Sonntag, 13. September 2020

Angehörige beim Sterben begleiten - worauf es ankommt: Die 7 spannendsten Lehren eines "Letzte-Hilfe-Kurses"... Was bei einem "Letzte-Hilfe-Kurs" alles unterrichtet wird und warum das genauso wichtig wie Erste Hilfe - Warum rasselnde Atmung nichts Schlimmes ist und warum Sterbende nichts mehr zu essen und trinken benötigen

Osnabrück - Was hat denn Sterbebegleitung mit Prosecco zu tun? Wie passt das zusammen? Eine Ahnung davon hat mir mein erster Kurs in Letzter Hilfe gegeben. Okay, zugegeben, wegen der Coronakrise gab es diesmal keinen Prosecco - und es war auch sonst alles ein bisschen anders als vorher -, aber lehrreich war es so oder so. Schon seit langem wollte ich einen dieser Kurse absolviert haben, die seit 2015 bundesweit angeboten werden und immer beliebter werden. Eine Zeitlang habe ich sogar selbst versucht, diese Letzte-Hilfe-Kurse in Zusammenarbeit mit anderen Anbietern in die Region Osnabrück zu holen, weil mir das Thema so wichtig ist. Dann war das Hospiz Osnabrück aber schneller und nahm die Kurse für seine neu gegründete Akademie mit ins Programm. Zum Glück. Denn so konnte ich ganz entspannt in meiner eigenen Heimatstadt einen Letzte-Hilfe-Kurs absolvieren, nachdem ich dafür schon beinahe nach Bremen oder Hamburg gefahren wäre. 

Die meisten Menschen wollen am liebsten zuhause bzw. in ihrem vertrauten Umfeld bleiben, wenn es an ihr Sterben geht. Und doch ist die Sterberealität in Deutschland eine ganz andere: Meistens im Krankenhaus, höchstens vielleicht in einem Hospiz, so sterben bei uns die Menschen. Das liegt auch daran, dass heutzutage kaum jemand etwas über das Sterben weiß und sich eine eigene Betreuung daheim kaum zutraut. Das macht Angst. Wie ist das - sterben? Was passiert dann? Früher einmal wurde das Wissen darüber in den Familien weitergegeben, früher einmal gehörte das Sterben daheim einfach dazu (auch natürlich, weil es weniger professionelle Hilfe gab). Wer sich über das Sterben schlau machen möchte, an einem kurzen und kompakten Nachmittag, der kann einen Letzte-Hilfe-Kurs besuchen. Entwickelt von dem deutschen Palliativmediziner Georg Bollig aus Schleswig-Holstein, unterliegen diese Kurse einer strikten Qualitätskontrolle und einem strengen Ausbildungsprinzip - sprich: sie sind in ganz Deutschland überall gleich. 


Nicht gewusst: Die Hand halten ist nicht immer gut


Aufgeteilt sind diese Kurse in vier Module von je etwa 45 Minuten, durchgeführt werden sie immer von zwei Dozentinnen bzw. Dozenten, wobei eine/r davon immer aus der Pflege kommen muss, so lauten die Anforderungen. Und auch für mich, der ich mich fast jeden Tag mit den Themen Tod, Trauer und Sterben beschäftige, gab es viel Neues und viel Spannendes dabei zu entdecken. Hier sind in einer rein subjektiven Auswahl die für mich sieben wichtigsten Erkenntnisse (von vielen Erkenntnissen):


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

1. Einem Sterbenden die Hand zu halten oder zu streicheln, ist oft nicht hilfreich. Sterbenden Menschen kann es unter Umständen gehen wie Menschen mit einer Demenz-Erkrankung: Erstens können Körperteile, die weiter vom eigentlichen Rumpf entfernt liegen, oft gar nicht mehr wahrgenommen werden, also nicht mehr gespürt werden, zweitens kann das Streicheln von Armen oder Händen mit seiner Bewegung eines ständigen Hin und Hers als besonders unruhig erlebt werden. Deswegen kann es besser sein, einen Sterbenden an der Schulter zu berühren und die eigene Hand dort in einem ebenso zärtlichen wie festen Griff ruhen zu lassen. Das bedeutet nicht nur für die Angehörigen ein Umdenken - sondern vor allem für die deutsche Presselandschaft. Denn die benutzt zur Illustration des Themas Sterbebegleitung schon seit Jahrzehnten ein immergleiches Motiv (und meistens übrigens ein- und dasselbe Bild): Eine junge Hand hält eine erkennbar schwache alte Hand.   

