Freitag, 13. Dezember 2019

Wie die menschliche Sterbeuhr alle in diesem Jahr bereits Gestorbenen misst und wo sie zu finden ist - und warum die dazugehörige Website verständnisvolle Inspirationen für Trauernde geben kann

Osnabrück - Wer hätte das gewusst? Alle 33 Sekunden stirbt, statistisch gesehen, ein Mensch in Deutschland. Das macht pro Stunde etwa 108 gestorbene Menschen. Und wer wissen möchte, wieviele Menschen in diesem Jahr bereits gestorben sind, kann sich jetzt auf einer neuen Website die so genannte Sterbeuhr ansehen, die einem das in eindrucksvoller Weise und immer ganz aktuell zeigt. Doch das damit verbundene Online-Magazin "Trauer now" ist noch aus einem ganz anderen Grund ein empfehlenswerter Lesetipp (zu erreichen über diesen Link hier). 

Denn in mehreren Artikeln auf diesem Portal gibt es wertvolle Impulse und viele Anregungen für Trauernde - und für die Menschen, die sie begleiten, sei es als Angehörige oder Freunde oder Kollegen. Ergänzt wird das Angebot um berührende Porträts von Menschen, die mit den Themen Tod, Trauer und Sterben und zu tun haben. Darunter ist beispielsweise der Sternekoch Vincent Klink, der Tipps für das "Totenmahl" gibt. Anregungen für hilfreiche Trauer-Rituale in und eine Linkliste für weitere Angebote runden die Website ab. Aber wer steckt dahinter?


Sie tickt für bzw. in jedem Menschen: die menschliche Sterbeuhr (alle Fotos: Thomas Achenbach). 

Als Macher des Onlineportals fungiert die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V., die sich - ausgehend vom Kasseler Museum für Sepulkrakultur -  für eine neue Trauerkultur in Deutschland einsetzt. In einer Pressemitteilung über die "Trauer Now"-Website heißt es dazu: Tod und Trauer sind in der Gesellschaft in vielen Bereichen immer noch tabu, viele sind darauf nicht vorbereitet, viele damit allein. Es braucht eine neue, respektvolle, öffentliche Diskussion darüber, wie eine heilsame Trauer besser gelingen kann – wie aus ihr eine unbelastete Erinnerung werden kann. Was muss sich dafür verändern? Antworten darauf sollen sich der Mitteilung zufolge auf dem Portal finden. Hier sollen zudem neueste, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse präsentiert werden, wie es in der Mitteilung weiter heißt. Und dass es wichtig sei, dieses Thema immer wieder ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Warum?


Es braucht mehr Orte zum Trauern


"Trauer ist etwas, über das wir ungern sprechen, aber sie geht uns früher oder später alle an", wird der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft und Direktor des Zentralinstituts und Museums für Sepulkralkultur in Kassel, Dirk Pörschmann, zitiert. Das Problem sei jedoch: Viele sind auf Trauer nicht vorbereitet. Dann zieht es ihnen nochmal in besonderer Weise den Boden unter den Füßen weg. Deswegen sei es so wichtig, eine Trauerkultur zu etablieren, "die die Hinterbliebenen in den Mittelpunkt rückt", wie es Dirk Pörschmann weiter sagt: "Wir wollen Inspirationen geben, wie der Abschied von geliebten Menschen wahrhaftig, würdevoll und heilsam gelingen kann." Fast 955 000 Menschenn sterben insgesamt jedes Jahr. Rechnet man pro gestorbenem Menschen eine statistisch wahrscheinliche Größe von 1,5 Trauernden hinzu, ergibt sich eine gewaltige Menge an Betroffenen - jedes Jahr aufs Neue. "So brauchen Menschen beispielsweise Orte, an denen sie mit ihrer Trauer so frei umgehen dürfen und können, wie es ihnen gut tut", sagte Pörschmann. Menschen benötigten auf dem Friedhof Beisetzungsorte, die einen positiven und lebendigen Trauerprozess ermöglichen.


Doch gerade die Friedhöfe sind es, die aktuell in die Kritik geraten sind. Auf dem 2019 in Köln stattfindenden Kongress "Heilsame Abschiede" stellten zwei Soziologen eine Studie vor, die zu dem eindeutigen Ergebnis kommt: Der Friedhof könnte ein Auslaufmodell sein, wenn sich dort nicht bald etwas ändert. 


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Menschen nach einem Verlust für selbst schuldig halten 

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatter bewegen - Plädoyer für eine moderne Bestattungskultur, Beispiele für zeitgemäße Rituale 

Ebenfalls auf diesem Blog: Macht es die Hinterbliebenen nicht noch trauriger, wenn wir sie auf ihren Verlust ansprechen? - Impulse bei großer Unsicherheit 

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

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Donnerstag, 5. September 2019

Gibt es so etwas wie Leichengift? Und wie gefährlich ist es? Stimmt es, dass die Nägel der Toten noch lange weiterwachsen? Die sechs größten Irrglauben rund um Tod, Verwesung und Sterben - ein spannendes Aufklärerstück vom Berliner Online-Bestattungshaus "Mymoria" zeigt die wichtigsten Fragen auf

Osnabrück/Berlin - Um das Sterben, den Tod und Bestattungen ranken sich viele Irrglauben. Gibt es so etwas wie Leichengift? Und wie gefährlich ist es? Stimmt es, dass die Nägel der Toten auf unbestimmte Zeit weiterwachsen? Hier sind die sechs größten Irrglauben rund um Trauer, Tod und Sterben.

Noch nie habe ich für diesen Blog eine mir zugeschickte Pressemitteilung komplett übernommen, sondern immer auf eigene Artikel gesetzt. Aber was mir jetzt das Berliner Unternehmen Mymoria zugeschickt hat, finde ich so gut gemacht, dass ich es gerne übernehmen möchte. Schon der Titel macht neugierig (vor allem nach diesem Sommer):"Sterben bei Hitze wirklich mehr Menschen als bei Kälte? Mymoria zeigt sechs Irrglauben zu Tod und Bestattung". Es handelt sich bei "Mymoria" übrigens um ein Internetunternehmen, das Beerdigungen online plant, wobei es auf regionale Partner zurückgreift - und mir ist wichtig zu betonen, dass ich weder jemals für dieses Unternehmen gearbeitet habe noch in irgendeiner anderen Geschäftsfbeziehung dazu stehe. Mymoria macht schlicht und ergreifend eine sehr clevere, weil aufklärende und allen etwas Erläuternde Pressearbeit. Dass bei einer Meeresbestattung beispielsweise gar keine Asche ins Meer gestreut wird oder dass es gar nicht die Würmer sind, die in die toten Körper unter der Erde eindringen, habe ich selbst bisher auch nicht gewusst, trotz einer fast täglichen Beschäftigung mit den Themen Tod, Trauer und Sterben.

