Montag, 21. September 2020

Es gibt so etwas wie "Trauer um anderes als den Tod" - und der Film "Kindeswohl" nach der Romanvorlage von Ian Mc Ewan lässt sich meiner Meinung nach noch besser verstehen, wenn man ihn unter diesem Aspekt betrachtet - warum einer der letzten Sätze dieses Films den zentralen Schlüsselsatz bildet, der einen anderen Zugang anbietet - Interpretation und Erklärung zum Film "Kindeswohl"

Osnabrück - Vor kurzem habe ich ein ganzes Wochenendseminar rund um das Thema "Trauer um anderes als den Tod" miterleben dürfen, das mir viele neue Facetten aufgezeigt hat. Natürlich gibt es eine solche Trauer - in vielerlei Ausprägungen -, und natürlich steht sie zu selten im Fokus: Die Trauer um Arbeitsplätze, die man einmal innehatte; um Freunde, die sich von einem abgekehrt haben; um das ungelebte Leben, das man sich einmal erträumt hatte, etc. etc. - die Liste ließe sich beliebig verlängern. Ein Film (und ein Roman), der dieses Thema sehr geschickt auf vielerlei Ebenen durchdekliniert, ist "Kindeswohl" von Ian Mc Ewan. Und bevor ich in Kürze hier eine ganze Artikelserie über Trauerfilme beginne, möchte ich ein paar Zeilen über diesen Film verlieren. Die meisten Kritiker und vielleicht auch Zuschauer haben sich diesen Film bzw. den Roman nicht über die Trauer als Zugang erschlossen - dennoch bietet es sich an. Auch wenn "Kindeswohl" eben kein klassischer Trauerstoff ist, weil er keine klassische Trauer beschreibt.

Eines muss am Anfang gleich gesagt sein: Wer den Film noch sehen möchte, oder das Buch noch lesen, sollte jetzt aufhören zu lesen. Die kommenden Zeilen stecken voller massiver Spoiler, die einem den Genuss vermiesen könnten. Denn "Kindeswohl" besteht erzählerisch gesehen aus zwei Hälften, von denen die zweite einige überraschende Wendungen mit sich bringt. Nicht wenige Kritiker machen das dem Film übrigens zum Vorwurf: Dass er seine beiden Hälften nicht in Einklang zu bringen verstehe und somit auseinanderbreche. Eine Kritik, die sich wiederum anders betrachten lässt, wenn man den Film einmal unter dem Aspekt der Trauer analysiert. Was sowohl der Film als auch das zugrundeliegende Buch (das ich nicht gelesen habe) anbieten. Aber der Reihe nach.


"Kindeswohl" ist derzeit auf DVD und per Streaming,. z. B. via Amazon, verfügbar (Repro: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Die britische Familienrichterin Fiona Maye ist beruflich enorm erfolgreich und angesehen, weil sie ihre kniffligen Fälle besonnen zu lösen versteht, bei denen es nicht selten um Fragen nach Leben oder Tod geht. Gleich zu Beginn dieser Geschichte hat sie über die Frage zu entscheiden, ob ein Paar siamesischer Zwillinge voneinander getrennt werden sollten oder nicht. Ihre Ehe hat jedoch darunter gelitten. Mit ihrem Mann Jack hat sie weder ein Kind, noch gemeinsame Hobbies. Ihre größte Leidenschaft, das Musizieren und Singen, übt sie mit einem befreundeten Rechtsanwalt aus - und für das Tennisdoppel mit ihrem Mann und einem befreundeten Paar fehlt ihr wegen beruflicher Verpflichtungen die Zeit. Auch die Sexualität ist zum Erliegen gekommen. Weswegen sie ihr Mann schon bald zu Beginn der Geschichte vor vollendete Tatsachen stellt: Er werde jetzt eine Affäre mit einer jüngeren Frau beginnen, verkündet Jack im Hausflur. Nur wenige Augenblicke später hat Fiona Maye über einen neuen kniffligen Fall zu entscheiden: Ein 17-jähriger Junge liegt mit Leukämie im Krankenhaus und könnte gerettet werden - wenn er eine Bluttransfusion bekäme. Doch genau das wollen weder die Eltern noch der Junge selbst. Als tiefgläubige Zeugen Jehovas sind sie überzeugt davon, dass alleine im Blut die Seele liegt und dass diese auszutauschen eine Sünde ist. Auch der Junge selbst wolle nicht gerettet werden, sondern lieber sterben, heißt es im Gericht.

 Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Noch mitten in dem nach außen kaum sichtbaren Gefühlschaos, das die Ankündigung ihres Mannes in ihr ausgelöst hat, unternimmt Fiona Maye einen ungewöhnlichen Schritt: Um sich von der Entschlossenheit des Jungen ein eigenes Bild machen zu können, besucht sie ihn im Krankenhaus. Der Besuch nimmt eine überraschende Wendung, die für den 17-jährigen zum Rettungsanker wird, ohne dass Fiona das in dieser Tiefe ahnen könnte. Sie ordnet eine Bluttransfusion an. Und schon beginnt die zweite Hälfte des Films. Denn was der gerettete Junge nun in ihr zu sehen beginnt, kann Fiona ihm nicht geben: Es ist eine seltsame Mischung aus Wahlmutter - und gleichsam einer Geliebten. Wo würde dieser 17-Jährige wohl das für ihn optimale "Kindeswohl" erleben können - bei seinen leiblichen Eltern, die ihn aus Glaubensüberzeugung in den sicheren Tod geschickt hätten, oder bei der selbst gewählten Wuschmutter, die ihn jedoch ablehnen muss? Und: Muss sie ihn wirklich ablehnen? Kommt Fiona Maye nicht vielleicht selbst ins Zweifeln, ob sie das Angebot nicht doch annehmen dürfte - ein fast erwachsenes Adoptivkind geschenkt zu bekommen? Doch mit der baldigen Rückkehr der Leukämie erreicht das moralische Dilemma seinen Höhepunkt. Am Ende stirbt der Junge, diesmal, weil er sich selbst dafür entschieden hat, wenn auch aus anderen als den religiösen Gründen. Und weil er inzwischen 18 geworden ist, hat das Krankenhaus seinen Willen diesmal zu respektieren. 

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Vordergründig geht es in "Kindeswohl" um die Frage, welche Konsequenzen unsere Entscheidungen in Beruf und Leben haben, wie eng sie mit- und ineinander verwebt sind, wie sie sich gegenseitig bedingen - und ob wir jemals fähig sein können, die ganze Bandbreite der Konsequenzen vorab überblicken zu können, geschweige denn sie tragen zu können. Parallel geht es um die schwierige Frage, was ethisch gesehen höher zu bewerten ist: Das Leben eines Menschen oder seine Würde. "Nach meiner Überzeugung ist sein Leben mehr wert", sagt Fiona Maye in ihrer Urteilsbegründung. Doch so sehr diese Fragen im Vordergrund stehen, bietet der Film auch eine zusätzliche Meta-Ebene an, die entdeckt werden möchte.

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Denn es gibt zwei markante Schlüsselszenen in diesem Film, von denen sich die erste nicht sofort als solche aufdrängt. Da bekommt das sich gerade mitten in der Ehekrise befindende Paar nämlich Besuch von zwei Kindern. Es sind die beiden Neffen von Jack, die sich für eine Nacht bei den Mayes einquartieren und sich wundern, warum denn ihr Onkel Jack in einem anderen Zimmer schlafen muss. "Dummerchen, weil er so schrecklich schnarcht", gibt einer der beiden Jungen die seiner Meinung nach einzig mögliche Erklärung. Aber das ist nicht das Entscheidende an dieser Szene. Das Entscheidende ist die Verwandlung des zuvor so besonnenen, kontrollierten, fast kühlen Jacks in einen ebenso wilden wie lustigen wie kindlichen Superonkel. Und in dieser Verwandlung liegt der Schlüssel zu dieser ansonsten ziemlich überflüssigen Szene - sie führt uns vor Augen, wie gerne Jack ein Vater gewesen wäre. Und was für ein guter Vater er geworden wäre. Es geht um die verpassten Chancen, die das Paar vielleicht einmal gehabt hatte. Es geht um den Eisberg, der sich im Laufe der Jahre unterhalb der ehelichen Wasseroberfläche immer weiter ausgebreitet hat.

