Samstag, 4. Juli 2020

27 gute Rituale für eine moderne Trauerfeier: Wie kann ich eine gute Gedenkfeier für einen gestorbenen Menschen organisieren - was brauche ich dafür? Impulse, Anregungen und Ideen für die Gestaltung von Trauerfeiern, die auch den Angehörigen gut tun können - zahlreiche schöne Rituale für eine Beerdigung

Osnabrück - Was für eine schöne Idee: Aus dem Heimatort des gestorbenen Menschen, aus dem dieser schon lange fortgezogen war, hatte einer der Trauergäste etwas Erde mitgebracht. Heimaterde, sozusagen. Und diese wurde dann ebenfalls in das Grab des Mannes geworfen. Ein schönes Ritual - da muss man aber erstmal drauf kommen. Und das in der gewaltigen Überforderung nach einem Trauerfall? Wer kann das schon? Keine Frage: Eine Trauerfeier organisieren zu müssen, das kann eine herausfordernde Aufgabe sein - meistens stellt die Gedenkfeier für die Menschen, die sie organisieren müssen, so eine Art "Großes Schwarzes Loch" dar, weil der gestorbene Mensch in der Regel keine Wünsche oder Verfügungen für die Feier hinterlassen hat. In den seltensten Fällen haben sich Menschen vorher mal darüber unterhalten, wie sie sich ihre eigene Trauerfeier vorstellen würden. Aber wie könnte das Programm einer Trauerfeier aussehen? Was gäbe es für Ideen für Rituale oder für die konkrete Ausgestaltung? Was muss man alles beachten?  

Ich habe also mal alles zusammengesammelt, was mir zum Thema Trauerfeier so eingefallen ist. Neue und alte Rituale, von denen mir Menschen erzählt haben, weil sie ihnen gut getan hat. Impulse und Ideen und ein paar Gedankenanregungen, die bei der Gestaltung einer Trauerfeier helfen können. Natürlich lässt sich eine solche Aufgabe - also das Gestalten dieser Feier - auch an einen Menschen übertragen, der sich damit auskennt, weil er es professionell macht, also zum Beispiel einen Geistlichen, einen freien Trauerrender oder einen Ritualgestalter. Aber je mehr sich die Angehörigen, die besten Freunde oder einige der Gäste in die Gestaltung mit einbringen können, umso persönlicher wird diese Gedenkfeier - umso besser wird der gestorbene Mensch in dieser Feier sichtbar. Deswegen wäre mein Tipp: Baut Euch am besten eine Feier, wie sie Euch gut tut, als Allererstes. Zu weiteren Leitlinien für eine gute Trauerfeier kommen wir später noch.


Eine Trauerhalle aus Lego zum Spielen? Der niederländische Trauerpädagoge Richard Hattink bietet unter www.funeraltoys.com unter anderem dieses Spielset an , das ich auf der Messe Leben und Tod fotografert habe - die Idee dabei ist, mit Kindern spielerisch über schwierige Ereignisse rund um Beerdigungen und Trauerfeiern ins Gespräch kommen zu können (Alle Fotos Thomas Achenbach).


Viele fragen sich: Muss eine Trauerfeier überhaupt sein? Geht es nicht auch ohne? Hierbei gilt es zu bedenken: Die Trauerfeier ist die letzte Möglichkeit, einen Abschied ganz bewusst zu gestalten. Das kann gut tun, auch bei Familien oder bei Freunden, bei denen nicht alles ganz harmonisch gewesen ist - so ließe sich zum Beispiel, wenn man das möchte, ein Verzeihenritual mit in die Feier einbeziehen. Diese Feier kann zudem ein wichtiger erster Schritt sein für den eigenen Trauerweg, der bei jedem anders sein wird. Und schließlich muss man auch eines sagen: Es gehört sich einfach so, dass eine Trauerfeier gestaltet wird. Ein jedes Leben sollte an seinem Ende eine Würdigung erfahren dürfen, das macht unser Leben hier auf dieser Erde ein bisschen lebenswerter - für uns alle. Bevor wir aber mit dem Leitfaden für eine Trauerfeier beginnen, gilt es, ein paar Vorabfragen zu klären. Nämlich diese:

Vorab: Ein paar Grundsatzfragen, die man sich stellen sollte


- Soll der gestorbene Mensch lieber verbrannt oder klassisch beerdigt werden?
- Bei einer Kremation (dem Verbrennen) kann man evtl. zwei Trauerfeiern organisieren
- Zum Beispiel so: Öffentliche Trauerfeier am Sarg / Urnenbeisetzung im kleinen Kreis   
- Soll der gestorbene Mensch auf dem Friedhof oder in einem Wald beigesetzt sein?
- Soll der Sarg gemeinsam bemalt werden als gemeinschaftliche Aktion?
- Den Sarg eventuell sogar gemeinsam bauen als Gemeinschaftsaktion?
- Den Toten aufbahren, z. B. in einem Abschiedsraum, und Totenwachen organisieren  
- Auch Urnen gibt es übrigens zum Selbst-Gestalten bzw. mit Bastel-Einlage-Option
- Im Falle einer Urnenbestattung: Wer soll die Urne zum Grab tragen dürfen?

Und damit zur eigentlichen Trauerfeier: 

1. Der Ort: Eine Trauerfeier muss nicht auf dem Friedhof stattfinden


Manche Bestatter bieten z. B. eigene Trauerhallen für die Feiern an, die dann oftmals mit moderner Technik ausgestattet sind. Das kann unter Umständen sinnvoll sein, wenn man sich dafür entscheidet, beispielsweise eine Powerpoint-Diaschau oder eine Art Form von digitaler Präsentation einzusetzen. Hierbei geraten die öffentlichen Trauerhallen auf Friedhöfen sehr schnell an ihre Grenzen. Manchmal sind jedoch ganz andere Orte viel passender, um dem gestorbenen Menschen gerecht zu werden. In einem seiner Vorträge erzählte der moderne Bestatter David Roth beispielsweise von einer Trauerfeier, die in einem Pferdestall stattgefunden hatte, weil das gestorbene Mädchen ein absoluter Pferdeliebhaber gewesen war. Dementsprechend gehörten zu den Teilnehmern der Feier dann auch - ein paar Pferde. Das passte viel besser zu dem Mädchen. Oder ein anderes Beispiel: Anstelle einer Trauerfeier für einen alten Mann unternahmen die Trauergäste einfach einen Spaziergang in Stille zu seinem persönlichen Lieblingsort, einen See. Dort ließen sie dann Papierboote ins Wasser. Eine externe Feier muss manchmal vorab durch die Friedhofsverwaltung genehmigt werden, je nachdem, wie und wann die dann folgende Beisetzung geplant ist, aber sie kann manchmal besser zu den gestorbenen Menschen passen als eine ganz klassisch durchgezogene Trauerfeier. 

