Donnerstag, 6. Mai 2021

Sieben Gründe, warum ich Trauerbegleitungen gerne in Form eines Spaziergangs anbiete - warum ein Spaziergang zu zweit nicht nur in Corona-Zeiten eine gut geeignete Methode für eine Einzelbegleitung von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise ist

Osnabrück - Warum fragen wir einen Menschen eigentlich: "Wie geht es Dir?" - Klare Sache: Weil sich darin das Wort "gehen" versteckt. Denn die Frage danach, wie es uns geht, stammt vom Wort "ergehen", aus dem dann wiederum das "Wohlergehen" entwachsen ist. Deswegen lautet die Vergangenheitsform dieser Frage auch: Wie ist es Dir ergangenIn der Trauerbegleitung können wir uns die Idee vom Gehen als Ausdruck der eigenen Befindlichkeit zunutze machen - indem wir tatsächlich gemeinsam gehen. Dabei lässt sich so manches erleben, was in den gemeinsame Prozess eingebunden werden kann.  

Ein Tag im Februar. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Ein umgestürzter Baum liegt quer über dem Waldweg und hindert uns am Weiterkommen. Sich an der Krone des gestürzten Baumes entlangzutasten, ist zwar möglich, aber der Boden an dieser Stelle ist vom Schnee der vergangenen Tage morastig geworden. Wir versuchen es dennoch. Es schmatzt und sumpft, während wir uns mit vorsichtigen Schritten vorantasten. Mit Matschspritzern auf der Hose und verdreckten Schuhen setzen wir den Weg fort - und haben auch gleich ein gutes Stichwort für die Fortsetzung unseres Gesprächs gefunden. Was es wohl alles noch zu überwinden gilt im Prozess des Trauerns, ist das Thema, das den Rest dieser Einzelbegleitung prägt. Einer Einzelbegleitung, die als Spaziergang im Wald stattfindet. Einerseits, weil die Coronapandemie ein Sitzen im Innern nicht möglich macht. Andererseits, weil ein Spaziergang sowieso ein optimales Setting für eine Trauerbegleitung darstellt. Warum das so ist?

(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

Zum Beispiel, weil nicht ich es war, der bei oben geschilderter Begleitung das Thema des weiteren Gesprächs prägte. Es war die Klientin, mit der ich unterwegs war. Und das Überwinden des Hindernisses war es gewesen, was den Impuls dafür gesetzt hatte. Das ist einer der Vorteile vom Draußensein während einer Trauerbegleitung (und vom gemeinsamen Gehen): Es ist viel zu sehen, zu erleben und zu bewältigen, was sich als Stichwortgeber für so ein Gespräch gut nutzen lässt. Ich hatte immer schon meine Einzelbegleitungen als Spaziergänge anbieten wollen und mich in Vorträgen für diese Form von Trauerbegleitung ausgesprochen, aber es war zugegebenermaßen erst die Coronapandemie, die mich dann wirklich dazu gebracht hat, das auch in die Tat umzusetzen. Mit ermutigenden Erfahrungen. Hier sind sieben Gründe, warum ein Spaziergang eine optimale Form für eine Trauerbegleitung sein kann: 

1.) Draußen sind wir dem Wetter und den Verhältnissen ausgesetzt. Ob es nun regnet oder stürmt, ob eine viel zu heiße Sommersonne auf uns niederknallt oder sich das Wetter von seiner unentschiedenen Seite zeigt: Wir müssen es aushalten, wie es ist. Genauso ist es in der Lebenssituation, in der sich die Menschen nach einem Verlust gerade befinden. Bei der oben geschilderten Spaziergangsbegleitung hat es zwischendurch geregnet und es war durchaus ungemütlich. Also optimale Bedingungen für eine Einzelbegleitung im Freien.

 

2.) Das Schweigen ist nicht so bedrückend wie im Inneren eines Raumes. Während einer Einzelbegleitung kann es immer mal wieder zu Momenten des Schweigens kommen. Eine der Aufgaben eines Trauerbegleiters (und natürlich auch einer Trauerbegleiterin) ist es, hinzuspüren, wann das Schweigen angebracht sein kann. Meistens sind das die Momente, in denen sich im Inneren des zu begleitenden Menschen gerade etwas tut, das jetzt seinen Raum braucht. Ein solches Schweigen erfüllt einen Zweck und kann eine sinnvolle Sache sein, aber natürlich ist es auch - auch für die Klienten - etwas Ungelerntes und Ungewohntes. Und manchen ist es ein wenig peinlich. Vor allem Männern. Hier hilft das Draußensein ungemein: Es gibt Geräusche, Vogelgezwitscher, das Rauschen von Bäumen, es gibt etwas zu sehen, vielleicht kommen einem sowieso gerade andere Spaziergänger entgegen... Also kann sich das Schweigen wirkungsvoll entfalten, ohne dass es als so unangenehm erlebt wird wie im Innern eines Raumes, in dem eine solche Stille auch mal als dröhnend erlebt wird.  

