Mittwoch, 18. Mai 2016

Wie funktioniert Trauerbegleitung, was bringt Trauerbegleitung - und was können Trauernde erwarten? Ausführliches Interview mit Christine Stockstrom, ehemalige Vorsitzende des Bundesverbands Trauerbegleitung (1/3)

Christine Stockstrom, Sie sind zu diesem Zeitpunkt - im Jahre 2016 - die Vorsitzende des Bundesverbands Trauerbegleitung… (in dem der Autor dieser Zeilen ebenfalls Mitglied ist). Was kann eigentlich Trauerbegleitung – und was kann sie nicht?

Christine Stockstrom: Trauerbegleitung kann Raum öffnen für die Trauer. Sie kann helfen, Gefühle zu sortieren und zuzulassen. Sie kann helfen, die Trauer ins Fließen zu bringen. Was sie nicht kann, ist die Trauer verschwinden zu lassen, den Verstorbenen zu ersetzen oder Menschen bewusst verändern im Sinne des Erreichens von Zielen. Das Allerwichtigste ist wirklich, den Trauernden Zeit und Raum zu geben, damit die Trauer auch fließen kann.

Die Trauer aus dem Leben verschwinden zu lassen wäre vermutlich auch gar nicht hilfreich, oder?

Christine Stockstrom: Nein, aber das ist manchmal die Vorstellung, mit der Trauernde in eine Begleitung kommen. Ich habe schon einmal erlebt, dass mir eine Dame sagte, ja, ich würde gerne in eine Trauerbegleitung kommen – und danach soll es mir gut gehen. Und ich glaube, das geht nicht. Der Begleiter kann vielleicht dabei behilflich sein, mit der Trauer leben zu lernen. Mehr geht nicht.

Wenn es keine Ziele gibt, dass läuft der Prozess also nicht wie bei einem Coaching, bei dem ganz konkret auf ein Ergebnis hingearbeitet wird. Das bedeutet also, dass eine Trauerbegleitung auch nur bedingt ein ressourcenorientiertes Arbeiten sein kann?



Christine Stockstrom, aufgenommen auf der Messe "Leben und Tod" 2016 - im Interview verrät sie etwas zur Frage: Was bringt Trauerbegleitung?  (Thomas-Achenbach-Foto)


Christine Stockstrom: Nein, es geht schon um ressourcenorientiertes Arbeiten. Allerdings ist es bei Trauer ist es oft so, dass die Ressourcen der Menschen für sie selbst verschüttet sind. Da kann es hilfreich sein, wenn ein Begleiter das immer wieder deutlich machen kann, welche Ressourcen jemand zur Verfügung hat. Und ein Begleiter kann hier vielleicht Wege aufzeigen oder dabei helfen, Wege zu finden. Dabei geht es um kleine Schritte, nicht um das Erreichen eines großen Zieles. Eher Schritte zum Überleben ohne den Verstorbenen.

Trauernde sollen bitte wieder "normal sein" - denken Angehörige bald


Werden Trauernde denn nicht auch von ihren Angehörigen und Freunden gut begleitet?

Christine Stockstrom: Ich finde es ganz wichtig, dass Nachbarn und Verwandte und Freude die Trauernden begleiten. Ich erlebe es allerdings ganz oft, dass Trauernde bald alleinegelassen werden, dass Angehörige und Freunde ungeduldig werden oder dass sie in eine bestimmte Ecke drängen wollen.

In welche Ecke denn?

Christine Stockstrom: Sie sollen bitte wieder „normal funktionieren“. Diese Anspruchshaltung steht oft schnell im Raum. Das extremste Beispiel, das ich einmal erlebt habe, ist eine junge Frau, deren Bruder innerhalb weniger Tage an einer seltenen Krebserkrankung verstorben ist. Die Todesnachricht hat sie am Vormittag bekommen – und am Abend haben die Angehörigen wörtlich zu ihr gesagt, so, jetzt krieg‘ Dich wieder ein. Ich erlebe auch Arbeitgeber oder Verwandte und Freunde, die im Zeitraum bis zu einer Beerdigung sehr verständnisvoll sind, vielleicht auch noch ein paar Wochen danach, aber dann rasch erwarten: Sei doch bitte so, wie Du vorher warst, dann können wir leichter mit Dir umgehen.

Wie kommt das? Ist es für Nicht-Betroffene zu schwer vorstellbar, wie Trauernde sich fühlen?

