Donnerstag, 10. Juni 2021

Wie führe ich ein gutes Trauergespräch, was hilft? Wie die Spiegeltechnik nach Carl Rogers uns dabei helfen kann, Menschen in Krisensituationen gut zu begleiten - eine Gesprächstechnik, die mit Business-Zielen nichts zu tun hat - wie die klientenzentrierte Gesprächsführung in der Trauerbegleitung angewandt wird, eine Mini-Einführung in das Arbeiten mit Emapthie, Echtheit und Wertschätzung

Osnabrück – Es gibt eine Gesprächstechnik, die Menschen in Krisen sehr gut helfen kann, solange sie gut und richtig angewandt wird - die aber einen unguten Beigeschmack bekommen kann, wenn sie in den falschen Kontext gestellt wird. Es geht um die so genannte Spiegeltechnik, die der Therapeut und Psychologe Carl Ransom Rogers entwickelt hat. Er nannte seine Methode die "klientenzentrierte Gesprächstherapie". Und in begleitenden Gesprächen zum Beispiel mit Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise kann sie tatsächlich viel bringen - wird sie jedoch zu einer rein zweckorientierten Business-Taktik aus der Trickkiste degradiert, wie ich es ebenfalls bereits erleben musste, dann verpufft ihre Wirkung. Es erfordert etwas Anderes als Übung, um diese Methode gut anzuwenden.

Denn das Wichtigste an dieser Technik ist nicht etwa das Ergebnis, sondern die grundsätzliche Haltung, aus der heraus der Gesprächsführende mit seinem Klienten spricht. Deswegen es ein Trugschluss, aus der Carl-Rogers-Methode eine optimale Praxis für Verkaufsgespräche abzuleiten, wie es manche Coaches und Motivations-Gurus leider tun. Gedacht ist die Spiegeltechnik nämlich als ein psychologischer Wirkmechanismus, der deswegen so effizient sein kann, weil er davon ausgeht, dass alle Antworten auf die mitgebrachten Fragen längst im Inneren des Klienten schlummern. Die Methode baut darauf, dass Menschen im Grunde selber am besten wissen, wie sie ihre Probleme lösen könnten – oder was ihnen gut täte in einer seelischen Krise. Die Kräfte, die sie mobilisieren müssten, sind vielleicht gerade verborgen oder nicht spürbar. Aber sie sind da, unter dieser ersten Schicht. Die Frage ist nur, wie sie freigelegt werden könnten. 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Im Kontext von Trauer bedeutet das für die Begleitenden: Sie sollten versuchen, daran zu glauben, dass die Trauernden ihren eigenen Weg finden werden, einen Weg "zurück in ein neues/anderes Leben", auch wenn es gerade nicht den Anschein macht. Carl Rogers hat dafür den Begriff des "Werdewillens" benutzt. Der Psychologe geht davon aus, dass jeder Mensch von sich aus wieder "heile" werden will und dass er das auch aus eigener Kraft schaffen kann - so wie ein Kind, das nach der Geburt ganz von sich aus und ohne Anstoß von außen all das erreichen möchte, was die Welt ihm an Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten anbietet. Der Vergleich mit Kindern bietet sich gerade im Kontext von Trauer besonders gut an.

Sich einfühlen und mitschwingen


Denn nicht wenige Trauernde fühlen sich angesichts der Kräfte, die an ihnen wirken, wieder in einen Kindheitszustand zurückversetzt. Das professionelle Ziel eines begleitenden Gesprächs ist dann das Sich-Einfühlen-können in den Klienten, das tatsächliche Mitschwingen-können auf seiner Wellenlänge, so dass sich der Klient vor allem verstanden fühlt


Es geht darum, konsequent in der Welt des Gesprächspartners zu bleiben und nichts Eigenes hineinzumischen, das ist die hohe Kunst eines solchen Gesprächs. Rogers zerlegt die Bausteine für diese Gesprächsmethode in drei wesentliche Grundbestandteile: Empathie, Wertschätzung und die Authentizität des Zuhörenden. Was genau bedeutet das?

Empathie, Echtheit, Wertschätzung - wie geht das?


