Ein Tag zum Klagen also ist es. Wie tröstlich, dass es noch außerhalb der "trüben Tage im November" (Volkstrauertag und Totensonntag) eine weitere solche und der Tauer gewidmete Institution gibt, ja, sogar einen mitten im Frühling liegenden Gedenktag, mitten in der Zeit der wieder erwachenden Natur und der aufblühenden Blumen. Mag auch der Karfreitag von einer grundlegend christlichen Symbolik geprägt sein, kann es allen - auch nicht christlichen - Trauernden helfen, ihn als einen grundsätzlich für sie geeigneten Tag zu verstehen, der sich mit eigenen Ritualen füllen lässt. Rituale, die der Klage und der Trauer dienen können.
Die folgenden Rituale beispielsweise würden dem Autor dieser Zeilen spontan einfallen:
- Das bewusste Schaffen einer eigenen kleinen Trauerstätte, an der sich der Trauernde ganz seinen Gefühlen und Gedanken hingeben kann. Das kann im eigenen Garten geschehen, im Wohnzimmer, wo sonst noch Platz ist. Oder es kann eine Parkbank sein, die ab sofort als Trauerbank eine besondere Bedeutung bekommt und nur zu diesem Zweck aufgesucht wird. Als Trauer- und Klageplatz kann dieser Ort aufgesucht werden, wenn es nötig ist. Und darf auch wieder verlassen werden, wenn das wieder geht.
- Das Schreiben eines "Karfreitagsbriefes", eines Briefes also, der einmal ganz der Klage und der Trauer gewidmet ist. Ziel dieses Schreibens müsste sein, sich einmal die innerlich erlebten Klagen wirklich von der Seele zu schreiben. Ob der Brief später abgeschickt werden mag oder nicht, muss ja zu Beginn noch keine Rolle spielen (eine kurze Einleitung mit erklärenden Worten zur Funktion eines Klagebriefs wäre beim Verschicken sicher hilfreich).
- Der weltweit anerkannte Trauer-Experte Dr. Jorgos Canakakis übrigens hat eine ganz eigene Form der Klagerituale entwickelt, wie er einstmals der Zeitschrift "Leidfaden" im Interview erzählte (Ausgabe 3/2013): In einem griechischen Amphitheater lässt er seine Trauergruppen - Canakakis arbeitet fast ausschließlich mit Gruppen - selbst verfasste und bestimmten Normen folgende Gedichte vorführen. "Klage ist eine Form der nachhaltigen Bearbeitung von Verlusten", sagte Canakakis der Zeitschrift.
Und selbst wenn sich kein bestimmtes Ritual finden lässt oder die Muße dafür fehlt, ist es doch gut zu wissen, dass es Tage geben kann, die genau diesem Thema gewidmet sind: Der Klage über einen Verlust. Denn das ist etwas, das geäußert werden möchte und mitgeteilt werden möchte. Das ist menschlich. Also: Nur zu.
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