Christine Stockstrom: Das kann aus einer Hilflosigkeit entstehen, aus einem „Nicht umgehen können“ mit der Trauer, oft sind es auch eigene Ängste, die im Weg stehen. Für die Trauernden ist der Zeitpunkt bis zur Beerdigung mit viel Aktionismus gefüllt. Ein wirkliches Begreifen, was der Tod bedeutet, setzt da erst später ein. Das ist das Gemeine daran: In dem Moment, in dem ich das wirklich begreife, fängt es für die anderen oft an, lästig zu werden. Und um den Trauernden nicht zusätzlich zu belasten, sprechen die Freunde und Angehörigen oft gar  nicht weiter über den Verstorbenen. Das ist für viele Trauernde eine große Kränkung. Wo sollen sie dann bleiben mit ihrem Wunsch, sich neu zu sortieren?

Im Grunde ist doch in Deutschland alles genormt. In allen Krankenhäusern gilt das psychologische Regelwerk DSM 5, ein internationales Manual, in dem steht: Trauer darf zwei Wochen dauern. Wenn sie dann noch nicht vorbei ist, darf ich als Arzt Antidepressiva verschreiben.

Christine Stockstrom: Das ist eine völlige Verkehrung der Situation. Es ist ganz normal, dass eine massive Trauerreaktion erst später einsetzt – das kann 14 Tage dauern oder sogar sechs Wochen. Früher hat man vom Trauerjahr gesprochen. Das hatte schon seinen Sinn. Aber selbst nach einem Jahr ist nicht immer alles gut. Ich kenne Trauernde, die brauchen viel, viel länger. Aber sie können am Leben wieder teilnehmen, können die Trauer als einen Teil von sich akzeptieren. Und das muss doch unser Ziel sein.


Wie lange darf Trauer dauern - und was ist "normal"?


Es gibt also eine Trauer, die sehr lange dauern kann, ohne pathologisch oder manifestiert zu sein?

Christine Stockstrom: Ich bin da ganz vorsichtig mit diesen Begriffen, weil sie oft nur dazu dienen, andere abzuschreiben und nicht darauf zu gucken, was ein Mensch wirklich braucht. Wenn beispielsweise Eltern ein Kind verlieren, haben sie alles Recht der Welt, ihr Leben lang darum zu trauern.

Das ist doch auch eine gute Aufgabe für den Bundesverband Trauerbegleitung – sich hier entsprechend zu positionieren…

Christine Stockstrom: Ja, das ist etwas, das uns neben der Qualifizierung von Trauerbegleitern sehr am Herzen liegt. Wir möchten auch in diesem Punkt Öffentlichkeitsarbeit machen und möchten bewusst machen, dass Trauer und Sterben etwas ganz Normales ist, was zu unserem Leben dazugehört.

Gibt es Erkenntnisse oder vielleicht sogar Studien darüber, wie hilfreich eine Trauerbegleitung ist?

Christine Stockstrom: Ja, es gibt eine Studie von Prof. Dr. Michael Wissert und seinem Team, die ist 2014 veröffentlicht worden. Sie heißt: Trauer leben. Das wird zusammengeschreiben mit großem E und großem L, es heißt also sowohl Trauer leben als auch Trauer erleben. Diese Studie hat nachgewiesen, dass Trauerbegleitung wirken kann, besonders dann, wenn es um eine erschwerte Trauer geht. Als besonders hilfreich wurde empfunden, dass Trauerbegleiter wirklich zuhören – das war das Allerwichtigste. Ich darf meine Gefühle ausleben und werde darin unterstützt, sie auszudrücken… Das hat viel geholfen.

Gibt es denn Erfahrungswerte, ab wann die Trauernden eine Begleitung in Anspruch nehmen? Wenn ich Ihre Aussagen richtig deute, geschieht das zum Teil noch Monate nach dem Trauerfall?


Individuell gestaltete Särge gab es auf der Messe "Leben und Tod" 2016 zu erleben - die Besucher konnten bei einem Workshop selbst Hand anlegen. Hier im Interview geht es auch um die Fragen: Wann ist eine Trauerbegleitung sinnvoll? Wann lohnt sich Trauerbegleitung?   (Thomas-Achenbach-Foto)

Christine Stockstrom: Ja, aber es geschieht auch zunehmend, dass Menschen sofort kommen. Das Extremste, das ich erlebt habe, war ein Mann, der mich fragte: Meine Frau ist heute gestorben, kann ich morgen bei Ihnen ein Gespräch haben? Die meisten kommen aber tatsächlich erst nach einem Vierteljahr, weil es anfangs noch so viel zu regeln gibt und weil sie davon ausgehen, es selbst tragen zu können – und dann merken sie vielleicht, dass das doch nicht geht.

