Sonntag, 9. Januar 2022

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 8 - Ein Todesfall, drei Sommer und einmal um die halbe Welt: Der Spielfilm "Das Sommergefühl" zeigt, wie junge Menschen den ganz plötzlichen Tod einer Freundin und Schwester erleben und wie die frisch verwaisten Eltern damit umgehen - Serie über "Die besten Trauerfilme", Tipps/Rezensionen

Osnabrück - Dass sich die Trauer um einen gestorbenen Menschen nicht immer als das alles beherrschende Gefühl bemerkbar machen muss, sondern mehr so als eine latente Grundschwingung, ist selten Thema in Spielfilmen. Kein Wunder - es ist ja auch für Filmemacher wie Schauspieler eine besondere Herausforderung, trotzdem sichtbar zu machen, was nur als Bodensatz in einem ist. Der französische Spielfilm "Dieses Sommergefühl" des Regisseurs Mikhaël Hers wagt das Experiment - und liefert ganz nebenbei noch eine Milieustudie über junge und global vernetzte Großstadtmenschen in einer mobilen Vor-Corona-Welt sowie wunderbare Bilder von Megastädten im Sommer mit all ihren Parks und Grünanlagen.

Berlin im Sommer. Rötlich-sommerlich ausgeleuchtete Abendidylle, das Leben findet draußen statt. Parks und Menschen. Die junge Frau läuft über eine Wiese und kippt einfach um. Nur wenige Tage später ist sie tot. Woran sie stirbt, das erfahren wir nicht. Wie wir überhaupt sehr wenig über diese Frau mit dem Namen Sasha erfahren, deren Tagesverlauf wir in den ersten zehn Minuten dieses Films wie in einem Zeitraffer miterlebt haben. Das ist sozusagen die Overtüre, auf die dann drei weitere Akte folgen - jeweils im Sommer, jeweils an einem anderen Ort der Welt, jeweils mit leicht wechselndem Ensemble. 



Das Bemerkenswerte daran ist, dass wir bis zum Zeitpunkt des Umkippens auf der Wiese kaum etwas Gesprochenes gehört haben - und auch später bleibt "Dieses Sommergefühl" ein Film, der zwar fein beobachtet und vieles einfängt, aber nicht alles an Innenleben seiner zahlreichen Charaktere en detail auserklärt. Es geht dem Filmemacher Mikhaël Hers erkennbar darum, situativ und schlaglichtartig eine Stimmung zu erfassen, ohne eine Studie daraus zu machen. Das macht den Film ungewöhnlich lebensnah und sorgt für eine gewisse Sogwirkung. 


Künstlerhaus Bethanien in Berlin - hier hatte die gestorbene Freundin und Schwester gearbeitet (alle Fotos: Rendezvous Filmverleih)

Was können uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen? Können wir etwas über das Leben lernen? Kommen sie der Lebenswirklichkeit von Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation nahe? Sind Sie für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geeignet, weil sie ihnen Verständnis oder Ermutigung anbieten können? Diese Fragen bilden sozusagen das Grundgerüst für meine Reise durch die Welt der Trauerfilme, die ich für diesen Blog unternehmen möchte. Im Fall von "Dieses Sommergefühl" sind all diese Fragen gar nicht so leicht zu beantworten. 

Die Tiefe der Trauer bleibt eine Ahnung

Da ist zum Beispiel die Mutter der Verstorbenen: Als es noch in Berlin darum geht, alles rund um die Trauerfeier für Sasha zu organisieren, ist sie wie der Rest der Familie scheinbar ganz unberührt, voll im Aktionsmodus. Beim gemeinsamen Essen mit dem Freund der Toten - Lawrence - wird auch mal gekichert und herumgealbert. Aber ein Jahr später, als wir die Familie in ihrer Villa am See im Alpenstädtchen Annecy erleben, hat sich in der Seelenwelt der Mutter dann doch etwas merklich verfinstert. Sie zieht sich zurück, sitzt wie versteinert auf ihrem Bett. Auch das erleben wir, wie fast alles in diesem Film, nur schlaglichtartig, es bleibt eine Skizze von vielen, wird nicht aus- oder weitererzählt. So wie ein flüchtiger Besucher dieser Familie kaum mitbekommen dürfte, dass die Erstarrtheit der Trauer sie durchaus noch lähmt, in ihrem Traumhaus am See, bleibt es auch für uns Filmzuschauer nur eine Ahnung. Wir spüren: Diesen Menschen ist ihre Fassade wichtig, das Weiterfunktionieren nach außen. 


Zoe in Annecy (Foto: Rendezvous-Filmverleih).

Da ist zum Beispiel Zoe, die Schwester der Gestorbenen. Sie ist in diesem Film als Symbolfigur zu verstehen, die die Unstetigkeit, aber auch die Unverbindlichkeiten eines jungen Erwachsenenlebens in den 2010er-Jahren verkörpert. Bindungen einzugehen, sich zu versprechen, das hat für diese Generation an Menschen keinen Charakter von Unumstößlichkeit mehr, sondern ist vielmehr ein Ausprobieren, dem das nächste folgt, wenn es nicht funktionieren sollte. Warum sie unter dem Tod ihrer Schwester gar nicht so stark leiden würde, wie sie das anstelle, wird sie einmal im Laufe des Films gefragt - darauf hat Zoe keine Antwort. Auch die Trennung vom Vater ihres Sohnes scheint sie nicht weiter zu schmerzen. Nur einmal, am See in Annecy, können wir erleben, dass sie von ihrer neuen Rolle als alleinerziehende Mutter auch genervt ist. Schwimmen gehen möchte sie jedenfalls lieber alleine, nicht mit ihrem etwa zehn Jahre alten Sohn.

