Donnerstag, 3. März 2022

Wie lange darf Trauer dauern? Wie lange darf es so weh tun, ohne dass es krankhaft wird? Ist es normal, jahrelang zu trauern? - Hier die ungekürzte Originalversion eines Zeitungsartikels, den ich exklusiv für die Trauerbeilage der Neuen Osnabrücker Zeitung schreiben durfte

Osnabrück – Wie lange darf Trauer denn dauern? Hat dieses Leiden nicht auch mal ein Ende? Oder wird es wengstens irgendwann milder? Solche Fragen stehen oft im Raum, wenn sich Menschen mit Gefühlen konfrontiert sehen, die sie noch nie gehabt haben und die überraschend hartnäckig sein können. Für die Trauerbeilage der Neuen Osnabrücker Zeitung durfte ich jetzt zwei exklusive Artikel schreiben, deren ungekürzte Originalfassungen ich nun auch auf meinen Blog anbieten darf. Hier ist die erste davon.  

Es gibt in unserer Gesellschaft diese große Lücke, die kaum jemand als eine solche erkennt. Ich nenne sie die Verständnislücke. In meinen Vorträgen male ich sie auf Flipcharts auf. Mit ganz viel Rot. Man könnte auch das Bild eines Grabens bemühen: Auf der einen Seite stehen Menschen, die jemanden verloren haben, meistens durch den Tod. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die diese Erfahrung noch nicht haben machen müssen. Und je länger  - nach einem Todesfall - die Zeit voranschreitet, desto größer wird das Unverständnis zwischen diesen beiden Fraktionen. Das ist menschlich. Das ist nachvollziehbar. Es ist für die Betroffenen dennoch schmerzvoll - zusätzlich schmerzvoll.


(Alle Fotos: Thomas Achenbach)

„Jetzt ist es aber langsam mal gut“ oder „Ihr hattet doch eine so schöne Zeit“ oder auch „Werd‘ mal langsam wieder normal“ bekommen diese Menschen auf der einen Seite oft zu hören. Gut gemeinte Ratschläge, die genausogut Schläge in die Magengrube sein könnten. Das verunsichert und gibt den Menschen das Gefühl nicht ganz normal zu sein – mit einer Trauer, die scheinbar viel zu heftig ausgewuchert zu sein scheint, weil sie sich kaum verändert. Dass sie so lange jedenfalls nicht dauern sollte, ist auf der gegenüberliegenden Seite des Grabens oft allgemeiner Tenor. Manchmal schon nach sechs Monaten. Meistens nach einem Jahr. Spätestens.

Manche fragen sich: Ist das noch normal?

Bei den Menschen mit den Verlusterfahrungen kann sich so rasch ein Gefühl des Unverstandenseins breitmachen. Kommen sie dann in eine Trauerbegleitung oder zu einem Trauerseminar, dann geht es unter anderem darum, die Verunsicherung aufzufangen. „Bin ich eigentlich noch normal, wenn ich so lange um jemanden trauere?“ - eine oft besprochene Frage in einem solchen Setting. Genauso wie die Frage: Wie lange darf Trauer denn überhaupt dauern, wird Trauer nicht irgendwann ungesund, wenn sie überhandnimmt, führt sie nicht zwangsläufig in eine Depression?

Meine beiden Artikel aus dem aktuellen Trauerratgeber der Neuen OZ.

"Eines habe ich bei ihrem Vortrag begriffen: Ich bin ein Lehrling im ersten Lehrjahr, was meine eigene Trauer angeht". So formulierte es einer der Zuhörer, die mich bei einem meiner ersten Präsenzvorträge nach den pandemischen Lockdowns erlebte. Eine weise gewählte Formulierung. Denn die Lehrlingszeit in Deutschland dauert in der Regel mehrere Jahre. Wenigstens drei. Je nach Zusatzqualifizierungen auch mal mehr. Das auszuhalten, eine solche Zeit, das ist eine der Aufgaben, vor die uns die Trauer stellen kann. 

Es geht um Erlaubnis: Ja, Du darfst so sein!

Zu den Aufgaben eines Trauerbegleiters kann es manchmal gehören, den Menschen allerlei Erlaubnisse zu geben, die sich selbst nicht zu geben trauen. Zum Beispiel die Erlaubnis, dass sie genauso sein dürfen, wie sie jetzt gerade eben sind – innerlich zerbrochen oder zerrissen, hin- und hergewühlt, verunsichert, mal wütend, mal ohnmächtig, mal laut, mal leise, mal voller Tränen, mal eben nicht (und dann vielleicht verzweifelt, weil die Tränen ausbleiben, oder vielleicht auch erleichtert, weil das so ist - Trauer ist oft voller Ambivalenzen). 



Oder auch die Erlaubnis, Dinge zu tun, von denen sich kein Mensch vorher jemals hätte vorstellen können, dass er so etwas vermeintlich Verrücktes einmal tun würde: Mit den toten Menschen zu reden; sich ihre Kleidung anzuziehen; mit einem Picknickkorb ans Grab zu gehen um den Tag dort zu verbringen… Alles gesund? Na klar! Wer das Gefühl hat, dass es ihm damit einen kurzen Moment lang besser geht, der ist doch schon weit gekommen, oder? 

Na also.

So etwas kann es geben. Oder auch nicht. Jede Trauer ist anders, zeigt sich anders, geht mal tiefer, mal weniger tief, jede Trauer ist ein hochindividueller Prozess. Nur eine Sache ist immer gleich: Das erste Jahr nach dem Todesfall spielt eine wichtige Rolle. Denn dieses erste Jahr ist vollgestopft von „Ersten Malen“, für die es keine Erfahrungswerte gibt: Das erste Mal Todestag, was tun? Das erste Mal Geburtstag des gestorbenen Menschen, was tun? Das erste Mal Ostern, Weihnachten, Namenstag, was auch immer. Jeder dieser Tage bringt beides mit sich: Eine große Überforderung - aber auch eine Chance zur Gestaltung.


Es gibt diese große Lücke, die Verständnislücke. In meinen Vorträgen male ich sie auf, mit ganz viel Rot - so wie hier bei einem Vortrag in Oldenburg (Forum St. Peter/Screenshot:Achenbach).


