Dienstag, 24. Mai 2016

Wenn Trauer sichtbar auf der Haut getragen wird - Ausstellung widmet sich dem Phänomen der "Trauer-Tattoos" - Gesucht sind noch weitere Ausstellungsorte



Die Fotos zeigen die Tattoos der Menschen, kurze Texte erklären den Hintergrund - in der Ausstellung "Trauertattoo - unsere Haut als Gefühlslandschaft".    (Thomas-Achenbach-Foto)

Osnabrück/Bremen – Was diese Menschen durchmachen, geht unter die Haut. Das sieht man. Und sie sind damit in guter Gesellschaft: Dem Phänomen der „Trauer-Tattoos“ widmet sich jetzt eine neue Ausstellung, die die in Halle lebende Künstlerin Stefanie Oeft-Geffarth zusammen mit der TV-Journalistin Katrin Hartig geschaffen hat und die jetzt durch das Land ziehen soll (weitere Ausstellungsorte werden noch gesucht, dazu später mehr). Die beiden waren einem gesellschaftlichen Trend auf der Spur – und wurden fündig. Auf der Messe „Leben und Tod“ stellten die beiden bereits vor ein paar Jahren ihr Projekt der Öffentlichkeit vor und sprachen auch mit dem Autoren dieses Blogs darüber. Was in dieser Ausstellung alles zu sehen ist, geht tatsächlich - unter die Haut.

Auf Anregung der TV-Journalistin und Trauerbegleiterin Katrin Hartig hatte Oeft-Geffahrt Menschen fotografiert, die ihre Trauer auf der Haut tragen – in Form eines Tattoos. Hartig war aufgefallen, dass es sich dabei um ein erstaunlich weit verbreitetes Phänomen handelt, das sogar von Menschen zelebriert wird, die mit Tattoos sonst nichts am Hut haben. Gemeinsam machten sich die beiden deutschlandweit auf die Suche nach Trauer-Tätowierten zum Interviewen und Fotografieren – dabei halfen ihnen die sozialen Netzwerke. Zwei Jahre dauerte die Arbeit, die sie in Form einer Recherche-Reise durch ganz Deutschland führte. Sie führte zu zwei Ergebnissen.


Die Macherinnen des Projektes: Die Künstlerin und Fotografin Stefanie Oeft-Geffarth (links) und die TV-Journalistin Katrin Hartig, zugleich Mitglied im deutschen Bundesverband verwaister Eltern.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Eines davon sind 22 große Displays, auf denen in großformatigen Bildern die Menschen und ihre Tattoos gezeigt sowie ihre Geschichten erzählt werden. Das zweite Ergebnis ist ein die Ausstellung begleitendes Buch, das über den Online-Shop der Künstlerin erhältlich ist. Das Projekt wirkt auch ohne Tattoo-Affinität: Die Geschichten, die hier zu sehen und zu lesen sind, berühren den Betrachter. 


Handabdruck des gestorbenen 3-Jährigen als Tattoo


Da ist beispielsweise die Frau, die sich ein Bildnis des gestorbenen Kindes auf den Oberarm hat stechen lassen. Oder der Mann, der sich eine bis zur Zahl 13 zurücklaufende Sanduhr als Motiv ausgesucht hat, weil seine Tochter in diesem Alter gestorben ist. Oder die trauernde Mutter Kerstin Hau, die eine Kinderzeichnung und einen Handabrucks ihres im Alter von 3 Jahren gestorbenen Sohnes Charlie auf der Haut trägt. Aber auch in anderer Hinsicht macht ein Tattoo als Ausdruck der Trauer erstaunlich viel Sinn: "Ich kann mit der Hand über die Stelle streichen und fühle mich dann mit dem Gestorbenen oder dem Gefühl verbunden", sagte die TV-Journalistin Katrin Hartig im persönlichen Gespräch mit dem Blog-Autoren auf der Messe "Leben und Tod". Und Stefanie Oeft-Geffarth ergänzte: "Das Stechen des Tattoos ist ja auch ein Schmerz, aber eben einer, der mit dem Trauerschmerz selbst nicht vergleichbar ist - das ist nicht adäquat."


Eine "Trauernadel" als Schmuckstück - dezent, aber sichtbar


Die Künstlerin hatte zuvor mit ihrer „Trauernadel“ für Interesse gesorgt. Das kleine Schmuckstück, das an Blazer oder Sakko oder der Bluse getragen werden kann, soll eine moderne Interpretation dessen sein, was als „Trauerflor“ bis in die 70er Jahre hinein gang und gäbe war: Wer in Trauer war, der zeigte das auch. Entweder durch das Tragen von schwarzer Kleidung oder durch das Anbringen einer kleinen schwarzen Binde, des so genannten Trauerflors. Heutzutage ist das beinahe undenkbar, doch das Bedürfnis danach ist ungebrochen, hat Stefanie Oeft-Geffarth beobachtet. Während die Trauernadel weiterhin in verschiedenen Varianten erhältlich ist, soll die Ausstellung der Tattoos ihre Reise durch die Republik fortsetzen, wünschen sich die Verantwortlichen. Wo es weiter noch hingeht, kann mitgestaltet werden...


Die "Trauernadel" kann als dezenter Schmuck getragen werden und ist eine moderne Interpretation des früher traditionell getragenen Trauerflors.  (Thomas-Achenbach-Foto)


Ausstellungsorte gesucht: Kirchen, Rathäuser, Hospize etc.


Denn für die Ausstellung „Trauertattoo – unsere Haut als Gefühlslandschaft“ werden noch mögliche Ausstellungsorte wie z. B. Kirchen, Rathäuser, Bibliotheken, Hospize etc. gesucht. Infos und Kontakt sind über die E-Mail-Adresse kontakt@convela.eu möglich. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Außerdem bietet Achenbach Vorträge und Seminare zum Thema Trauer oder zum Umgang mit Trauernden an. Mehr Infos gibt es hier

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Kommentare:

  1. Sehr schöne Artikel, Danke!

    lg, #createurdetemps - #Mehrzeitimalltag

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  2. Oh, vielen Dank - der erste Kommmentar auf diesem Blog überhaupt und dann ein schönes Lob, da freue ich mich natürlich doppelt. Danke, Thomas Achenbach

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