Hier ist also die mir zugeschickte Pressemitteilung im Wortlaut: 

Berlin - Um das Sterben, den Tod und Bestattungen ranken sich viele Irrglauben. Björn Wolff, Gründer und Geschäftsführer des digitalen Bestattungshauses Mymoria, erklärt sich das so: „Wir reden viel zu wenig über den Tod und wissen deshalb kaum etwas darüber. Das lässt viel Raum für falsche Annahmen, die sich oft hartnäckig halten. Um das zu ändern müssen wir das Tabu brechen." Mit seinem Team von Mymoria will er aufklären und einen unbeschwerten Umgang mit dem Tod erreichen (....):


Irrglaube 1: Im Sommer sterben mehr Menschen als bei Kälte


Viele Menschen glauben, dass bei Hitze besonders viele Menschen sterben, weil der Kreislauf bei hohen Temperaturen überbeansprucht wird und schnell versagen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Der Körper ist in kalten Jahreszeiten anfälliger, weil sich zusätzlich zur Schwächung auch Viren und Bakterien besser ausbreiten können. Durch die vermehrten Krankheiten sterben im Winter mehr Menschen als im Sommer.


Irrglaube 2: Bei Verstorbenen wachsen Nägel und Haare weiter


Das stimmt nicht, weil ohne Stoffwechsel keine Zellteilung mehr stattfindet, also auch kein Wachstum. Die Erklärung dafür, warum es trotzdem so aussieht, als würden Haare und Nägel weiter wachsen, ist recht simpel: Das umliegende Gewebe schwindet durch den Wasserverlust.


Irrglaube 3: Leichengift macht Tote ansteckend


Früher glaubte man, dass durch Gerüche Krankheiten übertragen werden können. Vermutlich kommt der Irrglaube an ein Leichengift daher, dass ein Leichnam unangenehm riechen kann. Bei der Verwesung entstehen zwar Stoffe, die aber bei Hautkontakt nicht schädlich sind.


Foto: Thomas Achenbach


Irrglaube 4: Asche wird ins Meer gestreut


Bei Seebestattungen in Deutschland wird die Asche nicht, wie oft in Filmen gezeigt, einfach verstreut. Von Schiffen werden spezielle Urnen ins Wasser abgelassen, die aus löslichen Materialien bestehen und sich mit der Zeit zersetzen. Im Gegensatz zu Erdbestattungen gibt es bei Beisetzungen auf dem Meer keine Gebinde und Trauerkränze. Der Umwelt zuliebe dürfen Angehörige nur ein paar Blumen zur Urne ins Wasser werfen. 


Irrglaube 5: Verstorbene sind leichenblass


Der Begriff "leichenblass“ ist irreführend. Denn entgegen des damit verbundenen Irrglaubens ist die Haut von Leichen meist farbintensiv. Das liegt daran, dass das Blut aus den Gefäßen nach unten sinkt, wenn der Blutkreislauf still steht. Das Blut sammelt sich an der Körperunterseite und zeichnet sich durch die Haut in verschiedenen Farbtönen ab.


Irrglaube 6: Würmer zerfressen den Körper in der Erde


Die Vorstellung, dass man von Würmern zerfressen wird, ist weit verbreitet, stimmt aber gar nicht. Denn in der durchschnittlichen Grabtiefe von rund 2 Metern, sind keine Würmer zu Hause. Diese leben weiter oben, wo es mehr Humus gibt. Die Verwesung im Grab passiert durch Zersetzungsprozesse und unterschiedliche Bakterien - Würmer braucht es dafür nicht.

Soweit die Pressemitteilung des Unternehmens. Noch eine Anmerkung meinerseits dazu: Mit seinem Angebot steht Mymoria natürlich in direkter Konkurrenz zu allen vor Ort ansässigen Bestattern mit allen Nach- oder auch Vorteilen, die das haben kann, aber das ist eine ganz andere Form von Diskussion, die wir bereits an anderer Stelle geführt haben (Links am Ende dieses Artikels). Ziel von Mymoria ist es laut eigener Aussage, "die Bestattungsindustrie zu digitalisieren". 

Und weiter heißt es in der Eigendarstellung: "Mymoria bietet  Hinterbliebenen unter www.mymoria.de die Möglichkeit, online eine vollumfängliche Bestattung zu beauftragen, und das bei voller Kostentransparenz. In gewohnter Umgebung und im geschützten Raum können sie sich intuitiv alle für die gewünschte Bestattung benötigten Dienstleistungen und Produkte zusammenstellen. (...). Das Unternehmen wurde 2015 in Berlin von Björn Wolff und Peter Kautz gegründet. Das Team besteht aktuell aus rund 40 Mitarbeitern."


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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Irrungen und Wirrungen der Bestattungsgesetze in Deutschland - das Dilemma beginnt direkt vor meiner Haustür 

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Mittwoch, 29. Mai 2019

Warum selbst ein Popstar wie Sarah Connor ihren Angehörigen und Freunden nicht das Trauern verbieten sollte - und warum wir das als Gesellschaft auch nicht tun sollten - Impulse von der Messe "Leben und Tod" 2019

Bremen - In ihrem Song "Das Leben ist schön" fordert die beliebte Popsängerin Sarah Connor für den Fall ihres Todes und für ihre eigene Trauerfeier: "Ich will keine Tränen sehen, keinen Chor, der Halleluja singt, ich will, dass ihr feiert, ich will, dass ihr tanzt..." - Seinen Freunden und Angehörigen das Traurigsein zu verbieten, hält die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper aus Gelsenkirchen jedoch für eine sehr schlechte Idee, wie sie auf der Messe "Leben und Tod" im Mai 2019 bei einem Vortrag sagte - und sie hatte gute Gründe dafür. Interessanter Nebenaspekt, übrigens: Auch der Kindermusiker Rolf Zuckowski beschrieb auf dieser Messe seine eigenen Trauerprozesse - was insofern spannend ist, als dass der besagte Sarah-Connor-Song von seinem Sohn, dem die aktuelle deutsche Musikszene beherrschenden Songwriter Ali Zuckowski, mitgeschrieben wurde.... 