Ist dieser Zyklus einmal durchlaufen, sind die Betroffenen um viele Erfahrungen reicher. Was den Schmerz aber nicht mindern muss, der bleibt oft. Noch ein Jahr. Und noch eins, vielleicht… Und, und, und… Und genau an dieser Stelle beginnt oft das Missverstehen. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein gestorbenes Kind denke", sagt eine Mutter, die vor mehr als 20 Jahren ihre kleine Tochter bei einem Unfall verloren hat. Und einer der Männer, die ich in meinem Buch "Männer trauern anders" mit ihrer Trauergeschichte zitiere, sagt: "Die Wunde mag über die Jahre vernarbt sein, aber die Narbe ist noch immer da - manchmal bricht sie auf." Beide sind sie keine Ausnahmen.  

Ein Mythos: Wer zu lange trauer, wird depressiv 

Fakt ist: Trauer darf so lange dauern, wie sie eben dauert. Auch dafür gibt es jederzeit Erlaubnis. Dass sie zwangsläufig in eine Depression führt, wenn sie nicht von alleine weggeht, ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält, obwohl er schon oft als nicht korrekt benannt worden ist durch Wissenschaft und Experten. Denn eine Depression, eine klinische jedenfalls, ist wie eine innerliche Nullinie, ohne irgendeinen Impuls. Der totale Stillstand im Inneren, kein Antrieb für gar nichts, nicht mal dazu, das Bett zu verlassen. Ja, Trauer kann manchmal so sein, einen Tag lang oder länger, aber dann ist da auch wieder viel Aufruhr und Verzweiflung und jede Menge Gefühl. Also gerade keine Nulllinie. Alles gesund also? Ein jahrelanges Trauern? 


Ja, auch das. Auch wenn es schmerzvoll ist – oder vielleicht: gerade weil es schmerzvoll ist: solange die Trauer einen nicht über mehrere Jahre innerlich komplett lähmt, ist sie ein ganz normaler, vollkommen gesunder Prozess. Und auf keinen Fall eine Krankheit. Man kann sich das vorstellen wie ein physikalisches Gesetz. Die Kraft, die es vorher schon gegeben hat – Liebe, meistens – ist immer noch vorhanden, in der gleichen Intensität wie immer, wenigstens. Nur ihr Zustand hat sich verändert. Vom Plus- in den Minuspol. Aber kraftvoll genug, um lange weiterzuwirken. Und länger. Und länger. Alles normal. Die Gesetze des Lebens, eben.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Die "Bitten der Trauernden", #Extended - wertvolle Hinweise zum Umgang mit Trauernden - was Trauernden wirklich helfen kann

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Das Trauer-Zitat des Monats - jeden Monat neue berührende Sätze aus Zeitungen, Zeitschriften oder der Literatur 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

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Freitag, 25. Februar 2022

Wie sich seelische Krisen aller Art bezähmen lassen, warum das Alleineseinkönnen dafür so wichtig ist und wie wir diesen Muskel trainieren können... - ein Mini-Vortrag in meinem Podcast gibt Impulse (als Ergänzung zur frisch erschienenen Trauerbeilage der Neuen OZ)

Osnabrück - Für den "Trauerratgeber" der Neuen Osnabrücker Zeitung durfte ich zwei exklusive Artikel schreiben - in Kürze darf ich die ungekürzten Originalversionen beider Texte auf meinem Blog anbieten, aber vorerst hat die NOZ "Erstzugriffsrecht". In der Zwischenzeit gibt es einen neuen Mini-Vortrag auf meinem Podast: Warum die Fähigkeit des Alleineseinkönnens so hilfreich ist für ein gelingendes Leben. 

Dass der verantwortliche Redakteur diesmal wieder vorsichtig anklopfte und fragte, ob ich mir denn vorstellen könnte, etwas für die Trauerbeilage zu schreiben, geht auf eine lange Verbundenheit zurück - für die ich sehr dankbar bin. 


Geschrieben habe ich dann einen exklusiven Text zum Thema "Wie lange darf Trauer dauern?" und einen zum Thema "Wie sich seelische Krisen aller Art bezähmen lassen". Wie es immer so ist in so einem Prozess, waren meine Originalfassungen der Texte doch etwas länger, als mir Platz zur Verfügung gestanden hätte. Umso mehr freue ich mich darüber, dass ich in die Originalversionen auf meinem Blog anbieten darf. Aber vorerst hat die NOZ "Erstzugriffsrecht". 

Zum Thema seelische Resilienz ist allerdings bereits ein Podcastvortrag erschienen, der als Ergänzung zu diesem Themenstrauß gedacht ist: Ein paar Gedanken über die Fähigkeit des Allleineseinkönnens - hier klicken um zur Podcastfolge zu kommen.

Demnächst also mehr. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde alles so vermeintlich "Merkwürdiges" tun und warum das nicht peinlich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Weil Trauernde nicht die Konzentration für lange Texte haben und weil es manchmal kurze Erläuterungen sein müssen 

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

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Montag, 7. Februar 2022

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 9 - Wenn sich die Geschwister nach dem Tod eines Kindes in eine magische Zauberwelt träumen oder in blanken Realismus flüchten - "In America" von Jim Sheridan ist ein Film über eine Familie, die einen Neustart wagt - Serie über "Die besten Trauerfilme", Tipps/Rezensionen

Osnabrück - Nach dem Tod eines Kindes einen kompletten Neustart wagen - das ist es, was eine junge Familie im Spielfilm "In America" des irischen Regisseurs Jim Sheridan versucht. Doch unterschätzen die beiden Eltern, wie sehr das Thema des Kindsverlusts sich auf das gesamte Familiensystem auswirkt. Auch wenn sich das im neuen Alltag anfangs noch gar nicht so sehr bemerkbar macht. Das Besondere an "In America" ist: Diese Geschichte ist nur in Teilen ausgedacht. Jim Sheridan hat das Drehbuch zusammen mit seinen Töchtern verfasst - und für die war es beinahe eine Art Tagebuchschreiben über ihre eigene Familie, wie sie im "Making Of" verraten. Die Flucht in ein neues Land und in ein neues Leben als Flucht nach vorne, raus aus der Trauer - kann das gelingen? Der Film transportiert hierzu viele Wahrheiten, aber er verklebt sie zuweilen unter einer etwas zu dicken Märchentapete, so dass man genau hinsehen muss.

