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Dienstag, 17. Mai 2022

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 10 - Warum "Blaubeerblau" sozusagen der perfekte Einsteiger-Film für alle ist, die sich an das Thema Hospiz noch nicht so richtig herangetraut haben (und warum sich das Ansehen trotz mancher Überzeichnung durchaus lohnt)

Osnabrück - Bei seinem ersten Besuch in einem Hospiz bekommt er erstmal einen Lachanfall. Mit allem hätte er gerechnet, womöglich mit dem Schlimmsten - Siechentum, Versehrung, Gebrechen. Aber eine junge hübsche Frau, die ein "Ave Maria" auf der Harfe spielt? In einem beinahe klassizistischen Wohnzimmer auf feinem Holzfußboden? Da bricht sich erstens all seine Nervosität Bahn und er zweitens in Gelächter aus. Denn in ein Hospiz hineinzugehen, auch nur für einen beruflichen Auftrag außerhalb des Sterbens, das hat ihn eine Übermacht an Überwindung gekostet. Da drin ist doch der Tod, nicht? Ja, ist er, der Tod und all die Menschlichkeit, die er mitbringt - und deswegen nimmt dieser 2012 für die ARD produzierte Spielfilm "Blaubeerblau" die Hauptfigur und die Zuschauer mit hinein - ins Hospiz. Und in die Auseinandersetzung mit der Frage: Wie ist es da?  

Dieses ewige Gerede davon, dass der Tod doch zum Leben gehöre, davon hat der etwa 30 Jahre alte Jungarchitekt Fritjof Huber nun wirklich genug. "Der Tod ist der Feind des Lebens, er ist einfach widerlich!", zetert er. Doch alle Empörung nützt ihm nichts, seine Chefin bleibt eisern: Weil das Architekturbüro ein Hospiz umbauen soll und jemand dort das Aufmaß nehmen muss, wird eben Fritjof, genannt Fritte, geschickt. Der ist Muttersöhnchen genug, sich nicht gegen seine ebenfalls mütterliche Chefin zur Wehr zu setzen. Und so landet Fritte im Hospiz - und trifft dort auf seinen ehemaligen Mitschüler Hannes, der dort als Bewohner lebt. Beziehungsweise: Stirbt. Ein Mitschüler, den Fritte damals nicht hatte leiden können und mit dem er dennoch eine Art Zweckgemeinschaft eingeht, die ihn immer wieder zurückführen wird. Ein Buddy-Movie ganz ohne Straße, das aber doch zwei ganz ungleiche Menschen auf dem letzten Weg des einen miteinander vereint. 

Ohweh, die Freundin will, dass sich was ändert - für "Fritte" eine Aptraumvorstellung... ( Foto: BR/ARD). 


Im November des Jahres 2012 gestaltete die ARD mit großem Aufwand eine Themenwoche unter dem Motto "Leben mit dem Tod". Der werbetaugliche Slogan: "Sie werden sterben. Lasst uns darüber reden". Sogar der "Tatort" wurde an das Thema angepasst und mit einer an Krebs erkrankten weiblichen Hauptfigur ausgestattet, die mordend unterwegs war, um ihre Töchter zu schützen (das waren die titelgebenden "Dinge, die noch zu tun sind"). Auch das Thema Hospiz sollte unbedingt eine Rolle spielen. Also brauchte die ARD noch einen Spielfilm, der dort spielte und die Realität eines Hospizes einigermaßen realistisch, aber doch harmlos genug für einen 20:15-Uhr-Slot, vermittelte. Das Ergebnis ist der Film "Blaubeerblau", den es auch auf DVD zu kaufen gibt. Zum Glück, denn er ist wirklich eines geworden: Ein richtig guter Einsteigerfilm in das Thema Hospiz. 

Dem Gast das Beste - was er im Leben am liebsten mochte


Denn dass Hospize eben vor allem freundliche Orte sind, in denen der Mensch so sein darf, wie er eben ist, und in denen die Sterbenden nochmal so schön leben dürfen, wie es gerade noch möglich ist, das gehört zur Grundhaltung dieser Einrichtungen. Von Siechentum ist dort wenig zu spüren, von Lebenslust hingegen deutlich mehr. Ganz wie es der hospizlichen Haltung entspricht. In einem solchen Ort riecht es eher nach Apfelkuchen oder Kartoffelpuffer als nach Krankenhaus. Und diese Haltung, diesen Geist, fängt der Film ebenfalls ein. So dauert es nicht lange, bis das zu nehmende Aufmaß für Fritte immer unwichtiger wird.  

Das Architekturbüro braucht ein Aufmaß, jemand muss rein, ins Hospiz. Wen es wohl treffen wird (Foto: BR/ARD)?


Wer hätte das gedacht? Es solle sich bitte nichts verändern, gar nichts, am besten; es soll alles so bleiben, wie es ist, das ist anfangs noch Fritjofs Lebensmotto. Als seine Freundin andeutet, dass sie sich Veränderungen wünscht, als sie das Schreckgespenst einer "gemeinsameren Zukunft" hinaufbeschwört, ist es mit der Beziehung rasch vorbei. Lieber die Vögel füttern, zu denen Fritjof seit Kindertagen eine besonders enge Verbindung hat. 

Eine gewisse Prime-Time-Öffi-Betulichkeit


Leichtfüßig zwischen Komödie und Drama hin- und hertänzelnd, durchaus unterhaltsam, wenn auch meistens vorhersehbar, vor allem aber hervorragend gespielt von sehr guten Darstellern, ist dem Film natürlich jederzeit anzumerken, dass es sich um einen öffentlich-rechtlichen Fernsehfilm handelt. Soll heißen: Eine gewisse Betulichkeit ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Sie sorgt dafür, dass leider nur ein ziemlich guter, nicht aber ein wirklich großartiger Film aus dem Stoff geworden ist. Weniger wäre mehr gewesen. Dass sich für die - angenehm schräge - Figur des Fritte doch noch eine Liebesnacht mit der einstigen Angebeteten ergibt,... Nun ja, wäre auch ohne gegangen. Und gestorben wird hier natürlich eher "schön", womit der Film gerade zu seinem Ende doch zu sehr über die Kitschgrenze schlittert. Nur eine auf dem Flur stehende Sauerstoffflasche macht in einer Szene ahnbar, dass das Sterben eben nicht immer nur sachte und friedlich vonstatten geht. Also in der echten Welt. Sei's drum, das Anschauen lohnt sich dennoch.

Hospizliche Haltung konsequent zu Ende gedacht: Wer Kühe liebt, bekommt eine ans Sterbebett (Foto: BR/ARD).

