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Dienstag, 11. Juli 2023

Einmal angenommen, du könntest um Deine Trauer herum wachsen, ohne dass die Trauer über die Jahre abnimmt - so funktioniert das Konzept "Growing Around Grief" der Trauerbegleiterin Dr. Lois Tonkin aus Neuseeland - denn Menschen haben nach einem Verlust Angst davor, ihre Trauer zu verlieren

Osnabrück - Die meisten Menschen, die einen Verlust erlitten haben, können sich nicht vorstellen, dass sich ihre Trauer einmal verändern könnte. Manche haben regelrecht Angst davor, weil sie befürchten, mit ihrer Trauer auch die vielen Erinnerungen zu verlieren. Wenn wir davon ausgehen, dass deine Trauer ihre Intensität nicht verlieren wird - auch noch Jahre nach dem Verlust eines geliebten Menschen nicht -, bedeutet das dann gleichzeitig, dass keine Entwicklung mehr möglich ist im Inneren wie im Äußeren? Heißt es nicht ganz oft, man könne "an seiner Trauer wachsen"? Wie soll das möglich sein? Die neuseeländische Trauerbegleiterin Dr. Lois Tonkin hat ein Modell entwickelt, das eine spannende Alternative aufzeigt: Mit wenigen simplen Bildern zeigt sie, wie es möglich sein kann, nicht an seiner Trauer zu wachsen - sondern um sie herum

Lois Tonkin nennt ihr Konzept "Growing Around Grief"; also: Um die Trauer herum wachsen. Sie hat dafür ein ganz einfaches, sehr eindringliches und rein symbolisch gemeintes Bild entwickelt: Stell dir deine Trauer als Kugel vor. Vielleicht eine schwarze, schwere Kugel, aus Stein oder aus Beton gefertigt. Nun lege diese Kugel in ein kleines Schraubglas. Allerdings eines, das mit einer, sagen wir, magischen Fähigkeit ausgestattet ist: Es kann wachsen, während sein Innenleben gleich bleibt. In meinen Vorträgen rund um das Thema stelle ich auch dieses Modell auch bildlich vor. Das sieht dann im ersten Bild so aus:




Nehmen wir einmal an: Der Verlust einer geliebten Person ist jetzt eineinhalb Jahre vor. Es könnte auch ein Jahr sein oder es könnten zwei Jahre sein, darum geht es nicht, der Zeitpunkt ist nur eine Annahme. Stell Dir also vor: Die grauschwarze dicke Kugel, das ist Deine Trauer, so, wie sie Dir in der Seele lastet. Und das Gefäß drumherum, das bist Du. Die Außenwände dieses Glases könnten ein Symbol für Deine Seelenwände sein, tief im Inneren. Jedenfalls bist Du das Gefäß. Und Deine Trauer lässt dir, wie Du sehen kannst, wenig Raum für Anderes. Gehen wir jetzt also davon aus, dass sich Deine Trauer nicht verändern wird, dass sie genauso groß bleibt wie sie jetzt ist. Was sich aber verändert, ist das Gefäß drumherum. Wie sähe das wohl aus, weiter eineinhalb Jahre später? Vielleicht so...:




Nicht etwa die Trauer hat sich verändert - das Gefäß drumherum ist es, das wächst. Wenn die besonders schwierigen Zeiten überwunden sind, in denen alles zum ersten oder zum zweiten Mal erlebt werden muss - Todestag, Geburtstag des gestorbenen Menschen, Weihnachten ohne den gestorbenen Menschen, überhaupt der Alltag ohne ihn -, dann beginnt ganz unmerklich dieses Wachstum. Wagen wir also einen Blick in die weitere Zukunft, weitere eineinhalb Jahre später, wie sieht das Gefäß wohl dann aus, das um Deine Trauer herum gewachsen ist (also: Du, innerlich)...:




Der Verlust selbst und die damit verbundene Trauer bleiben für einen langen Zeitraum immer gleich groß und schmelzen mit der Zeit nicht einfach ab. Entscheidend für die weitere Entwicklung des trauernden Menschen ist Lois Toniks zufolge vielmehr, ob es ihm - also dem Menschen - gelingt, trotz des Verlusts weiter zu wachsen und neue Erfahrungen zuzulassen. Neues im Leben kann entstehen, während das Innere weiterhin mit dem Vergangenen befasst bleibt. Trauer ist eine Zeit der Ambivalenz, eine Zeit des Gespaltenseins, so erleben es viele. Und gleichzeitig ist es die Zeit eines inneren Wachstums. Vielleicht sogar: Eines großen inneren Wachstums. Um Deine Trauer herum



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Mittwoch, 3. Februar 2021

Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellen kann und welche Aufgaben das sind - ein Trauermodell, das mal etwas anderes funktioniert als andere - Eine Mini-Einführung in das Modell der Traueraufgaben nach William Worden

Osnabrück - Ein Trauermodell, das ich gerne benutze bei Gruppentreffen und in meinen Büchern, kommt aus Amerika und geht von einem ganz anderen Ansatz aus als andere Modelle. Nachdem ich vor einigen Monaten auf diesem Blog bereits das "Duale Prozessmodell der Trauer" vorgestellt hatte, was auf sehr viel Interesse gestoßen war (der Link findet sich am Ende des Artikels), möchte ich heute das Augenmerkt auf dieses andere Trauermodell legen, das mir sehr am Herzen liegt. Es geht davon aus, dass die Trauer uns Menschen vor Aufgaben stellt. Et voilá: So funktioniert das Modell der Traueraufgaben nach William Worden.

Wer in Trauer ist, der erlebt oft ein großes Durcheinander verschiedenster Prozesse. Manchmal sogar innerhalb eines Tages. Wut und Aggression tauchen ebenso in Schüben auf wie Phasen großer Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das alles verläuft mehr in parallelen Wellenbewegungen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Verlaufsmodellen und Phasenmodellen, die den Verlauf eines Trauerwegs in verschiedene Stadien einzuordnen versuchen. 
Eines der mich am meisten Überzeugendsten ist dabei das des Trauerforschers Dr. William J. Worden, der sein Modell als "Die Aufgaben der Trauer" (The Tasks Of Mourning) beschreibt. Es ist ein Modell, das meiner Meinung nach die tatsächlichen Gefühlsspiralen und das Hin und Her im Inneren von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise perfekt abzubilden versteht. Und so funktioniert es.


(Foto: Pixabay.com/Tumisu, Cc-0-Lizenz)

Was mir an diesem Modell so gut gefällt, ist alleine schon die Umkehrung der Verhältnisse: Wenn uns die Trauer vor Aufgaben stellt, dann ist es nicht nur ein passives Ereignis, das sich an uns abarbeitet. Sondern wir haben etwas zu tun: Wir müssen Aufgaben lösen. Das finde ich überzeugend. Die "Aufgaben der Trauer" sind eben nicht ein zu erduldendes Durchleben von sich irgendwie einstellenden Verläufen, sondern ein aktives Gestalten und (Mit-) Steuern eines Entwicklungsprozesses. William J Worden ist übrigens eigentlich ein Psychologe, der sich im Laufe seiner Karriere dem Verlauf der Trauer gewidmet hat. Sein Buch "Beratung und Therapie in Trauerfällen" (englisch: Grief counseling and grief therapy) erschien erstmals 1982 und ist für mehrere Neuauflagen von Worden selbst stets aktualisiert und überarbeitet worden. 

William J. Worden sagt, es gibt vier wichtige Aufgaben innerhalb eines Trauerprozesses, denen er jeweils einen bestimmten Namen gegeben hat bzw. eine bestimmte Funktion zugeordnet hat. 

Aufgabe Nr. 1 in der Trauer - nach William Worden: 
Das Begreifen. Das ist leichter gesagt als getan. Grob gesagt geht es darum, die Tragweite des Verlusts zu akzeptieren, diesen als neue Realität anerkennen zu lernen. Der oder die Gestorbene ist tot, wird nicht wiederkehren, das muss erstmal verinnerlicht werden. Oft geht das nur in ganz kleinen Stücken oder ganz kleinen Schritten, oft berichten Trauernde, dass der Verstand dort weiter ist als das Herz es jemals sein könnte. 