Das hat damit zu tun, dass sich Regisseur und Autor Jim Sheridan dazu entschieden hat, seinen Film in der Betrachtungsform des "Magischen Realismus" anzulegen - einer Kunstrichtung, in der sich mystische Elemente mit realistischen vermischen. Sheridan lässt den größten Teil der Filmgeschichte nicht nur aus der Sicht der beiden jungen Töchter erzählen, von denen zumindest die fünfjährige Ariel noch mitten in ihrer magisch-verträumten Kindheitsphase ist, er verlagert auch einen Teil seiner Filmsequenzen in den Camcorder, den die elfjährige Christy überall mit hinnimmt. Der Film ist von 2002, also aus einer Zeit vor der Einführung der heute omnipräsenten Smartphones, so dass ein Camcorder damals die einzige Möglichkeit war, Videos aufzunehmen (für alle Millennnials zur Erklärung). Aus diesem Kontrast - der Zaubermagie einer kindlichen Fantasie und dem bildlichen Realismus eines selbst aufgenommenen Videofilms - schafft "In America" ein interessantes Spannungsverhältnis. Aber ist er auch ein Film, der uns etwas über das Erleben von Trauer erzählen kann? Kommt dieser Film der Lebenswirklichkeit von Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation nahe? Das sind die Grundfragen für meine Reise durch die Welt der Trauerfilme und für diese Artikelserie auf meinem Blog.

 

(Alle Fotos: Thomas Achenbach, Aushangfotos: 20th Century Fox)

Als Jim Sheridan diesen Film veröffentlichte, war er auf der Höhe seiner kreativen Schaffenskraft angekommen. Mit "Mein linker Fuß" und "Im Namen des Vaters" hatte er zwei irisch-amerikanische Meisterwerke geschaffen, die das Publikum auf der ganzen Welt in den Bann geschlagen hatten. Die Kritik lobte Sheridan für sein Gespür für sensible Inszenierungen, deren emotionale Kraft sich langsam entfalten kann. Da sollte "In America" dran anknüpfen, ohne sich mit Rührseligkeit und Tränendrüsigkeit an das Publikum ranzuwanzen. Diesem Anspruch wird der Film über weite Strecken auch gerecht. Sein größtes Potenzial sind dabei die beiden Kinderdarstellerinnen, die ihre Rollen mit einer solchen lebensfrohen Natürlichkeit und Frische verkörpern, dass alleine ihr Spiel das Angucken zum reinsten Vergnügen macht. Jim Sheridan verarbeitete in "In America" den Verlust seines Bruders Frankie, der mit 16 Jahren an einem Gehirntumor starb. Im Film wird daraus nun der kleine Sohn einer Familie, aber der Name blieb: Frankie. 

Keine gute Gegend für kleine Kinder

Ein heruntergekommener Mietblock mitten in einem abgerockten Viertel voller Alkoholiker und Drogensüchtiger - keine gute Gegend, um Kinder großzuziehen und doch der einzige Wohnort, den die junge Familie in New York finden kann. Denn nach dem Wegzug aus der Heimat Irland ist das Ehepaar Johnny und Sarah mit den beiden Kindern Christy und Ariel über Kanada illegal in die USA eingereist, wo sie ein neues Leben aufbauen wollen. Weil die Filmhandlung Mitte der 80er spielt, handelt es sich bei dem New York von damals noch um einen grundsätzlich gefährlichen Ort voller Kriminialität, Drogen und Gewalt, gefährlicher als heute. 



Johnny schlägt sich als Taxifahrer durch, weil es mit der Schauspielkarriere nicht klappen will, Sarah arbeitet in einem Eisladen als Kellnerin. Beide leiden noch immer unter dem Verlust des zweijährigen Sohns Frankie, der an einem Gehirntumor starb. In ihrem Haus wohnt der wütende, schwarze Maler Mateo, dessen Schreie oft durch den ganzen Hausblock dringen, direkt in der Wohnung unter ihnen. Und doch wagen es die beiden Kinder, an Halloween an seine Tür zu klopfen. Auf den Straßen durch die Gegend zu ziehen mit dem in den USA üblichen "Trick or Treat" ist in einem solchen Viertel eben nicht so ohne Weiteres möglich, also müssen die Wohnungen im Haus reichen. Der Mut der Kinder wird belohnt. Mateo bricht mit der selbstauferlegten Vereinsamung und wagt sich wieder aus seiner Wohnung. Zwischen dem Maler und der Familie entwickelt sich sogar eine Art von Freundschaft. Doch wie sich herausstellt, ist Mateo sterbenskrank - und sein Sterbensprozess ist auf fast magische Art und Weise verknüpft mit dem Wachsen des neuen Babys im Bauch der wieder schwanger gewordenen Sarah.

Magischer Realismus und ein wenig Zauberei

Weil der Film so konsequent aus der Perspektive der Kinder erzählt wird, sind seine zauberischen Anwandlungen, ist also der erwähnte magische Realismus, sein wesentliches Element - und Sheridan versteht es meisterhaft, Poesie und Pathos so geschickt auszubalancieren, dass eine Überkitschung über weite Strecken ausbleibt. Der Zuschauer staunt und lässt sich gern verzaubern. Mehr episodenhaft als linear erzählt, gleitet der Film durch ein ganzes Kalenderjahr, kaum merklich strebt er auf die Verdichtung aller seiner Erzählelemente zu. Doch als es soweit ist, zeigt sich: Der Verlust des Sohnes bzw. Bruders ist noch immer der Stachel, der ein irgendwie normales Weitermachen unmöglich macht.   Was der Film dabei gut herausarbeitet, ohne es zu seinem eigentlichen Thema zu machen, ist die systemische Auswirkung eines solchen Verlusts auf die ganze Familienkonstellation: 



Da ist die älteste Tochter, die sich für das emotionale Gleichgewicht der gesamten Familie verantwortlich fühlt, genau spürend, dass die Eltern dieses aktuell nicht mehr herstellen können. Da ist die junge Mutter, die sich irgendwann einfach auf die Treppe nach oben zur Wohnung sinken lässt und dort sitzenbleibt - wie der Zuschauer ahnt, aus einer seelisch-kräftezehrenden Erschöpfung heraus, die nicht allein durch die brütende Schwüle herbeigeführt wird. Da ist der Vater, der sich in die Verantwortlichkeit für die Familie flüchtet, in das Funktionierenmüssen und Daseinmüssen, und dem deswegen auch der fast übermenschliche Kraftakt  gelingt, in brutaler Tropenhitze eine gebrauchte Klimaanlage aufzutreiben und sie eigenständig das gesamte Treppenhaus hochzuwuchten. Und da ist die noch halb im Kleinkinddasein verfangene jüngste Tochter, die mit strahlend-lebensfrohen Augen die Welt um sich herum aufsaugt und alles spannend findet und deren Trauer sich nur in winzigen Augenblicken zeigt - wenn sie sich zum Beispiel vor der zunehmenden Verhärtung ihres Vaters erschreckt. "Du bist nicht mein Vater!" brüllt sie dann vor lauter Verzweiflung, "Du bist ein anderer Mann!". Jeder versucht seinen ganz eigenen Weg zu finden, ohne zu merken, dass das gesamte System sein Gleichgewicht verloren hat. Es wieder zu stabilisieren, geht nur zusammen. 

