Mittwoch, 22. Juni 2016

Wo ist der Unterschied zwischen Trauer und Trauma? Warum tut sich unsere Gesellschaft mit beidem so schwer? Ein Vortrag des Psychologen Thomas Weber brachte hilfreiche Erkenntnisse


Osnabrück/Bremen - „Trauma“. Das mag ein großes Wort sein. Eines, das Angst macht. Doch auf der Messe „Leben und Tod 2016“ in Bremen war es der Diplom-Psychologe Thomas Weber vom Zentrum für Trauma-und Konfliktmanagement aus Köln (ZTK), der den Zuhörern zu mehr Gelassenheit bei diesem Thema riet: „Jeder Mensch wird bis zum Ende seines Lebens traumatisiert werden“, sagte er. Denn das gehöre einfach dazu. Schon die Geburt sei ein als traumatisch erlebtes Ereginis. Aber anders als es oft geschildert werde: „Ein Trauma ist eine Verletzung, keine Erkrankung.“ Etwas also, das von außen herbeigeführt wird.

„Trauer und Trauma, das wird auch heute noch stark vermischt“. Doch das sei falsch, betonte Thomas Weber. Denn das bei Trauer vorherrschende Gefühl ist die Traurigkeit (Weiterlesen: "Wenn ein Vermisster nach zehn Jahren für tot erklärt wird - warum das für die Angehörigen so wichtig ist"). Während sich ein Trauma durch ein ganz anderes Gefühl bemerkbar macht: Nämlich durch Angst. Menschen in Trauer haben eine Sehnsucht und ein Verlangen nach den vermissten Personen – Menschen mit einem Trauma würden am liebsten vor allem davonlaufen. Aber Weber sieht in alledem auch ein Problem der Medien...



Wo ist der Unterschied zwischen Trauer und Trauma? Ein Psychologe sagt: Trauma ist eine Verletzung mit schweren Folgen, Trauer ist etwas anderes...  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

„Trauma ist schlecht vermittelt“, sagte Weber. „Mich als Psychologen ärgert das“. Der Prozess indes ist nach Webers Worten recht einfach zu beschreiben. Extreme Belastungen überfordern das Bewältigungssystem. Die Bereiche im Gehirn, in denen üblicherweise die Verarbeitung stattfindet, werden lahmgelegt. „Unser modernes Gehirn ist ausgeschaltet, weil der Körper ihm nicht mehr traut“, schilderte Weber. „Trauma findet nur hinten im Gehirn statt.“


"Vermeidung ist die erste Strategie, die der Körper hat"


Um es mit einem Vergleich aus der Computersprache zu sagen: Die Erfahrungen bleiben im Arbeitsspeicher stecken, können aber nicht sauber auf der Festplatte abgelegt werden, während das Betriebssystem permanent auf sie zugreifen möchte. Was dann geschieht, ist ein ängstliches Zurückschrecken. „Vermeidung ist die erste Strategie, die der Körper hat“, schilderte der Psychologe.


Den hilflosen Jungen durchschütteln bringt gar nix


Genau hier beginnen die Missverständnisse. Was Thomas Weber an einem eindrucksvollen Beispiel deutlich machte. Man stelle sich vor, wie ein 12-jähriger Junge bei der Beerdigung am Grab seines frisch gestorbenen Vaters einen ganz unbeteiligten Eindruck macht, so sehr, dass die anderen Angehörigen ihn schütteln und ihn anbrüllen: „Verstehst Du nicht? Dein Vater ist gestorben!“. Doch dem Jungen nützt das gar nichts. Er hat keine Vorerfahrungen mit solchen Themen, sein Bewältigungssystem sieht keine Möglichkeit, damit umzugehen. Es setzt einfach aus. Und da beginnt - ein Trauma.


Erlebnis plus Lebensgeschichte = Spannungsfeld


Wobei für die Psychologen Webers Worten zufolge noch zwei Unterscheidungen wichtig sind: Einerseits gibt es die „traumatische Reaktion“, andererseits den „traumatischen Prozess“. Beides kann lange dauern, von 6 Monaten bis hin zu einem Jahr. Und: „Das Trauma trifft immer auf eine Lebensgeschichte“, sagte Weber.