2. Die Ausrichtung: Kirchlich oder weltlich, mit wieviel Tradition darin?


Schon lange ist die Gestaltung einer Trauerfeier nicht mehr alleine in der Hand kirchlicher Kräfte, sondern es gibt viele freie Ritualgestalter und freie Trauerredner, die das ebenfalls übernehmen können. In der Gestaltung einer Trauerfeier gibt es kaum noch Grenzen, bis auf eine: Die Zeit. In seinem Buch "The End" beschreibt der moderne Bestatter Eric Wrede aus Berlin das Problem, das den meisten Trauerfeiern nur ein Zeitfensterchen von 20 Minuten zugestanden wird, während die Gäste für die folgende Trauerfeier draußen schon mit den Hufen scharren. Das ist tatsächlich oft ein Problem. Deswegen kann es eine gute Idee sein, gleich zwei Trauerfeier-Zeitfenster hintereinander zu buchen, um mehr Zeit zu gewinnen - was natürlich auch das Doppelte an Raummiete kosten wird.


Trauerspielzeug des Niederländers Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)

Was aber die Inhalte der Feier angeht, so ist vieles möglich und denkbar, man muss sich schon lange nicht mehr an alte Traditionen halten, sondern kann sich eine Feier ausdenken, die modernen Ansprüchen gerecht wird. Meiner Meinung nach kann es hilfreich sein, sich bei der Gestaltung einer Trauerfeier an drei Leitgedanken zu orientieren: 

1.) Die Feier darf bzw. sollte den Hinterbliebenen gut tun und ihnen etwas geben 
2.) Zugleich darf bzw. kann der gestorbene Mensch in der Feier sichtbar werden
3.) Optimal ist es also, eine gute Brücke zwischen diesen beiden Polen zu bauen

Wenn der gestorbene Mensch zu seinen Lebzeiten ein sehr gläubiger Mensch gewesen ist, aber seine besten Freunde oder seine Angehörigen der Kirche eher kritisch gegenüberstehen, lässt sich zum Beispiel überlegen, ob die Trauerfeier sowohl aus kirchlichen als auch aus weltlichen Elementen besteht - damit sie beiden gerecht werden kann. Oftmals wird auch bei rein weltlichen Trauerfeiern zumindest ein "Vater unser" gesprochen, um die eher gläubigeren Gäste mit einzubeziehen. Wichtig ist jedenfalls, dass die Angehörigen sich mit dem Programm wohlfühlen können. Eine weitere Geschichte, die Eric Wrede in seinem Buch "The End" erzählt, ist beispielsweise die von einer eher improvisierten Trauerfeier eines plötzlich verstorbenen Fans von Progressive-Metal-Musik. Da haben dann alle Trauergäste in einem Stuhlkreis zusammengesessen und die teils recht schräge Lieblingsmusik des Verstorbenen gemeinsam angehört. Das war alles. Ist dem Menschen aber gerechter geworden als jede andere Form von Trauerfeier. Moderne Bestatter und Trauerbegleiter empfehlen ganz grundsätzlich, sich nicht an (überholten) Traditionen zu klammern, wenn diese einem selbst nichts bedeuten. Dafür wäre dieser wertvolle Moment zu schade. Warum nicht - zum Beispiel - einen Walzer oder eine Rumba am Ort der Trauerfeier tanzen, wenn der gestorbene Mensch gerne getanzt hat? Weil Tanz und Trauer nicht zusammengehören? Wer sagt das? Ist nicht beides irgendwie - Leben?

3. Rituale mit einplanen - vor und während der Trauerfeier 


Rituale sind wichtig - aus vielfachen Gründen. Zum Beispiel, weil sich mit kleinen Gesten schon ganz viel an Wirkung erreichen lässt. Oder weil sie uns dabei helfen, große und vielleicht irritierende Gefühle in einen Zusammenhang einzubetten. Manche Rituale beziehen alle Teilnehmer einer Feier mit ein und haben, wenn sie nachvollziehbar oder gut erklärt werden, eine die Gäste vereinende Wirkung. An Rituale denken wir oft lange zurück. Wenn wir uns an Trauerfeiern erinnern, sind es meistens die damit verbundenen Rituale, die uns als Erstes wieder einfallen: Das Werfen einer Rose in das offene Grab, beispielsweise. Und es gibt ganz viele gute Ideen für Rituale, die im Kontext einer Trauerfeier eingesetzt werden können. Wobei wir hier zwischen zwei wichtigen Zeiträumen unterscheiden müssen:

1.) Die eher intimeren Momente für die Angehörigen kurz vor der offiziellen Trauerfeier 
2.) Die offizielle und vermutlich von weiteren Gästen besuchte eigentliche Feier

Für beide Komponenten bieten sich jeweils Rituale an, von denen mir Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation erzählt haben und die sie jeweils als hilfreich erlebt haben. 

Hier ist meine persönliche Sammlung an mögliche Ritualen - wobei man dazu eines sagen muss: auch wenn manche dieser Rituale in einer Phase akuter Einschränkungen wegen eines neuerlichen Corona-/Pandemie-Lockdowns nicht umsetzbar sein dürften, wäre dann zu überlegen, ob man beispielsweise die eigentliche Trauerfeier später nachholt, zum Beispiel gekoppelt an einen später stattfindenden "Trösterkaffee" (dazu später mehr). 


1.) Rituale für den Zeitraum kurz vor Beginn der eigentlichen Trauerfeier


  • # 1 - Den Sarg gemeinsam verschließen vor der Trauerfeier, das kann gut tun
  • # 2 - Etwas in den Sarg hineinlegen als Beigabe für diese letzte Reise (da geht viel)  
  • # 3 - Sich den toten Menschen nochmal gemeinsam ansehen, falls man das kann