Ein etwas zu simples Ende, aber hollywoodtauglich

Ärgerlicherweise setzt der Film in seiner finalen Auflösung auf einen ebenso klischierten wie überholten Mythos: Dass das eigene Leben nur für denjenigen weitergehen könne, dem es gelingt, sich von seinen Toten gänzlich zu verabschieden, sie also "loszulassen". Das hätte Jim Sheridan eigentlich besser wissen müssen angesichts seines eigenen Verlusts - und es entspricht nicht der Lebensrealität von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise, ganz im Gegenteil, tatsächlich haben die meisten eher Angst vor der Endgültigkeit dieses Abschieds. Wie der Trauerforscher William Worden es so treffend formuliert hat, stellt uns der Prozess vor eine ganz andere Aufgabe: Den Verlust zuerst einmal zu begreifen und ihn dann ganz langsam, beinahe tröpfchenweise, in die eigene Lebensbiographie zu integrieren, ohne seine Schwere jemals zu verleugnen, darum geht es (einen Blogbeitrag über Wordens Modell der Traueraufgaben gibt es unter diesem Link). Und so wird "In America" am Ende doch noch das allzu simple Feel-Good-Kino, das auf Massentauglichkeit angelegt ist statt auf das exakte Durchdeklinieren von Trauerstadien. Ein hervorragend gemachter Film mit einer magisch-verzauberten Kindergrundierung bleibt das Werk dennoch, fällt aber im Kontext dieser Artikelserie über Trauerfilme ein wenig aus dem Rahmen. Werfen wir also, wie üblich, einen Blick auf das Fragen-Grundgerüst für diese Artikelserie: 




- 1.) Was sagt der Film darüber aus, wie Trauer ist - wie sie sich anfühlt? 

Was der Film tatsächlich recht realistisch darstellt - bei aller märchenhaften Überhöhung - : Wie wenig die Trauer der einzelnen Familienmitglieder im Alltag zur Sprache kommt oder eine Rolle zu spielen scheint. Obwohl jedes einzelne Familienmitglied im Inneren noch raumgreifend mit dem Verlust beschäftigt ist, versuchen sie alle, dies für die Anderen auszublenden. Bis das nicht mehr geht. 

- 2.) Ist der Film für Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation empfehlenswert? 

Nur bedingt, vermutlich eher nicht. Zwar spielt der Verlust eines Kindes eine wesentliche Rolle, aber der Film nimmt dies mehr als Aufhänger für eine Reihe weiterer Themen, die nicht unbedingt die gängigen Alltagsfragen berühren, mit denen sich Menschen in einer solchen Situation herumtragen. Die Flucht in ein neues Land, ein neues Leben mit all seinen Herausforderungen, das tägliche Überleben in einer schwierigen Umgebung, ökonomisch und gesellschaftlich und mit angeknackstem Familiensystem, das ist das zentrale Thema des Films. 

- 3.) Kann der Film seinem Publikum die Gefühle von Trauer und Verlust und allem, was dazugehört, nahebringen (vor allem Zuschauern, die nicht davon betroffen sind)? 

Ebenfalls nur bedingt, dazu bleiben sie zu sehr unter der Oberfläche und werden nicht genug ausdekliniert, zumal die konsequent kindliche Erzählerperspektive
eine zusätzliche Verfremdung darstellt. Es bedarf einer profunderen Kenntnis dieser Themen, um sie in diesen Verstecken in ihrer Tiefe entdecken zu können.



- 4.) Meine persönliche Lieblingsszene aus dem Film? 

Es gibt viel Schönes in diesem Film, das einen berühren kann, mich hat jedoch gleich die Anfangssequenz am meisten bewegt: In ihrer Anfahrt auf New York durchquert die Familie den Lincoln-Tunnel, der von New Jersey direkt nach Manhattan führt. Die Fahrt durch dieses Nadelöhr wird zugleich zur karthatischen Neugeburt der gesamten Familie - als sie am Ende des Tunnels in die Stadt einfahren, ist es für alle wie ein Befreiungsschlag. Für einen ganz kurzen Augenblick liegt alles Schwierige hinter ihnen und nichts als Hoffnung vor ihnen, Aufbruch, Neues, ein wahrgewordener Traum - dass sich dieser schon bald in einen entbehrungsreichen Alltag verwandeln wird, ist für diese wenigen Sekunden der Ekstase ganz egal. Und wieder zeigt sich, dass die simpelsten Bilder oft die intensivsten sind: Das Licht am Ende des Tunnels sehen zu können. Jim Sheridan versteht es meisterhaft, diesen sekundenfüllenden Glückstaumel spürbar zu machen. 

- 5.)  Welche ganz persönlichen Fragen werden durch den Film in einem angeregt? 

Wenn Du ganz neu anfangen wolltest, was würdest Du tun? Was würdest Du alles in Kauf nehmen dafür? Wie weit würdest Du sinken wollen (und können)? 
 
- Mein Fazit und meine Empfehlung: In einem märchenhaften Tonfall erzählt "In America" von einer Familie, die neu anfangen möchte und lernen muss, dass das Zurückgelassene ebenfalls dabeibleiben muss. Regisseur Jim Sheridan geht es mehr darum, in einem atmosphärischen Grundton des Zauberischen eine Geschichte über Heimat, Familie und Verluste zu erzählen als eine Studie über Trauer abzuliefern. Das Ergebnis ist ein Film, der einen verzaubern kann, wenn man sich drauf einlassen mag, auch wenn er am Ende eine leichte Kitschnähe nicht mehr länger verleugnen kann


--------------- Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme": ------------

- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine exakte Studie über das Trauern ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das oscar-prämierte US-Drama "Manchester By The Sea" alles über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählen kann- zur Folge 3 der Serie

- Der Tod zweier Söhne, ein Familiensystem und seine Geschichte - warum John Irvings "The Door In The Floor" ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama und wie eine Familie weiterzumachen versucht, eindrucksvoll, aber zurückhaltend gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5

- Ein poetischer Film über Japan, alternde deutsche Ehepaare und die ewige Nähe des Todes - Dorris Dörries "Kirschblüten Hanami" ist eine Wucht - Folge 6

- Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert und bemerkenswert realistisch eine Familie in Trauer abbildet - Folge 7 der Serie

- Ein kluger Film darüber, wie Trauer als latente Grundschwingung das Leben junger Menschen beeinflussen kann, "Dieses Sommergefühl"Folge 8 der Serie

