Dienstag, 13. November 2018

Männer trauern anders - wie Männer ihre Trauer ausleben und erleben, an dieses Thema durfte ich mich im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung und auf einem Vortrag vorsichtig annähern - hier sind die Ergebnisse

Osnabrück - Von jemandem anderen interviewt zu werden, ist für mich zwar keine komplett neue Erfahrung - es gab zum Beispiel schon mal zwei Jungs von einer Schülerzeitung, die etwas von mir wissen wollten -, aber es ist schon noch sehr ungewohnt und nun weiß Gott nicht alltäglich. Vor kurzem hat der Redakteur Volker Poerschke mit mir ein Interview für die Neue Osnabrücker Zeitung durchgeführt und dort auch veröffentlicht. Dieses Interview ist bei der Neuen OZ auf den so genannten und jeweils an eine bestimmte Region angepassten sublokalen Seiten erschienen und deswegen nie dort im Online-Auftritt veröffentlicht worden. Daher erlaube ich mir nun, den Rohtext des Interviews einige Wochen nach seinem Erscheinen auch hier auf meinem Blog zu veröffentlichen.

Das ist mir vor allem deswegen ein Anliegen, weil ich es wirklich bemerkenswert fand, was Volker Poerschke da gelungen ist: In wenigen alles verdichtenden Sätzen hat er unser Gespräch sehr genau getroffen und wiedergegeben. Darüber hatte ich mich gefreut. Inzwischen hat übrigens der in dem Interview am Ende erwähnte Vortrag bereits stattgefunden (ein Bericht darüber findet sich hier). Aber es wird weitere Vorträge geben. Wann und wo, findet sich immer im Bereich "Aktuelle Termine, Trauergruppen, Vorträge etc." hier auf diesem Blog (Startseite, dann auf der rechten Seite). Aber jetzt erstmal Bühne frei für Volker Poerschke...

"Von wegen kalter Klumpen"


Frauen trauern, Männer auch - aber anders - Interview mit Thomas Achenbach


Von Volker Poerschke, Neue Osnabrücker Zeitung


„Es gibt in unserer Gesellschaft keine Lobby für Trauernde“, sagt Thomas Achenbach. Er ist ausgebildeter Trauerbegleiter und spricht im Interview über Gefühle, die allzu oft totgeschwiegen werden, Fragen, auf die es keine fertigen Antworten gibt, und sein Selbstverständnis als Begleiter insbesondere trauernder Männer.

Neue OZ: Herr Achenbach, was ist ein Trauerbegleiter, und wie wird man das?

Trauerbegleiter tun genau, was das Wort sagt: Sie begleiten einen Menschen in seiner Trauer. Nicht über die Trauer hinweggehen, nicht darüber hinweghelfen, sondern gemeinsam hindurchgehen. Die Idee, Trauernden einen solchen persönlichen Ansprechpartner zur Seite zu stellen, hat ihren Ursprung in der Hospizarbeit. Die Ausbildung nach bundesweiten Standards gibt es etwa seit zehn Jahren. Ich habe meine Ausbildung in Haus Ohrbeck in Holzhausen gemacht.

Neue OZ: Warum wollten Sie Trauerbegleiter werden?

Das hat nicht nur, aber auch, biografische Hintergründe. Als meine Mutter 2004 an Krebs starb, habe ich gemerkt, wie groß die gesellschaftliche Verunsicherung ist beim Thema Tod und Sterben. Mir ist zwar damals erspart geblieben, wovon mir heute viele Trauernde berichten – dass Bekannte, Nachbarn, selbst gute Freunde auf einmal die Straßenseite wechseln und den Kontakt vermeiden, um sich bloß nicht mit dem Thema beschäftigen zu müssen. Aber an vielen Stellen –auch im familiären Kontext – habe ich nichts anderes wahrgenommen als Verunsicherung. Das hat mich immer beschäftigt. Ich glaube, dass das Thema mehr in die Gesellschaft getragen werden muss, dass wir eine neue Souveränität im Umgang mit dem Tod finden können.

Neue OZ: Das sagt sich so leicht. Aber wie kann man Trauernden begegnen?

Man sollte nicht einfach über die Trauer hinweggehen. Nach einem halben Jahr heißt es oft „Jetzt muss aber auch mal gut sein.“ Ist es aber nicht. Trauer hat kein Verfallsdatum oder verschwindet einfach irgendwann. Trauer ist erlebbar, aber nicht machbar. Das kann man nicht einfach so abhaken. Man kann höchstens lernen, mit der Trauer zu leben. Aber dazu muss Trauer zunächst einmal einen Raum bekommen. Ich erlebe, dass Trauernde wollen, dass ihre Gefühle Raum haben, ohne dass gleich so eine Betroffenheit da ist. Dass einfach jemand da ist, der ihnen zuhört.

Neue OZ:  Das wird vermutlich viele schlicht überfordern . . .

Ja, ganz klar. Bei Trauer ist man wirklich am Bodensatz, an den Grundfesten des Menschen dran. Man muss auch aushalten können, wenn jemand einfach eine Stunde lang weint.

Neue OZ: Und das haben Sie in Ihrer Ausbildung gelernt?

So sah das Original-Interview aus - jedoch in anderen Lokalausgaben der Neuen OZ jeweils mit anderen Bildern bestückt.

