Donnerstag, 5. Dezember 2019

Ein alter Mann, der in einem Raben seine gestorbene Schwester wiederentdeckte und andere traurige Geschichten - Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #03: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod #3

Osnabrück - Menschen, die einen anderen Menschen verloren haben, tun manchmal Dinge, von denen sie sich vorher nie hätten vorstellen können, dass sie sie tun. Dass sie mit ihren Toten in einen Dialog treten und mit ihnen reden, kommt relativ oft vor. Manche Trauernde berichten aber auch davon, dass sie sich wie in einer Art Zwischenreich fühlen. Ob sie dort auch sowas wie Geister sehen? Mit dieser Idee beschäftigt sich jedenfalls das Rockalbum "The Raven That Refused To Sing" des Musikers Steven Wilson, der nicht nur in Musikkreisen als eine Art Überfigur des modernen Progressive Rocks gehandelt wird. Tod und Trauer sind zentrale Motive seiner Arbeit. Anlass genug, seine Werke zum Thema meiner Serie über Trauer und Musik zu machen.

Wenn ein Mensch in eine Extremsituation gerät, die seinen Verstand ebenso überfordert wie das gesamte menschliche System, können sich die Grenzen zwischen Realität und Fantasiewelt schnell auflösen. Auch der Tod eines einem nahenstehenden Menschen oder einfach nur der Tod als Ereignis an sich kann eine solche Extremsituation auslösen. Sein Vater war gerade gestorben, als er mit dem Album "The Raven That Refused To Sing" beschäftigt war, so berichtete es Steven Wilson der Frankfurter Rundschau in einem Interview aus dem Jahr 2017. Unter anderem deswegen habe er sich mit der Frage beschäftigt, was die massive Sehnsucht nach einem gestorbenen Menschen alles auslösen könnte. Und dass es vorkommen könnte, dass einem - zumindest in der Phantasie - Geistwesen und Fabelwesen begegnen. Dass ausgerechnet der Rabe zur Titelfigur des Albums geworden ist, ist da ein naheliegender Schritt: Raben gelten prinzipiell als Todesboten. Und der britische Dichter Edgar Alan Poe ist auch nie weit entfernt, wenn es um (Song-) Texte über Raben geht. Sicher kein Zufall. 


Eine gute Kombination: Trauer und Musik (alle Fotos: Thomas Achenbach).


Ein alter Mann, der in einem Raben seine verstorbene Schwester zu entdecken glaubt. Ein Straßenmusiker, der eigentlich längst gestorben ist, bloß dass es keiner merkt. Ein Uhrmacher, der nach Jahrzehnten der Ehe seine Frau ermordet, bloß dass sie ihm auch danach nicht von der Seite weichen will. Das sind drei der insgesamt fünf Geschichten, die das Album unter anderem erzählt. Wobei sich Steven Wilson zur musikalischen Vertonung dieser Stoffe eines breiten Spektrums an Einflüssen und Stilmitteln bedient. Das Ergebnis ist eine sehr spannende Mischung aus Pop, Rock, Jazz und gelegentlichen Metal-Würzungen. Wer sich also noch nicht allzu intensiv mit dem Genre des Progressive Rocks beschäftigt hat - und wem die hier als Übervorbild immer durchwirkende Rockband "King Crimson" nichts sagt -, dem sei dringend empfohlen, das Album in einer anderen Reihenfolge zu hören als so, wie die Titel hier angeordnet sind. Jedenfalls nicht mit dem zu Beginn stehenden "Luminol" als ersten Track, denn dessen frickeligere Jazz-Anmutungen sind schon die Sorte Musik, in die man sich ein bisschen reinhören muss. Da ist ein bisschen Mitarbeit beim Zuhörer gefordert. Anders als bei dem ebenso eingängigen wie intensiven "Drive Home". 



