Dienstag, 17. April 2018

Meine Kraftquellen Kreativität, Gestaltung & Fotografie - Wie das Fotografieren mich lehrt, ein kleines Stück Zen-Buddhismus in meinen Alltag einbauen zu können - Meine April-Fotos für die Mitmachaktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer..." des Bundesverbands Trauerbegleitung

Was hier aussieht wie ein Insektenrüssel ist der innere Teil einer Christrose, dank Makro-Objektiv in extremer Nahaufnahme (Alle Fotos: Thomas Achenbach/analoges Leitz-Makro-Objektiv, digitale Canon-SLRX)

Osnabrück - Anfang April war es wieder einmal möglich. Die Morgensonne hatte sich noch nicht mit der Wucht des Tages aufladen können. Noch ganz erfüllt von der Zartheit des Vormittags fiel sie in den Garten unseres Hauses - jenen Garten, der immer das Herz- und Seelenprojekt meiner Mutter gewesen war und der auch jetzt noch, Jahre nach ihrem Tod, ein eindrucksvolles Zeugnis ihrer damaligen Aktivitäten ist. Jahr für Jahr aufs Neue. Auch an diesem Aprilvormittag. Ich war alleine daheim, ich musste nicht ins Büro, hatte keine Termine, ich hatte Zeit und Muße. Also: Die Fotoausrüstung geschnappt und ab in den Garten. Sich ein paar Minuten nehmen für die Fotografie, für die kreative Gestaltung von Bildern. Das ist eine der wichtigsten Kraftquellen im Leben für mich - und eine der wirkungsvollsten. Und damit ist dieses Hobby prädestiniert für meine inoffizielle Teilnahme an dieser offiziellen Fotoaktion - aus ganz vielen Gründen....!

Es beginnt im März mit dem Blühen der ersten Christrosen und Schneeglöckchen. Von diesem Augenblick an gibt es bis weit in den November hinein keinen einzigen Augenblick mehr, in dem in diesem Garten nicht irgendwo irgendeine Pflanze blüht. Ich fotografiere gerne und viel und bin bei der Auswahl des Ortes selten wählerisch - solange das Motiv stimmt. Aber unser Garten bei uns am Haus ist mir immer der liebste Ort für mein Lieblingshobby. Denn was hier blüht, ist nichts anderes als das immer noch lebende Erbe meiner bereits vor vielen Jahren an einer Krebskrankheit gestorbenen Mutter. Damals war ich gerade hier ausgezogen, inzwischen bewohne ich das Haus wieder mit meiner eigenen Familie. Und wenn ich mich auf Fotopirsch in den Garten begebe, bin ich gleichzeitig auf der Suche nach Symbolen für das, was bleibt, wenn jemand geht. Das ist eine ganze Menge, das ist die beruhigende Lehre, mit der ich jedes Mal wieder ins Haus zurückkehre. Wobei das Fotografieren gar nicht lange dauern muss, manchmal reichen wenige Minuten. Was man dabei lernt, ist noch etwas anderes - etwas Tiefgehendes.


Denn Fotografieren ist auch eine Wahrnehmungsschule für unsere Welt. Und diese Schule lehrt uns, so wie es der Zen-Buddhismus tut: Es gibt nichts als den gegenwärtigen Augenblick. Das ist die einzige wirkliche Realität, in der wir Menschen leben können. So schwer es auch ist, diesen Gedanken in seiner Tiefe im Alltag nachvollziehen zu können (denn sobald Du darüber nachdenkst, bist du ja schon wieder im nächsten Augenblick angekommt, also einem neuen....) - die Fotografie bringt einen direkt dorthin. Da gibt es nur die Konzentration auf das Motiv, das Erfassen der Welt mit allen Sinnen, anderen Sinnen, den Moment des Auslösens. Und gleich danach verändert sich wieder alles, das Licht rückt ein paar Millimeter weiter auf seiner Tagesreise, die Schatten sind anders gezogen, die Welt ist niemals gleich und immer neu, jeden neuen Atemzug lang. Das erleben zu dürfen und wertschätzen zu dürfen, entfernt einen wieder vom Tod und führt einen in die Magie des Jetzt. Wirklich wahr. "Alles ist ein Geschenk des Augenblicks", heißt es, und da ist was Wahres dran. Das wird einem sehr deutlich bewusst, wenn man - so wie ich - mit einem Makro-Objektiv ganz nah an die Pflanzen heranrückt. Wobei auch dieses Objektiv eine wichtige Rolle spielt in dem Ganzen.