2.) Rituale für den Inhalt/die Gestaltung der eigentlichen Trauerfeier


  • # 4 - Die Trauergäste bringen jeder eine Blume mit und legen sie in der Halle ab, z. B. vor dem Sarg oder an einer Fotowand oder ähnliches
  • # 5 - Die Trauergäste können Fußabdrücke von sich aus Papier mitbringen, die sie beschriftet haben
  • # 6 - Auf diesen Fußabdrücken notieren sie, welche persönlichen Spuren der Mensch hinterlassen hat
  • # 7 - Die Trauergäste sind zuvor ermuntert worden, ein gemeinsames Foto mit dem Verstorbenen mitzubringen
  • # 8 - Diese Fotos können an einer Wand gesammelt oder in ein Blankobuch eingeklebt werden, vielleicht mit eigenen Erinnerungen ergänzt
  • # 9 - Die Trauergäste bekommen Teelichter, diese dürfen sie anzünden und vorne hinstellen, so kann ein großes leuchtendes Symbol entstehen, z. B. in Herzform
  • # 10 - Ein selbst gestalteter Trauerschal kann über den Sarg gelegt werden, die Gestaltung dieses Schals kann vorab als gemeinsames Ritual angelegt sein
  • # 11 - Lebensmomente des gestorbenen Menschen können als Ausstellung gezeigt werden, diese kann auf dem Fußboden ausgelegt werden/es liegen Fotoalben aus
  • # 12 - Eine Fotowand erinnert an den Menschen, Zettel zum Beschriften liegen bereit, diese können mit eigenen Erinnerungen beschriftet werden (oder guten Wünschen)
  • # 13 - Ein Angehöriger oder enger Freund kann den Lebenslauf des Gestorbenen vorlesen oder wichtige Stationen kurz zusammenfassen
  • # 14 - Freunde oder Angehörige, die das können, führen während der Trauerfeier ein Musikstück auf
  • # 15 - Freunde oder Angehörige lesen während der Trauerfeier ein ausgesuchtes Gedicht oder Textstück vor
  • # 16 - Gegenstände, die zum Leben des gestorbenen Menschen passen, zur Deko verwenden
  • # 17 - Auf einem Monitor kann eine Fotoschau durchlaufen, die sich ständig wiederholt, oder es wird eine Präsentation in die Trauerfeier mit eingebaut
  • # 18 - „Was ich Dir noch sagen wollte“ – Gedanken dazu können auf Papier aufgeschrieben und gesammelt werden, Papier hierfür liegt bei der Feier aus
  • # 19 - Dies können entweder alle Trauergäste tun, die das gerne möchten, oder es kann auf einen Brief der Angehörigen beschränkt werden (der vorgelesen wird?)
  • # 20 - Dieses Papier kann dann während der Feier z. B. in den Sarg gelegt werden oder in einer Feuerschale verbrannt werden
  • # 21 - Gemeinsam Luftballons steigen lassen am Grab oder an dem Ort der Feier, das wird vor allem bei Kindern gern gemacht (In Flughafennähe - genehmigen lassen!)
  • # 22 - Eine "Klagemauer" aufzubauen ist auch eine Idee, bei der sich die Trauergäste beteiligen können, hierfür liegen Zettel zum Ausfüllen bereit, die an diese „Mauer“ (z.B. Pinnwand) angebracht werden können (das geht z. B. auch zuhause)
  • # 23 - Die Trauergäste bekommen eine Tüte Blumensamen mit als Geschenk zum späteren Einpflanzen/an den gestorbenen (An-) Denken
  • # 24 - Ein Tanz am Ort der Trauerfeier, sowas ist wie schon erwähnt auch gut – wenn es passt, zum Beispiel weil der Mensch gern Standard/Latein etc. getanzt hat... 
  • # 25 - Am Ort der Trauerfeier stehen Fingerfarbe und Reinigungstücher bereit, damit jeder der Trauergäste seinen Handabruck auf dem Sarg hinterlassen kann
  • # 26 - Auch schön: Anstatt einer Trauerfeier lässt sich in manchen Gegenden (z. B. in der Nähe von Hannover) ein Trauercafé mit dem Sarg dabei organisieren
  • # 27 - Und schließlich: Bei einer Beerdigung ist es meistens möglich, dass die Angehörigen, wenn sie das möchten, selbst das Grab zuschaufeln - das kann gut tun
Übrigens spricht auch nichts dagegen, den Gästen einer Trauerfeier ein Erinnerungsstück mitzugeben - bewährt dafür haben sich zum Beispiel Trauersteine, die z.B. in eine Hosen- oder Jackentasche passen. Gerne werden dafür glatt geschliffene Steine genommen, das muss aber nicht sein. Die Steine haben erstens eine besondere Symbolik, weil Steine so etwas wie Unvergänglichkeit und Unzerstörbarkeit symbolisieren, zweitens dienen sie als gelegentliche Erinnerung an die Trauerfeier und damit den gestorbenen Menschen. 


Trauerspielzeug des Niederländers Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)

Und schließlich, falls gewünscht/benötigt: Ein Ritual des Verzeihens 


Als besonderes Ritual ließe sich auch über eine angeleitete Form des Verzeihens nachdenken, von dem ich ebenfalls schon gehört habe. Bei schwierigen Lebensläufen, als problematisch erlebten Lebenssituationen oder allgemein  bei schwierigen Menschen fällt es den Angehörigen oder Freunden manchmal nicht leicht, einen guten Abschied nehmen zu können. Zum Beispiel, weil sie die Würde, die es dafür bräuchte, als durch andere Gefühle überdeckt erleben. Durch Wut, beispielsweise, durch Zorn, durch heftigere Erinnerungen an schwierige Situationen etc. Hierbei kann es hilfreich sein, auch diesen Gefühlen während in der Trauerfeier in Form eines Rituals einen sanften, aber verzeihenden Raum zu geben - immer auf angemessene Art und Weise und mit viel Würde, versteht sich, also nicht durch ein "Nachtreten" oder durch Äußerungen von Hass oder Zorn. 

Geschehen kann dies z. B. durch einen Augenblick der Stille oder durch ein bestimmtes Stück Musik, das hierfür genutzt wird. Der Trauerredner oder Ritualgestalter oder der Geistliche kann das entsprechend moderieren, zum Beispiel durch einen Satz wie diesen: "Während der nächsten Momente wollen wir uns im Verzeihen versuchen, in einem Verzeihen für alles, worüber wir zu Lebzeiten nicht haben sprechen können. Gleichsam wollen wir der Hoffnung nachspüren, dass der gestorbene Mensch in seinem Tod auch uns hat verzeihen können..." (dieser letzte Satz kann passend sein oder auch nicht, das kommt, wie alles, auf die Situation an). 


4. Die Trauerrede: Nichts Schlechtes sagen, aber gern Menschliches


Über Verstorbene soll man nichts Schlechtes sagen, so lautet eine alte Verhaltensregel, die sich sowohl an die Gäste einer Trauerfeier richtet als auch an diejenigen, die die offizelle Trauerrede halten. Aber bevor wir über den Inhalt einer Trauerrede sprechen können, müssen wir uns erst eine andere Frage stellen: Wer soll diese Trauerrede eigentlich halten - und soll es überhaupt eine geben? Denn auch für die Trauerrede gilt: Es ist kein Muss. Nur weil alle anderen diese Tradition pflegen, kann es auch andere Ideen geben - zum Beispiel einfach nur gemeinsames Musikhören. 