Vor allem, weil  der Drehbuchautorin Beate Langmaack und dem Regisseur Rainer Kaufmann, der in den 90ern Kinofilme wie "Stadtgespräch" oder "Die Apothekerin" inszenierte, mit stetig wiederkehrenden Einblendungen von überbelichteten Kindheitserinnerungen einige fast schon poetische Bilder geglückt sind. Diese lassen den Film für kurzzeitige Momente zu einem kleinen Arthouse-Kunstwerk werden. So erinnert sich die Hauptfigur Fritte immer wieder an die Vögel, die ihn als Kind so prägend fasziniert haben - und der von ihm quasi unbewusst sterbebegleitete Ex-Mitschüler hat seinerseits Kindheitserinnerungen an Kühe, Felder, Natur, die eine wichtige Rolle spielen.

Den Tod vor der Nase - zurückgeworfen aufs innere Kind 


Dass der Kontakt mit dem Sterben die Menschen wieder ganz eng mit ihrer Kindheit verschränkt - die Sterbenden ebenso wie diejenigen um sie herum -, ist eine Erfahrung, von der tatsächlich Sterbebegleiter immer mal wieder berichten. Auch wenn "Blaubeerblau" weit davon entfernt ist, eine Trauer- oder Sterbesituation allzu realistisch nachzuzeichnen, geht er an dieser Stelle die richtigen Schritte. 

Der eine stirbt, der andere verkümmert. David Striesow als Fritjof, Stipe Erceg als Hannes (Foto: BR/ARD).

Der aus Kroatien stammende Stipe Erceg ("Die fetten Jahre sind vorbei") ist mit seinem hageren Gesicht und seinem nachhaltigen Fatalismus die perfekte Besetzung für den sterbenden Hannes. Der ganz zurückhaltend und doch enorm überzeugend spielende David Striesow, bekannt als Ex-Tatort-Kommissar Jens Stellbrink aus dem Saarland, macht die Hauptfigur Fritjof zu einem irgendwie angenehm verschrobenem Menschen, wie man sie ebenfalls im Bekanntenkreis hat (die Bloggenden daselbst sind natürlich immer ausgenommen). Präzise Charakterzeichnung mit wenig Mitteln, das zeichnet beide Hauptrollen aus - und so trägt dieses Miteinander der beiden Hauptfiguren über die eine oder andere Drehbuchschwäche hinweg.  

Es braucht ein eigenes Genre für diese Sorte Film


Es ist übrigens gar nicht so einfach zu definieren, in welches Genre sich der Film einordnen lässt. Letztlich schafft er sich seine ganz eigene Nische: Er ist ein Hospiz-Dramedy. Gut aushaltbar, recht unterhaltsam, ohne seinem Thema die nötige Ernsthaftigkeit zu rauben. Muss man auch erstmal schaffen, sowas. Respekt. 

"Blaubeerblau" ist vor einigen Jahren auf DVD erschienen und im gut sortierten Handel noch erhältlich. Und natürlich im Onlinehandel.


--------------- Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme": ------------

- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine exakte Studie über das Trauern ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das oscar-prämierte US-Drama "Manchester By The Sea" alles über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählen kann- zur Folge 3 der Serie

- Der Tod zweier Söhne, ein Familiensystem und seine Geschichte - warum John Irvings "The Door In The Floor" ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama und wie eine Familie weiterzumachen versucht, eindrucksvoll, aber zurückhaltend gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5

- Ein poetischer Film über Japan, alternde deutsche Ehepaare und die ewige Nähe des Todes - Dorris Dörries "Kirschblüten Hanami" ist eine Wucht - Folge 6

- Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert und bemerkenswert realistisch eine Familie in Trauer abbildet - Folge 7 der Serie

- Ein kluger Film darüber, wie Trauer als latente Grundschwingung das Leben junger Menschen beeinflussen kann, "Dieses Sommergefühl"Folge 8 der Serie

- Als Familie nach dem Tod eines Kindes in der Ferne den Neustart wagen - was das mit Geschwistern und Eltern macht, erzählt "In America" - Folge 9 der Serie 

- Warum "Blaubeerblau" der perfekte Einsteiger-Film für alle ist, die sich an das Thema Hospiz noch nicht so richtig herangetraut haben - Folge 10 der Serie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Im Trauergeschichten-Podcast zum Hören: "Darf ich das - ist das normal?" - was sich Trauernde so alles fragen und was es darauf für Antworten gibt  

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

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Montag, 7. Februar 2022

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 9 - Wenn sich die Geschwister nach dem Tod eines Kindes in eine magische Zauberwelt träumen oder in blanken Realismus flüchten - "In America" von Jim Sheridan ist ein Film über eine Familie, die einen Neustart wagt - Serie über "Die besten Trauerfilme", Tipps/Rezensionen

Osnabrück - Nach dem Tod eines Kindes einen kompletten Neustart wagen - das ist es, was eine junge Familie im Spielfilm "In America" des irischen Regisseurs Jim Sheridan versucht. Doch unterschätzen die beiden Eltern, wie sehr das Thema des Kindsverlusts sich auf das gesamte Familiensystem auswirkt. Auch wenn sich das im neuen Alltag anfangs noch gar nicht so sehr bemerkbar macht. Das Besondere an "In America" ist: Diese Geschichte ist nur in Teilen ausgedacht. Jim Sheridan hat das Drehbuch zusammen mit seinen Töchtern verfasst - und für die war es beinahe eine Art Tagebuchschreiben über ihre eigene Familie, wie sie im "Making Of" verraten. Die Flucht in ein neues Land und in ein neues Leben als Flucht nach vorne, raus aus der Trauer - kann das gelingen? Der Film transportiert hierzu viele Wahrheiten, aber er verklebt sie zuweilen unter einer etwas zu dicken Märchentapete, so dass man genau hinsehen muss.

Das hat damit zu tun, dass sich Regisseur und Autor Jim Sheridan dazu entschieden hat, seinen Film in der Betrachtungsform des "Magischen Realismus" anzulegen - einer Kunstrichtung, in der sich mystische Elemente mit realistischen vermischen. Sheridan lässt den größten Teil der Filmgeschichte nicht nur aus der Sicht der beiden jungen Töchter erzählen, von denen zumindest die fünfjährige Ariel noch mitten in ihrer magisch-verträumten Kindheitsphase ist, er verlagert auch einen Teil seiner Filmsequenzen in den Camcorder, den die elfjährige Christy überall mit hinnimmt. Der Film ist von 2002, also aus einer Zeit vor der Einführung der heute omnipräsenten Smartphones, so dass ein Camcorder damals die einzige Möglichkeit war, Videos aufzunehmen (für alle Millennnials zur Erklärung). Aus diesem Kontrast - der Zaubermagie einer kindlichen Fantasie und dem bildlichen Realismus eines selbst aufgenommenen Videofilms - schafft "In America" ein interessantes Spannungsverhältnis. Aber ist er auch ein Film, der uns etwas über das Erleben von Trauer erzählen kann? Kommt dieser Film der Lebenswirklichkeit von Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation nahe? Das sind die Grundfragen für meine Reise durch die Welt der Trauerfilme und für diese Artikelserie auf meinem Blog.