Es gibt ohnehin kaum ein deutschsprachiges aktuelles Musikprokekt, bei dem Alexander "Ali" Zuckowski nicht irgendwie seine Finger mit drin hätte, wie es vor einigen Jahren ja auch der Satiriker Jan Böhmermann recht spektakulär nachgewiesen hatte. Und die spannende Frage bei solchem Co-Songwriting ist natürlich immer: Wie hoch ist der Anteil an dem Lied, das der Künstler tatsächlich selbst beigesteuert hat - man schaue sich alleine mal die Songwriting-Credits bei einem Helen-Fischer-Album an...? Aber das nur als kleine Randbemerkung. Zurück zu Mechthild Schroeter-Rupieper und ihren Vortrag auf der Messe. Wie schon vor zwei Jahren hatte die Trauerbegleiterin - die sich mit ihrem Lavia-Institut auch um viele Angehörigen der Germanwings-Katastrophe von März 2015 gekümmert  hatte - unsere allgemeine gesellschaftliche Unfähigkeit zu trauern und deren Ursachen zu einem zentralen Thema ihres Vortrags gemacht. Und hatte aufgezeigt, wie wir mit Jugendlichen und Kindern so umgehen können, dass sie hier neue Wege und Impulse vermittelt bekommen können.

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Einmal habe sie einer der Jugendlichen aus ihrer Gruppe gefragt: Kann ich von Trauer eigentlich depressiv werden? Und sie habe geantwortet: Die Gefahr depressiv zu werden ist viel größer, wenn Du nicht trauerst, berichtet Mechthild Schroeter-Rupieper. Und doch bekommen Kinder und Jugendliche auch heute noch allzu oft zu hören: Sei doch nicht so traurig. Oder sie bekommen ein Lob dafür, wenn sie den Verlust eines Elternteils oder eines Geschwisterkindes scheinbar "gut wegstecken"; wenn sie "ganz tapfer" bleiben - anstatt dass wir mal hingucken, wie es diesen Kindern im Inneren eigentlich wirklich geht und ob sie nicht vielleicht nicht einfach nur versuchen, sich irgendwie zusammenzureißen (was immer schwer ist, wenn da im Inneren alles zerrissen ist). Diese vermeintlich lobenswerte Tapferkeit ist übrigens immer wieder ein Thema auf der Messe Leben und Tod (siehe dazu auch "Der Fluch der Tapferkeit") - wie auch die spannende und unbedingt diskutierenswerte Frage, wie sehr wir Kinder eigentlich mit dem Tod konfrontieren dürfen. Ein Thema, bei dem ich selber gerne mal allzu missionarisch werde und in manche Diskussion unter Freunden und guten Bekannten mit einer Verve einsteige, der einer eigentlich zurückhaltenden Haltung, wie ich sie als angebrachter und professioneller erlebte, nicht immer entspricht... 


Und dennoch: Meiner Meinung nach - und nach allem, was ich so höre von Bestattern und Trauerbegleiterkolleginnen - gelingt gerade Kindern die Konfrontation mit dem Tod oft tausendmal besser und natürlicher als vielen Erwachsenen und wir dürften sie sehr viel mehr mit dem Tod befassen als wir das oft tun. Aber: Den Tod stattdessen lieber ins Heimlichgetue wegzumauscheln, in so eine merkwürdige Hach-Bessernichthingucken-Ecke   - das genau erzeugt ja gerade die Unsicherheit, die wir Erwachsenen heutzutage bei diesem Thema allzu  oft haben. Und warum haben wir sie? Vielleicht gerade deswegen, weil wir als Kinder noch nicht offensiv genug mit dem Thema zu tun gehabt haben? Oder weil wir einfach das Glück hatten, dass während unserer recht unversehrten Kindheit nicht so oft gestorben wurde (wie in meinem Fall geschehen)? Aber wenn es mal der Fall sein sollte: Dann sollten wir sollten die Kinder ruhig an die Hand nehmen und sie sanft hinführen und mitnehmen, empfahl jedenfalls Mechthild Schroeter-Rupieper in ihrem Vortrag auf der "Leben und Tod" 2019 - und anders als manches Mal behauptet, ist es für Kinder nicht immer hilfreich, ihnen die Entscheidung selbst zu überlassen, ob sie die Toten denn noch einmal sehen wollten oder nicht. Die Frage könne Kinder überfordern, denn sie könnte die Tragweite solchen Entscheidung gar nicht wirklich überblicken und einschätzen, sagte Mechthild Schroeter-Rupieper. Noch eine spannende und diskutierenswerte These.



So oder so, sagt Mechthild Schroeter-Rupieper: Wir sind mit dem Talent geboren worden, auch traurig zu sein. Warum also nutzen wir diese eigentlich sehr gute Lebenskunst dann so selten? Und warum finden wir es im Grunde total gut, wenn Sarah Connor sagt: Seid bloß nicht traurig, wenn ich mal sterbe, sondern feiert das Leben? Und was, wenn da trotzdem Trauer ist? Einfach weg damit - oder wie? Geht ja gar nicht...

* Ergänzung und Aktualisierung: In einem auf diesen Artikel reagierenden Facebook-Kommentar hat Mechthild Schroeter-Rupieper inzwischen davon berichtet, dass ihr Sarah Connor persönlich einmal gesagt habe, der Song sei eigentlich ganz anders gemeint. Und weil es eine gute Ergänzung darstellt, möchte ich Mechthilds Beitrag auch hier noch einmal zitieren: "Sarah Connor hat mir damals auf Facebook dazu geschrieben, dass sie es ganz anders meint - allerdings ist genau da auch eines der großen Probleme: Vieles wird anders gesagt als gemeint: „Oma ist friedlich eingeschlafen.“ „Opa ist heimgegangen.“ „Wein nicht...“...."


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Freitag, 17. Mai 2019

Warum die Mutter von Rolf Zuckowski auf dem Sterbebett eines der Lieder ihres Sohnes zitierte und was das mit dem Musiker gemacht hat - Eindrücke vom Auftritt des Kindermusikers auf der Bremer Messe "Leben und Tod": Angekommen im Leben jenseits der Weihnachtsbäckerei

"Wir sind gemeinsam unterwegs..." - mit diesem Lied eröffnete der Musiker Rolf Zuckowski (72) seinen Auftritt auf der "Leben und Tod" in Bremen im Mai 2019  (alle Fotos: Thomas Achenbach).