Es liegt in der Luft - dann biegt das Leben wieder ab

Da ist zum Beispiel Lawrence, der feste Freund der Gestorbenen. Er leidet erkennbar am meisten unter ihrem Tod. In Berlin, kurz nach dem Ereignis; aber ein Jahr später, in Paris, fast noch mehr. Erst zwei Jahre danach, in New York, kann er wieder neue Albernheiten und neue Kontakte zulassen. Und eine neue Liasion. Zwischenzeitlich hat es so ausgesehen, als würde sich zwischen Lawrence und Zoe, der Schwester der Gestorbenen, etwas anbahnen können. Aber wie so vieles bleibt auch das eine Ahnung, es bleibt in der Schwebe - während sich das Leben in eine andere Richtung entwickelt.

 

Die dritte Großstadt: New York  (Foto: Rendezvous-Filmverleih).


Diese Unverbindlichkeiten, dieses Hineingegebensein in den Strom eines urbanen Lebens, das ist es, was "Dieses Sommergefühl" zu etwas Besonderem macht. So gesehen ist es weniger ein Film über Trauer an sich, als vielmehr einer darüber, wie sich die Puzzlestücke eines Lebens in unserer modernen Welt immer wieder neu zusammensetzen - und wie sich der Verlust eines Menschen in dieses Bild mit einfügen kann. Im Presseheft zum Film findet sich ein Zitat des Co-Drehbuch-Autors und Regisseurs Mikhaël Hers, das den Charakter des Films optimal beschreibt:  „Ich wollte die bewegte und rätselhafte Realität darstellen, die uns durch die Finger rennt: Diese Fetzen der Wirklichkeit, mit denen wir – auf komische oder traurige Weise – jederzeit konfrontiert sind. Die Fragmente der Realität, diese Bruchstücke von Leben, erreichen uns, ohne dass wir ihren Sinn erfassen können. Von ihnen bleiben nur ein paar Erinnerungen, ein paar Spuren."

Eine Generation, die so viel hat - das verunsichert

Was der Film eindringlich schildert, ist die tatsächliche Erlebenswelt von jungen Erwachsenen, so, wie ich es in Trauergruppen und bei Einzelbegleitungen ebenfalls geschildert bekommen habe: Dass sich die Widersprüchlichkeiten und die Komplexität des modernen Lebens eben auch (oder: vor allem) in seinen düsteren Momenten zeigen - und wie verunsichernd das einerseits sein kann, während man andererseits die Neugier auf das Neue und das Kommende nicht verliert, trotz allem, während man weiterhin mitschwimmt im Strom des Lebens. Eine Generation, die soviel kann, die soviel hat und die gerade dadurch verunsicherter ist als andere. Und die staunend erlebt: Das Leben kann ganz leicht sein, manchmal, punktuell, aber es verliert dabei niemals seine Melancholie. Wie passend, dass dieser Film nur im Sommer spielt, dass wir die Wintermonate nicht miterleben, dass wir die Figuren nicht in ihrer gesamten Entwicklung begleiten. Sommer und Tod. Leichtigkeit und Schwere. Lebenslust und Melancholie. Jugend und Altsein. Alles drin im rötlichen Schimmer der Sommerabendsonne. Das eben ist es - dieses Sommergefühl.

Mein Fazit: "Dieses Sommergefühl" ist vor allem ein Film über junge Menschen und ihr Verständnis von der Welt. Sein großer Vorteil ist es, dass er Trauer nicht zu seinem Hauptthema macht. Davon kann enttäuscht sein, wer eine starke Auseinandersetzung mit dem Thema erwartet hat, aber gerade diese vermeintliche "Abwesenheit" der Trauer macht geschickterweise umso deutlicher, dass sie eben gar nicht abwesend ist. Und mit diesem Widerspruch müssen sehr viele Menschen täglich leben



--------------- Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme": ------------

- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine exakte Studie über das Trauern ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das US-Drama "Manchester By The Sea" alles über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählt (Oscar-Preisträger) - zur Folge 3 der Serie

- Der Tod zweier Söhne, ein eingestürztes Familiensystem - warum "The Door In The Floor" nach John Irving ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama und wie eine Familie weiterzumachen versucht, eindrucksvoll, aber zurückhaltend gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5

- Ein poetischer Film über Japan, alternde deutsche Ehepaare und die ewige Nähe des Todes - Dorris Dörries "Kirschblüten Hanami" ist eine Wucht - Folge 6

- Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert und bemerkenswert realistisch eine Familie in Trauer abbildet - Folge 7 der Serie

- Ein kluger Film darüber, wie Trauer als latente Grundschwingung das Leben junger Menschen beeinflussen kann, "Dieses Sommergefühl", Folge 8 der Serie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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