Neben der Sachausbildung – was ist Trauer, wie äußert sie sich –, den medizinischen und psychologischen Aspekten, hatten wir auch einen Exkurs Notfallseelsorge. Aber im Wesentlichen lernt man, eine Haltung zum Thema zu entwickeln. Trauer ist etwas ganz Normales und ganz individuell. Das Thema berührt so viele andere Fragen – da gibt es keine allgemeingültigen Antworten.

Neue OZ:  Welche Fragen sind das zum Beispiel?

Viele quälen sich mit der Frage nach dem Warum: Warum musste ausgerechnet mein Partner Krebs bekommen? Warum musste dieser Unfall passieren, der mir meine Frau geraubt hat? Warum musste mein Kind so jung sterben? Die Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann nur dabei helfen, auch diesen Prozess als wichtigen Bestandteil des Trauerwegs zu erleben. Rilke verpackt das so treffend in seiner Formulierung, dass wir oft „die Fragen leben“ müssen.

Neue OZ: Was ist das Schlimmste, womit Sie konfrontiert sind?

Es gibt keine Hitparade der Trauer. Der Verlust eines geliebten Menschen ist immer schmerzhaft. Verliert man ein Kind, ist das aber sicherlich besonders hart.

Neue OZ:  Sie sind selbst junger Familienvater – bringt Sie das nicht an Ihre eigenen Grenzen?

Ich muss zugeben, dass ich da eigentlich nie ranwollte. Jetzt habe ich eine Trauergruppe für verwaiste Väter. Sollte ich da an meine Grenzen kommen, kann ich jederzeit selbst Begleitung, Supervision in Anspruch nehmen. Bislang bin ich allerdings – auch dank meiner Ausbildung – noch nicht an diesen Punkt gekommen. Für mich sind diese Erfahrungen und Begegnungen eine Bereicherung für mein Leben.

Neue OZ:  Welche Angebote machen Sie?

Dazu gehören vor allem Einzelbegleitungen, da laufen derzeit ein paar. Aber es gibt auch die Gruppen. Ich hatte mir anfangs Gruppenarbeit nicht so gut für mich vorstellen können. Ich habe allerdings gemerkt, dass es in der Region Osnabrück kaum Angebote nur für Männer gab. Als dann die Pastoralreferentin Regina Holzinger-Püschel aus Wallenhorst mit der Idee auf mich zukam, gemeinsam eine Trauergruppe für Männer anzubieten, war ich da gerne dabei. Da kamen dann anfangs sowohl verwitwete Männer wie verwaiste Väter. Aber Witwer haben ganz andere Themen, die sie bearbeiten möchten. Da geht es manchmal auch um ganz Alltägliches, zum Beispiel „Wie bügel ich ein Hemd?“ oder „Wie viel Salz muss eigentlich an die Kartoffeln?“ – also ganz praktische Lebenshilfe. Deshalb bieten wir jetzt speziell eine offene Trauergruppe für verwaiste Väter an. Darüber hinaus biete ich auch Vorträge zum Thema an, den nächsten im November in Hagen.

Neue OZ:  Der trägt den Titel „Von wegen kalter Klumpen“ – was steckt dahinter?

Männer werden oft dafür kritisiert, dass sie ihre Gefühle nicht zeigen oder gar leben können. Das ist aber nach meinen Erfahrungen eine Klischeefalle. Männer brauchen einen besonderen Schutzraum, wenn es um Emotionen geht.

Neue OZ: Aber woher kommt das Klischee?


Der Neue-OZ-Fotograf Jörn Martens hat dieses Portrait von mir in meinem Büro in Osnabrück aufgenommen.  (Jörn-Martens-/NOZ-Foto, mit freundlicher Genehmigung).

Männer haben den Umgang mit Gefühlen nicht immer gelernt. Das hängt auch mit dem gesellschaftlichen Männerbild zusammen. In der Antike gab es beides, den Koloss, den Titan in seiner ganzen muskelbepackten Männlichkeit, aber auch den zarten Narziss. Hermann Hesse oder Rainer Maria Rilke kannten durchaus auch sehr emotional empfindsame männliche Charaktere. Aber ich glaube – ohne das wissenschaftlich belegen zu können –, dass der Bruch und diese Verengung auf das Bild des starken Mannes mit den beiden Weltkriegen kam. Männer mussten hart wie Kruppstahl sein, ein Indianer kennt keinen Schmerz, und große Jungs weinen doch nicht. Männer verdrängen mehr. Das muss ja auch gar nicht immer schlecht sein. Mann reagiert vielleicht weniger emotional, fühlt sich erst einmal nicht so überfahren. Aber bei Trauer funktioniert das irgendwann nicht mehr.

Neue OZ: Und warum braucht es eigene Trauergruppen für Männer?

Frauen können ihre Gefühle klarer benennen, ihre Trauer in Worte fassen. Männer müssen erst genauer hinschauen – was ist das denn jetzt? Da geht es zunächst und zuallererst um das Begreifen und Analysieren von dem, was da drinnen so vor sich geht. Und das geht besser in einer reinen Männergruppe. Oft fällt es den Teilnehmern in so einer Gruppe leichter, sich zu öffnen.

Neue OZ: Und dann irgendwann loszulassen?

Das mit dem Loslassen ist – mit Verlaub gesagt – Quatsch. Wie wollen Sie etwas loslassen, das ein Teil von Ihnen ist? Ich kann nur Stück für Stück lernen, diese Gefühle anzunehmen und mit ihnen umzugehen, und das dauert manchmal auch länger.

Mehr zum Thema: Von wegen kalter Klumpen - so war der Vortrag über Männertrauer


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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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