Bremen - "Mit jedem Abschied wird man irgendwie neu geboren" - so sagte es der beliebte Kinderliedermacher Rolf Zuckowski im Mai 2019 auf der Messe "Leben und Tod" in Bremen bei einer Podiumsdiskussion, und fügte hinzu: "Das habe ich gelernt". So wie er auch dieses inzwischen gelernt hat: "Es gibt ein Leben jenseits der Weihnachtsbäckerei". Und in diesem Leben musste sich der bekannte Musiker auch mit dem Tod auseinandersetzen, sogar mehrfach und schon recht früh. Auf der Bühne in Bremen berichtete der 72-Jährige gleichsam intensiv wie sensibel von seinen eigenen Trauerprozessen. Die mit dem Suizid des Vaters begannen.

Sein Vater hatte es immer recht schwer, wenn er zuhause war, erinnert sich der Kindermusiker - oder besser gesagt: Wenn er an Land war. Denn der gestandene Seemann fühlte sich auf Schiffen und auf dem Meer zuhause, aber mit festem Boden unter den Füßen wollte ihm das Leben nicht so recht gelingen. Viel Alkohol, viel Flucht, und irgendwann wollte er einfach nicht mehr - seinen Suizid verkündete er mit einer entsprechenden Aussage. "Er hat sich 1981 von uns verabschiedet", erzählte der Musiker. Für den etwa 30 Jahre alten Rolf Zuckowski, der da gerade als Musiker in Hamburg durchstartete, war das der Anlass, sich an Kinderliedern zu versuchen - er wollte den Kindern Mut machen. "Das hat auch damit zu tun, dass es meinem Vater anders ging", sagte er auf der Messe.



Als dann 2004 seine Mutter bereits im nahenden Sterben lag, sagte sie: "Ich möchte ja doch zu ihm rüber", berichtete der Sänger bei der Podiumsdiskussion. Und später zitierte die Mutter auf dem Sterbebett eines der Kinderlieder ihres Sohnes - in Anlehnung an seinen Song "Kinder werden groß, man hat sie lieb und lässt sie los" sagte sie zu ihm: "Weißt Du, Rolf, auch Eltern werden groß - man hat sie lieb und lässt sie los", erinnert sich der Sänger. "Trauer...", sagte er dann: "Da ist immer wieder das Gefühl, da bleibt etwas". 



Zuckowski erinnert sich noch daran, wie er auf dem Balkon des Altenheims stand, gleich an dem Vormittag, nachdem seine Mutter in der Nacht gestorben war - und wie er von dort vom Hamburger Flughafen die erste Morgenmaschine starten sah. "Ich habe gedacht: Ja, so isses", erzählt der 72-Jährige. Nun seien beide Eltern drüben und er noch hier. Als Folge dieses Erlebnisses entstand das Lied "Drüben", das sich ebenfalls auf seinem 2016 veröffentlichten Trost- und Traueralbum "Deine Sonne bleibt" finden lässt und das der Musiker in Bremen spielte ("Drüben ist Ruhe, drüben ist Frieden, drüben sind alle gleich / Drüben ist jeder irgendwann, drüben kommt jeder sicher an").


Medienrummel auf der Messe - Rolf Zuckowski ist da


"Nun werde ich auch für Dich hier leben", habe er dort auf dem Balkon noch gedacht, erinnert sich Rolf Zuckowski. Der Auftritt des Musikers sorgte übrigens für einen gewissen Medienrummel, der diesmal selbst für "Leben und Tod"-Verhältnisse ungewöhnlich hoch war: Fernsehteams von Sat.1, RTL und dem NDR, mehrere Zeitungsreporter und Fotografen wuselten durch das Forum, also den öffentlich zugänglichen Vortragsbereich in der Messehalle 6. Wobei es gar nicht so unpassend ist, wie man meinen könnte, einen Rolf Zuckowski als Podiumsgast auf einer Trauermesse anzutreffen - doch dass der Musiker hat eine CD mit eigenen Trost- bzw. Trauersongs veröffentlicht hat, ist nur den Wenigsten bekannt. Dieses Album - "Deine Sonne bleibt" - entstand auch in einer neuerlichen Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Mutter bzw. seiner Eltern. Der wahre Grund für die Anwesenheit des 72-Jährigen auf der Messe war jedoch ein anderer.



So ist Rolf Zuckowski einer der Beteiligten bei einer neuen Ausstellung mit Bildern und Musikbeiträgen zum Thema Trauer, die jetzt allen Einrichtungen, die sie gerne ausleihen möchten, zur Verfügung steht. Sie heißt wie ein bekanntes Lied von Rolf Zuckowski, das dieser auch gleich zu Beginn seines Auftritts spielte: "Gemeinsam unterwegs". Wobei die Ausstellung noch mit dem Untertitel versehen ist: "Eine Ausstellung über Leben und Endlichkeit". 



Hauptbestandteil dieser Schau sind jedoch die Bilder des Malers Anselm Prester - besser bekannt als "der Inselmaler Anselm", der auf der Nordseeinsel Langeoog ein Atelier unterhält und dort schon zahlreichen Kindern und Erwachsenen in Kursen das Malen nähergebracht hat. So auch der in Hanau arbeitenden Diakonin Kerstin Slowik, die dort einen Ambulanten Hospizdienst leitet - und die die Idee hatte, diese beiden für sie in ihrer eigenen Kindheit so prägenden Elemente für eine Wanderausstellung zu kombinieren: Die Musik von Rolf Zuckowski und die Bilder des Inselmalers Anselm. Der erzählte auf dem Podium dann auch von seinen Bestrebungen, die Senioren der Insel Langeoog auch zum Sterben dort lassen zu können - und sie nicht in die ungewohnte Ferne des Festlands entsenden zu müssen. Wo es Insulaner nicht immer so schön finden, wie Anselm Prester auf der Messe erzählte: "Beim Aussteigen habe ich noch so gedacht, Mensch, was habt Ihr Bremer hier eigentlich für eine Luft...!" - sagte er. 



Dem Sterben - das in seinen Bildern immer wieder auch ein Thema ist - kann der Inselmaler übrigens viele Aspekte abgewinnen, wie er berichtete: "Ich habe durchaus auch humorvolle Sterbeszenen erlebt", erinnerte er sich. 