 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach, Aushangfotos: 20th Century Fox)

Als Jim Sheridan diesen Film veröffentlichte, war er auf der Höhe seiner kreativen Schaffenskraft angekommen. Mit "Mein linker Fuß" und "Im Namen des Vaters" hatte er zwei irisch-amerikanische Meisterwerke geschaffen, die das Publikum auf der ganzen Welt in den Bann geschlagen hatten. Die Kritik lobte Sheridan für sein Gespür für sensible Inszenierungen, deren emotionale Kraft sich langsam entfalten kann. Da sollte "In America" dran anknüpfen, ohne sich mit Rührseligkeit und Tränendrüsigkeit an das Publikum ranzuwanzen. Diesem Anspruch wird der Film über weite Strecken auch gerecht. Sein größtes Potenzial sind dabei die beiden Kinderdarstellerinnen, die ihre Rollen mit einer solchen lebensfrohen Natürlichkeit und Frische verkörpern, dass alleine ihr Spiel das Angucken zum reinsten Vergnügen macht. Jim Sheridan verarbeitete in "In America" den Verlust seines Bruders Frankie, der mit 16 Jahren an einem Gehirntumor starb. Im Film wird daraus nun der kleine Sohn einer Familie, aber der Name blieb: Frankie. 

Keine gute Gegend für kleine Kinder

Ein heruntergekommener Mietblock mitten in einem abgerockten Viertel voller Alkoholiker und Drogensüchtiger - keine gute Gegend, um Kinder großzuziehen und doch der einzige Wohnort, den die junge Familie in New York finden kann. Denn nach dem Wegzug aus der Heimat Irland ist das Ehepaar Johnny und Sarah mit den beiden Kindern Christy und Ariel über Kanada illegal in die USA eingereist, wo sie ein neues Leben aufbauen wollen. Weil die Filmhandlung Mitte der 80er spielt, handelt es sich bei dem New York von damals noch um einen grundsätzlich gefährlichen Ort voller Kriminialität, Drogen und Gewalt, gefährlicher als heute. 



Johnny schlägt sich als Taxifahrer durch, weil es mit der Schauspielkarriere nicht klappen will, Sarah arbeitet in einem Eisladen als Kellnerin. Beide leiden noch immer unter dem Verlust des zweijährigen Sohns Frankie, der an einem Gehirntumor starb. In ihrem Haus wohnt der wütende, schwarze Maler Mateo, dessen Schreie oft durch den ganzen Hausblock dringen, direkt in der Wohnung unter ihnen. Und doch wagen es die beiden Kinder, an Halloween an seine Tür zu klopfen. Auf den Straßen durch die Gegend zu ziehen mit dem in den USA üblichen "Trick or Treat" ist in einem solchen Viertel eben nicht so ohne Weiteres möglich, also müssen die Wohnungen im Haus reichen. Der Mut der Kinder wird belohnt. Mateo bricht mit der selbstauferlegten Vereinsamung und wagt sich wieder aus seiner Wohnung. Zwischen dem Maler und der Familie entwickelt sich sogar eine Art von Freundschaft. Doch wie sich herausstellt, ist Mateo sterbenskrank - und sein Sterbensprozess ist auf fast magische Art und Weise verknüpft mit dem Wachsen des neuen Babys im Bauch der wieder schwanger gewordenen Sarah.

Magischer Realismus und ein wenig Zauberei

Weil der Film so konsequent aus der Perspektive der Kinder erzählt wird, sind seine zauberischen Anwandlungen, ist also der erwähnte magische Realismus, sein wesentliches Element - und Sheridan versteht es meisterhaft, Poesie und Pathos so geschickt auszubalancieren, dass eine Überkitschung über weite Strecken ausbleibt. Der Zuschauer staunt und lässt sich gern verzaubern. Mehr episodenhaft als linear erzählt, gleitet der Film durch ein ganzes Kalenderjahr, kaum merklich strebt er auf die Verdichtung aller seiner Erzählelemente zu. Doch als es soweit ist, zeigt sich: Der Verlust des Sohnes bzw. Bruders ist noch immer der Stachel, der ein irgendwie normales Weitermachen unmöglich macht.   Was der Film dabei gut herausarbeitet, ohne es zu seinem eigentlichen Thema zu machen, ist die systemische Auswirkung eines solchen Verlusts auf die ganze Familienkonstellation: 



Da ist die älteste Tochter, die sich für das emotionale Gleichgewicht der gesamten Familie verantwortlich fühlt, genau spürend, dass die Eltern dieses aktuell nicht mehr herstellen können. Da ist die junge Mutter, die sich irgendwann einfach auf die Treppe nach oben zur Wohnung sinken lässt und dort sitzenbleibt - wie der Zuschauer ahnt, aus einer seelisch-kräftezehrenden Erschöpfung heraus, die nicht allein durch die brütende Schwüle herbeigeführt wird. Da ist der Vater, der sich in die Verantwortlichkeit für die Familie flüchtet, in das Funktionierenmüssen und Daseinmüssen, und dem deswegen auch der fast übermenschliche Kraftakt  gelingt, in brutaler Tropenhitze eine gebrauchte Klimaanlage aufzutreiben und sie eigenständig das gesamte Treppenhaus hochzuwuchten. Und da ist die noch halb im Kleinkinddasein verfangene jüngste Tochter, die mit strahlend-lebensfrohen Augen die Welt um sich herum aufsaugt und alles spannend findet und deren Trauer sich nur in winzigen Augenblicken zeigt - wenn sie sich zum Beispiel vor der zunehmenden Verhärtung ihres Vaters erschreckt. "Du bist nicht mein Vater!" brüllt sie dann vor lauter Verzweiflung, "Du bist ein anderer Mann!". Jeder versucht seinen ganz eigenen Weg zu finden, ohne zu merken, dass das gesamte System sein Gleichgewicht verloren hat. Es wieder zu stabilisieren, geht nur zusammen. 