- Als Familie nach dem Tod eines Kindes in der Ferne den Neustart wagen - was das mit Geschwistern und Eltern macht, erzählt "In America" - Folge 9 der Serie 

- Warum "Blaubeerblau" der perfekte Einsteiger-Film für alle ist, die sich an das Thema Hospiz noch nicht so richtig herangetraut haben - Folge 10 der Serie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Im Trauergeschichten-Podcast zum Hören: "Darf ich das - ist das normal?" - was sich Trauernde so alles fragen und was es darauf für Antworten gibt  

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

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Mittwoch, 19. Januar 2022

Es geht weiter mit meinem Podcast mit einem wichtigen Thema - und es gibt einen neuen Online-Vortrag zum Thema Männertrauer, zu dem ihr Euch anmelden könnt


Osnabrück - Es ist eine der Fragen, die viele Menschen beschäftigt, die in eine Trauer- und Verlustsituation geraten: Ist das eigentlich alles noch normal, was ich fühle und was ich so tue? Darf man sowas überhaupt? Genau das ist Thema eines angeregten und vielleicht auch anregenden Gesprächs zwischen meiner Trauerbegleiterkollegin Luise Rüter aus Hilter und mir, das jetzt in meinem Podcast zu hören ist. Und am 1. Februar gibt es einen neuen Onlinevortrag zum Thema Männertrauer.

Die Podcastepisode: Darf ich dasMit den Toten reden? Ihre Sachen anziehen? Das Zimmer eines gestorbenen Menschen umgestalten? (Frisch) Gestorbene Menschen erstmal zuhause behalten? Menschen, die in eine Trauer- oder Verlustsituation geraten, stehen oft vor zwei großen Fragen: Darf ich das? Und: Ist das noch normal? In meinem Podcast geht's genau darum - ein Gespräch mit meiner Trauerbegleiterkollegin Luise Rüter aus Hilter. Der direkte Link zu der Podcastfolge: https://bit.ly/3qG7Y55

Der Vortrag: Am 1. Februar um 19 Uhr darf ich einen Onlinevortrag zum Thema Männer und Trauer geben, den der Ambulante Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienst aus Lemförde organisieren wird. Hintergrund ist eine Aktionswoche des Dienstes, die Anfang Februar stattfindet und sich aus verschiedenen Bausteinen zusammensetzt, mein Vortrag ist einer davon. Eine Anmeldung bis zum 28. Januar ist nötig unter Telefon 05443 997093 oder info@hospiz-lemfoerde.de


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

Ebenfalls auf diesem Blog: Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn", warum hört man das so oft - eine ganz persönliche These dazu, was dahintersteckt

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie der Suizid der Mama das System einer Familie ins Wanken bringt, eindrucksvoll erzählt in einem sensiblen sehenswerten Film

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

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Sonntag, 9. Januar 2022

Die besten Filme über Trauer, Tod und Sterben, Folge 8 - Ein Todesfall, drei Sommer und einmal um die halbe Welt: Der Spielfilm "Das Sommergefühl" zeigt, wie junge Menschen den ganz plötzlichen Tod einer Freundin und Schwester erleben und wie die frisch verwaisten Eltern damit umgehen - Serie über "Die besten Trauerfilme", Tipps/Rezensionen

Osnabrück - Dass sich die Trauer um einen gestorbenen Menschen nicht immer als das alles beherrschende Gefühl bemerkbar machen muss, sondern mehr so als eine latente Grundschwingung, ist selten Thema in Spielfilmen. Kein Wunder - es ist ja auch für Filmemacher wie Schauspieler eine besondere Herausforderung, trotzdem sichtbar zu machen, was nur als Bodensatz in einem ist. Der französische Spielfilm "Dieses Sommergefühl" des Regisseurs Mikhaël Hers wagt das Experiment - und liefert ganz nebenbei noch eine Milieustudie über junge und global vernetzte Großstadtmenschen in einer mobilen Vor-Corona-Welt sowie wunderbare Bilder von Megastädten im Sommer mit all ihren Parks und Grünanlagen.

Berlin im Sommer. Rötlich-sommerlich ausgeleuchtete Abendidylle, das Leben findet draußen statt. Parks und Menschen. Die junge Frau läuft über eine Wiese und kippt einfach um. Nur wenige Tage später ist sie tot. Woran sie stirbt, das erfahren wir nicht. Wie wir überhaupt sehr wenig über diese Frau mit dem Namen Sasha erfahren, deren Tagesverlauf wir in den ersten zehn Minuten dieses Films wie in einem Zeitraffer miterlebt haben. Das ist sozusagen die Overtüre, auf die dann drei weitere Akte folgen - jeweils im Sommer, jeweils an einem anderen Ort der Welt, jeweils mit leicht wechselndem Ensemble. 



Das Bemerkenswerte daran ist, dass wir bis zum Zeitpunkt des Umkippens auf der Wiese kaum etwas Gesprochenes gehört haben - und auch später bleibt "Dieses Sommergefühl" ein Film, der zwar fein beobachtet und vieles einfängt, aber nicht alles an Innenleben seiner zahlreichen Charaktere en detail auserklärt. Es geht dem Filmemacher Mikhaël Hers erkennbar darum, situativ und schlaglichtartig eine Stimmung zu erfassen, ohne eine Studie daraus zu machen. Das macht den Film ungewöhnlich lebensnah und sorgt für eine gewisse Sogwirkung. 


Künstlerhaus Bethanien in Berlin - hier hatte die gestorbene Freundin und Schwester gearbeitet (alle Fotos: Rendezvous Filmverleih)

Was können uns Spielfilme über das Erleben von Trauer erzählen? Können wir etwas über das Leben lernen? Kommen sie der Lebenswirklichkeit von Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation nahe? Sind Sie für Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise geeignet, weil sie ihnen Verständnis oder Ermutigung anbieten können? Diese Fragen bilden sozusagen das Grundgerüst für meine Reise durch die Welt der Trauerfilme, die ich für diesen Blog unternehmen möchte. Im Fall von "Dieses Sommergefühl" sind all diese Fragen gar nicht so leicht zu beantworten. 

