notfallseelsorger. Aber keiner konnte mir eine wirklich schlüssige Antwort auf die Frage geben, warum so oft Personen auf einer Fahrbahn anzutreffen sein sollten. Denn wer in gewisser Regelmäßigkeit den Verkehrsfunk hört, dem wird auffallen, dass diese Meldung nicht unbedingt Seltenheitswert besitzt. Zu den Vermutungen, die die Sicherheitskräfte äußern, gehören diese: Es könnten Unfallfahrer sein, deren Fahrzeuge liegengeblieben sind. Es könnten stark alkoholisierte Menschen sein, die sich verirrt haben. Manches Mal sollen sich auch Radfahrer auf die Autobahnen begeben, weil sie sich in den Auffahrten vertan haben - oder weil sie leichtsinnigerweise ihren Übermut ausleben müssen. Aber keiner der von mir befragten hat jene Vermutung geäußert, die ich persönlich für die schlüssigste halte: Es könnten Angehörige sein, die einen Unfallort aufsuchen wollen. Weil sie in diesem Unfall einen Menschen verloren haben und diesem nun nahe sein wollen. Dass dieses Bedürfnis innerhalb eines Trauerprozesses enorm groß werden kann, dafür gibt es zahlreiche Belege. 


(Foto: Pixabay.de, User: Monsterkoi, Pixabay-Lizenz)

Diese zeigen sich in Form der zahlreichen am Straßenrand stehenden Trauerstätten - kleine Kreuze, kleine Gedenkorte, privat eingerichtet, meistens von den Behörden geduldet, an den Rändern von Landstraßen oder auch in Innenstädten, zeugen seit einigen Jahren von der besonderen Wirkmacht, die der Ort eines Todes auf Menschen haben kann. Dorthin zu gehen, wo es geschah, an diesen Ort eines Übergangs, kann für die Angehörigen ein wichtiges und wohltuendes Ritual darstellen. Eines, das viele Bedürfnisse erfüllt, die sich innnerhalb eines Trauerprozesses einstellen können - auch wenn das besonders schwer vorstellbar ist für alle anderen Menschen, die einen solchen Prozess noch nicht erleben mussten. Und gerade bei einem gewaltsamen Tod, der mit einer unvorhersehbaren Plötzlichkeit ein Leben beendet hat, stehen die Hinterbliebenen vor einer besonders schwierigen Aufgabe: Dem Begreifen dessen, was da geschehen ist.

Ein Ort des Übergangs und der Transzendenz

Auch für diesen Prozess kann es enorm hilfreich sein, sich an den Ort zu begeben, an dem es geschehen ist und ebendort zu versuchen, einer Form von Verständnis für das an sich ganz Unbegreifliche näherzukommen. Außerdem ist es ein Ort, an dem der innere Schmerz den Raum bekommen kann, den er im normalen Alltag nicht immer bekommt. So kommen dem Ort des Todes gleich mehrere Funktionen zu, die innerhalb eines Trauerprozesses von Bedeutung sein können: Dort hinzugehen, um sich durch seine Trauer durchzufühlen; oder um sich den Gestorbenen nahezufühlen, andererseits; oder dort hinzugehen, um sich im Begreifen dessen zu versuchen, was dort geschehen sein könnte. Und schließlich atemt der Ort des Todes für manche Menschen auch eine Form von Transzendenz. Als sei etwas fühlbares Seelisches des gestorbenen Menschen für immer dort verhaftet geblieben, so kommt es manchen vor. Leider gibt es zu diesem Thema keinerlei aussagekräftige Forschung - wohl aber zum Thema der wilden Trauerstätten an den Straßenrändern. 


(Foto: Pixabay.de, User: Free-Photos, Pixabay-Lizenz)

Damit hat sich nämlich die Soziologin Christine Aka intensiv beschäftigt. Die inzwischen in Münster lehrende Volkskundlerin hat zwischen 2000 und 2003 zum Thema Unfallkreuze geforscht und eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Buch zum Thema veröffentlicht („Unfallkreuze – Trauerorte am Straßenrand“ erschien im Waxmann-Verlag), außerdem hat sie im Jahre 2010 einen bemerkenswerten und sehr klugen Zeitschriftenbeitrag über das Thema für die Zeitschrift: „Alltag im Rheinland“ geschrieben, die vom Landschaftsverband Rheinland herausgegeben wird. Und auch sie geht in ihren Texten auf den Ort des Todes mit seinen mythischen Funktionen ein: „Gerade der gewaltsame Tod führt zu dramatischen Anforderungen an die Psyche des einzelnen Trauernden. Individuelle Psychologie, also Gefühle, und gesamtkulturell interpretierbare Phänomene gehen in der Trauer eine komplexe Verbindung ein,“ schreibt Aka in diesem Text. Daher würden diese wilden Trauerstätten zu einem „Hinweis auf Schmerzzonen, für die kaum eine andere Ausdrucksformen zur Verfügung stehen. Diese klugen Beobachtungen machen verstehbar, warum Trauernde gerne an diese Orte zurückkehren, an denen, salopp gesagt, „es geschehen ist.“ 

----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer, wie lange dauert das eigentlich - und wann ist es endlich mal vorbei? Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

------------------------------------------------------------------------------------------