Ein Vorteil einer Trauerrede ist natürlich, dass der Fokus noch einmal auf dem Leben des verstorbenen Menschen liegen kann, dass sein Tun, seine Vorlieben und seine Prägungen spürbar und erlebbar werden können. Hier darf es auch gerne menschlich zugehen oder auch mal lustig, falls das passt. Ein guter Leitspruch für eine Trauerrede ist immer: Der gestorbene Mensch steht hier nicht vor Gericht, es muss nicht über ihn geurteilt werden. Selbst wenn es etwas Abgründiges zu erzählen gäbe, darf das gerne ausgeklammert oder allenfalls oberflächlich gestreift werden, weil die meisten Menschen vermutlich eh davon wissen. Bei einem Menschen, der ein Alkoholproblem hatte, kann dann beispielsweise von "der Krankheit" gesprochen werden - die es ja auch ist -, die das Leben manchmal schwer gemacht hat. Das reicht. Spätestens dann sollte aber wieder etwas Gutes folgen. Eine letzte Würde hat jedes Leben verdient - aber das hatten wir ja schon... 


Trauerspielzeug des niederländischen Pädagogen Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach).

Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zum "Wer hält die Rede"? Am eindrucksvollsten ist es natürlich immer, wenn direkte Angehörige oder Freunde selbst sich das zutrauen, aber weil es auch eine harte Aufgabe ist, bei der ein gewisses Maß an Professionalität und Erfahrung damit nicht schaden kann, sind freie Redner, Geistliche oder andere hierfür ausgebildete Profis oft eine ebenso gute oder vielleicht auch bessere Wahl.  

5. Die Musik: Auch Mitsingen, nur Anhören, wieviel, was genau?


Was die Auswahl der Musik angeht, gibt es eine zentrale Frage: Soll auch etwas von den Trauergästen mitgesungen werden? Ich selbst bin, da will ich ganz ehrlich sein, kein großer Freund von diesem offiziellen Singenmüssen, ich fühle mich da meist sehr unwohl bei, jedenfalls solange es nicht etwas von Pink Floyd ist (bei "Wish You Were Here" gröhle ich gerne mit, so schief wie es bei mir halt immer der Fall ist). Mir sind ansonsten Feiern viel lieber, bei denen die Musik rein passiv zu erleben ist - aber das ist nur meine bescheidene Meinung. Und es zählt auch hier einzig und allein die Leitfrage, ob es zum gestorbenen Menschen passt oder nicht. Ist beispielsweise ein enthusiastisches Mitglied eines Männergesangvereins gestorben, wäre es vermutlich irritierend, wenn auf seiner Trauerfeier gerade nicht gesungen wird. 

Auch wenn die Trauergäste nicht mitsingen müssen, stellt sich die Frage, ob die Musik von Konserve kommen soll oder live aufgeführt werden soll? Inzwischen gibt es in manchen Städten auch Musiker, die sich unter anderem für Trauerfeiern spezialisiert haben. Oder es gibt unter den Angehörigen oder besten Freunden Musiker, die sich das zutrauen. Für mich wird unvergesslich bleiben, wie mein Vater bei der Trauerfeier meines Onkels, also seines Bruders, den gar nicht so leichten Trauermarsch aus der Götterdämmerung auf dem Klavier gespielt hat. Das hat perfekt zu meinem Onkel gepasst: Er war ein großer Fan des "Rings der Nibelungen" und der Opern von Richard Wagner. 

Wobei es gar nicht immer nur traurige Musik auf einer Trauerfeier geben muss - am besten passt generell die Lieblingsmusik des gestorbenen Menschen. Und das ist der Punkt: Alleine über die Auswahl der Musik können viele Eindrücke über die Persönlichkeit des gestorbenen Menschen vermittelt werden. Deswegen ist Musik in ihrer Wichtigkeit nicht zu unterschätzen. Warum also nicht eine Playlist zusammenstellen mit der Lieblingsmusik des gestorbenen Menschen und diese den Trauergästen ebenfalls zur Verfügung stellen - beim Wie und Womit können die technikverliebten jüngeren Freunde oder Angehörigen, Enkel oder ähnliche, vielleicht gut helfen? Natürlich könnte man auch eine CD brennen, was als Geste etwas Wunderschönes ist, allerdings ist man bei der halb-/professionellen Vervielfältigung von Musik in einem größeren Rahmen nicht mehr ganz im Bereich des Legalen. 

6.) Am besten mit Ablaufplan und konkreten Zuständigkeiten


Es kann hilfreich sein, den Ablauf der Trauerfeier kurz und knapp auf einem Papier zu skizzieren: Wer ist wann an der Reihe, wer wird welchen Teil übernehmen, welches Lied ist wann zu hören, etc.? Wohlgemerkt: eine kurze Ablaufskizze reicht vollkommen aus. Das muss kein Drehbuch werden, in dem genau vermerkt steht, wann jemand von welcher Seite aus auftritt und wieviele Schritte dann zu gehen sind, etc. - das wäre für alle Teilnehmenden eher eine Überforderung. Eine gute Ablaufskizze lässt Luft zum Atmen und Luft für Eventualitäten - wenn beispielsweise der Auftritt von rechts gar nicht möglich sein sollte etc.



Trauerspielzeug des niederländischen Pädagogen Richard Hattink ("Funeraltoys"), fotografiert auf der Messe Leben und Tod (Foto: Thomas Achenbach)


7.) Nach der Trauerfeier: "Leichenschmaus", "Leidmahl", "Trösterkaffee"?


Im Anschluss an die Trauerfeier zu einem Zusammenkommen einzuladen, bei dem Kaffee, Kuchen, vielleicht eine Suppe oder Butterbrote angeboten werden, gehört zwar zum guten Ton und kann außerdem ein erster guter Schritt sein auf dem eigenen Trauerweg - weil man nochmal alle Menschen versammelt sieht, die nur der gestorbene Mensch so hat zusammenbringen können -, aber auch hier gilt: Wem das zuviel wird, wer es nicht kann, der darf auch darauf verzichten. Wichtig ist die Leitregel: Was wird den Angehörigen und besten Freunden des gestorbenen Menschen gut tun? Diese Form der Zusammenkunft hat übrigens immer unterschiedliche Namen und Ausprägungen. In vielen ländlichen Gebieten war es früher üblich (und ist es noch üblich), auch alkoholische Getränke anzubieten und eine regelrechte Feier aus diesem Ereignis zu machen. Mal spricht man vom "Leichenschmaus", mal vom "Trösterkaffee", mal vom "Leidmahl", mal ganz schlicht vom "Beerdigungskaffee". Das kann eine sehr schöne Einrichtung sein, weil noch einmal Erinnerungen geteilt werden können. Manchmal kommen extra für die Trauerfeiern und die Beerdigungen die Gäste auch von weiter her angereist, so dass es sinnvoll sein kann, ihnen noch ein bisschen was zu essen anzubieten, bevor sie abreisen. 