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Samstag, 11. Mai 2019

Am Muttertag auch an die Mütter denken, die ihre Kinder nicht aufwachsen sehen dürfen - Initiative aus Österreich will am Muttertag auch das Gedenken und die Unterstützung für verwaiste Eltern institutionalisieren - Muttertag und Trauer vereinbar machen


Osnabrück - Einmal im Jahr ist Muttertag - ein schwerer Tag für all die Mamas, deren Kind gestorben ist sowie für alle Kinder (und Erwachsene), deren Mama gestorben ist. Leider geraten gerade die verwaisten Mamas, die eben auch Mamas sind, am Muttertag allzu leicht aus dem Fokus, dabei sollte dieser Tag gerade Ihnen gehören. Bemerkenswert war dazu ein Facebook-Eintrag, den die Trauerbegleiterin Astrid Bechter-Boss aus Österreich im Jahre 2019 veröffentlichte und der mustergültig für jedes Jahr und jeden Muttertag werden könnte.

Und so ging dieser Facebook-Eintrag: "Ich möchte eine Aktion ins Leben rufen, in der wir uns ein bisschen verbunden miteinander fühlen können...  Lasst uns gemeinsam am Muttertag um 15 Uhr auf unsere Kinder und unsere Mamas anstoßen. Mit Sekt, Saft, Wasser, Kaffee oder was gerade für dich passt. Zur selben Zeit etwas gemeinsam zu tun, auch wenn man nicht am selben Ort ist, kann etwas tröstliches haben. Und das wünsche ich mir für alle, die mitmachen. Ich freue mich über jedes Teilen und Weitergeben."

Danke Dir, liebe Astrid, für diese Initiative - also: Jahr für Jahr den Handywecker stellen, Muttertag feiern und all die Mamis in den Blick nehmen, die sich nicht über Blumen oder Bilder von ihren Kindern freuen können. Und am Vatertag wiederholen wir das dann für die verwaisten Papas, wäre mein ergänzender Vorschlag. 


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Donnerstag, 18. April 2019

Warum ein "Mein Beileid" eine gute und angemessene Reaktion ist, wenn wir von einem Todesfall erfahren - und was in diesem kleinen Wörtchen alles drinstecken kann, wenn es ernst gemeint ist - Tipps zum Umgang mit Trauernden

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Osnabrück - Jemand ist gestorben. Wir treffen den Angehörigen. Und, was sagen wir jetzt? Ich muss hier noch einmal eine Lanze brechen für die Formulierung "Mein Beileid"... Bereits vor einigen Jahren habe ich einen Artikel darüber veröffentlicht, warum ich das "Mein Beileid" immer noch für eine gute und angemessene Reaktion halte, sobald man von einem Todes- und Trauerfall erfährt. Auch, wenn es bei vielen Menschen inzwischen irgendwie verpönt zu sein scheint und inzwischen irgendwie ungern benutzt wird. Umso erfreuter war ich nun, als es bei einer in Witten stattfindenden Tagung zum Thema Trauer im Berufsleben, bei der ich als Zuhörer dabei sein durfte, in der Diskussion auch um die Formulierung "Mein Beileid" ging - und als ich in meinen Ideen dazu bekräftigt wurde. Was ich gerne zum Anlass nehmen möchte, darauf näher einzugehen.

Die Unsicherheiten lassen sich im Internet finden. "Einfach nur ,Mein Beileid' - das kommt mir so unpersönlich vor..." - so schrieb es ein Nutzer im Portal "Gutefrage.net." Ob es nicht bessere Sätze gäbe, lautet seine Frage. Doch wie so oft im Leben sind es die kleinen Worte, in denen die größte Bedeutung mitschwingen kann. Mein Beileid, zerpflücken wir dieses kleine Wörtchen doch einmal in seine einzelnen Bestandteile, so wie es auch die sich aus dem Publikum meldenden Diskussionsteilnehmer bei der Tagung in Witten getan haben: Es geht um das Bei- und das Leid. Gemeint ist mit diesem Wort also: In kann jetzt bei Dir sein in Deinem Leid. Du wirst von mir Zuspruch, Unterstützung und vor allem ein offenes Ohr bekommen. Aber, und das ist das Wichtige daran: Ich kann und werde Dir zuhören, werde Dich ernstnehmen, aber ich kann nicht mit Dir mitleiden. Viel besser sogar: Ich kann Dich in Deinem eigenen Leid wahrnehmen und Dich dort lassen, so dass Du Deine eigenen Wege damit und darin finden kannst. Denn darum geht es in der Trauer: Seine eigenen Wege zu finden. Das unterscheidet dieses Beileid also vom Mitleid - und das mag spitzfindig klingen, ist aber eine sehr wichtige Differenzierung. Denn letztlich steckt alleine schon in dieser sprachlichen und vermeintlichten Wortklauberei das ganze Konzept bzw. die komplette Haltung von professionellen Trauerbegleitern drin. Warum das so ist?



Weil es bei der Begleitung von Trauernden immer darum geht, ihr Leiden, ihre Klagen, ihr Schicksal mit ihnen gemeinsam aushalten zu können. Es aber nicht kleinreden zu wollen oder abmildern zu wollen. Das macht jedoch erforderlich, dass der jeweilige Begleiter selbst standhaft bleiben kann, nicht selbst ins Wanken gerät. Dass er empathisch zuhören und die Stimmungen wahrnehmen kann. Oder, um in den oben schon erwähnten Begriffen zu bleiben: Dass er bei-leiden kann, ohne in eigenes mit-Leiden zu verfallen. Ein Patentrezept, wie sich Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise gut begegnen lässt, gibt es nicht, denn jeder Mensch reagiert anders. Aber dieses eine ist immer wichtig, ganz egal, wie der Fall jeweils auch aussieht: Dass das Zuhörenkönnen hilfreicher ist als das Selberreden. 



Es war die aus München stammende Coachin und Trauerbegleiterin Franziska Offermann, die in ihrem Vortrag zum Thema Trauer im Arbeitsleben auch die Frage nach der Formulierung "Mein Beileid" behandelte. Und sie machte dem Plenum eindrucksvoll vor, dass es wie bei allem im Leben auf die Details ankommt. Wer nur ein lapidares und ganz offensichtlich rein als Floskel benutztes "Mein Beileid" bemüht, verbunden vielleicht mit einer irgendwie lustlos ausgestreckten Hand, der wird natürlich nicht als ernsthaft interessiert oder ernsthaft bemüht wahrgenommen. Es ist also wenigstens genauso wichtig, dieses Beileid mit einer inneren Haltung der Zuwendung und des ernsthaften Interesses zu verbinden - wie bei so vielem, was wir sagen und tun, kommt es viel mehr auf die Haltung an als auf die Inhalte. Das erleben wir oft auch an anderen Stellen.