Montag, 26. Juli 2021

In der Sommerpause 2021: Ein paar Best-Of-Trauerblog-Lesetipps zur weiteren Beschäftigung mit den Themen Trauer, Tod und Sterben (aber auch für angehende Trauerbegleiter oder an einer Qualifizierung Interessierte) - im September soll es hier dann weitergehen mit neuen Artikeln und Themen

Osnabrück - Ein paar Lesetipps für den Sommer gefällig - rund um die Themen Trauer, Tod und Sterben? Gerne. Übrigens auch für alle, die sich mit der Idee beschäftigen, selbst einmal Trauerbegleiter zu werden - mir ist aufgefallen, dass ich über die Jahre einiges an Tipps und Impulsen zu den Themen Professionelle Gesprächsführung, professionelle Haltung und anderen angesammelt haben, siehe die Linkliste unten...Ich selbst gönne mir allerdings gerade eine Pause. Ist diesmal auch bitter nötig.

Nun haben wir hier bei uns zuhause seit Oktober 2020 und bis zum heutigen Tag brutal durchgezogen, ohne uns auch nur einmal ein Durchatmen zu gönnen, fast zehn Monate lang. Wir haben uns irgendwie durch unsere erste Pandemie mit all ihren besonderen Anstrengungen hindurchgearbeitet, mit junger Tochter und zwei Erwachsenen mit vier Tätigkeiten, mit Home Schooling, Home Office, Home-Everything, etc. - und, Mann, das war anstrengend! Selten hatte ich eine Pause nötiger als jetzt - und positive Erfahrungen wie zum Beispiel ein Livekonzert im Osnabrücker HafenHoffen wir mal, dass es im Herbst 2021 nicht gleich wieder so weitergeht. Aber wir werden sehen. Noch bis Ende August ist dieser Blog erstmal in seiner alljährlichen Sommerpause. Aber ich habe mir erlaubt, ein paar Best-Of-Lesetipps zusammenzustellen, für alle, die dennoch ein bisschen was hier lesen wollen. Allen einen möglichst irgendwie erholsamen Sommer!




------------------------------------    :-)    --------------------------------------------

Von der Trauerbegleitung bzw. der Hospizbewegung für das Leben lernen - Tipps, Tricks und Strategien zum Überstehen von Krisen und anderes:


- Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - was uns in seelischen Krisen helfen kann, wie wir mit nur kleinen Schritten für gute Prozesse in einer Krise sorgen können

- Angehörige beim Sterben begleiten, worauf es dabei ankommt - und warum uns ein rasselndes Atmen nicht so arg beunruhigen muss - ein bisschen "Letzte Hilfe"

- Meine Lieblingszitate rund um Trauer, Tod und Sterben aus diesem Blog - hilfreiche Sätze von Interviewpartnern, Gesprächspartnern und von anderen

------------------------------------    :-)    --------------------------------------------

Artikel über das Erleben von Trauer, Schuldfragen, das "Bearbeiten" von Trauer:


- Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

- Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - wie wir von einer neuen britischen Rechtsprechung viel Gutes lernen und abgucken können 

-  Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so vermeintlich "Merkwürdiges" tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

- Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

- Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

- Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines nahestehenden Menschen - was mache ich mit all diesen Sachen und warum ist das so hart?

- Was soll nach dem Tod eines Menschen gefeiert werden? Nur der Todestag, auch der Geburtstag? Und wie geht das am besten?


------------------------------------    :-)    --------------------------------------------

Artikel für alle, die sich für eine Qualifizierung zum Trauerbegleiter bzw. innerhalb der Hospiz- und Palliativszene interessieren:


- Professionelle Gesprächsführung mit Menschen in einer Krisensituation - was wir vom Modell der Spiegeltechnik für die Trauerbegleitung lernen können

- Eine Frage der Haltung: Trauerbegleiter sollten stabil sein und sich mit ihren eigenen Schicksalsschlägen beschäftigt haben - warum Haltung so wichtig ist

- Sieben Gründe, warum ich Trauerbegleitung gerne in Form eines Spaziergangs anbiete und warum das ein optimales Setting für eine gute Begleitung sein kann

- Wir sind auf dem Weg in eine Sterbegesellschaft - Zahlen, Fakten und Daten darüber, warum Hospiz- und Trauerkultur mittelfristig immer wichtiger werden 

- Warum die "Aberkannte Trauer" bzw. die "Sozial nicht anerkannte Trauer" immer wieder vorkommt und warum das für die Betroffenen so hart sein kann


------------------------------------    :-)    --------------------------------------------

Alle Folgen aus der Artikelserie "Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben":


- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine sehr exakte Studie über das ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das mit Oscars ausgezeichnete US-Drama "Manchester By The Sea" über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählt - zur Folge 3 der Serie

- Wie der Tod zweier Söhne ein Familiensystem ins Wanken bringt und warum "The Door In The Floor" nach John Irving ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama bringt das System einer Familie ins Wanken, eindrucksvoll und doch zurückhaltend genug gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5


------------------------------------    :-)    --------------------------------------------



Gegen Anfang September 2021 soll es hier weitergehen auf diesem Blog. Dann wird es wieder, wie gewohnt, immer mal wieder einen neuen Blogbeitrag geben. 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken).