Ein etwas zu simples Ende, aber hollywoodtauglich

Ärgerlicherweise setzt der Film in seiner finalen Auflösung auf einen ebenso klischierten wie überholten Mythos: Dass das eigene Leben nur für denjenigen weitergehen könne, dem es gelingt, sich von seinen Toten gänzlich zu verabschieden, sie also "loszulassen". Das hätte Jim Sheridan eigentlich besser wissen müssen angesichts seines eigenen Verlusts - und es entspricht nicht der Lebensrealität von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise, ganz im Gegenteil, tatsächlich haben die meisten eher Angst vor der Endgültigkeit dieses Abschieds. Wie der Trauerforscher William Worden es so treffend formuliert hat, stellt uns der Prozess vor eine ganz andere Aufgabe: Den Verlust zuerst einmal zu begreifen und ihn dann ganz langsam, beinahe tröpfchenweise, in die eigene Lebensbiographie zu integrieren, ohne seine Schwere jemals zu verleugnen, darum geht es (einen Blogbeitrag über Wordens Modell der Traueraufgaben gibt es unter diesem Link). Und so wird "In America" am Ende doch noch das allzu simple Feel-Good-Kino, das auf Massentauglichkeit angelegt ist statt auf das exakte Durchdeklinieren von Trauerstadien. Ein hervorragend gemachter Film mit einer magisch-verzauberten Kindergrundierung bleibt das Werk dennoch, fällt aber im Kontext dieser Artikelserie über Trauerfilme ein wenig aus dem Rahmen. Werfen wir also, wie üblich, einen Blick auf das Fragen-Grundgerüst für diese Artikelserie: 




- 1.) Was sagt der Film darüber aus, wie Trauer ist - wie sie sich anfühlt? 

Was der Film tatsächlich recht realistisch darstellt - bei aller märchenhaften Überhöhung - : Wie wenig die Trauer der einzelnen Familienmitglieder im Alltag zur Sprache kommt oder eine Rolle zu spielen scheint. Obwohl jedes einzelne Familienmitglied im Inneren noch raumgreifend mit dem Verlust beschäftigt ist, versuchen sie alle, dies für die Anderen auszublenden. Bis das nicht mehr geht. 

- 2.) Ist der Film für Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation empfehlenswert? 

Nur bedingt, vermutlich eher nicht. Zwar spielt der Verlust eines Kindes eine wesentliche Rolle, aber der Film nimmt dies mehr als Aufhänger für eine Reihe weiterer Themen, die nicht unbedingt die gängigen Alltagsfragen berühren, mit denen sich Menschen in einer solchen Situation herumtragen. Die Flucht in ein neues Land, ein neues Leben mit all seinen Herausforderungen, das tägliche Überleben in einer schwierigen Umgebung, ökonomisch und gesellschaftlich und mit angeknackstem Familiensystem, das ist das zentrale Thema des Films. 

- 3.) Kann der Film seinem Publikum die Gefühle von Trauer und Verlust und allem, was dazugehört, nahebringen (vor allem Zuschauern, die nicht davon betroffen sind)? 

Ebenfalls nur bedingt, dazu bleiben sie zu sehr unter der Oberfläche und werden nicht genug ausdekliniert, zumal die konsequent kindliche Erzählerperspektive
eine zusätzliche Verfremdung darstellt. Es bedarf einer profunderen Kenntnis dieser Themen, um sie in diesen Verstecken in ihrer Tiefe entdecken zu können.



- 4.) Meine persönliche Lieblingsszene aus dem Film? 

Es gibt viel Schönes in diesem Film, das einen berühren kann, mich hat jedoch gleich die Anfangssequenz am meisten bewegt: In ihrer Anfahrt auf New York durchquert die Familie den Lincoln-Tunnel, der von New Jersey direkt nach Manhattan führt. Die Fahrt durch dieses Nadelöhr wird zugleich zur karthatischen Neugeburt der gesamten Familie - als sie am Ende des Tunnels in die Stadt einfahren, ist es für alle wie ein Befreiungsschlag. Für einen ganz kurzen Augenblick liegt alles Schwierige hinter ihnen und nichts als Hoffnung vor ihnen, Aufbruch, Neues, ein wahrgewordener Traum - dass sich dieser schon bald in einen entbehrungsreichen Alltag verwandeln wird, ist für diese wenigen Sekunden der Ekstase ganz egal. Und wieder zeigt sich, dass die simpelsten Bilder oft die intensivsten sind: Das Licht am Ende des Tunnels sehen zu können. Jim Sheridan versteht es meisterhaft, diesen sekundenfüllenden Glückstaumel spürbar zu machen. 

- 5.)  Welche ganz persönlichen Fragen werden durch den Film in einem angeregt? 

Wenn Du ganz neu anfangen wolltest, was würdest Du tun? Was würdest Du alles in Kauf nehmen dafür? Wie weit würdest Du sinken wollen (und können)? 
 
- Mein Fazit und meine Empfehlung: In einem märchenhaften Tonfall erzählt "In America" von einer Familie, die neu anfangen möchte und lernen muss, dass das Zurückgelassene ebenfalls dabeibleiben muss. Regisseur Jim Sheridan geht es mehr darum, in einem atmosphärischen Grundton des Zauberischen eine Geschichte über Heimat, Familie und Verluste zu erzählen als eine Studie über Trauer abzuliefern. Das Ergebnis ist ein Film, der einen verzaubern kann, wenn man sich drauf einlassen mag, auch wenn er am Ende eine leichte Kitschnähe nicht mehr länger verleugnen kann


--------------- Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme": ------------

- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine exakte Studie über das Trauern ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das oscar-prämierte US-Drama "Manchester By The Sea" alles über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählen kann- zur Folge 3 der Serie

- Der Tod zweier Söhne, ein Familiensystem und seine Geschichte - warum John Irvings "The Door In The Floor" ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama und wie eine Familie weiterzumachen versucht, eindrucksvoll, aber zurückhaltend gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5

- Ein poetischer Film über Japan, alternde deutsche Ehepaare und die ewige Nähe des Todes - Dorris Dörries "Kirschblüten Hanami" ist eine Wucht - Folge 6

- Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert und bemerkenswert realistisch eine Familie in Trauer abbildet - Folge 7 der Serie

- Ein kluger Film darüber, wie Trauer als latente Grundschwingung das Leben junger Menschen beeinflussen kann, "Dieses Sommergefühl"Folge 8 der Serie

- Als Familie nach dem Tod eines Kindes in der Ferne den Neustart wagen - was das mit Geschwistern und Eltern macht, erzählt "In America" - Folge 9 der Serie 

- Warum "Blaubeerblau" der perfekte Einsteiger-Film für alle ist, die sich an das Thema Hospiz noch nicht so richtig herangetraut haben - Folge 10 der Serie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Im Trauergeschichten-Podcast zum Hören: "Darf ich das - ist das normal?" - was sich Trauernde so alles fragen und was es darauf für Antworten gibt  

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

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Sonntag, 9. Januar 2022

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 8 - Ein Todesfall, drei Sommer und einmal um die halbe Welt: Der Spielfilm "Das Sommergefühl" zeigt, wie junge Menschen den ganz plötzlichen Tod einer Freundin und Schwester erleben und wie die frisch verwaisten Eltern damit umgehen - Serie über "Die besten Trauerfilme", Tipps/Rezensionen

Osnabrück - Dass sich die Trauer um einen gestorbenen Menschen nicht immer als das alles beherrschende Gefühl bemerkbar machen muss, sondern mehr so als eine latente Grundschwingung, ist selten Thema in Spielfilmen. Kein Wunder - es ist ja auch für Filmemacher wie Schauspieler eine besondere Herausforderung, trotzdem sichtbar zu machen, was nur als Bodensatz in einem ist. Der französische Spielfilm "Dieses Sommergefühl" des Regisseurs Mikhaël Hers wagt das Experiment - und liefert ganz nebenbei noch eine Milieustudie über junge und global vernetzte Großstadtmenschen in einer mobilen Vor-Corona-Welt sowie wunderbare Bilder von Megastädten im Sommer mit all ihren Parks und Grünanlagen.

