Mittwoch, 20. Januar 2021

Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns in seelischen Krisen gut selbst helfen können, auch und vor allem im immer härteren Lockdown und bei Corona-Blues - Tipps und Impulse aus der Trauerbegleitung (und als Bonus mein ganz persönliches Corona-Blues-Gedicht)

Osnabrück - Vor einigen Tagen hatte ich einen Durchhänger. Zuerst war da nur eine unbändige Wut, ein paar Tage lang, doch dann gesellte sich die Melancholie dazu und überlagerte alles. Immer härter der Lockdown, immer länger alle Maßnahmen (und wer jetzt noch glaubt, sei seien vor Ostern gelockert, dessen Optimismus hätte ich gerne), immer lähmender das Gefühl der Ohnmacht wegen des Eingesperrtseins im Dauer-"Home"-Zustand, ohne Aussicht auf Veränderungen, das kratzte an meiner Motivation und an der Lebensfreude. Zumal das ständige Home Schooling zusätzlich viele Ressourcen verbraucht. Der Corona-Blues klopfte an die Tür - und mit ihm die Frage, ob im ständigen Zuhauseseinmüssen nicht irgendwann der Lebens-Wert verloren geht. Schon steckte ich fest im emotionalen Sumpf. Zwei Abende später habe ich etwas getan, was ich lange nicht mehr gemacht habe: Ich habe fotografiert - und geschrieben. Nicht etwa, weil mir das Ergebnis wichtig war. Sondern das Tun. Ich hatte mich an das erinnert, was ich in Vorträgen und Trauerbegleitungen gerne anderen Menschen erzähle. Die Sache mit der Selbstwirksamkeit.

Wenn ich über Trauer und Hilflosigkeit spreche, erzähle ich gerne eine Geschichte, die sich auch in meinem Buch "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut" finden lässt. Es ist die Geschichte des Witwers, der kurz nach dem Tod seiner Frau damit anfängt, Buddelschiffe zu basteln. Was seine Freunde und Verwandte sehr befremdet. Wieso ein Mann, der eigentlich in Trauer sein sollte, nun plötzlich ein so merkwürdiges Hobby wie das Basteln von Buddelschiffen pflegt, noch dazu mit großem Enthusiasmus und dem Hingegebensein an das Tun, können sie nicht wirklich verstehen. Kopfschüttelnd erklären sie den Mann für vorübergehend nicht ganz bei Verstand. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Denn der psychologische Mechanismus, der sich hier zeigt, ist im Grunde sehr einfach zu entschlüsseln: 

Drinnensein. Rausgucken. Krise. (Alle Fotos: Thomas Achenbach). 

Um dem unerträglichen Gefühl der Ohnmacht entgegenzuwirken, suchen wir uns eine Tätigkeit, in der wir uns als wirksam erleben können. Da reicht schon eine ganz kleine Tätigkeit - es geht nicht darum, ein Haus zu bauen. Vielmehr geht es darum, einen ganz kleinen Bereich seines eigenen Lebens wieder als kontrollierbar erleben zu können. Es geht darum, all der Ohnmacht, der wir uns ausgeliefert sehen, etwas entgegenzustellen. Es geht darum, dass wir uns selbst wieder als ein klitzekleines bisschen wirkmächtig erleben können, auch nur im Kleinen - es geht genau um diese Selbst-Wirksam-Keit. Es kann hilfreich sein, dieses Wort in all diese einzelnen Bestandteile zu zerteilen. Wir selbst schaffen es, dass wir uns als wirksam erleben. Man könnte auch sagen: Wir ziehen uns mit den Haaren ein kleines Stück hinaus aus dem Sumpf. Also dem emotionalen Gefühlssumpf, in dem wir gerade feststecken. Jedenfalls für einen kurzen, wohltuenden Augenblick.