Alle aktuellen Termine, Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare etc. mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum die Mutter von Rolf Zuckowski auf dem Sterbebett einen Song ihres Sohnes zitierte - der Kindermusiker über seine Trauererfahrungen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

---------------------------------------------------------------------------------------------

Donnerstag, 15. Juli 2021

Es naht eine Zeit, in der wir die Sehnsucht nach den Toten jederzeit werden stillen können - aber was macht das dann mit der Trauer? Werden wir immer noch begreifen können, dass Menschen gestorben sind, wenn wir jederzeit mit ihren digitalen Abbildern sprechen können? Wie das "Digital Afterlife" in Kürze die Bestatterbranche und die menschliche Trauer komplett verändern könnte...

Osnabrück - Mit den Toten reden können. Und sie antworten Dir. Also nicht nur in Deiner Phantasie, sondern in echt - Du bekommst eine tatsächlich gesprochene Rückantwort auf das, was Du gesagt hast, und es bezieht sich auf Dein Gesagtes. Du kannst die Toten auch sehen. Bis vor wenigen Jahren war das Zukunftsmusik, jetzt ist es bereits Realität. "Digital Afterlife" heißt diese sich entwickelnde Branche. Zum Einsatz kommen aus alten Videos und Fotos destillierte Bilder und ein mit der Stimme des toten Menschen programmierter Chatbot, also ein computerisiertes Sprachsystem, gekoppelt an eine künstliche Intelligenz. Aber wie wird sich das auf die Menschheit auswirken, wenn die Sehnsucht nach den Gestorbenen nicht mehr länger unstillbar bleiben muss? Wie wird es die Trauer verändern? Und wie das, was ich anbiete - also die Trauerbegleitung? 

Mit das Quälendste, das die Trauer uns bringen kann, ist diese enorme Sehnsucht nach dem oder den gestorbenen Menschen. Eine so starke Sehnsucht, dass sie sich manchmal sogar in Form eines Nachsterbenwollens manifestieren kann, weil wir der Idee verfallen können, dort sein zu wollen, wo die Gestorbenen jetzt sind. Diese Sehnsucht ist unstillbar und gerade deswegen so quälend. Und eben weil sie so gewaltig sein kann, ist sie auch ein phantastisches Geschäftsmodell. Kein Wunder also, dass manche Menschen gerade daran arbeiten, diese Unstillbarkeit abzuschaffen. Werfen wir einen Blick in Richtung Südkorea und einen zweiten Blick in Richtung Kalifornien/USA, stoßen wir bereits auf die ersten Techniken, die das ermöglichen. Die Süddeutsche Zeitung hat in ihrer Samstagsausgabe vom 15./16. Mai 2021 zusammengefasst, wie weit diese Technologien schon fortgeschritten sind - in einem ebenso erschreckenden wie erhellenden Artikel.


(Foto: Pixabay.com, CC-0-Lizenz)

Man stelle sich das vor: Beim Bestatter wird nach der Auswahl des Sargs und des passenden Ritualgestalters für die Trauerfeier auch direkt ausgesucht, in welcher Form der gestorbene Mensch zu uns zurückkehren könnte. Reicht es auf dem Smartphone oder sollte es besser in der Virtual Realitiy sein? Was die TV-Serie "Upload" auf dem Streamingportal Amazon Prime derzeit komödiantisch durchspielt, könnte in gar nicht allzu ferner Zeit zum erweiterten Standardangebot eines jeden Bestatters gehören: Dass wir von den gestorbenen Menschen digitale Kopien anfertigen können und mit ihnen interagieren können. Das mag verrückt klingen, aber es hat bereits einen Namen und mehrere Anbieter: unter dem Stichwort "Digital Afterlife" kannst Du Dir bei einer Firma Deine Toten lebendig werden lassen. Jetzt schon. Was Du dafür brauchst, ist lediglich eine gute Portion an digitalem Material, das den gestorbenen Menschen zeigt - Videos, vor allem, aber auch Fotos, Sprachaufnahmen, Audionachrichten aus Whatsapp etc. -, die Du einer Firma zur Verfügung stellst. Und diese Firma macht daraus einen Avatar, dem Du in der Virtual Realitiy (VR) begegnen und mit dem Du interagieren kannst. Einfach die VR-Brille aufgesetzt, schon sitzt Dein Toter wieder neben Dir auf dem Sofa. Ach, hallo, wieder da...? 

Weltbekannt: Die wiederbelebte gestorbene Tochter

Der gestorbene Mensch könnte Dir einen Witz erzählen. Oder ein Lied singen. Alles kein Problem. Das bislang wohl bekannteste Beispiel für eine solche digitale Wiederbelebung ist im Februar 2020 um die ganze Welt gegangen: Die siebenjährige Na Yeon, die an einer seltenen Krankheit gestorben war, wurde für ihre Mutter von der Firma "Vive Studios" als Avatar in die virtuelle Realität zurückgeholt. Wie realistisch das Kind aussieht, lässt sich anhand einiger auch in Deutschland in Nachrichtenmagazinen gezeigten Videos eindrucksvoll selbst erleben (z. B. über die Website des Spiegels unter diesem Link). Überhaupt, die Sehnsucht nach den gestorbenen Kindern - in den Männergruppen mit verwaisten Vätern, die ich selbst erleben durfte, war das immer wieder ein großes Thema. Aber ist es auch gut, wenn diese Sehnsucht erfüllt werden kann? Werden die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise das als hilfreich erleben, als tröstend - oder wird die Realität dadurch nur noch unaushaltbarer? 