Wer mag und kann und entsprechende Hilfe dafür hat, kann diese Zusammenkunft gerne zuhause organisieren, in der Nähe von Friedhöfen gibt es meistens darauf spezialisierte Gasthäuser und Cafés

Zum Thema Leichenschmaus/Trauerkaffee etc. gäbe es noch einiges mehr zu schreiben, aber das wird in Kürze zum Inhalt eines weiteren Beitrags auf diesem Blog...

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen eines Todesfalls oder wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie?

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie eine Familie den Geburtstag der gestorbenen Tochter jedes Jahr als Abschieds- und Lebensfest gestaltet und warum das Mut machen kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Dienstag, 30. Juni 2020

Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Ist es möglich, eine Krankschreibung bei einem Todesfall zu bekommen und wenn ja, wie? Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um das Thema Trauer und Arbeitsunfähigkeit

Osnabrück - Es ist die von den Lesern meines Blogs am meisten gestellte Frage: Kann ich wegen Trauer krankgeschrieben werden? Hierzu gibt es zwei Dinge zu sagen. Erstens: Nein, nicht so wirklich, weil Trauer an sich nicht als Krankheit gilt, sondern als eine im Grunde gesunde Reaktion auf einen eher unnormalen Ausnahmezustand. Aber genauso wichtig ist, zweitens: Na klar kannst Du Dich krankschreiben lassen. Weil es unbestreitbar so ist, dass einen die Symptome von Trauer massiv beeinträchtigen können - so massiv, dass man eben nicht mehr arbeitsfähig ist -, braucht sich auch niemand zu schämen, wenn er sich genau das von einem Arzt attestieren lässt. Aber wie genau geht das? Was muss ich beachten? Und was wird mir der Arzt als Diagnose auf den gelben Schein schreiben? Hier die wichtigsten Antworten auf all diese Fragen.

Zuallererst etwas ganz Wichtiges: Auch wenn es sich allgemein eingebürgert hat, von der "Krankschreibung" zu sprechen oder davon, dass man sich "krankschreiben" lässt, so ist das in Wahrheit falsch. Das zeigt schon ein einzelner Blick auf so einen Gelben Schein. Denn dort oben steht "Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung". Also die Bescheinigung, dass jemand nicht arbeitsfähig ist. Aber: Das heißt nicht automatisch, dass jemand auch krank sein muss. Im Fall von Trauer ist das eine ganz wichtige Unterscheidung. Denn es ist natürlich so, dass die durch Trauer ausgelösten Symptome einen Menschen stark beeinträchtigen können, auch wenn Trauer etwas ganz Normales ist und all diese Symptome zu dem Trauerprozess unmittelbar dazugehören können. Das können zum Beispiel sein: 


Wegen Trauer zum Arzt gehen? Warum denn nicht? (Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Konzentrationsschwierigkeiten. Die Unfähigkeit, einen Text lesen zu können. Große innere Unruhe. Eine kaum stillbare und alles überstrahlende Sehnsucht nach den gestorbenen Menschen (auch noch lange nach seinem Tod). Schlafstörungen. Antriebslosigkeit. Appetitlosigkeit. Gedanken, die immer nur um das eine kreisen und nichts anderes zulassen... Das alles und mehr kann dazugehören, in verschiedenen Heftigkeitsstufen. Kurz: Symptome, die einen Alltag/Berufsalltag in ihrer Intensität unmöglich werden lassen. Aber: Das ist alles ganz normal, das geht vielen Menschen so, die jemanden verloren haben.


Trauer macht selten krank - arbeitsunfähig schon eher


Wer mit diesen Symptomen zum Arzt geht, bekommt also eine solche Bescheinigung einer  Arbeitsunfähigkeit, das ist kein Problem und wird von den meisten Hausärzten so umgesetzt - meistens wird dann eine "Anpassungsstörung" oder eine "Akute Belastungsreaktion" als Grund auf dem Gelben Schein angegeben, zwei Sammelbegriffe, unter denen sich viele der leichteren bis mittelschweren psychischen Reaktionen auf eine menschliche Krisensituation zusammenfassen lassen. Das ist nichts, weswegen man sich schämen müsste. Das ist alles: Ganz normal. Von Trauer an sich steht dort allerdings nichts. Denn bislang ist es technisch gesehen nicht möglich, sich alleine wegen Trauer auch medizinisch behandeln zu lassen - geschweige denn sich wegen Trauer alleine krankschreiben zu lassen. Denn Trauer und deren Folgen sind so nicht vorgesehen – jedenfalls nicht im Diagnose-System der Weltgesundheitsorganisation, der ICD ("International Statistical Classification Of Disease and Related Heath Problems"), die bei allen Hausärzten und niedergelassenen Ärzten zum Einsatz kommt



Ab dem 1. Januar 2022 soll sich das übrigens ändern. Denn dann möchte die WHO - die World Health Organisation - in der ab diesem Tag gültig werdenden ICD 11 die "Anhaltende Trauerstörung" als neue Diagnosemöglichkeit einführen, die jedoch erst greift, wenn die Symptome sehr massiv sind und länger als ein halbes Jahr andauern. Derzeit ist diese neue Diagnosedefinition hinter den Kulissen noch in der Diskussion - und durchaus nicht unumstritten. Wohlgemerkt: Die Trauer soll dort explizit Bereich der psychologischen bzw. psychiatrisch zu behandelnden Störungen angesiedelt sein - und genau das ist im Augenblick der Gegenstand von zahlreichen Diskussionen und Empörungen, die ich in einem separaten Beitrag auf diesem Blog zusammengefasst habe (hier klicken).



Aber auch nach dem 1. Januar 2022 wird es so sein, dass die Reaktionen auf einen Verlust im ersten halben Jahr weiterhin als ""Anpassungsstörung" oder als "Akute Belastungsreaktion" beschrieben werden. Was im Fall von Trauer ja auch passt: Denn an eine solche für die menschliche Seele ungewohnte Ausnahmesituation muss man sich erst einmal anzupassen lernen, das ist für uns Menschen schon schwierig genug. Darf man sich als guten Gewissens wegen Trauer "krankschreiben" lassen? Nein, krank nicht. Aber arbeitsunfähig - auf jeden Fall. 

