Freitag, 12. März 2021

Mein erster Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, über Deinen Schmerz und die Frage, wie lange er noch so unaushaltbar bleiben wird - und ob das wirklich sein muss, dass der Tod so weh tut - ehrlich: alles normal! (Trauer - wann wird es besser?)


Lieber mir unbekannter Mensch,


(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist es ja umso besser...): Du hast also einen Dir lieben Menschen verloren und bist vielleicht überwältigt davon, wie weh das tun kann - und dass es Dich so nachhaltig beschäftigt. Und so lange! Viel, viel länger als Du jemals gedacht hättest? Wie lange erlebst Du es schon so, dass Du Deinen Schmerz manchmal ganz unaushaltbar findest? Ein paar Wochen? Ein paar Monate? Oder sind es schon ein paar Jahre? Bei vielen Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren es tatsächlich Jahre. Aber das muss nicht heißen, dass das so sein muss. Für Trauer gilt immer: Es gibt nur Deinen eigenen Weg. Kein anderer kann Deinen Trauerweg gehen und Du musst ihn ganz selbst finden. Das Dumme ist halt, dass es keine Straßenschilder gibt. 

Du fragst Dich vielleicht manchmal, ob dieser Schmerz in Dir drin jemals aufhören wird. Manchmal, in Deinen dunkelsten Augenblicken, fragst Du Dich vielleicht sogar, ob Du Dir etwas Extremes antun musst, um den Schmerz in Dir irgendwie zu besänftigen (meine Idee dazu wäre übrigens, dass Du das nicht tun musst). Auch das haben mir Menschen schon so geschildert. 

Ich kann Dir aus meiner Erfahrung mit Menschen in Trauer- und Verlustsituationen nur eines dazu sagen: Keine Sorge, das ist alles ganz normal. Du bist ganz normal. Was Du erlebst, ist eine total normale Reaktion auf eine Situation, die für Dich eben nicht normal ist. Wer hat schon wirklich Erfahrung mit dem Tod - und mit Trauer? Sogar ich, der ich mich fast jeden Tag mit diesem Thema beschäftige, bin immer mal wieder ratlos angesichts der Macht, die der Tod über uns hat. Ganz egal, wie der Tod in Dein Leben hineingegrätscht ist: Er ist immer brutal und gemein. Das macht uns wütend und zornig und aggressiv. Weil wir dem Tod gegenüber immer ohnmächtig sind. Gegen diese Kraft haben wir nichts entgegensetzen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir zu schwach sind. Das hat damit zu tun, dass wir eben Menschen sind.   

Nach allem, was mir die Menschen von ihren eigenen Trauersituationen erzählt haben, kann ich Dir eine gute und eine schlechte Nachricht anbieten. 


Die schlechte Nachricht ist: Der Schmerz wird vielleicht niemals ganz weggehen (aber vielleicht möchtest Du das auch gar nicht - hast Du Dich das schon mal gefragt?). Die gute Nachricht ist: Es kann durchaus sein, dass er sich mit den Jahren verwandeln wird und dass er nicht mehr ganz so quälend sein wird. Das jedenfalls ist es, was mir die Menschen oft berichtet haben. Übrigens waren das vor allem Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Die haben mir alle fast übereinstimmend gesagt: Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke. Aber die Wunde blutet auch nicht mehr so stark wie schon mal. Manchmal ist die Wunde vernarbt. Manchmal bricht die Narbe auch wieder auf. Aber insgesamt tut es nicht mehr so weh wie am Anfang, auch wenn es (viele) Jahre gedauert hat, bis es soweit gekommen ist. 

Aber wie kann es einem gelingen, den Schmerz zu besänftigen? Geht das überhaupt? Vielleicht haben die Menschen um Dich herum Dir vieles gesagt, was Dich aufmuntern sollte, was Dir aber nicht weitergeholfen hat. So etwas wie: Die Zeit heilt alle Wunden. Oder: Kopf hoch, das wird schon wieder. Oder: Du musst auf die positiven Seiten des Lebens blicken. Oder: Lies doch mal ein gutes Buch, das bringt Dich wieder auf andere Gedanken. Und dann hast Du vielleicht festgestellt, dass Dir zum Lesen immer wieder die Konzentration fehlt, dass schon viel Zeit verstrichen ist und es nicht viel besser geworden ist oder dass der Blick auf die positiven Seiten des Lebens Dich irgendwie noch trauriger gemacht hat. Du möchtest nicht undankbar sein, aber all diese guten Tipps haben Dir nicht wirklich geholfen. Aber was dann, fragst Du Dich vielleicht? Was hilft?


Aus meiner Erfahrung mit Trauergruppen und mit vielen Einzelgesprächen kann ich Dir nur eines sagen: Viele Menschen finden es hilfreich, wenn sie ihre Trauer einfach mitteilen können. Und wenn dies in einem Umfeld geschehen kann, wo diese Gefühle nicht kommentiert oder bewertet werden. Das kann zum Beispiel in einer Trauerbegleitung geschehen, in einer Trauergruppe, bei richtig guten Freunden, die so etwas können, oder auch in kreativer Form. Manche Trauernde haben einen eigenen Blog gestartet, um ihre Gefühle zu äußern - und das hat ihnen manchmal erstaunliche Wege in ein anderes Leben geöffnet.

Aber die vielleicht wichtigste Botschaft die ich Dir noch mitgeben möchte, lieber mir unbekannter Mensch (oder vielleicht kennen wir uns auch schon und Du liest diese Zeilen dennoch, das ist mir genauso lieb): Es darf sich für Dich jetzt so anfühlen, wie es sich anfühlt. Auch wenn Du dieses ganze Chaos manchmal am liebsten auf der Stelle loswerden möchtest. Ich kann Dich nur ermutigen, zu versuchen, es auszuhalten und es vielleicht sogar auszuleben. Genau deswegen habe ich meinen Blog "Trauer ist Leben" genannt: Weil Trauer ausgelebt werden möchte - und weil manche Menschen eine gelebte Trauer als hilfreich erlebt haben.

Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Weg findest. Alles Gute dafür. 

Herzliche Grüße, Thomas


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