(Foto: Pixabay.com, CC-0-Lizenz)


Eine der Grundfrage, die wir dann ebenfalls neu denken müssen: Braucht Sehnsucht die Unerfüllbarkeit? Ist diese Unerfüllbarkeit nicht im Grunde die Definition von Sehnsucht? Braucht es also für die Hinterbliebenen die Gnadenlosigkeit des Todes, damit sie sich wirklich einem Begreifen annähern können? Denn dieses Begreifen ist von einer enormen Bedeutung für den Trauerprozess. Eines der überzeugendsten Trauermodelle, das es gibt und das ich immer wieder gern zitiere, stammt von dem amerikanischen Forscher und Psychologen Dr. William J. Worden, der sein Modell als "Die Aufgaben der Trauer" - The Tasks Of Mourning - beschreibt (ich habe an anderer Stelle bereits ausführlicher darüber geschrieben)Worden sagt, dass uns die Trauer in Wahrheit vor Aufgaben stellt, die wir zu absolvieren haben. Und die erste und zugleich die schwierigste Aufgabe, sagt Worden, ist das Begreifen. Was genau heißt das?

Als Trauerbegleiter in den virtuellen Raum einsteigen

Es geht darum, die Tragweite des Verlusts zu akzeptieren, diesen als neue Realität anerkennen zu lernen. Der oder die Gestorbene ist tot, wird nicht wiederkehren, das muss erstmal verinnerlicht werden. Oft geht das nur in ganz kleinen Stücken oder ganz kleinen Schritten, oft berichten Trauernde, dass der Verstand dort weiter ist als das Herz es jemals sein könnte. Es ist ein enorm wichtiger, aber enorm schwieriger Prozess - für den aber die Abwesenheit der gestorbenen Menschen, die Endlichkeit des Lebens, die entscheidende Grundzutat ist. Was aber geschieht mit uns, wenn diese Abwesenheit wiederum, sagen wir, "aufgeweicht" werden kann? Wird es den Prozess des Begreifens verzögern? Wird es ein wirkliches Begreifen vielleicht gar verhindern? Oder wird es keine Rolle spielen, weil wir im Inneren doch irgendwie wissen, dass der Avatar des gestorbenen Menschen ja gar nicht echt ist? Zumal die Technik sich immer weiter entwickeln wird, sprich: Die technisch neu erzeugten Menschen werden in naher Zukunft immer besser wie echte Wiederbelebte wirken und agieren können. Das wiederum bedeutet - für die Trauer:


(Foto: Pixabay.com, CC-0-Lizenz)


Ich glaube, wir werden das Phänomen der Trauer in Teilen neu definieren müssen und neu denken müssen, wenn sich die virtuelle Wiederbelebung einmal durchgesetzt haben sollte. Zum Beispiel könnte es denkbar sein (und, in Teilen, vielleicht auch sinnvoll) eine Trauerbegleitung direkt in diesen virtuellen Raum zu verlagern. Sich als Trauerbegleiter in manche der Kontakte zwischen dem toten Menschen und dem leben Menschen mit einzuschalten, vielleicht als eine Art Scharnierfunktion oder um den Übergang vom digitalen in den echten Raum mitgestalten zu können - aber natürlich nur, wenn der zu begleitende Mensch dem zugestimmt hat, es handelt sich ja trotz aller Digitalität immerhin um etwas sehr Intimes - und zutiefst Menschliches. Jede Menge Pixel und Datenvolumen, aber alle vollgesogen von Menschlichkeit. Eine merkwürdige Welt kommt auf uns zu.

----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer, wie lange dauert das eigentlich - und wann ist es endlich mal vorbei? Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

------------------------------------------------------------------------------------------


Donnerstag, 8. Juli 2021

Wie ein ganz kleiner Dialog aus einem bemerkenswerten Film deutlich macht, was Trauernden gut tun kann (und was nicht) und wie wir gut mit ihnen ins Gespräch kommen können - Von Bill Murray für das Leben lernen

Osnabrück - Er hat gerade seine Frau verloren, der alte Grantler Vincent von nebenan, großartig gespielt vom unvergleichlichen Bill Murray. Und als der Nachbarsjunge Oliver ihm sagt, wie leid ihm das tut, entwickelt sich ein kleiner, aber bemerkenswerter Dialog zwischen den beiden. Es ist die Sorte Dialog, in dem so vieles drinsteckt, was die Menschen tatsächlich erleben, dass er eine nähere Betrachtung lohnt - auch wenn er aus nur vier Zeilen besteht.

Oliver hat gerade erst mitbekommen, dass die Frau von Vincent, die wegen einer Erkrankung in einem Pflegeheim gelebt hat, gestorben ist - und weil Vincent daselbst einen Schlaganfall erlitten hatte, hat er diesen Sterbeprozess ebenfalls gar nicht mitbekommen. In der deutschen Synchronfassung heißt es dann:

Oliver, der Junge: Tut mir leid, Vincent... - mein Beileid.

Vincent, der Nachbar: Hab nie verstanden, warum die Leute das sagen.
Oliver, der Junge: Sie wissen nicht, was sie sonst sagen sollen.
Vincent, der Nachbar: Wie wär's mit: Wie war sie so? Vermisst Du sie? Oder: Was wirst Du jetzt tun?