2. Auf Palliativstationen geht es nicht ums Sterben: Es geht um Stabilisierung. Viele Krankenhäuser in Deutschland haben inzwischen eine Palliativstation eingerichtet. Und auch wenn die meisten Menschen noch nicht wirklich eine Ahnung davon haben, was dort genau geschieht (also die Menschen außerhalb des Hospiz-/Trauer-Kontextes), so spricht sich immer mehr herum, dass es sich bei Palliativstationen um Sterbestationen handelt. Weil die "irgendwie so funktionieren wie eine Art Hospiz". So ungefähr. Das ist aber nur zum Teil richtig: Zwar ist die Geschichte der Palliativstationen eng gekoppelt an die Hospizbewegung rund um deren Gründerin Cicely Saunders. Und doch heißt es wörtlich in einem Letzte-Hilfe-Kurs: "Das erste Ansinnen einer Palliativstation war immer, die Patienten erstmal zu stabilisieren mit dem Ziel, auch wieder zu entlassen". Eine gute palliative Versorgung ist nämlich nach einer solchen Stabilisierung auch an anderen Orten möglich: Zuhause, zum Beispiel, in Form einer ambulanten Versorgung. Oder eben in einem Hospiz, was den Vorteil hat, dass dort noch weniger Krankenhausatmosphäre herrscht. Bei einer palliativen Versorgung geht es übrigens immer um das Thema Lebensqualität: Das Leiden zu lindern, aber nicht mehr alleine auf Gesundwerdung als oberstes Ziel zu setzen (wenn diese Gesundwerdung mit einer immer eingeschränkteren Lebensqualität einherginge), das steht dabei im Vordergrund. Es geht darum, das Sterben zulassen zu können - und es nicht mit aller Macht verhindern zu wollen.


3. Die größten Beschwerden am Ende des Lebens können eher seelischer Natur sein, weniger körperlicher Natur. Ein fester Bestandteil eines solchen Letzte-Hilfe-Kurses ist die Auflistung der möglichen Leiden, die während eines Sterbeprozesses auftreten können. Betrachtet man diese Liste genau, fällt einem auf: Es sind nur zu etwa 25 Prozent körperliche Beschwerden darauf zu finden. Vor allem aber sind es seelische Beschwerden, die auftreten können. Hätte ich ehrlich gesagt anders eingeschätzt. Es ist das Verdienst der Palliativbewegung, das sie auch diese seelischen Leiden überhaupt mit einbezieht. Auch das geht zurück auf die Hospizikone Cicely Saunders, die dafür den Begriff der „Total Pain“ eingeführt hat. Soll heißen: Gerade bei einem sterbenden Menschen müssen wir alle weiteren schmerzenden Faktoren außerhalb der rein körperlichen mitberücksichtigen. Das könnten z. B. soziale, seelische, aber auch spirituelle Krisen sein, die für innere Schmerzen sorgen können.

4. Ein Sterbender braucht einfach nichts mehr zu essen oder zu trinken. Nix. Einer der wichtigsten Sätze aus einem Letzte-Hilfe-Kurs, der immer wieder gerne zitiert wird (und der gar nicht oft genug zitiert werden kann), lautet: Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen und zu trinken, sondern man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt.“ - Denn für sterbende Menschen kann es eine ungeheure Überforderung sein, weiterhin mit Essen und Trinken versorgt zu werden. Das Verarbeiten von Nahrung kostet viel Energie, die nicht mehr da ist. Man könnte es auch anders formulieren: Innerhalb eines Sterbeprozesses entscheidet sich ein Mensch ganz unwillkürlich (und vielleicht ebenso unbewusst wie bewusst) dazu, mit der Aufnahme von Nahrung jedweder Form aufzuhören. Erst stellt der Körper das Essen ein, später auch das Trinken. Man könnte das als "Sterbefasten" bezeichnen. Aber es ist eben total normal. Leider führt genau dieser Punkt immer wieder zu Irritationen und Missverständnissen zwischen Pflegekräften und Angehörigen. Wenn die Angehörigen nachhaltig dazu auffordern, den sterbenden Menschen bitte weiterhin mit Trinken und Essen zu versorgen, kann das zu einem Streitpunkt werden. Und auch die Pflegekräfte z. B. in Seniorenheimen reichen nach meinen persönlichen Erfahrungen oft noch unnötig lange Nahrung und Wasser an, meistens aus eigenen Unsicherheiten heraus (Letzte-Hilfe-Kurse sollte es deswegen unbedingt auch für ein solches Pflegepersonal geben). 



5. Eine rasselnde Atmung ist nichts Schlimmes und gehört zum Sterbeprozess einfach dazu. In den Sterbeprozessen meiner Großeltern, die ich - in Teilen - miterleben konnte, hat mich das immer am meisten erschreckt: Dieses rasselnde Atmen, das viele Sich-Verschlucken und das schlechte Vermögen, etwas abhusten zu können. Das verunsichert und macht ebenso rat- wie hilflos. In einem Letzte-Hilfe-Kurs lernen wir: Erstens gehört diese Rasselatmung, im Volksmund als "Todesröcheln" bezeichnet, unmittelbar dazu, zweitens erleben die Sterbenden selbst sie wohl nicht als belastend. Wohl aber das Abhusten, das nach meiner Erfahrung vor allem nach dem Trinken auftritt, wobei hierfür sicher gilt, was wir im vorherigen Punkt zum Thema Nahrungsaufnahme erfahren haben: Der sterbende Mensch und sein Körper wollen (und können) einfach nichts mehr trinken oder essen.  