Wobei die Geschichte, die dieser fast romantisch-melancholische Song erzählt, erstmal schwer zu knacken ist - und wie es sich für einen richtig guten Song gehört, ist sein Text durchaus offen für Interpretationen und ließe mehrere Deutungsmöglichkeiten zu, so dass letztlich viele Hörer an irgendeiner Stelle andocken und sich etwas für sich rausziehen können. Doch hat Steven Wilson selbst in einem Interview beschrieben, wie der Song gemeint ist: Er beschreibt den Zustand eines schweren Traumas nach einem Unfall, eines Traumas, bei dem die brutale und monströse Realität des Erlebten durch seelische Schutzmechanismen automatisch weggeblockt, abgespalten und schlicht nicht wahrgenommen wird.


Worum es wirklich geht: Ein Trauma nach dem Autounfall


In manchen Textfragmenten dieses Lieds wird klar, dass es offenbar einen Unfall gegeben haben muss, bei dem sich ein Auto überschlagen hat. Dabei muss wohl die Frau tödlich verunglückt sein, der Mann hingegen hat den Unfall überlebt. Und nun trägt er über die kommenden Jahre schwer daran, überhaupt zu verstehen, was geschehen ist und es kommt ihm meistens so vor, als sei er immer noch im Auto und einfach nur auf dem Weg nach Hause - und die Frau, die gerade noch neben ihm gesessen hat, ist einfach verschwunden. Ohne dass das Auto gehalten hätte oder die Türen auf- oder zugegangen wären. So in etwa ließe sich der Text verstehen. Verpackt in eine einen hinwegspülende Musik, wird ein kleines Erlebnis aus dem Song.




Ebenso wie bei dem von tiefer Traurigkeit vollgesogenen Titeltrack "The Raven That Refused To Sing", ein sich auf fast acht Minuten ausdehnendes Stück mit wachsendem Pathos, das nach dem Anhören noch lange im Kopf bleibt (beim zuletzt erlebten Konzert von Steven Wilson in Hamburg bildete es den kongenialen Abschluss). Das Erstaunlichste aber ist, wie sehr es Wilson hier gelingt, Gefühle in Musik zu übersetzen: Diese knapp acht Minuten sind vertonte Gram und Einsamkeit, sicher keine besonders geeignete Musik für nebelgraue Novembertristesse, manchmal schwer zu ertragen - aber gerade deswegen so wertvoll. Denn so, wie diese Musik klingt, kann es den Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise manchmal gehen, so kann sich das anfühlen. Und wer das noch nie erlebt hat, versteht nach dem Hören dieses Songs vielleicht ein bisschen besser, wie das so ist. 


Die besten Songs & Alben über Trauer und Tod - die ganze Serie:


  1. Folge 1 - Auftakt mit Mumford & Sons, Genesis, Eric Clapton - hier klicken
  2. Folge 2 - Auf dem Rücksitz, mitten in der Trauer, Arcade Fire - hier klicken 
  3. Folge 3 - Ein alter Mann, der in einem Raben die gestorbene Schwester entdeckt

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Über diese Serie: Musik ist meine größte Leidenschaft. Die Trauerbegleitung ist eine meiner Professionen und eine meiner Tätigkeiten. Beide Themen zu vermischen, das habe ich schon lange vorgehabt. Jetzt ist eine gute Zeit dafür. Denn in den vergangenen Jahren habe ich emsig gesammelt: Ganz viel Musik über Trauer und Schmerz. Songs, Alben, Orchesterwerke; dazu ganz viele Geschichten, die sich in diesen Tönen und Texten verstecken. Seine eigene Trauer über Musik kreativ auszudrücken, das hat für Komponisten Tradition - überwiegend für männliche Komponisten, übrigens, aber dazu ein andermal mehr. Manchmal führt ein einziger Tod sogar zu mehreren Songs darüber. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor des Buches "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag, 17 Euro, erschienen im März 2019. Mehr Infos gibt es hier.

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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