Alle Filmfotos: Polyband, mit freundlicher Genehmigung bei Abdruck des Hinweises: DVD/Blue-Ray erhältlich via Polyband Medien)



Als Trauerbegleiter kann ich da nur sagen: Von Vincent lässt sich was lernen. Von Bill Murray sowieso. Und weil ich zu denen gehöre, die grundsätzlich alles im Originalton gucken, hier die Original Fassung dieses Dialogs): 

Oliver: Sorry, Vin, for your loss.

Vincent: Never understood... why people say that.

Oliver: They don't know what else to say.

Vincent: How about, "What was she like?" "Do you miss her?" Or: "What are you gonna do now?"



Der Film ist derzeit, im Juni 2021, via Netflix und auf DVD oder Blueray verfügbar

------------------------------------------------------------------------------------------

Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme":


- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine sehr exakte Studie über das ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das mit Oscars ausgezeichnete US-Drama "Manchester By The Sea" über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählt - zur Folge 3 der Serie

- Wie der Tod zweier Söhne ein Familiensystem ins Wanken bringt und warum "The Door In The Floor" nach John Irving ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama bringt das System einer Familie ins Wanken, eindrucksvoll und doch zurückhaltend genug gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5


----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer, wie lange dauert das eigentlich - und wann ist es endlich mal vorbei? Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, unter diesem Link

------------------------------------------------------------------------------------------



Donnerstag, 1. Juli 2021

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 5 - Was der deutsche Suizid-Film "Der letzte schöne Tag" alles richtig macht und wie realistisch er die ersten Tage nach dem Tod einer Mutter zeigt - Wie Familien auf den Suizid eines Mitglieds reagieren - Serie über "Die besten Trauerfilme", Tipps/Rezensionen

Osnabrück - Er spielt Verstecken, beim Leichenschmaus für seine Mutter. Und während der 7-jährige Piet zwischen vielen Füßen auf dem Fußboden sitzt und auf das kleine Nachbarsmädchen wartet, das ihn suchen soll, unterhalten sich die Erwachsenen jenseits der Tischplatte über ein Thema, das sie als "Selbstmord" bezeichnen. Eine weibliche Stimme, zaghaft: Man solle doch besser Suizid sagen. Eine männliche Stimme, entschieden: Das sei doch nur lateinisch für dasselbe. Ob der arme Junge da unten wohl ahnt, dass es dabei um seine soeben beerdigte Mutter geht? Dass die Erwachsenen ihm unbeabsichtigt offenlegen, was ihm der Vater lieber verheimlichen wollte? 

Aber Piet hört gar nicht richtig hin. Er ist vertieft ins Spiel; Kind, das er noch ist. Beim Spielen hat die Trauer keinen Platz. Eine von vielen Szenen, die "Der letzte schöne Tag" zu einem starken und sehenswerten Film machen - und zu einer sehr exakten Studie darüber, wie sich das Weitermachen für eine Familie anfühlt, wenn sich jemand aus ihrem vermeintlich so festen Gefüge das Leben genommen hat. Damit gehört der 2011 veröffentlichte Film unbedingt in diese Serie über die besten Trauerfilme - zumal er für einen Fernsehfilm in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich ist. 

Lästereien auf der Trauerfeier - gerade tot, schon belächelt


Was können uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen? Können wir etwas über das Leben lernen? Kommen sie der Lebenswirklichkeit von Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation nahe? Diese Fragen bilden sozusagen das Grundgerüst für meine Reise durch die Welt der Trauerfilme, die ich für diesen Blog unternehmen möchte. "Der letzte schöne Tag", gedreht für die ARD als ein so genanntes Fernsehspiel, bietet auf all diese Fragen viele Antworten. Zum Beispiel dieser Leichenschmaus: Der frische Witwer bleibt nahezu unbeteiligt, während sich die Gespräche an den Tischen um die gestorbene Familienmutter, also seine Frau, drehen. Die sei ja immer so unordentlich gewesen. Und so schwierig. Dass sie krank gewesen ist, hat der von Wotan Wilke Möhring eindrucksvoll gespielte Lars Langhoff seinen beiden Kindern immer wieder gesagt. Depressiv, verschlossen, überfordert. Dass sie sich deswegen umgebracht habe, hat er zumindest seiner Tochter erzählt. Dass das nichts mit den Kindern zu tun habe. Und doch wird diese Krankheit in den Leichenschmaus-Gesprächen zu etwas Bizarrem und Fremdartigen gewendet, wird die Tote zum Sonderling erklärt. Als dann später auch noch an manchen Tischen herzlich gelacht wird, dreht sich die 14-jährige Tochter Maike Langhoff angewidert weg. "Das hier hat doch gar nichts mit Mama zu tun", sagt sie. 