Wer schon einmal ein Gespräch bei einem gut ausgebildeten Therapeuten, Berater oder Trauerbegleiter erlebt hat, der wird diese Methode kennen: Es geht darum, tatsächlich zu verstehen, was den Betroffenen beschäftigt. Um hier sehr feinfühlig werden zu können, wird das zuvor vom Klienten Gesagte nochmal vom Begleiter in eigenen Worten zurückgegeben. Also: Gespiegelt. 
Durch das eigene Formulieren wird dabei versucht gänzlich die Gedanken- und Gefühlswelt zu verstehen, diese vollständig respektierend, aber nicht bewertend. Das ist das Wichtige. Anders als manchernorts gelehrt und ausgeführt ist es nicht zwingend nötig, die genauen Worte des Klienten eins zu eins zu wiederholen.


Dieses direkte Eingehen auf den Klienten, das Bleiben in seiner Welt, beschreibt Carl Rogers als personzentrierte Haltung - und damit als ersten Schritt auf einem Weg, der zwar gemeinsam gegangen wird, vorerst, dessen Ziel aber das Alleine-Gehen-können des Klienten ist. Der zweite Schritt ist das Arbeiten mit dem, was Carl Rogers die "Aktualisierungstendenz" nennt: Also der Willen des Menschen, in einer Krisensituation die nötigen Kräfte zum Weiterkommen selbst zu entwickeln. Und hier kommen jetzt die drei Komponenten der Empathie, Wertschätzung und Authentizität ins Spiel.

Aktives Zuhören heißt, sich selbst rauszulassen


Echtheit meint, dass der Begleitende mit sich selbst im Reinen ist und bei sich selbst sein kann. Es geht darum, dem Anderen nicht etwas vorzuspielen, in eine Rolle zu gehen, sondern, salopp formuliert, einfach man selbst zu sein. Das hört sich leicht an, ist es aber nicht immer. Denn es bedeutet nicht, dass man seine eigenen Gefühle auch aussprechen sollte (eher im Gegenteil). Es geht hier mehr um die Frage der eigenen Standfestigkeit. Empathie meint das aktive Sich-einfühlen in die Welt des Anderen. Das Verstehen-wollen. Das aktive Zuhören. Es geht um Anteilnahme - und um die Akzeptanz dessen, was der Klient fühlt und sagt. Was als Wertschätzung beschrieben wird, meint eine positive Zuwendung dem Klienten gegenüber –und zwar, wie Rogers es sagt, eine bedingungslose Zuwendung. Was wiederum nicht heißt, daß der Begleitende allem unbedingt zustimmen muss. Eigene Überzeugungen haben hier keinen Raum, ebensowenig wie eigene Werte.


In Fachkreisen unter Trauerbegleitern wird oft über das Spiegeln gesprochen, teils auch heftig darüber diskutiert. In einem Punkt besteht Einigkeit: Es geht eben nicht um ein „Spiegeln an sich“, also um ein reines Nachplap­pern dessen, was der Klient gesagt hat, es geht darum, den Inhalt zu durchdringen. An dieser Stelle beginnen schon vielfache Fehlinterpretationen der Rogers-Methode. Das tatsächliche Verstehenwollen muss immer im Vordergrund stehen. Die damit verbundenen Trainingseinheiten haben allerdings auch gezeigt, dass es so einfach, wie es klingt, eben doch nicht ist. Sondern eine Trainingssache. Jeder, der mag, kann es ja mal in seinem Alltag probieren. Aber Vorsicht! Denn wer so etwas sagt wie „Ich weiß GENAU, wie sich das anfühlt“, hat sich schon wieder auf eine andere Straße begeben – er ist nicht mehr beim Gegenüber. Das geschieht übrigens schneller als man denkt. Aber es hilft nicht. Der Mensch, der Hilfe braucht, ist der eigene Experte für sein Leben, seine Gefühle, er braucht nicht Steuerung von außen, sondern Bedingungen, die seine eigene Steuerung (wieder) erleichtern.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

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Der Podcast von Thomas Achenbach: "Trauergeschichten - Menschgeschichten", Gespräche über Leben, Tod und Sterben, unter diesem Link

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