(Pixabay.com/Congerdesign, Deutschland, Cc-0-Lizenz)

Aufgabe Nr. 2 in der Trauer - nach William Worden: Die Gefühle und die Schmerzen zu durchleben. Es geht darum, alle Schmerzen und die Verzweiflung zulassen, sie auszuleben, wahrzunehmen, nicht wegzudrücken. Das ist oft besonders schwer, weil dieser Prozess erstens sehr viel länger dauern kann als gedacht und weil zweitens das Umfeld von Trauernden oft ungeduldig wird. Meistens steht dem eine Erwartungshaltung entgegen, die besagt: Komm, sei doch mal wieder normal. Aber normal ist nun einmal gar nichts in einem Trauerprozess, also in einem Prozess, der ja nun gerade das Unnormale aufzuarbeiten wünscht. Laut Worden ist es in Ordnung, all das zuzulassen, was da ist, ja, es sozusagen zu durchschreiten: Ein Gelähmtsein oder eine um sich schlagende Verzweiflung. Eine Niedergeschlagenheit oder eine wachsende Aggression. Die Sehnsucht und das Den-Tod-beklagen. Gehört alles dazu. 

Aufgabe Nr. 3 in der Trauer - nach William Worden: Neuorientierung und das Suchen nach neuer Stabilität. Trauer ist wie ein Mobile aus dem ein Teil herausgeschnitten worden ist. Das ganze System ist in Unordnung geraten, alles, was vorher im Gleichgewicht gewesen ist, gerät in ganz unerwartete Bewegungen. Das System selbst muss sich erst wieder neu orientieren, muss sich neue Stabilitäten suchen, fast alle Komponenten dieses Systems müssen sich neu zusammenfinden. Das braucht Zeit und Geduld - und es ist eine der Aufgaben, vor denen Menschen in einer Verlustkrise oft stehen. Hobbies, die man gepflegt hat, machen keine Freude mehr. Dafür tut es einem plötzlich gut, stundenlange Spaziergänge zu machen oder mit seinen Toten am Grab oder sonstwo einen Dialog zu führen. Menschen, die einem früher gut getan haben, wenden sich plötzlich von einem ab, andere tauchen auf, die hilfreich sein. Das ganze Leben muss sich neu ordnen - und der in einer Verlustkrise steckende Mensch sieht sich vor der Aufgabe, diese Sortierungen vorzunehmen bzw. sorgsam drauf zu achten, was gerade mit ihm geschieht. Darum geht es. 

(Pixabay.com/Tomasz Mikolajcyk, Polen, Cc-0-Lizenz

Aufgabe Nr. 4 in der Trauer - nach William Worden: Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen. Es geht in einem Trauerprozess eben nicht, wie es Außenstehende einem oft empfehlen, um ein "Loslassen", aber eben auch nicht um ein krampfhaftes "Festhalten". Stattdessen ist es hilfreich, dem Verstorbenen einen gefühlsmäßigen (oder auch tatsächlichen) Platz zu geben, einen Ort, wo man weiß, dass man ihn oder sie finden kann. Dass so etwas funktionieren kann, spiegeln mir die Menschen, die ihre eigenen Verlusterfahrungen schonn vor vielen Jahren gemacht haben, so hart sie auch gewesen sein mögen (verlorene Kinder, beispielsweise): Dass die Trauer niemals so ganz aufhört, dass aber der Schmerz in Intensität verliert, dass das Leben wieder einen neuen Mittelpunkt und eine neue Balance finden kann, auch wenn es keinen Tag gibt, an dem man nicht an den oder die Verstorbenen gedacht hat. Weil die Toten auch im Leben der Hinterbliebenen ihren neuen Platz gefunden haben. Was das bedeuten kann, macht der britische Autor Julian Barnes in einem Satz deutlich: "Das können diejenigen, die den Wendekreis des Leids noch nicht überschritten, oft nicht verstehen - wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt." Und darum geht es bei dieser Aufgabe.


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