Denn es handelt sich dabei um ein analoges Leica-Objektiv, das schon meine Mutter für ihre ganz eigenen Gartenfotos benutzt hatte. Als ich lange nach ihrem Tod vor der Frage stand, was ich mit der geerbten analogen Leica-Spiegelreflex-Ausrüstung machen sollte, die zu ihren Zeiten mit das Hochwertigste war, was es geben konnte, aber heute, in digitalen Zeiten, allerhöchstens für Liebhaber geeignet ist, hatte ich gerade damit begonnen, mich mit meiner neuen Canon-Spiegelreflex vertraut zu machen. Als ich dann erfuhr, dass es tatsächlich Adapterringe gibt, mit denen sich auch analoge Objektive auf digitale Gehäuse aufschrauben lassen, ergaben sich für mich ganz neue Möglichkeiten. Ich kann nun also die alten Leica-Objektive auf meiner neuen Canon-Kamera benutzen. Klar, es gibt ein paar technische Details zu beachten - man muss selber scharf stellen statt den Autofokus das übernehmen zu lassen, der Lichtweg durchs Objektiv verlängert sich durch den Adapter -, aber die Resultate erlebe ich oft als besonders gelungen. Weil Leica damals einfach eine Schärfe und eine technische Rafinesse in diese Objektive einbauen konnte wie kaum eine andere Firma auf der Welt. Das merkt man noch heute. Also auch das: Lebendes Erbe. Es kommt natürlich noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu. Etwas typisch Männliches, vielleicht. 


Denn zu fotografieren, das bedeutet immer auch, die Technik der Kamera zu beherrschen.
Okay, zugegeben, heutzutage sind die meisten Smartphones mit einer so bahnbrechenden Kameratechnik bestückt, dass es oftmals ausreichen kann, rasch ein Bild mit dem Handy zu machen. Aber erstens liebe ich das kreative Spiel mit Schärfe und Unschärfe, was eben nur im Makrobereich gut funktioniert und was Handykameras nur bedingt mitmachen können, weil sie immer um gleichmäßig verteilte Schärfe bemüht sind. Und zweitens ist eben etwas anderes, auch zu wissen, welche Einstellungen man an einer Kamera vornehmen sollte und welche nicht. Wann die Schärfentiefe besonders gut wird oder bei welcher Blendenzahl die Details in den Vordergrund rücken. Das hat viel mit einem Erleben von Selbstkompetenz und Selbstwirksamkeit zu tun - deswegen empfehle ich Fotografie auch gerne als geeignetes Hobby in Zeiten der Krise. Denn dann spüren zu können, dass es im Leben noch immer Bereiche gibt, die sich doch irgendwie kontrollieren lassen, kann hilfreich sein. Und überhaupt ist es schön, die Welt mal anders zu sehen. Neue Blickwinkel, neue Perspektiven. Auch, wenn's - zugegeben - den Rest der Familie zuweilen nerven kann.


"Ach, du immer mit Deinem Licht", sagt meine Frau gerne mal neckend zu mir, wenn ich eine besonders stimmungsvolle Lichtsituation in mich aufnehme oder sie drauf aufmerksam mache. Wobei, allen Neckereien zum Trotz, immerhin hat das inzwischen auch in ihr ein zartes Bewusstsein dafür geweckt. Denn manchmal sagt selbst meine Frau sowas wie: "Das ist jetzt etwas für meinen Mann, wie das Licht da gerade fällt." Und kurze Zeit später ist das Licht dann schon wieder anders. Auch das ist ja immer irgendwie gleichzeitig "Hoffnungsvoll und Seelenschwer". So wie diese Aktion hier. Denn der Bundesverband Trauerbegleitung (BVT) - in dem ich ebenfalls Mitglied bin - feiert seinen zehnten Geburtstag in Form einer kreativen Mitmachaktion, zu der noch bis zum Ende des Jahres alle, die Lust haben, zur Teilnahme aufgerufen sind. Auch ohne jeden Bezug zum Thema. Wobei es interessant sein kann, sich den BVT einmal näher anzugucken.