(Alle Fotos: Hager-Moss-Film-GmbH/ARD, mit freundlicher Genehmigung)

Wie realitätsgetreu dieser Film sein Thema zu durchleuchten versteht, zeigt sich schon zu Beginn: Gleich zum Start erledigt die Mutter noch eine Reihe von Telefonanrufen. Sie erkundigt sich bei der pubertierenden Tochter Maike, wann diese fürs Kino verabredet sei. Was die Tochter ziemlich nervt - Kontrollanruf oder was? Sie ruft ihren Sohn Piet an und sagt ihm, dass sie ihm eine spontane Übernachtung bei seinem Lieblingsfreund organisiert hat, worüber der sich sehr freut, jedoch wartet ja schon das Fußballspiel, ob denn noch was sei? Sie ruft ihren Mann an um zu fragen, ob es spät würde am Abend, was es wird, denn es ist der erste schöne Tag des Jahres und als Landschaftsgärtner muss die Pflanzzeit ausgenutzt sein. Es ist aber auch der letzte schöne Tag des Jahres, wie der Filmtitel uns sagt. Und bald wird allen klar: All diese Anrufe verfolgten einen perfiden Zweck. Sie waren Teil eines klug ausgetüftelten Plans. So ist das tatsächlich, wenn Menschen fest entschlossen sind, sich das Leben zu nehmen: Sie basteln sich ein Organisationspuzzle rund um den Zeitpunkt ihres Suizids. Der Film läuft keine Viertelstunde, dann ist der Suizid längst vollzogen. Mit den Warums und Wiesos hält sich die Geschichte gar nicht erst auf, das ist nicht ihr Thema. Sie will erzählen, wie es den Hinterbliebenen geht, den Zurückbleibenden, der Familie. Auch den Kindern.


Wenn wir die Mutter erstmals sehen, ist sie schon tot


Dass die Mutter übrigens bei all diesen Anrufen gar nicht zu sehen ist, sondern nur die Angerufenen und ihre Reaktion, ist der klugen Dramaturgie des Films geschuldet: wir sehen die von Julia Koschitz gespielte Sybille Langhoff erst als Tote. Und auch in den wenigen Erinnerungsrückblenden, in denen sie wieder auftaucht, bleibt sie geisterhaft, matt, sie spricht nicht, verharrt in Erstarrung. Bis es ihrem Mann einmal reicht und er auf den Tisch haut. Da zeigt sich die Depression der Frau - diese Starre zu erleben macht andere wütend. Auch das ist tatsächlich so


Dass die größte Leistung beim Schaffen eines Films eben die Schreibleistung ist, also das Drehbuch, geht in unserer allgemeinen Überfixierung auf die Regie als den kreativen Pol allzu oft unter. Und doch kann eine noch so sensible Regie nur gelingen, wenn das zugrundeliegende Buch auch etwas taugt. Bei "Der letzte schöne Tag" gelingt der Spagat: Sowohl die Drehbuchautorin Dorothee Schön als auch der Regisseur Johannes Fabrick hätten in diesem Film eigene Erfahrungen mit Suizid verarbeitet, heißt es in verschiedenen Berichten darüber. Worin sich wieder einmal zeigt, dass der Suizid in Deutschland eben nicht etwa ein Nischen- oder Randthema ist, sondern ein viel häufiger vorkommender Sterbealltag als etwa der Tod durch einen Verkehrsunfall (wie ich für mein Faktenstück zu diesem Thema bereits recherchiert hatte, das sich hier finden lässt)

Faktencheck: Was der Film richtig macht


"Der letzte schöne Tag" betrachtet nur die kurze Zeitspanne vom Tod bis zu den Tagen kurz nach Beerdigung und Trauerfeier. Unspektakulär erzählt, ohne Verkitschung oder dramaturgische Überzeichnung, unprätentiös, manchmal nur in atmosphärischen Skizzen verdichtet, aber genau reingefühlt in jedes einzelne Mitglied dieser Familie... -  das muss man erstmal können. Und der Film macht dabei so vieles richtig. Zum Beispiel das hier: 

1.) Wer einen Suizid begehen will, der plant alles sehr genau. Wie uns nicht nur die Anrufe der Ehefrau und Mutter zeigen, sondern auch die E-Mail, die Lars Langhoff einige Stunden nach ihrem Suizid bekommt. Zeitversetzt und mit genau eingestellter Verzögerung versandt, informiert die inzwischen gestorbene Sybille Langhoff ihren Mann darüber, was sie getan hat. Ihr vermeintlich letztes Lebenszeichen ist ihr Todeszeichen. 

2.) Wer die Kinder schützen will, macht es ihnen damit noch schwerer. "Du hast mich belogen", sagt ein Mitschüler irgendwann zu dem 7-jährigen Piet. "Deine Mutter war gar nicht krank, die hat sich umgebracht". Alle wissen das. Nur Piet weiß das nicht. Dass er das nicht weiß, ist nicht aus böser Absicht geschehen, sondern aus einer Mischung aus Liebe, gutem Willen und großer Überforderung. Aber geholfen ist ihm damit nicht. Dass Kinder auch sehr harte Wahrheiten rund um den Tod gut vertragen können, ja, dass sie ein Recht darauf haben, ist immer wieder auch Thema in diesem Blog (zum Beispiel hier).



3.) Die Hinterbliebenen bleiben nach außen sehr gefasst, auch die Kinder. Irgendwie geht ihr Alltag weiter und irgendwie schaffen sie es, darin funktionsfähig zu bleiben. Zwar gibt es auch Zusammenbrüche, aber nur als kurzzeitige Momentaufnahmen. Ob er denn gleich zum Schwimmen gehen könne, fragt der Junge Piet - nur Minuten nachdem er vom Tod seiner Mutter gehört hat. Und tatsächlich können gerade Kinder in ihre Trauer hinein- und auch wieder rausspringen. Schon bald gehen die Kinder auch zurück zur Schule. Das Leben geht weiter - und ist doch durch blutige Schnitte geteilt in das Davor und das Danach. Dieses Hin- und Herpendeln zwischen Normalität und Bestürzung, zwischen davon berichten Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation oft. "Du bist ja so stark", bekommen sie oft gesagt. Und denken sich insgeheim: "Tja, was soll ich denn machen? Mich auf die Straße legen? Einfach zusammenbrechen?" Geht ja alles gar nicht. Also weitermachen. Genau. 