Die Tiefe der Trauer bleibt eine Ahnung

Da ist zum Beispiel die Mutter der Verstorbenen: Als es noch in Berlin darum geht, alles rund um die Trauerfeier für Sasha zu organisieren, ist sie wie der Rest der Familie scheinbar ganz unberührt, voll im Aktionsmodus. Beim gemeinsamen Essen mit dem Freund der Toten - Lawrence - wird auch mal gekichert und herumgealbert. Aber ein Jahr später, als wir die Familie in ihrer Villa am See im Alpenstädtchen Annecy erleben, hat sich in der Seelenwelt der Mutter dann doch etwas merklich verfinstert. Sie zieht sich zurück, sitzt wie versteinert auf ihrem Bett. Auch das erleben wir, wie fast alles in diesem Film, nur schlaglichtartig, es bleibt eine Skizze von vielen, wird nicht aus- oder weitererzählt. So wie ein flüchtiger Besucher dieser Familie kaum mitbekommen dürfte, dass die Erstarrtheit der Trauer sie durchaus noch lähmt, in ihrem Traumhaus am See, bleibt es auch für uns Filmzuschauer nur eine Ahnung. Wir spüren: Diesen Menschen ist ihre Fassade wichtig, das Weiterfunktionieren nach außen. 


Zoe in Annecy (Foto: Rendezvous-Filmverleih).

Da ist zum Beispiel Zoe, die Schwester der Gestorbenen. Sie ist in diesem Film als Symbolfigur zu verstehen, die die Unstetigkeit, aber auch die Unverbindlichkeiten eines jungen Erwachsenenlebens in den 2010er-Jahren verkörpert. Bindungen einzugehen, sich zu versprechen, das hat für diese Generation an Menschen keinen Charakter von Unumstößlichkeit mehr, sondern ist vielmehr ein Ausprobieren, dem das nächste folgt, wenn es nicht funktionieren sollte. Warum sie unter dem Tod ihrer Schwester gar nicht so stark leiden würde, wie sie das anstelle, wird sie einmal im Laufe des Films gefragt - darauf hat Zoe keine Antwort. Auch die Trennung vom Vater ihres Sohnes scheint sie nicht weiter zu schmerzen. Nur einmal, am See in Annecy, können wir erleben, dass sie von ihrer neuen Rolle als alleinerziehende Mutter auch genervt ist. Schwimmen gehen möchte sie jedenfalls lieber alleine, nicht mit ihrem etwa zehn Jahre alten Sohn.

Es liegt in der Luft - dann biegt das Leben wieder ab

Da ist zum Beispiel Lawrence, der feste Freund der Gestorbenen. Er leidet erkennbar am meisten unter ihrem Tod. In Berlin, kurz nach dem Ereignis; aber ein Jahr später, in Paris, fast noch mehr. Erst zwei Jahre danach, in New York, kann er wieder neue Albernheiten und neue Kontakte zulassen. Und eine neue Liasion. Zwischenzeitlich hat es so ausgesehen, als würde sich zwischen Lawrence und Zoe, der Schwester der Gestorbenen, etwas anbahnen können. Aber wie so vieles bleibt auch das eine Ahnung, es bleibt in der Schwebe - während sich das Leben in eine andere Richtung entwickelt.

 

Die dritte Großstadt: New York  (Foto: Rendezvous-Filmverleih).


Diese Unverbindlichkeiten, dieses Hineingegebensein in den Strom eines urbanen Lebens, das ist es, was "Dieses Sommergefühl" zu etwas Besonderem macht. So gesehen ist es weniger ein Film über Trauer an sich, als vielmehr einer darüber, wie sich die Puzzlestücke eines Lebens in unserer modernen Welt immer wieder neu zusammensetzen - und wie sich der Verlust eines Menschen in dieses Bild mit einfügen kann. Im Presseheft zum Film findet sich ein Zitat des Co-Drehbuch-Autors und Regisseurs Mikhaël Hers, das den Charakter des Films optimal beschreibt:  „Ich wollte die bewegte und rätselhafte Realität darstellen, die uns durch die Finger rennt: Diese Fetzen der Wirklichkeit, mit denen wir – auf komische oder traurige Weise – jederzeit konfrontiert sind. Die Fragmente der Realität, diese Bruchstücke von Leben, erreichen uns, ohne dass wir ihren Sinn erfassen können. Von ihnen bleiben nur ein paar Erinnerungen, ein paar Spuren."

Eine Generation, die so viel hat - das verunsichert

Was der Film eindringlich schildert, ist die tatsächliche Erlebenswelt von jungen Erwachsenen, so, wie ich es in Trauergruppen und bei Einzelbegleitungen ebenfalls geschildert bekommen habe: Dass sich die Widersprüchlichkeiten und die Komplexität des modernen Lebens eben auch (oder: vor allem) in seinen düsteren Momenten zeigen - und wie verunsichernd das einerseits sein kann, während man andererseits die Neugier auf das Neue und das Kommende nicht verliert, trotz allem, während man weiterhin mitschwimmt im Strom des Lebens. Eine Generation, die soviel kann, die soviel hat und die gerade dadurch verunsicherter ist als andere. Und die staunend erlebt: Das Leben kann ganz leicht sein, manchmal, punktuell, aber es verliert dabei niemals seine Melancholie. Wie passend, dass dieser Film nur im Sommer spielt, dass wir die Wintermonate nicht miterleben, dass wir die Figuren nicht in ihrer gesamten Entwicklung begleiten. Sommer und Tod. Leichtigkeit und Schwere. Lebenslust und Melancholie. Jugend und Altsein. Alles drin im rötlichen Schimmer der Sommerabendsonne. Das eben ist es - dieses Sommergefühl.

Mein Fazit: "Dieses Sommergefühl" ist vor allem ein Film über junge Menschen und ihr Verständnis von der Welt. Sein großer Vorteil ist es, dass er Trauer nicht zu seinem Hauptthema macht. Davon kann enttäuscht sein, wer eine starke Auseinandersetzung mit dem Thema erwartet hat, aber gerade diese vermeintliche "Abwesenheit" der Trauer macht geschickterweise umso deutlicher, dass sie eben gar nicht abwesend ist. Und mit diesem Widerspruch müssen sehr viele Menschen täglich leben



--------------- Alle Folgen aus der Serie "Die besten Trauerfilme": ------------

- Was uns das Teenager-Drama "Vielleicht lieber morgen" mit Emma Watson über Trauer, Trauma, Flashbacks und Trigger erzählt - zur Folge 1 der Serie

- Warum die australisch-französische Filmperle "The Tree" mit Charlotte Gainsbourg eine exakte Studie über das Trauern ist - zur Folge 2 der Serie

- Was uns das oscar-prämierte US-Drama "Manchester By The Sea" alles über Schuld und Familiensysteme in Trauer erzählen kann- zur Folge 3 der Serie

- Der Tod zweier Söhne, ein Familiensystem und seine Geschichte - warum John Irvings "The Door In The Floor" ein Fim übers Erzählen ist - Folge 4