Was sollen wir sagen? Oder vielleicht: Fragen?


Als ich neulich dem Radiosender SWR 3 ein kleines Interview zum Thema Trauer geben durfte, das dann Bestandteil einer Ausgabe der montäglich laufenden Beziehungsshow wurde, lautete eine der Fragen: Was können wir den Menschen Hilfreiches sagen, die gerade jemanden verloren haben? Eine oft und gern gestellte Frage, auf die ich gerne antworte: Es kommt weniger auf zu sagende Sätze an als vielmehr darauf, ob wir bereit sind den Menschen wirklich zuzuhören. Und wenn wir das sind, ist die naheliegendste aller Fragen gleich die beste aller Fragen - solange sie ernst gemeint ist und mit echtem Interesse verbunden ist. Nämlich: Wie geht es dir? Aber, gemeint als: Wie geht es Dir jetzt wirklich? Ich würde das gerne wissen - weil ich dann bei Dir sein kann in Deinem Leiden. Denn das ist: Mein Beileid.


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Mittwoch, 30. Januar 2019

Aufräumen, Ausmisten und Entrümpeln nach einem Todesfall: Wie Sie aus den Hinterlassenschaften eines gestorbenen Menschen ein Vermächtnis werden lassen - Tipps für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise

Osnabrück –  Was machen wir nur mit all den Sachen, die die Verstorbenen hinterlassen haben? Vor dieser Aufgabe stehen viele, die einen Menschen verloren haben. Da sind immer noch all die Gegenstände, Kleidungsstücke, Schmuckstücke, Bücher, manchmal auch komplett eingerichtete Zimmer wie beispielsweise ein Kinderzimmer. kurzum: Alles, was der Verstorbene einmal besessen hat. Und dann? Freunde und Angehörige raten alsbald, man solle das Zeug doch wegwerfen. Aber das fühlt sich für viele so an, als würden sie den geliebten Menschen wegwerfen und ihn gleich nochmal verlieren. Es gibt jedoch auch andere Wege. Kreative, gute, hilfreiche. Hier ein paar Impulse:

1.) Den Gegenständen einen neuen Begriff geben: Habseligkeiten. Dieser Tipp stammt aus dem sehr wertvollen Buch "Übungsraum Trauerbegleitung", das Ende 2018 im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht erschienen ist und zu dessen Co-Autorinnen die sehr erfahrene Hospiz- und Trauerfachfrau Monika Müller gehört. Sie empfiehlt in dem Buch, anstelle von "Dingen" oder von "Sachen" besser von "Habseligkeiten" zu sprechen. Alleine schon dieser kleine Wortwechsel macht eine Menge aus. Denn in dem Wort Habseligkeiten schwingen dreierlei Bedeutungen mit: Zum einen steckt darin das "Haben"; also der Besitz, hier jetzt meinend: Der Besitz des Verstorbenen. Darin steckt aber auch die Idee, dass die Gegenstände "selig" sind, also nicht bloß wertlose oder gar tote Dinge, sondern durchaus mit einem Eigenleben darin. Wenn man so will: Einer Lebendigkeit. Wobei Dinge natürlich nicht lebendig sein können. Gemeint ist eher, dass sich diese Lebendigkeit aus der - weiterhin lebendigen - Erinnerung speist, die der Gegenstand mit sich bringt. Und zuletzt steckt in dem Wort auch die Seele, also die Idee, dass jeder Gegenstand eine eigene darin verborgene Seele besitzt. Wenn wir von den Habseligkeiten sprechen, die ein Verstorbener hinterlassen hat, bringen wir diesen Gegenständen mehr Wertschätzung entgegen. Es ist eben nicht bloß Gerümpel, das noch da ist. Es ist Erinnerung, die leben darf und leben kann. Oder wie es der Autor Rainer Moritz in seinem Buch "Mein Vater, die Dinge und der Tod" formuliert: "Je länger ich an meinen toten Vater denke, über dessen Leben ich viel zu wenig weiß, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir“. 




2.) In jeder Habseligeit das darin liegende Vermächtnis suchen. Das ist ein Prozess, der Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise nicht immer möglich ist, weil er ein bisschen Kraft kosten kann, aber es ist ein wertvoller Prozess - der sogar wieder Kraft geben kann: Es geht darum, sich den Habseligkeiten der Gestorbenen bewusst zuzuwenden. Sie sich Stück für Stück anzusehen, anzufassen und dabei nachzuspüren, welche Erinnerungen wachwerden, welches Vermächtnis in den Habseligkeiten liegt. Das kann - muss aber nicht! - ggf. mit einem ersten Aufräumprozess verbunden sein, weil sich vielleicht zeigt, dass manche der Habseligkeiten stärkere Gefühle wecken als andere, weil vielleicht gar nicht alle der Gegenstände etwas mit sich bringen, sondern nur manche. Es kann hilfreich sein, sich drei Kartons oder drei Kisten hinzustellen für diesen Sortierprozess: Kiste Eins für die unbedingt zu behaltenden, weil mit vielen Erinnerungen verbundenen Habseligkeiten. Kiste Zwei für die Fragezeichenkandidaten, bei denen man sich nicht sofort entscheiden kann, was man damit tun möchte. Und Kiste Drei für: Eine neue Verwendung suchen (dazu später mehr) oder wegwerfen. 



3.) Fotografieren, dokumentieren, Erinnerungsbuch anlegen. Wer einen Menschen verloren hat, der hat oft große Angst davor, auch noch seine persönlichen Erinnerungen an den oder die Gestorbenen zu verlieren. So werden die Erinnerungen zu etwas beinahe Heiligem. Deswegen ist der alte und heute noch oft gegebene Rat, man müsse nun "loslassen", leider so gar nicht hilfreich. Gerade hierbei kann eine achtsame und intensive Beschäftigung mit den Habseligkeiten hilfreich sein: Jeden Gegenstand zu fotografieren, zu dokumentieren, vielleicht ein Erinnerungsbuch anzulegen, in dem zu dem dort eingeklebten Foto in Stichworten oder kurzen Sätzen die Erinnerungen festgehalten werden, das kann ein gutes Projekt sein, das einem den gestorbenen Menschen wieder nahebringt, das die Erinnerungen wach hält. Das ist natürlich eine durchaus Zeit kostende Beschäftigung. Aber eine, die sich lohnen kann. Und bei vielen Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise ist es ja so, dass sie ohnehin in ihren Gefühlen und Gedanken sehr, sehr lange um den gestorbenen Menschen kreisen - durchaus ein paar Jahre lang. Da bleibt also, so gesehen: Zeit genug. 