4.) Es gibt große Schuldgefühle. Beide Kinder glauben im Verlauf der Geschichte, dass sie schuld am Tod ihrer Mutter sein könnten. Und der frische Witwer Langhoff fragt sich beim Bier trinken mit seinem Chef, wer seine Frau eigentlich war und ob er sie überhaupt jemals richtig gekannt haben. Und er denkt sich: Ich hätte doch noch etwas tun müssen. Ich hätte etwas tun können. Das ist klassisch für das Leiden der Angehörigen und Freunde. Schuld gehört zum Trauerprozess, aber vor allem gehört sie zur Trauer nach Suizid. Sie erfüllt dann übrigens eine wichtige Funktion, aber das bereits das Thema eines anderen Beitrags auf diesem Blog.



5.) Die Hinterbliebenen wollen auch vom Sterbenden gewürdigt bzw. gesehen werden - wenigstens im Abschiedsbrief. Dass die Mutter ihrer Tochter Maike das verweigert, tut der Jugendlichen besonders weh. "Du und die Kinder, ihr könnt hoffentlich glücklicher leben ohne mich“, schreibt sie. "Die Kinder, nur die Kinder", zischt die 14-jährige Maike verächtlich. Sie wäre gern mit ihrem eigenen Namen angesprochen worden. Sie hätte sich so gerne von ihrer Mutter - auch in deren Abschied - gesehen gefühlt. Und doch stimmt auch das, was ein Polizist dem frischen Witwer lapidar mitgibt: "Seien Sie froh, dass sie einen Abschiedsbrief haben". Den gibt es durchaus nicht immer. 

6.) Das neue Bewusstsein für Verletzlichkeit und Verluste. Als der Vater das erste Mal ein Bier trinken geht abends, hat der kleine Piet Angst, dass nun auch der Vater einfach wegbleibt und nie wiederkehrt. 
Diese neue Verwundbarkeit, die nicht nur kindlich sein muss, die plötzlich ins Leben hineinbrechende Erkenntnis davon, wie endlich wir als Menschen alle sind. Menschen, die eine Trauer- und Verlustsituation erlebt haben, kennen solche und ähnliche Prozesse. Wenn plötzlich die Sirene eines Krankenwagens zu hören ist, zucken sie plötzlich zusammen, auch wenn es ihnen Jahrzehnte zuvor nichts ausgemacht hat, einen Krankenwagen zu hören. Wenn in Romanen oder in Fernsehserien alleine zu dramaturgischen, also zu plakativen Zwecken gestorben wird, legen sie das Buch beiseite oder schalten den Fernseher aus - obwohl sie Jahrzehnte lang viele Bücher und Serien mit Toten darin ausgehalten haben. Wem der tatsächliche Tod ins Leben eingedrungen ist, der mag darin vorerst kein Unterhaltungsmaterial mehr sehen wollen. Und, und, und...


7.) Einerseits Alltägliches und andererseits Chaos, die verrückte Parallelität von allen Trauerfacetten, beherrscht das Alltagsgeschehen: Einerseits geht alles weiter wie gewohnt, Schule, Arbeit, Leben. Andererseits gucken die anderen Leute so merkwürdig, drehen sich aber rasch wieder weg, sobald man sie ansieht. Einerseits geht der Mann wieder arbeiten. Andererseits fährt er in einer emotionalen Überreaktion wieder zum Todesort seiner Frau (übrigens ein Ort, den Menschen in einer Verlustsituation oft aufsuchen). Einerseits findet die Tochter ein wunderschön durchgeführtes Luftballonritual mit zur Mama aufsteigenden Gedanken, Wünschen und Schleifchen dann doch zu "kitschig", oder jedenfalls tut sie so, andererseits aber postet sie in einem sozialen Netzwerk: Meine Mutter hat sich umgebracht (hier ist es noch "Schüler VZ", so eine Art deutschlandweiter junger Facebook-Vorläufer). Und freut sich dann, wie viele neue Freundschaftsanfragen sie dadurch bekommt. Einerseits gibt es das gemeinsame Anschauen der beim Bestatter aufgebahrten Mama - wiederum ohne den kleinen Piet, der auch unbedingt gefragt gehört hätte -, andererseits aber die plötzliche Bestürzung darüber, dass sie mit einem Lippenstift geschminkt ist, den sie nie getragen hat. Einerseits hat vor allem der kleine Piet, aber auch der Witwer, immer mal wieder Halluzinationen der sie nachts heimsuchenden Mama/Ehefrau, die fast wie ein Geist ins Haus zurückzukehren scheint. Bis sich Piet andererseits entscheidet, mit der Gestalt ins tägliche Gespräch zu gehen (Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation tun so etwas), derweil der Vater allerlei quälende Erinnerungen an schmerzhafte Gespräche vorab durchlebt. 