- Der Suizid der Mama und wie eine Familie weiterzumachen versucht, eindrucksvoll, aber zurückhaltend gezeigt in "Der letzte schöne Tag" - Folge 5

- Ein poetischer Film über Japan, alternde deutsche Ehepaare und die ewige Nähe des Todes - Dorris Dörries "Kirschblüten Hanami" ist eine Wucht - Folge 6

- Warum der Spielfilm "Das Zimmer meines Sohnes" unbedingt sehenswert und bemerkenswert realistisch eine Familie in Trauer abbildet - Folge 7 der Serie

- Ein kluger Film darüber, wie Trauer als latente Grundschwingung das Leben junger Menschen beeinflussen kann, "Dieses Sommergefühl"Folge 8 der Serie

- Als Familie nach dem Tod eines Kindes in der Ferne den Neustart wagen - was das mit Geschwistern und Eltern macht, erzählt "In America" - Folge 9 der Serie 

- Warum "Blaubeerblau" der perfekte Einsteiger-Film für alle ist, die sich an das Thema Hospiz noch nicht so richtig herangetraut haben - Folge 10 der Serie

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Im Trauergeschichten-Podcast zum Hören: "Darf ich das - ist das normal?" - was sich Trauernde so alles fragen und was es darauf für Antworten gibt  

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

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Sonntag, 2. Januar 2022

Persönliche Fragen, persönliche Antworten - mailt mir Eure Fragen über Trauer oder über Trauer am Arbeitsplatz (auch ganz anonym), und auf meinem Podcast werden ich und meine Kolleginnen das dann beantworten...

(Foto: Thomas Achenbach)

Osnabrück - In den vergangenen Jahren habe ich hier auf diesem Blog vieles geschrieben. So vieles, dass ich das Gefühl habe, schon ganz viele Facetten zum Thema Trauer beleuchtet zu haben. Aber habe ich auch die Fragen beantworten können, die sich Menschen zum Thema Trauer stellen? Zum Thema Trauer allgemein - und zum Thema Trauer am Arbeitsplatz? Das finde ich schwer zu beurteilen. Und daher der herzliche Aufruf und Wunsch: Liebe Leserin, lieber Leser, stellt mir doch bitte Eure Fragen, schreibt mir außerdem, ob ich Euch namentlich nennen darf oder ob ihr anonym bleiben wollt (die Mailadresse ist post@thomasachenbach.de), und dann werde ich Euch gerne die Antworten dazu anbieten. 

Das soll dann vor allem auf meinem Podcast geschehen, den noch weiter auszubauen im neuen Jahr ein Herzenswunsch für mich ist. Hier auf diesem Blog sowie in meinen Social-Media-Kanälen werde ich dann jeweils auf die aktuellen Podcast-Folgen hinweisen bzw. deren Veröffentlichung ankündigen. Parallel werde ich in 2022 auf diesem Blog meine Serie über die besten Filme rund um die Themen Trauer, Tod und Sterben fortsetzen, von der bereits sieben Artikel erschienen sind. 

Hier noch einmal die Mailadresse für Eure Fragen: post@thomasachenbach.de

Ich freue mich auf den Kontakt und die Fragen und wünsche allen Lesern weiter einen guten Start in das ganz neue Jahr 2022.


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de


Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

Ebenfalls auf diesem Blog: So facettenreich und vielfältig kann Trauer sein - eine Liste von Themen, um besser zu verstehen, was da geschieht

Ebenfalls auf diesem Blog: Was bedeutet "Personen auf der Fahrbahn", warum hört man das so oft - eine ganz persönliche These dazu, was dahintersteckt

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie der Suizid der Mama das System einer Familie ins Wanken bringt, eindrucksvoll erzählt in einem sensiblen sehenswerten Film

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Trick mit der Selbstwirksamkeit - wie wir uns selbst gut in seelischen Krisen helfen können: psychologische Tipps

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich Trauernde förmlich zerrissen fühlen  - eine Einführung in das "Duale Prozessmodell der Trauer" und seine Fallstricke

Ebenfalls auf diesem Blog: Warum sich ein Suizid viel öfter verhindern ließe als wir das glauben und warum es so wichtig ist, immer wieder darüber zu reden

Ebenfalls auf diesem Blog: Tipps zum Umgang mit Trauernden und Trauer - was Menschen in einer Verlustkrise hilft, was man Trauernden sagen kann 

Ebenfalls auf diesem Blog: Was muss ich machen, wenn ich wegen Trauer krankgeschrieben werden möchte? Geht das überhaupt und wenn ja, wie denn?

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Dienstag, 16. November 2021

Mein dritter Mutmacherbrief an Trauernde: Ein paar Zeilen für Dich, falls Du Dich manchmal fragst, ob Du eigentlich verrückt geworden bist in Deiner Trauer - und ob Du noch richtig bei Verstand bist, weil Du komische Dinge tust...

Lieber mir unbekannter Mensch,

(oder vielleicht kennen wir uns auch schon persönlich, dann ist ja umso besser...): Hast Du Dich in jüngster Zeit immer mal wieder gefragt, ob Du noch richtig bei Verstand bist, weil Du in Deiner Trauer auf einmal Dinge tust, die Dir vorher mehr als merkwürdig vorgekommen wären? Also zum Beispiel sowas wie: Mit den Toten zu sprechen. Sich vorwiegend dort aufzuhalten, wo der gestorbene Mensch sich gerne aufgehalten hat. Die Nähe zu dem gestorbenen Menschen zu suchen, zum Beispiel am Grab oder an einem anderen markanten Ort. Die Gegenstände zu befühlen, die von dem gestorbenen Menschen geblieben sind. Sich von diesen Gegenständen, oder auch von der Kleidung des gestorbenen Menschen, einfach nicht trennen zu können. Sich zum Schlafen in das Bett des gestorbenen Menschen zu legen. Die Präsenz eines gestorbenen Menschen zu spüren, auch wenn Du vorher niemals an sowas geglaubt hättest. Manchmal das Gefühl zu haben, dass die Toten Dir irgendwie auf Deine Fragen antworten. Und, und, und... Ich könnte hier noch eine ganze Reihe von Beispielen auflisten, von denen mir Menschen während einer Trauerbegleitung erzählt haben. Aber darum geht es nicht. Der Punkt ist der: 

Menschen in einer Trauer- und Verlustsituation tun so etwas, tun ganz vieles, was sie sich niemals hätten vorstellen können. Und trotzdem tut es ihnen gut. Dir vielleicht auch? Klar, Du kommst Dir vielleicht komisch dabei vor, jedenfalls ein Teil von Dir, während ein anderer Teil von Dir sich wirklich gut dabei fühlt. Da entsteht vielleicht so eine Art Bruch in Dir drin? Naja, da siehst Du mal wieder, aus wievielen verschiedenen Facetten unser Innenleben zusammengesetzt sein kann. Durchaus auch aus Facetten, die so gar nicht zusammenzupassen scheinen. Das ist wie bei einem Puzzle mit ganz vielen Teilen: Das eine Teilchen ist ganz weit links oben, das andere ist ganz unten rechts, betrachtest Du die Teile einzeln, bleiben sie unverständlich, aber erst im Gesamtbild macht es Sinn, dass es beide Teile gibt. 