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Die zweite Schlüsselszene ist das Ende des Films. Von der Todesnachricht des Jungen tief getroffen, sagt Fiona Maye: "Was für eine Verschwendung!" ("Such a waste!"). Es ist dieser eine Satz, an dem ich sehr lange hängengeblieben bin. Es ist dieser eine Satz, dessen Bedeutung erstmal durchdrungen sein will. Es werde nicht ganz klar, was sie damit meint, kritisierte beispielsweise der Rezensent der Hannoverschen Allgemeinen in seiner Filmbesprechung. Es ist ein kurzer Satz, aber er hat es in sich. Denn er bezieht sich nicht alleine auf das Leben des gestorbenen Jungen, sondern parallel auf alle anderen Themen dieser Geschichte. Es ist dieser eine Satz, der das Grundthema der Geschichte charakterisiert: Die Trauer um alles, nicht alleine nur um den Tod, auch um alles andere. Die Trauer um die Elternschaft, die Fiona und Jack niemals hatten und nicht mehr haben werden. Die Trauer um die Rolle als eine Mutter, die Fiona kurzzeitig angeboten bekommen hat. Die Trauer um die Gemeinsamkeiten als Paar, um das Verbindende, um ein gemeinsames Projekt. Die Trauer um all diese nicht genutzten Möglichkeiten und Talente. Die Trauer um Wege, die man nicht gegangen ist, Abbiegungen, die man nicht genommen hat. Und die über allem stehende Frage:

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Wieviel Scheitern steckt in einem vermeintlich so erfolgreichen Lebensentwurf? Gibt es Lebensentwürfe ohne ein Scheitern darin? Oder steckt nicht in jedem einzelnen Tag auch ein bisschen Verschwendung drin? Es geht in "Kindeswohl" um all unsere Lebenswege, jene, die wir gehen, und jene, die wir nicht gehen. Und es geht darum, dass sich hinter jeder persönlichen Entscheidung auch die Trauer um den Weg verbirgt, den wir nicht zu gehen entschieden haben. Was wir jeden Tag tun, im Kleinen, manchmal im Großen.

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).

Was den Film übrigens unbedingt sehenswert macht, ist seine weibliche Hauptdarstellerin: Wie es Emma Thompson gelingt, in kleinen Nuancen die sich anbahnende innere Verzweiflung ihrer Rolle anzudeuten und ihre Vielschichtigkeit auszuloten, die wachsenden Zweifel an ihrer Lebensentwicklung und den getroffenen Entscheidungen, ist große Schauspielkunst. In Kombination mit dem meiner Meinung nach zu unterschätzten Stanley Tucci wird ein intensives Kammerspiel aus diesem Stoff. In einer weiteren Schlüsselszene des Films ist das Musizieren, bei dem Fiona Maye einen emotionalen Zusammenbruch erleidet und dennoch soweit als irgendwie möglich die britisch-distinguierte Fassung bewahrt. An dieser Stelle angekommen, zeigt der Film seine größten Stärken. Auch wenn sich die meisten Kritiker schließlich einig waren, dass das zugrundeliegende Buch wesentlich gelungener ist als seine Leinwandversion. Sei's drum: Als Kammerspiel zweier großartiger Schauspieler - sehenswert. Als kleine Studie darüber, wieviel Verschwendung in unser täglicher Entscheidungswelten stecken - ebenfalls. 

Szene aus Kindeswohl (Foto: Concorde Home Entertainment, mit freundlicher Genehmigung).


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

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