4.) Neue Verwendungen suchen. "Vergiss mein nie" - unter diesem Namen betreibt die Trauerbegleiterin Anemone Zeim einen Laden im schönen Hamburger Ortsteil Eimsbüren, der sich explizit an Trauernde richtet. Sie nennt ihn eine "Erinnerungswerkstatt". Was dort geschieht, ist nach meiner Kenntnis in Deutschland so einzigartig: Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise bringen ihre Lieblings-Habseligkeiten dorthin und lassen etwas Kreatives und Neues daraus bauen, das sie in ihren persönlichen Alltag mitnemen können. Das vielleicht einleuchtendste Beispiel ist der Kochlöffel ihrer Oma Lilly, aus dem die junge Trauerbegleiterin einfach ein kleines rundes Stück hat rausfräsen und dieses in einen goldenen Rahmen hat setzen lassen - nun trägt sie es einfach als Kette, also als Schmuckstück, um den Hals und ist somit ganz eng mit ihrer gestorbenen Oma verbunden. Wer, so wie ich, Anemone Zeim schon einmal in Person hat erleben dürfen (in meinem Fall: Auf der Messe Leben und Tod), der ist oft beeindruckt von dem kreativen Potenzial und den vielen Ideen, die in dieser jungen Frau schlummern. Kein Wunder: Studierte Designerin, Erfahrungen in der Werbebranche. Dann das, was vielen Menschen geschieht (das kennen wir): Sinnkrise, der Beruf verliert seine Bedeutung, das Wozu eigentlich wird lebensumfassend. Das Ergebnis dieses Prozesses: Die Erinnerungswerkstatt. Nun wird nicht jeder Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise nach Hamburg fahren können oder das Geld dafür haben, eine Kreativagentur mit dem Umdeuten der Habseligkeiten zu befassen. Aber alleine dieser hinter den Ideen steckende Prozess kann eine gute Inspiration sein: Nimm die Gegenstände und mach etwas Neues daraus, gib ihnen neues Leben und neue Möglichkeiten. 

Das geht auch sehr niederschwellig. Anstatt alles wegzuwerfen, lässt sich das eine oder andere vielleicht verschenken oder so weitergeben, dass es eine neue Nutzung erfährt. Das klappt am besten bei Spielzeug von verstorbenen Kindern: Einer der verwaisten Väter aus unserer Trauergruppe ist jedenfalls froh, dass das Mädchenfahrrad seiner gestorbenen Tochter jetzt eine neue Nutzung und Verwendung bei einem Mädchen gefunden hat, dass das gestorbene Kind sogar noch kannte.


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Donnerstag, 10. Januar 2019

Wir müssen besser mit dem Tod umgehen lernen - und mit unseren Toten (und wir müssen den Kindern den Tod gut vermitteln)... - Noch ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer neuen Trauerkultur und Bestattungskultur - der Berliner Bestattungs-Revoluzzer Eric Wrede hat ein Buch geschrieben - warum "The End" zur Pflichtlektüre werden sollte (Buchtipp)

Osnabrück/Berlin - Immer mehr Bücher und immer mehr Akteure gibt es heutzutage, die eine wichtige Botschaft vermitteln: Wir brauchen eine neue Trauer- und Bestattungskultur in unserer Gesellschaft. Wir brauchen wieder eine gemeinsame Sprache für diese Dinge, ein gemeinsames Verständnis und neue, uns alle verbindende Rituale. Diese Thesen sind hier auf diesem Blog schon desöfteren geäußert worden - und nun gibt es ein neues und grandioses und meiner Meinung nach durchaus lesenswertes Buch, das diesen Bogen noch weiter spannt. Geschrieben von einem Mann, dessen Lebensgeschichte alleine schon ein halbes Buch wert ist - was er nun auch selbst erkannt hat, weswegen seine eigene Geschichte einen kleineren Teil des Werkes füllt. Aber eben nur einen kleineren Teil: Die Rede ist von Eric Wrede, der schon mehrmals als Gast auf der Bremer Messe "Leben und Tod" dabei war. Hatte er einstmals beim Musikgiganten Motor Music/Universal für Bands wie Selig und Polarkeis 18 ("Allein allein") gearbeitet, schmiss er eines Tages alles hin - um ein eigenes Bestattungsunternehmen aufzumachen. Aus enorm guten Gründen. 

"Warum gibt es eigentlich keine GPS-erfassten Grabstellen? Bei einer Seebestattung bekommen die Angehörigen die exakten Koordinaten übermittelt, wo die Seeurne im Wasser versenkt wurde. Auf Friedhöfen schert das niemanden" - Es sind Impulse und Absätze wie diese, die mich dieses Buch so mögen lassen: Gleichsam hemdsärmelig und trotzdem mit ganz viel Wärme und Verständnis für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geschrieben, immer ganz nah dran am eigentlich Machbaren, gibt das Buch vielfältige Ideen und Anregungen für moderne und entstaubte Trauerfeiern, für das eigene Sterben und für die Begleitung von Trauernden - vor allem auch: trauernden Kindern. Gerade an diesen Stellen ist das Buch besonders gut. Und es hat mich selbst dazu gebracht, dass ich meine eigenen schon länger vorbereiteten Verfügungen für mein Lebensende nochmal überarbeiten möchte. Beispielsweise weil mir die Idee so gut gefällt, die besten Freunde zu fragen, ob sie dann ggf. den Sarg tragen würden/könnten.


Eric Wrede und sein Absprung: Aus dem Musikzirkus hinein in die Bestattungsbranche... (Random-House-/Erik-Weiss-Foto mit freundlicher Genehmigung).

Das Buch beginnt dann auch gleich mit Eric Wredes Testament - bzw. mit einem Auszug daraus. Klingt nach Nabelschau, ist aber extrem lehrreich, denn in nur wenigen Zeilen macht Wrede eindrucksvoll deutlich, wie einfach so etwas sein kann und dass es kein halbes oder ganzes juristisches Studium braucht, um eine eindeutige und sehr klare Verfügung zu verfassen. Soviel sei vorab schon verraten: Auf seinem Grabstein soll stehen: 'E. W., ich habe gelebt.' Später erfahren wir: Bei seiner eigenen Bestattung sollen später mal die Kings und John Cale gespielt werden. Auch das hat Eric Wrede bereits verfügt. Da ist  die Nähe zum ehemaligen Musikmanager (A&-R-Manager, für die Auskenner) noch immer spürbar, wie an vielen anderen Stellen des Buches. 