Ist Dir schon einmal aufgefallen, was die Menschen einen fragen, wenn man Dinge tut, die sie nicht verstehen? Sie fragen: Bist Du noch ganz bei Trost? Siehst Du, darauf gibt es eine ganz klare Antwort: Nein, Du bist nicht bei Trost. Du hast einen Menschen verloren und bist in Trauer - und wer in Trauer ist, der bleibt meistens ungetröstet. Oft und viel und ganz lange, immer ungetröstet. Daran lässt sich leider nichts ändern, das gehört dazu. Also bist Du nicht bei Trost und kannst es gar nicht sein. Also darfst Du auch Dinge tun, die scheinbar, aber auch wirklich nur scheinbar, merkwürdig sind. 

In meinen Vorträgen benutze ich gerne die Formulierung: Menschen in einer Verlustkrise sind innenraumgreifend von ihrer Trauer ausgefüllt. Ihre Trauer ist für sie das alles beherrschende Thema, da ist oft kein Raum mehr für irgendwas anderes. Das kann andere Menschen schnell mal nerven, aber es ist nun einmal so, auch daran lässt sich nichts ändern. Vielleicht hast Du selbst oft das Gefühl, auf der Stelle zu treten, das Gefühl, dass sich nichts tut, dass es scheinbar gar nicht weitergeht. Ich kann Dich nur dazu ermutigen, dass Du mit Dir selbst am geduldigsten sein darfst. Es ist Deine Krise! Nimm Dir die Zeit, die sie von Dir verlangt. Vielleicht wird Dir manchmal einfach alles zuviel. Selbst Kleinigkeiten können Dich dann kolossal überfordern. Die Spülmaschine müsste vielleicht mal ausgeräumt werden - darf einem für sowas die Kraft fehlen? Ist das noch normal?

Ja, ich glaube, das ist es, jedenfalls zu Beginn. Und immer mal wieder zwischendurch auch. Und vielleicht hast Du dann rasch ein schlechtes Gewissen, weil Du nicht so richtig "funktionierst". Weil es Dir vielleicht auch schwer fällt, Deine Arbeit zu tun. Ich möchte Dich gerne ermutigen: Du darfst jetzt wirklich egoistisch sein. Du darfst nur auf Dich selbst hören und auf Dich selbst aufpassen. Du darfst sehr feinfühlig auf Dein Innenleben achten. Ganz viele Menschen, die in einer seelischen Krise feststecken, können in ihrem Inneren durchaus erspüren, was ihnen jetzt gut täte und was nicht - sie trauen sich bloß nicht immer, das dann auch in die Tat umzusetzen. Aber nochmal: Das alles, was sich da jetzt gerade in Deinem Inneren tut, gehört zu Dir. Es sind Facetten Deines Lebens, Facetten Deiner Krise. Facetten Deines Seins. Es sind Puzzlestücke, die zum Gesamtbild dazugehören. Das ganze Bild zu sehen, fällt uns Menschen immer schwer, unser ganzes Leben lang  - aber es fällt uns umso schwerer, je tiefer wir gerade in einer Krise stecken. Da hocken wir mit einzelnen Puzzleteilen, auf die wir ständig starren müssen, weil sie so wichtig geworden sind, und haben gar keinen Blick mehr für die anderen Teile. Selbst wenn sie noch da sind. 

Das ist okay so, das darf so sein. Nach vielen Gesprächen, die ich mit Menschen in diesen Situationen geführt habe, glaube ich eines sagen zu dürfen: Je mehr wir uns trauen, unsere Krisengefühle wirklich ausleben zu können, desto besser es ist oft für uns. Also sprich mit Deinen Toten, wenn Dir danach ist. Viele Trauernde sprechen mit ihren Toten. Oder nutze die Gegenstände, die noch dageblieben sind, wenn Du das Gefühl hast, dass es Dir gut tut. Versuch einfach das zu machen, was Dir gut tut. 

Herzliche Grüße, Thomas.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung) und bietet Podcasts rund um das Thema Trauer an (bitte hier klicken). Thomas Achenbach ist der Autor der Bücher "Männer trauern anders - was ihnen hilft und gut tut", 168 Seiten, Patmos-Verlag und "Mitarbeiter in Ausnahmesituationen - Trauer, Pflege, Krise", 220 Seiten, Campus-Verlag. Mehr Infos auf www.thomasachenbach.de

Lesungen, Vorträge, Workshops, Seminare, Trauergruppen und mehr: Alle aktuellen Termine mit Thomas Achenbach finden sich unter diesem Link 

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Auf Youtube ansehen: Vortrag "Männer trauern anders" aus dem Forum St. Peter in Oldenburg (Nidersachsen) aus dem Juni 2021 - Link zum Video  

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer ein Kind verloren hat, sollte nicht arbeiten gehen müssen - was wir von einer britischen Rechtsprechung lernen können 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer und Schuldgefühle gehören zusammen - warum sich so viele Trauernde nach dem Tod eines Menschen schuldig fühlen

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde alles so vermeintlich "Merkwürdiges" tun und warum das nicht peinlich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie uns die Trauer vor Aufgaben stellt und was das für den Trauerprozess bedeuten kann - über die "Aufgaben der Trauer"

Ebenfalls auf diesem Blog: Entrümpeln, Ausmisten und Aufräumen nach dem Tod eines Menschen - was mache ich damit und warum ist das so hart?

Ebenfalls auf diesem Blog: Professionelle Gesprächsführung mit Menschen in einer Krise - was wir von der Spiegeltechnik fürs Leben lernen können

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauerbegleiter sollten stabil sein und sich mit ihren eigenen Schicksalsschlägen beschäftigt haben - warum Haltung so wichtig ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Wir sind auf dem Weg in eine Sterbegesellschaft - Zahlen, Fakten und Daten darüber, wir eine gute Trauerkultur brauchen werden  

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