"Unsere Gesellschaft kann mit Trauma nicht umgehen"


Warum die Menschen bei diesem Thema allgemein so empfindlich sind, liegt für Thomas 
Weber ganz klar auf der Hand: „Es erinnert uns an unsere Verletzbarkeit“: Die Folge: „Unsere Gesellschaft kann mit Trauma nicht umgehen.“ Sofort bricht eine Urangst aus: "Wir halten das nicht aus". Schon bei größeren Unfällen, erst recht bei Katastrophen gebe es heutzutage keinen Beitrag in den Medien mehr, der nicht mit den Worten endete: „Die Opfer werden psychologisch betreut.“ Für wie falsch Weber das hält, machte er in einem recht eindeutigen Satz deutlich, den er einmal von einem Feuerwehrmann gehört hatte: „Früher durften sich die Leute auch scheiße fühlen, wenn ihnen Scheiße passiert ist.“

Typische Reaktionen bei einem Trauma sind laut Thomas Webers Vortrag auf der Messe "Leben und Tod" diese:


Bei einem Trauma gibt es kein Entkommen aus der erlebten Situation: Sie wird wieder und wieder durchlebt, als fände sie jedes Mal aufs Neue statt.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

- Dissoziatives Erleben. Das Geschehen wird wie in einem Film nacherlebt. Der Betroffene scheint nicht Teil dessen zu sein.

- Verschobene Zeitwahrnehmungen, kein Gefühl für die Zeit. 

- „Out Of Body Experience“, der Eindruck, als ob man seinen Körper von außen wahrnehme.

- Lückenhafte Erinnerungen an das Geschehen. Details werden als groß und wichtig wahrgenommen, der Zusammenhang fehlt. (Unterschied zur Trauer: Hier ist ein sehr bewusstes Erinnern jederzeit möglich).

- Übererregbarkeit und eingeschränktes Sicherheitsgefühl.

- Die Situation geht nie vorbei: Bei der Erinnerung an das Geschehen ist auch nach vielen Jahren oder Jahrzehten noch alles genauso da, wie es die Situation gebracht hat, auch das innere Gefühl (das weiß man von Zweiten-Weltkrieg-Zeitzeugen). 

- Anspannung des gesamten Körpersystem – als ob der Mensch permanent zu einem 100-Meter-Lauf starten wollte, so angespannt sind alle Muskeln. Ohne Entspannungsphasen. (Weber: „Die schlimmste Intervention jetzt ist: Mensch, entspann Dich doch mal!“).


Helfer müssen gut aufpassen:  Trauma ist echt ansteckend


Das Fatale daran: „Bei Trauma besteht die Gefahr der Ansteckung.“ Weber erinnerte sich an die Turnhalle in Winnenden, in die während des Amoklaufs alle aus der Schule geflohenen Menschen zusammengekommen waren. „Das klang wie auf einem Jahrmarkt, es war total laut“, sagte Weber. „Und das ist das, was sich auch auf die Helfer überträgt.“ Hier besteht die große Gefahr eines sogenannten Sekundärtraumas. Dann würden selbst professionelle Helfer zu einer Methode greifen, von der sie theoretisch eigentlich wissen, wie wenig zielführend sie ist: Der Opferbeschuldigung.


Wenn das Umfeld nicht verstehen will: "Du Trauerterrorist" 


„Die Betroffenen haben mit dem Ereignis lebenslänglich“, sagte Thomas Weber. Deswegen sei es für sie so schädlich und verletzend, wenn sie solche Sätze zu hören bekämen wie „Jetzt muss es aber auch mal wieder gut sein“ oder „Stell Dich nicht so an“. Einer der Väter, die in Winnenden ein Kind verloren hatten, wurde bereits als „Trauerterrorist“ beschimpft, schilderte Weber (Randbemerkung des Bloggers: dies gilt übrigens genauso für alle Trauernden ohne traumatische Hintergründe – selbst wenn sich ihr Trauerprozess über Jahre erstrecken sollte, sind Sätze wie „Jetzt muss es mal wieder gut sein“ immer verletzend - siehe auch den Beitrag "Zehn Tipps zum Umgang mit Trauernden" auf diesem Blog). Thomas Webers wichtigster Tipp für alle Begleiter, Helfer und Seelsorger: 



Wichtigster Tipp für alle Helfer: Auf die eigene Betroffenheit achten. Die Grenze dazu ist schnell überschritten.  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

„Achten Sie immer auf ihre eigene Betroffenheit. Die Anspannung gehört einfach dazu, ignorieren Sie das nicht!“. Mögen die Themen Trauer und Trauma auch negativ besetzt sein, ist bei alledem eines nicht aus den Augen zu verlieren, wie Thomas Weber am Ende seines Vortrags sagte. Nämlich was für eine Triebfeder für kreative Prozesse sie sein können: „Die meisten kulturellen Leistungen sind als Folge von Trauma oder Trauer entstanden“.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Denn Trauer will eben mitgeteilt werden - warum sich an einem Feinkostgeschäft in der Osnabrücker Altstadt die Trauerbekundungen sammeln

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert eigentlich Trauerbegleitung? Was bringt sie? Und wird das Ganze von den Krankenkassen bezahlt - hier klicken...

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog des Autors: Finde den Bullshit in Deinem Text - drei gute Linktipps für alle, die schreiben und mit Sprache arbeiten

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