3.) Alles, was es zu sehen gibt, liefert Impulse und Stichworte für den gemeinsamen Prozess. Vor allem in einem Wald ist das oft zu sehen: Wie sich aus den Stümpfen von umgestürzten und abgesägten Bäumen neue Zweige - oder sogar ganz neue Stämme - nach oben recken. Wie sich Bodendecker überall ausbreiten, weil die Natur, anders als der Gartenfachbau und die Landwirte, keine unbedeckten Böden kennt. Wie jede freie Fläche, auf der Wachstum möglich ist, mit der Möglichkeit von Wachstum ausgekleidet wird. Und wie das Verwesen, also sozusagen der Tod, ist immer die elementare Grundlage von allem ist, auf dem das Neue entsteht. Ohne abgefallene Blätter kann kein neuer Boden entstehen, ohne sich aneinander kaputtreibende Steine gäbe es keinen Sand. Gleichermaßen erleben wir in der Natur auch die Ohnmacht, die Zerstörung, die von außen übergestülpte Brutalität: Von Borkenkäfern und Hitzewellen dahingeraffte Kiefern und Fichten, ausgetrocknete Bäche, die früher immer Wasser getragen haben. Das sind kraftvolle Bilder von Wirkungsmechanismen, die sich auf unser Leben übertragen lassen. Sich das bewusst zu machen und es auf sich wirken zu lassen, kann für zusätzliche Impulse sorgen, vielleicht sogar den Raum eröffnen für einen Hauch von Spiritualität, je nachdem, wie der zu begleitende Mensch gestrickt ist. Das ist natürlich das Wichtige daran: Es kann alles ins Wort gebracht werden, was sich anbietet, aber nur, wenn es zu diesem Menschen wirklich zu passen scheint - und zur aktuellen Situation. Ansonsten ist es einfach nur da, um einen herum, und wird vielleicht auf anderen Ebenen wahrgenommen - und wenn nicht, dann ist das auch gut so, wie es ist.


4.) Man muss sich nicht ständig in die Augen sehen. Aus Gruppentreffen kennen wir das: Jemand erzählt der Gruppe etwas, vielleicht etwas Intimes, und der Blick des Sprechers verhaftet sich an irgendeinem Punkt irgendwo, der ihm Halt gibt. Vielleicht eine Kerze, die in der Mitte des Raumes steht. Vielleicht ein Bild an der Wand. Je stärker ihr Inneres zum Ausdruck kommt, desto schwieriger wird es für Menschen oft mit dem Augenkontakt zu anderen Menschen. Das gilt insbesondere für eine Trauerbegleitung - und insbesondere für Männer, mit denen ich ja meist mehr zu tun habe als mit Frauen. Da ist das gemeinsame Gehen genau die richtige Lösung, denn alleine durch das Nebeneinander ist das Sich-in-die-Augen-sehen-müssen meist gar nicht möglich. Auch das wird dann nicht als so unangenehm erlebt. 

 5.) Durch sich ergebende kleine Kunstpausen können sich die Klienten besser nochmal innerlich sammeln und es ergibt sich mehr Abwechslung. Es muss gar nicht der oben erwähnte Moment des längeren Schweigens, weil In-sich-Gehens, sein: Während eines Spaziergangs ergeben sich auch sonst viele kleine Kunstpausen. Sei es, weil gerade ein Hund samt Frauchen oder Herrchen überholt, sei es, weil Jogger, Radfahrer oder andere Spaziergänger entgegenkommen, immer mal wieder ist eine kleine Pause im Gespräch nötig. Dadurch ist eine Begleitung im Freien grundsätzlich immer etwas abgehackter und zerstückelter als ein Gespräch im Inneren - aber das muss nichts Schlechtes sein, im Gegenteil, es hat seine ganz eigenen Qualitäten. Die kleinen Kunstpausen machen es möglich, seinen Gedanken mehr nachzuhängen als in einem Gespräch. Und sie sorgen zudem für eine gewisse Abwechslung. Auch das ist ganz hilfreich für so einen Prozess, bei dem wir immer mal wieder auch in seelischen Notlagen verharren. 

6.) Der zu begleitende Mensch kann seine Lieblingsstrecke wählen, diese kann z. B. auch über einen Friedhof führen - vielleicht sogar den Friedhof, auf dem der gestorbene Mensch liegt, um den es geht. Diese Möglichkeit des Mit-Entscheiden-könnens kann etwas sehr Entlastendes haben: Da muss ich als Klient nicht in irgendein Büro fahren, das ich nicht kenne, oder in einen Gruppenraum, den ich nicht kenne, was ja beides auch wiederum als etwas Unangenehmes erlebt werden kann. Stattdessen kann ich mich, wenn ich möchte, auf ein mir vertrautes Terrain begeben für diesen mir vielleicht sehr unvertrauten Prozess. Das kann zusätzliche Sicherheiten geben. Dieses Terrain ist aber wiederum nicht mein eigentliches Zuhause, was auch wichtig ist - wenn ich es vermeiden kann, eine Trauerbegleitung bei jemandem daheim stattfinden zu lassen, halte ich das immer für die bessere Wahl. Denn dass sich jemand aufmachen muss für diesen Prozess, gehört mit dazu. Das ist sozusagen der erste wichtige Schritt, der für den Prozess an sich von einer gewissen Bedeutung ist. 


7.) Das Gehen macht mehr mit einem, als man im ersten Augenblick so denkt: Das Gleichgewicht von Körper und Seele ist stabiler beim Gehen als beim Sitzen. Was sich innerlich unbeweglich anfühlt, kann durch das Gehen zusätzlich in Bewegung gebracht werden. Ganz abgesehen davon dringt selbst durch düster Regenwolken noch soviel UV-Licht, dass ein Spaziergang im Freien immer aufhellender für die verdüsterte Seele ist als ein Aufenthalt im Inneren. Und die Symbolik des Gehens vermittelt uns das Gefühl, selbst auf einem Weg zu sein, was ja auch der tatsächlichen Lebenssituation entspricht, in der sich die Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise befinden. 

Und, ganz abgesehen von allem oben Genannten: Ich gehe einfach saugerne spazieren. Es tut einem immer gut. Lust drauf, einmal mitzukommen?  

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

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