Wir gehen ja stillschweigend immer davon aus, dass wir es mit Trauer im Kontext von Todeserfahrungen zu tun haben… aber das muss ja gar nicht so sein, es gibt viele Formen von Trauer, auch ganz außerhalb von Tod und Sterben. Kann eine Begleitung auch dann hilfreich sein?

Christine Stockstrom: Natürlich gibt es Trauer außerhalb dieses Kontextes – durch den Verlust eines Arbeitsplatzes, durch die Trennung vom Partner, durch ein gestorbenes Haustier, durch den Verlust von Heimat. Das wird sicher bei vielen Flüchtlingen ein großes Thema sein. Es gibt viele Variationen von Trauer. Wir haben uns allerdings im Bundesverband besonders spezialisiert auf die Trauer nach Tod.

Muss eine Trauerbegleitung immer im direkten Dialog stattfinden? Ginge das nicht auch online, per Chat oder per Mail?

Christine Stockstrom: Ich glaube, dass es da sehr gute Angebote gibt. Ich weiß von einem Angebot aus Oldenburg, wo Jugendliche andere jugendliche Trauernde per Mail begleiten. Und ich glaube auch, dass es andere Formen gibt als das Gespräch. Ich selber kann mir für meine Arbeit allerdings schwer vorstellen, nicht im sozialen und direkten Kontakt zu sein. Ich glaube, dass es den schon braucht.

Weil auch so viel nonverbal geschieht, wenn zwei Menschen sich treffen?

Christine Stockstrom: Ja, genau. Einfach einem Menschen ins Gesicht zu sehen, die Reaktionen im Gesicht zu sehen, das macht ja etwas und bewirkt ja auch etwas.

Gemeinsames Schweigen kann ebenfalls hilfreich sein –  das geht per Mail auch nicht ganz so gut…

Christine Stockstrom:  Schweigen ist wichtig – aber trotzdem im Miteinander zu sein im Schweigen, das geht nur direkt. Trotzdem glaube ich, dass es auch Menschen gibt, für die Internet und E-Mail der richtige Weg sind.

Sie haben das Thema „Flüchtlinge“ erwähnt. Das ist bestimmt ein Umfeld, in dem Menschen mit viel Trauer zu uns kommen. Der Verlust von Heimat, womöglich sogar der Tod von Angehörigen, eine Entwurzelung – da könnte so etwas wie Trauerbegleitung sicher auch hilfreich sein, oder?

Christine Stockstrom: Ja, wobei ich glaube, dass es da noch einer zusätzlichen Qualifizierung bedürfte, weil die kulturellen Unterschiede doch sehr groß sind und nicht allen Menschen vertraut sind. Die menschliche Zuwendung ist sicher hilfreich, aber es kommt auf die Details an. Darf ich als begleitende Frau beispielsweise einen Mann berühren? An solchen Punkten muss man sehr behutsam und achtsam sein für die Werte und die Kultur, die mitgebracht werden, und man muss gucken, dass wir nichts überstülpen, dass wir als hilfreich erleben, was es aber vielleicht nicht ist. Ich glaube, das wird eine Herausforderung.

Sicher auch für den Bundesverband, oder? Sie werden sich hierzu ebenfalls positionieren müssen…

Christine Stockstrom: Ja, das wird kommen.

Nun gibt es ja, zum Beispiel in Hospizen, schon viele ausgebildete Sterbebegleiter. Sind die nicht auch qualifiziert dafür, Trauernde zu begleiten?

Christine Stockstrom: Ich empfinde das nicht so, nein. Das ist ein völlig anderer Prozess mit ganz anderen Nöten und Fragen.

(Aktualisierung im März 2017: Christine Stockstrom hatte sich aus eigenem Wunsch nicht mehr zur Kandidatin für den Vorsitz des Bundesverbands aufstellen lassen und ist seit März 2017 nicht mehr in dieser Funktion tätig, aber noch Mitglied des Verbands.)

Mehr zum Thema gibt es in Teil Zwei des Interviews...


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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