Berlin im Sommer. Rötlich-sommerlich ausgeleuchtete Abendidylle, das Leben findet draußen statt. Parks und Menschen. Die junge Frau läuft über eine Wiese und kippt einfach um. Nur wenige Tage später ist sie tot. Woran sie stirbt, das erfahren wir nicht. Wie wir überhaupt sehr wenig über diese Frau mit dem Namen Sasha erfahren, deren Tagesverlauf wir in den ersten zehn Minuten dieses Films wie in einem Zeitraffer miterlebt haben. Das ist sozusagen die Overtüre, auf die dann drei weitere Akte folgen - jeweils im Sommer, jeweils an einem anderen Ort der Welt, jeweils mit leicht wechselndem Ensemble. 



Das Bemerkenswerte daran ist, dass wir bis zum Zeitpunkt des Umkippens auf der Wiese kaum etwas Gesprochenes gehört haben - und auch später bleibt "Dieses Sommergefühl" ein Film, der zwar fein beobachtet und vieles einfängt, aber nicht alles an Innenleben seiner zahlreichen Charaktere en detail auserklärt. Es geht dem Filmemacher Mikhaël Hers erkennbar darum, situativ und schlaglichtartig eine Stimmung zu erfassen, ohne eine Studie daraus zu machen. Das macht den Film ungewöhnlich lebensnah und sorgt für eine gewisse Sogwirkung. 


Künstlerhaus Bethanien in Berlin - hier hatte die gestorbene Freundin und Schwester gearbeitet (alle Fotos: Rendezvous Filmverleih)

Was können uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen? Können wir etwas über das Leben lernen? Kommen sie der Lebenswirklichkeit von Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation nahe? Sind Sie für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geeignet, weil sie ihnen Verständnis oder Ermutigung anbieten können? Diese Fragen bilden sozusagen das Grundgerüst für meine Reise durch die Welt der Trauerfilme, die ich für diesen Blog unternehmen möchte. Im Fall von "Dieses Sommergefühl" sind all diese Fragen gar nicht so leicht zu beantworten. 

Die Tiefe der Trauer bleibt eine Ahnung

Da ist zum Beispiel die Mutter der Verstorbenen: Als es noch in Berlin darum geht, alles rund um die Trauerfeier für Sasha zu organisieren, ist sie wie der Rest der Familie scheinbar ganz unberührt, voll im Aktionsmodus. Beim gemeinsamen Essen mit dem Freund der Toten - Lawrence - wird auch mal gekichert und herumgealbert. Aber ein Jahr später, als wir die Familie in ihrer Villa am See im Alpenstädtchen Annecy erleben, hat sich in der Seelenwelt der Mutter dann doch etwas merklich verfinstert. Sie zieht sich zurück, sitzt wie versteinert auf ihrem Bett. Auch das erleben wir, wie fast alles in diesem Film, nur schlaglichtartig, es bleibt eine Skizze von vielen, wird nicht aus- oder weitererzählt. So wie ein flüchtiger Besucher dieser Familie kaum mitbekommen dürfte, dass die Erstarrtheit der Trauer sie durchaus noch lähmt, in ihrem Traumhaus am See, bleibt es auch für uns Filmzuschauer nur eine Ahnung. Wir spüren: Diesen Menschen ist ihre Fassade wichtig, das Weiterfunktionieren nach außen. 


Zoe in Annecy (Foto: Rendezvous-Filmverleih).

Da ist zum Beispiel Zoe, die Schwester der Gestorbenen. Sie ist in diesem Film als Symbolfigur zu verstehen, die die Unstetigkeit, aber auch die Unverbindlichkeiten eines jungen Erwachsenenlebens in den 2010er-Jahren verkörpert. Bindungen einzugehen, sich zu versprechen, das hat für diese Generation an Menschen keinen Charakter von Unumstößlichkeit mehr, sondern ist vielmehr ein Ausprobieren, dem das nächste folgt, wenn es nicht funktionieren sollte. Warum sie unter dem Tod ihrer Schwester gar nicht so stark leiden würde, wie sie das anstelle, wird sie einmal im Laufe des Films gefragt - darauf hat Zoe keine Antwort. Auch die Trennung vom Vater ihres Sohnes scheint sie nicht weiter zu schmerzen. Nur einmal, am See in Annecy, können wir erleben, dass sie von ihrer neuen Rolle als alleinerziehende Mutter auch genervt ist. Schwimmen gehen möchte sie jedenfalls lieber alleine, nicht mit ihrem etwa zehn Jahre alten Sohn.

Es liegt in der Luft - dann biegt das Leben wieder ab

Da ist zum Beispiel Lawrence, der feste Freund der Gestorbenen. Er leidet erkennbar am meisten unter ihrem Tod. In Berlin, kurz nach dem Ereignis; aber ein Jahr später, in Paris, fast noch mehr. Erst zwei Jahre danach, in New York, kann er wieder neue Albernheiten und neue Kontakte zulassen. Und eine neue Liasion. Zwischenzeitlich hat es so ausgesehen, als würde sich zwischen Lawrence und Zoe, der Schwester der Gestorbenen, etwas anbahnen können. Aber wie so vieles bleibt auch das eine Ahnung, es bleibt in der Schwebe - während sich das Leben in eine andere Richtung entwickelt.

 

Die dritte Großstadt: New York  (Foto: Rendezvous-Filmverleih).


Diese Unverbindlichkeiten, dieses Hineingegebensein in den Strom eines urbanen Lebens, das ist es, was "Dieses Sommergefühl" zu etwas Besonderem macht. So gesehen ist es weniger ein Film über Trauer an sich, als vielmehr einer darüber, wie sich die Puzzlestücke eines Lebens in unserer modernen Welt immer wieder neu zusammensetzen - und wie sich der Verlust eines Menschen in dieses Bild mit einfügen kann. Im Presseheft zum Film findet sich ein Zitat des Co-Drehbuch-Autors und Regisseurs Mikhaël Hers, das den Charakter des Films optimal beschreibt:  „Ich wollte die bewegte und rätselhafte Realität darstellen, die uns durch die Finger rennt: Diese Fetzen der Wirklichkeit, mit denen wir – auf komische oder traurige Weise – jederzeit konfrontiert sind. Die Fragmente der Realität, diese Bruchstücke von Leben, erreichen uns, ohne dass wir ihren Sinn erfassen können. Von ihnen bleiben nur ein paar Erinnerungen, ein paar Spuren."