"Schick mir die Post schon ins Spital...." - mit Musik durchs Buch


Die Kapitelüberschriften sind nämlich allesamt Songtitel - die allerdings ein ganz kleines bisschen musikliasches Auskennertum erfordern, wenn auch kein Spezialwissen. Darunter sind beispielsweise "Bring mir die Post schon ins Spital" von der österreichischen Rock'n'Roll-Kapelle Wanda, die im Konzert zu erleben ein enormer Spaß sein kann, oder "Keep Me In Your Heart" von Warron Zevon, das dieser - bereits um seinen nahenden Tod wissend - auf seinem bewegenden Album "The Wind" veröffentlichte. Der Song wird in meiner ganz eigenen Serie rund um "die hilfreichsten und wirkmächtigsten Songs und Alben über Trauer, Tod und Sterben" ganz sicher auch noch an die Reihe kommen (die erste Folge dieser Serie findet sich hier).


Alle weiteren Fotos: Thomas Achenbach.

Besonders erfreulich an dem Buch: Die Kinder nehmen darin viel Raum ein Beziehungsweise die Frage: Wie gehen Kinder eigentlich mit dem Tod um? Auch hier kann Eric Wrede viele hervorragende Praxistipps anbieten, wie man das Thema mit Kindern am besten besprechen kann – und wieviel die Erwachsenen dabei immer wieder falsch machen in der irrigen Annahme, die Kinder vor diesem Thema irgendwie schützen zu müssen (auch das war bereits ein viel beachtetes Thema hier auf diesm Blog – bei Interesse hier klicken). Denn Kinder haben oft ganz pragmatische Alltagsfragen, wenn es um den Tod geht. Pupst der noch, beispielsweise. Aber eben auch ganz praktische Fragen des Alltagslebens. Wenn die Oma sterben kann, dann vielleicht auch die Mama – aber wer kocht denn dann noch für mich?  Wir sprechen nämlich ganz falsch vom Tod, sagt Eric Wrede an einer Stelle. Und auch damit trifft er voll ins Schwarze. Wir senken unsere Stimmen, werden bei dem Thema ganz andachtsvoll und würdevoll und irgendwie vorsichtig. Das macht es im Umgang mit Kindern, aber überhaupt im Umgang mit dem Tod, alles nur noch schlimmer. Alleine deswegen sollte das Buch zur gesellschaftlichen Pflichtlektüre werden.



Aber auch wegen der vielen brauchbaren Praxistipps ist es viel wert: Dass es beispielsweise, wenn man sich das leisten kann, enorm sinnvoll sein kann, für seine Trauerfeier gleich eine Doppelfeier zu beantragen, um die extrem kurz getakteten Zeiten in den Friedhofskapellen von maximal 20 bis 30 Minuten für eine Trauerfeier einfach für sich verlängern zu können. Dass es eine schöne Idee sein kann, die Gäste einer Trauerfeier in Form eines kleinen persönlichen Briefes ihre eigenen Erinnerungen an den oder die Verstorbenen aufschreiben zu lassen und diese Briefe dann zu sammeln und zu einer großen Erinnerungsmappe zusammenzutragen. Und dass überhaupt die Trauerfeiern viel individueller auf den Menschen ausgerichtet sein müssen, der dort begraben wird - Eric Wrede erinnert sich an einen etwa 50-Jährigen, dessen Leidenschaft Progressive Metal gewesen ist - also wirklich wirklich frickeliges Musikzeugs, 20 Minuten Laufzeit pro Stück, zahlreiche Tempiwechsel und so. Also hörte sich die gesamte Trauergemeinde auf der Trauerfeier durch solcherlei Musikstücke durch. Das war sauanstrengend - und es wurde dem Menschen, der da gestorben war, tausendmal gerechter als jede staubüberzogene Normalfeier. Am Ende des Buches finden sich in einer Art Serviceteil noch die wichtigsten Informationen zum Thema Bestattungen, wichtige Dokumente, die auch im Internet als Download bereitstehen. Auch das ist hilfreich.


In einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Urne ausgebuddelt...


Ebenfalls spannend: Der Blick hinter die Kulissen der Bestatterszene, den Eric Wrede immer wieder unternimmt. Die Schilderungen des Bestatteralltags, die kuriosen, rührenden, harten, aber teils auch lustigen Ereignisse, die es dort gegeben hat. Manchmal wird Wrede dabei ein wenig zynisch, wenn auch zur Recht – wenn er von Bestatterkollegen berichtet, die die toten Omas mit ihren vollen Windeln lieblos in den Sarg hineinwerfen… Kommt leider alles vor, wie Wrede mehrmals erfahren hat. Was auch schon vorgekommen ist: Dass er in einer nicht genehmigten Nacht-und-Nebel-Aktion eine Urne ausgebuddelt hat. Aber leider die falsche. Das ist übrigens ein großer Pluspunkt dieses Buches: Der charmante Plauderton, den Eric Wrede gekonnt anschlagen kann (oder war es ggf. doch sein Ghostwriter – die Dankesworte am Ende des Buches ließen einen solchen Schluss jedenfalls zu). Und es gibt noch mehr.


Denn aufgelockert wird das Buch durch eingestreute Interviews mit Prominenten wie beispielsweise Judith Holofernes, wobei diese Texte jedoch eine Zweitverwertung von bereits auf Eric Wredes Podcast veröffentlichten Sprachbeiträgen sind (der Podcast trägt übrigens gleichfalls den Namen "The End"). Sei's drum, für mich, der ich nicht die Zeit hatte, die Podcasts anzuhören, ist die gedruckte Auswertung der Gespräche in dem Buch eine sinnvolle Ergänzung. 

Coole Socke mit grünen Socken: Ein Schnappschuss von Eric Wredes Füßen - der Bestatter war auch bei der Podiumsdiskussion auf der Messe "Leben und Tod" zu Gast und hatte genauso wie die Moderation Bärbel Schäfer knallgrüne Socken an.  (Thomas-Achenbach-Foto)

"The End" von Eric Wrede ist erschienen im Dezember 2018 im Verlag Heyne-Encore als Taschenbuch, 190 Seiten, 16 Euro.


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