Die Kinder gelingen überzeugend 


Das alles ist nicht nur ungemein stimmig geschrieben, sondern auch hervorragend gespielt. Vor allem die Jungschauspieler stechen dabei hervor. Immer mal wieder gibt es ganz rührend gewordene Familienszenen. Herrlich, wenn der junge Piet seinem Vater zeigt, wie gut er die Zähne geputzt hat - Lippen hochziehen, Zähne zeigen, blitzt alles? Mit seiner Langhaarfrisur erinnert Schauspieler Nick Julius Schuck frappant an den kleinen Wuschelkopf Tom aus der Kultserie "Ich heirate eine Familie", aber das nur am Rande.



Aber: Ist es auch ein geeigneter Film, der einem so etwas Komplexes wie Trauer nahebringen kann....? Werfen wir einen Blick auf das Fragen-Grundgerüst für diese Artikelserie: 

- 1.) Was sagt der Film darüber aus, wie Trauer ist - wie sie sich anfühlt? 

Ziemlich viel - und dann auch wieder nicht: Was dem Film trotz aller Genauigkeit fehlt, ist der eigentliche Trauerprozess. Denn der beginnt so richtig erst an der Stelle, an der die Geschichte hier aufhört. Das liegt daran, dass "Der letzte schöne Tag" nur die Zeitspanne vom Tod bis in den Tagen nach der Trauerfeier betrachtet. Er wirft ein Schlaglicht auf einen eher kurzen Abschnitt. Aber wer schon einmal einen Menschen verloren hat - zumal durch einen Suizid -, der weiß: Was jetzt noch folgt an Auf und Ab, das kann sehr lange dauern. Jahre, oftmals. Jahrzehnte, manchmal auch. Gehört alles dazu. 

- 2.) Ist der Film für Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation empfehlenswert? 

Durchaus ja, aber nicht für alle. Zwar vermeidet der Film krasse Bilder sowie jegliche Überspitzung. Dennoch dürfte, wer gerade einen Menschen durch Suizid verloren hat, noch zu betroffen und angefasst sein, um das ertragen zu können. Das gilt vor allem für die Szene, in der Lars Langhoff seine tote Frau im Wald findet. Der weitere Verlauf dieser Geschichte zeigt dann wiederum so vieles, was Menschen in vergleichbaren Situationen bekannt vorkommen dürfte, dass es fast wie ein (minimaler) Trost wirken könnte - nach dem Motto: Ach guck mal, bei denen ist es ja genauso wie bei uns... Das kennen wir auch. Vor allem lässt Drehbuchautorin Dorothee Schön 
ihre Familie Langhoff alles durchleben, was auf Menschen in so einer Situation zukommt, vor allem in den ersten Tagen: Das Organisieren der Trauerfeier und Beerdigung. Das Aufräumen des Kleiderschranks. Die Schuldgefühle. Und mehr. 

- 3.) Kann der Film seinem Publikum die Gefühle von Trauer und Verlust und allem, was dazugehört, nahebringen (vor allem Zuschauern, die nicht davon betroffen sind)? 

Definitiv: Ja. 


- 4.) Meine persönliche Lieblingsszene aus dem Film? 

Ehrlich gesagt: Es ist schwer, das auf eine einzige Szene runterzubrechen. "Der letzte schöne Tag" überzeugt als Gesamtleistung. Für mich als textgetriebenen Menschen ist das Gedicht, das bei der Beerdigung von Sybille zitiert wird (und das am Ende des Films nochmal rezitiert wird): Das Gedicht "Letztes Lied" von Mascha Kaléko kann einen mit seiner rilkenahen Sprachschönheit tief im Inneren anrühren. Eine bereichernde Entdeckung (mehr dazu und den Gedichtstext gibt es hier). 

- 5.)  Welche ganz persönlichen Fragen werden durch den Films in einem angeregt? 

Was sagen uns die Menschen, wenn sie nichts sagen? Können wir ihre Signale richtig wahrnehmen und richtig interpretieren? Was tragen wir selbst in unserem Inneren mit uns herum, ohne es mit anderen zu teilen? Denn was mit das Eindrucksvollste an diesem Film ist: Am Ende stellen wir fest, dass wir Sybille zwar öfters erlebt haben - als eine Art Geistererscheinung, in Rückblenden -, aber wir haben sie nicht einmal sprechend als Figur sehen können. Am Anfang des Films kommt ihre telefonierende Stimme aus dem Off. Wenn sie dann auftaucht, ist sie still. Und doch schreibt sie in ihr Tagebuch: Ich kann nicht mehr. 

- Mein Fazit und meine Empfehlung: Realistisch, eindrucksvoll, nachvollziehbar und immer nah dran an den Figuren - ein Familiensystem in seinen ersten Tagen nach einem Suizid. Alles was danach geschähe, wäre eine TV-Serie wert. Aber bitte in dieser oben gelobten Qualität

------------------------------------------------------------------------------------------

Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme":


- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine sehr exakte Studie über das ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das mit Oscars ausgezeichnete US-Drama "Manchester By The Sea" über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählt - zur Folge 3 der Serie

- Wie der Tod zweier Söhne ein Familiensystem ins Wanken bringt und warum "The Door In The Floor" nach John Irving ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama bringt das System einer Familie ins Wanken, eindrucksvoll und doch zurückhaltend genug gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5


----------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------

Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

Ebenfalls auf diesem Blog: Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben - was uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer, wie lange dauert das eigentlich - und wann ist es endlich mal vorbei? Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, unter diesem Link

------------------------------------------------------------------------------------------