Eine Generation, die so viel hat - das verunsichert

Was der Film eindringlich schildert, ist die tatsächliche Erlebenswelt von jungen Erwachsenen, so, wie ich es in Trauergruppen und bei Einzelbegleitungen ebenfalls geschildert bekommen habe: Dass sich die Widersprüchlichkeiten und die Komplexität des modernen Lebens eben auch (oder: vor allem) in seinen düsteren Momenten zeigen - und wie verunsichernd das einerseits sein kann, während man andererseits die Neugier auf das Neue und das Kommende nicht verliert, trotz allem, während man weiterhin mitschwimmt im Strom des Lebens. Eine Generation, die soviel kann, die soviel hat und die gerade dadurch verunsicherter ist als andere. Und die staunend erlebt: Das Leben kann ganz leicht sein, manchmal, punktuell, aber es verliert dabei niemals seine Melancholie. Wie passend, dass dieser Film nur im Sommer spielt, dass wir die Wintermonate nicht miterleben, dass wir die Figuren nicht in ihrer gesamten Entwicklung begleiten. Sommer und Tod. Leichtigkeit und Schwere. Lebenslust und Melancholie. Jugend und Altsein. Alles drin im rötlichen Schimmer der Sommerabendsonne. Das eben ist es - dieses Sommergefühl.

Mein Fazit: "Dieses Sommergefühl" ist vor allem ein Film über junge Menschen und ihr Verständnis von der Welt. Sein großer Vorteil ist es, dass er Trauer nicht zu seinem Hauptthema macht. Davon kann enttäuscht sein, wer eine starke Auseinandersetzung mit dem Thema erwartet hat, aber gerade diese vermeintliche "Abwesenheit" der Trauer macht geschickterweise umso deutlicher, dass sie eben gar nicht abwesend ist. Und mit diesem Widerspruch müssen sehr viele Menschen täglich leben



--------------- Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme": ------------

- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine exakte Studie über das Trauern ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das oscar-prämierte US-Drama "Manchester By The Sea" alles über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählen kann- zur Folge 3 der Serie

- Der Tod zweier Söhne, ein Familiensystem und seine Geschichte - warum John Irvings "The Door In The Floor" ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama und wie eine Familie weiterzumachen versucht, eindrucksvoll, aber zurückhaltend gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5

- Ein poetischer Film über Japan, alternde deutsche Ehepaare und die ewige Nähe des Todes - Dorris Dörries "Kirschblüten Hanami" ist eine Wucht - Folge 6

- Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert und bemerkenswert realistisch eine Familie in Trauer abbildet - Folge 7 der Serie

- Ein kluger Film darüber, wie Trauer als latente Grundschwingung das Leben junger Menschen beeinflussen kann, "Dieses Sommergefühl"Folge 8 der Serie

- Als Familie nach dem Tod eines Kindes in der Ferne den Neustart wagen - was das mit Geschwistern und Eltern macht, erzählt "In America" - Folge 9 der Serie 

- Warum "Blaubeerblau" der perfekte Einsteiger-Film für alle ist, die sich an das Thema Hospiz noch nicht so richtig herangetraut haben - Folge 10 der Serie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Im Trauergeschichten-Podcast zum Hören: "Darf ich das - ist das normal?" - was sich Trauernde so alles fragen und was es darauf für Antworten gibt  

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 7: Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert ist und wie er den Verlust eines Sohnes, eines Bruders sowie die Gefühle der frisch verwaisten Eltern gut und realistisch zu zeigen versteht - Serie über "Die besten Trauerfilme", Tipps/Rezensionen

Osnabrück - Einer der sehenswertesten Spielfilme über das Thema Trauer ist Nanni Morrettis "Das Zimmer meines Sohnes" von 2001. Und weil dieser Film einerseits sensibel, andererseits aber zurückhaltend und unaufdringlich erzählt wird, ist er auch einer der wenigen Filme, die tatsächlich für Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation gut geeignet sind. Der Film zeigt, beinahe analytisch, wie sich der plötzliche Verlust des Sohnes auf das Familiengefüge auswirken kann - und auf jedes einzelne Mitglied dieser Familie. Und wie der Alltag trotzdem weitergeht. Ein kluger Film, der durch seine Schlichtheit besticht. Ein Film aus Italien - Hollywood ist hier ganz weit entfernt, zum Glück. Aber der Reihe nach.

In Trauergruppen habe ich schon öfter davon gehört - da ist ein Mensch gestorben, sagen wir, beispielsweise, ein junger Mann. Und seine Freundin, die bis zuletzt mit ihm zusammen gewesen ist, wird für die Eltern des Gestorbenen beinahe zu einer Art Ersatz, sie klammern sich an sie, die sie diese letzte Verbindung zum Leben des Sohnes darstellt - aus der Ersatzbeziehung schöpfen die frisch verwitweten Eltern eine trügerische neue Hoffnung. Ein ganz ähnlicher Mechanismus spielt auch in dem Film "Das Zimmer meines Sohnes" eine Rolle, dort aber auch, wie so vieles in diesem Film, eher angedeutet und nicht en detail ausdekliniert. Das ist einer der größten Stärken dieses Werkes: Dass es sehr vieles anreißt, viele Facetten sichtbar macht, aber nichts davon mit Aufladung überfrachtet, keiner seiner Fährten mit Auserzählung folgen muss. Allein dadurch wird "Das Zimmer meines Sohnes" zum vermutlich realistischsten Film über Trauer, den es überhaupt gibt. Und gerade weil er auf jede Tränendrüsigkeit verzichtet, ist er unbedingt sehenswert. 


(Alle Fotos: Thomas Achenbach, Aushangfotos: Pro-Kino)

Was können uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen? Können wir etwas über das Leben lernen? Kommen sie der Lebenswirklichkeit von Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation nahe? Sind Sie für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geeignet, weil sie ihnen Verständnis oder Ermutigung anbieten können? Diese Fragen bilden sozusagen das Grundgerüst für meine Reise durch die Welt der Trauerfilme, die ich für diesen Blog unternehmen möchte. Und da bietet sich dieses "Zimmer meines Sohnes" unbedingt an. In der ersten halben Stunde des Films ist das Leben der Protagonistenfamilie noch unversehrt und wir werden Zeuge von teils heiteren, teils mit den in Familien üblichen kleinen Reibungen versehenen Alltagsanekdoten. 