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie eine Familie den Geburtstag der gestorbenen Tochter jedes Jahr als Abschieds- und Lebensfest gestaltet und warum das Mut machen kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Mittwoch, 24. Juni 2020

Warum Anja Pawlowski immer "... ein Stück untröstlich" bleiben wird und warum es so gut ist, dass ihre Leidensgeschichte mitterweile auch in Buchform vorliegt - wertvolle Einblicke in die vielen Facetten und die ambivalenten Gefühle auf einem Trauerweg

Osnabrück - Es ist eine der wichtigsten Passagen in diesem Buch: Die wenigen Absätze, in denen die Bloggerin Anja von ihrer Wut auf ihren verstorbenen Mann erzählt. Davon, dass er sie manches Mal um Geld betrogen hatte und die für gemeinsame Projekte gedachten Rücklagen manches Mal versackert waren... in einem "magischen Loch". Darf man sowas über Tote sagen? Darf man davon noch berichten? Müssten die Gestorbenen nicht einfach nur in ihrem besten Licht geschildert und betrachtet werden? Zumal Anja soviel Gutes über Andreas, ihren gestorbenen Mann, zu berichten weiß und diese wenigen Worte eine Ausnahme bilden. Hier zeigt sich eindrucksvoll, wie facettenreich und ambivalent sich ein Trauerprozess entwickeln kann. Und genau das ist eines der größten Verdienste von Anja Pawlowskis Blog und dem daraus resultierenden Buch: Dass sie uns so unmittelbar und hautnah teilhaben lässt an dem, was sie innerlich beschäftigt.

Auch so lässt sich inneres Leiden in Worte kleiden: Ein bisschen schnodderig, ein bisschen unangepasst, immer frei nach Schnauze und mit ganz viel Herzlichkeit. Frei von der Leber weg - und direkt aus der Seele geflossen. Genauso schreibt Anja Pawlowski, die oben an der Ostsee wohnt und sich deswegen in sozialen Kanälen "Lübschesprotte" nennen darf. In ihrem Blog "Ein Stück untröstlich" erzählt sie der Welt seit Juli 2017 die Geschichte ihrer Trauer - und die von ihrem Mann Andreas, der 2014 ziemlich überraschend an einem Hirntumor starb. Die ersten 41 Beiträge ihres Blogs liegen seit einiger Zeit auch als Buch vor, hübsch oldfashioned auf Papier und so. Und was dieses Buch so wertvoll macht, ist seine komplett ungefilterte Authentizität. 


Anja Pawlowski im Jahr 2020 (Foto: Andre Leisner, mit freundlicher Genehmigung).

Bei mir zuhause liegt das Buch nun schon eine ganze Weile herum. Nicht ungelesen, aber unbesprochen. Anja hatte es mir auf der Messe "Leben und Tod" im Jahr 2019 persönlich überreicht, da war es gerade ganz frisch erschienen. Wir kennen uns durch unser beider Blogger-Aktivitäten schon länger persönlich und ich hatte zudem das Vergnügen, sie für meinen Blog schon einmal interviewen zu dürfen. Auf der Messe hatte ich ihr eine Besprechung ihres Buches Blog fest zugesagt. Das hat dann allerdings eine Weile gedauert, länger als gedacht, weil erst noch meine eigenen Buchprojekte, Vorträge, Workshops und Lesungen dazwischenkamen. Dann kam Corona, alles auf Halt, das war schlecht. Aber ich hatte endlich genug Zeit für das Schreiben über aktuelle Bücher und das Lesen von frisch erschienen Büchern. Das war gut. Ambivalent, auch das. Wie das ganze Leben, immer. 


Grrrrrrrrrrrr........ ! ! !  Und: Stampf ! ! 


Waaaaassss? Grrrrrr.... Und: Stampf! Nicht selten geht es in Anjas Blog und in ihrem Buch zu wie in einem Comic. Das passt ganz wunderbar in diese Welt, in die wir da eintauchen dürfen. Denn Anjas Motto, so steht es auf dem Rückumschlag zu lesen, lautet: Einfach mal machen, kann ja auch gut werden. Genauso hat sie auch ihren Blog gestartet. Ist gut geworden. Das Bemerkenswerte dabei ist, dass Anja gleich von Beginn an dieser Spagat gelingt, der ihre größte Qualität ist und bleiben wird: Einerseits durchmessen ihre Texte durchaus die Tiefe ihrer Trauer, andererseits sind sie von einer Leichtigkeit und Lebendigkeit durchzogen, dass das Lesen tatsächlich - und das will mal was heißen bei einem Buch über Trauer - ein lockerleichtes Vergnügen sein kann. "Es geht um Trauer - UND um Lebensfreude", schreibt Anja über ihren Blog. Das muss man auch erstmal schaffen, sowas - Respekt, Anja!

(Dieses und das folgende Foto: Thomas Achenbach)

Drei Jahre sind bereits vergangen seit dem Tod von Andreas, als Anja Pawlowski 2017 ihren ersten Blogbeitrag veröffentlicht. Und schon dieser erste Text macht deutlich, wie gut strukturiert Anja ihre Gedankenwege und Innenwelten bereits durchfahren kann. Was ihr dabei bisher geholfen hat, in diesen ersten drei Jahren, findet sich in einer Liste, mit der Anjas persönliches Bekenntnisbloggen beginnt. Gleichzeitig hebt sie das Thema Trauer damit auf eine Metaebene, indem sie auch für andere umzirkelt, was hilfreich sein kann. Und genauso geht es weiter. Immer mal wieder spricht Anja ihre Leser direkt an und regt sie zum Mitdenken an ("Und was hilft Dir?"), was ihren Blog fast auf Ratgeberniveau hebt. Das mag für manche Leser sicher hilfreich sein, ich persönlich lese allerdings lieber die ganz persönlichen Reiseberichte dieser Nachtfahrten durch Anjas Seelenleben. 


Schuldgefühle, Fassungslosigkeit, Behördengedöns


Und was das angeht, hat sie einiges zu bieten. Eine immer wieder aufploppende Fassungslosigkeit, auch noch vier Jahre nach dem Tod ("Er ist weg, einfach weg, wirklich weg!"). Die sich immer mal wieder zu Wort meldenden Schuldgefühle, zum Beispiel weil der erste Mann, mit dem sie zusammen einen Sohn auf die Welt brachte, ebenfalls starb und weil für sie manchmal die Frage im Raum steht, ob sie eine Art Todesfluch über die Männer bringt. Aber auch die Qualen, die Behörden und der Papierkram bei ihr auslösen: Denn obwohl sie Andreas als ihren Mann bezeichnet, waren die beiden nie offiziell verheiratet. Das war für die Qualität ihrer Beziehung nie ein Problem, ist es aber von behördlicher Seite - denn wer nicht verheiratet ist, darf offiziell auch nicht Witwe sein. Auch wenn es sich tausendmal so anfühlt, auf dem Papier geht das nicht. Jedenfalls auf deutschem Behördenpapier.


All diese Facetten und mehr beleuchtet Anja in mal kürzeren, mal längeren Passagen. Und schließlich reift in ihr eine wesentliche Erkenntnis, die auch für alle anderen Menschen in einer Verlustsituation eine hilfreiche Botschaft darstellen kann: "Ich darf ein Stück untröstlich bleiben! Dieser Satz ist für mich der größte Schatz, den ich während meiner Trauerarbeit erspürt habe." Dass Anja mit dieser Arbeit noch lange nicht fertig ist, wenn auch auf einem guten Weg, zeigt ein Blick auf ihren Blog "Ein Stück untröstlich": Da ist sie noch immer aktiv und berichtet zum Beispiel davon, wie sie den fünften Todestag von Andreas erlebt hat. Gibt es bald also ein zweites Buch? Immer noch - ein Stück untröstlich? Wer weiß. Vorerst ist Anja jedenfalls ebenfalls mit Lesungen und Vorträgen unterwegs, zum Beispiel einer Autorenlesung bei der digitalen Version der Messe "Leben und Tod" 2020.  