Sogar Staubsaugen hilft gegen die Düsternis


Notfallseelsorger arbeiten nach genau diesem Prinzip: Beim Überbringen einer Todesnachricht achten sie mit sehr feinen Antennen auf alles, was der Empfänger dieser Botschaft so tut. Was sie dabei alles Bizarres erleben, war schon öfter Gegenstand von Vorträgen auf der Messe "Leben und Tod". So kann es zum Beispiel geschehen, dass eine Frau, die vor einigen Minuten vom Tod ihres Sohnes erfahren hat, plötzlich mit dem Staubsaugen beginnt. Eine Reaktion, die für Außenstehende zunächst einmal genauso befremdlich wirkt wie das Basteln von Buddelschiffen nach dem Tod der Ehefrau - doch zeigt sich hier wieder das psychologische Wirkprinzip der Selbstwirksamkeit. Wer staubsaugt, der reinigt seine Wohnung. Wer staubsaugt, der kann etwas tun. Etwas, das einen erkennbaren Nutzen bringt. Wer etwas tun kann, was auch immer, der muss nicht gelähmt von der Ohnmacht auf dem Boden liegenbleiben, wenigstens einen wertvollen Moment lang. Geschieht also so etwas nach dem Überbringen einer Todesnachricht, weiß der Seelsorger, dass seine Aufgabe nun erledigt ist. Die Menschen wieder ein kleines Stück aus dem Schattenreich des Überfahrenseins hinauszuführen, die der erste Schock oft bedeutet, ist eine der wesentlichen Aufgaben in der Notfallseelsorge. Und jeder, der sich gerade jetzt in einer - wie auch immer gearteten - seelischen Notlage befindet, kann es selbst ausprobieren.


Also: Er (also der Mensch) kann etwas tun, das etwas bewirkt. Etwas ganz Kleines. Irgendwas. Staubsaugen. Die Wohnung putzen. Ein Bild malen. Etwas basteln. Etwas schreiben. Lego bauen. Ein Puzzle legen. Was auch immer. Hauptsache, es tut einem gut im Moment des Tuns, weil es als aktiv erlebt wird. Das ist gerade in der aktuellen Coronakrise besonders wichtig. Denn vermutlich haben viele Menschen, so wie ich, gerade die Nase voll vom ewigen Home-Alles: Home-Office. Home-Schooling. Home-Cooking. Home-Sleeping. Home-Cocooning. Home-Reading. Home-Drinking. Home-Netflixing. Home-Hocking. Home, Home, Home, so schön es dort auch ist, auf Dauer ist es einfach zuviel des Guten. Darf einem das so sehr auf die Nerven gehen? Streng genommen: Nein. Schon gar nicht, wenn man den unverschämten Luxus erleben darf, ein ganzes Haus in exponierter Lage bewohnen zu dürfen. So wie wir.

Erster Lockdown, alle werkeln daheim


Aber selbst in einem komfortablen Einfamilienhaus wie unserem kann es ein zu enges Miteinandersein geben, dessen Reibungen nichts darüber aussagen, ob man sich in Wahrheit gern hat oder nicht. Selbst Menschen, die sich ungemein liebhaben, brauchen ihr Eigenes und ihre Einsamkeiten, um ihre Beziehungen zueinander frisch zu halten. Schwierig, wenn alle so eng beieinander hocken. Wohltuend, wenn jeder zumindest seinen eigenen Hobbies nachgehen kann, soweit das im Inneren eines Hauses möglich ist. Wohltuend, wenn jeder bemüht ist, ganz für sich sein eigenes Tätigkeitsfeld für seine Selbstwirksamkeit zu finden. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht - es ist wichtig zu betonen, dass dies kein Allheilmittel ist! 


Und doch darf die Wirksamkeit dieses Tuns nicht unterschätzt werden. Das zeigen alleine schon die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown im März 2020. Schon damals haben wir erleben können, wie eine ganze Gesellschaft vom Drang nach Selbstwirksamkeit erfasst worden ist - das erste Mal überhaupt für längere Zeit an ihr Zuhause gebunden, fingen die Menschen an, wie besessen etwas zu reparieren und auszumisten, den Garten oder den Balkon zu pflegen, ihr Daheim zu gestalten. Ein ganzes Land stemmte sich gegen diese neue Ohnmacht, die das Coronavirus mitgebracht hatte. Und jetzt, im zweiten Lockdown? Wo die Düsternis der Januartage die Seelen mit Trostlosigkeit auskleidet und der Frühling noch viel zu weit entfernt zu sein scheint? Was hilft uns jetzt? Bis Ostern (wenigstens)? Was mir hilft, ist: Fotografieren. Zum Beispiel die hier für diesen Beitrag neu aufgenommenen Bilder. Und das Schreiben. Und so ist also an den Tagen meiner persönlichen Trübnis ein kleines Gedicht entstanden, das meiner Melancholie Raum geben und mich durch das Tun wieder aus dieser Stimmung herausheben sollte. Letztlich ein Mechanismus, der auch in einer Trauerbegleitung als Wirkprinzip sichtbar werden kann. Und übrigens:

Kann helfen: Gefühlen durch Worten ihren Raum geben

 
Auch das Bloggen, das Schreiben dieses Artikels, das Gestalten passender Bilder - das alles gehört zu meinem persönlichen Selbstwirksamkeitsrepertoire mitten in der Pandemie. Das alles wirkt und hilft gegen die Ohnmacht. Und hier ist als kleiner Bonus noch mein Corona-Blues-Gedicht - mehr eine Fingerübung, aber irgendwie mag ich es. Es ist vollgesogen von Melancholie, also kein leichter Stoff. Aber sein Zweck war ja genau der, diesem Gefühl einen Ausdruck geben zu können... um es dadurch zu verändern. Hat geklappt. Jedenfalls für den Augenblick. Los geht's:


Pandemisches Lamento


Wir trotten müde durch ereignisarme Tage,

die wir nicht gestalten, weil sie an uns geschehen.

Aber nicht mit uns.

Trotten von einem Zimmer ins andere. Mehr haben wir nicht.

 

Wir sind unseren Engsten so nah

dass wir nichts mehr voneinander haben

und allen anderen so fremd geworden,

dass wir sie neu lernen müssen.

 

Wir sollen die Hoffnung nicht verlieren, sagen uns andere.

Ruft mal einer an, fehlt uns die Kraft zum Sprechen.

Alles was geschieht, alles nur daheim und immergleich.

Eingesperrt im eigenen Leben - verliert sich sein Wert.

 

Wäre Covid ein Gott.

Durchwirkt von düsteren Erlösungsversprechen.

So manches Mal, ertappst Du Dich.

Hättest Du Angst vor Deinem Gebet.


Happy Lockdown, everyone.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder über dieses Thema zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online


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Donnerstag, 14. Januar 2021

Professioneller, vielfältiger und mit toller Unterstützung: Mein komplett neuer Podcast "Trauergeschichten - Menschgeschichten" geht online - warum ich mit meinem alten Podcast nie so richtig zufrieden war und was jetzt alles besser ist - Gespräche über Leben, Tod und Sterben (und über die spirituelle Patientenverfügung)

Osnabrück - Rein ins kalte Wasser und erstmal machen. Auch mal Fehler machen. Dabei lernt man am meisten. So habe ich das mein ganzes Leben lang gehandhabt, bei allem was ich getan habe. Auch bei meinem Start als Podcaster vor rund zwei Jahren war das so, wobei ich mit meinem ersten Podcast nie so richtig zufrieden gewesen bin. Irgendwie war mir das noch zu amateurhaft und mehr so dahingewurschtelt. Und so gehörte zu den besten Investitionen, die ich mir im vergangenen Jahr gegönnt habe, ein intensives Podcast-Coaching mit einer fundierten Manöverkritik (von der Stimmtrainerin Jutta Talley). Am Ende war mir klar: Ich möchte alles anders machen. 

So kam es dann auch. Und es geht auch gleich mit einem starken Thema los - den Bedürfnissen von Sterbenden, die oft unerfüllt bleiben: "Die Menschen haben ja soviele hochindividuelle Wünsche und Bedürfnisse, die wir dann ihnen einfach absprechen, nur weil aus diesen Menschen Patienten werden..." - die Dame, die das sagt, weiß wovon sie spricht. Dorothea Mihm hat lange als Krankenschwester gearbeitet und dabei allerlei Erfahrungen gesammelt, die sie sehr beschäftigt haben. Da war zum Beispiel der Mann, der so sehr darunter gelitten hat, wie ein Baby in eine Plastikwindel eingepackt zu sein. 

Sterben heißt, nie gekannte Hilflosigkeit zu erleben

Oder die Art und Weise, wie die Menschen hergerichtet wurden, einfach, weil es praktisch war: "Wenn wir Frauen da hatten, haben wir halt deren Haare gekämmt und haben denen immer so einen dämlichen Zopf geflochten und den Menschen so hergerichtet, wie es ihm als Mensch überhaupt nicht entsprochen hat." Und das ausgerechnet in einer Situation, die geprägt ist von einer so tiefen Verletzlichkeit und einer so tiefen Hilflosigkeit, wie sie selten im Leben erlebt wird. Was herbei helfen kann? Eine so genannte spirituelle Patientenverfügung.