Heiterkeiten, Reibereien... - unversehrtes Familienleben

Da ist der Familienvater, der Psychoanalytiker Giovanni, gespielt von Drehbuchautor und Filmemacher Nanni Moretti persönlich. Von seinen Patienten lässt er sich beleidigen, beschimpfen, bedrängen, aber nichts davon kann ihn aus der Ruhe bringen. In seiner Freizeit geht er gerne joggen - und als er am Ende seiner Runde auf eine Gruppe ausgelassen auf der Straße tanzender Hare-Krishna-Anhänger trifft, lässt er sich von deren unbefangener Lebensfreude anstecken. Dass sein 17-jähriger Sohn Andrea einmal mehr Ehrgeiz im Sport zeigen würde, wäre dem Vater schon wichtig. Die Tochter Irene ist da ganz anders geraten, im Basketball ist sie ungemein erfoigreich und zielstrebig. Die Mutter der Familie arbeitet in einer führenden Funktion in einer Kunstgalerie. Und doch ist das Leben ruhig genug, dass dem Paar auch noch Zeit bleibt für abendliche Leidenschaft. 




Dann folgt eine bemerkenswert konstruierte Parallelmontage, in der wir jedes Familienmitglied in einer anderen Situation erleben. Die Mutter der Familie wird auf einem Flohmarkt kurz angerempelt und erschrickt. War es vielleicht sogar ein Dieb? Die Tochter albert beim Mofafahren mit anderen herum, versucht, ihre Mitschüler auf anderen Mofas zu treten, eine zwar fröhliche, aber nicht ganz ungefährliche Situation. Der Familienvater sitzt bei einem Patienten, der ihm von einer lebensbedrohenden Krebsdiagnose berichtet. Und schließlich sehen wir das Schlauchboot, in dem der Sohn Andrea mit seinen Tauchkumpanen auf ein sonnenbestrichenes und sattblauverwöhntes Meer hinausfährt. Während in die Lebenssituationen aller anderen eine Ahnung von Bedrohung hineingetupft ist, bleibt diese Schlauchbootsequenz heiter und unbeschwert. Und wird sich doch als die Einzige erweisen, die Endlichkeit in sich versteckte.

Eine Lähmung in allem - der Tod bringt Stillstand

Den Tod des Sohnes bekommen wir indes gar nicht zu sehen. Kaum haben wir mitbekommen können, dass er gestorben ist, wird auch schon der Sarg verschweißt, was bei Modellen mit einem Metalleinsatz offenbar üblich ist (das habe ich auch erst durch eine Onlinerecherche zu dieser Frage gelernt). Und schon sind wir mittendrin in einer Abfolge skizzenhafter Szenen, beinahe Fragmenten, die uns begreifbar machen, wie sehr das Familiensystem in Unordnung geraten ist. Bis eines Tages ein unangekündigter Brief eine Überraschung mit sich bringt, die wieder einen Hoffnungsfunken aufflammen lässt: Andrea hat offenbar eine Art Freundin. Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Art Mini-Liebschaft von einem Campingplatzaufenthalt... 




Es ist gewiss kein Zufall, dass der Film sich die Psychoanalyse zu einem seiner Sujets gemacht hat, denn aus einer ebenso nüchtern-distanzierten Haltung heraus zeigt uns der Film in skizzenhaften Szenen, wie sich der Tod des Sohnes bzw. Bruders auf die Familie auswirkt. Was wir dabei zu sehen bekommen, ist sehr genau beobachtet und gespielt, spielt aber nicht um der emotionalen Wirkungseffekte willen mit den Gefühlen des Publikums. Hier sind ein paar der Trauerfacetten, mit denen uns der Film in Kontakt bringt:

1.) Schuldfragen spielen eine wichtige Rolle: Der Vater lässt sich in einem Laden das Equipment erklären, das für das Tauchen gebraucht wird. Weil er sich mit der Vorstellung herumplagt, dass schlecht gewartete Tauchutensilien für den tödlichen Unfall seines Sohnes verantwortlich sein könnten. Warum Schuld für den Trauerprozess so wichtig ist - und welche unbewussten Funktionen diese Suche nach der Schuld erfüllen kann - ist immer wieder Thema auf diesem Blog, zum Beispiel in diesem Artikel über Schuld und Schuldgefühle.

2.) Jeder trauert in seinem Tempo und seiner eigenen Intensität: Das Ehepaar scheint sich in seinen völlig konträren Trauerprozessen voneinander zu entfremden, jeder wird von seinem eigenen inneren Geschehen aufgezehrt.

3.) Für die Gemeinschaft der Familie fehlt die Kraft, jeder zieht sich in sich selbst zurück: Während sich die Mutter weinend ins Bett zurückzieht und sich der Vater zunächst in seine Arbeit zu flüchten versucht, versucht die Tochter (und Schwester des gestorbenen Sohnes) die Mahlzeiten für die Familie zuzubereiten.

4.) Wut und Zorn gehören zum Prozess dazu: Nach einer kirchlichen Trauermesse, die keinem der Familie so wirklich gut getan hat, gerät der Familienvater in einen Zornesausbruch. Ausgerechnet die kirchliche Trauermesse hat ihm bewusst gemacht, wieviel im Haushalt der Familie schon angeschlagen und kaputt ist, ein Teller hier, eine Tasse dort, eine Teekanne ebenfalls. Letztere wird den Wutausbruch nicht überleben. Dass es ausgerechnet die Kirche ist, die den Zorn der Menschen evoziert, in einem italienischen Film, ist ein starkes Statement. 

5.) Die Kinder fühlen sich für die Eltern (über)verantwortlich: Tochter Irene versucht das Alltagsgeschehen aufrechtzuerhalten und gerät in eine beinahe elterliche Verantwortungsrolle für ihre Eltern. Wie sehr sie selbst darunter leidet, zeigt sie keinem. Aber in der Umkleidekabine eines Bekleidungshauses, versteckt vor der Außenwelt, kommen ihr dann doch die Tränen.



6.) Alte Rituale funktionieren nicht mehr: Das Ehepaar versucht es mit Essengehen, um sich abzulenken und wieder zueinander zu finden. Doch anders als erhofft führt dieser Abend nicht zu einem gestärkten Miteinander.  

7.) Die vielen quälenden W-Fragen: Das Warum, Wie und vor allem das "Was wäre wenn" beschäftigt die Mitglieder der Familie. Vor allem der Vater wird immer wieder von Visionen durchgerüttelt, in denen er seinen Sohn doch noch zum Joggengehen überreden oder durch andere Aktionen vom Tauchgang abhalten kann. Hier zeigt sich auch wieder die gefühlte Schuld, die sich bei Trauer oft einstellen kann: Ich hätte es ändern können. 