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie eine Familie den Geburtstag der gestorbenen Tochter jedes Jahr als Abschieds- und Lebensfest gestaltet und warum das Mut machen kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Samstag, 20. Juni 2020

Selber weiterleben, obwohl die Schwester ermordet worden ist - in Katrin Bibers Buch "Larissas Vermächtnis" erfahren wir, wie so etwas gehen kann und was diesen Weg so schwer und schmerzvoll macht - eindrucksvolle Einblicke in einen Trauer- und Leidensweg

Osnabrück/Innsbruck - Wer Katrin Biber einmal persönlich kennenlernen durfte, der wird sich an eine offene junge Österreicherin erinnern, die viel Positives ausstrahlt. Kaum vorstellbar, dass sich diese lebenslustige Frau, die sich gerne mit "I' bin die Katy" vorstellt, einmal ein Messer an die Pulsschlagadern gehalten und beinahe zugestochen hätte. Dass sie das tun wollte, weil ihr innerer Schmerz so unaushaltbar geworden war, dass sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste. So beschreibt Katrin Bieber es in ihrem frisch erschienen Buch "Larissas Vermächtnis", in dem sie die Geschichte von ihrer ermordeten Schwester erzählt. Und die Geschichte ihrer Trauer darüber. Es ist aus mehrfachen Gründen lesenswert - auch wenn man vorab wissen sollte, was einen in diesem Buch erwartet.

Der Umschlag des Buches ist eher fröhlich gehalten. Pastelltöne in Rosa dominieren das Design, zwei Schmetterlinge zieren die Titelseite. "Papa", sagt meine sechsjährige Tochter überrascht zu mir, während ich in dem Buch stöbere, "du liest ja ein Frauenbuch!" In gewisser Weise hat sie ja sogar recht, hier geht es vor allem um Frauen. Doch darf der Umschlag des Buches nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Inhalt bitterernsten Stoff enthält. Es ist die Geschichte einer erwürgten Frau und die Geschichte ihrer Schwester, die darüber fast den Verstand verliert. Was soll sie auch sonst tun angesichts der Tragik dieser Ereignisse?

(Foto: Thomas Achenbach)

Dass dieser Blogartikel über Katys Buch an einem 20. Juni erscheint, hat sich einerseits zufällig so ergeben, weil ich passend ein paar Tage vorher mit dem Lesen des Buches fertig war - aber es ist auch aus einem zweiten Grund wichtig, dass sich das so gefügt hat. Denn am 20. Juni ist Larissas Geburtstag. Und an diesem Tag hat Katy vor einigen Jahren schon einen gemeinsamen Lauf in Erinnerung an ihre so sportliche Schwester veranstaltet, von dem sie ebenfalls in ihrem Buch berichtet - und der prägend war für ihre neue Lebensphase. Aber dazu später mehr. 


Angelegt wie ein biographischer Roman


Katy hat sich dazu entschieden, ihr Buch mehr wie einen biographischen Roman anzulegen - es gibt beispielsiwese sehr viele Dialoge, die Katy aus der Erinnerung wiedergegeben hat. Warum sie sich für diesen Weg entschieden hat, dazu findet sich ein Hinweis im Prolog zu dem Buch: Katy hat sich schon früher mit dem Schreiben beschäftigt und hat, wie viele andere Hobby-Autoren (und ich), das dazu passende und ziemlich geniale Buch von Stephen King gelesen: "Vom Lesen und Schreiben". Aus dem zitiert sie am Anfang. Passenderweise ist nun auch Katys Buch keine Aufzählung innerer Gedanken geworden, sondern ein fast filmisches Erlebnis von aneinandergereihten Szenen - das ist Segen und Fluch zugleich.


Katrin Biber (Foto: Peter Koren/Pieper-Verlag, mit freundlicher Genehmigung) 

Ein Segen ist es, weil das Buch ein echter "Pageturner" ist. Rasant erzählt, ebenso rasant durchgelesen, nicht eine Sekunde langweilig und trotz einiger - weniger - etwas holpernder Dialoge wirklich gut geschrieben. Zu einem Fluch kann es werden, weil der Leser sich immer wieder selbst daran erinnern muss: Nein, das ist kein Fernsehkrimi, keine Unterhaltung, keine Fiktion. Auch wenn Larissas Todesart dazu passen würde. Mord, das ist Spektakel und Sensation, das ist Gänsehautgrusel und Exotik, das ist Krimistoff und Boulevardpresse. Wenn wir von einem Mord lesen, sind wir ganz automatisch in so einem Zustand flirrender Anspannung - von dem wir uns leicht wieder befreien können, indem wir einfach das Buch zuklappen. Und vielleicht schaudernd die Schultern hochziehen. Katy kann das alles nicht, sie konnte es nie. Für sie ist der Mord an ihrer Schwester bittere Realität. Und bei der Lektüre ihres Buches muss sich der geneigte Leser manches Mal in den Arm kneifen, um sich in Erinnerung zu rufen, dass das hier Wirklichkeit ist. 


Und der Mörder sagt: "Heute ist Waschtag"


Dass der Sensationsfaktor des Geschilderten nie überhandnimmt, ist Katys schriftstellerischer Fähigkeit geschuldet, immer im richtigen Moment wieder ihr Innenleben einzublenden. So hält sich das Erzählte angemessen die Waage. Im September 2013 feiern Katrin Biber und ihre Schwester Larissa gemeinsam mit anderen in einer Bar, bis sich Larissa und ihr neuer Freund in seine Wohnung zurückziehen. Von dort wird Larissa nie wieder lebend zurückkehren. In einem Anfall von Eifersucht hatte Larissas Freund, mit dem die 21-Jährige erst seit kurzem zusammen war, sie erwürgt. Die Leiche hatte er im Inn, also einem Fluss, "entsorgt". Weil er sich anfangs noch an der Suche nach der Toten beteiligt, hat an seiner Unschuld kaum jemand Zweifel, obwohl er immer wieder verdächtige Zeichen hinterlässt. Dass Katy bei dem Mörder ihrer Schwester in der Wohnung gewesen ist, wo sich dieser mit einem "Heute ist Waschtag" aus der Affäre zu ziehen versucht angesichts der Frage, warum die am Todestag aufgezogene Bettwäsche schon frisch gereinigt ist, ist nur eine dieser Szenen, die beim Leser die Kinnlade runterklappen lassen. Und wieder ein Kneifen in den Arm: Nein, es ist kein Krimi. Dass das Leben solche Drehbücher schreiben kann, unfassbar!