Gegründet mit dem Ziel, der Ausbildung zum Trauerbegleiter in Deutschland einen einheitlichen Lehrplan und ein einheitliches Zertifikat verschaffen zu können, versteht sich der Verband inzwischen als Sprachrohr und Interessenvertretung für alle Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise. Sie sind es auch, die sich zur Teilnahme an der Aktion eingeladen fühlen sollen (alle Infos gibt es unter diesem Link). Wer sich ganz kreativ beteiligen möchte, kann sogar versuchen, ganze 365 Beiträge beizusteuern. Also für jeden Tag eines Kalenderjahres einen. Der Kreativität und der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, allein das Oberthema der Aktion gilt es zu beachten:



Nämlich die Fragestellung: Was sind Kraftquellen, Stolpersteine, was trägt mich in meiner Achtsamkeit, was ist hilfreich für meine Selbstfürsorge? Was bringt Wut in den Bauch, was streichelt meine Seele? Was lässt mich stolpern und wobei schöpfe ich Kraft? Es geht darum, Gefühle und Ressourcen sichtbar zu machen. In Wort, Bild oder anderen kreativen Ausdrucksformen. Die Idee ist es, aus allen Einsendungen eine bundesweite Wanderausstellung zu schaffen. Gleichermaßen soll die Aktion dazu dienen, wieder fokussierter und konzentrierter durchs Leben gehen zu können. Denn dass sich auf den Smartphones die schnell gemachten Fotos häufen, diese aber kaum mehr wahrgenommen werden, ist ein Phänomen unserer Zeit. 


So sieht der Baum, der mir die gelben Blütendetails möglich gemacht hat, übrigens in seiner "normalen Optik" aus.  (Achenbach-Foto)

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Alle Infos zur Aktion "Hoffnungsvoll und Seelenschwer" gibt es auf der BVT-Website....

Erster Beitrag zur Fotoaktion (Januar): Warum auch meine alten ausgelatschten Chucks eine Kraftquelle für mich sind

Zweiter Beitrag zur Fotoaktion (Februar): Kraftquelle Waldeswillen - wie sich ein alter und gestürzter Baum einfach nicht unterkriegen lässt und warum das so gut tut

Dritter Beitrag zur Fotoaktion (März): Kraftquelle Kulturerlebnisse - wie sich mein Leben mit allen Tiefern und Höhen auch in Eintrittskarten abbilden lässt

Vierter Beitrag zur Fotoaktion (April): Kraftquellen Fotografie, Kreativität & Gestaltung: Wie das Fotografieren mir den Zen-Buddhismus näherbringt

Fünfter Beitrag zur Fotoaktion (Mai): Warum blühende Kastanien für mich zu einem Symbol dafür geworden sind, dass sich Krisen auch überstehen lassen

Sechster Beitrag zur Fotoaktion (Juni): Die alte Teekanne meiner Oma als ein Symbol für die Beständigkeit von Geteiltem im Leben - und für erlebtes Leiden

Siebter Beitrag zur Fotoaktion (Juli): Kindheit, die erste Heimat auf dieser Welt - so voller Mysterien und doch so zerbrechlich - von der Wirkmacht der ersten Jahre

Achter Beitrag zur Fotoaktion (August): Eintauchen in andere Welten durch Rock-LPs und ihre Plattencover - wie mir die Vermischung zweier Künste durch die Zeit half

Neunter Beitrag zur Fotoaktion (September): Standfest, sicher und ausgesetzt - warum die Bäume auf einem Osnabrücker Berg einen so hohen Symbolwert haben 

Zehnter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die erste): Warum eine fundierte Ausbildung für einen Trauerbegleiter so wichtig ist und warum in meiner Schlümpfe eine Rolle spielen

Elfter Beitrag zur Fotoaktion (Herbst, die zweite): Ein ganzes Leben unter bunten Buchdeckeln - Warum Blanko-Notizbücher eine Kraftquelle sein können

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Der Autor dieser Zeilen 
bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Die merkwürdige Beständigkeit der Dinge - warum das Wegwerfen von Sachen für Menschen in einer Trauerkrise erstmal nicht möglich ist

Ebenfalls auf diesem Blog: Eine der schwierigsten Aufgaben in einem Trauerprozess - überhaupt begreifen zu können, was da geschehen ist - was das so schwer macht

Ebenfalls auf diesem Blog: Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt Trauer als etwas Normales anzuerkennen

Ebenfalls auf diesem Blog: Wer Öffentlichkeit will, muss sie selbst herstellen - Praxis-Tipps für gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Hospiz-, Trauer & Palliativinitiativen


Ebenfalls auf diesem Blog: Wenn Töne und Texte die Seele ins Schwingen bringen, Teil #01: Serie über Trauer und Musik - die besten Songs und Alben über Trauer und Tod 

Und im Kultur-Blog des Autors: Was "Babylon Berlin" wirklich zu einer ganz besonderen Serie macht - und das ist nicht alleine Bryan Ferry von Roxy Music





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