(Foto: Thomas Achenbach)

Mit diesem Thema geht mein neuer Podcast an den Start. "Trauergeschichten - Menschgeschichten", heißt er. Und es gibt ein paar wesentliche Unterschiede zu meinem vorherigen Podcast. Straffer, knackiger und kompakter im Einstieg, mit einem neuen Jingle am Anfang, der dank der wertvollen Unterstützung guter Freunde und Mitstreiter besonders gelungen ist, und mit einem neuen Konzept: Gespräche über Leben, Tod und Sterben, mit Menschen, die etwas Spannendes zu erzählen haben. So wie die Buchautorin und Therapeutin Dorothea Mihm mit ihrem Herzensthema, der spirituellen Patientenverfügung (die Episode lässt sich unter diesem Link finden). Ich freue mich, wenn Euch das Thema interessiert und Ihr Gefallen an meinem Podcastupdate findet. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

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Der neue Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, jetzt online

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Donnerstag, 7. Januar 2021

Viel mehr als nur Kaffeetrinken nach einer Beerdigung: Warum der Leichenschmaus als Kulturgut unentbehrlich ist - und was ohne ihn alles wegbricht in diesen Coronazeiten, in denen wir auf so viel verzichten müssen

Osnabrück - Mit dem Ausbrechen der Pandemie hat sich heimlich, still und leise, jener allgemein übliche Dreiklang aus der Gesellschaft verabschiedet, den eine Beerdigung in unserem Kulturkreis üblicherweise darstellte: Trauerfeier, Bestattung und Leichenschmaus. Es ist vor allem der Leichenschmaus, dessen gesellschaftliche Wirkung nicht unterschätzt werden darf. Was mit ihm alles wegfällt, ist mehr als nur Kaffeetrinken. Für das Feuilleton der "Neuen Osnabrücker Zeitung" durfte ich jüngstens einen Beitrag zur Printserie "Orte der Sehnsucht" beisteuern, in dem es um dieses Thema ging. Hier ist eine leicht geänderte Fassung dieses Textes.

"Hoffentlich sehen wir uns auch mal außerhalb von Beerdigungen...“. Es hat eine Zeit gegeben, in der gehörte dieser Satz zum am meisten Gesagten und Gehörten bei einer Trauerfeier im Familien- oder Freundeskreis – und diese Zeit ist noch gar nicht so lange her. Mit dem Ausbrechen der Pandemie hat sich inzwischen, ganz heimlich, still und leise, jener allgemein übliche Dreiklang aus der Gesellschaft verabschiedet, den eine Beerdigung in unserem Kulturkreis üblicherweise darstellte: Trauerfeier, Bestattung und Leichenschmaus waren seine Kernkomponenten – wobei die Bestattung entweder als gemeinsamer Gang zum Grab direkt im Mittelteil absolviert wurde oder, bei der häufiger gewählten Urnenvariante, später nachgeholt wurde. 

Leichenschmaus als symbolischer Übergang

Mag uns der Friedhof als Kulturort auch in Zeiten der Coronakrise erhalten bleiben und mit seinem wenig überfüllten Außendasein als Ort des Nicht-Masken-Tragen-müssens eine gut besuchbare Alternative zum pandemischen Alltag darstellen: Es ist der Leichenschmaus, dessen Fehlen die größte kulturelle Lücke reißt. Denn dieses gemeinsame Mahl ist so viel mehr als eine nur gesellschaftliche Verpflichtung: Es ist ein symbolischer Übergang – und ein mehrfacher dazu. Aus der Zone des Schreckens und der Ohnmacht führt er zurück in den Trost der sozialen Gemeinschaft, nach der Zeit der Organisationspflichten und To-Do-Listen öffnet er die Türen für die Zeit der tatsächlichen Trauer, aus der Zone des Todes und des Sterbens führt er zurück in alles, was das Leben ausmacht, Essen, Trinken, Beisammensein, ja, nicht selten auch Fröhlichkeit und Sinnenfreude.

(Foto: Thomas Achenbach)

So gesehen ist der hierzulande gern genutzte Begriff des Leichenschmauses mit all seiner sprachlichen Härte viel passender als das andernorts gewählte „Trösterkaffee“: Erst die Leiche, dann der Schmaus; erst der Tod, dann das Leben; diesen Kontrast gilt es auszuhalten. Wie so vieles mehr. Es ist oftmals das letzte Wiedersehen eines Kreises, der so nie wieder zusammenkommen wird. In alten Zeiten war es die letzte erlaubte Feier vor dem Trauerjahr, das gleich am Anschluss begann. Viele Trauernde haben gerade diesen Trauerkaffee als besonders tröstend erlebt.  