(Foto: Thomas Achenbach)

Von diesem Moment an nehmen zwei wie in einer DNA miteinander verwobene Erzählstränge den Leser mit auf die Reise: Einerseits erfahren wir nach und nach, wie der Täter doch noch überführt und schließlich vor Gericht gestellt wird. Andererseits aber efahren wir, was das mit Katy und mit ihrer Familie gemacht hat. Letzteres ist der Teil, der mich persönlich am meisten interessiert hat. Denn ich will nicht verhehlen, dass ich aus meiner Position als Trauerbegleiter heraus mit einer speziellen Fragestellung an die Lektüre herangegangen bin - eine Fragestellung, von der ich mir vorstellen könnte, dass sie noch andere in Therapie und Trauerbegleitung aktive Menschen interessieren könnte: Müssten wir bei Menschen, die wegen eines Mordes trauern, andere Themen und Fragen besprechen als bei, sagen wir, Suizid oder Unfalltod? Oder sind die dadurch ausgelösten Gefühle und ggf. Traumata vergleichbar? Haben wir es mit vergleichbaren Prozessen zu tun? Katys schonungsloser Seelenbericht kann da wertvolle Hinweise liefern. Und, siehe da, vieles ist tatsächlich vergleichbar. Natürlich ist der Trauerweg, den Katy gehen muss, unsagbar schmerzvoll und brutal. Aber nicht bloß für sie.


Das Familiensystem ist völlig überfordert


So nimmt Katy ihre Leser mit zu Therapiesitzungen der ganzen Familie, sie zeigt - mit nachträglichem Verständnis kommentiert -, wie jeder in diesem Konstrukt seine eigenen Themen behandeln muss und seine eigenen Anforderungen an sich selbst und seine Trauer stellt. Alleine schon dieser eindrucksvolle Einblick in ein überfordertes Familiensystem macht das Buch zu etwas Besonderem. Überhaupt ist es gut, dass Katy manches von dem Geschilderten mit einer persönlichen Einordnung versieht - die unerträglichen Gefühle, an dem Mord selbst die Schuld zu tragen beispielsweise, weil sie Larissa aus der Kneipe hat weggehen lassen. Heute weiß Katy, dass solche Schuldgefühle zu einem Trauerprozess fast immer dazugehören und dass sie eine wesentliche Funktion darin haben. Und auch sonst lässt sich viel Wissenswertes in dem Buch entdecken.


Interview auf der Messe Leben und Tod 2018 - Katy (rechts) interviewt Silke Szymura (links) und mich (Youtube-/Achenbach-Screenshot).

Angehenden oder aktiven Notfallseelsorgern, allen Rettungskräften oder Polizeibeamten sei hiermit vor allem jene Passage ans Herz gelegt, in der die Familie vom Kriseninterventionsteam daheim besucht wird und in der sie zum ersten Mal die Nachricht erhält, dass es erstens ein Mord war und dass zweitens Larissas Freund der Täter war - in Katys Erzählung von diesem Besuch wird eindringlich klar, dass alles, was nach dieser Botschaft noch gesagt wird, überhaupt nicht mehr bei den Menschen ankommt, dass es nicht mehr ankommen kann. Dass das Gesagte beim Überbringen einer Todesnachricht nicht das Wichtige ist, sondern das Da-Sein, das Wie, das Seelsorgerische. Was aktive oder angehende Trauerbegleiter aus diesem Buch mitnehmen können, ist vieles, was oft zum Trauerprozess dazugehören kannDer Neid auf das unversehrte Leben der anderen Menschen, selbst derer, die aktiv Hilfe leisten; die krassen körperlichen Reaktionen auf das Trauma, der Haarausfall, der Kraftverlust; die Flucht in den Rausch durch Alkohol, gerne auch schon vormittags;  die überall lauernden Trigger, beispielsweise der Anblick von Flüssen oder die Menschen, die unachtsam mit Worten umgehen ("Ich bin so schnell gejoggt, ich wäre fast gestorben"); das eigene Nacherlebenwollen der Todesart durch ein Sich-selbst-würgen; das Nachsterbenwollen; die verzweifelte Suche nach einem Sinn in dem Geschehen... und viel mehr.


Mystische Erfahrungen brauchen auch Nichtgläubige


Auch jene Leser, die selbst gerade eine Trauer- und Verlustkrise durchleiden, finden Hilfreiches in dem Buch für ihren eigenen Prozess - und sei es nur die Erlaubnis, dass es beim ersten Weihnachtsfest ohne den gestorbenen Menschen (und den folgenden) durchaus auch mal traurig zugehen darf. Oder die Tatsache, dass sich selbst Katy als nichtgläubige Atheistin einen wie auch immer erlebten mystischen Kontakt zu ihrer Schwester zugesteht - oder um es in den Worten des durchlebten Trauerprozesses zu formulieren: Dass sie ihre Schwester anderswo zu verorten versteht, was ein gutes Gefühl sein kann. Sie spürt die Anwesenheit ihrer Schwester und sucht das Gespräch mit ihr, manchmal, und das tut ihr gut. Und dass es gut tun kann, Briefe an die Verstorbenen zu schreiben, ob in einem kleinen Notizbuch, so wie Katy es tut, oder jeweils auf separatem Papier. 


(Foto: Thomas Achenbach)

Am Ende ihres Buchs beschreibt Katy in wenigen Absätzen ihre Wandlung von der nichtsportlichen Alkoholliebhaberin zur Inhaberin einer Firma für Fitnessangebote in seelischen Notlagen, dem von ihr entwickelten "Seelensport" - ein für sich besonders wohltuender Schritt, weil Larissa so sportlich war und weil ein Teil von Larissa in Katys Sportangeboten weiterlebt. Als Erbe auf dieser Welt. Und damit noch einmal zurück zum ersten Eindruck, den man beim Kennenlernen von Katy bekommt: Eine sportliche, durchtrainierte und fröhliche junge Frau. So wie ganz sicher auch Larissa es war. Und wie sie erinnert wird. 

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen müssen - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Gibt es so etwas wie Leichengift? Und stimmt es, dass die Nägel von Toten noch lange weiterwachsen? Ein paar Antworten auf sechs große Fragen

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und mit Trauer - was Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise hilft und was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie eine Familie den Geburtstag der gestorbenen Tochter jedes Jahr als Abschieds- und Lebensfest gestaltet und warum das Mut machen kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Darf ich einen Menschen in Trauer eigentlich auf seinen Trauerfall ansprechen oder mache ich damit alles nur noch schlimmer? Ein paar Tipps...

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------