8.) Männer trauern anders als Frauen: Sie lebt ihre Trauer unmittelbar aus, weint, klagt, zieht sich ins Bett zurück. Er versucht es zunächst mit Arbeit. Als das auch nicht mehr funktioniert, schmeißt er hin. 

9.) Sich mit dem beschäftigen, was der gestorbene Mensch zuvor gern getan hat, um eine emotionale Nähe zu schaffen: In einem Versuch, sich seinem gestorbenen Sohn anzunähern, geht der Vater Giovanni in einen Musikladen und lässt sich beraten, er will die Musik hören, die sein Sohn gehört hat, will sich dort hineindenken und -fühlen.

10.) Auch Momente der emotionalen Taubheit oder Erstarrung gehören zum Prozess dazu: Kurz nach dem Tod seines Sohnes streift der Vater Giovanni über einen Jahrmarkt. Um ihn herum pralles Leben und bunte Lichter. Sein Gesicht spiegelt indes seine innere Versteinerung. Einmal versucht er, mit einer so genannten Käfigrundfahrschaukel, die man mit Muskelkraft selbst bewegen muss, auch sein inneres Erleben wieder in Schwung zu bringen. Man sieht ihm die emotionale Kraftanstrengung an, die ihn das kostet. 

11.) Es bleiben traumatische Erfahrungen: Die Schrauben, die in den verschlossenen Sarg hineingedreht werden, das Geräusch, das sie dabei erzeugen, diese Bilder kommen an einer anderen Stelle des Films zum Einsatz. Sie erzeugen einen Eindruck von Gewalt und Schmerz.

Bemerkenswerter Randaspekt: Der Film ließe sich übrigens auch ganz anders lesen - nämlich als ein allegorischer Abgesang auf die Kunst der Psychoanalyse. Aber das wäre einen zweiten Artikel wert. Werfen wir noch einmal einen Blick auf das Fragen-Grundgerüst für diese Artikelserie: 



1.) Was sagt der Film darüber aus, wie Trauer ist - wie sie sich anfühlt? 

Er macht bemerkenswert viele dieser Facetten sichtbar, siehe oben. 

- 2.) Ist der Film für Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation empfehlenswert? 

Fast uneingeschränkt ja, weil er konsequent auf Überdramatisierung verzichtet, weil er mit analytischer Klarheit aufzeigt, wie sich der Trauerprozess auf die ganze Familie auswirkt, ohne jemals rührselig oder tränendrüsig zu sein, 
womit dieser Film Seltenheitswert besitzt. Er ist echt und gleichzeitig kühl genug erzählt, um für Menschen in genau dieser Lebenssituation aushaltber zu bleiben.

- 3.) Kann der Film seinem Publikum die Gefühle von Trauer und Verlust und allem, was dazugehört, nahebringen (vor allem Zuschauern, die nicht davon betroffen sind)? 

Einerseits ja, weil so vieles drin ist. Andererseits nein, weil mit der sehr nüchternen Erzählhaltung des Films auch eine gewisse Distanzierung und Kühle einhergeht. Ein wirkliches emotionales Mitschwingen wird somit erschwert. Das ist sowohl eine Stärke als auch eine Schwäche dieses Films. Es kommt halt drauf an, in welcher Situation und Lage sich der Zuschauer gerade befindet.
 



- 4.) Meine persönliche Lieblingsszene aus dem Film? 

Der Film endet am Meer, an der Grenze zwischen Italien und Frankreich im Küstenörtchen Menton, nach einer langen nächtlichen Autofahrt, zu der es durch bemerkenswerte Verkettungen gekommen ist. Vom Meer her weht ein kräftiger Wind, es ist ein sonniger Tag und für die Familie hat sich - ausgelöst durch die bereits erwähnten Verkettungen - ein kleines Guckloch in der sie umgebenden Schwärze aufgetan. Nur ein sehr kleines. Natürlich wird es bald zurückgehen in die Heimat und in das Leben, das dort weitergelebt werden will, also das Leben mit dem Verlust. Und wir können ahnen, dass dieses Leben seine Unaushaltbarkeit nicht gänzlich verlieren wird, dass die Schmerzen nicht verheilen werden, aber wir können gleichsam auch ahnen, dass es einen Tag geben könnte, in der weiteren Zukunft, an dem der Verlust des Sohnes integriert sein kann in die Geschichte dieser Familie. Als Narbe, die weiterhin spürbar bleiben wird. Aber nicht mehr ganz so stark blutet. Es ist nicht unbedingt ein Happy End. Aber das vielleicht realistischste Ende, das in einem Film über Trauer möglich ist.

- 5.)  Welche ganz persönlichen Fragen werden durch den Film in einem angeregt? 

Stell Dir vor, dass sich Dein ganzes Leben, so festgefügt und unumstößlich es Dir auch erscheinen mag, von einer Sekunde auf die andere auflöst - was würdest Du bereuen? Was hättest Du Dir anders gewünscht? Wie würde es Dir dann gehen?

- Mein Fazit und meine Empfehlung: Immer wieder wird "Das Zimmer meines Sohnes" von der Kritik oder in TV-Zeitungen als ein "bewegendes Drama" beschrieben, dabei stimmt das gar nicht, deutet es doch eine Dramatisierung an, die das fertige Produkt nicht vorweisen kann. Es sind zahlreiche Details, der fein beobachtende menschliche Spürsinn und die gekonnte Zurückhaltung, die diesen Film wirklich sehenswert machen


--------------- Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme": ------------

- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine exakte Studie über das Trauern ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das oscar-prämierte US-Drama "Manchester By The Sea" alles über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählen kann- zur Folge 3 der Serie

- Der Tod zweier Söhne, ein Familiensystem und seine Geschichte - warum John Irvings "The Door In The Floor" ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama und wie eine Familie weiterzumachen versucht, eindrucksvoll, aber zurückhaltend gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5

- Ein poetischer Film über Japan, alternde deutsche Ehepaare und die ewige Nähe des Todes - Dorris Dörries "Kirschblüten Hanami" ist eine Wucht - Folge 6

- Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert und bemerkenswert realistisch eine Familie in Trauer abbildet - Folge 7 der Serie

- Ein kluger Film darüber, wie Trauer als latente Grundschwingung das Leben junger Menschen beeinflussen kann, "Dieses Sommergefühl"Folge 8 der Serie

- Als Familie nach dem Tod eines Kindes in der Ferne den Neustart wagen - was das mit Geschwistern und Eltern macht, erzählt "In America" - Folge 9 der Serie 

- Warum "Blaubeerblau" der perfekte Einsteiger-Film für alle ist, die sich an das Thema Hospiz noch nicht so richtig herangetraut haben - Folge 10 der Serie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Im Trauergeschichten-Podcast zum Hören: "Darf ich das - ist das normal?" - was sich Trauernde so alles fragen und was es darauf für Antworten gibt  

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

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