Samstag, 25. März 2017

Das vielleicht beste Buch über Trauer, das je geschrieben worden ist: Wer "Lebensstufen" von Julian Barnes liest, versteht, wie es Menschen in einer Verlustkrise geht

Osnabrück - Das vielleicht beste Buch über Trauer, das je geschrieben worden ist, stammt von dem englischen Literaten Julian Barnes. Es ist deswegen ein so bemerkenswertes Buch, weil es auf nur wenigen Seiten und in nur wenigen Zeilen alles zu vermitteln versteht, was ich selbst in einer sich über 254 Stunden und über ein Jahr erstreckenden Ausbildung zum Trauerbegleiter habe lernen dürfen. Kein Sachbuch, sondern Literatur. Kein Ratgeber, sondern ein Erfahrungsbericht. Schmerzvoll, eindringlich, ungewöhnlich - und trotz aller Tragik einfach wunder-, wunderschön.

„Das können diejenigen, die diesen Wendekreis des Lebens noch nicht überschritten haben, oft nicht verstehen: Wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt.“ Es sind Sätze wie diese, mit denen Julian Barnes seinen Leser tief hineinführt in die Gefühlswelt eines Trauernden. Es sind Sätze wie dieser, die verstehbar machen, wie es Menschen in einer Verlustkrise so geht - ein großes Verdienst dieses Werkes. Dabei beginnt das Buch ganz anders, als man es sich vorstellen kann.

"Lebensstufen" von Julian Barnes besteht aus zwei Teilen, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben - vor allem der zweite Teil über die Trauer hat es in sich.    (Thomas-Achenbach-Foto)  

Denn Julian Barnes wäre nicht der Autor, der er ist, wenn er nicht auch dieses Buch - wie manch anderes - für ein Gedankenspiel genutzt hätte. "Lebensstufen" besteht aus zwei Teilen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und die Barnes erst ganz am Ende geschickt miteinander zu verknüpfen versteht. Im ersten Teil des Buches geht es ums Ballonfahren. In schlaglichtartigen Episoden beschreibt Julian Barnes die Geschichte der Ballonfliegerei, lässt die Pioniere des Fliegens ihre Missgeschicke und Heldentaten erleben, lässt uns teilhaben an geschichtlichen Ereignissen. Unterhaltsam und farbenfroh. Wer das liest, der vergisst fast, dass man sich das Buch ja wegen eines ganz anderen Themas gekauft hat.

Und dann mitten hinein ins Leid


Dann kommt der Schnitt. Und im zweiten Teil des Buches geht es um den Tod seiner Frau und um seine Gefühle in den Zeiten der Krise. Anstatt eine distanzierte Autorenrolle einzunehmen und eine Romanfigur etwas erleben zu lassen, beschreibt Julian Barnes ganz ungeschönt sein eigenes Leben. Und was er da erzählt, ist genau das, was Trauernde so erzählen. Wie sich die Freunde und Verwandten teils von ihm abgewandt haben aus lauter Unsicherheit, wie sie mit dem Verlust umgehen sollen. Wie er die unausgesprochene Weigerung, mit ihm über seine tote Frau zu reden oder sie bei ihrem Namen zu nennen, als ihr stetiges Immer-wieder-aufs-Neue-sterben erlebt. 

Englisch, trocken, ironisch - da sitzt jedes Wort


Dabei wird Barnes niemals sentimental oder gefühlsduselig, sondern bleibt immer ein ganz trockener und ironischer englischer Gentleman. Seine Sätze sind präzise und messerscharf. Jedes Wort ist feinstens ausgewählt. Das macht das Werk so lesenswert.  "Leid ist ein menschlicher Zustand, kein medizinischer", sagt er an einer Stelle - und führt exemplarisch vor, wie menschlich dieser Zustand sein kann, wie tief er einen an die existenziellen Fragen des Lebens heranführt. 

Alles ganz normal: Was Trauernde Merkwürdiges tun


Wie normal es für Trauernde ist, immer wieder auch an den eigenen Tod in Form eines Suizids zu denken, weil der Wunsch des Nachsterbenwollens aufkommt. Wie normal es für Trauernde ist, mit ihren Toten zu reden, sie in imaginären und direkten Dialogen am Alltag teilhaben zu lassen oder um Rat zufragen. All das und mehr - insofern lohnt sich das Buch sowohl für Trauernde selbst als auch für alle Menschen, die mit ihnen umzugehen haben und nach einem guten Weg dorthin suchen. Übrigens: Natürlich ließe sich das Buch auch ohne den ersten Teil lesen. 

Wer macht die Realität? Der britische Schriftsteller Julian Barnes macht die menschliche Wahrnehmung zum Thema seiner Werke.  (Alan-Edwards-/f2-images-/Verlag-Kiepenheuer-Witsch-Foto, mit fr. Genehmigung).


Allerdings dürften dem Leser dann ein paar der im zweiten Teil benutzten Bilder, Ideen und Formulierungen ein wenig merkwürdig vorkommen, weil sie direkt aus den Ballonfahrer-Sequenzen entstammen. Das Credo seines Buches legt Julian Barnes gleich im ersten Satz fest: "Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert...." - das ist typisch für Barnes. Denn die philosophische Kernfrage, ob die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, als wahr bezeichnet werden kann oder ob es unsere ganz eigene Einfärbung ist, die eine objektive Wahrheit verhindert, zieht sich durch sein gesamtes Werk. Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist auch der Roman "Vom Ende einer Geschichte", der diese Frage höchst unterhaltsam durchdekliniert. Trocken, ironisch und bemerkenswert präzise, auch dort. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier.

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