6. Die Totenstarre setzt etwa zwei Stunden nach dem Sterben ein, aber sie löst sich auch wieder auf: Es dauert rund zwei Stunden nach Eintritt des Todes, bis die Muskeln eines gestorbenen Menschen steif zu werden beginnen, weil darin biochemische Prozesse ablaufen. Nach weiteren sechs bis acht Stunden ist diese Steifheit des Körpers vollends ausgeprägt. Aber diese auch Leichenstarre genannte Erscheinung ist nichts, das langfristig bleibt: Nach etwa 36 oder 48 Stunden, im Durchschnitt, hat sich das Phänomen von selbst wieder aufgelöst. Erst danach beginnt der Körper mit der eigentlichen Verwesung. Wobei auch das ein sehr, sehr langfristiger Prozess ist - ein Aufbahren eines gestorbenen Menschen kann bis zu drei Tage lang möglich sein und kann, je nach Art des Todesfalls und der Umstände, als ein für die Trauernden guter Einstieg in die Trauerzeit erlebt werden. Übrigens gibt es so etwas wie das "Leichengift" nicht, das ist einer der sich hartnäckig haltenden Mythen rund um den Tod (mehr dazu hier). 


7. Und was ist denn jetzt mit dem Prosecco? Da geht es um die Frage des Lieblingsgetränkes - weniger das Lieblingsgetränk des Sterbenden, als vielmehr das der Kursteilnehmer. Denn normalerweise gehört zu einem Letzte-Hilfe-Kurs auch eine praktische Übung, die die Teilnehmer mit einer wichtigen Methode in Kontakt bringen soll, die bei einem Sterbeprozess immer zur Anwendung kommen sollte: Das Befeuchten der Lippen. Obwohl bei Sterbenden das Bedürfnis nach Nahrung verschwindet, haben sie weiterhin Durstgefühle. Das kann dann wiederum quälend werden, weil es ja nichts mehr gibt bzw. geben sollte, was den Durst löschen kann. Außerdem trocknen sowohl die Lippen als auch die Schleimhäute im Hals bei Sterbenden ein, unter anderem wegen der vielen Atmung durch den Mund. Deswegen gehört eine gute Mundpflege unbedingt zu dem, was Sterbenden eine gute Letzte Hilfe sein kann. Gezeigt wird das im Letzte-Hilfe-Kurs mit Schaumstoff-Stäbchen. Die können in ein Getränk getaucht werden und dann können damit die Lippen bestrichen, also befeuchtet, werden. Das lindert Trockenheit und Durstgefühl und kann den Sterbenden sehr gut tun. In Nicht-Corona-Zeiten wird so etwas im Selbstversuch gezeigt. Jeweils ein Kursteilnehmer bestreicht einem anderen die Lippen. Mit einem Lieblingsgetränk. Auch wenn das Prosecco ist. Ob man Sterbenden unbedingt Prosecco geben sollte, steht nun wiederum auf einem anderen Blatt. Aber Saft zum Beispiel kann es sein. Oder halt Wasser.


Die Letzte Hilfe ist so alt wie das Rote Kreuz


Es gibt noch eine weitere spannende Erkenntnis, die mich fasziniert hat. Aber weil sie nichts Konkretes über den Sterbeprozess aussagt oder darüber, was dann hilfreich ist, habe ich sie an das Ende dieses Artikels gestellt. Sozusagen als meine Erkenntnis Nr. 7.2. Sie lautet: Erste Hilfe hätte es ohne Letzte Hilfe niemals gegeben, bei ihrer Einführung ging es alleine nur um Sterbebegleitung: Der Mensch, der das Rote Kreuz gegründet hat - und damit den ersten professionellen Erste-Hilfe-Dienstleister -, tat dies wegen seiner Erfahrungen als unfreiwilliger Sterbehelfer auf dem Schlachtfeld eines Krieges. So war die Notwendigkeit von Sterbebegleitung in krisenhaften Ausnahmesituationen die ursprüngliche Motivation dafür, das Rote Kreuz zu gründen. Es war der Schweizer Henry Dunant (1828-1910), der im Krieg zwischen Österreich/Sardinien und den Franzosen unter Napoleon dem Dritten die Entscheidungsschlacht von Solferino erlebte (im Jahre 1859). Dort habe er Soldaten erlebt, die ihn anflehten, er möge bitte während ihres Sterbens bei ihnen bleiben - so wird es in seiner Biographie geschildert. Dieser Erfahrungen wegen gründete er später die "Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung". Als Verein für Sterbebegleitung. Erst später schob sich die Erste Hilfe immer weiter in den Vordergrund.


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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