Dem Tod das pralle Leben entgegenstellen

Noch bevor der Kaffee durch ist, wird bei einem Leichenschmaus oft schon der Zapfhahn aufgedreht. Dass am Ende eines Leichenschmauses oft eine überraschend hohe Menge an Alkohol geflossen ist und sich die Teilnehmer verbrüdernd in den Armen liegen – sogar das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ soll unpassenderweise schon einmal angestimmt worden sein, berichten professionelle Teilnehmer –, ist da gar kein Widerspruch, nein, vielmehr macht es eindrucksvoll deutlich, welchen gesellschaftskulturellen Auftrag so ein Leichenschmaus erfüllt: Einerseits geht es darum, einfach da zu sein und den Trauernden Respekt und Zugehörigkeit zu vermitteln. Aber auf einer anderen Ebene geht es darum, den Tod wieder in seine Bannzone des Schreckens zu verdrängen, indem man ihm gemeinsam das pralle Leben entgegenstellt. Ihm eine lange Nase zu drehen und in einer Art mythologischer Ächtung mutig entgegenzutreten: Den da in der Erde hast Du jetzt. Aber uns kriegst Du nicht. 

(Foto: Pixabay.com/Svetlanabar, Sweden, Cc-0-Lizenz)

Noch nicht.

Wenn dieser Übergang nun wegfällt, ja, in Viruszeiten berechtigterweise wegfallen muss (und das unbedingt „alternativlos“ – siehe oben unter „überraschend viel Alkohol“ etc.), dann fehlt ein wichtiger Mechanismus, der uns wieder in der Kraft des Lebens verankern kann, der unsere eigene Angst ein Stück lindern kann. Und so schleichen sich heutzutage am Ende einer Trauerfeier die wenigen zugelassenen Teilnehmer nach einigen sehr peinlichen Ellbogenverrenkungen dort, wo vielmehr Umarmungen angebracht wären, hinfort zu ihren Autos und verschwinden isoliert in eine ungewisse Zukunft. Ohne Bannstrahl, ohne Lebensvergewisserung – ohne Trost. 

Peinliches Ellbogenverrenken, ab ins isolierte Auto

Selbst wenn manche der Menschen, die in der jüngsten Vergangenheit ihre Trauerfeiern ausrichten mussten, ein Nachholen des Leichenschmauses versprochen haben, sobald möglich, ist es doch nicht dasselbe – denn ihre wohltuende Kraft bezieht diese Veranstaltung alleine aus dem unmittelbaren Anschluss an einen Abschied. Je weiter der zeitliche Abstand, desto verbannter scheint der Tod ja bereits wieder zu sein. Dieser seelische Schutzmechanismus ist für uns Menschen von existenzieller Bedeutung: Alleine mit der Vergewisserung, dass der Tod uns selbst nichts anhaben wird, uns nicht, sobald nicht, allen anderen vielleicht schon, lässt sich die Hilflosigkeit ertragen, die unser Erdendasein oft mit sich bringt. Dass die Coronakrise unseren  menschlichen Gestaltungsspielraum massiv einschränkt und uns unsere existenzielle Ohnmacht ahnen lässt, ist eine ihrer Wahrheiten. Das auszuhalten ist Aufgabe genug.

(Foto: Thomas Achenbach) 

„Hoffentlich sehen wir uns auch mal außerhalb von Beerdigungen...“. Wie oft haben wir diesen Satz gehört. Vielleicht auch selbst gesagt. Und dann traf man sich eben doch das nächste Mal erst… - auf einer Trauerfeier. Zumindest darauf konnte man sich verlassen. Heute ist selbst diese Verlässlichkeit brüchig geworden. In Zeiten der Krise muss es eher heißen: „Hoffentlich sehen wir uns überhaupt nochmal"...

(Dieser Artikel erschien in seiner ursprünglichen Fassung am 2. 12. 2020 in der Printausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung sowie aller Ihrer Kopfausgaben im Ressort Feuilleton).

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder über dieses Thema zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

Ebenfalls auf diesem Blog: 27 gute Rituale für eine Trauerfeier - wie sich eine Gedenkfeier so gestalten lässt, das sie den Angehörigen/Trauenden gut tun kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

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